Sprachbilder nach bestimmten Sprachregeln Ein einfaches und praktisches Hilfsbuch für den deutschen Sprachunterricht in der Volksschule

Part 4

Chapter 43,613 wordsPublic domain

Ein herrlicher Herbsttag lag auf den Gipfeln der Tannen und Fichten. Ein sonniger Hauch wehte auf den bebuschten Hügeln. Da sprang eine Rehkuh auf. Ein solches Thier ist für jeden Menschen eine angenehme Erscheinung. Ein Jägerauge aber zuckt freudig auf, wenn es ein solches Wild erblickt. Auch diesen Waidmann durchzuckte eine freudige Aufregung. Kaum war eine Minute vergangen, knallte ein Schuß und eine Ladung Schrot saß dem Thiere in einem Hinterlaufe.

Jetzt aber gab es eine ergötzliche Scene. Ein Wink und beide Hunde begannen einen wahren Wettlauf nach dem Rehe. Dabei aber war ein tiefer Graben zu überspringen. Für den Windhund war dies ein Spaß, eine ganz leichte Mühe. Nicht so für einen kurzbeinigen Dachshund. Dieser nahm zwar einen gewaltigen Anlauf, aber für ihn war ein solcher Graben eine zu weite Kluft. Er schoß einen Purzelbaum und rollte wie eine Kugel ein großes Stück den einen Rand hinab in eine Pfütze. Ein helles Gelächter begleitete seinen Fall. Eine Anzahl Waldarbeiter hatten ihn nämlich aus einer kleinen Entfernung beobachtet. Unter ihnen fand sich auch bald eine hülfreiche Hand, die mit einer Stange zur Rettung herbeieilte.

„Siehst Du“, sagte der Jäger zum ganz durchnäßten Dachse, „so geht es einem Voreiligen. Nimm Dir aus diesem Falle eine Lehre: Wer ein Dachs ist, muß es einem Windspiele nicht gleichthun wollen.“

24. Der Liederliche.

(Bestimmter und unbestimmter Artikel.)

Bernhard war +ein+ höchst unordentlicher Knabe. Dies zeigte +ein+ einziger Blick in +die+ Kinderstube, in der er sich aufhielt. +Der+ Bücherranzen, +der+ Stiefelknecht, +der+ Ball und +der+ Atlas lagen gewöhnlich beisammen unter der Ofenbank. Die Botanisirtrommel, die Mütze, die Federbüchse, die Schreibmappe und die Haarbürste erblickte man nicht selten in einem Winkel der Stube. Das Bibelbuch, das Tintenfaß, das Handtuch, das Wichszeug und das Vorhemdchen erhielten oft ihren Platz in einem Schubfache einer alten Kommode.

Der Vater und die Mutter, sowie auch das Stubenmädchen hielten dem Knaben deshalb oft eine Strafpredigt, aber all die Mahnungen und Warnungen fanden bei ihm ein taubes Ohr.

Auch der Lehrer hatte die größte Noth mit ihm. Namentlich bekundeten die Schreibebücher Bernhard’s die größte Liederlichkeit und einen hohen Grad von Leichtsinn. Die Umschläge waren zerrissen. Durchschnittlich das dritte Blatt enthielt einen Klecks. Die Schrift konnte man kaum lesen. Das Löschblatt glich einem Lappen.

Auch der Tadel und die Strafe des Lehrers besserten den Knaben nicht. Er blieb ein liederlicher Mensch sein Lebelang.

25. Ein Frühlingsmorgen.

(Desgleichen.)

Der Tag brach an. Die Sonne stieg im Osten empor. Das ferne Gebirge strahlte im Purpurgolde. Ein leichter Nebel stieg aus dem Thale auf. Eine Lerche flatterte aus dem Saatfelde empor und stimmte ein jubelndes Lied an. Die Gräser, Halme und Blumen blitzten im Perlenschmucke des Morgenthaues. Der Wald erwachte. Die Wiese belebte sich mit Schmetterlingen und Bienen. Das Wild lugte munter aus dem Gebüsche hervor. Bald zeigte sich auch das neuerwachte Leben in einem nahen Dörfchen, das eine lange Obstallee umgrenzte.

