Part 10
Da endlich kam der Geängsteten ein glücklicher Gedanke. Er sollte auch sogleich ausgeführt werden. Sie holte alsbald Weidenruthen herbei. Schon nach wenig Stunden war ein Körbchen geflochten. Darauf klebte sie es mit Pech aus. Jetzt füllte sie es zur Hälfte mit Stroh. Und so stand die seltsame Wiege bald fix und fertig da.
In dieses Körbchen legte nun die Mutter ihren Liebling. In aller Frühe des nächsten Tages erblickte man es zwischen dem hohen Grase des Nils. Gerade an dieser Stelle kam ja selten ein Aegypter vorbei. Nur die menschenfreundliche Königstochter nahm gewöhnlich ihren Spaziergang in diese Gegend. Ueberdies mußte auch die Schwester des Knaben unausgesetzt Wache halten. Sie mußte fortwährend nach dem Kleinen sehen. Auch sollte sie zuweilen der Mutter über sein Befinden berichten. Ueberdies sah die Mutter gewiß selbst manchmal nach ihm.
Hier nun wurde das Kind wenige Stunden darauf von der Königstochter entdeckt. Diese besann sich ob ihres Thuns keinen Augenblick. Das Kind wurde sofort einer Amme zur Erziehung übergeben. Die Amme war bekanntlich des Kindes eigene Mutter.
Zehnmal hätte diese der edlen Prinzessin vor Freuden die Hand küssen mögen. Unzählige Male mag die glückliche Mutter dem lieben Gott für die Rettung ihres Kindes gedankt haben.
Nach einer Reihe von Jahren nahm die Prinzessin den nun zum Jünglinge erwachsenen Findling als ihren Sohn an. Von jetzt an führte er den Namen Moses.
Moses bewahrte seinem Volke stets ein theilnehmendes Herz. Er besuchte es fast täglich bei seiner Sklavenarbeit. Leider wurde er eines Tages aus Liebe zu seinen Brüdern zum Todtschläger. Er hätte sein Gewissen vor der That fragen sollen. Es räth jederzeit das Rechte.
Moses mochte wol von Jugend an etwas jähzornig sein. In der Wüste dachte er später gewiß zuweilen an seine That zurück. Sicher hat er sie hundertmal bereut.
Hauptwiederholung.
125. Jäger und Müller.
(Subject, Prädicat, Ortsbestimmung. Ergänzungen.)
Der braune Hund des herrschaftlichen Jägers hatte den ersten Dienstag nach dem heiligen Osterfeste auf dem grünen Gemeindeanger des kleinen Dorfes K. dem reichen Müller der neugebauten Mühle eine fette Henne aus dem theuern Geschlechte der Perserhühner erbissen.
Die nächste Mittwoch darauf erschlug der rachsüchtige Müller dem unschuldigen Jäger unweit des alten Gottesackers hinter dem niedrigen Kirchlein eine junge Gans mit schwarzen Flügeln.
Zudem nannte der jähzornige Mühlenbesitzer den braven Herrn jenes Hundes denselben Tag noch in dem vielbesuchten Gasthause zum braunen Stier einen elenden Pfuscher des edlen Waidwerkes.
Wenige Tage darauf überreichte ein uniformirter Diener des nächsten Gerichtsamtes dem schnöden Beschimpfer eines achtbaren Mannes vor dem eisernen Thore seines geräumigen Gehöftes eine versiegelte Vorladung zum baldigen Erscheinen vor Gericht.
Der beleidigte Forstmann hatte nämlich drei Tage nach jener Verunglimpfung geeigneten Ortes den ernannten Wächtern des schützenden Gesetzes die entehrende Auslassung des hitzköpfigen Müllers angezeigt.
Drei ehrsame Gäste jenes bekannten Gasthauses versicherten zur betreffenden Stunde im öffentlichen Gerichtslokale die anwesenden Richter der reinen Wahrheit der schriftlichen Aussage des beleidigten Jägers.
Eine Stunde später verkündete der beleibte Vorsitzende des Gerichts dem ergrimmten Angeklagten in einem besonderen Zimmer des kolossalen Gerichtshauses die gesetzliche Verurtheilung zur mündlichen Abbitte der ausgesprochenen Beleidigung.
