Part 15
Der brüderliche oder vielmehr unbrüderliche Kampf war jetzt aufs Höchste gestiegen, die Brühe spritzte nach allen Seiten hin, und der gute Klos rannte wie verzweifelt an den Schüsselwänden empor. Da aber trat schnell und unerwartet ein tückisches Ereigniß ein, und Kampf und Sieg waren entschieden. Plötzlich brach nämlich die Schüssel mitten entzwei, die schöne Brühe ergoß sich auf das Tischtuch, und der befreite Klos kugelte vom Tische herab auf den Dielen dahin. In demselben Augenblicke aber sprang Ami unter dem Ofen hervor, fing den Klos auf, that einen kräftigen Schluck, und weg war er.
~E.~ Satzgefüge.
I. Subjectivsätze.
1. Vollständige Subjectivsätze.
51. Natur.
(Der Subjectivsatz steht voran.)
Wer keine Freude an der herrlichen Gottesnatur hat, ist ein gefühlloser Mensch. Wen ein Sonnenaufgang nicht entzücken kann, verdient nicht der Sonne Segen. Wessen Herz nicht beim Anblick des Sternenhimmels die Größe des Schöpfers empfindet, muß keinen Funken Glauben in sich tragen. Wem der wunderbare Blumenbau nicht die Weisheit Gottes verkündet, der wird auch durch die Bibel diese Eigenschaft nicht zu erkennen vermögen.
Wem der Sinn für Natur abgeht, dem entgehen überhaupt unzählige Freuden. Was die Vöglein singen, ist ihm leerer Schall. Wovon die murmelnden Bächlein erzählen, kümmert ihn nicht. Wie zauberisch sich ein Schmetterling aus der Raupe entwickelt, dünkt ihm nicht der Beachtung werth. Daß der herbstlich gefärbte Laubwald ein reizendes Bild ist, bleibt seinen Augen verborgen. Worin die Reize einer schönen Winterlandschaft bestehen, ist seinen blöden Augen ein Räthsel. Worüber Tausende inmitten des schönen Gottestempels entzückt aufjauchzen, dünkt ihm vielleicht gar lächerlich.
Wer darum sein Leben mit edlen Freuden würzen will, mache die Natur zu seiner Freundin.
52. Gottvertrauen.
(Desgleichen.)
Wer Gott vertraut, hat wohl gebaut. Ob dies Wort von Allen verstanden wird, ist wol zu bezweifeln. Daß aber vielen Menschen jene Ergebung in den Willen des Höchsten mangelt, ist dagegen gewiß.
Wozu dieser Mangel oft führt, zeigt uns die Erfahrung.
Dem Gottvertrauen innewohnt, der hat eine mächtige Stütze im Leben.
Was den Gottvertrauenden hinieden auch betrifft, bringt ihn niemals außer Fassung. Womit ihn der Herr erfreut, veranlaßt ihn zum Danke. Was das Schicksal ihm auferlegt, wird von ihm geduldig hingenommen. Warum Gott gerade ihm Leiden sendet, wird in ihm nie ein Gegenstand kleinmüthiger Frage. Was sein Himmelsvater thut, dünkt ihm wohlgethan.
Der so zum Herrn steht, ist ein echtes Kind Gottes. Den solcher Glaube beseelt, ist ein wahrer Christ. Wessen Herz von solcher Zuversicht durchdrungen ist, der steuert sicher auf dem bewegten Strome des Lebens.
53. Der Hund.
(Der Subjectivsatz zuletzt.)
Es ist längst erwiesen, daß schlechte Verpflegung den Hund schließlich toll macht. Es ist hinlänglich bekannt, daß ein toller Hund unsägliches Unheil anrichten kann. Es ist oft genug geschildert worden, wie gräßlich das Ende eines in Tollwuth verfallenen Menschen ist. Trotzdem ist es aber die große Frage, ob alle Hundebesitzer ihre Pflichten gegen ihre Thiere gewissenhaft erfüllen.
Der pflegt seinen Hund nicht, der ihm zu geringe Kost reicht. Der bekümmert sich wenig um die Gesundheit des treuen Thieres, den sein Bedürfniß zu saufen nicht rührt. Der liebt den lieben Hausfreund kaum, dem dessen Winseln vor Kälte kein Erbarmen einflößt.
