Part 6
Der Vater erklärte sich damit einverstanden und brachte den Knaben zu einem Lehrherrn. Bald aber kam August wieder nach Hause und klagte, er müsse zu viel hacken, graben, harken und sich bücken und überhaupt zu viel arbeiten. Er wolle lieber Jäger werden, da könne er den grünen Wald durchstreifen, das muntere Wild verfolgen, auf weichem Moose ruhen; und wenn es auch einmal regne oder schneie oder stürme, das sei schon zu ertragen und solle ihn nicht verdrießen.
Der Vater ließ sich bewegen und bald studirte August in einem Forsthause.
Allein auch das Leben im Walde gefiel ihm nicht lange. Es war ihm unbequem, daß er früh zeitig aufstehen, seinem Herrn die Stiefel putzen und wichsen und die Kleider klopfen und bürsten mußte. Er beschloß jetzt, ein Fischer zu werden. „Ein Fischer“, dachte er, „kann alle Tage auf den klaren Wellen umhergondeln. Er braucht nur das Netz auszuwerfen oder die Angelschnur in das Wasser zu halten, und die Fische fangen sich von selbst.“
So wanderte August zu einem Fischer in die Lehre. Sehr bald indeß verdroß ihn auch diese Beschäftigung. Daß er rudern, steuern, Netze stricken und flicken und oft im Wasser waten müsse, hatte er sich nicht gedacht. Jetzt bat er seinen Vater, ein Koch werden zu dürfen. „Ein Koch kann Tag für Tag etwas Gutes essen und trinken“, meinte er. „Er kann nie vom Hunger geplagt werden. Er steht stets vor dem Feuer und kann nie frieren. Er braucht sich auch nicht sonderlich zu mühen und zu plagen, denn das Essen kocht ja ganz allein.“
Was aber geschah? Schon nach vier Wochen kehrte August klagend und jammernd auch aus dieser Lehre zurück. Jetzt hatte ihm wieder nicht gefallen, daß er Kartoffeln schälen, Möhren schaben, Gurken hobeln, Pfeffer stoßen, Kaffee mahlen, Geflügel rupfen mußte und dergleichen.
Da aber tadelte ihn sein Vater aufs ernstlichste und sagte: „Wenn Du so fortfährst und keine Lasten ertragen lernen willst, wirst Du es zu nichts bringen und Du wirst schließlich zu den Taugenichtsen gezählt werden. Darum gehe jetzt auf der Stelle wieder zu Deinem letzten Lehrherrn, bitte ihn um Verzeihung, lerne arbeiten und gehorchen und die kleinen Unannehmlichkeiten geduldig hinnehmen. Niemals aber vergiß, daß jeder Beruf seine Lust und seine Last mit sich führt.“
54. Ein Zwist.
(Das Hilfszeitwort.)
„+Ich bin+ sehr böse, daß Du in meinem Schränkchen +gewesen bist+“, sagte Laura zu ihrem Bruder Paul, der etwas naschhaft war. „+Ich hatte+ sechs Aepfel darin und habe nur noch drei Stück. Ich werde auch nicht eher wieder gut werden, bis ich von Dir das Versprechen habe, daß Du mir drei andere schenken werdest. Und das wirst Du doch thun? Wir Schwestern sind nie in Eure Schränke gegangen. Ihr dagegen seid schon oft in den unserigen gewesen.“
„Nun gut“, sagte Paul, „wenn der Onkel seine Obsternte gehalten haben wird und ich bei ihm gewesen sein werde, sollst Du Deine drei Aepfel wieder haben. Ich wurde durch einen plötzlichen Aepfelappetit in Deinen Schrank verleitet. Seitdem ich aber überzeugt worden bin, daß Du das übel genommen hast und böse auf mich bist, thut es mir leid! Also magst Du nur einige Tage Geduld haben und guter Hoffnung sein. Der Verlust soll Dir reichlich ersetzt werden.“
„Ich habe immer Vertrauen zu Dir gehabt“, erwiderte Laura, „und bin von Dir in Bezug auf ein Versprechen noch nie getäuscht worden. Du wirst gewiß auch diesmal ein Mann von Wort sein.“
Die Obsternte hatte stattgefunden. Paul war bei dem Onkel gewesen. Laura wurde befriedigt. Sie konnte mit dem Ausgleiche sehr zufrieden sein, denn ihr Aepfelverlust war dreifach ersetzt worden.
