Part 8
»Teure, ehrwürdige Patres und Fratres! Wir haben eben ein Beispiel erlebt, wie über einen der Geist kam, bei dem wir es nicht vermeint hätten. Vielleicht hat sich Gott der Stimme dieses einfachen Mannes deshalb bedient, um uns Ordenspriestern wieder einmal zu Gehör zu führen, wie die Welt über uns denkt. Wenn da draußen Leute wären, so möchte ich ein wenig zum Fenster hinaussprechen. Die draußen haben nämlich jetzt das Christentum entdeckt. Sie sagen, es sei eine Religion für die Welt, Christus selbst habe die Lebensfreuden geliebt, nur müsse man in Vertrauen und Liebe das Reich Gottes im Herzen haben. So sagen sie, ob sie das letzte tun, weiß ich nicht. Wenn ja, so bin ich damit einverstanden. Nun höret: Wenn wir ~Priester~ so leben, wie sie sagen, daß man solle, nämlich in der weltsinnlichen Gottfreudigkeit, dann heißt es gleich, es wäre unchristlich und ~wir~ sollten in Armut und Entsagung leben. ~Wenn~ wir's aber wirklich tun, wie ja gar viele Welt- und Ordenspriester in Armut und Entsagung leben müssen, hei, da nennen sie uns Mucker, Heuchler und Aszeten. Kurz, wir können machen was wir wollen, so ist es denen nicht recht. Anders ist es mit unserem lieben Gregor. Das ist die ehrliche Haut, die bloß zurückruft, was wir hingerufen haben. Wir, das heißt, viele von uns. Diese haben Aszese gepredigt, so verlangt der Mann, daß die Priester selbst das halten, was sie anderen predigen. Das ist ganz in Ordnung. Wir aber -- und nun wende ich mich an unsern Freund Gregor -- wir Ordenspriester im Stifte Hubertsbrunn predigen nicht Aszese, sondern Freude in Gott. Wem sie gegeben wird, der soll sie nehmen. Sie haben selbst gesagt, lieber Gregor, daß es in der Welt draußen viel Jammer und Pein gibt. Ist es ein Wunder, wenn mancher ins Kloster flüchtet, wo man im Vereine mit Gleichgesinnten seiner Seele lebt? Wir persönlich besitzen keine weltlichen Güter, aber wir verwalten mit Fleiß und Gewissenhaftigkeit die Güter des Ordens, die gestiftet worden sind, damit die Brüder im sorglosen Frieden des Herrn leben können, wie heute, so auch in Zukunft. Ebenso verwalten wir viele Wissenschaften, die durch Klöster aus alten Zeiten der Zukunft übermittelt werden. Wir pflegen die Künste und schmücken damit unser Gotteshaus, unsern Gottesdienst, erhöhen damit unsere Freude am Göttlichen, unsere Liebe zu Gott. So sind wir fern dem Unfrieden der Welt, sind eingefriedet ins Bereich, wo Lebensfreude und Gottseligkeit eins geworden sind. Das findet man nur im Kloster so, und nirgends anders. Und ich sehe die Zeit, da viele, des Streites und der Ungerechtigkeit da draußen übersatt geworden, die Klostermauern suchen werden. Vielleicht wird man ihrem Klosterleben einen anderen Namen geben, in der Tat wird es dasselbe sein, denn das Bedürfnis vieler Menschen nach Weltabgeschiedenheit und Frieden, nach harmlosem Lebensgenuß und nach Gottesfroheit wird nicht aussterben. Wenn sie, die weltlichen Leute da draußen, die Freiheit, die persönliche Freiheit so hoch halten, so wird man doch, wenn man will und kann, auch in das Kloster gehen und ein ruhiges beschauliches Leben führen dürfen? Unser Herrgott will nicht, daß der Mensch sich um Geld und Gut, um Lust und Ehre zu Tode hetze, er will auch nicht, daß einer Not leide, hungere, von anderen zertreten werde und zugrunde gehe, wie ein Wanderer bei den wilden Tieren in der Wüste. Denket doch an die übelriechenden Städte mit ihrem törichten Jagen; denket an die großen Fabriken, überfüllt mit Unzufriedenen und Mißgünstigen; denket an das kümmerliche, halbvertierte Leben in den Bauerndörfern -- und betrachtet euch diese friedensvolle Stätte des heiligen Hubertus, von lachenden Tälern und grünen Bergen umgeben, und wie wir hier leben in trauter Gemeinschaft mit allen großen Geistern der Erde und der Himmel. ~So~ zu leben ist Gotteswille, und daß wir den Himmel schon auf Erden anfangen sollen. Eigentlich gerade das, was die draußen auch angeblich wollen. Also warum gönnen sie uns nicht den Klosterfrieden? Und auch unser Freund Gregor hat unrecht, wenn er meint, der Christenmensch sei auf der Welt zur Selbstqual, anstatt zum Glücklichsein. Er soll das eine sein lassen und das andere bei uns versuchen. Fröhlich leben und selig sterben, das muß dem Teufel die Freud' verderben. Amen.«
In fröhlichem Tone hatte der Pater also gesprochen, dann war er zum alten Hirtenbauer hingetreten, hatte ihm die Hand gekneipt, und er möchte die redlichen Worte nicht übelnehmen.
