Sonderlinge

Part 13

Chapter 133,673 wordsPublic domain

»Gar gut,« so hub sie an, »ist es mir mein Lebtag nit ergangen, aber die liebste Zeit ist mir doch im Steinernen Elend gewesen. Mein Vater ist Bretterschneider gewesen im Steinernen Elend, hat jung sterben müssen. Wie ich ihm einmal -- just am Mittwoch ist's vor Fronleichnam -- das Essen in die Brettersäge trag', wundert's mich, daß das Werk steht, darauf sehe ich auf dem Sägespänhaufen, der unterhalb drin ist, eine blutige Hand liegen. Der Vater ist oben gelegen neben dem Bretterblock. Ist mit seiner Hand in die Säge hineingekommen, ist die Hand abgeschnitten worden, ist der Vater ohne Hilf' verblutet. Ich bin dazumal ein Dirndl gewesen, mit zehn Jahren; die Leut' haben mir und der Mutter gesagt: sterben müßten wir alle; das ist halt der Trost gewesen. Meine Mutter hat mir nachher das Gewandmachen gelehrt und sind wir zu den Häusern umgegangen und haben genäht. Etliche Jahr d'rauf ist meine Mutter auch gestorben. Hat sie mir auf einmal die Hand hergehalten über den Tisch, als wollt sie mir Behütgott geben, ist an die Wand zurückgesunken und eingeschlafen. -- »Du sollst,« so unterbrach sie sich, »den Fuß besser ausstrecken, sonst schlaft er dir ein.«

»Erzähle nur weiter,« sagte ich.

»Ja,« fuhr sie fort, »jetzt kommt bald das, was die Leut' so gern hören. Hast du vom Preishubinger noch nix gehört? Gewiß wohl, das Haus steht heut' noch und wird schier das letzte sein im Steinernen Elend. Dazumal, wie die Gemeinde noch größer, ist er ehrengeachtet gewesen, der Preishubingerhof. Von seinem Wald hat mein Vater die meisten Bretterblöck' bekommen. Der junge Preishubinger und ich haben uns gern gesehen. Und wie jetzt sein Vater stirbt und er den Hof muß übernehmen, will er mich heiraten. Ja gewiß auch noch, vom Fleck weg heiraten! Aber seine Mutter hat nit wollen. Die ist ein gestrenges Weib gewesen und hat gesagt: Keine Arme wird nit Preishubingerin, so lang' ich die Augen offen hab'. Aber sonst war sie gut, die alte Preishubingerin. Der Donat ist sonst woltern weich gewesen und hat gern bei allem nachgegeben; aber jetzt hat er sich auf seine zwei Füß' gestellt, und wenn er vier hätt' gehabt, hätt' er sich auf vier gestellt, und hat gesagt: ich heirate für mich und nit für die Mutter und ich laß mir keine aufmessen. Fest hat er sich gehalten. Ist bald alles richtig gewesen und hat uns der Pfarrer schon von der Kanzel geworfen. Denk' ich mir, das wird nit gut sein und wird der Donat sein Lebtag d'ran zu tragen haben, daß er ihren Segen nit hat. Und schon gar, wenn sie einmal gestorben ist. -- Nein, Donat, sage ich zu ihm noch zwei Tage, ehvor die Hochzeit hätt' sein sollen; ich sehe ihn noch, er ist an der Kirchhofplanken gelehnt und ich bin neben ihm gestanden und hab' die Händ' zusammengehalten. Nein, Donat, ohne ihren Willen tun wir's nit. Sie ist deine Mutter und meint dir's gut. Sie soll im Bett sein vor lauter Kränkung. Schieben wir's auf. Ich gehe hin zu ihr und sie soll mich kennen lernen, wie ich bin, und sie muß sehen, daß ich nicht so bin, wie sie denkt. Nachher ist's gut, wir haben uns keinen Vorwurf zu machen und deine Mutter -- schau, sie hat auch niemand mehr auf der Welt als dich -- soll sich auf ihre alten Tage nit kränken. -- Der Donat sagt darauf: Wenn wir's jetzt nit fortmachen, was wir haben angefangen, so bleibt's aus. -- Nein, sage ich, es bleibt deswegen nit aus, man soll nur nix übereilen. -- Du kennst meine Mutter nit, sagt er, hat sie uns nur erst all zwei bei sich, so zerstört sie alles. Wir lassen uns nix zerstören, sage ich, und wenn wir unseren Fleiß haben angewendet und alles getan haben, wie es Brauch und Pflicht ist, dann mach' ich mir nix mehr d'raus, dann heiraten wir zusammen, ist's ihr recht oder nit. Und jetzt komm', hab' ich gesagt, wir gehen zu deiner Mutter. -- Da hat er nachgegeben. Wie wir in die Stuben eintreten, wo die alte Preishubingerin im Bett liegt und sie mich sieht, tut sie einen Schrei, als hätt' ihr einer mit der Hack' auf den Kopf geschlagen; die Decken zieht sie über ihr Gesicht hinauf und schreit: Das Unglück ist da! und setzt sich im Bett auf und ruft die Hausleute, man sollt' mich aus dem Haus jagen, und gibt mir einen Namen, daß ich gerade genug hab' gehabt. Ich bin fortgegangen, und dem Donat hab' ich gesagt, er soll' bei seiner Mutter bleiben und sie beruhigen und wenn's so wär', da wollt' ich auf alles verzichten. -- Nein! sagt der Donat, du wirst mein Weib, und fallt mir um den Hals.«

