Sonderlinge

Part 12

Chapter 123,835 wordsPublic domain

Jetzt war er tief verzagt. -- Wenn einer nichts mehr hinabzugießen hat, so muß man die Gurgel zubinden, hat einmal einer gesagt -- das leuchtete dem Zillacher-Anderl ein. Wenn der Fisch nicht mehr trinken kann, was hat er sonst auf dieser Welt? -- 's ist gar grausam bitterlich! -- Aber was kannst machen?

Der Anderl wußte draußen in der Dorfau einen alten Birnbaum. Zu dem ging er hinaus, an dem kletterte er empor mit harter Mühe bis zum Aste, von dem aus er das Dorf sehen konnte mit seiner Kirche und mit seinem Wirtshaus. Hierauf machte er Reue und Leid, nestelte sein Hosenband los und schlang es um den Hals.

Zur selben Stunde ging der Pfarrer am Birnbaum vorüber, er erschrak, als er das Beginnen des Mannes da oben bemerkte. -- Zachäus, steig' eilends vom Baum herab! heißt's in der Bibel. Jener hörte es nicht. »Anderl,« rief der Pfarrer, »tu' dir ~das~ nicht an! Aufknüpfen, na, das wär' doch eine Dummheit, die dich dein Lebtag reuen würde!« Vergebens, der Anderl wand bereits das Hosenband um den Ast. Der Pfarrer versuchte auf den Baum zu klettern, um die Tat zu verhindern, und der Selbstmörder kam mit seinen Vorbereitungen schon zu Rande. Da fiel dem Priester was ein. »Anderl!« rief er auf den Baum, »du ~mußt~ herabsteigen, ich such' dich schon seit einer Stunde, ich habe just ein frisches Faß angezapft.«

»So!« sagte der Anderl, »ja das ist schon wieder ganz was anders,« und sogleich kletterte er dem Erdboden zu. Sie gingen mitsammen in den Pfarrhof. Der Pfarrer schoß eine Weile im Hause herum, dann kam er zurück. »Das ist schon eine verzwickte Sach', Anderl, jetzt haben wir den Kellerschlüssel vertan. Die Köchin war beim Teich unten, hat Karpfen ausgeweidet, da ist ihr der Schlüsselbund ins Wasser gefallen. Was wir nur anfangen?«

Der Anderl riet den Schlosser an, allein der Pfarrer versicherte, das Kellerschloß sei so gar heiklich bestellt und ein hiesiger Schlosser könne es justament nicht aufsperren. -- Die Tür erbrechen, schlug der Durstige vor; nicht möglich, meinte der Pfarrer, sie sei mit eitel Eisen beschlagen über und über. Das einzige Mittel: der Schlüssel müsse aus dem Wasser hervorgeholt werden -- ob der Anderl dazu behilflich sein wolle? -- Das versteht sich. -- Wurde denn fürs erste der Teich abgelassen, der da war, um des Pfarrers Kornmühle zu treiben; und als das Wasser verflossen war, machte sich der Anderl an den Schlamm, hub ihn schaufelvoll um schaufelvoll an das Ufer, arbeitete bis spät in den Abend und suchte den Schlüsselbund.

Und als es finster geworden, rief ihn der Pfarrer ins Haus und sagte: »So, mein lieber Zillacher-Anderl, jetzt hast du mir ein gut Teil Schlamm aus dem Teich gefaßt, dafür sollst heut' fünf Groschen haben und das Nachtmahl und ein Krügel Wein -- der Kellerschlüssel hat sich vorgefunden.«

Glotzte der Anderl verwunderlich drein.

»Und wenn du mir den ganzen Teich ausschaufelst,« fuhr der Pfarrer fort, »so sollst du für das Tagwerk zwölf Groschen haben und die Köstigung und dein Krügel Wein.«

So wurde es abgemacht. Und als der Teich in Ordnung und wieder mit Wasser gefüllt war, da bekam der Anderl Geschäfte in der Mühle. Nur immer hübsch beim Wasser, daß der Durst nicht zu stark wird. -- Es ist gar nicht zu glauben, wie ein Mensch sich ändern kann, wenn er danach geleitet wird. Der Pfarrer wußte den Zillacher wohl zu behandeln, und der Anderl wurde der beste Arbeiter, den er je noch gehabt hatte.

