Part 11
»Das will ich schon meinen. Ich habe wieder eine Braut -- eine mit Geld!«
»Das läßt sich hören!«
»Aber gerade nicht mehr ganz jung -- so in den besten Jahren, eine Vierzigerin.«
Der Wirt tat einen lauten Pfiff. -- »Nachher könnte sie ja deine Mutter sein.«
»Ist's aber nicht. Ist eine recht angesehene Hausbesitzerin, auch gesund und heiter. Ich setz' mich in die Wirtschaft und bin ein gemachter Mann.«
»Mensch!« rief der Wirt, »ich sage dir, nimm eine ältere! Eine Achtzigjährige, die wenigstens bald stirbt. Die Vierzigerin überdauert deine schönsten Jahre; du bist an sie gebunden wie der Kettenhund ans alte Hoftor. Bertram, ich bitte dich: renn' nicht in dein Unglück!«
»Du hast ja selber eine Alte.«
»Eben darum rede ich aus Erfahrung. Junge, nimm eine Häßliche, eine Dienstmagd, eine Dirne -- nur keine Alte!«
Bertram ging mißmutig davon. -- Just weil sie glauben Nein, so sage ich Ja. Möchte doch sehen, wer mit mir schaffen kann! --
Er ging zum Tischler.
»Freund, du wirst Augen machen. Wie du mich da stehen siehst: ich bin so viel als Großbauer! Ich heirate die Hochschlagerin.«
»Was?« lachte der Tischler, »o du Schelm du! So bist du's, der den fetten Vogel abschießt! Ich gratuliere!«
»Sie ist just nicht alt.«
»Na freilich nicht,« sagte der Tischler. »Vierzig ist ja noch kein Alter. Und so gut erhalten!«
»Just, daß halt ~ich~ ein bissel jung für sie bin.«
»Ist nicht deine Schuld. Brauchst du nicht eifersüchtig zu sein. Eifersucht ist ein Elend. Auf die Hochschlagerin kannst dich verlassen -- bist geborgen. Und sind die zufriedensten Ehen, dergleichen. Dann keine Brotsorgen, mein Lieber, keine Brotsorgen, das ist die Hauptsache.«
»Es ist wahr,« bemerkte Bertram sinnend, »daß man auch -- der Nachkommenschaft wegen -- Kinder --«
»Eins kriegst, mehr brauchst du nicht. Denke dir das Kinderkreuz! Den Kummer! Ich selbst, wenn ich heiraten würde, nähme so eine, wie die brave Hochschlagerin.«
»So nimm sie!«
»Ei, du siehst ja, daß ich mit meiner Stiefmutter ganz zufrieden lebe. Sie ist eine gutherzige, praktische Frau, besorgt mir die Wirtschaft. Und so lebt man fröhlich dahin.«
»Und warum man just mich in den Ehestand jagen will?«
»Jagen? Das nicht, aber mit gutem Gewissen dazu raten kann man dir. Du zögerst, aber du wirst heiraten, es ist eine Naturnotwendigkeit für dich. Du bist vielleicht gar nicht für den Ehestand geboren. Aber du bildest dir einmal ein, zu heiraten, du wirst keine Ruh' und keine Rast haben, so lange du nicht verheiratet bist.«
»Und dann?«
»~Dann~ gibt es keine Wahl mehr.«
»Also gezwungen und gebunden leben!«
»Bertram, du bist eine unentschlossene Natur, jede Wahl peinigt dich. Immer hin und her. Das Muß tut dir besser, das ist der Stock, an den gebunden du erstarken wirst.«
»Franz, du redest in den Tag hinein. Du verstehst mich nicht. Weißt du, was ich tun werde? Ich bleibe ledig!« --
Darauf verging ein Jahr. Die schöne Traut hatte einen schönen Förster, die reiche Hochschlagerin einen reichen Holzhändler geheiratet. Bertram Siebener war noch frei.
Da saß er eines Tages wieder beim Eschenwirt und trank sich ein Herz an. Es war bei ihm, als ob er den Apfelwein nicht in den Magen, sondern in das Herz hinabschlürfte; denn mit jedem Humpen schwoll dieses und wurde voll, und wurde schwer. Und endlich begann er zu schluchzen ob seiner großen Verlassenheit.
