Sonderlinge

Part 10

Chapter 103,841 wordsPublic domain

Schon hielt sie die braune, hohle Hand unter den klaren Strahl, als sie der Lamel vom Fenster aus bemerkte.

»Närrchen, Närrchen!« rief er, »was wirst Wasser trinken! Ich habe einen guten Apfelwein im Keller, ich selber brauch' ihn nicht; für wen hätt' ich ihn, Dirndl, als für dich?«

Er eilte in den Keller, entspundete ein Fäßchen und steckte einen Schlauch hinein, um die Gottesgabe in den bereiten Krug herauszuheben. Doch, als er mit dem Atem hob und als es kühl und feucht wurde unter seinem lechzenden Gaumen, da kam er ins Saugen und der Wein ging durch den Schlauch geradewegs in seine Gurgel. Er trank herzhaft drauflos, vergaß die gelblockige Strinerl, vergaß den Adam, trank und trank die langentbehrte Labe -- trank und sank endlich auf den kühlen Lehm des Kellers hin.

»Lamel!« lallte er schläferig, »war ~das~ ein Durst! Und er ist noch -- nicht gelöscht. Will ihn gründlich löschen -- den Durst, weil ich schon dabei bin. -- Strinerl, komm' her! -- 's hilft nichts dafür, der Mensch ist wie er ist. Er mag sich drehen und spreizen wie er will, er mag ein Röckel tragen, blau oder rot. Oder gar keins. Er mag sich die Haut umwenden. Mag auf dem Fuß stehen oder auf dem Kopf. 's ist alles eins. 's ist und 's bleibt der alte Adam ...«

Der Säemann.

Seit Jahrhunderten gab es im Tale keinen merkwürdigeren Mann als den Samstag-Christof. Er hätte dreimal Anrecht gehabt auf das Spital, denn er war übel geboren. Eine Krankheit hatte ihn zugerichtet, er war stocktaub und einäugig und hatte eine verstümmelte rechte Hand. Aber seine Linke war gesund und ernährte drei Gemeinden. Der Christof war arm und wohnte unter dem Strohdach einer Scheune. Als Knabe entsprang er dem Krankenhause, in das ihn der Vormund nach dem Tode der Eltern gesteckt hatte; die erste Nacht nach seiner Flucht verschlief er in der Scheune, und seitdem war diese sein Daheim gewesen, und er hatte in ihr seinen ersten Bart und seine weißen Haare erwartet. Aus Stroh hatte er sich ein Stübchen geflochten, das sah aus wie ein mächtiger Korb, und hielt die Kälte und Hitze ab. Das Stroh beschützte den Mann ja gern, denn jeder Halm verdankte ihm das Leben und die Ähren ließen gerne ihre rundesten Körner dem guten Christof zum Brot. Der Mann war eine Gestalt zum Erbarmen; aber es gab keinen Amtmann weit und breit, der so geehrt und in sich so glückselig war, als der Samstag-Christof.

Der Samstag-Christof war wie die Kraft Gottes, des Schöpfers, könnte man sagen; worüber er seine Hand ausstreckte -- und es war doch nur die linke -- das wurde gesegnet. Man wußte nicht, woher es kam, es war eine angeborene Eigenschaft; Christof war der berühmteste Säemann im ganzen Bergland. Es gab sehr geschickte und erfahrene Bauern im Tal, sie hatten -- darüber war nicht zu klagen -- fleißige Hände und volle Speicher, sie verstanden das Ernten -- aber das Säen verstanden sie lange nicht immer. Einmal ging das Korn zu dicht auf und erstickte sich, das andere Mal standen die Halme schuhweit auseinander und jede Ähre hatte ein ganzes Ländchen für sich -- dafür trugen sie auch den Kopf hoch und waren leer und spießig, statt voll und glatt. Oft waren mitten in den Äckern leere Gassen, durch die Roß und Wagen hätten ziehen können, ohne ein Hälmlein zu beschädigen. Ein Sträfling kann die Gassen, durch die er Spießruten laufen muß, kaum stärker hassen, als der Bauer solch eine leere Gasse durch sein Kornfeld haßt. Die Samenkörner mit vollen Händen hinzuwerfen, ist freilich leicht, aber das Erdreich ist braun und die Körner sind braun, und es ist schwer, die Gleichmäßigkeit einzuhalten, daß kein Fleckchen leer bleibt oder keine Handvoll auf die andere fällt. Gute Augen, ein gleicher Schritt und eine sichere Hand gehören dazu.