„Nicht wahr“, sagte Paul lachend zu ihr, „nun bist Du nicht mehr böse und wir sind wieder gute Leute?“
„Aller Grimm, den ich in mir gehabt habe“, scherzte Laura „soll für immer getödtet sein. Du hast es ja auch nur zu gut gewußt, lieber Paul, daß ich es gar nicht so böse gemeint haben konnte. Ich würde auch wieder gut gewesen sein, wenn ich die Aepfel nicht ersetzt bekommen hätte.“
Die Umstandswörter.
55. Die Verirrten.
(Umstandswörter des Ortes.)
Lorenz und Albert waren in den Wald gegangen, um +dort+ Erdbeeren zu suchen. Der Wald lag +seitswärts+ von ihrem Dorfe und zwar +hochoben+ auf einem Bergrücken. Bei dem Erdbeersuchen daselbst aber hatten sich die Knaben verirrt und wußten zuletzt nicht mehr, ob sie rechts oder links, vorwärts oder rückwärts gehen sollten. Nirgends auch stießen sie auf irgend einen Pfad.
Nachdem sie etwa eine Stunde hin und her und auf und nieder geirrt waren, fingen sie an zu rufen. Sie riefen überall hin, aber von keiner Seite kam eine Antwort. Und wieder liefen sie bald hierhin, bald dorthin, nach einem Ausgange suchend.
Schon ging die Sonne unter und Dämmerung sank in den Wald herab. Da wurde den Knaben ernstlich bange. „Westlich“, sagte Lorenz, „dürfen wir unbedingt nicht weiter gehen. Wir müssen uns ostwärts halten. Auch dürfen wir nicht aufs neue aufwärts, sondern müssen abwärts steigen.“
„Weißt Du was“, erwiderte Albert, „laß uns hier, rechts von dieser Felswand, hinabklettern. Ich glaube, dort unten muß unser Thal liegen.“
Lorenz stimmte diesem Vorschlage bei und so kletterten die Knaben den Abhang hinunter. Lorenz, als der Aeltere, stieg voran, Albert dagegen hielt sich mehr hinten.
Der Weg war nicht ungefährlich, denn es rollten sehr oft Steine von oben herab, auch gab es links und rechts kleine Schluchten.
Nach einem halbstündigen Marsche gelangten sie endlich, zu ihrer großen Freude, hinab in ein breites Thal. Hier sahen sie ein Licht von drüben herüberschimmern. Auf dieses Licht steuerten sie zu. Unterwegs stießen sie indeß noch auf ein Hinderniß, auf einen ziemlich breiten Bach. „Hilft nichts“, sagte Lorenz, „hier heißt’s: Hindurch und hinüber! Wenn wir auch unten ein wenig naß werden.“
Bald war das Licht und mit ihm eine Hütte erreicht. Das Licht stand vorn an einem kleinen Fenster. Daneben saß ein alter Waldarbeiter und las in einem Kalender. Er schien mitten in einer schönen Erzählung zu sein.
Die Knaben klopften an. Augenblicklich kam der Alte heraus. Kaum hatte er das Mißgeschick der Knaben vernommen, zündete er eine Laterne an und brachte die Verirrten eine Stunde weit das Thal dahin in ihr Vaterdorf zurück.
56. Ein Brief.
(Umstandswörter der Zeit.)
Liebe Susanne!
Erst +neulich+ hast Du mir versprochen, daß Du mich +nächstens+ besuchen wollest. +Heute+ aber sind nun schon fünf Tage vergangen und +immer+ noch erwarte ich Deine Ankunft vergeblich. Viertelstundenlang habe ich gestern und auch heute früh nach Dir ausgeschaut, aber wer nicht kam, war meine liebe Susanne.
Da Du nun stets Wort gehalten hast, fange ich bereits an, zu fürchten, daß Du unwohl geworden sein könnest. Sei doch so gut und schreibe mir sofort, ob Du krank bist, oder was Dich sonst gestern und vorgestern und noch früher von Deinem Besuche abgehalten hat. Wenn Du Dich sogleich hinsetzest -- und wäre es auch abends noch -- und mir antwortest, kann Dein lieber Brief spätestens morgen zehn Uhr in meinen Händen sein.
