Part 7
66. Joachim.
(Verhältnißwörter des Grundes.)
Der erst zwanzigjährige Joachim stand +wegen+ eines Raubanfalls vor Gericht. +Laut+ Aussage seines Vaters hatte er sich als Knabe sehr naschhaft gezeigt. Der Ordnung gemäß wurde auch sein ehemaliger Lehrer über seine Aufführung als Schüler befragt. Zufolge dieses Schulzeugnisses hatte es Joachim im Bezug auf Ehrlichkeit nie recht genau genommen. Um eines lumpigen Schiefers willen, den er doch für einen Pfennig haben konnte, war er sogar einmal vermittelst eines Nagels in seines Nachbars Schränkchen eingebrochen.
„Vermöge seiner Geistesanlagen“, schloß des Lehrers Zeugniß, „hätte Joachim etwas Tüchtiges lernen können. Aus purem Leichtsinn aber blieb er hinter allen seinen Mitschülern zurück. Kraft eines Lehrerconferenz-Beschlusses mußte er deshalb einmal vier Wochen lang auf der Strafbank sitzen.“
Den Raubanfall hatte Joachim mehr aus Rache, als um des Raubes willen ausgeführt. Laut seiner Auslassungen sollte ihn der Angefallene einmal infolge eines Kirschendiebstahls grausam durchgeprügelt haben. Auch habe er ihn wegen eines kleinen Schimpfwortes einmal tüchtig an den Haaren gezaust. Daß er ihn mittels eines dicken Stockes auf den Kopf geschlagen habe, zufolge dessen der Mann niedergestürzt sei, leugnete Joachim. Er habe, sagte er, ihm blos mit der Hand einen Stoß versetzt und es wäre wohl möglich, daß er infolge dieses Stoßes hingefallen sei.
Dem Urtheile der Richter gemäß wurde Joachim für schuldig erkannt und erhielt für seine That, kraft des Strafgesetzbuches, fünf Jahre Zuchthaus.
67. Die Mühle.
(Wiederholung aller Arten Verhältnißwörter.)
In einem düsteren Waldgrunde stand seit langer Zeit eine Mühle. Sie lehnte mit ihrer Rückseite an einem kleinen Hügel. Eine alte Linde breitete ihre schattigen Aeste über sie hin. Vor der Mühle lag ein kleines Blumengärtchen. Oberhalb derselben, mehr nach einem Felsen zu, erblickte man zwischen Gebüsch einen Teich, aus dem sich ein Bächlein unter dumpfem Gemurmel hervorschlängelte. Es eilte in raschem Laufe auf die Mühle zu. Dort stürzte sich sein Wasser mit ziemlichem Geräusche über das Mühlrad und setzte dieses, vermöge seiner Schwere, in Bewegung.
Das Mühlrad klapperte ohne Ruh und Rast bei Tag und Nacht. Nur am Sonntage, um der Sabbathfeier willen, stand es still. Laut einer Verordnung hätte sonst der Müller vor Gericht Strafe zahlen müssen.
Viele Stunden im Umkreise gab es kein Haus. Des Müllers Kinder waren ohne alle Kameraden. Selten traten sie aus dem Thale hinaus. Die Blumen am Bachrande waren ihre Bilder, die Fischlein im Wasser und die Käfer auf und unter den Blumen ihre Gespielen, die Vöglein innerhalb des Thales ihre Singlehrer.
Im Winter kamen sie selten aus der Stube. Sie nähten dann Säcke aus grober Leinwand für ihren Vater. So führten sie während des Sommers und Winters ein einsames Leben. Und doch hingen sie mit ganzem Herzen an ihrem Vaterhause und hätten um keinen Preis dasselbe mit einem andern vertauscht.
Als der Müller eines Tages von dem Nachbardorfe kam und sagte, er könne jetzt die Mühle für ein gutes Geld verkaufen, stellten sich alle Kinder um ihn her, faßten ihn an der Hand und baten unter Thränen, er solle doch das nicht thun. Sie würden, wenn sie aus der Mühle fortmüßten und außerhalb des stillen Thales leben sollten, unglücklich sein.