Gib darum Deinem Hunde, was ihm gehört. Reiche ihm, was ihn wirklich nährt. Wende von ihm ab, was ihm schädlich ist. Muthe ihm nicht zu, was über seine Kräfte geht. Vergiß nie, wie ihn die Natur gebaut hat.
Der ist ein Thierquäler, der das Alles nicht beachtet. Derjenige sollte darum auch keinen Hund halten, der seine Bedürfnisse nicht kennt.
54. Die Erde.
(Der Subjectivsatz vorn und zuletzt.)
Daß die Erde große Schätze birgt, steht in jeder Naturgeschichte. Es ist aber sehr fraglich, ob alle schon entdeckt sind.
Wen Diamanten umstrahlen, der dankt sie der Erde. Wem sein Mittagsbrod auf goldenen Gefäßen gereicht wird, der gedenke des Fundortes dieses edlen Metalles. Es wäre möglich, daß ihn dieser Gedanke vor Stolz bewahrte.
Was nur irgend aus Metall gefertigt ist, hat seinen Ursprung im Schooße der Erde. Einleuchten muß es daher, daß auch die Stecknadel ein Geschenk der Mutter Erde ist.
Wovon wir unsere Wohnungen bauen, liefert sie uns ebenfalls. Womit wir uns kleiden, wächst zu einem großen Theile aus ihrem Schooße empor. Was uns nährt, entsteigt ihrem geheimnißvollen Grunde. Unleugbar ist es daher, daß sie die Erhalterin alles Lebens ist.
Es ist längst kein Geheimniß mehr, wie der Erdball entstanden. Wol aber bleibt es eine offene Frage, wie lange er fortbestehen wird. Wo sein Ziel gesetzt ist, weiß nur sein Schöpfer. Es steht indeß zu hoffen, daß die Erde während +unseres+ Lebens nicht untergehen wird.
2. Abgekürzte Subjectivsätze.
55. Selbsterkenntniß.
Es ist eine große Weisheit, sich selbst zu kennen. Wenigen aber nur fällt es ein, sich selbst zu beobachten. Nur Einzelnen ist es bequem, über sich selbst nachzudenken. Es ziemt indeß besonders dem Christen, sich stets zu prüfen. Seine eigenen Fehler zu gestehen, schändet niemals. Sich schuldig zu bekennen, ehrt oft gar.
Es ist ja doch menschlich, sich einmal vergessen zu haben. Ebenso menschlich ist es, sich zu irren.
Sehr leicht ist es dagegen, Andere zu richten. Manchen scheint es ein wahres Vergnügen zu sein, fremde Mängel zu enthüllen. Gar Viele finden eine Freude darin, Anderer Fehler aufzudecken. Ein Splitterrichter zu sein, ist indeß kein Lob.
Es bleibt stets gefährlich, sich über Andere zu erheben. Sich selbst zu bekämpfen, ist der allerschwerste Krieg. Sich selbst zu besiegen, ist der allerschönste Sieg.
Wiederholung.
(Vollständige und abgekürzte Subjectivsätze.)
56. Die Todten.
Daß man die Todten ehrt, ist eine löbliche Sitte. Ihr letztes Ruhebette zu schmücken, ist nichts Tadelnswerthes. Ihr Begräbniß feierlich zu gestalten, ist den Angehörigen ein Bedürfniß.
Wer aber hierbei die rechte Grenze überschreitet, dessen Verfahren verdient Mißbilligung. Es ziemt auch hierbei Maß zu halten.
Wirkliche Kleinode mit ins Grab zu geben, ist eine Verschwendung. Was der Sarg umschließt, ist ja für immer verloren. Der ruht deshalb nicht sanfter in der Erde, an dessen Fingern Diamanten funkeln. Was an dem Geschiedenen auf dem Paradebette blitzt, das erlischt im Grabesdunkel.
Todte zu ehren, ist löblich. Mit Todten Luxus zu treiben, ist verwerflich. Es wäre rühmlicher, „die Salbe“ zu verkaufen und den Armen zu geben.
Hauptwiederholungen.
(Zusammengesetzte Sätze und Satzgefüge.)