Der Hahn krähte. Die Tauben flatterten auf die Dächer. Das Ziegenböcklein meckerte im Stalle. Eine Menge Rauchsäulen stiegen aus den Schornsteinen empor. Der Knecht schirrte die Pferde ein, das Feld zu bestellen. Die Magd besorgte Futter für das Vieh. Es schien bereits darauf zu warten, denn die Kuh brummte, der Ochse brüllte, das Schwein grunzte, die Gans schnatterte und die Henne gackerte.

Bald darauf begann die Arbeit auf den Feldern. Hier zog ein Ochsenpaar einen schweren Pflug. Dort schleifte ein dicker Gaul eine Egge über ein knolliges Beet. Hier streute ein Landmann Korn auf einen wohlgedüngten Acker. Dort trieb ein Hirte eine wollige Heerde auf ein grasreiches Stoppelfeld.

So entwickelte sich von einer Viertelstunde zur andern ein immer regeres Leben, bis endlich der helle Tag die Menschen und die Thiere in voller Thätigkeit sah.

26. Ehre dem Tapferen.

(Declination der Artikel.)

+Der+ Kasernenhof +des+ vierten Reiterregiments war +der+ Schauplatz +einer+ großen Festlichkeit. +Der+ Commandant +des+ Reiterregiments übergab nämlich +dem+ Wachtmeister +der+ dritten Schwadron das eiserne Kreuz erster Klasse. Dieser brave Mann hatte dem Feinde vor dem Festungswalle eine Fahne entrissen. Die vielen Wundennarben des Tapferen zeigten noch von dem harten Kampfe um den Siegespreis. Die Stirn des Wachtmeisters war von einer feindlichen Kugel gestreift; an der Hand sah man einen Bajonettstich; in dem rechten Arme saß zur Zeit noch eine Kugel, die noch einen bedeutenden Schmerz verursachte.

Der Kasernenhof des Regiments war zu dieser Festlichkeit mit dem Laubwerke der Eiche geschmückt. An den Fenstern hingen Kränze. Ueber dem Haupteingange prangten des Königs Namenszug und das Wappen des Landes. Den Namenszug umflatterten eine Menge Fahnen. Vor dem Thorwege stand eine Art Ehrenpforte, deren Säulen bunte Blumenranken umspannen. Auf einem hohen Plumpenhäuschen, dem man ebenfalls ein festliches Gewand angelegt hatte, prangte die Fahne des Korps und wehte dem Helden ihre Grüße zu.

Das Musikchor spielte vor der Uebergabe der Auszeichnung den neuesten Sturmmarsch der Infanterie und nach der Feier einen Choral. Die Rede des Commandanten rühmte an dem Wachtmeister den großen Muth, die ausgezeichnete Tapferkeit und das treue Soldatenherz.

Der weite Kreis der Kameraden gönnte dem Braven den wohlverdienten Lohn. Eine solche Auszeichnung eines solchen Braven gab sogar einem Offiziere Veranlassung, bei Tische einen Toast auf ein so echtes Soldatenherz, wie der Wachtmeister besäße, auszubringen.

27. Die Rettung.

(Desgleichen.)

An dem Ufer eines Flusses spielten die Kinder eines armen Webers aus dem nahen Städtchen D. Sie ließen zuerst den Drachen steigen, den der ältere Knabe aus den Blättern des alten Hauskalenders gefertigt hatte. An dem Kopfe des Drachen sah man ein Gesicht mit einem schwarzen Barte. An dem Schwanzende flatterte ein Büschel bunter Federn. Da der Wind dem Spiele nicht günstig war und den Drachen nicht tragen wollte, schritten die Kinder zu einer anderen Unterhaltung. Sie suchten an dem Ufer des Flusses Muschelschalen und bunte Steine. Mit den Steinen wollten sie dann nach einem Stabe werfen, auf den sie einen alten Topf gestürzt hatten. Allein bei dem Suchen der Steine und der Muscheln glitt der kleine Paul von dem Ufer aus und fiel in den Fluß.

Sicher hätte das Kind des armen Webers den Tod in den Wellen gefunden, wäre nicht in dem nächsten Augenblicke ein Retter erschienen. Den Fluß daher kam nämlich der Diener eines Barons mit dem Pudel des Herrn. „Karo, ~apporte~!“ rief der Diener dem Pudel zu und zeigte auf die Wellen und den mit dem Tode ringenden Knaben.

