Part 3
Mit Reue dachten sie an ihre Vergangenheit und an ihr einstiges Vaterland zurück, wo sie ein Leben in Wohlsein und ohne alle Trübsal geführt hatten. Die Sehnsucht nach dem alten Daheim ergriff sie, aber es fehlte ihnen am Besten, die Rückreise anzutreten. So sanken die armen Deutschen immer tiefer ins Unglück. Nirgends fanden sie Trost und Beistand. Sie mußten in ihrem kümmerlichen Dasein ausharren, bis sie der Tod von allem Jammer erlöste.
11. Gastfreundschaft.
(Doppelhauptwörter.)
An einem einsamen +Waldrande+ lag eine +Köhlerhütte+. Das niedere +Strohdach+ war vom +Sturmwinde+ zerzaust und bedurfte der Ausbesserung. Wo aber sollte der arme +Waldarbeiter+ +Dachstroh+ hernehmen? Sein +Tagelohn+ langte kaum zur Morgensuppe, zur Mittagsmahlzeit und zum Abendbrode für sich und seine Kinderschaar. Auch die dünnen Lehmwände der Köhlerwohnung zeigten Zerstörungsspuren. Regengüsse und Hagelwetter hatten sie gepeitscht, den Kalkbewurf abgespült und das Lehmwerk durchlöchert, sodaß zur Winterszeit die rauhen Nordweststürme ungehindert hindurchpfeifen konnten. Ein Hausthürverschluß war nicht mehr möglich, denn die Thürschloßfeder war zersprungen. Die Fensterscheiben vertrat hier und da ein Streifen von Kaffeedütenpapier oder ein Volkskalenderblatt.
An einem Herbstabende saß die Köhlerfamilie um den schmalen Holztisch und verzehrte ihre Abendmahlzeit. Da trat plötzlich ein vornehmer Jägersmann, einen schmucken Filzhut mit einer Birkhuhnfeder auf dem Kopfe, einen Hirschfänger mit Perlmuttergriff, ein Pulverhorn mit Silberquaste an der Seite und eine Schrotflinte auf dem Rücken, ein. Er erklärte, daß er von seinem Jagdgefolge abgekommen, auf verschiedene Kreuzwege gerathen sei und so sammt seinem Dachshunde und Windspiele den Hauptwaldpfad verloren habe. Schließlich bat der Waidmann um ein Nachtquartier und sei es auch nur ein Dachkammerraum mit einem Strohlager.
Die braven Köhlereheleute erklärten sich zu diesem Liebesdienste gern bereit und luden den vornehmen Stadtherrn ein, wenn er Hunger habe, mit ihnen Kartoffelsuppe und Butterbrodschnitte nebst Quarkkäse zu essen. Der Jägersmann dankte, da er kein Magenbedürfniß verspüre.
Während ihm nun das Nachtlager auf der breiten Ofenbank bereitet wurde, unterhielt er sich in scherzhafter Weise mit dem Kinderkreise. Er gab den Knaben Buchstabenräthsel und recht lange Hauptwörter zum Nachsprechen auf, um ihre Zungenfertigkeit und Sprachgewandtheit auf die Probe zu stellen. So mußten sie z. B. die Riesenhauptwörter nachsprechen: Dudelsackpfeifenmachergeselle, Schornsteinfegerknabenwassersuppentellerrand, Pulvermühlennachtwächterseitengewehrscheidenspitzenknopf.
Den Kindern machte diese Zungenarbeit viel Spaß. Als das Ofenbanklager fertig war, begaben sich der Fremde und auch die Köhlerfamilie zur Ruhe. Wie sehr aber erschrak und erstaunte der alte Hausvater am andern Morgen, als ihm der Nachtgast mit Sonnenaufgang fünf Kronenthaler in die harte Arbeitshand drückte und ihm beim Abschiedsgruße sagte, daß er dem +Kronprinzen+ Gastfreundschaft gewährt habe.
12. Eine musterhafte Schülerin.
(Nichthauptwörter zu Hauptwörtern erhoben.)
