Sonderlinge

Part 14

Chapter 143,901 wordsPublic domain

Jetzt begann er ganz unvermittelt vom Blitz zu erzählen: »In der Siebenbrunnkirche hat der Blitz eingeschlagen. Beim Turm ist er herab, hat die Orgel zerrissen, nachher zur Kanzel, zum Altar, zertrümmert die Mutter Gottes, und beim Taufstein wieder hinaus. Jetzt sind sie kommen und ich hab müssen ein Muttergottesbild schnitzen. Ist auch alles zufrieden gewest damit, nur der Marx Zeindler hat gesagt: Zu dieser Sternguckerin ging er nit beten, da ginge er schon lieber zu einer, die ihm keck ins Gesicht schaut und die Händ zum Halsen auseinander tät. -- Weil ich meiner Mutter Gottes die Augen gegen Himmel hab richten lassen und die Händ' zusammenhalten, auf ein Gleichnis, als wollt' sie für die Siebenbrunner Pfarr fürbitten. Nun, so hat er gespottet, der Marx, und ich hab mir weiter nichts draus gemacht; er ist auch sonst so viel roh, wie soll er just bei mir fein sein. Es gibt ja allerhand so Leut auf der Welt. Sollt bei seiner Arbeit bleiben, Knöpfe drachseln, Hirschzähne einfassen, wie man sie so an den Sackuhren baumeln hat, Gamsbart und Schildhahnstöße binden für die Jäger, und so Sachen, das kann er, aber vom Figurlschnitzeln versteht er nichts. Hab ihm's gesagt. -- Jetzt hab ich mich aber doch gefreut auf die Kathrin. Das Muttergottesfigurl wird ihr wohl recht sein, und wenn sie sieht, wie die Leut zusammenlaufen und davor beten und ihm die Füß küssen -- und hat's der ihrige gemacht. Und einmal nach der Kirche, da frag ich sie: Du, was sagst denn eigentlich zu meinem Bildnis? -- Geh laß mich aus, dalkerter Figurlmacher, ist ihre Antwort, eine solche Sternguckerin da! -- Hab ich einmal gestutzt. Wie ist das? Jetzt haben die zwei, die Kathrin und der Marx, gleiche Gedanken! -- Und von dieser Stund ist meine Pein angegangen. Die zwei halten zusammen, hab ich gedacht, wo ich geh und steh. Sonst alles überhört, vergessen, ganz dumm im Kopf, nur alleweil denken: die zwei halten zusammen! Sie lachen die Figurln aus und den Schnitzler, und was sich der immer sittsam hat aufgespart für den Ehestand, an dem prassen sie allbeid, und ich bin der Gefoppte. -- Nit essen und nit schlafen hab ich können, zugrund gehen, hab ich gemeint, muß ich vor lauter Kränken; hab mir aber nichts merken lassen. Bin ich mit ihr zusammenkommen, so tut sie nit süß und nit sauer, spricht aber ein paarmal vom Heiraten, denn es ist schon ausgemacht gewesen zwischen uns, und einmal hat sie noch im Spaß gesagt: den Figurlmacher mag sonst keine, so will ich ihn aus Barmherzigkeit nehmen. -- Tut mannigmal weh, so was, aber laß mir's gefallen. Jetzt aber wird's mir ungleich und hab ich's versuchen wollen, ob's denn nicht möglich wär, sie zu meiden und mit einer anderen was anzuheben, weil ihrer genug sind gewest, die mir nachgeschaut haben. Aber je weniger ich an die Kathrin denken hab wollen, je fester ist sie mir im Sinn gelegen, und je höllischer ich sie hassen hab wollen, je höllischer hat's mich zu ihr gezogen, und wenn ich mir gar vorstell, daß sie mit ihm beisammen ist -- deutlich hab ich alles gesehen im Geist -- da hätt ich rasend werden mögen vor lauter Wut und Lieb. -- Herr, wenn sie einen Mörder henken, ich werf keinen Stein auf ihn! Gott hüt uns, kein Mensch weiß es, wie nah er am Abgrund steht.«

»Also weißt es, was noch schlimmer ist, denn so eine dumme Liebe!« bemerkte ich.