Das Thier stürzte sich sogleich in das Wasser, schwamm dem Kinde nach, packte es an den Kleidern und zog es glücklich dem Ufer und den übrigen Kindern zu. Welch eine Freude unter den Geschwistern! Sie küßten dem Diener aus Dankbarkeit die Hand und hätten am liebsten auch den Pudel geküßt.

Der kleine, ganz durchnäßte Knabe wurde nun sogleich der heimathlichen Hütte zugeführt, dort entkleidet, in ein wollenes Tuch eingeschlagen und in das Bette gebracht, in dem er sich noch im Laufe des Tages von seinem Schrecken wieder ganz erholte.

28. Mißgunst.

(Wiederholung.)

Ein Spitz und eine Katze zankten sich um ein Stück Fleisch. Der Spitz hielt es mit den Pfoten und die Katze mit dem Gebiß. Das Fleisch war gebraten und roch der Katze vortrefflich. Eben so sehr stach es dem Hunde in die Augen. Des Hundes Kraft war indeß stärker als das Gebiß der Katze und darüber ärgerte sich die letztere. Sie wehrte sich mit einer wahren Verzweiflung, denn sie wollte den Hund nicht Sieger sein lassen.

Eine Viertelstunde wol mochte der Kampf gewährt haben. Ein Pudel hatte schon eine geraume Zeit von einer kleinen Entfernung aus dem Kampfe zugesehen. Ein Entschluß war längst bei ihm gefaßt. Die Beute sollte ein Frühstück für ihn werden. Das Kampfspiel aber schien ihm eine gewisse Unterhaltung zu gewähren.

Jetzt indeß, nach Ablauf von etwa einer halben Viertelstunde, harrte er nur noch eines günstigen Augenblickes.

Die Augen der Katze leuchteten immer feuriger. Der Kamm des Spitzes schwoll immer höher. Da plötzlich sprang der schlaue Pudel dazwischen. Ein Ruck, ein Schluck und das Fleisch war verschwunden.

Einen Moment standen der Spitz und die Katze wie verblüfft. Bald aber zogen beide mit einem grimmigen Blicke auf den Räuber ab. Beide sahen jetzt ein, daß, da sie nur ein Stück Fleisch gehabt hatten, sie besser gethan hätten, eine friedliche Theilung vorzunehmen.

Das Zahlwort.

29. Der Würfel.

(Bestimmte Zahlwörter.)

Der Würfel ist ein ganz regelmäßiger Körper. Er hat +sechs+ gleichgroße Flächen und +zwölf+ gleichlange Kanten. Die Flächen enthalten +vierundzwanzig+ rechte Winkel und bilden acht gleiche Ecken. Und hätten wir hundert oder auch tausend, ja eine Million verschiedene Würfel vor uns, wir würden an jedem ganz dieselben Verhältnisse entdecken.

Die Würfel, welche zum Spielen bestimmt sind, hat man auf jeder Seite mit Punkten versehen. Wir erblicken da einen Punkt, zwei, drei, vier, fünf und sechs Punkte. Man spielt mit zwei, drei, sechs, acht, auch zehn Würfeln und zählt dann diejenigen Punkte zusammen, welche die obenauf liegenden Seiten zeigen. So kann man bei zwei Würfeln zwölf, bei drei achtzehn, bei fünf dreißig, bei zehn sogar sechzig Punkte oder Augen gewürfelt haben. Die niedrigste Zahl würden bei zehn Würfeln zehn Punkte sein.

Das Spiel mit Würfeln ist nicht nur unterhaltend, sondern auch nützlich, indem man dabei eine Uebung im schnellen Zusammenzählen hat.

30. Ordnung.

(Ordnungszahlen.)