Der Samstag-Christof hatte nur ein einziges Auge, das gewiß nicht über die Ecke der Nase sah, und er hatte sichelkrumme Füße, und er hatte nur die »dengge« Hand, und dennoch blieb, wenn er säete, auf dem ganzen weiten Felde keine Handbreit leer und kein Korn fiel auf das andere. Wenn auf Christofs Acker der Same aufging, so war das so gleichmäßig wie eine grünende Wiese, und wenn er reifte, legte ein Halm seine schwere Ähre auf die Achsel des andern.

Darum suchten alle den Christof auf in seinem Strohkorbe, darum tat der Christof im Frühjahre und Herbste zwei Monate nichts als säen, und er säete auf allen Feldern des ganzen weiten Tales. Da trug er ein großes, weißes Tuch um die Lenden, und darin hatte er das Samenkorn, ein strotziges Bündel. So legte er fast mit Grazie seine Linke hinein und schwang sie dann gefüllt -- nicht auf das gelockerte Feld. -- Die erste Handvoll warf er auf sandigen Boden oder auf einen Felsen, oder hin über das Heidekraut des Raines. Warum er's tat, das sagte er nicht und keiner stellte ihn darob zur Rede. Dann aber ging's über das Feld, von einem Rain bis zum andern. Wie er die Hand so schwang im Halbkreise, da zogen von ihr die braungelblichen Strahlen der Körner aus, und sie verdünnten sich in der weiten Runde und wurden unsichtbar, bis sie zur Erde fielen. Gleich kamen auch die Vöglein herbeigeflogen von den nahen Bäumen und von den Büschen. Sonst hüpfen sie gerne auf den Erdschollen herum und picken die frischgesäeten Körner auf, aber dem alten Christof flogen sie auf die Achsel oder die Lederhaube, und einmal ließen sie sich gar wundersam nieder zum Kornsack und schnappten nach Lust die Dingelchen heraus. Als ob es ihnen gesagt worden wäre, daß das Körnlein im Sacke geradeso sättigt wie das Körnlein im Erdreiche, obwohl das erstere nur ein einzig Körnlein bedeutet, das letztere aber eine ganze schwere Ähre.

Keine Handlung im formreichen Kultus des Landmanns ist so würdevoll und heilig wie das Hinlegen des Samenkornes in die Erde. Das ist Glaube und Hoffnung, das ist ein Begräbnis mit der kindlichsten Zuversicht an die Auferstehung. Ich habe noch keinen lachenden, singenden oder plaudernden Säemann gesehen; der tollste, ausgelassenste Bursche schreitet bei dieser Arbeit still und ernst einher, als sei er zur selbigen Stunde ein Wundermann, der mit wenigen Broten viele speist. Es ist, als ob den Säemann bei dieser Handlung eine Ahnung überkäme von seinem eigenen Hinsinken in das Erdreich und Wiederhervorgehen zu neuem Leben.

Freilich wohl liegt über diesem tiefen Meere der Poesie, sowie immer im Volke, der Schaum des Aberglaubens. Der Säemann soll ein Sonntagskind sein und die Arbeit nur bei aufnehmendem Monde verrichten. Gesagt ist, daß der Same besser gedeiht, wenn er früher mit Weihwasser übergossen wird; das Wasser müßte aber nicht gerade geweiht sein, die Hauptsache ist nur, daß es befeuchtet. Sonst wird beim Säen die erste und die letzte Handvoll kreuzweise hingeworfen, damit nicht etwa der böse Feind Unkraut unter den Weizen menge. Aber der Christof tat das nicht, die erste legte er auf unfruchtbaren Grund und die letzte -- es war recht und billig -- behielt er sich zum Eigentum. Hatte er an einem Tage zehn Äcker besäet, so hatte er sich zehn Hände voll Korn erworben; so ließ sich in der Säezeit der Lebensunterhalt für das ganze Jahr zusammenbringen.