»Am vorigen Samstag ist's gewesen,« fuhr der junge Mann fort. »Ich geh ins Breit-Viertel hinüber, Lindenholz kaufen. Wie ich im Wald bin, seh ich einen Knaben, der sich einen Peitschenstecken brechen will, das Lärchbäumerl ist aber zäh, läßt sich winden und drehen und will nit los. Halt, denk ich, nimm mein Messer, schneid's ab, äst's auch aus und richt's gerad, -- hat das Bübel eine Freud gehabt. Wie ich in den Graben hinab komm, wird's schon dunkel. Auf der Wiese ist Heu und mitten drin sitzt der Marx-Zeindler. Mit seinem braunen Schnurrbart und Funkelaugen und wie die Haarfetzen über die Stirn herabfahren -- ein schöner Mensch. Jetzt, wie ich noch ein paar Schritt weiter geh, sehe ich neben seiner die Kathrin. Reden tun sie nichts miteinand, schauen sich aber fest in die Augen, also daß man meinen kunnt, ihr Blick wäre ein eiserner Nagel, der die zwei Köpf zusammenheftet. Ich hab's meiner Hand nit befohlen, sie greift von selber um's Messer. Sucht im Sack und in allen Säcken und findet es nit; hab das Zeug unversehens liegen lassen oben im Lärchenwald. So schön! denke ich, einen Schutzengel haben die auch noch! Jetzt, was soll ich machen? Ich geh langsam rund herum; bin ich herüben, so hab ich sein Gesicht, bin ich drüben, so hab ich ihres. Eine so verdammte Unterhaltung hab ich mein Lebtag nit gehabt! -- Wenn die Liebe nit blind machen tät, sie hätten mich sehen müssen. Auf einmal, wie ich wieder hinschau, kommen sie mir allzwei häßlich vor, so häßlich, daß mir übel wird. -- Jetzt weißt es, sage ich zu mir, jetzt, was willst anfangen? Willst Lärm schlagen zu deiner Schand? Willst ihn erwürgen und sie heiraten? Nein. Da gibt's nichts, als still davongehen. -- Schon lang mein Wunsch nach Innsbruck in die Schnitzerschul. Eine ganze Nacht hat's gearbeitet in meinem Kopf: Sollst gehen? Sollst bleiben? Und je länger ich sinnier, je enger wird mir die Siebenbrunner Gegend und je breiter die Straßen nach Innsbruck. Wie die Sonn aufgeht, steht's fest. Und heut -- heut geh ich halt.«

»Ich gratulier!« Mit diesem Wort wollte ich seine Hand fassen, er zog sie rasch zurück.

»Denke dir, lieber Mensch,« sagte ich, »sie hätte sich dir angesüßelt und du kommst erst nach der Hochzeit zum Heu auf der Wiese!«

»Mich däucht,« knirschte er und holte die Faust wie zum Stoß aus.

»Das ist nichts,« unterbrach ich ihn, »du mußt dich weit furchtbarer rächen. Laß sie zusammen heiraten, er mit der Roheit, sie mit der Untreue, das geht weit über's Schnitzmesser! Und das bedenk: ein gleichgültiges oder absprechendes Wesen paßt nicht für einen Figurlschnitzler. Das würde dich mutloser machen, als alle absprechenden Urteile neidischer Kollegen, und deine Kraft lähmen. Die Mitfreude des geliebten Weibes an seinem Werke bedarf der Künstler, wie die Blume den Sonnenschein. Kein Mensch glaubt's, welch ein Segen für den Künstler das rechte Weib ist. Bedenk's und danke Gott.«

»Aber --« entgegnete er, und die Stimme brach sich im Halse, »ich -- hab sie lieb.«

Es ist ewig dieselbe Geschichte. Da hatte er aus Trotz gejauchzt, aus Wut sich zum Auswandern entschlossen, aus Rache nach dem Messer gelangt und muß sie lieben, als wäre sie ihm ins Herz gebrannt.

Wir waren in Franzensfeste, wo unsere Straßen sich trennten, die meine ging nach dem Süden, die seine über den Brenner nach der Hauptstadt. Vor dem Scheiden hatten wir gegenseitig unsere Namen genannt. Er hatte mich noch um Verzeihung gebeten, daß er mir sein Anliegen so vor die Füße geworfen, und gedankt, daß ich gut mit ihm gewesen. Jetzt sei ihm schon leichter. Dann gab ich ihm noch den Rat, er solle aufhören, sie zu hassen, dann würde er auch aufhören, sie zu lieben, und falls uns der Lebensweg noch einmal zusammenführe, würde er wirklich so lustig sein, als er es heut ~scheinen~ wollte. --