Das Guderl war still und ganz ruhig; ich merkte warum: wenn sie sich jetzt bewegt und noch ein Wort sagt, so überkommt sie's. Ich wartete, und da sie nicht mehr anhaben wollte, so sagte ich: »Erzähle doch weiter, Ludmilla.«

»Das ist nix zum Erzählen, ich sehe es wohl,« versetzte sie gedämpft. »Nun, wenn du schon willst, Herr, du kannst dir ja wohl denken, wie es kommt. -- Die Preishubingerin ist in eine Krankheit gefallen, der Donat ist bei ihr geblieben. Sie hat viel geweint, hat ihn gehalst und geherzt und er wäre ihr Einziges auf der Welt, und er sollt' ihr nit untreu sein. Die Steffen-Tochter wäre ein gutes, braves Dirndl, die sollt' er nehmen. Mit der Bretterschneider-Dirn' würde er nie glücklich werden, die schnitte ihm die Bretter zum Sarg.«

»Du mußt dieses Weib doch einmal beleidigt haben, daß es so gegen dich sein konnte,« wendete ich jetzt der Erzählerin ein.

»Ja, ich weiß es wohl,« antwortete sie, »ich bin unbedacht gewesen und hab's versäumt, ihr den Besuch zu machen wie es schon Zeit gewesen wäre. Aber weil ich immer gehört, sie wäre eine hitzige Frau, im guten wie im harten gäh und wild, so habe ich Angst vor ihr gehabt. Hätte ich mich schicken können zu ihr! Im Grund' soll sie doch eine gute Frau gewesen sein, sagen die Leute. Nun, Gott tröste ihre Seel'. Das ist lang vorbei.«

»Der Donat wird doch fest geblieben sein?« war meine Frage.

»Wie es ans Sterben ist gegangen bei der Preishubingerin,« sagte die Ludmilla, »da hat ihr der Donat das Versprechen geben müssen« ....

»Und hat er's wirklich gegeben?«

»Er hat nit anders können, er ist ein guter Sohn gewesen,« antwortete die Ludmilla. »Ich bin ihm nachher ausgewichen. Gottlob, habe ich gedacht, wir sind einander nix schuldig worden, und es ist das beste, wenn wir uns nimmer sehen. Er hat nachher die Steffen-Tochter geheiratet; das ist auch ein braves Weib gewesen, arbeitsam und zu der Wirtschaft tüchtig und gut auf den Donat. Aber das hat man wohl gemerkt: Glücklich ist er nit viel mit ihr. Ist mir heiß und kalt worden, wenn mich auf dem Kirchweg sein Blick hat getroffen. Und einmal, wie ich -- just am Mariahimmelfahrtstag ist's gewesen, ich weiß es noch wie von gestern -- auf dem Friedhof bei meinem Elterngrab knie und der Donat von dem seinigen über die Hügel hergeht! Wie er neben mir vorbeigeht, da stolpert er, stützt sich noch an einem Holzkreuz, daß es kracht, und ohne daß er mich anschaut, höre ich, wie er sagt: Hinfallen? Soll sein, heut' lieber als morgen. -- Ich rühr' mich nit und tu' als wär' ich im Gebet, und mir ist zum Umsinken so schlecht. -- Er ist davongewest: Da habe ich mir gedacht: Jetzt muß was geschehen. Was, das weiß ich selber nit. Er denkt noch auf mich, und das darf nit sein. -- Und wie sich schon oft was schickt auf der Welt -- ich will nit sagen, unser Herrgott hat's so haben wollen; ich denk', es kommt auch auf die Leut' selber an -- auf dem Heimweg gesellt sich der Vorholzer Sebast zu mir. Der hat mir schon lang' alleweil schön getan. Und wie wir jetzt zum Lindenhäusel kommen, wo zu derselbigen Zeit Most und Branntwein ausgeschenkt worden ist, will er mich mit ins Wirtshaus haben. Das tue ich nit. Gut, sagt der Sebast, wenn du nit magst, mag ich auch nit -- und geht mit mir weiter. Da denke ich bei mir: Kannst dir was einbilden d'rauf, wenn der deinetweg das Wirtshaus fahren läßt! Wie wir durch den Waldschachen gehen, es ist dem Preishubinger sein Wald, da hat er mich gefragt, der Sebast, ob ich ja sagen wollt', er hätt' ein Häusel und zwei Gaißen und braucht' ein Weibsbild dazu. -- Das Häusel ist im Steinwald drinnen; vom Preishubinger-Haus braucht man länger als zwei Stunden hinein. Das wird doch weit genug sein, denke ich mir und habe ja gesagt.«