Im Tale lebte ein häßliches Weib, die Brennessel-Gret. Es war eine arme Witwe, mit drei kleinen Kindern; es war auch ein Säeweib und hatte sich und anderen durch seine böse Zunge schon viel Unkraut ausgestreut. Die Gret liebte keinen Unglücklichen, umsomehr haßte sie den Glücklichen. Der Samstag-Christof, arm und häßlich wie sie, aber geachtet von allmänniglich und geliebt von jedem Kinde, selbst von den Vöglein der Lüfte, war ihr ein Dorn im Auge. Im allgemeinen achtete man nicht auf die Brennessel-Gret, was sie auch sagen und tun mochte. Auf einmal aber ging ein Gerücht durch aller Leute Mund: Nun, endlich wisse man's, warum der Samstag-Christof so trefflich säe, er benütze den Bösen dazu, der müsse ihm jedes Korn auf den genau abgemessenen Platz in die Erde legen und bekäme dafür die erste Handvoll, die der Christof auf unfruchtbaren Boden wirft. Der Samstag-Christof sei ein Hexenmeister.

Man weiß, wie Bauern sind -- im nächsten Jahre säete jeder sein Kornfeld eigenhändig, und dem alten Christof wich man aus und grüßte ihn kaum mehr. Dieser lebte verborgen in seiner Scheune, während draußen der Frühling war. Aber als die Saat aufging, gab es über die Felder hin viele aschgraue, kahle Streifen und zur Blütezeit wucherte Nesselkraut und Hederich zwischen den Halmen und in den Erntetagen lagen die Garben dünn zerstreut auf den Stoppeln.

Im nächsten Herbste wurde in der Hütte der Brennessel-Gret viel gebetet und geflucht. Das Weib hatte sein Kornackerl bestellt, aber nun bekam es, wie sonst alljährlich, keinen Samen von der Nachbarschaft; erstens, weil solcher in diesem Jahre rarer war als sonst, zweitens, weil sich das Weib immer mehr verhaßt gemacht hatte. Alles bestellte seine Wintersaat, aber der Acker der Witwe blieb brach liegen. Christof hatte in seinem Vorrat einen Kübel Korn; da dachte er bei sich: Streue ich diese Körner auf ihr Feld, so bin ich wieder der Hexenmeister, und bleibt ihr Acker leer, so verhungert sie mit ihren Kindern. -- Da war der alte Mann einmal über eine Nacht nicht in seiner Scheune.

Der Winter kam und ging vorüber; in der Hütte des Nesselweibes war Trostlosigkeit; die Grete betete für ihre Kinder und verfluchte alle übrigen Menschen. Aber im Frühjahre, als alle Felder grünten im weiten Tale, grünte auch das der Witwe; es ging aus demselben das Korn auf in saftiger Fülle und schöner Gleichmäßigkeit, erquickender zu sehen, wie alle Äcker der Großbauern. Der Samstag-Christof hatte hier gesäet, es ließ sich nicht leugnen. Nächtlicherweile mußte er es getan haben, und dennoch stand jedes Hälmlein von den anderen wie abgemessen. Das hätte den Argwohn von dem »Hexenmeister« wohl bestärkt, aber der Pfarrer sagte: »Er hat Almosen gegeben mit der Linken, ohne daß es die Rechte wußte; er ist, umgekehrt wie im Evangelium, gegangen auf den Acker des Feindes um Mitternacht und hat das Unkraut zertreten und guten Samen gestreut.«

Ich habe den alten Samstag-Christof noch gekannt. Über seinen Körper schienen alle Übel kommen zu wollen; in seinen letzten Jahren war er so buckelig, daß er wie ein Ballen herangewandelt kam. Sein niedergebeugter Kopf war kaum einen Fuß von der Erde entfernt, seine hageren Hände, wovon die Rechte fingerlos war, hingen nieder bis zum Boden; es war, als ob er alle Körner wieder auflesen wollte, die er in seinem Leben ausgestreut hatte. An einem Samstagabend fand man ihn mitten auf einem reichen Kornfeld leblos, tief zusammengekauert wie ein Samenkorn, das, in Verwesung übergehend, keimen will. Man konnte den Greis nicht mehr gerade legen, der Sarg mußte kurz und breit sein.

