Part 13
So war aller Verkehr diesseits und jenseits der Donau höchst unsicher gemacht. Nur mit Hülfe des Militärs vermochte man endlich dem Unwesen zu steuern.
Ganze Compagnien mußten in Bergen und Thälern umherstreifen. Nach Süd und Nord, nach Ost und West gingen einzelne Abtheilungen. Diese bewaffneten Männer spähten unter jeden Haufen dürrer Blätter, hinter jeden Steinblock, in jede Felsenspalte, nach jedem kleinen Thalkessel.
Viele von den Räubern wurden in ihren Verstecken oder auch im freien Walde gefangen. Man führte sie zunächst auf die Militärwachen oder auch sofort in die Gefängnisse. Viele der Raubgesellen fanden ihren Tod auf der Stelle oder später am Galgen. Andere wurden lebenslänglich in die Zuchthäuser oder in andere Strafanstalten geschickt. Einzelne Räuberhäuptlinge büßten ihr verbrecherisches Leben bis an dessen Ende theils in unterirdischen Gefängnissen, theils in stockfinstern Festungszellen.
Die Bewohner der dortigen Gegend aber athmeten nun wieder freier unter ihren Dächern und auf ihren Wanderungen.
10. Der Christbaum.
(Desgl. Umstandswort.)
Clemens schrieb kurz nach dem Weihnachtsfeste an seine kleinen Vettern in Reichenbach und Chemnitz. An den einen berichtete er Folgendes über den Christbaum:
Der Christbaum stand mitten in der Stube auf dem Tische. Er war oben und unten auf das prächtigste geschmückt.
Hier und da blitzten lange Perlenschnuren. Links und rechts flatterten goldene Fähnchen an den Zweigen. Silberpapierne Vögelchen schwebten vermittelst dünner Gummifädchen rückwärts und vorwärts. Eine Menge allerliebster Engel schienen innen und außen auf- und nieder zu steigen.
Inmitten der blitzenden Krone hing ein großer Ruprecht. Er trug hinten und vorn einen Sack. Mit der Rechten bewegte er eine lange Ruthe hin und her. Mit der Linken zeigte er bald aufwärts, bald abwärts.
Hier und dort erblickte man auch vergoldete Schäfchen. Wol an dreißig brennende Kerzen sendeten ihre Strahlen nach den großen Pfeilerspiegeln hinüber und herüber. Und so war das ganze Zimmer bis in alle Ecken und Winkel festlich erleuchtet.
11. Der Kranke.
(Zwei Zeitbestimmungen.)
„Wie geht es Deinem kranken Bruder?“ So fragte Paul den ihm begegnenden Moritz.
+Moritz.+ Seit vorgestern und gestern war das Fieber im steten Steigen begriffen. Früh und abends phantasirte er sehr lebhaft. Seit zwei oder gar seit drei Tagen hat der arme Junge keinen einzigen Bissen Nahrung zu sich genommen.
+Paul.+ O weh! Da kann ich ihn wol weder heute noch morgen besuchen?
+Moritz.+ Vor Sonntag oder Montag wird das der Arzt kaum erlauben. Selbst ich darf unter drei, vier Tagen nicht zu ihm.
+Paul.+ Wie oft kommt denn der Arzt zu ihm?
+Moritz.+ Der Arzt besucht ihn vor- und nachmittags, zuweilen auch noch einmal abends acht Uhr.
+Paul.+ Welche Heilmittel wendet denn der Arzt an?
+Moritz.+ Früh und abends wird er in feuchte Tücher eingeschlagen. Darauf schwitzt er eine Stunde, auch zwei Stunden. Nun reibt ihn mein Vater fünf bis zehn Minuten mit einem wollenen Tuche trocken. Nach dem Schweiße kommt er 20-30 Sekunden in ein kühles Bad. Der hierauf eintretende Schlaf währt zuweilen eine halbe, auch eine ganze Stunde.
+Paul.+ Gewiß ist Deine gute Mutter recht besorgt um den Kranken?
+Moritz.+ Sie sitzt Tag und Nacht an seinem Bette. Sie hat sich schon seit Tagen und Wochen keinen ordentlichen Schlaf vergönnt. Morgen und übermorgen aber wird mein Vater eine Krankenpflegerin für sie eintreten lassen.