»Ich glaube gar, du hast Zahnreißen?« sagte der Wirt.
»Laß mich gehen. Ihr alle miteinander versteht mich nicht -- ich fühle mich so einsam auf der Welt. -- Ich werde doch noch einmal mit der Meisterin reden.«
»Am Ende hast du schon wieder eine Braut?«
»Ich ~habe~ auch eine, ich verhehle dir's gar nicht, gleichwohl ich weiß, daß du mir sie wieder abreden wirst wollen.«
»Abreden? Ich abreden? Was dir nicht einfällt. Im Gegenteile, ich habe dir immer gesagt, daß du heiraten mußt. Aber eine, die für dich paßt. Zweimal fragtest du mich schon, und ich will nicht fürchten, daß du es bereuest, mir gefolgt zu haben.«
»Ich dir gefolgt, Julius! Nicht im Traume. Wenn ich zwei Weiber bisher laufen ließ, so waren es andere Gründe.«
»Die dritte wirst du doch nicht mehr laufen lassen? Sie ist wahrscheinlich sehr hübsch?«
»Sie ist nicht hübsch.«
»Oder wenigstens jung?«
»Sie ist nicht jung.«
»So doch reich?«
»Ist auch nicht reich.«
»Also häßlich, alt und arm. Bertram, sei versichert, die rede ich dir nicht ab. Es ist nicht nötig.«
»Und gerade die werde ich heiraten.«
»Ich gratuliere!«
»Du höhnst mich. Ich aber sage dir: Die werde ich heiraten.« --
Aufgebracht ging er davon -- ging zu seinem andern Freunde, dem Tischler.
»Hast du wieder eine?« rief ihm der entgegen.
»Eine gutmütige, bescheidene, ältliche Person, arm, aber häuslich und brav.«
»Siehst du, ~das~ ist die Rechte.«
»Eine Witwe ohne Kinder. Nur ein Stiefsohn ist da.«
»Für einen gescheiten, anspruchslosen Mann gewiß eine passende Partie. Mache nur diesmal Ernst.«
»Aber --«
»Ist sie eine Hiesige!«
»Freilich, du kennst sie recht gut. Und daß der Sohn um ein paar Jahre älter sein wird als der Vater, hörst, das macht nichts.«
»Was sprichst du denn?«
»Geh', geh', ich laß dich nicht raten. Wir sind auch schon auf gleich. Hat sie dir wirklich noch nichts gesagt?«
»Wer?«
»Deine Frau Stiefmutter.«
Der Tischler schrak zurück. -- Meine Stiefmutter will er heiraten? Meine Mutter, von der ich hoffe, daß sie mir in nächster Zeit die Wirtschaft übergibt, und mich zum Erben ihres Ersparten machen wird?
»Freund!« sagte er mit dumpfer Stimme und legte seine Hand dem Heiratsbeflissenen auf die Achsel: »Das wäre ein unglücklicher Gedanke. Glaube mir, ich würde sehr erfreut sein, dich in unserer Familie zu wissen. Aber als Freund muß ich dir im Vertrauen mitteilen: Meine Stiefmutter ist kein Weib für dich. Erstens hat sie das Alter wirklich etwas sehr häßlich gemacht; die Leute würden ordentlich zurückschrecken, wenn du sie ihnen als deine Braut aufführtest.«
»Was geht das die Leute an!«
»Dich, dich geht's an. Und das eben ist das Schlimme. Ferner glaube ja nicht, daß diese Frau so überaus gutmütig ist. Ich kenne sie besser!«
»Du kennst sie als Stiefmutter, da glaub' ich's schon.«
»Wenn es je eine eitle, geschwätzige, geizige, schmutzige, launenhafte und mürrische Alte gibt, so ist es meine Stiefmutter.«
»Du übertreibst, wie hätte denn dein seliger Vater --«
»Der nahm sie vor einem Vierteljahrhundert. Und wenn es je ein Mann bei diesem Weibe aushalten könnte, so würde mein Vater noch leben.«
»Diesmal ist alles dagegen,« murmelte Bertram, »nur mir keine Frau. Jetzt möchte ich aber doch sehen, wer mir das Heiraten wehren kann. Justament!«
O, Tischler Franz, das hast du schlecht gemacht. Warum fielest du ihm nicht in die Arme und riefst: »Bertram Siebener! ja und tausendmal ja, werde mein Vater! Meine Stiefmutter ist das schönste, liebenswürdigste Weib unter der Sonne. In üppigster Reife prangt sie dir entgegen! Und wie sinnig weiß sie sich zu schmücken, wie anmutig versteht sie zu plaudern, wie sparsam ist sie im Haushalte, wie anregend ist die Mannigfaltigkeit ihrer Stimmungen und neckischen Launen, wie reizend ist ihr erkünsteltes Zürnen und Schmollen. Wie selig war mein seliger Vater in ihrem Besitze, der, ach, so kurz war. Tritt in seine Fußstapfen, mein Freund, ich beglückwünsche dich aus voller Brust!«
So mißrät man einem Bertram Siebener die Partie. Ei geh', Tischler, du verstehst dich nicht aufs Leimen. Was du zusammenfügen willst, das geht auseinander, was du trennen möchtest, das kittet sich zusammen.