Nun schwieg sie und zählte die Maschen am Strickstrumpf.

»So bist dem Vorholzer-Sebast sein Weib geworden?«

»Ich hätt's nit schlecht getroffen,« fuhr die Ludmilla fort, »der Sebast ist ein braver, fleißiger Mensch gewesen, aber das Wirtshaus hat er sich halt nit mögen abgewöhnen, und wenn ihm dann der Branntwein in den Kopf gestiegen ist! So viel jäh ist er gewesen. -- Mein Gott, es hat halt jeder Mensch seinen Fehler. Ich werd' wohl auch nit gar zu fein gewesen sein, wenn er so heimgekommen ist. 's geht eins aufs andere. -- Aufkommt auch alles auf der Welt und alles wird viel stärker gemacht, und soll jetzt der Preishubinger gehört haben, mein Mann tät mich schlagen. Und da hat ihm halt einmal, wie er meinen Mann betrunken hat heimgehen sehen, der böse Feind den Einfall gegeben: geh ihm nach und schau', was Wahres ist am Gered'. -- Wie der Sebast heimkommt, laß ich ihn an: Es wäre doch Sünd' und Schad' ums Geld; sich im Wirtshaus Kopfweh trinken und daheim treibt der Holzknecht Thomas die Gaiß weg -- weil wir ihm Geld schuldig gewesen sind. Da kommt meinem Mann der Zorn und er fahrt über mich her. Jetzt ist auf einmal der Preishubinger da und schleudert meinen Mann an die Wand. Und darauf --« Die Erzählerin wendet sich ab und murmelt gegen die Ofenmauer hin: »Darauf ist das Unglück geschehen.«

»Was ist geschehen?« fragte ich und stand auf.

»Mein Mann hat die Holzhacke von der Wand gerissen und den Donat niedergeschlagen.«

Weich und leise hatte sie das gesagt, dann legte sie das Strickzeug auf die Ofenbank und ging still zur Tür hinaus.

-- Niedergeschlagen! Erst später erfuhr ich den Rest. Der Donat hatte sich nach dem Schlage auf den Sebast gestürzt, war dann zu Boden gesunken und hatte den Geist aufgegeben. Der Vorholzer Sebast schrie noch der Ludmilla zu: »Du bist ~sein~ Unglück und bist ~mein~ Unglück!« Dann ergriff er die Flucht. In der Niederau drüben, unter einem Heuschober hatten ihn die Gendarmen gefunden und gefangen. Zwanzig Jahre Kerker!

Die Ludmilla hatte hernach wieder ihr Gewerbe, die Nähterei ergriffen, arbeitete und darbte und wartete auf den Sebast. »Wenn ich's nur erlebe,« sagte sie oft, »krank und mit weißen Haaren wird er mir zurückkommen, aber ich will ihm die alten Tage so gut machen, als es sein kann. Wenn ich's nur erlebe.«