»Hau,« sagte der Gregor, »so schön kann ich freilich nit. Da muß ich schon still sein. 's wird eh wahr sein, was ihr gesagt habt. Für's Gutleben laßt sich der Mensch gerne überzeugen, ich bin ganz bekehrt. Jetzt bleib' ich im Kloster, bitt' schön, kleidet mich ein. Und weil ich schon der Ältere bin, komm' ich vielleicht bei der nächsten Prälatenwahl dran. Will gleich anheben und Lateinisch lernen, hi, hi.«
So war alles wieder ins Gemütliche übergegangen und als sie dann zur Vesper in die Kirche zogen, fand sich der Alte schon drein und während der Litanei dachte er, es wäre gescheiter gewesen, das Hirtenhaus auf der Niederalm dem Stifte Hubertsbrunn zu vermachen als dem groben Schwiegersohn, der sich mit seiner unfreiwilligen Elendigkeit doch nicht den Himmel, nur die Hölle kauft.
Von diesem Tage an gefiel es ihm im Stifte besser und er fand, daß eine solche Vereinigung irdischer Freuden und himmlischer Beseligung eigentlich recht annehmbar wäre. Beten und Bußwirken könne ja auch jeder noch ein übriges. Der Klostergehorsam, nächtlicherweile doch manchmal aus dem warmen Bette aufzustehen zur Gebetstunde, hatte für ihn einen besonderen Reiz. Leider wurde er nicht geweckt, weil er ja nicht zum Orden gehörte, sondern nur Gast war. Dafür kniete er, wieder bange geworden, sonst lange Stunden auf dem kalten Kirchenpflaster und bat Gott in flehenden Gebeten um den rechten Weg in den Himmel. Sei der Weg dornig oder blumig, nur gottgefällig sein, das war sein einziges Verlangen.