Der Lehrer Weizner hatte in seiner Klasse eine musterhafte Ordnung. Vom +ersten+ bis zum +letzten+ Schüler wußte jeder stets, was er zu thun hatte. Jeder Bankoberste hatte sein besonderes Aemtchen. So mußte z. B. der zweite Bankoberste die Schreibebücher, der dritte die Federn, der vierte die Rechenhefte, der fünfte die Bibeln austheilen. Der achte mußte für Reinlichkeit, der elfte für Lüftung des Zimmers sorgen. Dem zwölften lag das Abwischen der schwarzen Tafel ob. Kam der fünfundzwanzigste Tag des Monats, mußte der zehnte Bankoberste alle Censurbücher gesammelt haben. Diese aber durfte er nicht anders als wohlgeordnet übergeben. Es durfte z. B. das Censurbuch des fünfunddreißigsten Schülers nicht vor dem des vierunddreißigsten liegen.

Die Schreibefedern wurden auf ein Bret gesteckt. Jede trug eine Nummer am Halter. Auch auf diesem Federbehälter mußte Ordnung herrschen. Neben der vierzehnten Feder mußte die fünfzehnte, neben der vierzigsten die einundvierzigste stecken, sodaß beim Austheilen kein Irrthum entstehen konnte und z. B. der neunzehnte Schüler auch die neunzehnte Feder bekam.

Dieselbe eiserne Ordnung herrschte auch in Bezug auf die häuslichen Arbeiten. Jeden 15. oder 16. des Monats mußten die Aufsätze, jeden 10., 20. und 28. die Rechenbücher, jeden 12. und 24. die Geographiehefte eingegeben werden. In der 2. Stunde jedes 3. Wochentages wurden die gelernten Sprüche und Verse überhört.

So wohlgeordnet ging es fort Jahr aus, Jahr ein, vom 1. bis zum 365. Tage. „Und hätte ich es Euch schon zum tausendsten Male gesagt“, begann eines Tages der Lehrer, „muß ich es Euch doch immer wieder in Erinnerung bringen, daß es Euch äußerst heilsam ist, wenn Ihr Euch schon in Eurem ersten Schuljahre an strenge Ordnung gewöhnt. Ihr könnt es darin bis zu Eurem achten, also bis zu Eurem vierzehnten Lebensjahre, weit bringen. Und ich bin gewiß, Ihr werdet es in Eurem 60., 70. oder 80. meiner Strenge in diesem Punkte noch Dank wissen.“

31. Christbescheerung.

(Das unbestimmte Zahlwort.)

Es war kurz vor Weihnachten, als sich die Schüler einer Klasse vereinigten, einer armen Familie eine kleine Festfreude zu bereiten. +Alle+ versprachen, irgend eine Gabe dazu mitzubringen. +Mehrere+ Knaben, und darunter der Klassenoberste, wurden beauftragt, die Gaben in Empfang zu nehmen. Schon nach wenig Tagen ging das Sammeln sehr lebhaft. Einige Schüler brachten Kartoffeln, viele ganze Brode herbei. Etliche lieferten Stollen, manche Pfefferkuchen und Nüsse. Mehrere brachten abgesetzte Kleidungsstücke, die aber größtentheils noch sehr brauchbar waren. Einzelne schenkten Bücher und Bilder. Eine Anzahl hatte es auf Bleistifte, Federn und Schiefer abgesehen. Fast jeder spendete zudem einige Aepfel und Nüsse. Gab jeder auch nur wenige, wurde doch schließlich eine Unzahl daraus. Keiner auch hatte verabsäumt, in seine Sparbüchse zu greifen, um auch etwas klingende Münze beizulegen. Die meisten dieser Geldstücke bestanden in Groschen und Fünfgroschenstücken.

Daß die Geschenke so massenhaft eingehen würden, hatte sich keiner gedacht. Sämmtliche Schüler waren daher höchst erfreut, als sie am heiligen Abende in ihrer Schulstube die fast unzähligen Geschenke ausbreiten und ordnen konnten.

Unbeschreiblich glücklich aber war die arme Familie mit ihren zahlreichen Kindern, die alle diese Geschenke bescheert erhielt. Sie hatte jetzt nur allein an Lebensmitteln mehr, als sie in geraumen Wochen verzehren konnte. Wiederholt dankten die Armen warm und herzlich und mehrmals traten ihnen die Thränen in die Augen. Die Schaar der kleinen Wohlthäter aber feierte nun das Weihnachtsfest noch einmal so vergnügt.

32. Die Feuersbrunst.

(Zahlwörter zu Hauptwörtern erhoben.)