Jetzt laß Dir nun noch in aller Eile erzählen, was sich, seit wir uns das letzte Mal trafen, zugetragen.
Denke Dir nur, Nachbars Lenchen, die sonst immer so gesund aussah, liegt schon seit vorvorgestern hart darnieder. Sie klagt fortwährend über Kopfschmerzen und fiebert unaufhörlich. Erst seit heute hat sich etwas Schlaf eingestellt. Die Eltern haben natürlich sehr bald einen Arzt gerufen. Dieser hat die Kranke augenblicklich untersucht und verordnet, daß sie täglich zwei Stunden ununterbrochen schwitzen muß. Leider aber hat er auch gleich sagen müssen, daß der Krankheitszustand nicht blos noch tage-, sondern noch wochenlang anhalten könne.
Das arme Lenchen! Weißt Du noch, wie wir unlängst zusammen in der Laube saßen und spielten? Damals ahnte sie noch nicht, daß sie gegenwärtig werde das Bett hüten müssen. Möge ihr der liebe Gott recht bald die verlorene Gesundheit wiederschenken!
In der Hoffnung, umgehende Antwort von Dir zu erhalten begrüßt Dich aufs herzlichste
Deine Dir ewig getreue
+Natalie+.
57. Der tolle Reiter.
(Umstandswörter der Zeit.)
Der junge Baron von Sydlow galt als ein sehr kühner Reiter. Die armen Pferde hatten es freilich nicht zum besten bei ihm. Dasjenige, welches er +eben+ geritten hatte, rauchte +gewöhnlich+, wie ein Backofen. +Selten+ ritt er blosen Schritt. +Zuweilen+ fegte er dermaßen die Straßen entlang, daß Kies und Funken stoben. Oft sah man dann vor Staub weder Pferd noch Reiter. Manchmal schon waren Menschen in Gefahr gekommen, von ihm überritten zu werden. Oefters auch war er schon gestürzt, ohne indeß erheblichen Schaden zu nehmen.
Der Baron wurde von seinen Freunden wiederholt vor diesem gar zu tollen Reiten gewarnt. Sie sagten, es könne doch einmal schlimm ablaufen. Darauf aber erwiderte er jedesmal: „Mir kann nichts passiren. Selbst wenn mein Pferd einmal stürzt, komme ich allemal auf meine Beine zu stehen.“
Allein der Krug geht insgemein so lange zu Wasser, bis der Henkel bricht.
Der Baron ritt regelmäßig jeden Morgen um neun Uhr aus und traf niemals später als um elf Uhr wieder in seinem Schlosse ein. Eines Morgens sprengte er auch wieder zum Thore hinaus, aber -- um nimmer wiederzukommen.
Von elf Uhr an erwartete man seine Heimkehr stündlich. Er aber kam nicht. Da endlich brachte eine alte Botenfrau, die täglich auf dem Schlosse verkehrte und den jungen Herrn schon jahrelang kannte, die Nachricht, daß er sammt seinem Pferde in einem tiefen Steinbruche läge. Roß und Reiter aber seien todt.
Man eilte sogleich hin an den Ort und fand die Hiobspost vollkommen bestätigt. Wie der Baron mit seinem Pferde in den Steinbruch gerathen war, konnte nicht ermittelt werden.
An der Stelle, wo das Unglück geschehen war, wurde ein Kreuz errichtet und dieses traurige Denkmal alljährlich am Todestage des tollen Reiters frisch bekränzt.
58. Am Bache.
(Umstandswörter der Weise.)
Eines Tages ging ein Großvater mit seinem Enkel +gemüthlich+ im Walde spazieren. Indem sie +so langsam+ dahin gingen, kamen sie an einen Bach. Seine Wellen plätscherten +lustig+ dahin. Die kleinen, silbernen Schaumperlen drängten unaufhaltsam vorwärts. Ebenso eilig rollten Hunderte von Sandkörnchen auf dem klaren Grunde dahin.