Die reiche Kaufmannstochter Mathilde war ein Muster einer Schülerin. Das +Aufmerken+ und +Lernen+ gewährte ihr einen Genuß. Das +Lesen+ hatte sie in drei Monaten erlernt. Auch das +Schreiben+ hatte sie leicht begriffen, nur das kleine Err und das Eszett machten ihr Schwierigkeiten. Im Rechnen erwarb sie sich stets die erste Censur. Ebenso geschickt stellte sich Mathilde zum Zeichnen, Singen, Clavierspielen, Häkeln, Stricken, Sticken und Turnen an. Sie liebte alles Gute, Schöne und Nützliche und ihr Streben und Ringen darnach trug die schönsten Früchte.
Auch das Wunderbare und Erhabene der Natur beobachtete sie gern und oft. Das Großartige und Erhebende des Sternenhimmels erfüllte sie mit frommem Staunen. Nicht minder freute sie sich über das Niedliche und Zierliche der kleinen Blumen. Deshalb liebte sie auch das Freie, namentlich in seiner Morgenfrische. Das liebliche Grün und die traute Stille des Waldes machten ihr denselben zu einem Lieblingsaufenthalte.
So blieb ihr ganzes Denken und Fühlen auf das Edle gerichtet und deshalb schlug das Fromme und Gottesfürchtige immer tiefere Wurzel in ihrem Gemüthe.
Dieses fromme Empfinden erkannte man auch aus allen ihren stilistischen Arbeiten, in denen sie ebenfalls Vorzügliches leistete. Darin standen kein Und und kein Aber am falschen Platze und kein Satz enthielt irgend etwas Unrichtiges oder Ueberflüssiges.
Kurz, Mathilde war und blieb die Beste und Ausgezeichnetste ihrer Schule und dieses Brave und Gediegene bewahrte sie sich zu ihrem Glücke ihr Lebelang.
13. Belohnter Gehorsam.
(Wiederholung der Hauptwörter.)
Im lieben Sachsenlande liegt dicht an der Grenze von Böhmen ein Dörfchen mit Namen Wernsgrün. Am Ende desselben stand ein Hüttlein mit Strohdach und winzig kleinen Fenstern. Durch die schmalen, bleichen Scheiben konnte kaum ein Sonnenstrahl hindurchdringen.
In dieser Hütte wohnte der alte Kilian mit seinen beiden Kindern. Die Kinder hießen August und Ernst. August zählte sieben Lebensjahre, Ernst dagegen hatte zehn Sommer hinter sich. Ihre Kleidung bestand in Kitteln aus grober Leinwand.
Eines Tages saßen beide Brüder vor der Thür und spielten mit Sand, einigen Stäbchen Holz und drei Soldaten aus Zinn. Bald aber hatte Ernst das Spielen satt und sagte zu seinem Bruder: „Komm, laß uns ins Grüne gehen. Dort werden wir mehr Vergnügen finden.“
Der Jüngere gab seine Zustimmung. Kaum aber hatten sie am grünen Ufer des Wiesenbaches ihren Zeitvertreib begonnen, rief sie der Vater in das Haus zurück. Sie sollten jetzt wieder an ihre Arbeit gehen und Stroh flechten.
Die Knaben machten wahre Essiggesichter, denn das Haschen und Verstecken war ihnen natürlich lieber als das Stillsitzen und Arbeiten. Aber sie zeigten ohne Murren Gehorsam. Und ihre Folgsamkeit sollte noch dieselbe Stunde Belohnung finden.
Nach etwa zehn Minuten fiel draußen, in ziemlicher Nähe, ein Schuß. Vor Schreck fuhren die Kinder zusammen. Sie und ihr Vater und ihre Mutter eilten zur Hausthür. Und was erblickten ihre Augen? An der Stelle, wo die Knaben vor kurzer Zeit noch -- kaum vor Ablauf von zehn Minuten -- ohne alle Besorgniß allerlei Spiele gespielt hatten, hatte soeben ein Jäger, dicht an einem Erlenbaume, einen tollen Hund erschossen.
Wie freute sich nun das Geschwisterpaar ob seiner Folgsamkeit!
Eigenschaftswörter.