+Paul.+ Vor vier, sechs Wochen wird da wol Dein Bruder nicht in die Schule kommen?
+Moritz.+ Vielleicht gar vor drei oder vier Monaten nicht. Er ist zu sehr entkräftet.
+Paul.+ Möge ihn der liebe Gott recht bald und dann für immer gesund werden lassen!
12. Die Glocken.
(Desgleichen.)
Hoch auf dem Thurme hängen die Glocken. Ihre ehernen Zungen tönen früh und spät in die weite Welt hinein.
Des Morgens und des Abends mahnen sie zum Gebet. Wie ernstfreundlich klingt doch des Kirchglöckleins Stimme während des Sonnenauf- und Sonnenunterganges!
An Sonn- und Festtagen rufen sie zum Gotteshause. Wie feierlich ertönt sowohl zur lieben Weihnachts- als auch zur lieben Osterzeit der harmonische Glockengruß!
Tiefernst stimmt uns das Kirchengeläute beim Scheiden des Jahres, an Buß- und Bettagen. Fast wehmüthig zittert es zur Zeit eines Begräbnisses oder gar zur Stunde eines Hochgerichts an unser Ohr.
Geradezu schauerlich aber hallt der Nothruf der Glocke während einer Feuersbrunst oder eines Volksaufstandes durch die Straßen.
Ihr Ruf ertönt aber nicht blos an den Tagen ernster Feier, zur Stunde trauriger Familiengeschicke, in den Minuten drohender Gefahr und während der Augenblicke blutiger Sühne, sondern auch zur Zeit froher Feste und freudiger Familienereignisse.
So verkündet z. B. auf dem Lande die Kirchenglocke minuten-, ja viertelstundenlang die Taufe eines Kindes. Dort stimmen die Glocken am Tage der Geburt des Landesvaters, bei Einweihungen kirchlicher Gebäude, bei feierlichen Einzügen und zu besonders festlichen Trauungen ihren freudigen Lobgesang an.
So sind die Kirchenglocken Sommer und Winter, Tag und Nacht theilnehmende Wächter ob des bewegten Menschenlebens. Diesen Dienst aber versehen sie nicht blos erst zehn oder fünfzig, sondern schon seit Hunderten von Jahren.
Früher oder später werden sie auch Dir Dein Grablied singen.
13. Elise.
(Zwei Bestimmungen der Art und Weise.)
Elise hatte sich auf einem Spaziergange in den Wald plötzlich und auf ganz unerklärliche Weise eine Erkältung zugezogen. Sie wurde nicht blos leichthin, sondern sogar gefährlich krank. Kopf und Brust bereiteten ihr theils abwechselnd, theils gleichzeitig viel Weh.
Mehrere Nächte verbrachte sie schlaflos und äußerst aufgeregt. Unter diesen Umständen waren die Eltern bald mehr, bald weniger um sie besorgt.
Sie ertrug indeß alle Schmerzen still und geduldig. Bereitwillig und ohne eine Miene zu verziehen nahm sie die von dem Arzte verschriebene bittere Arzenei. Ergeben und zugleich vertrauensvoll unterwarf sie sich allen Kurversuchen. Sogar das schmerzhafte Saugen mehrerer Blutegel erduldete sie standhaft und ohne jeglichen Seufzer.
Diesem rühmlichen Verhalten folgte aber auch endlich die Genesung schnell und sicher. Nach vier Wochen war Elise gründlich und darum nachhaltig kurirt. Frisch, munter und fröhlich hüpfte sie nun wieder mit ihren Gespielen im Garten umher.
Ihre Eltern aber dankten dem lieben Gott ebenso aufrichtig als herzlich für die ihrer Tochter neugeschenkte Gesundheit.
14. Das Kanonenfieber.
(Desgleichen.)
Nicht ohne Schreck und eine gewisse Verzagtheit las Melchior den Ruf zu den Waffen. Unter Thränen und Seufzen nahm er Abschied von den Seinigen. Mit trübseligen Gedanken und niedergeschlagnen Augen marschirte er inmitten seines Regimentes zum Thore hinaus.