Vor diesem Bache blieb der Großvater plötzlich stehen. „Sieh Dir dieses Wässerchen einmal recht genau an“, sagte er hierauf bedächtig zu seinem Enkel. „Es redet gar ernst zu Dir! Es predigt Dir nachdrücklich eine wichtige Lehre.“
Der Knabe sah dem Wellenspiele eine Weile unverwandt zu und sagte dann wie verwundert: „Was meinst Du damit, Großpapa?“
„Sieh, mein Kind“, erwiderte dieser feierlich, „wie diese Wellen schnell dahinfließen, so rastlos flieht die Zeit, so eilig geht unser Leben dahin. Ist es doch, als treibe ein Tropfen den andern. Ebenso drängt mächtig eine Stunde die andere. Umsonst suchst Du hier ein Tröpfchen, das noch einmal umkehre. Vergebens flehst Du eine Stunde Deines Lebens zurück. Stracks eilt hier jeder Tropfen dem großen Oceane zu. Gerade so eilen unsere Tage in das Meer der Ewigkeit.
Ob wir fromm und weise leben, oder anders: unser Weg geht schnurgerade nach dem Grabe. Tausende kommen unerwartet dort an und blicken dann oft reuevoll auf ihre Vergangenheit zurück. Darum hüte Dich fein, mein lieber Sohn, daß es Dir nicht auch einmal also ergehe.“
59. Der Geizhals.
(Umstandswörter der Stärke.)
Der Bauer Murmel war +überaus+ geizig. Er aß sich +kaum+ satt. Er trank nie ein Glas Bier, wie andere Bauern, sondern +nur+ Wasser. Ein Rock mußte bei ihm mindestens zwanzig Jahre halten. Er arbeitete von früh bis abends fast ununterbrochen. Dabei strengte er sich oft dermaßen an, daß er plötzlich entkräftet zusammensank.
Höchst selten schlief er länger als vier Stunden. Sehr oft sah man ihn sogar noch vor Sonnenaufgang wieder auf dem Felde arbeiten. Des Sonntags an eine kleine Erholung zu denken, davon war er weit entfernt. Er sah es sogar nie gern, wenn ihn an diesem Tage irgend ein Freund besuchte. In die Kirche ging er gar nie. Das kostete ihn zu viel Zeit. Von ihm auch nur eine kleine milde Gabe zu erlangen, hielt außerordentlich schwer. Selbst die gesetzlichen Steuern zu zahlen, wurde ihm unsäglich sauer.
Seine Dienstboten hatten es unerhört schlecht bei ihm. Ihre Kost war unbeschreiblich mager und kärglich. Und dabei nun Lust und Liebe zur Arbeit zu zeigen, war doch am Ende zu viel verlangt. Uebrigens behandelte er sie beinahe wie Sklaven. Kein Wunder daher, daß er wenigstens alle Vierteljahre neue Leute hatte.
Auf diese Weise scharrte Murmel freilich schrecklich viel Geld zusammen. Die ärmeren Leute des Ortes hielten ihn sogar für unmenschlich reich. Was aber half ihm all sein Reichthum? Der Tod klopfte doch eines Tages unerbittlich auch an seine Thür. Daß aber der Geizhals nun von seinen Schätzen Abschied nehmen sollte, machte ihm die Sterbestunde ungeheuer schwer. Er kämpfte entsetzlich. Der Tod aber schloß ihm endlich erbarmungslos die Augen und bald darauf theilten sich seine Erben höchlichst vergnügt in seine Güter.
60. Die Landbewohner.
(Umstandswörter der Aussageweise.)
„Es ist +durchaus+ unrecht“, sagte eines Tages Vater Wolfram zu seinen Kindern, „daß manche Städter die gewöhnlichen Landleute mißachten. Diese haben +freilich+ keine hohe Schule besuchen können. Sie sprechen +kein+ regelrechtes Deutsch. Sie gehen nicht in Sammt und Seide einher. Sie kleiden sich überhaupt keineswegs stets nach der neuesten Mode. Sicher aber sind sie trotzdem ganz ehrbare Leute.