14. Formen der Pflanzenwelt.
Welch verschiedene Formen und Farben gibt es doch in der Pflanzenwelt! Da steht die Pappel, hoch und +schlank+; nicht weit davon ein +tausendjähriger+ Eichbaum, +niedrig+ zwar, aber +stark+ und +knorrig+. Seine Aeste sind vielfach gekrümmt und gebogen, seine Wurzeln dick und runzlig. Seine Rinde ist fest, aber zerklüftet und zerrissen. Hier steigt eine Tanne schlank in die Luft empor. Ihr Stamm ist schnurgerade und ebenmäßig, unten stark, nach oben zu dünn und zuletzt ganz spitz.
An ihrem Fuße wuchert eine Birke empor. Sie ist jung und kräftig, ihre Krone dicht belaubt, ihre Schale blendend weiß, wie Silber.
Wie unterschiedlich sind selbst die Stengel der kleinsten Pflanzen! Der eine ist rund, der andere drei- oder vierkantig; der eine glatt, der andere behaart oder klebrig; der eine markig, ein anderer fleischig oder holzig. Einige sind hohl, andere voll; einige gegliedert, andere gedreht oder geschlängelt. Der eine Stengel ist steif, unbiegsam und spröde, ein anderer beweglich, weich und elastisch.
Betrachten wir nun erst die verschiedenen Blattformen. Da gibt es ovale, runde, herzförmige, schmale, breite, glattrandige, gezahnte, gezackte, getheilte, gefiederte u. s. w. Noch weit mehr verschiedene Formen aber zeigen uns die Blätter der Blumenkronen. Unter ihnen finden sich röhren-, trichter-, lippen-, rachen-, keilförmige u. dergl. Und wie überaus zart und reizend sind diese buntfarbigen Blumentheile! Wer auf alle diese Abwechselungen in der Pflanzenwelt genau achtet, muß eitel Lust haben an den Werken des Herrn.
15. Der Frühling.
(Abstrakte Eigenschaftswörter.)
+Fröhlich+ ist das Herz, wenn der +liebliche+ Frühling naht! Der Winter war +kalt+ und +rauh+, jetzt wird die Luft +lau+ und +angenehm+, zuweilen gar schon warm. Im Winter war es still und öde auf den Fluren; die Wälder erschienen todt, die Bächlein erstarrt. Jetzt werden die Haine lebendig, die Bächlein wieder wach und munter. Die Felder lagen kahl, jetzt sehen wir sie grün. Die Wiesen stehen geschmückt, wie mit einem bunten Blumenteppiche. Die eine Blume sieht roth, die andere weiß, die dritte gelb oder blau aus. Die Vögel zeigen sich eifrig im Gesange und emsig im Bau ihrer Nester. Wie ist der Schlag des Finken so lustig, das Lied der Nachtigall so süß, der Morgenpsalm des Staares so erhebend! Ein Herz, das fromm und rein, stimmt mit ein in die Lobgesänge und preist den allmächtigen Schöpfer, der im Frühlinge recht deutlich zeigt, wie weise und gütig er ist.
16. Der Geizhals.
(Zusammengesetzte Eigenschaftswörter.)
Andreas war ein +steinreicher+ Bauer, aber dabei +erzgeizig+. Für ihn gab es in der +wunderreichen+ Gotteswelt kein +zaubervolleres+ Bild, als ein +blitzblanker+ Thaler. Hielt er ein solches Geldstück in der sonnverbrannten, hufbesetzten Hand, erschien sein Auge überglücklich, ja glückselig. An ein Wiederausgeben eines solch werthvollen Kopfstückes war bei ihm nicht zu denken. Es wanderte in einen alten, aschgrauen, baumwollenen Strumpf, der im fast heckerklaren Strohe seines baufälligen Bettes stak. War ein solcher Strumpf gefüllt, versenkte er ihn in einen eisenbeschlagenen, diebesfest sein sollenden Koffer, vor dem ein riesenhaftes Schloß lag. Dieser centnerschwere Koffer stand unter seiner armseligen Lagerstatt. Ein doppelläufiges, scharfgeladenes Gewehr bildete seine Sicherheitswache, sowohl am sonnenhellen Tage, wie in tiefdunkler, grabesstiller Nacht.
Kein hilfsbedürftiger Freund erhielt von dem Geizhalse auch nur die allerkleinste Unterstützung. Keinem Wanderburschen, und war er noch so blutarm, reichte er einen Zehrpfennig. Das bleichwangige Bettelkind, das kleinlaut an seine dickeichene Thür klopfte, rührte nicht im mindesten sein liebeleeres Herz.