Von dem Donat sagte sie kein Wort mehr. Aber auf seinem Grabe -- trotzdem die Witwe der großen Wirtschaft und vielem Sorgen wegen nicht Zeit hatte, es zu zieren -- fand sich immer ein grünender Strauch, ein helles Blümel. -- Als die Leute im Steinernen Elend durch Holzhändler verarmt, durch die Steuern abgestiftet waren und auswandern mußten, fand auch die Ludmilla keinen Erwerb mehr in ihrer Heimat. So kam sie herüber in die Bärndorfer Gegend und suchte ihr Brot als Dienstmagd, wo nachher das mit dem Pferde geschehen ist. Immer zählte sie die Jahre, bis ihr Mann zurückkehren sollte vom Strafhaus. Schon im voraus suchte sie die Leute für ihn zu gewinnen, erzählte von seinen Vorzügen, von seiner Bravheit. Man wartete schon mit einer gewissen Neugierde auf den Sebast und mehrere Bauern in Bärndorf stellten ihm der Ludmilla wegen, die sie überall gerne hatten, Dienstplätze in Aussicht. So hielt sie ihr Haupt aufrecht und ebnete -- wo sie konnte -- die Wege für ihren Mann. Da starb der Sebast ein Jahr vor Ablauf seiner Strafzeit!

Nun wußte ich alles. Als ich dann den frisch beguteten Socken am Fuß hatte und den Wanderstab in der linken Hand, und ihre Hand in der rechten -- es war unter dem Tore des Wirtshauses -- da sagte ich zu ihr: »Ja, die Leute haben recht, du bist das Guderl. Aber wie es schon schlecht eingerichtet ist auf der Welt, dir ist das Gute schier noch allemal zum Schlimmen ausgefallen.«

»Wie sie ihn festhält bei der Hand!« rief jetzt im Hofraum eine der Stallmägde der anderen zu. »Wie sie ihn festhält! Hat sie ihm ein Pflaster auf die Füß' bunden, daß er nit fort kann! Jetzt ist er doch auf der Höh'.« Und dann zur Ludmilla: »Nur nit auslassen, Luderl! So ein feiner Stadtherr kommt dir nimmer.«

Erschrocken ließ ich ihre Hand los.

»Hast du's gehört, Herr?« lachte die Ludmilla. »Es wird mir auch ~das~ schlimm ausfallen. Aber das macht nix. Wenn sie ihre Mäuler schon alle Tage füttern müssen, so wollen sie sie halt auch brauchen. Das schadet mir nimmer, gleichwohl ich manchmal über und über möcht' rot werden im Gesicht, wenn mich nicht schon der Einhandel so schön gefärbt hätt'. -- Daß ich aber nicht vergess', ein Töpfel hätt' ich da, es ist ganz klein, du bringst es leicht ins Rocktaschel und macht nicht einmal einen Kropf.« Damit schob sie mir was Rundes in den Rocksack: »Arnikasalben ist drinnen, und ein Leinwandfleckel dabei. 's ist nur für den Fall, wenn der Fuß wieder sollt' anheben weh zu tun, oder sonst -- ei geh nein! Mußt halt sauber achtgeben, junger Herr, daß nit wieder was passiert. Behüt' Gott schön!«

Sie rieselte davon, ich sah sie nimmer.

Seither sind fünfzehn Jahre vergangen. Das Guderl lebt noch immer als Krankenwärterin in Bärndorf. Vor einigen Jahren habe ich ihr, eingedenk der Wohltaten, die sie mir erwiesen, einen kleinen Geldbetrag geschickt. Den soll sie zur Hälfte verschenkt haben, zur anderen Hälfte ist er ihr von einem ihrer Pfleglinge gestohlen worden. Später sandte ich ihr ein silbernes Kreuzlein; das ist ihr -- auch abhanden gekommen. Nun habe ich ihr vor einigen Monaten, als ich sie in Bärndorf wieder aufsuchte, zum Andenken ein aus Holz geschnitztes Kreuz gebracht. Das hat sie heute noch und das wird ihr bleiben.

Jetzt, da ich fertig bin mit meiner Geschichte, höre ich meinen Leser entrüstet ausrufen: Elende, gottverlassene Welt, in der die Güte und die Treue so undankbar vergolten wird!

Darauf antworte ich: Glückselige, gottbegnadete Welt, in der trotz alles Undankes die Güte und Treue nicht ausstirbt.

Der Figurlmacher.

Es mag nun an die dreißig Jahre her sein seit jener Fahrt durchs Pustertal. Aber ich vergesse sie bis an mein Lebensende nicht. Nie vor- und nie seither hatte ich einem weltfremden Menschen so rasch und so tief in seinen Mittelpunkt geschaut, als diesem schlanken Knaben.