Seine Kameraden sangen aus voller Kehle und muthiger Brust ihre frischen Soldatenlieder. Melchior schritt stumm und bänglich dahin.
In guter Stimmung und noch bei frischen Kräften überschritt endlich das Regiment die feindliche Grenze. Ebenso kühn als schnell warf sich ihm der Feind entgegen. Zwar in größter Eile, aber dennoch vorsichtig nahm das Regiment Stellung.
Unter Horn- und Trommelsignalen begann der Kampf. Summend und zischend durchkreuzten die tödtlichen Geschosse die Luft. Theils stumm, theils mit einem jähen Aufschrei brachen die von den Kugeln Getroffenen zusammen.
Melchior erbebte bei den ersten Schüssen ganz entsetzlich, fast wie ein furchtsames Kind. Von Todesangst und einer gewissen Betäubung ergriffen stand er in Reihe und Glied. Zitternd und darum ohne jegliches Ziel feuerte er seine Schüsse ab. Fast wider Willen und ohne Selbstbewußtsein ging er mit vorwärts.
Zehn Minuten lang war jetzt mit außerordentlicher Erbitterung, aber noch ohne Erfolg gekämpft worden. Da kam plötzlich und in fast wunderbarer Weise ein ganz anderer Geist über Melchior. Er stellte sich kalt und mannhaft dem Feinde gegenüber. Er zielte mit Ruhe und Sicherheit. Schnell und unerschrocken benutzte er jede Gelegenheit zu seiner Deckung. Mit Ungeduld und sichtlicher Kampfbegeisterung erwartete er das Signal zum Vorwärtsgehen. Beim schließlichen Sturmangriffe eilte er sonder Furcht und Todesangst allen Anderen voran.
Sein Regiment errang endlich unter fast übermenschlichen Anstrengungen und großen Opfern den Sieg.
Und Melchior?
Ihm überreichte sein Commandant vier Wochen nach der Schlacht mit militärischer Feierlichkeit und herzlicher Ansprache eine ehrenvolle Auszeichnung.
15. Gott und wir.
(Zwei Beweggründe.)
Der liebe Gott schenkt uns Alles aus Liebe und Güte. Er verschiebt die Strafe des Sünders aus Geduld und Langmuth. Er vergibt uns unsere Schuld aus lauter Gnade und Barmherzigkeit.
Aus Liebe und Dankbarkeit müssen wir ihm deshalb gehorchen lernen. Unsere Besserung darf nicht aus Angst oder Furcht geschehen. Wir müssen uns aus vollster Ueberzeugung und mit aufrichtigem Vertrauen ihm stets als Kinder gegenüber stellen.
16. Die Kuh.
(Zwei Zwecke.)
Die Kuh wird zur Zucht und auch zum Zuge verwendet. Sie gewährt deshalb für Stadt und Land großen Nutzen.
Um ihrer Milch und ihres Düngers willen hält man sie oft in großen Heerden. Ihre Milch wird nicht blos als Getränk, sondern auch zu Butter und Käse verbraucht. Ihr Fleisch dient zu Braten und zu verschiedenen andern Speisen. Ihre Haut trägt sie für Schuhmacher, Sattler und Riemer zu Markte. Ihre Hörner sind für Drechsler und Knopfmacher bestimmt.
Wegen dieses allgemeinen Nutzens wird auch die Kuh in manchen Gegenden zum Heirathsgute oder zu einem andern Geschenke erhoben.
17. Der kleine Künstler.
(Zwei Stoffe.)
Julius war ein außerordentlich geschickter Knabe. Er verstand aus den unbedeutendsten Dingen und Stoffen allerhand Spielereien zu fertigen. Aus abgesetzten Korken und weggeworfenen Lederstückchen schnitzte er allerliebste Landschaften.
Aus Baumrinde, Moos und Flechten baute er kleine Einsiedeleien. Aus buntem Papier und den Abfällen in der Glaserwerkstatt wußte er niedliche Glasschränkchen herzustellen. Aus Pappstreifen und bunten Leinwandabschnittchen formte er allerhand Schächtelchen. Aus Cigarrenkastenbretchen und den Deckeln zerbrochener Schachteln entstanden unter seinen Händen bewegliche Windmühlen. Thiere schuf er gewöhnlich aus Mehl und Wasser. Menschen wurden von ihm aus Wachs oder Pech gebildet.
Mit diesen Sächelchen aus festen Stoffen oder ursprünglich weichem Material erfreute er dann seine Geschwister besonders zur Weihnachtszeit.
Wiederholung.
(Alle Arten Zusammenziehungen.)
18. Ludwig und Günther.
Ludwig und Günther nannten sich gute Freunde. Beide aber waren faule, ungezogene und rohe Buben. Ueber ihre Lippen ging selten ein sanftes oder ein gutes Wort. Häufig stießen sie nicht blos Schimpfworte und gemeine Reden, sondern sogar Flüche und Verwünschungen aus.
Während ihrer freien Zeit trieben sie sich in Wäldern und Gebüschen umher. Dabei war im Frühlinge und Herbste ihr Hauptabsehen auf das Wegfangen von Singvögeln gerichtet. Diese Schändlichkeit führten sie durch Aufstellen von Leimruthen, Netzen, Sprenkeln und andern Schlingen aus. Mit den armen Gefangenen aber gingen sie nicht selten äußerst roh und herzlos um. Oft marterten sie die unglücklichen Thierchen aus purer Laune und Schadenfreude auf das entsetzlichste. Schließlich wurden dieselben in ein enges Leinwandsäckchen oder gar in einen Strumpf gesteckt.
So wanderten die Aermsten zum Verkaufe oder zum Verschenken aus ihrem Paradiese hinaus. Die Freiheit und den grünen Wald sah keiner der Unglücklichen wieder. Lebenslänglicher Kerker oder ein elender Tod ward ihr Loos.
Zum Glück und zur Freude aller Gutgesinnten legte man endlich den bösen Knaben ihr gottloses Treiben. Sie wurden eingezogen, verhört, verurtheilt und auf zwei Jahre in eine Strafanstalt abgeführt.
Zu ihrem eigenen Heile kehrten sie aus dieser Anstalt nach überstandner Buße als gebesserte, gute und brauchbare Menschen zurück.
19. Die Luft.
(Fortsetzung.)
Die Luft besteht aus Stickstoff, Sauerstoff, Wasserstoff und Kohlensäure. Stickstoff und Sauerstoff sind in großer Menge in ihr vorhanden.
Viele Merkmale und Eigenschaften hat sie mit andern Körpern gemein. Sie ist undurchdringlich, durchsichtig, schwer und elastisch. Sie nimmt verschiedene Grade der Kälte und der Wärme an. Deshalb berührt sie uns zuweilen heiß, warm, lau, kalt, sogar eisig kalt.
Die Luft durchdringt die winzigsten Zellen der Thierkörper und der Pflanzen. Sie findet sich ebensowohl in der Tiefe des Meeres als im Innern des größten Felsenberges. Für alles Leben und Gedeihen ist sie die erste Bedingung.
Ihre Bewegungen und Strömungen sind stets wechselnder Natur. Als lindes Säuseln weht sie durch Hain und Flur. Als scharfer Zug pfeift sie durch Fenster und Thüren. Aehrenfelder, einzelne Baumgipfel und ganze Wälder bewegt der Wind.
Er setzt die Windmühle und die Segelschiffe in Bewegung. Er trägt den leichten Drachen und die schwere Wolke. Pfeifend und heulend saust er als Sturm daher. Als Orkan richtet er in Obstgärten, in Wäldern, auf dem Meere, in Dörfern und Städten oft gewaltige Verheerungen an.
Die Luft vermittelt jeden Schall, jeden Laut, jeden Ton, jeden Knall. Ihre Wellen tragen das Murmeln der Bäche, das Summen der Käfer, das Lied der Nachtigall an unser Ohr. Auf ihren Schwingen rollt der knirschende Donner und der dumpfe Knall der schweren Geschütze dahin. Sie vermittelt unsern Herzen das Flehen des Armen, das Seufzen des Leidenden, den Hülferuf des Verunglückten, den Trost theilnehmender Freunde.
So belebt sie nutzbringend und segenspendend das unendliche All.
20. Einfache Kost.
(Fortsetzung.)
Wasser, Salz und Brod macht die Wangen roth. Das ist ein altes und ein wahres Sprichwort. Wo blieben sonst die markigen Gestalten, die kräftigen Arme und die blühenden Gesichter der armen Gebirgsbewohner?
Die Tafeln der Grafen, Herzöge, Könige und Kaiser möchten brechen unter der Last der feinsten Leckerbissen. Sind diese Herren aber deshalb etwa die gesündesten und kräftigsten Menschen? Starb nicht schon mancher Fürst in der Blüthe seiner Jahre, im kräftigsten Mannesalter?
Möge der Arme darum nicht neidisch weder nach den Kapaunen, Austern und Torten, noch nach den Weinhumpen und Methgläsern der Reichen blicken. Bei zufriedenem Sinn und Hunger ist auch die einfache Kartoffel eine leckere Speise. Gaumenkitzel und Zungenweide sind ja oft nur eingebildete Dinge.
Dein Mahl aus einfachem Gemüse und Schwarzbrod erscheint vielleicht sogar manchem Reichen als genußreich. Möglicherweise haben ihm die allzu fetten Speisen den Magen geschwächt oder gar schon verdorben.
Einfache, aber kräftige Kost ist unter allen Umständen der Gesundheit am dienlichsten.
21. Zwei Brüder.
(Fortsetzung.)
Hans und Otto waren Brüder. Heiterkeit und Frohsinn, sowie Verträglichkeit bildeten die Hauptmerkmale ihres Charakters. Fleiß, wie auch Ordnungsliebe zeigte jeder. Nicht nur der Vater, sondern auch die Mutter waren stolz auf diese Kinder.
Hans galt für einen guten Turner und Schwimmer. Otto leistete viel im Zeichnen und Malen. Ersterer sah frisch und blühend aus. Letzterer war etwas blaß und hager. Beide lernten und arbeiteten um die Wette.
Diese treuen, strebsamen Brüder waren bei Jedermann beliebt. Der Fleiß des Hans und des Otto wurden andern Kindern zum Vorbilde aufgestellt. Otto’s Zeichnungen und Bilder bewunderte man. Von dem Muthe und der Gewandtheit des Hans erzählte man sich überall.
Große und kleine Kinder gingen mit Respekt an diesen Knaben vorüber. Beide jedoch blieben bescheiden und demüthig. So brav und gut sollten alle Knaben und Mädchen sein.
II. Mehrfache Zusammenziehungen.
22. Zwei berühmte Sänger.
(Subjecte, Ergänzungen, Beifügungen etc.)
Nachtigall und Grasmücke sind liebliche Wald- und Singvögel. Sie lieben das niedere, schattige Gebüsch an Flüssen und Teichen.
Ihr einfaches, schlichtes Kleid kann sich weder mit dem bunten Gefieder des Gimpels, noch mit dem vielfarbigen Gewande des Finken messen. Ihr wundervoller, herrlicher Gesang aber macht sie zu Lieblingen bei Jung und Alt.
Weich und harmonisch ertönen ihre Weisen aus dem düstern Strauchwerke und aus den niedern Baumgipfeln hervor. Ihre melodie- und gefühlsreichen Lieder ergreifen jedes unverdorbene und sinnige Menschenherz mit unwiderstehlicher Macht und seltsamem Zauber. Ihnen lauscht zur Früh- und Abenddämmerung der Wanderer auf staubiger Straße oder auf holperigem Waldpfade. Ihren flötenden, oft schwermüthigen Accorden leiht selbst der müde Waldarbeiter und der die Waldmusik längst gewohnte Waidmann noch sein Ohr.
Und doch haben gerade Nachtigall und Grasmücke unter den Menschen die unbarmherzigsten, gefährlichsten Feinde. Aus purer Gewinnsucht und schnödem Eigennutze stellt man ihnen an allen Orten und Enden nach. Selbst die zu ihrer Sicherheit und ihrem Schutze hier und da erlassenen strengen, oft außerordentlich strengen Gesetze vermögen diese Zierden des Waldes, diese Lieblinge aller Naturfreunde nicht ganz vor Nachstellung und Gefangennahme zu schützen.
23. Der Winter.
(Fortsetzung.)
Horst und Alfred erwarteten mit sehnsüchtigen Blicken und förmlicher Ungeduld den ersten Schnee. Stundenlang, ja halbe Tage lang schauten sie zu den hohen, breiten Fenstern hinaus nach dem grauen, wolkenbedeckten Himmel.
Längst schon hatten sie ihre Schlitten und Schlittenpeitschen aus ihren Schlupfwinkeln hervorgeholt und in Bereitschaft gestellt. Nicht blos bereits seit Tagen, sondern sogar seit Wochen schwärmten sie in ihren Gesprächen und Träumen von Schneeballschlachten, Schneemännern und Rutschpartien.
Da endlich wirbelten die ersten feinen, zarten Schneeflöckchen in anmuthigem Tanze und in dichtem Gedränge auf Dach und Baum, auf Hof und Garten herab. Horst und Alfred schrieen laut und freudig auf über das längst ersehnte und längst erhoffte Naturereigniß.
Nach zwei Tagen und drei Nächten lag der Schnee in den Gärten und Feldern nicht blos zoll-, sondern sogar ellenhoch. Nun wurden von den beiden Knaben und ihren Freunden und Gespielen Schlittenbahnen angelegt und große, dickmauerige Schneeschanzen errichtet. Diese ziemlich fest und äußerst geschickt angelegten Bollwerke suchte man dann unter Vivat- und Hurrahgeschrei zu erstürmen. Dabei flogen die großen und kleinen Bomben hinüber und herüber. Viele von ihnen zerplatzten zur Freude und zum Jubel der kleinen Schaar auf dem Rücken, an den Köpfen und wol gar an den Nasen der Gegner.
Zur Abwechselung wurde nach beendigter Schlacht oder nach längerer Schlittenfahrtbelustigung ein hoher, breitschultriger Schneemann erbaut. Wohlausgesuchte und geeignet geformte Steinkohle bildete seine Augen und seine Nase. Zähne und Lippen verlieh man ihm mittels rother Tuchläppchen und kleiner Eiszapfen.
Die Schöpfung eines solch riesigen Schneemannes weckte unter den kleinen Knaben außerordentlich fleißige und emsige Hände und viel Freude und Jubel.
So trieben sie es alle Tage und wurden des langen und zugleich harten Winters nicht müde. Bei aller dieser Freude und bei all diesem Vergnügen vernachlässigten sie aber nie ihre Schularbeiten und ihre sonstigen häuslichen Beschäftigungen.
24. Stolz und Eitelkeit.
(Fortsetzung.)
Stolz und Eitelkeit verderben bei Kindern und Erwachsenen nicht blos den Charakter, sondern beflecken auch das Herz. Stolze und Eitle blicken mit Geringschätzung und Nichtachtung auf Arme und Gebrechliche, überhaupt auf Niedrigstehende herab. Ihr Gemüth verschließt sich aus lauter Dünkel und Hochmuth der Theilnahme, dem Mitleide, der Barmherzigkeit. Dabei werden sie in engeren und weiteren Gesellschaftskreisen unangenehm und darum lästig.
Welcher Verständige und Vernünftige möchte wol gern mit solchen eingebildeten Narren und hochfahrenden Thoren näheren und wol gar freundschaftlichen Umgang haben?
Der Hochmüthige lebt sich unbestritten und unleugbar auch selbst zur Last und Qual. Wie erregt und ärgert ihn jeder fremde Vorzug des Standes, der Bildung, der körperlichen Schönheit, der Kleidung, jedes fremde Lob, jede fremde Ehre oft auf Tage und Wochen hinaus! Wie mitunter peinlich ängstlich ist er früh und spät auf die Pflege seiner Haut, seiner Zähne, seiner Haare, vielleicht sogar seiner Nägel bedacht! Wie späht die Eitelkeit auf den Straßen und in Gesellschaften, sowie in Modezeitungen und andern derartigen Blättern nach der neuesten Form der Kopfbedeckung, dem neuesten Schnitte der Kleider, wol gar nach der neuesten Farbe der Handschuhe! An allen Orten und in allen Kreisen will sie gesehen und bewundert sein.
Welch ein unruhiges, trauriges Leben! Laßt uns lieber zu unserer Ehre und zu unserem Ruhme unsern schönsten Schmuck in Einfachheit und Bescheidenheit suchen und finden.
III. Arten der Zusammenziehung.
25. Ein Kampf.
(Zusammenstellend.)
Ein Staar und ein Sperling stritten sich um den Besitz eines Nistkastens. Derselbe bot allerdings nicht blos alle mögliche Bequemlichkeit, sondern auch viel Raum. Zudem hing er hoch und sicher. Sowohl während der Früh- als der Mittags- und der langen Nachmittagsstunden konnte ihn die Sonne bescheinen. Somit erschien er den beiden Vögeln zum Brüten und zur Kinderzucht außerordentlich geeignet. Beide setzten daher auch für die Eroberung desselben Blut und Leben ein.
Der Kampf wurde mit Wuth und Erbitterung geführt.
Bald schlugen, hackten und bissen sich die hitzigen Gegner auf den Aesten und Zweigen, bald auf dem Dache des Nistkastens, bald auf dem Rasen des Gartens umher. Graue und schwarze Federn wirbelten zahlreich nach links und rechts. Wuth und Schmerzgeschrei zeterte durch die Luft. Eine Menge anderer Vögel eilte theils aus Neugier, theils vor Schreck herbei.
Wol drei bis fünf Minuten dauerte die entsetzliche Fehde. Erschöpft und blutend ergriff endlich der Staar die Flucht. Der allerdings auch verwundete und schrecklich zerzauste Spatz aber zog triumphirend und fast wie hohnlachend in das eroberte Luftschloß ein.
Wollt ihr ihn etwa ob seiner Heldenthat schmähen oder verurtheilen?
26. Die Erzväter.
(Desgleichen.)
Abraham, Isaak und Jakob waren Erzväter. Sie alle führten nicht blos zum Scheine, sondern in Wahrheit ein frommes, gottesfürchtiges Leben. Weder Glück noch Unglück vermochte ihre Gottestreue wankend zu machen. Sie standen nicht allein in ihrer Familie, sondern auch in ihrer weiteren Umgebung als wahre Muster im Gehorsam, in der Demuth und im Gottvertrauen da. Die Israeliten zollen ihnen darum noch heute große Achtung und Verehrung.
Alle drei Männer standen aber auch unter besonderem Schutze und in besonderer Gnade Jehovah’s. Er segnete sie mit leiblichen und geistigen Gütern. Mit Muth und Kraft wußten sie daher stets Leid und Trübsal zu ertragen. Mußte doch Isaak noch in seinen alten Tagen und besonders während seiner Blindheit bittern Undank und schmachvolle Täuschung erfahren. Welch tiefes Herzeleid und welch unendliches Weh mußte Vater Jakob infolge des Neides und der Rachsucht seiner eigenen Kinder empfinden! Immer indeß führte ihr Herr und Gott jene Männer durch Kummer, Noth und Thränen zu neuer Freude, neuem Glücke.
Die Lebensgeschichten dieser Gottesmänner sind im lieben, heiligen Bibelbuche ebenso getreulich als auch ausführlich niedergeschrieben. Sie zu lesen und zu erwägen ist für Kopf und Herz heilsam.
27. Das Meer.
(Entgegenstellend.)
Der Anblick des Meeres kann zu Zeiten mit erhebender Bewunderung, aber auch mit erschütterndem Entsetzen erfüllen.
Es beplätschert den Strand mit freundlichem Wellenspiel, tobt aber auch in wilder Brandung. Seine Straßen sind zwar breit, indeß nicht selten gefahrvoll. Meeressturm, gleichwohl auch Meeresstille können äußerst unheilbringend werden.
Das Reisen auf dem Oceane ist allerdings reich an Genüssen, hingegen auch stets gewagt. Die riesigsten Segelschiffe, doch auch die mächtigsten Dampfer können verunglücken.