Es finden sich wohl unter den Landbewohnern zuweilen rohe Naturen. Aber sind dergleichen etwa innerhalb der Stadt vergeblich zu suchen? Vielleicht trifft man gerade in den Städten oft mehr Ungeschliffenheit unter dem niederen Volke, als auf dem Lande. Jedenfalls darf sich keine Stadt rühmen, lauter anständige Bewohner zu zählen. Wir Städter würden es sicherlich bitter empfinden, wenn die Landleute uns einmal ihre Dienste versagen wollten. Wer Vorrath an Lebensmitteln hätte, könnte es allenfalls einige Wochen mit ansehen. Die Anderen aber würden wahrscheinlich sehr bald flehentlich bitten: Kommt wieder, Ihr lieben Bauern und bringt uns Brod, wir müssen ja sonst verhungern!
Darum, Kinder, fragt Euch, ob Ihr vielleicht auch einmal verächtlich auf jene Leute hingeblickt habt. Und wäre es ja der Fall gewesen, so dürfte das schlechterdings nicht wieder vorkommen.
Möglicherweise gehe ich in nächster Zeit mit Euch einige Tage auf das Land, dann werdet Ihr Euch gewiß selbst überzeugen, daß die Landbewohner wirklich allermeist kreuzbrave Leute sind, die unbedingt unsere Achtung verdienen. Wer freilich stolz auf sie herabblickt, dem begegnen sie allerdings nicht selten mit Mißtrauen.
Werdet Ihr sie bei ihrer schweren Arbeit auf dem Felde sehen, denkt Ihr gewiß bei Euch: Nein, um dieses Loos sind sie wahrlich nicht zu beneiden! Und doch, Kinder, hört man sie fast nie klagen, daß sie so recht im Schweiße ihres Angesichts ihr Brod essen müssen.“
61. Die Staare.
(Umstandswörter der Frage.)
„+Was+ sind denn das für Kästchen, die dort auf den Bäumen hängen?“ fragte der kleine sechsjährige Gustav seinen Vater, mit dem er eben an einem Garten vorüberging.
„Das sind Staarmästen, mein Sohn“, sagte der Vater.
„+Wozu+ sind denn diese Staarmästen da, Papa?“
„Damit die Staare ihre Nester hineinbauen können.“
„+Wovon+ bauen denn die Staare ihre Nester?“
„Meist aus Stroh, Heu und Moos.“
„Aber womit bauen sie denn? Sie haben ja keine Werkzeuge, wie Du, Papa, wenn Du einmal etwas baust?“
„Sie bauen mit ihrem Schnabel und mit ihren Füßen.“
„Wo sind denn aber jetzt die Staare? Man sieht ja keinen?“
„Sie sind zur Zeit noch nicht von ihrer Reise zurück, lieber Gustav.“
„Wohin sind sie denn gereist?“
„Nach wärmeren Ländern, weil es ihnen bei uns zu kalt wurde.“
„Wann reisten sie denn ab?“
„Sie reisen stets mit Eintritt des Herbstes von uns fort, weil es ihnen eben bei uns zu kalt wird.“
„Wie finden sie denn aber den Weg hin und zurück?“
„Den zeigt ihnen der liebe Gott, mein Sohn.“
„Ob sie denn nun bald wiederkommen?“
„Es kann nicht lange mehr dauern.“
„Woher weißt Du denn das?“
„Weil der Februar bald zu Ende geht und Anfang März kehren sie gewöhnlich zurück.“
„Aber, sage mir, Papa, weshalb bauen denn die Staare ihre Nester nicht zwischen die Aeste, wie andere Vögel?“
„Ganz einfach. Weil sie die geschützten Räume lieben.“
„Und warum hängt man denn nicht auch für die Finken und Zeisige solche Mästen auf?“
„Weil diese Vögel es vorziehen, ihre Nester frei zwischen die Zweige zu bauen.“
„Wieviel Eier legt denn ein Staar?“
„Vier bis sechs Stück und das jährlich zwei- bis dreimal.“
„Papa, da fällt mir eben ein, daß einmal unsere Köchin sagte, man könne die jungen Staare essen, aber man dürfe es nicht. Weswegen denn?“
„Weil die Staare sehr viel Ungeziefer vertilgen und deshalb sehr nützlich werden.“
„Papa, sieh, sieh! Dort setzte sich eben ein schwarzer Vogel auf den Baum. Nicht wahr, das ist ein Staar?“
„I bewahre, Gustav.“
„Wofür hältst Du ihn denn?“
„Es ist eine Amsel.“
62. Eine Wanderschaft.
(Wiederholung der Umstandswörter.)