Wenn sie dann abends beim Krügel Wein saßen, das dem braven Hausgenossen bislang vorenthalten wurde, und es anmutig zu sehen war, wie glatt und lind die lieben Tropfen ihrer Wege gingen, sagte einmal der Herr Pfarrer, dem Anderl auf die Achsel klopfend: »Wär' doch jammerschade um deine Gurgel, wenn du sie dazumal zugeschnürt hättest!«

's Guderl.

Wenn ich bei dir, mein lieber, himmlischer Vater eine Bitte frei habe: dem »Guderl« bereite ein recht feines, warmes Plätzchen dort oben in Deinem Himmel, vielleicht ganz nah' bei der Lieben Frau, sie wird sich mit dieser Nachbarin aus dem Steirerland nicht zu schämen brauchen. Aber eilen brauchst nicht, wir mögen die alte Ludmilla recht gern noch eine Zeitlang bei uns herunten haben und sie -- so arm und mühselig sie gleichwohl ist -- hat auch noch kein Verlangen, dieses Jammertal mit der himmlischen Freud' zu vertauschen. Sie fürchtet, dort oben wird sich niemand von ihr was Gutes tun lassen wollen, weil es ja ohnehin jedem so göttlich gut gehen soll -- und nachher freut sie der ganze Himmel nicht. Vielleicht, wenn sie einmal kommt, ist der heilige Laurentius so gut, seine Brandmale von ihr mit frischem Leinöl bestreichen zu lassen; oder der heilige Sebastian, sich von ihr die Pfeile aus den Wunden ziehen zu lassen; oder die blinde heilige Ottilia, sich von der Ludmilla herumführen zu lassen im Paradies, sich von ihr die himmlische Pracht erzählen und manchmal eine Butterbirne reichen zu lassen vom Baume. Ja dann, wenn sie wem einen Gefallen tun kann, wird es ihr auch selber gefallen im hohen Himmel oben, einstweilen paßt sie aber für die Erde besser.

Alt und mühselig ist sie, und das kann ihr niemand nehmen. Seit sie im Vorbeigehen einmal jene Erklärung vom Schulmeister gehört hat, daß nach den Aufmerkungen im Lande eine gewisse, sich fast gleichbleibende Anzahl von Krüppeln vorkomme, seither trägt sie ihre verkümmerten Beine noch lieber, weil sie denkt: Gut ist's, ich trag' sie für einen anderen. Sie trägt die Beine, anstatt, wie sonst gebräuchlich, von ihnen getragen zu werden. Einmal ist auch die Ludmilla jung und gesund gewesen. Da ist vor Jahren drüben auf der Reisinger-Seiten ein Pferd scheu geworden, an das Pferd war ein Streuwagen gespannt, und auf dem Streuwagen hockten zwei Knaben, die sich krampfhaft an die Sprosseln klammerten und jämmerlich schrien. Der Reisinger reckte seine Arme zum Himmel und rief Gott und die Heiligen um Beistand an für seine Söhnlein. Gott und die Heiligen schoben rasch die Ludmilla voran, die am Feldraine Strauchwerk schnitt: Der alte Narr steht da und kann nichts als schreien, lauf du, Ludmilla, und pack' das Roß, ehe es zur Schlucht hinabkommt! -- Die Magd lief hinzu, erfaßte das Pferd am Kopfriemen. Eine Strecke weit wurde sie mitgeschleppt hinab über den steinigen Hang, endlich stand das Fuhrwerk still, die Knaben sprangen unversehrt davon, aber der Leib der Magd war arg zerschunden und zerrissen, ein Bein gequetscht, das andere gebrochen.