Er selbst führte ein wahrhaft jammervolles Leben. Sein Mittagsessen bestand meist in graubraunem, fast steinharten Brode und dickschaligen Kartoffeln, die er in wasserdünnen Schmalz tauchte. Ein Stück wohlschmeckendes Fleisch war ihm zu theuer. Nie kam ein Glas wenn auch nur dünngebrautes Bier oder gar ein Glas magenstärkender Wein auf seinen Tisch. Thür und Thor seines alterthümlichen Gehöftes schloß er regelmäßig mit Sonnenuntergang zu und ließ dann den alten, graubärtigen Kettenhund los.
Von jetzt an durfte kein Mensch mehr eingelassen werden. Aus übergroßer Besorgniß fürchtete er, es könne sich ein langfingeriger Fremdling einschleichen und seinem herzinniglieben Hausgotte mit den erzgespickten Strümpfen einen unliebsamen Besuch abstatten.
Trotz aller wohlberechneten Vorsicht aber hatte sich in einer rabenschwarzen Nacht doch Einer eingefunden, der kaltblütig und erbarmungslos den bedauernswerthen Geizhals von all seinen mühselig errungenen Schätzen trennte. Dieser Unbarmherzige war der -- unerbittliche Tod.
17. Der wohlthätige Bettler.
(Das Eigenschaftswort vor dem Hauptworte.)
An einer +belebten Straßenecke+ saß ein +alter, blinder Bettelmann+. Er hielt seinen +durchlöcherten Hut+ in der +welken, zitternden Hand+ und bat um eine +kleine Gabe+. Viele reiche Leute gingen an einem einzigen lieben langen Tage vorüber und gewiß trugen die meisten wohlgefüllte Börsen bei sich. Zeugte doch oft ihr kostbarer Anzug von großer Wohlhabenheit. Man sah da Damen mit langen Schleppen, seidenen Schärpen, sammtenen Mänteln, theuren Spitzen, beblumten Hüten und feinen Handschuhen. Herren stolzirten dahin mit goldenen Uhrketten, blitzenden Tuchnadeln, funkelnden Ringen und elfenbeinernen Spazierstöckchen.
Nicht alle freilich trugen zu diesem äußern auch einen innern Schmuck, ein theilnehmendes, mitleidiges Herz. Das bewiesen sie dem hülfsbedürftigten Alten gegenüber. Mit kalten Blicken und gleichgültigen Mienen gingen sie an ihm vorüber. Nur einzelne zeigten aufrichtige Theilnahme, sprachen einzelne freundliche Worte mit dem bedauernswerthen Bettler und legten dabei eine klingende Gabe in seinen abgeschabten Hut.
Eines heitern Sommertages hörte der gutmüthige Alte eine weinerliche Stimme in seiner nächsten Nähe. Die klagenden Töne kamen von einem sechsjährigen, blassen Mädchen. „Was fehlt Dir, liebes Kind?“ fragte der lauschende Bettler mit besorgter Stimme.
„Ach, mich hungert so sehr“, erwiderte das dürftig gekleidete Mädchen mit wehmüthigem Ausdrucke. „Meine gute Mutter ist krank und hat kein Brod mehr für mich.“
Diese Worte rührten den weichherzigen Greis. Schnell griff er in seinen schwarzgrauen Hut, befühlte mit der dürren Hand die verschiedenen Geldstücke und gab der hülfsbedürftigen Kleinen einen kupfernen Fünfpfenniger. „Hier, armes Kind“, sagte er mit bewegten Lippen, „hast Du eine kleine Gabe. Geh und kaufe Dir bei dem neuen Bäcker hier links in der engen Gasse etwas für Deinen hungrigen Magen.“
Das überglückliche Mädchen dankte mit aufrichtigem Herzen, eilte die schmale Gasse dahin und kaufte sich ein neugebackenes Dreierbrod. Die übrigen zwei Pfennige aber nahm es seiner kranken Mutter mit nach Hause.
18. Ein Gewitter.
(Steigerung des Eigenschaftswortes.)