Da kam jene Nacht mit dem glühenden Atem Gottes. In einer Scheune war Feuer ausgebrochen und ein rasender Novembersturm hatte die brennenden Latten auf die Schindeldächer des Stiftsgebäudes gepeitscht. Die Flammen lohten nicht aufwärts, sondern gruben sich, vom Sturm geschärft, mit tausend Zungen pfeifend ins Gebäude ein, so daß nach kaum einer halben Stunde alle Fenster des weitläufigen Stiftes in weißem Lichte standen. Die Mönche huschten, nicht in ihrem priesterlichen Gewande, nur mit gekrümmten, schlecht verhüllten Körpern stumm oder angstvoll stöhnend durch die rauchigen, qualmenden Gänge, durch die Höfe, ins Freie; sie dachten nicht an die Güter, die verbrannten, sie dachten nicht an Gott -- ihr Einziges und Alles war die Rettung des nackten Lebens. Am nächsten Morgen war die Stätte ausgebrannt und aus hundert kahlen, dachlosen Mauern und geschwärzten Löchern stieg träger Rauch auf. Die Kirche allein war verschont geblieben und in der waren die Mönche versammelt, klagend, weinend, fröstelnd und schaudernd. Etliche brüteten stumpf vor sich hin. Andere verbanden mit feuchten Lappen ihre Brandwunden, wobei ihnen der alte Gregor beistand. Einer war da, der Pater Hubertus, der schüttelte fortwährend den Kopf und war sehr nachdenklich. Er hatte sonst manchmal an die Stunde des Unglücks, an Todesnot gedacht, aber so hatte er sich's nicht gedacht, daß man dabei ganz an alle Gottheit vergessen könne! Man rief wohl im Schreck die heiligen Namen, ohne auch nur flüchtig an die Himmlischen zu denken. Nicht einmal die Todesangst war eine christliche. Der stumpfe Instinkt des Tieres allein waltet, jagt dich, rettet dich. Und da fiel es ihm ein: Mensch, in solchen Stunden bist du just so gottlos und hilflos wie das arme Tier des Waldes, das du so oft verfolgt hast! -- Die Steinplatten der Kirche waren kalt und die Mönche hatten keine Decken, keine Kleider. Es kam der Hunger und sie hatten nichts zu essen. Ein Einziger war gefaßt. Auch dem Gregor war sein Bündel verbrannt, doch er fror nicht so sehr in seinem schlechten Nachtgewand, als die anderen, ihm tat der Hunger nicht so weh, ihn schüttelte die Verzweiflung nicht so arg, denn er hatte ja eigentlich nicht viel verloren. Er hatte nicht verloren die großen Vorratskammern, nicht verloren das heimliche Stübchen mit dem vergoldeten Marienbildnisse, nicht die fürstlichen Säle mit den Kunstwerken, nicht die Schriften der Weisen und der Dichter aller Zeiten. Da wollte er sagen zu den händeringenden Vätern und Brüdern: »Ihr habt ja doch wohl auch nix verloren, denn ihr habt ja nix besessen!« Aber er sagte es nicht, der Spott schien ihm zu herzlos. Umso eifriger wusch er die Brandwunden, deckte er die Fiebernden mit Stroh, machte Botengänge in die nächsten Ortschaften und tat, was er konnte. Sein Bruder, der Prälat, der auch nichts anderes hatte, als ein blaues Unterkleid, um sich zu schützen, der klopfte ihm einmal halb weinend auf die Achsel: »Bruder, jetzt bist du reicher und stärker als wir. Du bist das gewohnt, wir sind es nicht gewohnt. Und da wir's verloren und da wir jetzt nichts haben, deucht mich doch, es wäre unser Eigentum gewesen.«
»Deucht dich, Bruder?« antwortete der alte Gregor. »Mich deucht auch. Aber wenn euer Christentum das richtige ist, so müßt ihr auch in schlechten Zeiten feststehen.«
»Das werden wir auch, mein guter Gregor. Nur weh tut's, wenn's so plötzlich trifft. Das große Kreuz wird uns heilsam sein, wir wollen beten und uns kasteien.«
Bald merkte es der alte Hirtenbauer, wie das gemeint war mit dem Beten und Kasteien. Wie Ameisen am zerstörten Haufen, so begannen die Mönche zu arbeiten, jeder in seiner Art. Was der Brand übrig gelassen, sie rafften es zusammen und bargen es; mehr war's, als man erwartet. Bauleute wurden herbeigezogen, anfangs für den Notbau, später für die Wiederaufrichtung des Stiftes, das allmählich aus seiner Asche herrlicher erstand. Wie Wunderbrunnen, so flossen die Hilfsquellen von allen Seiten, besonders von dem in der Welt weit verzweigten Orden. Die Mönche waren ohne Rast. Sie nahmen fürlieb mit spärlichster Kost; mancher brachte seinen heimlichen Pfennig herbei und gab ihn dem entstehenden Vaterhause. Der unermüdlichste und froheste aller Arbeiter war der alte Gregor. Jetzt konnte er nach Herzenswunsch »bußwirken«, nämlich Hand anlegen zum Wiederaufbau des Reiches Gottes. Nicht wie einst handelte es sich um eine melkende Kuh oder um einen fetten Ochsen, es handelte sich um eine Friedensstatt auf Erden. Brauchen ließ er sich überall, beim Steinegraben, beim Ziegeltragen, beim Karrnen und Zimmern und bei viel schlechteren Verrichtungen. Als sich niemand finden wollte, der auf den Dachgiebel das dreifache Kreuz trüge, gab er sich dazu her. Er sei in der Jugend auf allen hohen Bäumen der Niederalm umhergeklettert; fehle ihm jetzt gleichwohl die Eichhörnchengelenkigkeit, so werde doch der Schutzengel seine Schuldigkeit tun. An Nahrung und Verpflegung war er ganz anspruchslos. Lohn nahm er überhaupt keinen, sondern sagte, bei den Bauern sei der Brauch, daß die Kinder des Hauses umsonst arbeiteten.