Diesen dringenden Bitten zufolge versprach auch der Müller, die Mühle zu behalten. „Nein“, sagte er nach kurzem Besinnen, „ich will nicht gegen Eure Wünsche handeln, aus purer Liebe zu Euch. Wegen eines irdischen Gewinnes soll Euer Glück nicht gestört werden.“
Das Bindewort.
68. Ungleiche Brüder.
(Zusammenstellende Bindewörter.)
Melchior +und+ Sebastian waren Brüder. Melchior beschäftigte sich mit Allerhand, was ihm gut lohnte. Er besserte Körbe aus, +auch+ flocht er zuweilen neue. +Zudem+ strich er Fenster- und Thürstöcke, außerdem auch Möbel an. Ueberdies half er im Sommer nicht selten in der Ernte. Schließlich schämte er sich auch nicht, einmal sogar den Dreschflegel in die Hand zu nehmen. Wo er arbeitete, war man sowohl mit seinem Fleiße als auch mit seiner Geschicklichkeit zufrieden. Weder Wind noch Wetter konnten ihn abhalten, einmal übernommene Dienste auszuführen.
Melchior war aber nicht blos fleißig und geschickt, sondern auch sparsam. Als er etwa vierzig Jahre zählte, kaufte er sich erstens ein kleines Haus, zweitens etwas Feld, drittens eine Ziege und endlich gar eine Kuh. Hierauf heirathete er ein sehr braves Mädchen aus seinem Orte, mit dem er alsdann seine kleine Oekonomie bewirthschaftete, ferner ein Gemüsegeschäft anlegte und auch noch nebenbei Federviehhandel trieb.
Ganz anders verhielt und zeigte sich sein Bruder Sebastian. Er dachte weder an das Sparen, noch an das Arbeiten. Er trieb sich tagediebisch umher, zudem liebte er das Kartenspiel und trank überdies oft über den Durst. Auch in Bezug auf die Ehrlichkeit wollte ihm Niemand so recht trauen.
Kein Wunder, daß Sebastian nicht nur alle Achtung verlor, sondern auch oft kein Brod hatte. Sowohl seine Nachbarn als auch sein Bruder warnten ihn. Außerdem bemühte sich sogar die Ortsgemeinde, ihn zu bessern. Man trug ihm zunächst lohnende Beschäftigung, sodann eine Hausknechtsstelle in einem Gasthofe an, ferner einen Posten auf dem Bahnhofe; schließlich wollte man ihm sogar Geld zu einem kleinen Kohlenhandel vorschießen. Sebastian mochte von alledem nichts wissen und nichts hören. Natürlich blieben die Folgen davon nicht aus. Bald versetzte er sein letztes Hemde, führte dann allerlei Betrügereien aus, vergriff sich hierauf an fremdem Eigenthume, trieb sich alsdann mit einer Zigeunerbande in den Wäldern umher und wurde endlich als Räuber eingefangen.
Er wurde verhört, alsdann verurtheilt und hierauf auf viele Jahre in einer Strafanstalt untergebracht. Schließlich, nach langen Jahren, klopfte er eines Tages an Melchior’s Thür als bettelnder Greis.
69. Die goldene Freiheit.
(Entgegenstellende Bindewörter.)
An einem Fenster hing ein großes, geräumiges Gebauer, in welchem ein Rothkelchen auf und nieder hüpfte. Es sang +zwar+ fleißig, +aber+ keineswegs so hell, wie einst draußen im grünen Walde. Es hatte das beste Futter, +dennoch+ dachte es immer und immer an die fetten Würmchen draußen unter dem Moose. Es bekam jeden Tag zweimal frisches Wasser, gleichwohl konnte es die frischen, klaren Waldbächlein nicht vergessen. Wol grüßte die liebe Sonne freundlich zum Fenster herein, allein diese wohlthuenden Strahlen schienen das Rothkelchen nur immer noch düsterer zu stimmen.
Hermann bemerkte nur zu wohl die trübe Stimmung des Thierchens, doch ihn rührte es nicht. Zwar liebte er selbst die goldene Freiheit außerordentlich, gleichwohl konnte er sie hartherzig dem Rothkelchen versagen.