Es war ein heißer Julitag. Schon der Vormittag war +schwül+. Gegen den Mittag hin wurde es immer +schwüler+. Am +schwülsten+ aber erschien die Luft etwa um drei Uhr. Schon den Spaziergängern wurde es heiß; noch heißer mußte es den Arbeitern auf den Bauen, am heißesten aber den Landleuten auf dem Erntefelde werden. Das Thermometer, das schon immer hohe Hitzegrade gezeigt hatte, stieg höher, bis es endlich nach Tische den höchsten Grad erreicht hatte.
Da zeigte sich am Himmel eine schwarze Wolke, die sich aber mit jeder Minute schwärzer färbte. Am schwärzesten erblickte man sie nach Osten hin. Zu gleicher Zeit erhob sich auch ein ziemlich starker Wind. Auch er wurde von Sekunde zu Sekunde stärker, bis er endlich, als er am stärksten wüthete, die gewaltige Wolkenmasse in Bewegung setzte. Schnell erhob sie sich. Zusehends schneller und schneller stieg sie empor und überzog in ihrem schnellsten Fluge ein breites Thal, das nach Süden hin immer breiter wurde und mit seinem letzten, breitesten Theile an ein waldiges Gebirge stieß.
Düster lagen Berg und Thal. Noch düsterer erschien der riesige Nadelwald. Am düstersten aber sah es in den menschlichen Wohnungen aus. Feurige Blitze zuckten durch das Dunkel hindurch. Noch feuriger erschienen dieselben, wenn sie die dunkelsten Wolkenschichten zum Hintergrunde hatten. Am feurigsten jedoch kam ein solcher Blitz den Landleuten vor, wenn er in einen nahen Teich oder einen noch nähern Baum oder wohl gar in die nächste Hütte fuhr.
Heftig strömte jetzt auch der Regen herab. Immer heftiger schlugen die gewaltigen Tropfen an die Fenster. Am heftigsten brauste gegen vier Uhr die Wassermasse hernieder. Bald schossen kleine Bäche wild durch die Felder dahin. Wilder noch stürzten die Waldgewässer die Abhänge herab; am wildesten aber donnerte der angeschwollene Fluß das Thal entlang, die stärksten Bäume entwurzelnd und die festesten Mauern durchbrechend, ja sogar die kleineren Hütten mit fortreißend.
Da endlich hatte das Unwetter ausgetobt. Blitz und Donner wurden schwach, der Regen noch schwächer. Endlich glichen die schwächsten Blitze nur noch einem fernen Wetterleuchten. Entsetzlich sahen die zerrissenen Felder aus. Noch entsetzlicher aber waren die Verheerungen in den Dörfern jenes fruchtbarsten aller Thäler des Landes. Den entsetzlichsten Eindruck indeß machte das Jammern und Wehklagen der ärmeren Bewohner, von denen viele den größten Theil ihrer Habe verloren hatten.
Gut waren die Leute weggekommen, deren Häuser weit vom Flusse lagen, noch besser die, deren Hütten an den Berglehnen standen, und am besten diejenigen, die auf dem Kamme des Höhenzuges wohnten. Sie hatten zwar auch viel Schaden gehabt, die an den Berglehnen aber weit mehr und die Thalbewohner den meisten.
19. Ein Begräbniß.
(Eigenschaftswörter ohne Steigerung.)
Die +ehernen+ Zungen der Kirchenglocken schwiegen. Der Leichenzug war auf dem +umfriedigten+ Gottesacker, wo alle die +ewige+ Ruhe finden, angekommen.
Der hölzerne Sarg wurde von der umkränzten Bahre abgesetzt. Acht Träger trugen ihn stumm einem offenen Grabe zu. Auf dem schwarzsammtenen Leichentuche standen mit goldenen Buchstaben die Worte in einem silbernen Kranze: „Er ist erlöst und geht in seine wahre Heimat zurück.“
Der Sargdeckel mit kupfernen Handhaben und zinnernen Verzierungen wurde jetzt noch einmal abgehoben. Da lag nun der Todte, bleich und regungslos, in der starren Hand einen frischgrünen Palmenzweig. Ein seidenes Gewand umhüllte den todten Leib. Ein damastenes Käppchen begrenzte die gefurchte Stirn.