57. Im Winter.
Bruno setzte sich an das Fenster, Heinrich dagegen nahm am Tische Platz. Was sie zeither gespielt hatten, war ihnen langweilig geworden. Es ist ja bekannt, daß selbst das schönste Spiel endlich ermüdet.
Bruno ergötzte sich jetzt an dem wirbelnden Schneefalle, denn der alte Winterkönig schüttelte die silbernen Flocken mit vollen Händen herab. Heinrich baute aus Kartenblättern Häuser und Brücken, sogar eine Festung versuchte er zu errichten.
Ob sie heute noch Erlaubniß zum Schlittenfahren erhalten würden, war beiden Brüdern zweifelhaft. Sich draußen im frischen Schnee herumtummeln zu dürfen, wäre ihnen freilich sehr erwünscht gewesen. Wer je einmal diese Winterlust genossen hat, wird ihnen diesen Wunsch nicht verdenken.
Endlich trat der Vater ein, und sein heiteres Gesicht ließ die Knaben Hoffnung schöpfen. Was sie hofften, ging in Erfüllung.
Wen das Schlittenfahren reizte, der konnte gehen. Wem eine Schneebataille erwünscht schien, der hatte die Erlaubniß dazu. Wie sich überhaupt die beiden Brüder draußen vergnügen wollten, blieb ihnen überlassen.
So viel Freiheit hatten sie nicht erwartet, denn sie kannten die gewöhnliche Strenge des Vaters. Das aber ist die größte Freude, die uns unerwartet kommt.
Bruno und Heinrich eilten hinaus. Wo der Schnee am tiefsten lag, wußten sie schon. Wozu die Schneewehen für die Kinder da sind, war ihnen ebenfalls gar wohl bekannt. Daß sie auf der Pfarrwiese zahlreiche Gesellschaft treffen würden, ließ sich vermuthen.
Wol an zwei Stunden tummelten sich beide Brüder nach Herzenslust in der freien Winterflur umher, und bei dieser Belustigung gab es keine Langeweile.
II. Prädikatsätze.
58. Gott und der Mensch.
Gott ist, der er war. Gott ist auch, der er sein wird. Er bleibt, der er stets gewesen.
Der Mensch dagegen bleibt nicht, der er war. Wol aber wird er einst, was er war.
Auch ich werde wieder, was ich einst gewesen. Der Leib verwandelt sich in Erde. Somit wird so manches Menschen höchster Stolz im Grabe, was er im Leben gleichgiltig mit Füßen trat. Eine große Thorheit ist es, daß man dies zu oft vergißt.
Die Gräber sind es, woran des Lebens ernsteste Gedanken geschrieben stehen. Die größte Weisheit ist, daß man diese Schrift zu lesen versteht. Sie ist übrigens derartig, daß sie Jeder lesen +kann+. Demuth sei es daher, wonach wir stets trachten wollen.
Hauptwiederholung.
(Subjectiv- und Prädikatsätze.)
59. Ein trauriger Pfad.
Gefährlich ist es, des Lasters Bahn zu gehen. Was anfänglich genußreich erschien, wird gar zu oft die Ursache bitterer Schmerzen. Worüber der Sinnenmensch früher jubelte, erscheint ihm später nicht selten als Gegenstand der Reue.
Der Lasterhafte wird endlich, was der Sklave an der Kette ist. Er ist somit, was er um Alles in der Welt nicht sein will. Sein Bestes zu bedenken, kommt ihm nicht in den Sinn. Das Ende seiner Lebensweise zu erwägen, vermeidet er absichtlich.
Sich selbst zu beherrschen, mangelt ihm die Kraft. Wozu ihn sein Gelüste treibt, wird seine nächste Aufgabe. Wohin der Rausch führen könne, kümmert ihn nicht.
Aber der anfangs blumenreiche Lasterpfad bleibt nicht, wie er war. Was anfänglich Rosen waren, sind zuletzt nur noch Dornen. Was den Körper zu oft erquickt, richtet ihn zu Grunde. Was den Geist rauschartig aufregt, stumpft ihn ab.
Der Schwelger wird als Jüngling, was der Greis in späteren Tagen ist. Der Fluch der Sünde ist es, worin er seinen Untergang findet.