Von dieser Zeit an erklärte sich der bestrafte Müller allerorts als einen unversöhnlichen Feind des Jägers.
Dieser indeß ließ jenem niemals irgendwo etwas von Erbitterung merken.
Der Umstand der Weise.
126. Mißgeschick.
(Umstandswörter, Hauptwörter mit und ohne Verhältnißwörter.)
Konrad war +unter vielen Entbehrungen+ herangewachsen. Er hatte sein Brod +mit Thränen+ essen müssen. Trotzdem sah man ihn immer +zufriedenen Sinnes+.
Seine Eltern waren +höchst+ brave Leute. Im Schweiße ihres Angesichts aßen sie ihr Brod. Sie arbeiteten fleißig. Sie sparten auch nach Kräften. Vergeblich doch strebten sie nach Verbesserung ihrer bedrängten Lage. Sie vermochten bei allem Entsagen keinen Vorsprung zu gewinnen. Und warum das? Weil die Lebensmittel unerhört im Preise stiegen. Ebenso gingen die Preise aller anderen Lebensbedürfnisse in die Höhe. Fast kein Quartal ging ohne Steigerung des Miethzinses vorüber.
Konrad stand seinem Vater in der Arbeit treulich zur Seite. Er wollte sein täglich Brod nicht umsonst essen. Und so war es auch recht. Gerade so sollten alle ärmeren Kinder thun.
Konrad’s Vater war ein außerordentlich kräftiger Mann. Noch nie hatte er sich krank gefühlt. Er lebte deshalb in Hoffnung auf ein hohes Alter. Der liebe Gott indeß wollte es anders.
Mit neugestärkten Kräften ging der rüstige Mann eines Morgens in den Wald. Wie ein Riese schritt er unter den Tannen dahin. Frohen Muthes setzte er bald darauf einem mächtigen Baume die Axt an die Wurzel. Lustig hallten die kräftigen Axtschläge den Wald entlang.
Mehrere Stunden mochte der Brave bereits angestrengt gearbeitet haben. Da überkam ihn urplötzlich ein eigenthümlicher Schwindel. Er legte schleunigst die Axt aus der Hand. Einige Minuten suchte er sich nach Kräften noch zu halten. Darauf aber schwand ihm allmälig die Besinnung. Er stürzte unter einem tiefen Seufzer zu Boden. Nach einer Viertelstunde lag er als Leiche da.
Aufs tiefste erschüttert trugen ihn die andern Waldarbeiter heim. Konrad vermochte das Unglück augenblicklich kaum zu fassen. Stieren Blickes blieb er eine geraume Zeit vor der Leiche stehen. Dann aber warf er sich mit einem Aufschrei der Verzweiflung über sie hin. Unter heißen Thränen küßte er die kalten Lippen. Nur mit Mühe vermochte man ihn von dem geliebten Todten zu entfernen.
Verhältnißmäßig gefaßter zeigte sich Konrad am Begräbnißtage. Ohne lautes Wehklagen folgte er dem Sarge. In stiller Ergebung blickte er in das offene Grab hinab. Festen Glaubens schaute er dann zum Himmel empor. Nach frommer Weise betete er schließlich für den Geschiedenen ein stilles Vaterunser.
So war jetzt Konrad unerwartet vaterlos geworden. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel hatte ihn das Geschick ereilt. Aber er verlor nicht kleinmüthig die Hoffnung. Mit Gott auf eigenen Füßen! Also lautete von jetzt an sein Wahlspruch. Und Gott der Herr führte ihn wohl.
127. Ein Stier.
(Desgleichen.)
Ein unlängst gefangener Stier tobte gewaltig innerhalb seiner vier Pfähle. Funkelnden Auges maß er den engen Raum seines Gefängnisses. Unter wildem Grunzen rannte er darin umher. Plötzlich stand er einige Minuten still. Gleich darauf stürzte er mit wüthendem Gebrüll über seinen Freßtrog her. Derselbe wurde ohne Gnade zertrümmert. Jetzt wühlte das Unthier mit seinen Hörnern wie verzweifelt den Boden auf. Dabei warf es die Erde hoch empor. Sogar Steine flogen sausend durch die Luft. Noch aber war damit seine Wuth nicht im mindesten gekühlt. Gesenkten Kopfes rannte es hierauf wieder gegen die eiserne Umzäunung. Unter Gekrach prallte die dicke Stirn an die festen Stäbe. Die Bestie schien allen Ernstes die Gitter durchbrechen zu wollen. Die Versuche liefen allerdings nicht ohne einige Verwundungen für dasselbe ab.