Hans, der noch sehr jung, aber schon ziemlich leichtsinnig war, ging eines Tages gänzlich unerwartet auf die Wanderschaft. Wo er eigentlich hin wollte, wußte er nicht. Ob ihn sein Wanderstab hierhin oder dorthin führen werde, war ihm ganz gleich. Er meinte immer, es sei überall viel zu sehen und man dürfe sich deshalb auch nirgends zu lange aufhalten. Trotzdem aber saß er zuweilen stundenlang auf einem Berge und stierte träumerisch in die Welt hinein. Bald sah er links, bald rechts, bald vorwärts, bald rückwärts.
Nur selten nahm er Arbeit an. Hatte er einmal kein Geld mehr, schrieb er schleunigst heim an seine Mutter und flugs kamen wieder einige Kassenscheine angewandert. „Heisa!“ jubelte er nun da gewöhnlich, „jetzt habe ich wieder Geld! Jetzt frisch und fröhlich weiter!“
So durchwanderte er sorgenlos, aber eigentlich auch zwecklos Städte und Länder und war jederzeit wohlgemuth. An den wirklichen Zweck des Wanderns dachte er selten und nie ernstlich. „Heute hier, morgen dort und immer lustig und gut leben“ war sein Wahlspruch.
Fünf Jahre war er jetzt bereits auf Reisen. Sein Aeußeres hatte sich in dieser Zeit merklich verändert. Ein starker Bart bedeckte über und über sein Gesicht. Das blühende, zarte Roth war längst von den Wangen gewichen. Sie hatten sich tief gebräunt. Sein Körper war hoch aufgeschossen und hatte sich kräftig entwickelt. Seine früher dünne Stimme klang jetzt tief, voll und männlich.
Da beschloß Hans endlich, wieder heimzukehren. Und mit der Ausführung dieses Entschlusses zögerte er auch keineswegs lange. Als ihn wenige Tage darauf einmal der Regen tüchtig durchpeitschte, kehrte er plötzlich um und nahm seinen Weg schnurstracks nach Hause.
„Ob man mich denn daheim wiedererkennen wird, oder nicht?“ dachte er still für sich.
Er reiste jetzt außerordentlich schnell. Nirgends rastete er lange. Er gönnte sich kaum Zeit, gehörig auszuschlafen. Bald war die Heimat erreicht. Langsam schritt er jetzt sein Vaterdorf entlang. Die Leute gingen stumm und gleichgiltig an ihm vorüber. Niemand erkannte ihn, sogar seine Schwester nicht. Kaum aber erblickte ihn seine Mutter, die zufällig unter der Hausthür stand, rief sie ihn sogleich bei seinem Namen und fiel ihm gerührt und weinend um den Hals.
Was aber hatte dem Hans die lange Wanderschaft wirklich genützt? Nichts, wenigstens nicht viel. Er hatte nur gesehen, hatte blos gut gegessen und getrunken, aber blutwenig gelernt.
Das Verhältnißwort.
63. Das Vaterhaus.
(Verhältnißwörter des Ortes.)
Ach wie gern, schrieb ein siebzigjähriger Greis, denke ich noch heute +an+ mein liebes Vaterhaus zurück! Es war eigentlich nur eine Hütte und stand dicht +an+ einem Felsen +in+ dem schönen Lande Tyrol. +Auf+ ihrem niederen Moosdache blühten niedliche Waldblümchen. Ach, unter ihnen habe ich manch schönen Knabentraum geträumt! Hinter den schmalen Fenstern standen im Sommer stets Sträußchen Alpenrosen und Edelweiß. Neben der Hausthür kletterte wilder Epheu an der Wand empor. Ueber der Thür war ein Muttergottesbild gemalt. Noch sehe ich, wie lieb die fromme Maria auf uns Kinder herniederschaute!
Vor der Hütte rann ein frischer Waldbach murmelnd dahin. Zwischen ihm und dem Häuschen lag ein kleines Gärtchen, das uns Salat, Möhren und Rüben in die Küche lieferte. Oberhalb des Gärtchens führte ein schmaler Steg über das Wässerchen. Jenseits desselben beschattete niederes Gebüsch die Silberwellen und diesseits desselben zog sich eine blumenreiche Wiese hin.