III. Beifügesätze.
1. Vollständige Beifügesätze.
60. Ein Schulkreuz.
(Der Beifügesatz zuletzt.)
Theodor gehörte zu den Schülern, die dem Lehrer Noth machen. Er zeigte ein Betragen, das keineswegs löblich war. In seinem ganzen Wesen lag ein Stumpfsinn, der ihn für jeden Tadel gleichgiltig machte. Aus seinem Auge aber sprach dabei eine gewisse Tücke, die ihn als einen gefährlichen Nachbar erscheinen ließ.
Seine Arbeiten waren oft von einer Beschaffenheit, die den Lehrer in Aufregung versetzte. Oft brachte er Exempel, die er nicht selbst gerechnet hatte. Zuweilen lieferte er einen Aufsatz ab, der durchaus nicht aus seiner Feder geflossen war. Nicht selten legte er Zeichnungen als die seinigen vor, die fremde Hände ausgeführt hatten.
Er war demnach ein Schüler, der log. Er war ein Mensch, der betrog.
Natürlich erhielt Theodor Strafen, die sehr empfindlich waren. Er bekam Censuren, die fast nicht schlechter sein konnten.
Der Lehrer wies ihm endlich einen Platz an, der ihm zur großen Schande gereichen mußte. Theodor’s Hände mußten zuletzt sogar Bekanntschaft mit dem Dinge machen, das man gewöhnlich nur zum Linienziehen verwendet. Trotzdem aber blieb er ein Schüler, der für die Schule ein Kreuz war.
61. Ein muthiger Knabe.
(Der Beifügesatz in der Mitte.)
Ein Knabe, der im Walde Beeren suchte, fühlte Hunger. Er setzte sich deshalb unter einer Eiche, die mit ihren riesigen Aesten viel Schatten bot, nieder. Ein Stück trockenes Brod, das er aus der Tasche zog, diente ihm als Mahl. Die Beeren, die er bereits gepflückt hatte, rührte er indeß nicht an.
Bald war die höchst einfache Mahlzeit, die ihm jedoch vortrefflich gemundet, beendet. Da fühlte er plötzlich an dem einen Fuße, den er an einen Stein gestemmt hielt, einen stechenden Schmerz. Fast zu gleicher Zeit huschte eine Otter, die er sofort für die Kreuzotter erkannte, unter den Stein.
Der Knabe, der sich sofort von der Natter gebissen hielt, erschrak über die Maßen. Ihm war die Gefahr, die aus einem solchen Bisse entsteht, aus der Naturgeschichte bekannt. Ihm war aber auch das Mittel, das hier allein retten konnte, nicht verborgen.
Er führte den Fuß, der bereits zu schwellen begann, an den Mund. Hierauf nahm er die verwundete Stelle, die nur unbedeutend blutete, zwischen die Lippen. Nun fing er mit aller Kraft, die seine Lungen gestatteten, zu saugen an. Das Blut, das er auf diese Weise in ziemlichen Massen aussog, spuckte er natürlich aus.
Dieses Aussaugen der Wunde, das er mit allem Eifer betrieb, setzte er wol eine halbe Stunde fort. Darauf hielt er den Fuß, der nicht weiter angeschwollen zu sein schien, in den nahen Waldbach.
Jetzt erst ging der Knabe, der sich indeß ziemlich ermattet fühlte, nach Hause. Die Eltern, welche über das Geschehene in große Aufregung versetzt wurden, riefen sofort einen Arzt herbei. Der betreffende Arzt, der in seiner Kunst wohl erfahren war, erklärte alle Gefahr für beseitigt.
Der Knabe, dessen Geistesgegenwart man allgemein bewunderte, hatte sich selbst von den schrecklichen Folgen eines Otternbisses gerettet.
62. Flora.
(Die Beifügesätze umschreiben ein Eigenschaftswort.)
Flora, welche sehr strebsam war, liebte besonders die Musik. Ihr Ohr, das für die Harmonien sehr viel Empfänglichkeit besaß, lauschte jedem Tone. Kein Genuß ging ihr über das Anhören eines Concertes, das sich einer guten Ausführung erfreute.