Auf das furchtbare Gebrüll hin eilten die Wärter des Thiergartens schleunigst herbei. Sie wollten anfänglich den Unhold in Güte besänftigen. Aber sie bemühten sich umsonst. So leichten Spieles sollten sie nicht zum Ziele gelangen.
Endlich schritten die kräftigen Männer mit Knütteln ein. Ohne Schonung schlugen sie auf das Thier los. Wie Hagelwetter fielen die Hiebe auf dasselbe nieder.
Nur auf diese Weise brachte man den Rasenden zur Besinnung. Dumpf grollend zog er sich schließlich in seinen Stall zurück.
Hauptwiederholung.
128. Schulprüfung.
(Subject, Prädicat, Zeit, Ort, Art und Weise, Ergänzungen.)
Morgens acht Uhr widmete der hochbejahrte Director des städtischen Waisenhauses von seinem schwarzen Pulte aus mit aller Innigkeit seines weichen Herzens den anwesenden Geistlichen der protestantischen Kirche eine ehrfurchtsvolle Begrüßung.
Der älteste unter den anwesenden Seelsorgern erwiderte gleich darauf von seinem Platze aus in schlichter Rede dem braven Oberhaupte dieser bewährten Wohlthätigkeitsanstalt einen herzlichen Gegengruß.
Nach der erbaulichen Religionsstunde rechnete der dreizehnjährige Oberste der munteren Knabenschaar an der großen Wandtafel seinen aufmerksamen Mitschülern nach den einfachsten Regeln der Rechnenkunst ein schwieriges Exempel aus der zusammengesetzten Zinsrechnung vor.
Hierauf trug der jüngste Schüler der obersten Klasse den fremden Anwesenden vom niederen Trittbrete des schmalen Katheders herab in gelungenster Weise das lange Gedicht vom braven Manne vor.
Während dieses ganz vorzüglichen Vortrags warf der später eingetretene Bürgermeister der betreffenden Stadt von seinem entfernten Sitze aus dem wohlgeübten Declamator mit sichtlicher Freude wohlwollende Beifallsblicke zu.
Später entwickelten mehrere Knaben der ersten Abtheilung unter der geschickten Leitung eines gewandten Lehrers an der prachtvoll colorirten Wandkarte des neuen deutschen Reiches der strengen Prüfungscommission ihre bedeutenden Kenntnisse in der vaterländischen Geographie.
Gegen zehn Uhr zeigte ein dritter Lehrer des wohlgeleiteten Waisenhauses in einer kleinen Nebenstube unter einigen erläuternden Bemerkungen den erwachsenen Zeugen der öffentlichen Prüfung die von den verschiedenen Zöglingen der Anstalt gefertigten Papparbeiten.
Indessen folgten sämmtliche Zöglinge geräuschlos ihrem geschickten Turnlehrer als militärisch geordnete Reihen auf den geräumigen Turnplatz hinter dem wohlgepflegten Blumengarten des verdienstvollen Directors.
Hier zeigte binnen einer Stunde ein jeder den zahlreichen Zuschauern nach Kräften seine besondere Geschicklichkeit in der nützlichen Kunst des Turnens.
Schließlich machte der helle Klang der lieben Mittagsglocke vom nahen Thurme herab der munteren Arbeit plötzlich ein Ende.
Mit Schluß der gegenwärtigen Turnprüfung sprach der würdige Oberpfarrer der schöngelegenen Stadt gleich auf dem freien Platze neben den verschiedenen Turngeräthen ohne allen Rückhalt den fleißigen Schülern der wackeren Anstalt seine volle Zufriedenheit mit ihren heutigen Leistungen aus.
Der Umstand des Grundes.