Jetzt lauf' zum Schneider, er soll dir flugs ein Hochzeitsjöppel machen, deine Mutter heiratet dir einen Vater ins Haus, und aufs Jahr vielleicht -- kommt der Storch! --
Die Hochzeit ist lange über ein Jahr schon vorbei. Das Ehepaar lebt im Frieden. Der erheiratete Sohn wird ganz anständig gehalten, denn er leitet das Geschäft. Der Storch kam, setzte sich aber auf den Giebel der Mägdekammer, und wenn man den Bertram Siebener fragt, wie er ihm denn anschlage, der heilige Eh'stand, so antwortete er: »Dank' der Nachfrag'!« Und wenn man sagt: Es wäre ja zu erwarten gewesen, daß er mitten in sein Glück hineinsäße, so entgegnet er: »Na, na!« Und wenn ihm einer zuflüstert: »Armer Bertram, du bist bei dieser Tischlermeisterin wohl recht jämmerlich auf den Leim gegangen!« so ruft er aus: »Auf den Leim? Zum Lachen, so was! Ich bin über und über zufrieden, ich verlange nichts Besseres.«
Auch solche Käuze gibt es.
Der Samer-Sim.
Es ist doch recht schmeichelhaft für diese Welt, daß keiner aus ihr hinaussterben will. »Das Sterben, das spar' ich mir bis zuletzt,« sagt ein Volkswort, aber wenn dieses »zuletzt« kommt -- es kommt zu früh. Die Jungen möchten alt werden, die Alten möchten sich am Sonnenlichte ein Jährchen oder zweie noch erfreuen; der Gesunde möchte leben, der Kranke gesund werden; der Arme möchte sich erst Schätze erwerben, der Reiche sie genießen; der Totengräber hängt mit denselben Stricken am Leben, als die in Weltlust badende Tänzerin auf der Bühne. Der Familienvater will leben, um der Seinen Glück zu gründen und sich daran zu laben. Dem Junggesellen ist es schon gar bitter, von der Erde zu scheiden, denn er weiß, er läßt keine Spur zurück, ist mit seinem letzten Atemzuge verweht und vertilgt -- wahrhaftig gestorben.
Denen aber der Tod nicht zu früh kommt, denen kommt er -- zu spät; sie wollten ja sterben, wenn's nur schon -- geschehen wäre. Es liegt ihnen am Leben nichts, aber ihnen graut vor dem Todeskampf.
Zu diesen letzteren gehört auch der Samer-Sim. Dem kann am Leben freilich nichts liegen, er ist im Dorf der Einleger. Vor Zeiten hat er mit einem Maulesel Kornsäcke übers Gebirg' gesäumt; den Namen hat der Sim noch davon, aber sonst nichts. Er weiß, wie der Hunger schmeckt und wie der Frost bohrt; weiß, wie die Gicht tut und wie böser Leute Spottreden und geiziger Leute Nachreden klingen. Er weiß auch, daß nichts Besseres für ihn mehr kommen wird, daß er nichts mehr wünschen darf, daß er zeitlebens der Schuhhadern des Dorfes sein wird -- aber nur leben, lange leben, immer leben -- nur nicht sterben.