Flora besaß einen musikalischen Nachahmungstrieb, der oft Staunen erregte. Melodien, die zum Gemüthe sprachen, spielte sie sofort auf dem Piano nach. Arien, die einen gediegenen Charakter offenbarten, sang sie mit Leichtigkeit nach dem Gehör.
Dieses Talent Flora’s bemerkte ihr Onkel, der ein reicher Mann war. Er ließ ihr sofort musikalischen Unterricht ertheilen, wie er besser wol kaum gefunden werden konnte. Durch seine Verwendung genoß sie überhaupt eine musikalische Ausbildung, die nach jeder Richtung hin ausgezeichnet genannt werden mußte.
Flora machte in kurzer Zeit Fortschritte, die abermals der Bewunderung werth waren. Schon nach zwei Jahren trat sie in dem Theater, welches das größte der Stadt war, als Sängerin auf. Ihr Gesang, dessen Reinheit nichts zu wünschen übrig ließ, fand außerordentlichen Beifall.
Flora, die bei aller Auszeichnung ihre Bescheidenheit bewahrte, ward eine berühmte Sängerin. So hatte jener Onkel, der bei allem Reichthum ein gutes Herz besaß, ihr Glück begründet.
63. Eine Bergpartie.
(Der Beifügesatz umschreibt ein Mittelwort.)
Der Fuß des Berges, den wir besteigen wollten, war erreicht. Unser Führer, der im Reisen wohlerfahren zu sein schien, rieth zu einer kurzen Rast.
Diesem Rathe, der uns sehr wohlgemeint dünkte, folgten wir gern. Schnell warfen wir die Reisebündel, die uns nicht wenig drückten, ab. Ein jeder suchte sich sofort ein Ruheplätzchen, das Schatten gewährte. Bald machte ein Trunk, der uns schier erquickte, die Runde. Auch ein Imbiß, der uns Stärke verleihen sollte, wurde genommen.
Nach einer halben Stunde, die wir traulich verplaudert hatten, setzten wir unsere Reise fort. Langsam stiegen wir den Abhang, welcher indeß bald sehr steil wurde, hinan. Namentlich wurde der Marsch durch das Steingeröll, welches den Pfad bedeckte, ungemein erschwert. Die Alpenstöcke, die wohl mit Eisen beschlagen waren, fanden bei jedem Schritte Verwendung.
Nach einem einstündigen Marsche erreichten wir eine Matte, welche viel Reize bot. Dicht vor einem Felsen stand eine Sennhütte, welche zahlreiche Geisen umlagerten. Freundlich grüßte ihr Geläute, das sanft in die Luft hallte, uns entgegen. Der Anblick der Alpenwiese, die üppig grünte, war für das Auge ein Genuß. In vollen Zügen schlürften wir den Alpenkräuterduft, der uns wahrhaft stärkte.
Mit einem Marschliede, das aufs neue erheiterte, schritten wir über die liebliche Bergeinsamkeit hinweg. Der Punkt, den wir erreichen wollten, lag noch etwa 2000 Fuß hoch. Von jetzt an gab es mitunter Weghindernisse, die nur höchst mühsam zu überwinden waren. Wir gelangten außerdem wiederholt auf Felsenvorsprünge, welche Schwindel verursachten. Unter des Führers Zusprache, die uns ermuthigte, strebten wir indeß vorwärts.
Ohne Kampf, der allerdings ermüdet, kein Sieg. Nach einer Stunde, die uns noch fürchterlich anstrengte, standen wir endlich auf dem Gipfel des Berges. Hier aber lohnte auch der Umblick, der uns förmlich bezauberte, reichlich unsere Mühe.
64. Verschiedene Besitzungen.
(Der Beifügesatz umschreibt ein Besitz anzeigendes Fürwort.)
Das Haus, das mir gehört, steht an einem Bache. Der Freund, welchen ich mein nenne, besitzt auch ein Grundstück. Das Grundstück, das ihm zu eigen gehört, liegt nahe am Walde.
Die beiden Besitzungen, die unser Eigenthum sind, haben beide ihre Vorzüge. Die Lagen, deren sie sich erfreuen, bieten mancherlei Reize. Ziemlich öde ist dagegen die Lage der Villa, die Du angekauft hast. Ein Gleiches gilt von dem Rittergute, das Dein Bruder inne hat. Die Asyle, die Ihr Euch da zu eigen gemacht habt, könnten mir nicht gefallen.