Das Grab des alten Christof wurde bald weit und breit bekannt; es wuchsen Halme auf ihm und Kornähren daran. Die alte Brennessel-Gret führte ihre drei Kinder zum Hügel, pflückte jedem eine Ähre und sagte: »Nehmt und bauet sie an.«

Zwei dieser Kinder besitzen heute weite Kornfelder, herausgewachsen aus den zwei Ähren; das dritte aber hat seine Ähre verworfen und zieht hab- und heimatlos durch die Länder.

Der scheltend' Schuster.

Da stand in den Zeitungen der Bericht von einem Manne in Boston, der jedesmal, wenn er fluche, ein Geschenk zu kirchlichen Zwecken gebe, auf diese Art bereits ein Bethaus erbaut habe und nun dabei wäre, einen Turm auf die Presbyterianerkirche zu fluchen.

Dieser Bericht erinnerte mich an den Flucher Martin Leitner in Fischböckgraben, welcher Leitner unter dem Namen: »Der scheltend' Schuster« weit und breit bekannt war. Um ein guter Flucher zu sein, braucht man rhetorisches Talent; mit etlichen groben Redensarten allein ist's da nicht abgetan, die bringt jeder ungehobelte Bauer zuweg, ja selbst der Stadtherr und die Stadtfrau, was mir eine ganze Welt von dienstbaren Geistern beweisen helfen kann. Der geborene Flucher flucht mit Grazie, mit Humor, mit Wärme und Empfindung, mit schönem Pathos, kurz, mit dichterischem Schwung. Ihm steht eine unerschöpfliche Mannigfaltigkeit der Form zu Gebote, ein Bilderreichtum gewaltiger Phantasie, sein Fluch ist als Ausdruck der Empfindung ein poetisches Werk lyrischer Art. Fluchen und Beten sind scheinbar sich ganz entgegengesetzte Dinge, in Wahrheit aber gleichartiger Natur: Beides ist eine Wunschäußerung des Gemütes gegenüber einem übernatürlichen Geiste. Zum Glücke wird so selten andächtig geflucht als andächtig gebetet.

Der Schuhmachermeister Martin und sein Geselle, der fromme Barthel, leisteten in beiden Fächern ganz Erkleckliches. So oft der Martin den Mund auftat, zitterten alle tausend Mordelemente im Himmel und auf Erden; und wenn der alte Barthel während des Drahtziehens seine frommen Stoßgebetlein ins Pech oder ins Leder murmelte, hatte es eine Art, daß, wie der Meister sagte, nur gerade das kreuzweis verschweifelte Donnerwetter dreinpfeifen müßte! Sie eiferten sich gegenseitig an zu ihren Tugenden; je mehr der eine fluchte, je mehr betete der andere, und je mehr dieser betete, je mehr fluchte jener. So gab es denn in der Schusterwerkstatt oftmals einen Geruch wie von Weihrauch und Schwefel durcheinander.

Den Meister ärgerte des weiteren das Beten nicht, insofern war er duldsamer als sein Geselle, dem das Fluchen seines Herrn ein Greuel war.

Nicht ungern erzählte der Schustergeselle die Geschichte von dem fluchenden Weber, der so lange in das bei einem ungeduldigen Weber stets verknüpfte und verworrene Garn hineinfluchte, bis er umgarnt war und ihn mit Haut und Haar der Böse holte, den er so oft angerufen hatte.