Die Angehörigen standen um den Sarg her, aber nicht in der üblichen Trauerkleidung. Der Entschlafene hatte schriftlich die Bitte hinterlassen, daß man um seinetwillen nicht die tiefschwarzen Gewänder anlegen solle.
Jetzt trat der greise Geistliche herzu, die Weinenden zu trösten. „Unzählbar“, sagte er unter Anderem, „wie die Sterne des nächtlichen Himmels, sind die seligen Wohnungen, die der allmächtige Himmelsvater den erblichenen Erdenpilgern dort oben bereitet hat. Mag auch der irdische Leib zerfallen, mag der unüberwindliche Tod den Lebensfaden zerreißen, wir weinen nicht trostlos. Wir sind nicht blind für den auferstandenen Heiland, nicht taub für seine ewig wahren Verheißungen, sondern blicken glaubensvoll hinauf in das unvergängliche Reich, da es ein Wiedersehen gibt. Auch dieser Entschlummerte wird einst wieder wach und verklärt eingehen zur endlosen Himmelswonne.“
Die Sonne stand mit ihrer purpurnen Scheibe schon halb hinter den fernen, blauen Bergen, als der Sarg in die stockfinstere Gruft hinabgesenkt wurde. Noch ein lautloses Gebet, eine Hand voll Erde auf den Sarg und die Begräbnißfeierlichkeit war beendet.
20. Die beste Apotheke.
(Declination des Eigenschaftswortes ohne Artikel.)
Julius, der Sohn +armer+ Eltern, war lange krank. +Feuchtes+ Stroh diente ihm als Lager. +Alte+ Röcke und +zerfetzte+ Tücher waren seine Decke. Keine +heilende+ Arznei und kein +stärkender+ Thee konnte ihm gereicht werden, lebten doch seine Eltern in großer Armuth, in schrecklichem Elende. Mit bangen Sorgen erwachten sie des Morgens, unter schwerem Kummer gingen sie des Abends zur Ruhe. Mit beklommenem Herzen vernahm die Mutter oft in dunkler Nacht das leise Wimmern des ruhelosen Kranken. Er litt besonders an heftigen Kopfschmerzen, an krampfhaftem Zucken in den Gliedern und an fieberhaftem Frösteln.
Vier lange Wochen waren bereits dem Kranken unter unsäglichen Schmerzen vergangen. Mit abgezehrten, todtenblassen Wangen, trüben, hohlen Augen und mageren Gliedern lag er da als ein Bild gräßlichen Elends.
„Barmherziger Gott!“ flehte die Mutter oft in stillem, inbrünstigen Gebete, „schicke doch meinem Kinde einen gnädigen Retter oder, wenn es Dein unerforschlicher Rath ist, einen endlichen Erlöser!“
Eines Tages klopfte ein Wanderbursch an die Thür und bat um ein Stück Brod. Trüben Auges reichte ihm die Mutter eine kleine Gabe.
„Was fehlt Euch?“ fragte theilnehmenden Herzens der Wanderbursch. Mit stummer Handbewegung deutete die Mutter auf das Krankenlager. „O weh!“ versetzte der Wanderbursch, als er den Knaben mit schon halbgebrochenem Auge und erdfahlem Antlitze erblickte. „Wie und womit behandelt ihn der Arzt?“ -- „Der Arzt?“ erwiderte die Mutter mit bewegter Stimme. „Womit sollten wir armen Leute einen Arzt bezahlen können?“ -- „O“, versetzte der Wanderbursch mit tröstlichem Tone, „Ihr habt einen sehr billigen Arzt und eine noch billigere Apotheke in nächster Nähe. Es ist der Brunnen dort im Hofe. Keine bessere Arznei für Euer Kind als frisches Wasser. In ihm liegt wunderbare Heilkraft. Mein seliger Onkel war Arzt, daher weiß ich es. Nehmt also frisches Wasser, reicht es dem Kranken als kühlen Trank, veranstaltet kalte Abreibungen, dann schlagt ihn in kaltfeuchte Tücher ein und wickelt ihn darauf in warme Decken. Es wird hierauf sehr bald heftiges Schwitzen erfolgen. Nach Verlauf von zwei solch heißen Stunden wascht Ihr den Körper mit lauem Wasser ab und wiederholt diese Behandlung täglich vor- und nachmittags. Gewiß wird sich der Kranke bald ruhiger Nächte, gesegneten Schlafes und überhaupt sichtlicher Besserung erfreuen.“
Aufmerksamen Ohres hatte die Mutter zugehört. „O, wärest Du uns als rettender Engel gesandt“, sagte sie zu dem Wanderburschen, „dankbaren Herzens würden wir ewig Dein gedenken! Was Du gerathen hast, werde ich befolgen, noch heutigen Tages. Schütze Dich Gottes gnädige Hand auf fernerer Wanderung!“
Einige Monate später war Julius genesen. Mit dicken Backen und kräftigem Fuße schritt er wieder einher. Des Wassers wunderbarer Kraft dankte er das Glück neuer, dauernder Gesundheit.