Der Geschmack, den ich in dieser Beziehung besitze, weicht eben von dem Eurigen ab. Die Wünsche, die ich in dieser Hinsicht hege, erstrecken sich auf eine romantische Umgebung. Die Ansprüche dagegen, die Ihr macht, beziehen sich mehr auf eine schöne Einrichtung im Innern der Gebäude.
65. Ein Todtenbette.
(Der Beifügesatz umschreibt eine Ortsbestimmung.)
Das Schloß, das inmitten eines wundervollen Parkes lag, war heute eine Stätte unendlichen Schmerzes. Der große Saal, durch den sonst heitere Musik rauschte, hatte müssen in eine stille Todtenhalle verwandelt werden. Das kostbare Fußgetäfel, über welches oft die geflügelten Füße fröhlicher Ballgäste glitten, trug heute einen Sarg. Dieser Sarg, um den herum unzählige Kerzen brannten, barg einen Jüngling.
Der Todte, auf dem Aller Augen mit tiefer Wehmuth ruhten, war der einzige Sohn des reichen Schloßbesitzers. Theilnehmende Verwandte hatten kostbaren Blumenschmuck gesendet, der vor dem Sarge in sinniger Ordnung aufgestellt war. Riesige Fächerpalmen, die man oberhalb des Hauptes angebracht hatte, bildeten eine Art Himmelbette.
An dem Betstuhle, der dicht neben dem Sarge stand, kniete ein betender Priester. Das Crucifix, das zu Füßen des Paradebettes lehnte, war umflort.
Des Jünglings Vater, der an einer nahen Marmorsäule lehnte, sah in stummem Schmerze vor sich nieder. Die Mutter, welche dicht hinter ihm stand, barg ihr thränenzerflossenes Antlitz in ihr weißes Taschentuch. Sogar des Todten Lieblingshund, der nicht von der Seite des Sarges wich, schien seinen Herrn zu betrauern.
Dieser Todesfall, der bei Alt und Jung die größte Theilnahme hervorrief, zeigte so recht die Ohnmacht des Reichthums. Dieser Schicksalsschlag, der ja doch von oben kam, machte all das irdische Glück der Schloßfamilie zu nichte. Er führte sie aber auch zur Demuth vor dem, der jenseits der Sterne wohnt.
66. Deutschland.
(Der Beifügesatz umschreibt eine Zeitbestimmung.)
Der deutsch-französische Krieg, der nach verhältnißmäßig kurzer Zeit beendet war, ist für die deutschen Länder von großem Segen gewesen. Das Blut, das damals floß, ist nicht umsonst geflossen. Die verschiedenen deutschen Staaten, die es vorher gab, haben sich zu einem großen Ganzen vereinigt. Die vielen deutschen Heerkörper, die sonst unter ebenso vielen obersten Befelshabern standen, stehen nun unter einem einzigen Kriegsherrn.
Die mancherlei deutschen Stämme, die sich vor kurzem noch mehr oder weniger von einander absonderten, reichen sich jetzt die Bruderhand. Aus den einzelnen Gebieten, welche vordem zerstückelt umherlagen, ist ein einziges großes Reich erstanden. Das Deutschthum, das zeither von gewissen Nationen über die Achsel angesehen wurde, hat sich eine außerordentliche Geltung erobert. Selbst der gewöhnliche Mann, der sonst auf seine Angehörigkeit wenig Gewicht legte, fühlt sich jetzt als Deutscher.
Aber die Sonne, die nach jenem glücklichen Kriege über unser Vaterland aufgegangen ist, hat auch sonst noch große Veränderungen bewirkt. Die Milliarden, die noch heute als Kriegsentschädigung nach Deutschland einwandern, haben in der Verkehrswelt einen großen Umschwung hervorgebracht. Der Unternehmungsgeist, der allerdings den Deutschen stets innewohnte, hat gegenwärtig einen ungeheuren Anlauf angenommen.