Der Reisinger sagte hierauf zu seinen Söhnen: »Wenn die Ludl nicht wär', so wäret ihr jetzt auch nimmer. Wäret auch nimmer, daß ihr es wißt. Und sie ist jetzt ein elendiger Krüppel, und wenn ich nicht mehr bin und ihr seid auf dem Hof und sie ist noch am Leben, weil solche Leut' leider Gottes oft eine zähe Natur haben, so müßt ihr sie behalten, das ist eure verfluchte Schuldigkeit, daß ihr es wißt!«

Als die Ludmilla das gehört hatte, packte sie still ihre Sachen zusammen. Da hatte sie warten wollen im Reisingerhof, bis ihr Sebast zurückkäme aus dem Strafhaus; in einem Jahr muß er ja endlich kommen und dann sind zwei arme Leut' mehr in der Gegend. -- Kaum noch zur Not geheilt, stolperte sie zu vier Füßen, wovon die zwei hölzernen verläßlicher waren als die zwei beinernen, vom Berg herab nach Bärndorf und bat um einen Platz im Armenhaus. Das ward ihr natürlich versagt, denn sie gehörte in die Gemeinde zum »Steinernen Elend« hinauf. Das Steinerne Elend aber hatte kein Armenhaus und auch kaum ein anderes mehr. Schier die ganze Gemeinde war abgestiftet worden und Abstifter war der Staat mit seinen Lasten, und jetzt wußte das Restlein der im Steinernen Elend Geborenen nicht einmal, wo es daheim war, und die arme Ludmilla hatte keine Heimgemeinde. Aber das unfreiwillige Gnadenbrot beim Reisinger wollte sie einmal nicht essen; es wäre ihr zu stark gesalzen, sagte sie. Dann kam sie doch noch in das Bärndorfer Armenhaus hinein.

Als Aushilfswärterin kam sie zuerst nur auf ein paar Tage. Als diese paar Tage vorbei waren, ersuchte man sie um Verlängerung ihrer Aushilfstätigkeit und bald war ihr stillgeschäftiges, ratsames, sanftes und stets munteres Wesen den Kranken und Bresthaften so unentbehrlich geworden, daß sie im Armenhaus verblieb. »Und da g'freut's mich!« sagte sie nun oft. Dem Einen bettete sie das Lager bequemer, dem Anderen teilte sie etwelches von ihrem Brot, dem Dritten stellte sie was Grünes und Blühendes ans Fenster, dem Vierten besserte sie ein Kleid aus, sie konnte ja gar schneidern; und wo sie ein Zwirnfädlein liegen sah, und war es auch nur fingerlang, da tat sie es in ihren Nähkorb, der jedem, so ein Bändlein oder eine Nadel oder Schere oder ein Knöpfel brauchte, zur Nutzung stand. Für lange Abendstunden, wann sonst Tratsch und Mißlaune und Streit sich einzustellen pflegten unter den müßigen, mürrischen Bewohnern des Armenhauses, erzählte sie Geschichten, sang Lieder, wobei freilich ihre Lebhaftigkeit im Vortrag, sie half auch mit den Händen mit, die Stimmittel ersetzen mußte. Die dankbaren Gemüter behaupteten rundweg, die Ludmilla sei ein Engel, worauf sie allemal entgegnete: »Ja, wär' schon recht, wenn ich Flügeln hätt', auf den Füßen will's eh nit gehen.«

Das Elend der Armut liegt zumeist nicht im Nichtshaben und Nichtssein allein, es liegt vielmehr noch in der Giftigkeit des Herzens, in der Scheelsucht des Armen gegen die Mitmenschen, selbst im Mißtrauen gegen die Wohltäter. So war ein Mann im Armenhause, sie hießen ihn den Einhandel, weil er nur eine Hand hatte. Der hatte sich in der Jugend aus Furcht vor dem Soldatenleben mit einer Zimmermannshacke den Zeigefinger der rechten Hand abgehauen; zur Wunde kam der »Brand« und mußte ihm die ganze Hand abgenommen werden. Viele Monate war er im Spitale gelegen und als er endlich geheilt war, kam er seiner Selbstverstümmelung wegen auf Jahre in das Zuchthaus und dann von diesem schnurgerade in das Armenhaus. Am meisten beklagte er hier den Verlust seiner Hand, weil er beim Beten den Rosenkranz nicht so handhaben konnte wie andere Leute, denn zwei Dinge waren seine Hauptbeschäftigung: das Beten und das Ehrabschneiden. An jedem und jeder wußte er was auszusetzen, gegen jedes Gute hatte er sein Bedenken, und es ging kein braver Mann um im Dorf, der nicht doch ein »schlechter Kerl« war. Gegen die Ludmilla wußte der Einhandel aber spottwenig aufzubringen und so ließ er gelegentlich nur durchblicken, sie würde es schon wissen, warum sie so fromm tue, und trotz ihrer Demütigkeit würde sie am Ende doch lieber mit neun Teufeln in die Hölle fahren, als mit einem Engel in den Himmel.