21. Ehrlichkeit.
(Wiederholung der Eigenschaftswörter.)
Ein armer Köhlerknabe saß unter einer hohen Tanne, deren schwarzgrüne Aeste weit umher das frische Moos beschatteten. Aus den dunklen Augen des blassen Knaben rannen helle Thränen.
Da kam ein alter Herr den holprigen Waldweg daher. Er trug eine grüne Uniform und einen kurzen Hirschfänger an der Seite. Sein faltiges, aber noch frisches Gesicht umgrenzte ein schneeweißer Backenbart. Der jugendliche Alte war der bejahrte Oberförster.
„Warum weinest Du?“ fragte der freundliche Alte mit liebevoller Stimme den fremden Knaben.
„Ach“, erwiderte dieser mit kläglichem Tone, „meine gute Mutter liegt krank darnieder. Ihre Augen sind fast blind. Deshalb soll ich in die nahe Stadt gehen und eine heilsame Salbe für die schwachen Augen holen. Ich aber habe das Geld dazu sammt einem ledernen Beutel verloren.“
„Ist es etwa dieser?“ sagte der graubärtige Herr, indem er ein kleines Beutelchen aus der gestickten Jagdtasche zog.
„O nein“, sagte der ehrliche Knabe, „mein Beutel war schlecht und dünn und lange nicht so voll wie dieser.“
„Dann ist es vielleicht dieser?“ erwiderte der erfreute Oberförster, indem er ein anderes graues Beutelchen aus der tiefen Seitentasche seines grünen Rockes zog.
„Ja, ja, dieser ist es“, rief der überglückliche Knabe.
Der biedere Alte war von dieser seltenen Ehrlichkeit gerührt, gab dem armen Knaben den löcherichen Beutel zurück und sprach: „Weil Du so brav und ehrlich bist, schenke ich Dir noch diesen blanken Thaler. Geh und kaufe Deiner leidenden Mutter manchmal eine stärkende Erquickung dafür.“
Der Artikel.
22. Der Abend.
(Der bestimmte.)
+Der+ Tag ging zu Ende. +Die+ Sonne sank. +Das+ Abendglöcklein läutete zum Feierabende. Der Landmann kehrte vom Felde heim. Die Heerde zog in ihren Stall zurück. Das Lerchenlied verstummte. Bald glänzten die Berge und die Hütten im Abendgolde und die Gräser funkelten im herrlichsten Thauschmucke. Die Blume schloß ihr Auge. Immer stiller und stiller ward der weite Schöpfungsraum. Die Natur sehnte sich nach Ruhe. Nur das Bächlein rauschte noch weiter und die Fledermaus kreiste noch pfeifend umher.
Auch die Hütten wurden still und stumm. Der Tag war heiß und die Arbeit um das liebe Brod sauer gewesen. Der Fuß und die Hand hatten das Tagewerk treu vollbracht. Das Nachtlager sollte nun die so nöthige Erholung bieten. Als daher die Sterne am Himmel glänzten und der Mond langsam emporstieg, lag das Dörflein bereits im tiefsten Schlafe. Die Engel Gottes aber schwebten über Reich und Arm und hielten treue Wacht.
23. Der Dachs.
(Der unbestimmte Artikel.)
+Ein+ Jäger zog durch +einen+ Wald. +Eine+ schöne Doppelflinte hing auf seinem Rücken und +ein+ Hirschfänger an seiner Seite. +Ein+ Dachshund und ein Windspiel begleiteten ihn.