Acht Jahre später brachte ich folgendes in Erfahrung. Die Katharina Zeindlerin machte eine Wallfahrt nach Maria im Anger. Die Kirche ragte in einer Waldgegend, in der manch freundliches Dörfchen und manch schmuckes Landhaus stand. Aber die Katharina schleppte eine Last von Kummer daher. Ihre Kinder waren teils blöde, teils ungeraten; ihr Mann war ein Wüterich, der sie mit seiner Eifersucht zu Tode quälte, während er selbst unlauteren Schlichen frönte, und so frech, daß die betrogene Gattin von seinen Zuhälterinnen noch verhöhnt wurde. -- Nun trat das arme, vor Schmerz gebeugte Weib in die Kirche. Auf den Knien rutschte sie bis zum Hochaltar, auf dem die Mutter des Heilandes stand. Das Angesicht von himmlischem Frieden verklärt, die Hände über der Brust gekreuzt, die Augen zur Höhe gehoben voll heiliger Inbrunst, so stand die hehre Gestalt da; und Katharina, als sie emporblickte zu ihr, mußte weinen. Vielleicht gedachte sie einer vergangenen Zeit, in der sie ein Bildnis mit gen Himmel gehobenem Blick spottweise die Sternguckerin genannt; heute war sie selber eine solche Sternguckerin, und es tat ihr wohl, daß das Auge der Gottesmutter ihrem trostlosen Herzen ein Wegweiser war empor zu himmlischer Erhebung.

Und als das so hohen Fluges ungewohnte trübe Auge des Weibes wieder erdwärts sank, blieb es haften an dem Sockel der Bildsäule, in dem der Name des Schöpfers derselben eingegraben war. Ihr Herz hub zu pochen an, sie kannte den Namen.

Aus der Kirche tretend, fragte sie den Beschließer, ob denn vielleicht der Künstler noch lebe, der das schöne Gnadenbildnis gemeißelt habe?

Der Beschließer streckte seine Hand aus, nach einem stattlichen Landhause weisend, das auf einer sachten Höhung stand und von schönen Bäumen umgeben war: »Das dort ist sein Haus, und da wohnt er drinnen.«

Also schlich nun in der Abenddämmerung das Weib zu dem bezeichneten Hause hin, und zwischen den Planken lugte sie hinein in den Garten. Da hörte und sah sie eine Schar hübscher, munterer Kinder, da sah sie eine schöne, freundlichschauende Frau, und mitten unter diesen Menschen sah sie ihn. In seinem Wesen lag eine Ruhe, aus seinen Augen strahlte lauteres Glück.

Der Figurlmacher! -- Das Weib taumelte wegshin. Sie sah jetzt den Unterschied, der da ist, wenn man den Blick zur Höhe richtet, wo freudige, himmeldurchfliegende Gläubigkeit herrscht, oder der schmutzigen Erde zu, wo solche krauchen, die nichts können, als Knöpfe drachseln, Gamsfüßeln beschlagen und auf dem Heu liegen.

Der junge Geigenspieler.

Eines Tages sah der junge Ministrant Giedel bei seinem Pfarrer in Schwandau ein Holzkistchen. Er betrachtete es über und über; es war von länglicher Form, inwendig leer, und hatte sehr dünne Wände. Als der Herr Pfarrer dem Knaben den Ministrantenanteil von der Messe -- zwei Kreuzer -- ausbezahlte, sagte der Giedel bescheidentlich: Auf Bargeld gehe er schon weniger, aber wenn der hochwürdige Herr ihm das Holzkistel schenken wollte, so würde er dafür gerne den Winter über umsonst ministrieren.

»Kind!« rief der Pfarrer, »wozu willst denn das Ding? Es ist ja ganz leer!«

»Just deswegen,« antwortete der Kleine, »ich kann bloß die leeren Sachen brauchen.«

»Du bist nicht klug, Giedel. Das Zigarrenkistel kannst mitnehmen, und für die Meß kriegst täglich deine Kreuzer, wie sonst. Bist ja ein braver Bub du! Gott behüte dich!«

Voller Freude lief der Knabe mit seinem hohlen Schatze heim in des Vaters Hütte. Dort hub er an zu schaffen. Er bohrte durch das Kistchen Löcher, zog einen Balken durch, so daß dieser an beiden Seiten hervorstand. Dann erbettelte er von der Mutter mit List einige Fäden Hanfgarn, glättete sie mit Harz und spannte sie über das Kistchen, ähnlich wie man auf eine Geige die Saiten spannt. Und als er mit den Fingern die Fäden zupfte, wohl, wohl, da gab's einen Ton, der im Kistchen eine Weile nachklang. Der Giedel hatte auf dem Kirchenchor Pfeifen- und Saitenspiel gehört, er war dabei bis in den dritten Himmel verzückt gewesen, aber jetzt war er's bis in den siebenten, denn der Klang war von ihm selbst erfunden und erzeugt, und je nachdem er mit dem Finger den Faden strammer oder loser spannte, gab es einen höheren oder tieferen Ton. Als das so weit war, wagte der kleine Giedel einen schweren Gang. Der Pferdeknecht des Nachbars war sein Feind, denn er war ein roher Geselle, und die Töne, die der rote Rupert durch Fluchen, Peitschenknallen und andere Mittel hervorbrachte, waren dem Giedel verabscheuenswert. Und gerade dieser Mensch konnte ihm jetzt helfen.