Der Samer-Sim meidet den Friedhof, der außer dem Orte liegt, aber auch den Weg dahin; er tut oft einen halbstundenlangen Umgang, nur um den Friedhofsweg nicht zu kreuzen. Vor Leichen fürchtet er sich wie vor der Pest, und es geht ihm wie allen, die selten Leichen sehen und also glauben, was ihnen die Einbildung vormacht, daß nämlich die Toten so grauenhaft zu schauen wären.
Am Ende des Dorfes steht eine Wirtskeusche; diese ist dem Sim der liebste Ort; nicht als ob er den schlechten Krätzer, den man in der Keusche haben kann, gerne tränke, sondern weil der Wirt ein Geschichtenbuch besitzt. In diesem Buche steht die anmutigste Geschichte, die der Sim je gehört hat, die Geschichte von dem ewigen Juden -- das ist der Mensch, der nicht stirbt.
Beim Wirt sitzt zuweilen auch der Bader des Ortes, ein Spaßvogel. »Ja, mein Lieber,« sagte der eines Tages zum Sim, »letzthin hätt's den Mann doch bald getroffen -- nu, wie lange mag's sein, Hirschenwirt, daß der ewige Jude bei dir da vorbeigegangen ist?«
»Je,« antwortete der Wirt, auf den Scherz eingehend, »das wird sein höchstens sechs Wochen -- nit länger. Hat bei mir eingekehrt; just da auf der Ofenbank, wo der Sim sitzt, ist er gesessen.«
»Ja, schau,« fuhr der Bader zum alten Sim gewendet fort, »und da hat der Mann unvorsichtigerweis', wie er schon von seinem ewigen Herumvagabundieren erhitzt ist, ein Glas von Hirschenwirts Vierziger getrunken. Augenblicklich hat er auch das schauderlichste Bauchgrimmen gehabt und Krämpfe dabei, wie mir erzählt ist worden -- hat schon alles gemeint, 's wär' das letzt' End' mit dem ewigen Juden.«
Der Hirschenwirt stutzte, als er die Spitze des Scherzes nicht gegen den Sim, sondern gegen sich selber gekehrt sah. -- »Na wart', Bader -- dachte er -- du kriegst mir auch eins.«
»Ja, ja,« bekräftigte der Wirt dem Sim gegenüber, »'s ist, wie der Herr Doktor gesagt hat. -- Leut'! schreit er jählings, der ewige Jud', mir ist auf einmal nit gut -- lauft's geschwind um einen Doktor! -- Ich schick' den Halterbuben eilends ins Dorf, aber der Herr Doktor da ist nit zu Haus gewesen; der arme kranke Mann hat keine Hilf' können haben und so ist er richtig wieder gesund worden.«
Der Bader hat einen klanglosen Lacher gemacht und nichts mehr gesagt. Der Sim aber, die zwei scharfen Nadeln des Gespräches nicht ahnend, schüttelte verwundert sein Haupt. »Welch' Seite ist er denn zugegangen?« fragte er angelegentlich. Es fiel ihm ein, dem ewigen Juden nachzugehen, ihn aufzusuchen und nicht mehr von seiner Seite zu weichen, auf daß auch er dem Tod entrinne.
Es sind der kleinen Geschichten und Wunderlichkeiten mehr, die man von dem Alten erzählt. Vor kurzem wollte er, der Siebzigjährige, mit einem zwanzigjährigen Mädchen eine Liebschaft anfangen, weil man ihm gesagt hatte, er müsse, um den Tod zu hintergehen, sich wieder jung stellen. In vollem Ernste machte er seinen Liebesantrag, und das ganze Dorf hatte was zu lachen.
Das Lachen war dumm. Der Samer-Sim ist ein armer schwachsinniger Greis, der mit Angst die letzten Körner seiner Sanduhr verrinnen sieht. Das falsche Leben, das ihm vorenthalten, was es anderen in reichem Maße hingeschüttet, das ihm keinen seiner Wünsche erfüllt hat, das ihn um seine berechtigtesten Hoffnungen betrog -- dieses falsche Leben will der alte Mann noch zurückhalten am Mantelsaum, wie man einen fliehenden Dieb zu halten sucht. Das Gebaren des alten Samer-Sim, die vieljährige Todesangst des im Sonnenlicht Wandelnden ist seltsam genug -- aber etwas zum Lachen ist es nicht.