Dadurch sind freilich die Arbeitskräfte, welche bisher in ziemlich genügender Zahl vorhanden waren, rar geworden. Infolge dessen haben sich die Arbeitslöhne, die vor dem Kriege mäßige waren, fast um das Doppelte gesteigert. In gleichem Maße sind die Lebensmittelpreise, wie wir sie im Jahre 1870 kannten, in die Höhe gegangen.
Doch das, was einst war, müssen wir vergessen lernen. Halten wir trotzdem unser liebes Deutschland, wie es jetzt ist, hoch und hehr.
67. Der Lebensmüde.
(Der Beifügesatz umschreibt eine Art und Weise.)
Ein Greis, welcher unter vielen Lebensstürmen ergraut war, wollte sich in die Einsamkeit zurückziehen. Zu diesem Zwecke ließ er sich am Ende seines Vaterdorfes, dessen Häuser ziemlich zerstreut in einem Thale lagen, eine Hütte bauen. Diese Hütte, die er sich ganz nach seiner Weise einrichten ließ, sollte sein letztes Asyl im Leben sein.
Die Wände, die kaum die Dicke eines Mauerziegels hielten, wurden aus Lehm errichtet. Die Fenster, die beinahe wie Kerkerfenster aussahen, waren durchaus nicht auf viel Stubenhelle berechnet. Das Dach, welches man in einfachster Weise mit Stroh gedeckt hatte, reichte an der Hinterseite fast bis auf die Erde. Auch die innere Einrichtung der Wohnstube, in der man vergeblich nach dem kleinsten Luxus suchte, trug das Gepräge der größten Einfachheit.
Endlich zog der lebensmüde Greis, der längst auf die Vollendung der Hütte gewartet hatte, ein. Er, der lange genug im Schweiße seines Angesichts sein Brod gegessen hatte, pflegte hier nun der Ruhe. Um die Welt, der er unverdrossenen Sinnes seine Kräfte gewidmet hatte, kümmerte er sich wenig mehr.
Seine Welt war jetzt ein kleines Gärtchen, das er ohne alle Anstrengung mit Blumen bepflanzte. Sein treuester Freund war der alte Mops, der ihm beständig auf Schritt und Tritt folgte.
So floß sein Lebensabend, der bei aller Entbehrung doch noch manche stille Freude bot, ruhig dahin. Der stille Rückblick auf die Vergangenheit, die wie ein sturmbewegter See heute vor ihn lag, kürzte ihm die Zeit.
Endlich nahte seine Sterbestunde, der er schon längst ergebenen Sinnes entgegengesehen hatte. Sein Ende, das unter einem gläubigen Gebete erfolgte, war ein sanftes Entschlummern. Die Hütte aber, aus der man den Entschlafenen ohne Sang und Klang zur Ruhe trug, hieß von Stund an das Friedenshäuschen.
68. Vaterlandsliebe.
(Der Beifügesatz umschreibt einen Grund oder Zweck.)
Ein Bauer, der durch eine Erbschaft sehr reich geworden war, hatte einen einzigen Sohn. Diesen Sohn, für dessen Zukunft sich nun eine glänzende Aussicht eröffnete, liebte er mit rührender Herzlichkeit. Sein Gotthold, der wegen seiner guten Aufführung auch im ganzen Dorfe geliebt wurde, war sein größter Stolz. Uebrigens gehörte Gotthold, seines schlanken Wuchses halber, zu den schönsten Burschen der Umgegend.
Da brach ein Krieg herein, der zur Rettung des Vaterlandes geführt werden mußte. Der König, welcher kraft seiner Macht das Kriegsheer verstärken konnte, ließ sofort Rekruten ausheben. Einzelne junge Männer, die aus Furcht vor den Kriegsgefahren entflohen, wurden gewaltsam zurückgebracht. Viele Jünglinge indeß, die um des Vaterlandes willen gern ihr Leben einsetzen wollten, stellten sich freiwillig. Auch Gotthold, der überhaupt für den Soldatenstand schwärmte, eilte aus freiem Entschlusse zu den Waffen.
Wenige Wochen darauf wurde er dem Regimente, das zum Schutze der Hauptstadt bestimmt war, einverleibt. Sein schon betagter Vater, der vor Besorgniß um den einzigen Sohn keine Nacht ruhig schlafen konnte, holte täglich Nachricht über den Stand der Dinge ein.