Der Prälat war schon lange wieder wohlgemut geworden, und so sagte er nun lachend einmal zu seinem Bruder: »Aber Gregor, wenn du immer so fleißig gewesen wärest, so müßtest du ein reicher Mann sein!«
»Reich! Reich!« antwortete der Alte. »So ein schlecht Wort sollten Gnaden Herr Bruder nit im Mund haben!«
Freilich hatte der Gregor ein heimliches Glück im Herzen, von dem er niemandem was sagte. Er war seines nagenden Kummers losgeworden. Das Ledersäckchen war ihm beim Brande abhanden gekommen, die fünf Dukaten verbrannt. Jetzt brauchte er sich nicht mehr zu fürchten, sie könnten seiner Seele schaden, sich nicht zu ängstigen, er könnte sie verlieren. Sie hatten seiner Seele geschadet, nun erst merkte er es recht. Nun war er frei. Alle Existenzsorgen hatte ihm ja der hochwürdigste Bruder abgenommen: »Du gehörst unserem Orden, Bruder Gregor, und daß du nicht Latein kannst, je nun! Du bist halt ein Wildling. Ein Wildling Christi. Ich meine, man könnte dich trotzdem weihen.«
»Ich dank' dafür,« antwortete der Alte. »Bin einer Last glücklich los, will keine andere mehr haben. Wenn mir Gott zur Armut noch die Demut schenkt, dann bin ich aus dem Gröbsten heraußen.« --
Nach fünf Jahren stand das neue Stiftsgebäude fertig und in hohem Glanze da. Jeder der dreizehn Mönche hatte es erlebt, nicht einmal der dreizehnte war gestorben. Einer von ihnen gestand, seit dem Unglücke fühle er sich ein wenig besser und stärker, er habe gelernt, etwas zu ertragen. Man stimmte ihm bei. Nur den Prälaten hatten die Sorgen der Wiedererrichtung alt und kränklich gemacht. Er erklärte, seine Würde und Bürde ablegen zu wollen. Alles war unschlüssig, ratlos darüber und mancher der Brüder verwahrte sich schon vorwegs gegen die Möglichkeit, Abt zu werden. Jeder wollte der Unwürdigste sein, vielleicht heimlich erwägend, daß gerade ~der~ erhöht werde, der sich selbst erniedrige. Bei der Wahleinleitung für seinen Nachfolger erzählte der Prälat die Geschichte von der Taube. Einmal bei einer Papstwahl zu Rom -- bei welcher, das wußte er nicht genau -- hätten die Kardinäle sich nicht einigen können. Da sei zum Fenster eine weiße Taube hereingeflogen, sei dreimal über den Köpfen der Versammelten herumgeflogen und habe sich dann auf das Haupt des Geringsten gesetzt, des Türhüters an der Pforte. Der sei auf diesen Wink Gottes zum Papste gewählt worden. »Und meine hochwürdigen Brüder,« so schloß der Prälat, »wenn heute auf dem Stifte Hubertusbrunn der heilige Geist in Gestalt einer Taube käme, um uns die Wahl des Oberen anzudeuten, auf wessen Haupt würde er sich setzen?«
Die Brüder neigten sich und einer flüsterte dem andern zu: »Vielleicht gar auf das Haupt Gregors?«
Der mißratene Evangelist.