Als ich dem Manne begegnete und er mir wie so vielen anderen Leuten seine Todesfurcht bekundete, suchte ich ihn zu trösten. -- »Wenn's dereinst dazu kommt, guter Sim, so ist es nicht halb so schrecklich, als es von weitem aussieht. Bei betagten Leuten gar ist es wie ein ruhiges Einschlummern nach der Lebensmüh' und sie wissen gar nicht, daß es der Tod ist.«
»Aber Herr,« rief der Alte, »der Todesstoß, der Todesstoß im Herzen! Und nachher, wenn sie einen hineinlegen in den Sarg, hinabsenken in die Erden und es kriechen die Würmer heran!«
»Mußt denken, Simon, du liegst nicht ~lebendig~ drin, und es ist ja ein Glück, daß du früher ~gestorben~ bist.«
»Und erst die arme Seele!« sagte darauf der Alte, »die muß in den glühenden Ofen des Fegefeuers!«
»Wer hat dir denn das gesagt, Sim?«
»Das? -- Ach, ich hab' doch so viele Sünden und keinen Kreuzer Geld für ein paar heilige Messen!«
»Lieber Sim,« sagte ich und faßte seine kalte Hand. »Glaubst du nicht, daß Gott besser ist als die Menschen?«
»Das glaub' ich wohl.«
»So siehe, gute Menschen verzeihen ihren Beleidigern, anstatt sich an ihnen mit Feuer oder anderswie zu rächen.«
»Ja freilich,« unterbrach mich der Sim, »so hat's Gott gelehrt!«
»Und wird er's nicht auch selber halten?«
Alte Menschen lassen sich aber nicht umwenden wie alte Röcke.
Der Samer-Sim murmelte was und holperte seines Weges. Einige Wochen später erhielt ich vom Schullehrer jenes Dorfes folgenden Brief:
»Geschätzter Freund!
Sie haben sich immer für den alten Samer-Sim interessiert. Den haben wir heute begraben. Der Mann ist ~lachend~ gestorben. Seit längerer Zeit schon lag er beim Moosbrunner auf dem Oberboden krank. Ich habe ihn selber einmal daselbst besucht; er war stets der Alte mit seiner Todesfurcht und meinte, er wollte gern alles Böse ertragen auf dieser Welt, wenn er nur wisse, daß er nicht auf dem Todbette liege. -- Nun, es ist eigentlich komisch, hat ihn eine Maus umgebracht. Eine solche war unter seine Decke gekommen; vor Zappeln und Lachen über den Gast fiel der Alte in einen Krampf und nach wenigen Minuten war's vorbei. Der plötzliche Überreiz der Nerven, sagt der Arzt, habe ihn getötet. -- Vielleicht vermag Ihre Feder etwas aus der Sache zu machen« usw.
So das Schreiben. Ich habe aus der Sache nichts anderes zu machen versucht, als was sie in Wirklichkeit ist. -- Der Samer-Sim hat seit vielen Jahren nicht mehr gelacht aus Angst und Furcht vor dem Tode. Derselbe Samer-Sim ist lachend gestorben.
Der Zillacher-Anderl.
Samstag war's. Der Anderl saß in der Flachsdörrkammer, wo er auch sein Bett hatte, und tat sich den Bart rasieren.
Die jungen Stadtherrchen kratzen mit dem Schermesser zumeist just dort herum, wo sie gerne einen Bart haben möchten. Der Bauernbursch rasiert sich, wo ein Bart steht. Freilich war der Anderl schon fünfunddreißig Jahre alt und sein Bart so steif, daß man nach der Bauern Sprichwort den Dreschflegel daran hätte hängen können. Trotzdem ließ der Anderl vor dem Scheren die Seife ordentlich in die Borsten trocknen und kramte mittlerweile seine grauen Backen vollblasend in den Hosentaschen herum. Da drin hatte er einen alten Taschenveitel, ein Stück Zunder und einige Kreuzer, die sich aber bei näherer Untersuchung in der Mehrzahl als Messingknöpfe herausstellten. Der Anderl blies die Backen noch bauchiger. Messingknöpfe? Für den morgigen Sonntag Messingknöpfe! Mit derlei hat der Hirschenwirt seine Hosen und Wämser sicherlich versehen. Heute schon hätte der Anderl Durst.