»Das muß schon ein sternhageldick verzweifelter Narr gewesen sein,« meinte der Meister, »wer wird denn so fluchen?«

Der Barthel glotzte ihn ganz dumm an, und eines Tages rückte er den Dreifuß und sagte: »Der Meister ist sonst kein zuwiderer Mensch nicht, aber halt das gottlose Schelten und Eitelnennen Gottes! So oft der Meister tut fluchen, gibt's mir einen Stich ins Herz, als wie wenn eins mit dem Ahl-Ertel ohne Schmer hinein tät' rennen. Das bin ich gar nicht gewohnt, und jetzt sag' ich meinen Dienst auf.«

Wickelte der Meister den Pechdraht um die Hand, rückte auch seinerseits den Dreifuß und antwortete: »Was heißt das, Barthel? Wer nennt den Gottesnamen eitel, ich oder du? Schelten! Fluchen! Du tust ja, als wie wenn ich ein siebendoppelter Heid' tät' sein! So ein blitzblau vernagelter Unsinn! Ob mich schon wer fluchen gehört hat, möcht' ich wissen, du gottverdammter Ehrabschneider, du vermaledeiter, daß dich der Teufel hol--lertee trink' ich gern.«

Aber fluchen tat er nicht.

So klagte der Barthel seine Not einmal den Kirchenpröbsten, unter welchen die Sakristeidiener und Vorbeter verstanden sind, und zu denen er selber gehörte. Und sie einigten sich darin, daß der Meister Mirtl (Martin) wirklich der greulichste Flucher sei, der je Menschenfüße in Ochsenhaut steckte, daß man ihn allerwärts den scheltenden Schuster heiße, was dem Sprengel, in dem er lebe, keine Ehr' sei, und daß der Mann stumm gemacht werden müsse. -- Was half's, daß der Geselle nach jedem Fluch des Meisters ausrief: »Gott verzeih'!« wenn der andere sofort wieder mit einem: »Gott verdamm'!« dreinfuhr, und es drauflosging, daß sich ordentlich das bockigste Stierleder unter dem Knieriemen wand vor Entsetzen.

Wenn der Meister bei guter Laune war, so hörte man von ihm fortwährend Gefühlsausbrüche harmloserer Art, als: »Bassama hint' auf d' Höh'!« oder: »Kruzi-Adaxel-Türkensabel, Ludervieh und Heugabel!« oder: »Kreuz-divi-domini, daß dich!« oder auch: »Fixzaunmarter-dürre-Krautstingelbutten!« Wenn er aber in Zorn und Wut kam, da ging ein ganz anderes, ein schweres Wetter nieder.

»Geldstrafe!« sagte einer der Kirchenpröbste, »sonst weiß ich kein Mittel. So oft der Mirtel einen Flucher laßt, zahlt er einen Kupfersechser. Barthel, du passest auf und verwahrst das Geld, das nachher der Kirchen gehört.«

»O, ihr lieben Eselein!« rief der Barthel, »da möcht' ich wohl wissen, wer ihm das Zahlen wollt' schaffen. Den schilt er maustot.«

»Das laß gut sein, Schuster,« sagte der andere, »ich werd' mit dem Kaplan reden.«

Und nach einiger Zeit, als der Meister Mirtel eines Tages von der Kirche heimkehrte, war er verzagt und fluchte nicht, so daß der Barthel glaubte, sein Meister müsse krank sein, und ihn darob befragte.

»Ja, mein lieber Barthel,« antwortete der Meister traurig, »'s ist nicht richtig mit mir; bei der Beicht' bin ich gewesen. 's mag wohl sein, daß meine arme Seel' zum Teufel geht. Weil ich so viel schelten tät', sagt der geistliche Herr. Glaub's aber nicht, 's müßt mich nur zeitweilig der Höllsaggra so viel reiten. Sollt' mir's abgewöhnen, sagt der geistliche Herr. Der hat leicht reden, der hat alleweil die sieben Sakrament' im Mund und ist fromm dabei; und unsereinem darf nur eins auf die Zungen kommen, so heißt's, man schilt! Muß aber doch derlogen sein, daß ich mir das mordsschwerenots Fluchen nicht sollt' können abgewöhnen. -- Nu, so hat halt der geistliche Herr gesagt, sagt er: so oftmals ich einen feisten Flucher tät' loslassen, sollt' ich allemal einen Dreier für den Opferstock geben.«

»Einen Sechser, Meister, einen Sechser!« rief der Barthel drein.