129. Unverstand.
(Ursache oder Sachgrund. Durch Verhältnißwörter.)
Auf dem Tische stand eine brennende Petroleumlampe. Das Oel darin war +durch die Flamme+ warm geworden. Der Cylinder glühte +vor Hitze+. Da kam von ungefähr der zehnjährige Karl an den Tisch. Aus purem Unverstande blies er in die Flamme hinein. Durch den Luftdruck aber schlug dieselbe in den Ballon. Vermöge der plötzlichen Glut zersprang dieser.
Karl prallte vor Schreck zurück. Infolge des Knalles sprang sein Vater herbei. Glücklicherweise löschte er das Feuer sogleich durch Ueberschütten mit Asche.
Der unvorsichtige Knabe hätte von Rechtswegen tüchtige Strafe verdient. Auf sein inständiges Bitten aber erließ sie ihm der Vater. Wegen des gehabten Schreckens wurde Karl indeß noch denselben Tag ernstlich krank.
130. Lohn der Wißbegier.
(Beweggrund.)
Der junge Bauer Ehrenreich kaufte sich +aus Wißbegierde+ ein Buch nach dem andern. +Um der Bereicherung seiner Kenntnisse willen+ las er oft bis in die Nacht hinein. Wegen eines neuen Werkes konnte er bei dem schlechtesten Wetter den Weg in die ferne Stadt unternehmen. Seines Lerndranges halber legte er sich auch naturhistorische Sammlungen an. Später unternahm er sogar seiner Ausbildung halber größere Reisen.
Um seiner Kenntnisse willen ehrte man ihn daher auch in seinem Dorfe allgemein. Man zog aus Achtung die Mütze vor ihm ab. Seiner reichen Erfahrungen wegen betraute man ihn später mit verschiedenen Aemtern. Seines klaren Urtheils halber wählte man ihn endlich sogar zum Schulzen des Ortes. Kraft ihrer inneren Ueberzeugung hielten die Ortsbewohner ihn allein für geeignet dazu.
Und Ehrenreich füllte um der Wohlfahrt seines Vaterdorfes willen seine Stellung würdig aus. Nie handelte er aus Eigennutz. Nie stiftete er Gutes blos der Ehre halber.
131. Der tolle Hund.
(Erkenntnißgrund.)
Ein Jäger sah einen Hund am Raine kauern. In dem +Gebaren des Thieres+ lag etwas Verdächtiges. Dem +Aussehen nach+ mußte er krank sein.
Der Jäger trat ihm näher. An dem geifernden Maule des Thieres erkannte er jetzt dessen Tollwuth. Besonders deutlich sprach diese schreckliche Krankheit aus den triefenden Augen. Der Gleichgiltigkeit des Thieres wegen schloß der Jäger allerdings auf sein baldiges Ende. Aus seinem jämmerlichen Winseln ließ sich die Größe seiner Schmerzen ermessen. An seinen kläglichen Blicken hätte man fast das Verlangen nach Erlösung erkennen mögen.
Zufolge dieser Erscheinung hielt der Jäger das Thier für nicht mehr gefährlich. Einige Sekunden darauf machte er durch eine Kugel den Leiden desselben ein Ende. Den jetzt sichtbar werdenden Zähnen nach mußte das Thier noch jung sein. Laut der Inschrift des Halsbandes gehörte es dem Arzte des nächsten Dorfes.
132. Jahrmarktsgeschenke.
(Zweck und Stoff.)
Eine Mutter brachte +für ihre Kinder+ allerhand Geschenke vom Jahrmarkte mit. Paul bekam eine Windmühle zum Spielen. Ewald erhielt ein Kästchen für seine Schiefer. Leopold schenkte die Mutter ein Sprungseil zum Turnen. Elise übergab sie ein Körbchen zu ihren Stickereien.
Mit dem Ankaufe dieser Geschenke hatte die Mutter für die armen Blinden ein gutes Werk gethan. Alle diese Sächelchen nämlich waren im Blindeninstitute gefertigt.
Die Windmühle war aus Pappe zusammengeleimt. Das Kästchen hatte einer jener blinden Knaben aus Draht geflochten. Das Sprungseil war aus Hanf geflochten. Das Körbchen mußte aus Lindenholz geschnitzt sein.