Jetzt trat eine alte Magd in die Flachsdörrkammer: Der Anderl möge eilends in die Stube zum kranken Vater kommen. Und als der Bursche bei dessen Bette stand, sagte der alte Zillacher: »Anderl, nimm deine Zipfelmütze ab. Anderl, paß auf, dein Vater macht's Testament. -- Aha! gelt, jetzt kannst losen! Hast gleichwohl nicht immer so auf mich hören wollen; soll dir aber geschenkt sein, will dich nicht verkürzen. Deine Brüder und Schwestern, die haben das Ihrige. Wenn ich die Augen zugemacht hab', Anderl, so weißt es, die braune Kuh ist deine Erbschaft.«
»Vergelt's Gott!« rief der Anderl.
»Aber sei brav und tu' dir das Trinken ab, und der himmlisch' Vater soll dich beschützen und bewahren.«
Der Alte schwieg. »Kann ich jetzt die Zipfelmütze wieder aufsetzen?« fragte der Anderl.
»Jetzt kannst du machen, was du willst,« sagte der Zillacher.
Als nach einigen Tagen der Alte tot und begraben war, führte der Anderl die braune Kuh aus dem Stall. Er trieb sie die Straße entlang, und da er so hinter dem Tiere dahertrottete, führte er mit ihm folgendes Gespräch: »Du alte Kuh, du bist ein zaunmarterdürres Vieh. Ich möcht' meine Joppe an deinen Hüftknochen hängen.« Und als sie zu einem Wassertrog kamen und das Rind stehen blieb und trank, sagte der Anderl: »Ja, meine liebe Kuh, ich hätte auch Durst!« Er trank aber doch nicht.
Da kam ein Bauer des Weges, der fragte: »Wo treibst du deine Haut hin?« Der Bursche knirschte die Zähne und schritt fürbaß. Mittlerweile war das Euter voll geworden, und als sie zu einer Schenke kamen, unterhandelte der Anderl mit der Wirtin, ob sie nicht seine braune Kuh melken und ihm dafür ein Krügl Wein geben wolle. Das Geschäft war abgemacht. Und so trieb der Zillacher-Anderl seine Erbschaft viele Stunden weit fort, weidete sie an guten Rasenplätzen, tränkte sie an den Brunnen, und wenn das Euter voll war, so vertauschte er die Milch gegen Wein. Für die Länge aber blieb das Euter der braunen Kuh immer kleiner, während der Durst des Burschen größer wurde. Da dachte der Anderl, das muß anders gemacht werden, und verkaufte das Rind an einen Wegmacher. Der Wegmacher vermied die Frage, ob die Kuh nicht etwa gestohlen sei, bot hingegen nur fünfunddreißig Gulden Kaufpreis. »Meinetwegen!« sagte der Bursche, und als er das Geld in die Tasche schob: »Hab' ich noch weit zu einem Wirtshaus?«
Fünfunddreißig Gulden, das ist meine Erbschaft, dachte er dann, mit dieser will ich recht wirtschaftlich umgehen. Mit dreißig Gulden läßt sich schon was anfangen; die weiteren fünf Gulden -- damit will ich jetzt gründlich meinen Durst löschen. Einmal im Leben muß der Mensch seinen guten Tag haben; -- dann heißt's arbeiten und fleißig sein.
Als er zum nächsten Wirtshaus kam, suchte er sich den bequemsten Tischwinkel aus und hub an zu trinken. Die Wirtin setzte sich zu ihm und schwätzte und sagte, sie hätte frische Butterkrapfen in der Küche, die seien ihr diesmal vortrefflich geraten; ob er -- der Anderl -- denn nicht ein paar verkosten wolle. Ihm war's recht, und die umsichtige Frau Wirtin wußte wohl, daß nach den Butterkrapfen wieder neuer Durst kommen müsse. Der Wirt jedoch hatte sich seinem Gaste gegenüber so verhalten: In das erste und das zweite Glas schenkte er reinen Wein; in das dritte und vierte tat er ein wenig Obstmost dazu; dann tat er zur Hälfte Wein und zur Hälfte Most in den Becher; später goß er die Hälfte Obstmost, ein Viertel Wein und ein Viertel Wasser zusammen. Als endlich dem Anderl auf seiner Bank einmal ordentlich warm geworden, sein Durst doch immer noch nicht gelöscht war, da schüttete ihm der Wirt im Keller bloß Obstmost mit ein wenig Zwetschkenbranntwein vermischt in das Weinglas, hernach nur mehr Most allein, und endlich, wer am dritten Tage den Wein des Anderl vorurteilslos untersucht hätte, der würde gefunden haben, daß der Bursche gut gegorenen Apfelmost mit frischem Wasser trinke.