In einer Tischgesellschaft von ernsten Männern kam eines Abends das Gespräch auf die Welttauglichkeit des Evangeliums. Mehrere der Anwesenden behaupteten, die christliche Lehre trage nicht allein die Bürgschaft der ewigen Seligkeit an sich, sondern auch das Glück der Erde, den Frieden in der Gesellschaft, das Gedeihen jedes einzelnen.
Einer war da, der solches bestritt. »Wenn ~jedermann~ nach der christlichen Lehre lebt,« sagte dieser, »dann vielleicht. Dann gebe ichs zu, daß sie auch auf Erden zum Glücke führen kann. Anders ist es, wenn nur einzelne darnach leben. Für diese ist sie dann durchaus nicht förderlich, der einzelne geht vielmehr zeitlich daran zugrunde. Vorausgesetzt, daß es möglich ist, die Lehre in ihrer ganzen Strenge zu befolgen, macht sie den Menschen für die Aufgaben und Bestrebungen der modernen Gesellschaft ganz und gar unfähig, ja kann -- mißverstanden -- auf Irrungen und Abwege führen, wovon ich ein Beispiel aus dem Leben zu erzählen wüßte.«
Hierauf sagte ein anderer: »Wenn Sie ~ein~ Beispiel wissen, daß die Befolgung der christlichen Lehre auf Abwege leitet, so weiß ich hunderte und tausende von Beispielen, daß die ~Nicht~befolgung zum Verderben führt.«
Nun, das sei selbstverständlich, meinten mehrere und sei längst bewiesen. Merkwürdig jedoch dürfte der Ausnahmsfall sein, wenn ihn jener erzählen wolle.
Der Aufgeforderte sprach: »Da wohl nicht zu befürchten ist, daß das Schicksal des Helden meiner Geschichte einen von uns der christlichen Lehre noch mehr entfremden könnte, als es, wie wir uns kennen, wahrscheinlich ohnehin schon der Fall ist, und da sich ferner von uns wohl überhaupt keiner so wörtlich in die Bergpredigt einlassen wird, als es mein Herr Eberhard getan, so werde ich die Geschichte ohne jeden Widerspruch erzählen dürfen. Die Lehre, wenn man schon eine daraus ziehen wollte, könnte ja immerhin die sein: der eine ging an der Befolgung des Christentums nur deshalb zugrunde, weil es nicht auch die übrigen befolgten.«
Und hierauf begann er zu erzählen.
Im Landstädtchen K. lebte ein junger Buchhandlungsgehilfe namens Eberhard Roland. Er war aus einem Nachbarsorte eingewandert, nachdem er dort seine Mutter und seine Schwester begraben hatte. Das waren seine einzigen Verwandten gewesen, er hatte ihnen wacker leiden geholfen. Die Rolande waren einst eine geachtete Bürgersfamilie gewesen und dann von einem unermeßlichen Unglück heimgesucht worden. Ein Roland war nämlich einer schweren Gewalttat wegen zum Tode verurteilt und dann durch den Strang hingerichtet worden. Das war der Großvater des Eberhard gewesen. Von jener Zeit an war es mit der Familie abwärts gegangen, sie war entehrt, gemieden, verachtet. Das Geschäft stockte, ging zu Grunde, die Familie verarmte, brachte sich viele Jahre lang zwar redlich, aber kümmerlich durch. Man hatte nichts einzuwenden gegen die fleißigen Leute, daß aber jener Roland gehenkt worden war, blieb ihnen unvergessen und blitzte bei jeder Gelegenheit hervor. Eberhards Vater war als Leineweber in jungen Jahren gestorben, er selbst hatte die Buchbinderei gelernt und mit diesem Handwerk Mutter und Schwester recht und schlecht ernährt, bis beide bei einer Seuche in einer und derselben Woche verschieden.