»Geh, geh, Einhandel,« sagte ihm die Ludmilla einmal, »mach' dich nicht gar so bös' mit deinem losen Maul, bist ja doch ein guter Lapp.« Und schnitt ihm das Suppenfleisch klein, denn -- so scharf sein Mund sonst war -- mit dem Gebiß stand's schlecht.

Am Armenhaus führte ein Feldweg vorbei, der gewöhnlich durch eine Torschranke abgesperrt war. Wenn nun die Ludmilla durchs Fenster ein Fuhrwerk daherkommen sah, torkelte sie allsogleich hinaus, um die Torschranke zu öffnen, damit der Fuhrmann sitzen bleiben konnte auf seinem Karren.

Vor dem Armenhaus war auch ein Brunnen, der aus dem Ständerrohr armdick und rauschend in den Trog schoß. An diesem Brunnen hatte ich die Ludmilla das erstemal gesehen. An einem heißen Sommertag war's, ich kam als unbedachtsamer Student halbverschmachtet vom Gebirge über die sonnigen Felder her und nun eilends dem Brunnen zu, daß ich mich erquicke. In demselben Augenblicke, wie ich mein glühendes Gesicht zum Wasserquell senkte, kam das kleine, runde, wackelnde Weiblein aus dem Hause und erhob ein Zetergeschrei, daß ich emporfuhr und glaubte, es schlügen zum Dach die Flammen heraus. »Kruziwetter Paraplie, du leichtsinnig Volk du!« rief sie, dann nahm sie mich an der Hand und sagte ganz ruhig und warmherzig wie eine Mutter: »Mußt nicht trinken, Bübel, der Brunnen ist giftig. Nur ein Vaterunser lang wart', ich bin geschwind wieder da.« Damit verschwand sie im Hause, kam im nächsten Augenblick mit einer Schnitte Brot hervor: »So, da im Schatten setzest dich jetzt nieder und das issest schön langsam und wenn du es gegessen hast, netzest die Hände mit Wasser und den Nacken mit Wasser, und nachher kannst ein wenig trinken.«

Aus dem Hause heraus hörte ich später noch sagen: »In der Hitz' so hineintrinken! -- Ich weiß zwar nicht, wem er gehört, hat aber gewiß Vater und Mutter, und so ein Bürschel darf man heut' noch nicht auf die Bahr legen.«

Als ich mich hernach im Dorf erkundigte nach der Person, antwortete man mir: Das »Guderl« wäre es gewesen. Das Guderl, so wäre sie ihres guten, dienstfertigen und einfältigen Herzens wegen von den Insassen des Armenhauses getauft worden. Und sie wäre ein ganz merkwürdiges Geschöpf, hieß es, in der Jugend sei sie gar fein gewesen und man höre Geschichten, die sich ihretwegen einstmals zugetragen, aber man wisse nichts Sicheres; in ~der~ Gegend sei sie damals nicht gewesen und erzählen wollte sie auch nichts davon.

Das hat mich denn gleich gepackt, und ein nächstesmal -- ich fand sie auf dem Dorfweg damit beschäftigt, eine Wasserkehre auszukrauen, damit die Gieß ablaufen konnte -- suchte ich mit ihr anzuknüpfen. Sie wäre wohl keine hiesige? fragte ich.

Wie ich ihr das ansehe? fragte sie entgegen und stützte sich ein wenig auf den Haustiel, weil sie doch recht unsicher stand auf ihren Füßen.