Die vier Geschwister dankten der guten Mutter aufs herzlichste für die hübschen Sächelchen.
133. Heuchler.
(Wiederholung. Ursache. Beweggrund. Erkenntnißgrund. Zweck. Stoff.)
Heuchler erkennt man an ihren Mienen. Sie spielen die Frommen aus schlauem Eigennutze. Sie leben blos für den Schein. Durch dieses Wesen aber verlieren sie alle Achtung. Man flieht sie um ihrer Falschheit willen.
Ein Heuchler ist ja nur aus Lug zusammengesetzt. All sein Handeln ist auf Täuschung berechnet. Er lebt für trügliches Blendwerk.
134. Der Wagehals.
(Desgleichen.)
Richard ging zu seinem Vergnügen an einem mit Eis bedeckten Teiche hin. Der geringen Kälte halber war das Eis noch nicht stark. Richard vermochte sich vor dem Verlangen nach einem Wagestückchen nicht zu halten. Aus reinem Uebermuthe betrat er die schwache Eisdecke. Infolge der Last des Knaben brach leider diese sofort zusammen.
Auf das Geschrei des Verunglückten eilte ein fremder Mann herbei. Seiner Kleidung nach schien er ein Fleischer zu sein. Er hatte aus den verzweifelten Tönen sogleich die lebensgefährliche Lage des Knaben erkannt. Und er schreckte nicht aus Furcht vor dem Rettungswerke zurück.
Aus Mitleid mit dem Armen springt er ohne Zögern in den Teich. Schon in der nächsten Minute ist Richard durch den edlen Muth des Fremden gerettet. Vor Schreck ist der Knabe leichenblaß geworden. Seine Glieder zittern vor Frost. Dieses bedenklichen Zustandes wegen führt ihn sein Retter schleunigst nach Hause.
Die Mutter erkennt an den triefenden Kleidern des Knaben sofort den traurigen Vorfall. Sie läßt aus Vorsicht den Arzt rufen. Dieser aber schließt aus dem Pulsschlage des Kindes auf keine bedenklichen Folgen. Nach seinem Urtheile ist das Bette die beste Medicin für den noch Zitternden. Es soll vor allen Dingen zu dessen Erwärmung dienen.
Richard’s Vater wollte den fremden Mann für seine edle That belohnen. Dieser aber wünschte um seines Liebesdienstes willen durchaus nicht belohnt zu sein. Aus reiner Uneigennützigkeit nannte er nicht einmal seinen Namen. Sein ganzes Wesen bestand aus echtem Christensinn.
Hauptwiederholung.
135. Ein Bombardement.
[Subject. Prädicat. Zeit. Ort. Weise. Grund (Zweck). Ergänzungen.]
Der tapfere Commandant von zwölf gezogenen Batterien sendete auf erhaltenen Befehl des berühmten Feldmarschalls M. bereits seit vierundzwanzig langen Stunden ohne die geringste Unterbrechung von einer bewaldeten Anhöhe aus der starkbefestigten Stadt R. seine wohlgezielten Vollgeschosse.
Ebenso lange überschüttete die hartbedrängte Besatzung der belagerten Feste zum Schutze des gefährdeten Bollwerks mit seltenem Muthe von ihren wohlgeschützten Wällen herab die eisernen Linien des überlegenen Feindes mit verheerenden Sprengkugeln.
Viele der in Todesgefahr schwebenden Einwohner entflohen aus Furcht vor einem blutigen Sturme ängstlich klopfenden Herzens durch einen verdeckten Gang der hinteren Stadtmauer der weiten Stätte furchtbaren Grauens.
Die beherzteren Charaktere dagegen boten zur Unterstützung ihrer kämpfenden Brüder selbst während der heftigsten Kanonade in den am meisten bedrohten Stadttheilen mit wahrer Todesverachtung allen Gefahren männlichen Trutz.
Mit aller Inbrunst ihrer zitternden Herzen flehte in einer unterirdischen Kapelle des bereits stark beschädigten Domes eine große Anzahl frommer Frauen der inneren Stadt wiederholt den allmächtigen Herrn des Himmels um seinen gnädigen Beistand zur endlichen Zurückwerfung des mächtigen Feindes.