»Einen Sechser? Wie kannst denn du das wissen, du neunmal verzweifelte Judashaut; hast leicht gelost?!«

»Gar nicht, Meister, gar nicht; hab' nur gemeint, so ein Flucher vom Meister ist seinen Sechser schon wert.«

»Hat's auch gesagt, der geistliche Herr, daß ich mich allemal um einen Sechser sollt' strafen. Meint er 'leicht, ich hätt' nicht Herr über mich! Justament will ich ihm's zeigen, dem Sakermenter, daß ich das Schelten kann lassen.«

»Meister, ich bitt' um den Sechser.«

»Was hast denn? Es gilt auch: so oft ich was fluch', kriegst du für die Kirche den Sechser. Daß ich euch weis', was ich kann, und das verdammte Gered' einmal aufhört: nicht ~einen~ setzt's, oder es soll mich das Kruzifix-Millionen-Donnerwetter in den Erdboden schlagen!«

»Meister, ich bitt' um den Sechser.«

Das Donnerwetter schlug nicht, aber er gab den Sechser: den ersten und bald noch etliche dran in derselbigen Woche. Jeder »Satan« und jedes »Mordselement«, jede »Pestilenz«, jeder »pechrabenschwarze Gallteufel«, sogar jede »Galgenstrick-Latern'« und jedes »Saggramosthosen« wurde mit einem Sechser belegt. Allerlei Drohungen und Träume, die dem braven Schuhmachermeister nächtlicher Weil' vorkamen, bewirkten es, daß er die Strafgelder nicht verweigerte, sondern mehr und mehr seinen Mund in acht nahm.

Als die Kirchenpröpste wieder zusammenkamen, brachte der Barthel zwar ein nettes Häufchen Sechser mit, tat aber gleichzeitig kund, daß die Kupferquelle allbereits versiegt sei.

»Das kömmt mir recht verdrießlich,« meinte der Lichtanzünder, »wie ihr sehen könnt, ist der Weihbrunnkessel an der Kirchentür kaputt geworden, worauf wir beim heurigen Geldanschlag nicht gezählt haben. So ist mir der Einfall gekommen, ob uns nicht der Schustermeister einen neuen Kessel zusammenfluchen wollt'.«

»Flucht nimmer,« berichtete der Barthel. »Es müßte denn sein, daß man ihn reizen tät'. Wenn's zum Besten des Kessels ist ...«

Und was geschah?

Der Barthel ging heim in die Werkstatt, verknüpfte in Abwesenheit des Meisters den Draht, tauchte das Pech in kaltes Wasser, verklebte auch ein wenig den Leisten in den halbfertigen Schuh, brach ein paar Ahl-Erteln die Spitze ab, versteckte den Knieriemen unter das alte Lederwerk und bereitete in schöner Dienstfertigkeit noch dies und das für ein ausgiebig Flucherstündchen. Dann rückte er sich in seine Ecke und stach und schmierte und nähte mit der harmlosesten Miene von der Welt an seinem Stiefel.

Bald darauf trat der Meister lustig pfeifend in die Stube und setzte sich an die Arbeit. Fürs erste wackelte der Dreifuß; den rückte er gelassen zurecht. Dann langte er nach dem Garnknäuel, um die Drahtfäden auf seine Finger und den Ellbogen zu haspeln. Dabei murmelte er etwas Unverständliches, denn das Garn war ein wenig verworren. Der Geselle lauerte, aber es kam weiter nichts. Das Pech zeigte sich heute, obwohl in der Stube geheizt war, ausnehmend spröde, das Schmer hinwiederum floß schier auseinander. Als der Meister den Leisten aus dem Schuh ziehen wollte, brach der Zughaken und er schleuderte die Trümmer zu Boden und starrte stillen Grimmes auf den Gesellen hin, der in musterhafter Ordnung weiter arbeitete. Der Meister nahm die Ahle zur Hand, da war die Spitze weg -- wieder ein Blick auf den Barthel. Bebend vor Wut, aber stumm wie ein Fisch, suchte der Meister den Knieriemen, schleuderte alle Leisten und Lederfetzen durcheinander, fand ihn endlich unter der zerfahrenen Beschuhung, stürzte damit auf den Gesellen und salbte ihm kräftigen Armes mit dem Riemen den Rücken.

Und fluchte nicht.