»Ansehen nicht, aber anhören am Sprechen.«

»So, haben die Leut' im Steinernen Elend eine andere Sprache, wie die Bärndorfer dahier?«

»Also vom Steinernen Elend seid Ihr? Das muß aber eine traurige Gegend sein.«

»Das kommt auf die Leut' an, junger Herr,« gab sie zur Antwort, »die Steine sind überall hart.«

»So ist es. Und die Leut' sollen auch im Steinernen Elend recht brav sein. Ich habe gehört, Ihr wisset so schöne Geschichten vom Steinernen Elend herab.«

»Das hast du gehört!« rief sie aus, sie nannte mich »Du Herr«. »Aber,« fuhr sie lachend fort, »was doch die Leut' alles reden. Schöne Geschichten weiß ich! und etwan rechtschaffen lustige, nit?«

»Rastet ein wenig, mit dem Weg eilt's nicht; ist ja der Himmel über und über blau, da ist die Gieß noch weit. Unter den Kirschbaum setzen wir uns hin und Ihr erzählt mir was.«

»So närrische Sachen da!« rief sie, »ich weiß nix, ich weiß nix!« Damit schob sie sich um, daß das Röcklein flog, und kraute mit Hast an der Wasserkehre.

Ein zweitesmal erging es mir nicht besser. Halb schmollend und halb bittend sagte sie, ich solle nicht kindisch sein, ich solle mich an junge Dirndeln machen, wenn ich was wissen wolle, und nicht an alte. Die alten hätten lauter Sauerampfergeschichten und möchte sich so ein flotter Herr leicht daran langweilen und darüber lustig machen.

»Die Leute sagen, es hätte sich mit Euch etwas Besonderes zugetragen.«

»Mein lieber Herrgott in der Krüppelkapellen!« lachte sie auf, »zutragen tut sich mit jedem Menschen was, wenn er sich's aufmerken will. Und das mag für ihn selber was sein, aber für andere nit. Ich erzähle nix.«

Zwei Jahre später kam ich wieder nach Bärndorf, aber unfreiwilligerweise. Ich hatte mir bei einem kleinen Sturz im Gebirge die Kniescheibe verletzt, mußte zwei Tage lang in einer Köhlerei liegen und wurde dann nach Bärndorf hinabgebracht, wo ich beim »Weißen Lamm« eine Woche lang im Bette lag. Wer war's, der mich pflegte? Das alte, runde Guderl. Aber es war kaum mehr zu erkennen, über die ganze linke Seite des Gesichts, von der Stirne bis zum Halse hinab, hatte sie einen schier zinnoberroten Flecken und das linke Auge war geschwollen und hatte die Brauen und Wimpern verloren.

»Gelt, jetzt gefall' ich dir, junger Herr?« sagte sie, als sie mein Befremden merkte, »jetzt, weil ich so schön rotwangig worden bin!«

Des Einhandel wegen war sie rotwangig worden, und das ging so zu: Der Einhandel rauchte starken Tabak und rauchte den ganzen lieben Tag lang, und wenn er keinen Tabak hatte, dann rauchte er gedörrte Sauerampferblätter. Saß er zusammengekauert, einen Fuß über dem anderen und den Ellbogen auf dem Knie, auf der Ofenbank; die beiden Mundwinkel zog er tief hinab, in einem derselben stak das Pfeifenrohr, aus dem andern stieß er den Rauch herfür. Wenn die Pfeife nicht brannte, so machte er Gestank mit dem Ausputzen derselben, beim Anzünden wieder mit den Schwefelhölzern, die nicht brennen wollten. Und so ging es den ganzen Tag. Da hatte ihn die Ludmilla einmal in Güte gebeten: »Geh, Einhandel, sei so gut und tu nit gar so stark nebeln, oder rauch' beim Fenster hinaus, wenn du's schon eineinmal nit lassen kannst. Mußt halt betrachten, daß du nit allein im Haus bist. Schau, in der Stuben ist die alte Sanna, die muß so viel husten, und der Stindl hat Augenweh, weißt es eh, da tut der kratzend' Rauch halt wohl gar nit gut. Ist ~dir~ was übel, so wird man's auch ändern, wenn's sein kann. Sei gescheit.«