Einige Hundert der wackeren Vertheidiger der geängstigten Stadt waren bereits bis gegen Mittag auf den äußersten Forts für die Rettung der Stadt in treuer Erfüllung ihrer heiligen Soldatenpflicht den feindlichen Kugeln zum Opfer gefallen.
Inmitten der schreckenreichen Nacht entzündeten im innern Theile der Stadt zum Entsetzen der armen Einwohner die sprühenden Brandgeschosse des ungestümen Belagerungsheeres unbarmherzig den ziemlich erschöpften Gegnern eins der stärksten Pulvermagazine.
Die furchtbare Explosion richtete infolge des ungeheuren Luftdrucks in der kurzen Zeit von wenig Minuten an jener Stelle unter entsetzlichem Gekrache den vielen Umwohnenden sehr bedeutenden Schaden an.
Zur Beendung des mörderischen Kampfes befahl der feindliche General den nächsten Morgen gegen fünf Uhr von seinem hochgelegenen Beobachtungspunkte aus mittelst weithin schallender Trompetensignale seinen wohlgeübten Fußtruppen zu stürmen.
Schon nach einer Viertelstunde verzweifelter Gegenwehr ließ der bejahrte Festungscommandant tieferschütterten Herzens von dem hohen Thurme des alten Rathhauses herab dem Feinde zum Zeichen der Ergebung die weiße Fahne entgegenwehen.
136. Zu Weihnachten.
[Desgleichen. -- Subject, Prädicat, Zeit, Ort, Weise, Grund (Zweck), Ergänzung, Stoff.]
Die wohlerzogenen Kinder eines reichen Kaufmanns der großen Residenz schenkten einander zur gegenseitigen Ueberraschung auf wahrhaft herzliche Weise zum jedesmaligen heiligen Weihnachtsabende im Angesicht des festlich geschmückten Christbaums allerhand selbstgefertigte Sächelchen aus verschiedenen Stoffen.
Wieder einmal stieg die heilige Weihnachtszeit im feierlichen Gewande aus Myriaden Diamanten zur allgemeinen Freude der christlichen Kinderwelt vom Himmel hernieder.
Auch dieses Jahr wollten jene freundlichen Kinder aus aufrichtiger Liebe zu einander in ihrem trauten Kreise in aller Stille jener löblichen Gewohnheit ihr altes Recht werden lassen.
Die zehnjährige Gertrud stickte während der letzten acht Tage vor dem Feste in der nahen Behausung ihrer getreuen Schulfreundin ihrem munteren Bruder Günther für seine beliebten Ferienausflüge eine kleine Reisetasche aus bunter Wolle zum Umhängen.
Der lebhafte Günther dagegen schnitzte dieser seiner Schwester zur Aufbewahrung ihrer niedlichen Schmucksächelchen in seinen Freistunden in der engen Familienwohnung des alten Markthelfers seines Vaters mit außerordentlicher Sorgfalt ein länglich viereckiges Kästchen aus bräunlichem Buchenholze.
Die ältere Schwester Martha häkelte nach dem jedesmaligen Abendbrode in des guten Papas geräumiger Schreibstube unter dem halblauten Gesange sinniger Lieder dem gutmüthigen Bruder Hans aus kluger Rücksicht auf seine große Liebe zu der schönen Tugend der Sparsamkeit eine mittelgroße Geldbörse von glänzenden Perlen.
Der sanfte Hans wieder flocht der geliebten Schwester Martha innerhalb dreier Tage in dem schmalen Comptoirstübchen des väterlichen Geschäftes fast ohne jegliches Werkzeug zur Bequemlichkeit bei ihren vielen Nadelarbeiten einen allerliebsten Wandkober aus feinem Silberdrahte.
Der neckische Julius endlich baute gelegentlich in der etwas düsteren Garderobenstube seiner geliebten Mutter mit sichtlichem Vergnügen seinem kleinen Bruder Leo zur zeitweiligen Unterhaltung eine mächtig große Windmühle aus dauerhafter Pappe.