Es war ein Sonntagsnachmittag. Über den Dolomiten war ein Gewitter gestanden, das nach einigen scharfen Tropfen, die es an mein Waggonfenster geschleudert, sich sachte verzogen hatte. Abendlicher Sonnenschein brach hervor und beleuchtete die Berge und die Kirchtürme und die frohen Menschen, die auf dem Bahnhofe versammelt waren, in den der Zug eben einfuhr. Aus der Gruppe von Männern und Burschen sprang jetzt ein junger, schmucker Mann mit Stock und Handbündel, verabschiedete sich rasch, schwang seinen Spitzhut, stieß einen grellen Juchschrei aus und stieg in mein Abteil, wo ich bisher allein gesessen war. Voll überlauter Lust rief er jedem einzelnen noch neckende Grußworte zu, und die Zurückbleibenden schrien: »Figurlmacher, behüt dich Gott, laß dir's schmecken, das Herrenleben!« Er sang einen schalkhaften Vierzeiler, jauchzte wieder, und der Zug fuhr ab. Ohne mich zu beachten, warf mein Reisegefährte den kurzen Kranabetstock und das rote Handbündel neben sich auf die Bank, setzte sich hin, trommelte mit der Fußspitze und pfiff ein heiteres Liedel. Vielleicht, so dachte ich, ist er darum so lustig, weil er seine ganze Sach' in einem Sacktuche mit sich tragen kann. Nicht jeder ist so glücklich, ich zum Beispiel war schon der Sklave meines Reisekoffers.

Der Bursche war so, daß er den Weibern hätte gefallen müssen: schlank, stramm, und trug ein keckes falbes Schnurrbärtel; nur das Auge war zu zahm; das war mattblau und hatte einen feuchten Glanz wie bei einem Weibe, in dem die sittsam bezähmte und doch begehrende Liebe ist. -- Endlich war er ruhig geworden, stemmte seine Ellbogen auf die ausgespreizten Knie, und den Kopf auf die Hände gestützt, starrte er in den Boden hinein. Manchmal schaute er zum Fenster hinaus in die abendlich dämmernde Landschaft, dann hob sich seine Brust, als sollte wieder ein Jauchzen herauskommen, aber es kam keines, und mit einem leisen Seufzer sank sie wieder ein.

Der Zug rollte fort und fort, an der Decke brannte zuckend die Lampe; schon lange mochte sie keine so stillverschlossenen Insassen gesehen haben, als an diesem Abende. An drei Stunden mochten wir so gefahren sein, als der Bursche ganz plötzlich an meine Brust sank und schluchzte. Ich war fast zu Tode erschrocken und tat mehrmals nacheinander die Frage, was das bedeute, was ihm geschehen wäre?

»Ich kann's nit tragen!« stieß er hervor, »ich kann's allein nit tragen. Es ist zu hart.«

Ich sprach ihm freundliche Worte zu. Wenn er ein Anliegen habe, so möge er es mir vertrauen, der Mensch dem Menschen. Bei Kummer und Leid, da gebe es kein Fremdsein. -- Denn ich kann niemanden weinen sehen; Frauentränen wird man zur Not gewohnt, aber ein solches Schluchzen aus der Mannesbrust ist erschütternd wie der Ausbruch eines Vulkans. Ich legte die Hand auf sein Haupt, das an meinem Busen lag, und sagte noch einmal: »Freund, Freund, was ist dir?«

»Es ist so hart,« sagte er und sein Körper bebte.

»Du bist ja erst so lustig gewesen?«

Da lachte er krampfhaft auf: »Lustig! -- Mein Elend habe ich totschreien wollen.«

»Ist dir ein lieber Mensch gestorben?«

»Wie sie meinen Vater ins Grab gelegt haben,« entgegnete er, »und ich allein dasteh auf der weiten Welt -- es ist auch ein Schmerz gewesen. Aber so! So wie jetzt! -- Ich kann's nicht aushalten, ich muß es wem erzählen. Meine Kameraden daheim wissen nichts und wollten mich nur auslachen. Mit Spott will ich nit fort.«

»Wenn ich recht verstehe, es ist gewiß ein Weibsbild im Spiele!« sagte ich.

»Ja freilich,« antwortete er.