Auf so was wurde der Einhandel giftig wie ein welker Schierling. Er sagte es zwar nicht laut, aber zu seinem Kameraden, dem Marter-Hies, knurrte er: »Da hast es. Hab' ich nit alleweil gesagt, dieses Weibsbild ist ein Teufel! Und schon gewiß auch. Mir hat ihre Frommheit und Gutherzigkeit niemals gefallen, mir nit, mir! Hab's doch gewußt, es steckt ein höllischer Drach' dahinter. Desweg hinkt sie auch; der Teufel hinkt allemal. Guderl! ein sauberes Guderl, das! Luderl, ja, das ist das Richtige. Schau da her! Einem armen Menschen, der eh nix hat auf der Welt, als das bissel Rauchen, das auch noch nit gunnen mögen! Aber wart', jetzt erst zu Fleiß rauch' ich ihr recht unter der Nasen herum und das stinkendste Kraut, das ich auftreib'!«

Er tat's, und wo die Ludmilla ging und stand und saß im Haus, immer war der Einhandel da und dampfte, daß man vor lauter Giftnebel die Stubenwände kaum sah. Sie hüstelte wohl und fuhr sich mit der Schürze über die brennenden Augen, sagte aber nichts, als einmal: »Wenn's schon sein muß, ich dertrag's, nur die Kranken tu ein wenig verschonen.«

Von jetzt an dampfte der Einhandel den Augenleidenden und den Lungensüchtigen ins Gesicht. Nun beschwerten sie sich beim Armenhausverweser, dem Fleischhacker Marner, der zumeist auf Viehhandel aus war und sich daher um das Armenhaus nicht viel kümmern konnte. Es war auch schon wirtschaftlich so geboten: Das Vieh bringt Geld, die Armen kosten Geld. Nun, auf die Beschwerde konnte er doch nicht leicht ausweichen, der Verweser. »Da muß Ordnung gemacht werden!« sagte er großsprecherisch. Wurde der und die und auch das Guderl befragt, ob es denn wirklich so arg sei mit dem Rauchen des Einhandel? »Wenn er's nit just in der Stuben tät,« antwortete die Ludmilla, »draußen auf der Gartenbank kunnt' er rauchen so viel er wollt'; man sieht's ja ein, daß er auch was haben muß.«

Auf das bekam der Einhandel einen Verweis, der noch um einiges stärker war als sein »Tubak« und der ihm so lange in der Nase rauchte, bis er eines Tages ein Fläschchen Scheidewasser von der Stelle nahm, wo er es »zum Putzen des messing'nen Pfeifenbeschlachtes« aufbewahrt hatte, und es der Ludmilla ins Gesicht goß.

Es sei aus Zufall geschehen, behauptete nachher der Einhandel, er habe das Fläschchen zum Putzen hernehmen und den Stoppel herausziehen wollen, aber mein Gott, mit einer einzigen Hand! es sei halt ein Elend auf der Welt. Die Ludmilla sah wohl ein, daß sie und der Einhandel nun nicht mehr unter ~einem~ Dach hausen konnten, und um ihn nicht unterstandslos zu machen, ging sie selbst davon. Sie ging in den Häusern um, und gerade in solchen, wo das Elend war, sie brachte sich mit Krankenwarten durch. Es war ein rechtes Geriß um sie, überall in der Gegend, wo ein Kranker lag, wollte man das Guderl haben, und als ich nun mit meinem verletzten Knie beim »Weißen Lamm« darniederlag, hatte die Wirtin eben auch das alte Dirndl, die hinkende Ludmilla rufen lassen. Wie sie da geschäftig um mich herumtat! einmal den Eisumschlag, dann das Auswaschen der Wunde mit Arnikatee, dann jede halbe Stunde ein frisches Glas Wasser auf den Bettisch, falls ich trinken wolle; hernach den Fenstervorhang zugezogen, daß mir die Sonne nicht ins Gesicht scheine, oder das Kissen aufgeschichtet, daß ich hübsch lehnen konnte im Bett, auch unter den Arm einen Polster zur Stütze gelegt, damit mir beim Lesen das Halten des Buches die Hand nicht ermüde. In allem wußte sie mir es besser zu machen als ich es selbst konnte, ja besser, als ich es ahnte, wie man unermüdlich in liebevollem Sorgen und Erfinden allerlei kleiner Vorteile und Annehmlichkeiten gar das Kranksein zu einem Genuß machen könne. Dabei war sie doch so unaufdringlich und war so still heiter, wußte auch ein fröhliches Sprüchlein, ein anregendes Geschichtchen zu rechter Zeit.