Auch die brave Mutter der liebenswürdigen Kinder blieb zur Erhöhung der Festfreude für ihre Lieblinge während dieser letzten Zeit vor Weihnachten in ihren vier Pfählen bei allen sonstigen häuslichen Besorgungen nicht unthätig.
Die gute Mutter arbeitete mit geschickten Händen ununterbrochen hinter verschlossenen Thüren allen ihren Kindern für die kalten Wintertage warme Anzüge aus gleichfarbigem Tuche.
Auf diese Weise bereitete der heilige Abend alle Jahre in diesem herzlichen Familienzirkel zu aller Herzerquickung sämmtlichen Familiengliedern große Freude.
137. Ein trauriges Ende.
(Desgleichen.)
[Sidenote: Subject.]
Der Tod tritt oft schnell heran.
[Sidenote: Beifügung.]
Der kleine Hermann war ein lieber Knabe. Schon der Ausdruck seines Gesichts zeugte davon.
[Sidenote: Ergänzung.]
Sein Lächeln bekundete Gutmüthigkeit. Sein Wesen war Jedermann angenehm. -- Eines Tages spielte er mit seiner Schwester Verstecken.
[Sidenote: Zeit.]
Es war um die Dämmerstunde. Sie hatten das Spiel bereits mehrmals gespielt. Ihr Vater sah ihnen schon seit geraumer Zeit zu.
[Sidenote: Ort.]
Er stand am Fenster. Hermann versteckte sich jetzt hinter eine Mauer. Hier sollte ihn die Schwester nicht finden.
[Sidenote: Weise.]
Er kauerte in lauschender Stellung. So hoffte er mit Zuversicht unentdeckt zu bleiben.
[Sidenote: Ort.]
Plötzlich aber rollte ein Ziegel vom Dache herab. Der Ziegel fiel dem Knaben gerade auf den Kopf.
[Sidenote: Ursache.]
Er war durch einen Windstoß losgelöst worden.
[Sidenote: Erkenntniß.]
Der Vater erkannte an dem jähen Aufschrei seines Kindes etwas Entsetzliches.
[Sidenote: Beweggrund.]
Von banger Ahnung getrieben eilte er herbei.
[Sidenote: Zweck.]
Er wollte zu Hilfe kommen.
[Sidenote: Zahl.]
Hier aber hätten zehn Aerzte nicht mehr helfen können.
[Sidenote: Stoff.]
Der fallende Ziegel war aus gebranntem Lehm. Er hatte den armen Knaben erschlagen.
138. Luxus.
[Desgleichen. -- Subject, Prädicat, Zeit, Ort, Weise, Grund (Zweck), Ergänzungen, Zahl, Stoff.]
Ein steinreicher Graf aus einem alten Geschlechte des östreichischen Adels ließ vor einigen Jahren aus lauter Eitelkeit seiner stolzen Gemahlin in der unmittelbaren Nähe einer lebhaften Seestadt der deutschen Nordküste mit ungeheueren Opfern mehrere prachtvolle Wohnsitze aus kostbarer Steinmasse errichten.
Der berühmte Baumeister des verschwenderischen Herrn mußte in Zeit von zehn Monaten auf einer sonnigen Hügelkette unweit des ziemlich großen Hafens nach dem geschmackvollsten Muster französischer Bauweise der jungen Gräfin zum zeitweiligen Aufenthalte während der heißen Sommertage zwei reizende Villen aus weißem Marmor erbauen.
Der gepriesenste Ofenfabrikant der nunmehrigen Kaiserstadt Berlin fertigte kurz nach Beginn des bewundernswerthen Baues in seinen eigens dazu eingerichteten Brennöfen mit aller Sorgfalt den schmucken Wohnzimmern der vorerwähnten Frau sechs wundervolle Kamine aus weißem Porzellan zur Benutzung für die kühlen Abende.
Der sehr geschickte Hoftischler des französischen Kaisers hatte unter anderem während der letzten Monate der kurzen Bauzeit in seiner umfangreichen Werkstatt an einer der volkreichsten Straßen mit allem Aufgebot seines Geschmacksinnes der hohen Frau zur hinlänglichen Bequemlichkeit ein Dutzend große Armsessel aus dem feinsten Mahagoniholze zu verfertigen.