Als er im Herbste das Vöglein nach Hause brachte, hatte ihm sein Vater gesagt: „Gut, Du magst es den Winter über behalten, aber zum nächsten Frühjahre mußt Du es wieder fliegen lassen. Nun thue, was Du willst. Entweder sperre es gar nicht erst ein, oder versprich, ihm dann die Freiheit wieder zu schenken.“
Hermann hatte Letzteres zugesagt. Allein jetzt, als der Frühling da war, dachte er nicht mehr daran. Er kannte nicht nur kein Mitleid, sondern meinte sogar, das Thierchen könne es nirgends besser haben, als bei ihm. „Ein Vögelchen im Käfige zu halten“, sagte er einmal, „kann kein Unrecht sein, nur muß man es gut pflegen.“
Sein Vater indessen dachte anders. „Gut essen und trinken“, sagte er, „ist viel werth, nichtsdestoweniger möchte ich dabei in einem Kerker stecken. Fesseln und schmale Kost drücken den Verbrecher sehr, der Verlust der Freiheit dagegen drückt ihn am empfindlichsten.“
Der Frühling schritt inzwischen immer tiefer in das Land, Hermann jedoch machte keine Anstalt, seinem Gefangenen den Kerker zu öffnen. Er fürchtete auch keineswegs den Unwillen seines Vaters, sondern glaubte, derselbe wolle jetzt selbst, daß das Vöglein im Käfige bleiben solle. Wie sehr aber erschrak er, als er denselben eines Tages leer fand. Hermann weinte, das Vöglein indessen jubelte bereits längst draußen im Walde ob der neugeschenkten goldenen Freiheit.
70. Amerika.
(Begründende Bindewörter.)
„Warum wandern denn eigentlich so viele Menschen nach Amerika aus?“ fragte Ludwig seinen Vater.
„Ganz einfach“, erwiderte dieser, „+weil+ Viele glauben, dort ihr Glück zu machen. Viele täuschen sich freilich auch, +denn+ es ist nicht alles Gold, was glänzt. Amerika bezahlt zum Beispiel die Arbeit weit besser als Deutschland, deshalb aber wird noch lange nicht jeder Arbeiter reich. Er muß dafür auch seinen Lebensunterhalt theuer erkaufen, und sonach gleichen sich Einnahme und Ausgabe wieder aus. Amerika gestattet dem Volke in mancher Hinsicht mehr Freiheit als Europa, daher aber erlauben sich dort auch Einzelne aus dem Volke manche Gewaltthaten. Amerika ist der Zufluchtsort von unzähligen Taugenichtsen, Betrügern und Dieben, deswegen kommen dort verhältnißmäßig mehr Verbrecher vor, als bei uns. Amerika besitzt unermeßliche Ländereien, demnach ist für wenig Geld ein bedeutender Grundbesitz zu erwerben. Diese Länderstrecken aber sind mit Urwald bedeckt und müssen mithin erst urbar gemacht werden. Dergleichen Arbeit ist indeß äußerst mühsam und anstrengend und darum verlieren Viele die Lust, lassen die Hände sinken und gerathen somit in Noth und Elend.
Es sei damit nicht gesagt, lieber Ludwig, daß in der neuen Welt Niemand auf einen grünen Zweig kommen könne, denn eine große Zahl Eingewanderter hat ihr Glück gefunden. Falsch aber ist es, zu denken: Diese sind reich und glücklich geworden, folglich muß ich es auch werden und also gehe ich hinüber.“
„Du würdest sonach Niemandem rathen, nach Amerika auszuwandern?“ sagte Ludwig hierauf.
„Das habe ich deshalb noch nicht gesagt“, erwiderte der Vater. „Wer nach Amerika geht, muß arbeiten wollen, weil der Faule dort in der Regel zu Grunde geht. Folglich würde ich allerdings zu einem Arbeitsscheuen sagen: Bleibe Du hier, da Du den Schweiß des Angesichts nicht gut vertragen kannst. Ebenso würde ich zu einem, der hier in guten Verhältnissen lebt, sagen: Du hast, was Dein Herz wünscht, darum bleibe im Lande und nähre Dich redlich. Einem jungen Manne aber, der brav und strebsam ist, es aber hier zu nichts bringen kann, werde ich stets sagen: Gut, Du wirst drüben die Hände nicht müßig in den Schooß legen und somit vorwärts kommen, mithin gehe!