Und der rote Brandflecken auf ihrem Gesicht, der mir anfangs so häßlich erschienen -- ich sah ihn nicht mehr; ihre freundlichen Züge, der sanfte, gütige Glanz ihres Auges verbreitete eine andere Schönheit über die kleine verkümmerte Gestalt.

Als ich endlich wieder laufen konnte, nahm ich die Ludmilla so an den beiden Händen, wie man seinen Schatz nimmt, wenn man ihm in die Augen sehen will, und sagte: »Mir tut nur eines leid. Daß ich schon laufen kann.«

»Da sollst du froh sein, junger Herr, und unserem Herrgott Dank sagen,« so war ihre Meinung. Sie riß ihre Hand aus der meinigen, erfaßte den alten Strumpf, den sie zur Ausbesserung vorgenommen hatte und strickte emsig.

Jetzt kam mir der Schalk und da rede ich allemal anders, als es einem Christenmenschen ansteht. »Heut' die ganze Nacht,« sagte ich, »hab' ich unserem Herrgott Dank gesagt. Auf das schaut er endlich herfür aus seinen Wolken und sagt: Geh' zu der Ludmilla. Die laß ich heilig sprechen, wenn der Papst einverstanden ist. Du hättest sie aber in der Jugend kennen sollen -- sie ist jetzt noch nicht alt -- aber in ihrer besten Jungheit, da ist sie ein lustig Dirndl gewesen!«

»Wer sagt das?« fragte die Ludmilla scharf.

»Unser Herrgott sagt's. Und wird auch nicht anders sein, brave Leut' sind immer lustig. Aber Esel müssen sie gewesen sein, die Burschen zu deiner Zeit!«

»Warum?«

»Daß dich keiner geheiratet hat.«

Der Grund, warum ich so niederträchtig war, ihr ein solches Wort zu sagen? Weil ich endlich einmal ihre Jugendgeschichte hören wollte, und richtig, sie ging augenblicklich ins Garn.

»Das just nit, Herr, daß mich keiner geheiratet hat,« sagte sie mit leiser Stimme und einem eigentümlichen Nachdruck. »Ich bin neunzehn Jahre lang verheiratet gewesen.«

Ich erschrak ordentlich. Die Ludmilla, die man seit Gedenken als lediges Dirndl und Dienstbot kennt in und um Bärndorf herum, soll eine alte Witwe sein?

»Jetzt gleich kannst du ohnehin nit fortlaufen, junger Herr,« sagte sie nun, »es ist ja der Socken noch nit fertig.« Ich gewahrte, daß es mein Socken war, an dem sie die durchgetretene Ferse anstrickte. »Haben noch ein Randl Zeit, wenn so einem Herrn mein Plaudern nit zuwider ist. Unterhaltsames ist halt nit dabei, da kann ich aber nix dafür. Ja, wenn sich der Mensch seine Lebensgeschichte kunnt anfrimmen (bestellen), ich hätt' mir die meinige schon besser eingerichtet. -- Willst den Fuß nit dieweil noch auf den Polster legen? er wird noch harten Weg genug unter sich kriegen, bis er heimkommt.«

Sie wollte das gesunde Bein betreuen, als ob es noch immer das kranke wäre, und erst als sie sah, daß mein Körper in durchaus behaglicher Stellung war, setzte sie sich in den dunklen Winkel am Ofen, strickte und begann die Geschichte ihrer Jugend zu erzählen.