Es war der +Letzte+ im Monat December, als in einem Dorfe, in welchem schon den +Vierundzwanzigsten+ vorher ein Bauergut abbrannte, abermals Feuer ausbrach. Der Nachtwächter war der Erste, der es bemerkte und Lärm machte. Ein großes Haus, das dritte westlich von der Kirche, stand in hellen Flammen. Fürchterlich klang das Geschrei der armen Thiere, die noch in dem Stalle staken und nicht herauskonnten. Von den Hunderten, die zur Hilfe herbeigeeilt waren, wagte Keiner die rettende That und wenn man ihnen Tausende geboten hätte.

Da kamen zwei Wanderburschen des Weges daher. Diese Zwei, als sie das Gestöhne der Thiere vernahmen, entschlossen sich sofort, das Möglichste zur Rettung zu versuchen. Schleunigst warf jeder sein Bündel ab und gleich darauf sah man die kühnen Zwei auf allen Vieren zur Thür des brennenden Hauses hineinkriechen. Schon nach fünf Minuten waren die Thiere gerettet. „Wer sind diese Beiden?“ fragte man links und rechts. Es erfuhr indeß Niemand, wie sie hießen und wo sie her waren. Von Allen bewundert zogen die beiden Wanderburschen bald darauf ihres Weges weiter.

33. In der Strafanstalt.

(Biegung des Zahlwortes.)

Der Hauptmann von Lothardt war Direktor einer Strafanstalt. Er aber war durchaus kein Tyrann. +Keinem+ seiner Sträflinge machte er das Leben absichtlich schwer. +Jedes einzelnen+ Wohl lag ihm am Herzen. Was +Andere+ in gleicher Stellung mit unzähligen Flüchen zu erreichen suchten, erreichte er mit +wenigen+, aber ernst mahnenden Worten.

Jeden Sonntag nach der Frühkirche mußten sich sämmtliche Sträflinge, die unter seiner Aufsicht standen, aufstellen und dann hatte er allen und jedem etwas zu sagen. Den ersten, dritten und vierten erinnerte er vielleicht, mehr auf Reinlichkeit zu halten. Zweien, dreien oder vieren hielt er vielleicht ihr trotziges Wesen vor und dergleichen. Bei dieser Gelegenheit theilte er sämmtlichen Züchtlingen Einiges mit, was sich im Verlaufe einiger Tage oder der letzten Wochen in der Welt zugetragen habe. Manchem erzählte er, was er über dessen Familie daheim erfahren, wobei nicht selten in vieler Augen Thränen sichtbar wurden. Auch nahm er zu gleicher Zeit Wünsche und Bitten in Empfang, worunter etliche allerdings oft sehr sonderbarer Natur waren.

Die jedesmaligen Bitten etlicher, heute einen Brief nach Hause schreiben zu dürfen, gewährte er gewöhnlich, obgleich ihm das Durchlesen sämmtlicher Briefe nicht leicht wurde.

Auf diese Weise erwarb sich der Direktor Aller Herzen und den meisten Sträflingen gingen beim endlichen Abschiede von demselben die Augen über. Vieler Gemüther erfüllte aufrichtige Dankbarkeit gegen den väterlichen Freund. Und mißbrauchten auch einige diese Güte, blieb er sich um zweier oder dreier willen in seinem Verhalten gleich. Er sagte oft: „Um Weniger halber sollen nicht Alle leiden.“

34. Im Kriege.

(Wiederholung des Zahlwortes.)

Es war den 5. September 1813, des Morgens gegen sechs Uhr. Fünfhundert Mann preußische Infanterie nebst drei Kanonen und etlichen Reitern nahmen Stellung gegen ein Dorf. Das Dorf bestand aus mehreren großen Gütern, einigen kleineren Gehöften und vielen zerstreut liegenden Hütten. Der Feind darin zählte gegen achthundert Mann nebst sieben Geschützen, die aber nur wenig Leute zur Bedienung hatten.

Der Angriff erfolgte nicht blos von einer, sondern von mehreren Seiten. Kaum aber waren zwanzig Kanonenschüsse gefallen, begann auch schon der Sturm von Seiten der Preußen. Hierbei zeichneten sich einzelne Soldaten ganz besonders aus. Das war ein Laufen! Jeder wollte der Erste im Dorfe sein und Keiner für einen Feigling gelten.