Verstehe mich also nicht falsch, lieber Ludwig. Ich meine durchaus nicht, weil Viele dort drüben ein trauriges Loos ziehen, daher dürfe Niemand mehr nach Amerika auswandern. Wohl aber bin ich, wie schon gesagt, gegen den Glauben, der da spricht: Hinz und Kunz sind da drüben Millionäre geworden, demnach kann mir es auch nicht fehlen.
Die neue Welt jenseits des Oceans ist eine gar eigene und deswegen muß die Uebersiedelung dahin wohl überlegt werden.“
71. Treue Freundschaft.
(Wiederholung der Bindewörter.)
Paul und Robert waren zwei gute Freunde. Beide jedoch besaßen eine sehr verschiedene Bildung. Das konnte aber auch nicht anders sein, denn jeder hatte eine andere Erziehung genossen.
Paul gehörte reichen, Robert dagegen armen Eltern an. Paul genoß daher viel Schulunterricht. Er sprach nicht nur französisch, sondern auch englisch. Er lernte reiten, auch fechten und schwimmen. Er bewegte sich überdies stets unter vornehmen Leuten und besaß ferner eine gute Bibliothek. Zudem ging er auch mit seinen Eltern öfters auf Reisen. Somit war ihm Alles geboten, was Bildung schafft.
Robert dagegen besuchte nur eine einfache Dorfschule. Hier gab es wohl einen guten Lehrer, allein nicht viel Schulzeit. Zwar strengte sich Robert sehr an, aber seine Kenntnisse blieben doch sehr dürftig. Gleichwohl gehörte er zu den besten Schülern des Ortes. Deswegen wurde er auch von seinem Lehrer, sowie von seinen Mitschülern sehr geachtet. Und deshalb verging kein Examen, an welchem er nicht entweder eine Prämie oder sonst eine Auszeichnung erhielt.
Paul blieb das nicht unbekannt und daher erwählte er Robert zu seinem Freunde. Weder Robert’s Armuth, noch seine geringe Bildung waren ihm ein Anstoß. Paul liebte ihn, weil er ein ebenso fleißiger als gesitteter Knabe war. Und Paul hat diese Wahl nie bereut, denn Robert hing so treu an ihm, daß er sein Leben hätte für ihn lassen können.
Paul kam zwar später aus dem Elternhause fort, aber die Entfernung trennt ja wahre Freundschaft nicht, da diese im Herzen wohnt. Paul und Robert schrieben sich oft; infolge dessen konnte keine Entfremdung eintreten. Ja, sie blieben treue Freunde bis zum Tode.
Das Empfindungswort.
72. Ein Spaziergang.
Arthur und Emilie gingen an einem Waldrande spazieren. „+Ei!+“ rief Arthur plötzlich aus, indem er sich bückte, „ein Graspferd! ein Graspferd!“
„+Pfui!+“ erwiderte Emilie, „das häßliche Thier!“
„+Ei+, +ei!+ Emilie“, tadelte Arthur, „so darf man nicht sagen. O, auch die Graspferde sind schön in ihrer Art. Hopp! hopp! Sieh nur, was es für große Sätze machen kann! O weh! Jetzt hüpfte es in einen Wassergraben! Ach, das arme Thier! Es wird ertrinken müssen! Ist es mir doch, als riefe es mir zu Hilfe! Hilfe! -- Ha! ich muß sein Retter werden!“
Arthur langte in den Graben hinab und packte das Thier an. In demselben Augenblicke aber schrie er auch: „Au! au!“ und ließ es auf die Erde fallen.
„Was schreist Du denn so?“ fragte Emilie schnell.
„Abscheulich!“ versetzte Arthur. „Das Heupferd hat mich in den Finger gezwickt.“
„Hahaha!“ lachte da Emilie hell auf. „Aetsch! Nun hast Du doch etwas von Deinem allerliebsten Thierchen!“
„Ssssst! Schwesterchen“, entgegnete Arthur, mit dem Finger drohend, „nicht schadenfroh sein!“
Beide Geschwister gingen jetzt weiter. Bald darauf vernahmen sie hinter sich her die Rufe: „Heda! Bst! Bst!“ Als sie sich umsahen, erblickten sie vier bekannte Knaben, die an dem Spaziergange theilnehmen wollten.