Wie oft habe ich an diesem Bächlein gesessen, wenn über ihm die Mücken spielten und innerhalb seiner Tümpel die Schmerlen hin- und herhuschten.
Unterhalb unserer kleinen Besitzung hatte mein Vater ein kleines Wehr erbaut. Vor demselben staute natürlich das Wasser und so hatten wir zur heißen Sommerzeit ein kühlendes Bad. Welche Lust in dem frischen Wasser! Wie Frösche hüpften wir in die klare Tiefe, wie Fische tauchten wir unter das Wasser, wie kleine Wassernixe tanzten wir dann wieder längs des Ufers hin. Kein Wunder, daß wir des Tages mehr als einmal zu dem erquickenden Plätzchen eilten.
Aber auch außerhalb des engen Kreises unserer Häuslichkeit gab es für uns Kinder viel Lust. Wie herrlich war es, wenn wir unsere zwei Geisen hinter die Felsen an den stillen Schwummersee führen konnten! Während sie nach den saftigen Kräutern gingen, legten wir uns zwischen schattiges Gebüsch oder hinter einen Felsblock. Hatten sich die Geisen gesättigt, streckten auch sie sich zuweilen neben uns hin.
Läutete dann das Abendglöcklein von der Dorfkapelle, ertönte kein Laut mehr aus den Zweigen, zogen wir heimwärts, singend und jodelnd bis vor unsere Hütte.
O schöne, süße, goldene Jugendzeit im geliebten Vaterhause!
64. Vor Paris.
(Verhältnißwörter der Zeit.)
+Während+ der Belagerung stand ein deutscher Soldat auf Vorposten. Er war erst +vor+ zwei Tagen aus dem Lazarethe entlassen worden und noch etwas schwach. +Seit+ dem frühen Morgen schon quälte ihn der Hunger. Aber unter zwei Stunden durfte er den Brodbeutel noch nicht öffnen. Binnen dieser Zeit mußte er seine Augen streng auf die feindlichen Wälle gerichtet halten.
Da trat eine arme Mutter mit drei todtenblassen Kindern an ihn heran und flehte um einen Bissen Brod. Sie habe, erzählte sie, schon vor dem letzten Ausfalle Paris verlassen und irre bereits seit drei Tagen umher. Während dieser Zeit aber hätten sie und ihre Kinder noch keinen Bissen zu essen gehabt.
Nach kurzem Besinnen griff der brave Soldat in seinen Beutel und reichte den Aermsten all sein Brod. „Hier, eßt“, sagte er. „Habe ich auch bereits bei acht Stunden Hunger gelitten, ich halte es noch aus, Ihr aber würdet binnen vierundzwanzig Stunden dem Hungertode erlegen sein.“
65. Die Rückkehr der Helden.
(Verhältnißwörter der Weise.)
+Unter+ dem Geläute der Glocken zogen die rückkehrenden Krieger in die Residenz ein. +Mit+ Sang und Klang marschirten sie die reichgeschmückten Straßen dahin. Die Reihenfolge der verschiedenen Truppen war nach dem Befehle des Feldmarschalls bestimmt worden.
Ohne Heuchelei wurden die Helden von allen Seiten aufs herzlichste begrüßt. Sie sahen, wider alles Erwarten, frisch und munter aus, obgleich viele von ihnen heute schon mehrere Stunden bei heißem Sonnenbrande marschirt waren. Selbst dem Feldmarschall, der sammt seinem Stabe die Spitze bildete, schien dieser wahrhaft begeisterte Empfang gegen alle Voraussetzung zu sein.
Mit Blumen reich geschmückt langten endlich die Soldaten in ihren Quartieren an, wo sie unter warmen Händedrücken empfangen wurden und sich nun meist bei einer Flasche Wein gütlich thun konnten. Da trank denn auch mancher alte Papa heute fast wider seinen Willen und gegen seine Gewohnheit ein Gläschen mehr mit dem glücklich heimgekehrten Sohne.
Freilich verlief das schöne Fest auch in mancher Familie nicht ohne bittere Thränen. Zuweilen den einzigen Sohn, ein Kind nach aller Herzen, hatte die feindliche Kugel durchbohrt. Er kehrte sammt vielen Tausenden nie mehr heim!