Natürlich tat dieses der Rechnung keinen Eintrag, und am dritten Tage waren fünf Gulden vertrunken. Zu dieser Zeit hatte die Wirtin jedoch bereits für frischen Durst gesorgt. Da sagte sich der Anderl: im Grunde ist es eine Narrheit, wenn ich mir jetzt einen Abbruch tue, der leicht der Gesundheit schaden könnte. Der Fieberdurst muß gelöscht, durch und durch gelöscht werden. -- Dasselbe sagt auch der Bader daheim. Zwei Gulden spendier' ich noch.
Er bleibt wieder ein paar Tage sitzen; dann aber brach er auf, um mit seinen achtundzwanzig Gulden ein nutzbares Geschäft zu beginnen. Als jedoch der gute Zillacher-Anderl im heißen Tage auf der staubigen Straße so wanderte, da kam er mit sich überein, daß er seine Erbschaft auf ein viertelhundert Gulden abrunden wolle! Blieben ihm drei Gulden gut, die er in der nächsten Schenke vertrank.
Da war aber in demselben Jahre ein sehr heißer Sommer; entweder es war die Hitze oder es waren die heftigen Gewitterregen unerträglich, in beiden Fällen muß der Mensch ein Dach haben, und dazu hat Gott die Wirtshäuser erschaffen. Als die Barschaft des jungen Zillacher auf beiläufig zwanzig Gulden herabgesunken war, da sagte er: »Jetzt, Anderl, ist's g'nug!« Da er nun die Zeche gezahlt hatte, blieben ihm bloß neunzehn Gulden und fünfundneunzig Kreuzer in der Tasche. Ei, dachte er sich, der Gulden ist angezwickt, weg damit! -- Und in ähnlicher Weise ging's auf fünfzehn, auf zwölf, auf zehn herab. Und nun sagte der Zillacher-Anderl das denkwürdige Wort: »Mit zehn Gulden richtet einer heutzutage nicht viel aus. Der Mensch, der auf eine Erbschaft ansteht, ist eh nix nutz; mit eigener Kraft muß der Mann das Seine erwerben.«
Er ging von einem Wirtshaus ins andere, und trank und trank. Und endlich war nichts mehr in seiner Tasche, als die Messingknöpfe. Da haben aber die Wirte neben der Wanduhr oder neben der Stubentür so schwarze Tafeln hängen, auf die mit der Kreide allerhand Buchstaben geschrieben werden können. Sagte eines Tages der Anderl: »Herr Wirt! Meines Vaters Sohn trägt einen ehrlichen Namen; tät Euch keine Schand' machen auf der Tafel.«
»Das nicht,« antwortete der Wirt, »aber die Tafel könnte leicht dem ehrlichen Namen was herabzwicken. Traue dieser schwarzen Tafel nicht, Freund!«
Der Anderl stutzte und war trübsinnig. Endlich sagte er zu sich: Was braucht man auch so einen dicken Brustfleck in der heißen Zeit? -- Er verkaufte seine Tuchweste und vertrank das Geld. Dann vertauschte er seine Ochsenlederstiefel gegen ein paar leichte Schuhe, sein Lodenwams gegen ein kühles Leinwandröcklein; das dadurch gewonnene Geld vertrank er.
Wohl hatte er sich mittlerweile auch ein paar Groschen Taglohn erworben; aber das liebe Wirtshaus hatte ihm's angetan, und ehe noch zwei Monde nach seines Vaters Tod verflossen waren, saß der Anderl da, arm wie eine Kirchenmaus, bärtig wie ein Waldteufel; auch sein Schermesser hatte er vertrunken.