„Hurrah!“ rief Arthur begeistert aus, „nun wird es hübsch! Jetzt können wir Soldaten spielen.“
„Und ich?“ fragte Emilie bedeutungsvoll.
„Hm!“ erwiderte Arthur nachdenklich. „Nun ja, das hatte ich mir freilich nicht überlegt, daß Du Dich auf das Exerciren nicht verstehst. Also rrrr! ein anderes Spiel!“
Nachdem die Kinderschaar Haschekater, Blindekuh u. dergl. m. gespielt hatte, trat sie den Heimweg an. Eben überschritten die Kinder eine Stoppel. Da auf einmal ging’s „brrr!“ und ein Volk Rebhühner flog vor ihnen auf.
„Hoho! Bin ich doch erschrocken!“ versetzte einer der Knaben. Arthur aber sagte: „Ei, hätten wir doch jetzt Flinten! Da sollte es aber gehen: Piff, paff! puff! und kein einziges Rebhuhn dürfte davonkommen. Heisa! wie würden sich unsere Mütter freuen, wenn wir solche Braten mit nach Hause brächten!“
Arthur wollte noch weiter reden, da aber kam ein Graben und -- pardauz! lag er darin, so lang er war. Natürlich gab das ein gewaltiges Gelächter.
Unter dem Gesang des Liedes: „Tra ri ra! sind die Jäger da“ etc. kehrten endlich die Knaben fröhlich heim.
~B.~ Satzlehre.
73. Das Gewitter.
(Satzarten.)
[Sidenote: Einfacher Satz.]
Der Blitz zuckte.
[Sidenote: Erweiterter einfacher Satz.]
Ein langer Donner grollte unter dem dunklen Himmel dahin.
[Sidenote: Zusammengezogener Satz.]
Menschen und Thiere suchten ein baldiges Unterkommen.
[Sidenote: Zusammengesetzter Satz.]
Die Schnitter eilten in ihre Hütten und die Heerde hüpfte nach dem schirmenden Stalle.
[Sidenote: Satzgefüge.]
Ein warmer Regen, welcher längst erwünscht war, tränkte später das durstige Erdreich.
74. Ursache und Folge.
(Desgleichen.)
[Sidenote: Einfacher Satz.]
Der Herbst war da. Die Früchte reiften. Die Aepfel glänzten. Die Pflaumen winkten.
[Sidenote: Erweiterter einfacher Satz.]
Der liebe Gott hatte die Gärten reich gesegnet. Manche Aeste konnten ihre Last kaum tragen. Sie mußten mit starken Pfählen gestützt werden. Und dennoch neigten sich ihre äußersten Zweige fast bis zur Erde herab.
[Sidenote: Zusammengezogener Satz.]
Eines Tages gingen Emil und Otto in ihren Obstgarten. Beide jubelten und jauchzten. Sie durften und sollten sich an den Aepfeln und Birnen gütlich thun. Vater und Mutter hatten es ihnen erlaubt. Dieser Genuß sollte sowohl eine Belohnung als auch eine Erquickung für sie sein.
Emil eilte sofort auf einen Pflaumenbaum los und Otto kletterte auf einen Apfelbaum. Emil war bald gesättigt, Otto aber schien gar nicht genug bekommen zu können. Jener befleißigte sich überhaupt stets der Mäßigkeit, denn er ehrte das Gebot der Eltern.
Otto, welcher eben zu viel Aepfel aß, fühlte sehr bald die üblen Folgen. Das, was ihm ein Genuß gewesen war, bereitete ihm jetzt die bittersten Schmerzen. Ehe noch der Tag zu Ende ging, lag er jammernd und seufzend im Bette. Ihm wurde nun klar, das die Unmäßigkeit sich selbst bestraft. Der Apfelbaum, sagte er wiederholt, soll mir eine Warnungstafel bleiben, so lange ich lebe.
Der einfache Satz.
75. Das Pferd.
(Welche Wörter als Subject dienen können! Alle.)
+Das Pferd+ ist ein nützliches Hausthier. +Es+ ist sehr stark und schön gebaut. +Die Stärke+ liegt in seinen Muskeln. Das Schöne spricht namentlich aus der Hals- und Kopfbildung. Sein ganzes Sein ist freilich nicht selten eine Kette schwerer Arbeit. Das Ziehen wird ihm leider oft zu sauer gemacht. Dieses Leider fällt leider dem Fuhrmanne zur Last. Er ladet zu viel auf. Das Bergauf wird von ihm wenig beachtet.