»Ich habe mir's gedacht. Ein rechter Mann weint nur dreimal in seinem Leben: Wenn ihm Vater und Mutter gestorben sind, wenn ihm seine Ehre vernichtet wird und wenn er unglücklich in der Liebe ist. Zweimal habe ich auch schon geweint, mein Lieber, du kannst mir schon etwas vertrauen.«

Es dauerte eine Weile, bis er so weit mit sich zurechtkam, daß er ruhiger sprechen konnte. Dann begann er zu erzählen:

»Meine Eltern, die sind kleine Häusler gewesen, kümmerliche Leut'. Ich hab' mir mit Heiligenschnitzen die Groschen verdient und es werden nit viel Kirchen und Kapellen sein in der Gegend, wo nit von mir ein Figurl steht. Ich hätt' eine Freud' zum Schnitzen, aber mir fehlt's halt noch. Die Leut' loben mich überall und zahlen oft mehr, als ich verlang'. Nur eine --.« Da brach er ein wenig ab, fuhr sich mit der flachen Hand über die Stirn, machte dann eine Bewegung mit ihr, als wollte er etwas von sich scheuchen. »Es ist eine Torheit,« fuhr er nachher fort, »daß sich der Mensch so was zu Herzen nimmt. Aber halt gefreut hätt's mich, wenn sie mir ein einzigmal 'kommen wär' mit einem guten Wort über meine Figurln. Ja, den krummen Fuß oder die schiefe Nasen, oder wie schon was fehlschlagen kann, das hat sie gleich gesehen und hat mit ihrer Red den Fuß noch verkrüppelter und die Nasen noch birniger gemacht. Und ist mir was geraten, daß die Leut' gesagt haben: Schau' das kann er! -- da ist sie still gewesen und nit ein gutes Wörtel! Hab ich ihr's hingehalten: Was sagst zu diesem Herrgottel? Nit übel, gelt? Hernach ihre Antwort: Ist gut, wenn es dir gefällt, Figurlmacher. -- Jetzt, sie heißt Kathrin, und da hab ich ihr eine heilige Katharina geschnitzt, auch mit dem Rad, und sauber gemalt, daß solches Figurl ganz nett ausgesehen hat. Sie tut nit viel um und nimmt's und ich denk, gefreuen wird sie's, wenn sie es auch nit so scheinen laßt. Bei ihr ist alles inwendig, und in Ehren halten wird sie das Bild wohl dennoch, ich wette drauf, sie stellt's über ihr Bett aufs Wandkastel. -- Hernach nächstens wie ich wieder einmal zu ihr komm, ist mein erster Blick an ihr Bett hin auf die Wand. Was ich nit seh, das ist mein Figurl. Herentgegen hängt am Nagel ein mit Silber beschlagenes Gamsfüßel, wie solche Sachen der Knopfdrachsler, der Marx Zeindler, so hübsch herrichten kann. Mir fallt aber nichts ein und wie wir miteinand ein bissel heimgarten, frag ich so nebenhin, wo sie das Figürl hätt? -- Ja richtig, sagt sie, das muß ich wo vergessen haben, jetzt fallt's mir ein, das steht gewiß bei der Ahndl oder wo. -- Laß es stehen, sag ich, und bald nachher richt ich mich zum Fortgehen, weil mich die Sach ein klein bissel verdrossen hat. Jetzt, wie ich aber nit bei ihr gewesen bin, hab ich doch alleweil an sie denken müssen. Kein Mensch glaubt's. Ich kenne Schönere, als wie sie, und solche, die mich lieber hätten, aber es ist just, als ob mir die ins Herz gebrannt wär'.«

Da der Bursche einhielt, so sprach ich: »Mein Lieber, das geht nicht dir allein so. Die Leute haben das Wort Liebe dafür erfunden, ist aber nicht das rechte. Verhext, wahnwitzig, das würde besser stimmen. Ein schwarzes Weiberauge und eine Tollkirsche haben auf uns Männer manchmal die gleiche Wirkung. Gegen Tollkirschengift ist frische Kuhmilch das beste Mittel, gegen das schwarze Auge hat es mancher mit dem Wein versucht.«

»Trinken!« rief der Bursche, »hab mir's auch schon gedacht, aber wenn ich ein Anliegen hab, da schmeckt mir kein Wein, und es schmeckt mir keiner. Ich brauch wen, den ich ~gern~ hab und der mich wieder gern hat, und der meine Figurln mag -- wenn das ist, nachher bin ich zu allem aufgelegt. Aber so --«

Er ließ den Kopf hängen.

»Du bist auch so einer, der auf der Welt schon den Himmel haben möchte,« sagte ich. »Schau um, ob es ~einer~ so gut hat! Denke, du bist auf der Welt und halt dich an die Arbeit. Das Figurnschnitzeln wird dir dein Lebtag mehr Freude machen, als alle Weiber zusammen.«