Aber der Weihbrunnkessel ist neu. Man sagt, der Barthel selbst hätte ihn zusammengescholten an demselbigen Tag.

Herr Trotzkopf, der Heiratsbeflissene.

Bertram Siebener ging auf dieser Erde fünf Jahre lang mit Heiratsgelüsten um. Es tat ihm die Wahl weh unter den schönen Töchtern des Landes, und aus lauter Bedenken und Zuwarten passierte es mehrmals, daß ein anderer ihm die Braut vor der Nase weg heiratete. Denn gern haben die Frauen des Mannes Herz, aber dessen Hand haben sie noch lieber. Zudem hatte Bertram Siebener -- ein so prächtiger Mann er sonst war -- keinen sehr starken Willen, hingegen besaß er einen kräftigen Widerspruchsgeist. Ein Trotzkopf war er. Bei allem, was er vorhatte, befragte er seine Freunde um Rat, um hernach gerade das Gegenteil zu tun von dem, was sie ihm rieten.

So saß er eines Tages im Extrastübel des Eschenwirtshauses und sagte zum Wirt: »Julius, was sagst du dazu? Jetzt hab' ich eine aufgestöbert. Blutjung ist sie und bildsauber. Hast noch keine gesehen, die so schön wäre. Ganz dumm bin ich dir vor Liebe. Die werde ich nehmen -- was meinst?«

Der Wirt zuckte die Achseln: »Wenn du verliebt bist, dann ist dir nicht mehr zu raten.«

»Daß man sich's halt etwa noch überlegt.«

»Das tät' ich auch an deiner Stell', und diesmal schon gar.«

»Meinst also, daß ich's bleiben lassen soll?«

»Weißt, Bertram, ein anderer kann da nichts sagen, das kommt auf dich selber an. Ich red' nur das: geheiratet ist's bald, aber das Hausen währt lang'. Und just auf die Schönheit allein ginge ich auch nicht. So lang' das Weibel schön ist, gehört es oftmals nicht dem Ehemann allein; und ist es nicht mehr schön, nachher magst es leicht auch selber nicht. So ist die Sach'.«

Der neidet mir die schöne Braut, dachte Bertram, als ob just ich kein sauberes Weib haben sollte! --

Er ging zu seinem Freunde, dem jungen Tischlermeister, einem sehr einsichtsvollen Mann, der selber noch ledig war und bei seiner dicken Stiefmutter lebte.

»Du, Franzel,« rief Bertram Siebener, »eilends laß dir Tanzschuhe machen. Ich bin Bräutigam. In die Allerschönste bin ich vernarrt, in die schöne Traut. Ich denk', ich mach' Ernst! Rate mir, Freund, aber rate mir nicht ab.«

»Dazu läge nach meiner Meinung keine Ursache vor,« sagte der Tischler, »daß sie deinem Auge gefällt, und daß du sie lieb hast, ist die Hauptsache. Alles andere findet sich.«

»Nur Vermögen, wenn sie zu ihrer Schönheit hätte, würde ich nicht verachten,« meinte Bertram.

»Vermögen, Vermögen,« sagte der Tischler, »dann bist du der Herr im Hause nimmer. Du bist der Anwalt ihres Geldes und mußt durch das Kapital deiner Arbeitskraft den täglichen Bedarf schaffen, und dennoch würde sie dir's bei jeder Gelegenheit zu verstehen geben, daß sie dir Geld mitgebracht hätte.«

»Wenn sie nur auch ein gutes Herz hat?« wendete Bertram ein.

»Pah, ein gutes Herz haben alle, wenn es der Mann verlangt; nur häßliche Weiber sind auch böse Weiber. Greif' zu, Bertram, greif' zu mit allen Vieren!«

Was der nur hat? dachte der Freier bei sich. Gerade auf der Stelle will er mich verheiraten. Er hat leicht reden; leben müßte ich mit ihr. Spät gefreit hat niemand gereut. Ich warte noch. --

Ein halbes Jahr später saß Bertram Siebener wieder im Eschenwirtshause und zupfte den Wirt am Ärmel: Er hätte etwas zu reden.

»Wenn's nur auch was Gescheites ist!« sagte Julius.