Das Pferd ist nun schlimm daran. Das Wollen fehlt ihm nicht. Das Können indeß hat seine Grenze.
Da knallt die Peitsche. Flüche fallen auf das arme Thier nieder. Es geht zuweilen wahrhaft grausam dabei zu. Man möchte dazwischen springen. So zuzuschlagen ist sündlich. Wann wird man endlich auch die Pferde menschlich behandeln? Dieses Wann wird aber wol noch lange eine Frage bleiben.
76. Gott.
(Aus welchen Wörterklassen das Prädikat gebildet werden kann.)
Gott ist +Schöpfer+. Er ist +allmächtig+. Sein Wort hat Alles +hervorgebracht+. Alles ist +sein+.
Gott ist Erhalter. Sein Reich ist freilich groß. Seine Hand doch sättigt alles Leben. Dieser Trost ist unser.
Gott ist auch Regierer. Sein Regiment ist gnädig. Er schützt. Er leitet. Dieser Glaube ist mein.
Und Gott ist unser Vater. Er ist allgütig. Seine Liebe umfaßt uns. Mein Herz sei darum sein.
77. Die Rose.
(Desgleichen.)
Die Rose ist eine +Blume+. Sie ist die +Blumenkönigin+. Ihre Krone ist ein Wunderbau. Der Juni ist ihre Blütezeit. Die Blätter sind zart. Ihre Formen sind lieblich. Sie leuchtet weithin. Sie duftet. Sie entzückt.
Dornen sind ihre Schutzwaffe. Jede Spitze ist ein Dolch. Die Dornen sind wachsam. Sie sind auch tückisch. Sie stechen. Sie verwunden.
Die Rose reizt. Sie ist verführerisch. Ein Kindlein naht. Es ist hocherfreut. Es pflückt. Ein Tröpfchen Blut ist der Preis.
Der erweiterte einfache Satz.
~A.~ Erweiterung des Subjectes.
78. Das kranke Kind.
(Beifügung vor dem Subjecte.)
Die +kleine+ Emma war krank. Der +heftige+ Pulsschlag bekundete Fieber. Die +vollen+ Wangen glühten. Das große Auge lag geschlossen. Die feuchten Hände zitterten.
Zwei Aerzte behandelten das Kind. Mehrere Arzneiflaschen standen auf dem Tische. Auch etliche Pulverschächtelchen waren zu sehen.
Die treusorgende Mutter wich nicht von dem Bette. Ihr weinendes Auge ruhte unverwandt auf der Kranken. Ihre pflegende Hand war jederzeit zur Hilfe bereit.
Die verordneten Wärmegrade in der Stube wurden streng erhalten. Die verhangenen Fenster schufen Dunkelheit. Das gedämpfte Licht aber hatte etwas Unheimliches. Der vorgeschriebene Thee stand fortwährend über einem Spiritusflämmchen. Die zu verbrauchende Arznei dagegen schwamm in einem Glase mit Brunnenwasser.
So waren alle Vorsichtsmaßregeln getroffen. Keine Veränderung an dem Kinde blieb unbeachtet. Die zu hoffende Genesung ließ indeß lange auf sich warten.
„Unser Kind ist noch sehr krank“, klagte die Mutter oft den Aerzten. „Sein Bewußtsein scheint oft zu schwinden. Seine Hände sind bald warm, bald kalt. Meine Emma wird doch am Ende noch sterben! Ach, mein Herz würde es kaum ertragen! Unser Lebensglück sänke mit ihr ins Grab. Dieses Kind hat uns nie betrübt. Ein solcher Edelstein könnte uns nie wieder ersetzt werden!“
Die theilnehmenden Aerzte trösteten sie. „Der liebe Gott wird Ihnen schon das Kind erhalten“, sagten sie. „Die allmächtige Gotteshand hat ja schon oft Wunder gethan. Sein Arm ist nicht zu kurz, daß er nicht helfen könnte.“
Und der treue Himmelsvater half. Das tückische Fieber wich endlich. Die arme Emma konnte das Bett wieder verlassen. Stärkende Nahrung gab ihr bald wieder Kräfte. Kleine Spaziergänge erzeugten wieder Heiterkeit. Die frische Luft hauchte wieder Rosen auf die Wangen.