Seither wohnte Eberhard in der Stadt K., wo er vom Buchbinder zum Buchhändler aufstrebte, nachdem er es vorher mit mehreren anderen Erwerbsarten vergebens versucht hatte. Er war ein unruhiger Geist und sprang in Gegensätzen hin und her. Von einigermaßen beschaulicher und sogar schwärmerischer Naturanlage, trug er sich eine Zeitlang mit dem Gedanken, in ein Mönchskloster zu gehen, bis er in ein Bankgeschäft als Briefschreiber eintrat. In kurzer Zeit war er Buchhalter und hatte sich etliche hundert Taler Vermögen erspart. Da mietete er sich vor der Stadt einen Heuschoppen und begann mit Holz und Kohlen zu handeln. Als höchst anständiger Geschäftsmann bald bekannt, begann der Handel zu blühen, aus dem Schoppen ward ein stattliches Magazin, dem sich größere Lager anschlossen, aus dem schlichten Buchbinderjungen war ein geachteter Kaufmann geworden. Bei dem allein blieb es aber nicht. Von hübscher Gestalt und freundlichem Wesen, gewann er die einzige Tochter des Bankinhabers, bei dem er in Diensten gestanden und wurde ein wohlgesetzter Ehemann und Hausvater. Ein Jahr später kam ein kleines Kind und ein großer Treffer, er hatte in der Staatslotterie das Hauptlos gezogen. Jetzt war er auf einmal halber Millionär und wußte eigentlich selbst nicht, wie das zugegangen.
Nun hatte in ihm aber sachte eine Änderung stattgefunden, die er wohl selber erst etwas spät bemerkte. Einst in armen Kreisen lebend, war er sehr mitleidig gewesen und hatte er schon in der Tat nur wenig Gutes tun können für die Notleidenden, so hatte er für sie doch stets ein warmes Herz, und das Wort der Teilnahme tröstete manchen Leidenden mehr, als eine Gabe auf die Hand. In dem Maße aber, als Herr Eberhard wohlhabend wurde, kühlte sich sein Gemüt ab für die Armen. Er war zwar wohltätig, gab Almosen, doch weniger aus innerem Drange, denn weil er sich als reicher Mann dazu verpflichtet fühlte. Die Armut vor sich zu sehen, war ihm unangenehm, und manchmal erschien sie ihm wie ein Makel, das etwa dem Leichtsinnigen oder Fahrlässigen anhaftet. Einst hätte er den hungernden Bettler sättigen mögen, ohne ihn erst seines Hungers wegen zur Rechenschaft zu ziehen, jetzt fragte Herr Eberhard schon: »Warum arbeitet Er nicht? Was hat Er getrieben, daß Er so verkommen ist?«
Früher hatte er sich zu den wenigen Feierstunden in seinem Stübchen mit den paar Holzmöbeln und den kleinen Bildern seiner Mutter und Schwester an der Wand sehr heimlich und behaglich gefühlt. Jetzt in seinen reich ausgestatteten Gemächern war ihm einmal dieses, einmal jenes nicht recht und seine Wünsche und Bedürfnisse waren den Tatsachen immer um eine Spanne voraus. Manchmal empfand er die Last des Reichtums, die Last der damit verbundenen Pflichten, dann wieder kam es ihm vor, als nütze er seine Kraft, seinen Kredit, die Verhältnisse zu wenig aus und als sei es seine Aufgabe, noch reicher zu werden -- so reich als nur menschenmöglich. Er gönnte sich daher nur wenig Ruhe, rechnete, plante neue Unternehmungen, und wenn er dann zum Jahresschluß die Bilanz zog, soweit sie bei den ausgedehnten Besitzungen und Geschäften zu ziehen war, sah er immer mit freudigem Schreck, wie rasch die Millionen wachsen. Aber schon allemal in den nächsten Stunden fragte er sich, warum sie denn eigentlich nicht noch schneller wüchsen und was daran wohl die Ursache sein könne?