Bald standen sämmtliche Gebäude in Flammen. Nach fünfzehn Minuten war der Kampf entschieden. Die meisten Feinde flohen, viele wurden gefangen und gegen einhundertundfünfzig Mann bedeckten die Kampfplätze.

Von den Preußen waren nur wenige gefallen, wohl aber hatte durchschnittlich der zehnte Mann eine Verwundung erhalten.

Das Fürwort.

35. Ein Brief.

(Persönliche Fürwörter.)

Lieber Robert!

+Du+ wünschtest, so viel +ich+ gehört habe, ein Kaninchen von meinem Bruder zu besitzen. +Ich+ kann +Dir+ nun mittheilen, daß +er+ gern bereit ist, +Dir+ ein solches Thierchen zu schenken. Du sollst nur kommen und Dir eins aussuchen, dann wird er Dir es schicken.

Wir würden uns freuen, wenn Du heute schon kämst und auch den Emil Kappler mitbrächtest. Wir würden dann mit Euch einen Spaziergang unternehmen und Euch in den nahen Wald führen, woselbst sehr viel Heidelbeeren stehen, die Ihr gewiß alle gern eßt. Sie schmecken dies Jahr ganz besonders süß. Wolltet Ihr das nicht, könnten wir auch mit Euch zu Pastors Kindern gehen. Sie haben sehr viel Bilderbücher und Spielzeug. Sie besitzen auch eine kleine Kegelbahn, auf der wir sehr viel Vergnügen finden würden.

In der Hoffnung, daß Du vielleicht heute noch mit Deinem Bruder und dem Emil kommen wirst, und mit dem Versprechen, daß wir Euch so gut als möglich unterhalten werden, grüßt Dich

Dein

Gustav Pernitz.

36. Schönheit bringt Gefahr.

(Besitz anzeigende Fürwörter.)

In einem Walde standen ein junger Tannenbaum und eine junge Fichte dicht neben einander. Beide stritten sich um +ihre+ gegenseitigen Vorzüge. Das Tannenbäumchen sagte: „+Mein+ Wuchs ist viel schlanker als +deiner+. +Meine+ Aeste stehen weit regelmäßiger als die +deinigen+. Die Farbe meiner Nadeln ist schön dunkelgrün und glänzend; die Rückseite derselben ist sogar in Silber getaucht. Dein Kleid dagegen macht gar kein Aufsehen, denn seine Farbe ist einfach und matt. Ueberhaupt hat unser Geschlecht etwas Nobles, während eure ganze Sippschaft ein gewöhnliches Aussehen bietet.“

Die junge Fichte vertheidigte sich zwar, aber ihre Worte waren nicht so bitter. „Meine Gestalt und mein Gewand“, sagte sie, „sind nicht minder schön als dein Wuchs und dein Kleid. Unsere Aeste stehen dichter als eure und deshalb sind wir bei den kleinen Singvögeln beliebter. Ihre Lieder ertönen hell aus unsern Gipfeln und manches Vögelpärchen vertraut die Wiege seiner Kinder lieber unsern Zweigen an als den eurigen. Und wäre es wirklich wahr, daß dein Aeußeres das meinige an Reizen überträfe, so sei auf deiner Hut, daß dieser Vorzug nicht dein Unglück werde. Die Menschen sind schlimm und ihre scharfen Augen trachten oft nach dem Besten. Euer Geschlecht hat das schon oft empfinden müssen.“

Das Fichtenbäumchen hatte wahr gesprochen. Als Weihnachten kam, trat ein Bauer mit seinem Knechte herbei und sprach zu letzterem: „Nimm Dein Beil und haue mir dieses Tannenbäumchen ab. Seine Gestalt gefällt mir. Es soll meinen Kindern zum Christbaume werden und auf ihrem Weihnachtstische stehen.“

So wurde das Tannenbäumchen um seines schönen Aussehens willen frühzeitig gefällt, während die junge Fichte in ihrer einfachen Erscheinung unangetastet blieb und großwachsen konnte.

37. Die Natur.

(Bezügliche Fürwörter.)