Herzinniger Dank stieg von den Mutterlippen zum Himmel empor.
79. Berlin.
(Eine Beifügung nach dem Subjecte.)
Die Stadt +Berlin+ ist zu einer Weltstadt geworden. In ihr hat nun der Kaiser +von Deutschland+ seinen Sitz.
Der Umfang der Stadt wächst fast zusehends. Die Regelmäßigkeit der Straßen ist eine Zierde von ihr. Die Prachtbauten der Regierung erwecken Bewunderung. Die Stätten der Wissenschaft werden sorglich gepflegt. Werke der Kunst sind in Berlin reich vertreten. Die Sammlungen der Kunstschätze erfahren von Jahr zu Jahr Bereicherungen.
Die Helden des Volkes prangen als Prachtdenkmäler an den Straßen. Die Fürsten des Reichs glänzen in Erzguß. Unter ihnen nimmt Friedrich der Große den Vorrang ein. Plätze ohne Denkmäler sind überhaupt selten in Berlin.
Der Handel der Stadt ist im Flor. Die Großartigkeit der Fabrikwerkstätten erregt Staunen. Das Streben nach Vergnügen hat Lustörter in Menge hervorgerufen. Natürlich wird dadurch auch die Lust zu schwelgen gefördert. Auch soll das Verbrechen des Taschendiebstahls in Berlin häufig vorkommen.
Die Lage der Stadt ist freilich keine sonderlich schöne. Die Umgebungen derselben sind Sandebenen. Und eine Stadt ohne Naturreize verliert viel an Anziehungskraft.
80. Peter.
(Die Beifügung ein Zeitwort in reiner Form.)
Der Trieb +zu spielen+ war bei dem zwölfjährigen Peter ziemlich stark und verdrängte die Lust zu arbeiten. Kein Wunder daher, daß er in der Schule keine Fortschritte machte. Während des Unterrichts beschäftigte er sich oft mit den Händen unter der Tafel.
Für diese Sucht zu tändeln und den Hang zu faulenzen erhielt er zwar oft Strafe, aber sie weckte keineswegs in ihm das Bestreben zu lernen.
Leider gesellte sich zu diesen Fehlern bei dem Peter auch noch die Unart zu necken und zu schimpfen und die Neigung zu lügen.
Eines Tages ließ der Lehrer den Knaben zu sich kommen und sagte zu ihm: „Peter, mein Beruf zu erziehen und meine Pflicht zu bilden werden mir an Dir sehr schwer. Dein Streben zu wachsen im Geiste ist gleich Null. Glaube mir, daß Du Deine jetzige Art Dich zu verhalten und zu gebaren einst noch bitter bereuen wirst.“
Peter aber, anstatt den Vorsatz zu hören und zu gehorchen zu fassen, überließ sich auch fernerhin in der Schule dem Drange zu träumen, zu brüten und zu tändeln. Und so wurde nach und nach aus ihm ein liederlicher Mensch, den endlich seine Leidenschaft zu faulenzen und Karte zu spielen an den Bettelstab brachte.
81. Weihnacht.
(Eine Beifügung vor, eine nach dem Subjecte.)
Das +schönste+ Fest +der Kinderwelt+ war da. Die heilige Nacht der Geburt Christi breitete ihre Flügel über die Stadt. Sämmtliche Glocken des Domes hallten über die Dächer dahin.
Die feierliche Harmonie des Geläutes klang wie ein Gruß aus Himmelshöhe.
Auf den Straßen wogte noch lange der bunte Strom des Volkes. Die betreßten Diener der Paläste eilten mit Packeten dahin. Die breiten Rücken der Dienstmänner waren vielfach mit Körben belastet. Die zerlumpten Kinder der Armuth boten ihre Pflaumenmänner feil. Bepackte Bewohner des Landes zogen zu den Thoren hinaus. Dort huschte wol auch bereits ein vermummter Knecht Ruprecht in ein Haus hinein. Aus den Bäckerläden stieg der bezaubernde Duft der Weihnachtsstollen.