In einer solchen Stunde, als er über den Teppich seiner Treppe herabstieg zum bereitstehenden Wagen, um auszufahren zur Sitzung in einem wohltätigen Verein, kauerte an der Pforte eine verwahrloste Bettlergestalt, schlotternd, mit eingefallenem, grünem Gesicht und verglastem Auge. Fast verstellte er dem Herrn den Ausgang, zudringlich hielt er seine mumienhafte Hand hin und verlangte ein Almosen.
»Wie?« fragte Herr Eberhard aufgebracht über den vordringlichen Gesellen, »bin ich dem Kerl was schuldig? Arm? Aus Ihm riecht der Branntwein, dünkt mich. Warum arbeitet Er nicht? Schämt Er sich nicht, von anderer Leute Arbeit zu leben? Und frech?! Fort, Er ist mir zuwider, ich teile nichts!« Damit stieg er rasch in den Wagen, aber noch bevor der Diener den Schlag zuwarf, stürzte der Bettler zusammen und ein Blutquell sprang aus seinem Halse. Mit einem spitzen Messerchen hatte er sich den tödlichen Stich versetzt.
Von diesem Tage an stieg der Reichtum des Herrn Eberhard nicht mehr. Nicht etwa, als ob auf dem Hause von nun an ein Fluch lastete, vielmehr ein Segen. Herr Eberhard hatte sich vorgenommen, mehr den Armen zu leben. Er verzichtete auf den bisher bezogenen großen Gewinn seiner Geschäfte und begnügte sich mit geringerem, den er nicht allein an wohltätige Anstalten, sondern auch an einzelne Arme verteilte. Dadurch aber wurde sein Geschäftshaus nur noch gesuchter und er konnte kaum so viel Wohltaten üben, daß der Reichtum nicht doch immer wieder stieg. Von seinem Katecheten hatte er als Knabe »Die Nachfolge Christi« zum Geschenk erhalten. Das war sein Lieblingsbuch gewesen in der leidensreichen Zeit seiner Jugend. Jetzt holte es Herr Eberhard wieder hervor und anstatt im Kurszettel las er im Erbauungsbuche. -- Es war ihm ernst. -- Den schweren Prunk hatte er aus seiner Wohnung entfernt. Mit seiner Familie gab's Kämpfe, als es daranging, einen Überfluß um den anderen abzuschaffen, er aber sagte: »Meine Lieben, wir haben uns verirrt in die Wüste des Geldes, wir müssen umkehren und Menschen werden.« Die jungen Herrschaften mußten sich's wohl oder übel gefallen lassen, Menschen zu werden -- sie wurden es. Die Söhne entsagten dem Sporte, die Töchter dem Putze. Das taten sie aber erst, als Herr Eberhard ihnen eines Tages mitgeteilt hatte, bei einer großen fehlgeschlagenen Spekulation hätte er beinahe sein ganzes Vermögen verloren. In Wahrheit war dem nicht genau so, nur daß er selbst täglich tausende von Talern hinweggab an Armenhäuser, Krankenhäuser, Schulen, Kirchen und Bettler. Er arbeitete noch einige Stunden des Tages, die übrige Zeit verbrachte er, um Statistiken zu studieren, Armut und Elend zu erforschen und da sah er denn freilich, daß Armut und Elend über alle Maßen unergründlich sei, mit keinem Reichtum der Welt wett zu machen. Das ließ ihn nicht verzagt werden. Er wollte das Seine tun und sich ganz den Nebenmenschen opfern. Er las fleißig im Evangelium Christi: -- Selig sind die Armen im Geiste, ihrer ist das Himmelreich. Selig sind die Barmherzigen, sie werden Barmherzigkeit erlangen. Gib dem, der dich bittet, und wende dich von dem nicht ab, der von dir borgen will. Deine Linke wisse nicht, was deine Rechte tut und achte, daß dein Almosen verborgen bleibe. Sammle nicht Schätze auf der Erde, wo Rost und Motten fressen; sammle Schätze für den Himmel. -- Und wenn Herr Eberhard sich so versenkte in diese Lehren und sie befolgte, da atmete er oft wie erleichtert auf. Jener Sterbende an seiner Tür, er starrte ihn nicht mehr an mit seinem unendlichen Vorwurf, er blickte fast freundlich auf ihn ...