Der Mensch, +welcher+ die Natur aufmerksam betrachtet und die Wunder, +die+ in +ihr+ vorgehen, beobachtet, wird viel Gewinn für sein Herz, +das+ ja für alles Schöne gern empfänglich ist, davon haben. Nicht blos der Sturm, der Bäume entwurzelt, sondern auch das Säuseln, das lind durch die Blätter zieht; nicht blos die Gletscher, die mit ihren Silberhäuptern über die Wolken emporragen, sondern auch das Sandkorn, welches von der leichten Welle des Waldbaches dahingespült wird; nicht blos die riesige Eiche, welche mit ihren markigen Armen einen weiten Luftkreis umspannt, sondern auch das Gänseblümchen, welches in schmucker Einfachheit zu unsern Füßen blüht, predigt uns die Allmacht Gottes.

Der zarte Staubfaden, der im Innern der kleinsten Blume sitzt; das haarfeine Fühlhorn, das wir auf dem Kopfe der Mücke entdecken; die strahlende Thauperle, die des Morgens am Grashalme zittert: sie alle zeugen von der Weisheit des Schöpfers.

Sieh den Sperling, welcher selbst im strengsten Winter auf der Straße sein Futter findet; die Raupe, welche an der saftigen Wolfsmilch nagt; das Käferlein, welches aus einem Blumenkelche trinkt: und Dein Vertrauen zu dem gütigen Schöpfer, der für alle Wesen, die er geschaffen, väterlich sorgt, wird sich wunderbar stärken.

So gleicht die ganze Natur einem großen Buche, das auf jedem Blatte Nahrung für Dein Herz bietet.

38. Aberglaube.

(Hinweisende Fürwörter.)

Die Bäuerin Zuckerriedel zeigte sich ungemein abergläubisch. Sie war +dieselbe+, welche eines Tages ein armes Bettelweib mit dem Stallbesen forttrieb, weil sie glaubte, +dasselbe+ sei eine Zauberin. Sie war auch +diejenige+, welche sich allemal bekreuzte, so oft sie über einen Kreuzweg ging. Alles dasjenige, was in ihrem Kuhstalle vor sich ging, brachte sie mit dem Einflusse guter oder böser Geister in Verbindung. Denjenigen Fremden, der über ihre Schwelle trat, beobachtete sie mit mißtrauischen Augen und bald stand Dieser und Jener, der etwa einen Blick nach der Stallthüre geworfen hatte, bei ihr in üblem Verdachte.

Ganz anders war ihr Nachbar, der Bauer Menzel. Derselbe, welcher allerdings die nöthige Schulbildung genossen hatte, erklärte frei und öffentlich: „Alles Dasjenige, was nach Aberglauben riecht, ist eine Lächerlichkeit.“

Ganz Dasselbe sagte er auch zu seiner Nachbarin. Diese aber entgegnete ihm: „Derjenige, der mir so etwas sagen kann, sollte nur meine selige Großmutter gehört haben. Diese, welche sonst nicht eben leichtgläubig war, hat mir wiederholt erzählt, wie derselbe dreibeinige Hase, welcher noch heute zuweilen unser Gut umkreist, früher nachts in der zwölften Stunde vor der Stallthür gewesen ist und dieselbe angeniest hat.“

„Nun so hört, was ich jetzt sage“, erwiderte Menzel. „Ich verspreche Demjenigen, der mir meine Ochsen, und Derjenigen, die mir meine Kühe behext, je zehn Thaler. Und dasjenige meiner Kinder, das von irgend Jemand beschrieen wird, soll diesem, bis dasselbe zwanzig Jahre alt ist, jedes Jahr einen Scheffel Weizen überbringen helfen. Das sage ich Euch und ganz Dasselbe will ich auch im ganzen Dorfe bekannt machen.“

Die Bauerfrau erschrack beinahe über diese Tollkühnheit. Aber obgleich sich Niemand fand, der sich jenen Preis verdiente, wurde sie von ihrem Aberglauben doch nicht geheilt.

39. Räthselfragen.

(Fragende Fürwörter.)

„Heute will ich einmal eine kleine schriftliche Wiederholung mit Euch vornehmen“, sagte ein Lehrer eines Tages zu seinen Schülern. „Ich werde indeß meine Fragen so stellen, daß sie wie eine Art Räthsel klingen. Schreibt also folgende Fragen auf und die Antworten dahinter: