Part 9
An der Pforte des reichen Mannes drängten sich die Armen aller Art. Herr Eberhard unterschied nicht mehr strenge zwischen verdienter und unverdienter Armut, er half wo und wie er konnte. Dem einen zahlte er die Zinsen, dem anderen die Steuern, dem dritten schrieb er sich als Bürgen auf den Schuldschein. Einem Geldunterschlager, dem die Entdeckung drohte, gab er Geld zur Ersetzung des Abganges. Und wenn er von seiner Gemahlin, von seinen Kindern gefragt wurde, was denn die vielen Leute immer wollten, wenn sein Geschäft so ganz und gar ruiniert sei, so antwortete er: »Das sind eben die Gläubiger, die ihre Güter holen kommen, die ich ihnen bisher verwaltet habe.«
Die Frau schwieg und blickte ahnungsvoll einer schlimmen Zukunft entgegen. Dabei war ihr aber süß, daß ihre Familie von der Bevölkerung geradezu vergöttert wurde, daß sie als die Gemahlin des reichen Wohltäters bei jeder Gelegenheit Ehren genoß, als wäre sie die Fürstin der Stadt und des Tales. Allerdings wurden im Hintergrunde auch Stimmen laut: Die Eberhardischen würden wohl wissen, warum sie so viel Gutes tun; sie könnten wohl noch mehr geben. Wenn so einer, wie der Eberhard hundert Taler gibt, die er nur aus der Kasse zu nehmen braucht, da ist's gerade so viel, als wenn der arme Mann einen Kreuzer schenkt. So einer kann eine Million verschenken und er tut sich nicht so weh, als wenn ein Armer ein Paar Stiefel versetzen muß.
Herr Eberhard hörte von solchen Stimmen wenige, denn im Vordergrunde stand das laute Lob. Er kam sich selbst manchmal vor wie ein Heiliger, der aus Nächstenliebe die Güter der Erde hingibt. Seinen Kindern sprach er von der Unsittlichkeit ererbten oder nicht persönlich erworbenen Reichtums und wies sie an, ihren Lebensunterhalt sich selbst zu verdienen. Es ward ihm bitter hart, er kämpfte übermenschlich, ehe er sie verstieß, doch endlich siegte er durch den Ausspruch: Du sollst deine Familie verlassen und mir nachfolgen! -- Und er fuhr fort, die Reste seines Vermögens hinzugeben. Seine Gemahlin hätte ihn wohl rechtzeitig unter gerichtliche Aufsicht stellen lassen, wenn sie von seiner Darstellung, als wäre längst durch unglückliche Spekulation alles verloren worden und die seitherigen Weggaben seien nichts als das Zurückstellen aufbewahrten Geldes, sich nicht hätte irreführen lassen. Nun fiel sie ihm freilich um den Hals und sprach: »Lieber Mann, wir werden noch selber betteln gehen müssen.«
»O kurzsichtiges Menschenkind,« sagte zu ihr Herr Eberhard, »denke an das Wort des Heilands: Wer zwei Röcke hat, der gebe den einen davon dem, der keinen hat. Siehe die Blümlein auf dem Felde, sie säen nicht, sie ernten nicht, und der himmlische Vater ernährt und kleidet sie doch. Wenn mir ein kleines Dachstübchen bleibt, wie ich es einst besessen, dann bin ich schon zufrieden.«
Darauf vergingen noch wenige Jahre, dann war sein Ziel erreicht. Herr Eberhard wohnte in einem schiefwändigen frostigen Dachstübchen. Und wenn seine Frau, die auf dem Siechenbette lag, seinen Rock flicken wollte, so konnte er nicht ausgehen, um Lebensmittel zu sammeln, denn er hatte nur einen Rock. Seine in der Jugend verweichlichten Söhne hatten dem harten Existenzkampfe nicht standzuhalten vermocht und waren verkommen, die Töchter hatten sich einem Gewerbe ergeben, das ihnen unmöglich machte, noch einmal unter die Augen der Eltern zu treten. So waren die zwei alternden Leute nun ganz allein. Herr Eberhard hatte in seinem Dachstübchen aber doch die Beschaulichkeit und den Herzensfrieden nicht wieder gefunden, den er sich erhofft. Sein christliches Wohltun -- wie Schuld pochte es nun manchmal an sein bangendes Herz, besonders wenn er an die verlorenen Kinder dachte. Dazu ward er täglich beleidigt von der Roheit derer, zu denen er bittend kam; sie nannten ihn einen Verschwender, dem jetzt ganz recht geschehe. Von den nachgerade zahllosen Leuten, denen er einst Gutes getan im großen wie im kleinen, waren nur wenige vorhanden; von diesen entschuldigte sich der eine mit eigenen Sorgen, der andere reichte ihm widerwillig eine kleine Gabe und den guten Rat, sich doch selbst wieder etwas zu verdienen, auch der Hände Arbeit schände nicht. Von der Verehrung, die er einst genossen in der Gegend, war nichts mehr übrig geblieben, ja man erinnerte sich nun wieder, daß der Taugenichts doch im Blute liegen müsse, da ja sein Großvater stranguliert worden sei. -- Für solche Herzensbitterkeit fand Herr Eberhard in seinem Evangeliumbuche keinen rechten Spruch. Und bei den schönen Worten von der Seligkeit der Sanftmütigen, Traurigen und Verachteten war ihm, als paßten sie nicht auf seine Verhältnisse, als habe der Heiland eine so ungeheuerliche Undankbarkeit der Welt nicht voraussetzen können.
Eines Tages kam ein gerichtlicher Auftrag, Herr Eberhard Roland habe tausendfünfhundert Taler zu zahlen für eine Bürgschaft, die er einst geleistet. Darauf antwortete er: »Machet, was ihr wollt, ich habe nichts.« Da erschien nach einem Weilchen ein Gerichtsbeamter mit zwei Dienern, und mit ihnen der Gläubiger, ein reicher Bäckermeister von K. Dieser riß seine große, mit Banknoten wohlgefüllte Brieftasche aus dem Sacke, zog aus derselben aber keine Banknoten, sondern den Schuldschein, unter dem Herr Eberhard als Bürge stand. Der Bäcker schimpfte und fluchte eine Weile über den voreinstigen Prasser und Windbeutel, der jetzt von anderer, von ehrlicher Leute Arbeit leben wolle und dann wurden die wenigen Möbel und Einrichtungsstücke in Beschlag genommen und dem Herrn Eberhard die Wohnung gekündigt.
Am rechten Arm ein Bündel, am linken sein krankes Weib, so wankte Herr Eberhard hinaus. Bei wohlhabenden Leuten klopfte er an, die einst seine Nachbarn gewesen, sie hatten Ausflüchte. Eine alte arme Tabaksverkäuferin, die selber fror in ihrer Bude, lud die armen Leute ein, bei ihr zu rasten. Dem Herrn Eberhard aber war jetzt nicht ums Rasten; als er sein Weib in die Obhut der Ständlerin gegeben hatte, ging er hinaus in die Auen. In ihm war ein unerhörter Sturm. Er verfluchte nicht die undankbaren Menschen, nein, er wütete in grenzenloser Bitterkeit gegen das Evangelium, dem er so gläubig und opferwillig gefolgt war, und das ihn dahin geführt hatte, wo er sich jetzt befand.
Dem Mühlbache ging er entlang. Da fiel ihm etwas ein. Er schlug es rasch von sich, sein Weib konnte er nicht verlassen. Aber was sonst? Was nun sonst? -- Nach langem Irren kehrte er um gegen die Stadt, es begann schon das Dunkeln des Abends. Vor sich sah er einen großen dicken Mann dahinwackeln, sein Stöcklein bei jedem Schritt gar selbstbewußt auf den steinigen Boden stoßend. Das war der Bäckermeister, der ihn vorher entheimt hatte. Er war wohl bei seiner Mühle draußen gewesen. Dem Herrn Eberhard wurde das Blut rasend, als er in diesem Manne gleichsam verkernt seinen ungeheueren Irrtum, sein Unglück sah. Der Bäcker war durchaus nicht christlich; er war hart und rücksichtslos, er zertrat unbedenklich Existenz um Existenz, wenn er daraus Nutzen ziehen konnte. Und wie ging's ihm gut und wie lief er sogar nicht Gefahr, einmal zu verarmen, einmal die Achtung der Mitmenschen zu verlieren. Hatte er diesen Bäcker nicht einst selbst aus einer großen Geschäftsverlegenheit gerissen? War das Geld seiner heute gefüllten Brieftasche nicht vielleicht Eberhards Geld? Konnte er es nicht wieder zurücknehmen jetzt ...?
Plötzlich bückte sich Herr Eberhard, hob einen scharfkantigen Stein auf und schleuderte ihn nach dem Kopfe des Bäckers. Dieser stürzte fast zusammen.
Herr Eberhard vergaß, weshalb er den Stein geworfen, ließ den Sterbenden liegen und ging der Stadt zu, um sich dem Gerichte zu stellen. Da lief ihm jemand nach und flüsterte: »Herr Eberhard! Herr Eberhard! Sie wollen Ihrem Großvater nach! Das dürfen Sie nicht.«
Herr Eberhard blieb stehen und fragte den etwas unheimlich aussehenden Mann, was er wolle.
»Nein,« wiederholte dieser, »das dürfen Sie nicht. Den Bäcker nehme ich auf mich. Wissen Sie noch? Der Geldunterschlager auf der Post! Der Fundler!«
»Der Johann Fundler sind Sie? Jener Johann Fundler.«
»Der bin ich. Und wissen Sie, was Sie damals gesagt haben, wie Sie mir die veruntreute Summe vorgestreckt? Der Herr im Himmel freue sich über ein verlorenes Schaf, das gerettet werde. Ich bin wieder ein ordentlicher Mensch geworden damals, ohne daß jemand eine Ahnung hatte, daß ich ein Lump gewesen. Und habe noch manch glückliches Jahr genossen.«
»Wollen Sie mir jetzt etwa das Geld zurückzahlen?« fragte Herr Eberhard.
»Das kann ich nicht.«
»Ich brauch's auch nicht.«
»Ich habe weniger als nichts,« sagte der Postbeamte, »ich habe wieder gestohlen und die Polizei ist mir schon auf den Fersen, jetzt hilft mir nichts mehr, und deswegen nehme ich auch gleich den Bäcker auf mich und Sie sind so gut und streichen mir die Schuld.«
So hatte der Mensch in hastigen Stößen gesprochen und dann eilte er dahin.
Herr Eberhard lehnte sich an den Stamm einer Wildkastanie. -- Also doch noch Dankbarkeit!
Spät abends kam er zu seinem Weibe zurück, das in der Kammer jener Tabakverkäuferin auf einem alten Tuchmantel lag, und zu ihr sagte er: »Wärest du nur bei mir gewesen auf diesem Spaziergang, so hätten wir in Zukunft beide ein Quartier, nicht bloß ich allein. Weißt du etwas Neues? Just haben sie den toten Bäcker vorbeigetragen, der uns gepfändet hat. In der Au mit einem Stein erschlagen. Der Postbeamte Fundler will's getan haben. Der Fundler ist ein Lügner. Ich werde es den Herren schon beweisen, daß der Fundler ein Lump ist. Aber dieser schlechte Lump ist der bravste Mensch in der ganzen Stadt. -- Er ist dankbar.«
Am nächsten Tag wurde das Weib ins Armenhaus gebracht und Herr Eberhard ins Gefängnis. Er hatte tüchtig zu tun gehabt, seinem dankbaren Postbeamten den erschlagenen Bäcker zu entwinden; es schien auch so unglaublich, daß Herr Eberhard einen Mord sollte begangen haben. Er legte einen freiwilligen Eid drauf ab. Ob's ein Rachemord oder ein Raubmord hätte sein sollen, das wüßte er selber nicht. -- Und nun hatte er wieder seine Beschaulichkeit. Nun konnte er nachdenken, warum er eigentlich dem Heiland bis zum Dachstübchen nachfolgen wollte, und nicht weiter -- nicht bis zur Kreuzigung? Warum er denn seine gesellschaftliche Stellung, sein Vermögen, ja selbst seine Familie hingeopfert hatte, um dem Evangelium gerecht zu werden, wenn er dann doch auf einmal der menschlichen Natur nachgab? Jetzt sah er, wohin die Nachfolge Christi führt: Wenn man dem Heiland auf dem ganzen Wege nachfolgt, so kommt man freilich in den Himmel, wenn man auf halbem Wege ablenkt, so kommt man in den Kerker. Und das passiert manchem.
So der Erzähler. Die Gesellschaft schwieg.
Der alte Adam.
Mit vernünftigen Gründen vermag die Weiserin Natur bei uns vernünftigen Leuten selten was auszurichten, und so steckt sie sich zuweilen hinter Sonderlinge und Narren; denn nur den Unverständigen belehrt der Vernünftige, des Weisen Lehrmeister aber ist und bleibt in Ewigkeit der Narr.
Allerdings scheint es, als hätten die Strubacher-Leut' vom Lehm-Lamel nicht viel gelernt; der Lamel war gerade noch um ein halb Köpflein zu vernünftig für sie.
In vergangenen Jahren war er eigentlich gar sehr vernünftig und tüchtig gewesen, der Lamel. Er besaß eine Lehmgrube, die ihm guten Gewinn und den Namen Lehm-Lamel eintrug; zu Recht aber war er Wegwart an der Reichsstraße, die damals in weißen staubigen Bändern mit Wagengeknarre, Rossegewieher, Fuhrmannsgeschrei, Peitschengeknatter und Handwerksburschengetriller durch die Länder schlängelte. Damals war noch die Zeit, in der die Dörfer und Flecken groß, die Postmeister reich, die Wirte dick wurden, die Städte aber, durch steinerne Gürtel zusammengeschnürt, an Engbrüstigkeit litten.
Damals sind Wegwarte bedeutende Leute gewesen, ohne sie hätte das Räderwerk der Straße, des Landes, des Reichsverkehres gestockt, wäre versunken in Schlamm. Der Lamel hatte seine Pflicht wohl erfüllt, seine Strecke war stets die bestgeschotterte, auch hatte er an derselben eine Allee von Obstbäumen gepflanzt, wofür er anfangs gerügt, später aber, als sie zwar nur wenig Schatten, aber um so mehr Obst gaben, belobt wurde. Und er freute sich baß, wenn ihm Handwerksburschen Äpfel und Zwetschken stahlen, weil er wohl wußte, daß verbotene Früchte süß schmecken. So war er stolz auf sein süßes Obst, das geschenkt oder selbst gegessen schier ein wenig stark säuerlich schmecken wollte.
Auch um sein Haus hatte der Lamel einen Garten von Obstbäumen; der war seine Erquickung, denn die Bäume trugen Äpfel, die ließ er pressen, den Most wahren und gären, und wenn das Getränke klar und herbe geworden, so trank er es als echten Wein. Und der Apfelwein -- dem Vater Noah zu Trutz sei's gesagt -- gab dem Traubenwein nichts nach, hingegen gab der Lamel dem Apfelwein nach, und zwar nicht selten auf Kosten seiner Selbständigkeit.
Auf die kleine Schwäche müssen wir einen großen Vorzug erwähnen. Der Lamel war schriftgelehrt und ging in den Feierstunden daran, die sieben Siegel der Bibel zu lösen, wobei ihm der Apfelwein stets behilflich war, so daß er schließlich die Offenbarungen des heiligen Johannes leibhaftig um sich herumtanzen sah, mitsamt den vier Ältesten und dem Lamel.
Eines Abends sprach ein alter hinkender und schielender Handwerksbursche im Hause des Wegwarts zu, nahm am Brunnen einen Trunk und wusch sich hierauf den Staub von den Füßen. Weil der Wegwart nicht weit davon stand und dem Alten lächelnd zusah, so wurde dieser dreist und bat um Nachtherberge. Bei Wegwächtern kehrt man sonst nicht zu, aber der Lamel wollte auch einmal ein Hausvater sein und sagte: »Hat Er ein Wanderbuch?«
»Ein Wanderbuch?« fragte der Geselle schielend entgegen, »-- ein Wander -- -- das heißt -- ja freilich, freilich hab' ich ein Wanderbuch.«
Der Lamel nahm das blau eingebundene Ding in Empfang, legte es in seinen Schrank und ließ dem Fremden Nachtmahl und Nachtlager geben.
Am anderen Morgen, noch ehe die Sonne und der Lamel aufgingen, war der alte Wanderbursche davon und mit ihm das neue Paar Juchtenstiefel des Wegwart. -- Fand es eigentlich soweit in Ordnung, der Lamel, denn gute Stiefel müssen wandern und ein echter Haderlump muß stehlen. Aber wie ein Mensch so leichtfertig sein kann, sein Wanderbuch im Stiche zu lassen! -- Das blaue Buch lag noch im Schranke, der Lamel öffnete, durchblätterte es -- ja, was ist denn das für ein wunderlich Wesen? Ein Wanderbuch allerdings, aber ein gedrucktes. »Das Buch über die Seelenwanderung« war es benamset und bei näherer Untersuchung enthielt es große Abhandlungen in langen Kapiteln mit geheimnisvollem Dunkel und tiefer Weihe geschrieben. Der Verfasser war nicht genannt -- so konnte es auch der heilige Geist selber diktiert haben.
Und als wieder die Feierstunden kamen, da schaffte sich der Lamel einen Krug Weines ins Stübchen und begann das Buch von der Seelenwanderung zu lesen. Das erzählte fürs erste die Geschichte des Glaubens an die Seelenwanderung, wobei natürlich viel von den alten Ägyptern die Rede war, kam auch später auf das Feld der Spiritisten. Und schließlich verharrte das Buch gläubig bei folgender Lehre:
»Jene Engel, die im Himmel sich versündigt hatten, verstieß Gott in eine Ödnis, so die Erde heißet. Auf der Erde lebten die Verstorbenen in Leibern aus Lehm und waren anheimgestellt der Drangsal und sollten ihren Fehltritt sühnen, bevor ihr Leib wieder zu Lehm sich lösete. Wenigen gelang es, in ihrer irdischen Natur, sozusagen in einer Hülle von Kot, sich zu reinigen; denen es gelang, die wurden wieder in die Himmel aufgenommen; denen es nicht gelang, die mußten von neuem in irdische Leiber zurückkehren, und dies immer wieder und so lange, bis sie durch Not und Trübsal genugsam rein geworden, etwas Großes hier gewirkt hätten und endlich dereinst in die Himmel aufgenommen werden. So ist das Menschengeschlecht entstanden und so muß es fortbestehen, bis der letzte Engel seinen letzten Fehl, er rühre noch vom himmlischen Reiche oder von seinem vorhergegangenen Erdenleben her, gesühnt hat. Zum Beispiel Abraham, Moses, Paulus, Mohammed, Karl der Große, Kolumbus, Schiller usw. gehören nun zu den Erlöseten, die, wie oft sie auch früherhin in Erdenleibern gewesen sein mögen, ihre Büßerbahn erst mit dem Dasein, in dem sie das Große gewirkt, beschlossen haben. Hingegen, um nur weltberühmte Übeltäter zu nennen, zum Beispiel Pharao, Herodes, Nero, Alexander V., Napoleon und andere haben mit diesen ihren Existenzen nicht abgeschlossen, müssen so oft und so lange wieder in menschliche Leiber zurückkehren, bis nicht allein ihre Verbrechen in den Himmeln, sondern auch ihre bösen Taten auf Erden gebüßt sind. Wie oft, Leser -- so schaltete das Buch packend ein --, magst du schon auf Erden gewesen sein? Wer weiß es denn, ob du nicht der Kain warst, oder Alexander der Große geheißen, oder Pontius Pilatus, der unsern Herrn ans Kreuz schlagen ließ, oder Robespierre, der Wüterich von Paris? Der Urvater Adam selbst kann heute noch auf Erden wandern, etwa in deinem Gebietiger (so zu lesen), der dich schützt und schlägt, etwa in dem Bettelmann, der dich um Almosen anfleht, etwa in dir, in deinem Sohne!« --
Fast hätte der Lehm-Lamel über das merkwürdige Buch des Apfelweines vergessen. ~Das~ war ein Buch. Das leuchtet ein. Ja, jetzt ist das Rätsel gelöst. Darum die Welt, darum die vielen armseligen Menschen, darum die wenigen großen Taten und darum das Sprichwort von einem großen Wohltäter: »So einer kommt nicht wieder!« Und das Böse wird bestraft und das Gute belohnt und die Erde ist eigentlich das Fegefeuer. Wie das stimmt! -- Und ein solches Licht für ein paar Juchtenstiefel! Wer weiß! Der alte Handwerksbursche kann ein guter Engel gewesen sein; man kann's nicht wissen -- gar nichts kann man wissen auf der Welt, als was in diesem Buche steht.
Und wieder und immer wieder las der alte Wegwart in der wunderlichen Schrift. Oft sann er lange und ernstlich über sich selbst. -- »Jetzt steht die Welt schon sechstausend Jahr', und du bist noch nicht fertig, Lehm-Lamel, gefallener Engel, bist noch immer da? An die neunzig Menschenalter sind seit der Erschaffung der Welt, hast sie alle durchgemacht und bist erst noch nichts als der dumme Wegwächter, dem alle Rösser der Welt auf die Arbeit pissen. Was hast denn immer getrieben, du Haderlump? Viel mag ich nicht wetten, du bist bei den Zigeunern gewesen ...«
Er las sich streng die Leviten und trank Apfelwein dabei, und tatsächlich, es war ihm zumute, als hätte er auch vor mehreren tausend Jahren schon aus dem Kruge getrunken -- zu Noahs Zeiten -- nur bedünkte ihm, der Wein wäre damals nicht ganz so sauer gewesen als heute. -- Der Wein hat auch seinen Geist; seine Seele demnach. Wie wenn auch diese wanderte? Der Saure, der Gewässerte, der künstlich Gezuckerte und Durchgeistigte -- nimmer erfüllte er seinen Beruf, er muß noch einmal in die Kelter. Aber der Apfelwein ist ohne Falsch und vermag -- wenn man betrachtet, wie der kräftige Lamel zuweilen auf dem Boden liegt -- Großes zu vollbringen. -- So wird der Apfelwein über kurz den reinen Geistern beigesellet sein ...
Der Lamel war bisher Junggeselle geblieben, so war fürs erste niemand da, der zu seiner seelischen Reinigung beitrug, und der ihn fürs zweite in seinen Grübeleien zerstreut hätte. Also verbiß er sich immer mehr in das Buch von der Seelenwanderung, und also wurde er allmählich ein Narr. Die Idee, ob er nicht etwa doch einer aus dem Alten Testamente sei -- er las nebenbei auch immer die Bibel -- und ob nicht gar die Seele des unerlösten Adam in ihm stecke, trug er lange mit sich herum. Und in seiner Vermutung wurde er bestärkt, als er sich jählings in ein junges Weib verliebte. Er war noch nicht zweimal zwanzig Jahre alt und durchaus, vom Fuß bis zum Kopf, ein Wegwart, der sich sehen lassen durfte. Sie war eine Kalkbrennerin in der Gegend; die schöne Strinerl geheißen; ihre Haare waren so gelb wie das Korngehalme auf dem Felde zur Zeit, wenn der Schnitter kommt. Ging der Lamel zur Schnittzeit über die Felder, so las er nicht ungerne die bauchigen Körnlein aus den Ähren und zermalmte sie mit seinen urtüchtigen Zähnen. Und dachte dabei an den Schatz.
Aber -- Lehm-Lamel-Adam, kannst du dich denn nicht mehr erinnern, das voreinstmalen die goldhaarige Eva schuld war an deinem Falle, an deiner Austreibung aus dem Paradiese und an deiner ruhelosen Seelenwanderung durch die Geschlechter der Menschen? -- Der Apfelbiß in der Bibel! nichts als Blumensprache, du weißt es recht gut. Lehm-Lamel-Adam! Was zieht doch täglich für ein Volk die Straße entlang, an dir vorbei? Ein unselig Volk von Bettlern, Vagabunden, Tagedieben! Dort wankt ein Blinder, geführt von seinem halbnackten Kinde; dort schleppt ein kraftloses Maultier einen lahmen Mann; dort geleiten Schergen einen Übeltäter heran und drüberhin flattern und krächzen die Raben. Hier sprengt mit Roß und Wagen ein anderer Übeltäter vorüber; dort liegt ein Waisenknabe im Straßengraben und ächzt. Sechs schwarze Hengste führen die Leiche eines reichen Selbstmörders ihrer prunkenden Gruft zu. Dort am Steinhaufen kauern Mann und Weib und Kinder in Lumpen; die Kinder schreien nach Brot, der Mann verflucht sein Geschick. Und hier wankt ein Enttäuschter, Vernichteter des Weges zurück, den er vor kurzer Zeit erst mit fliegenden Plänen und Hoffnungen gezogen. Und so zieht's Tag für Tag und Jahr für Jahr die breite Straße entlang; ganze Kriegsheere dazwischen, ausfahrend, um zu morden und zu rauben. Und das -- all das ist das Menschengeschlecht. Adam, das ist deine Sippe! -- Und wiederum gehst du auf Freiersfüßen, anstatt anzupacken, daß die ganze mißratene Brut vertilgt werde!
So schrie das Gewissen dem Wegwart in die Ohren.
Es war nur ein alter Eseltreiber, der eines Tages beim Wegwart zusprach.
»Lehm-Lamel!« rief er durchs Fenster hinein, »weißt du schon, daß die Strubacher-Leut' nicht mehr sprechen können? Sie heißen dich den Lahm-Limmel.«
»Treib' deine Esel in meinen Obstgarten,« sagte der Lamel, »und setz' dich zu mir, ich muß dir doch etwas aus diesem Buche vorlesen.« Dann hub er an und teilte dem Treiber die Lehre von der Seelenwanderung mit. -- »Und für ein Paar Stiefel hat mir ein Landstreicher dieses Werk im Haus gelassen!«
»Der hat gewußt, was er getan hat,« rief der Eseltreiber und schlug mit der flachen Hand aufs Buch, »aber Leder ist hier ~mehr~ drin.«
Als sie tiefer in das Gespräch kamen und der Lamel mitgeteilt hatte, daß mutmaßlich die Seele des Adam aus dem Paradiese in ihm stecke, neigte der Treiber zustimmend den Kopf. Und als sich jener Rates holte, was er denn eigentlich werde tun müssen, um sich zu erlösen, sagte dieser: »Luderleben sollst keins führen, das ist die verbotene Frucht. Selbst meine Esel möchten Heu haben und müssen Stroh fressen. Aber das Müssen gilt nicht. Wer's freiwillig tut, dem ist's ein Verdienst.«
»Ich hüte mich wohl,« sagte der Lamel, »da schau meine Obstbäume an, die schönsten Äpfel, die prächtigsten Äpfel! Du, ich sag' dir, nicht einen einzigen ess' ich im Jahr. Gott hat schon im Paradiese den Apfel verboten.«
»Geh,« lachte der Eseltreiber, »du bist schlau, die Äpfel ißt du nicht, aber ihren Saft pressest du heraus und damit trinkest du dir die Räusche!«
Schier zu Tode erschrak der Lamel über diesen Vorwurf; er sah es plötzlich ein, der Eselmann hatte recht, im Apfelwein genoß er die verbotene Frucht.
Und von dieser Zeit an hatte sich der Wegwart fest vorgenommen, nicht einen Tropfen des falschen Getränkes mehr zu trinken, als bis er im Reiche Gottes zur »Rechten« säße. Es gelang ihm eine erkleckliche Weile, seine argen Gelüste zu zähmen und seinen sündigen Menschen zu verleugnen, und er hatte schon gegründete Hoffnung, daß Adams langwierige und langweilige Seelenwanderung in dem schlichten Wegwart endlich ihren guten Abschluß finden würde.
Da war einmal ein heißer Sommertag und da kam die schöne Strinerl die staubige Straße gegangen. Sie sah den Schatten in des Wegwarts Obstgarten, sie hörte den Brunnen rieseln; so trat sie in den kleinen Hof, um zu trinken.