»Guter Roßknecht Rupert!« redete ihn der Kleine an. »Hast du keinen Roßschweif?«

»Ich nicht, Narr, aber mein Pferd.«

»Verkauf mir davon ein Strähnl?«

»Was zahlst?«

»Das Ministrantengeld bis Weihnachten.«

Der rote Knecht glotzte mit seinen unterlaufenen Augen den hübschen, treuherzig blickenden Knaben ein Weilchen an, dann sagte er: »Pferdeschweifhaare willst. Sollst ihrer haben. Dein Ministrantengeld? den Bettel behalt' selber, aber zu mir herüber in den Stall kannst du manchmal kommen, wenn du Zeit hast. Weißt, wenn ich am Feierabend meinen Tabak rauch', da hab' ich's gern, wenn mir wer das Haar kraut. Bin's von Kindes her so gewohnt. 's tut mir halt wohl. Wenn du manchmal herüberkommst krauen, so kannst Pferdeschweif haben, so viel du willst.«

Dem Knaben ging es ganz kalt über den Rücken. Diesem Menschen das Haar krauen! »Die Mutter laßt mich halt nicht,« sagte er dann verzagt, »aber das Ministrantengeld bis Heiligdreikönig!«

»So wart' ein wenig,« sprach der Pferdeknecht, und der Giedel bekam einen silbergrauen Strähn vom alten Schimmel. Jetzt war's gewonnen.

Er schnitt einen Weidenzweig, spannte daran die Haare, und der Fiedelbogen war fertig. Dann hub er an auf seiner Geige zu fiedeln. Es war außerordentlich! Es war darum außerordentlich, weil das ganz anders stimmte, als andere Geigen, wenn auch nicht schöner, aber durchaus anders. Tagelang spielte der kleine Musikant auf seinem Instrumente, anfangs mit großer Selbstbefriedigung und Hoffnung, daß sich das Zeug vervollkommnen lassen werde, allmählich aber mit weniger Zuversicht, und als gar sein Vater, der Weber Franz, ein Donnerwetter losließ über das schauderhafte Gekrächze, das da sein Bub hervorbringe, war es geschehen. Der Giedel legte seine Geige auf den Holzblock, ging hinaus unter den Apfelbaum und war betrübt. Musizieren, geigen! Er schnitt sonst Pfeifen und blies hinein, er machte Pauken und trommelte darauf. Alles ging leidlich, nur die Geige nicht. Wenn er dann am Sonntage den Schulmeister das Meßlied geigen hörte, da vergaß er seine lateinischen Sprüche und horchte versunken dem Spiel. Minutenlang konnte der Pfarrer seinen Kelch hinhalten, der Knabe hielt die Wein- und Wassergefäßchen in den Händen und goß nichts hinein. Er horchte auf das Geigen. Der Pfarrer schalt ihn nicht, es wurden ihm die Augen feucht. In diesem Kinde der glühende Drang nach dem Schönen, und es kann sich nicht helfen? Wie reich ist die Welt an Herrlichkeit und Kunst! Wie üppig blüht in den Städten und Höfen der Großen die göttliche Musik auf! Die Harfe, die in einem Dorfe zu Gottes Lob ertönt, ist nur ein Stammeln dagegen! Und selbst dieses Stammeln ist dem Knaben unerreichbar ...

Ging der Pfarrer zum Weber Franz und bettelte ihm mit vieler Mühe den Giedel ab für eine tägliche Musikstunde.

»Du lieber Gott!« sagte der Weber: »Eine Stunde des Tages haben ihn Hochwürden ohnehin bei der Messe; jetzt soll ich ihn noch eine zweite Stunde herlassen? Muß ihn ja doch für mich abrichten, und er soll arbeiten lernen. Wir sind halt arme Leute. Aber wenn er um eine Stunde früher aufsteht, -- der Junge liegt mir jetzt alle Tage bis sechse in der Früh'! -- so kann er meinetwegen seine Musikstunde haben.«

Nun, da hätten wir ihn ledig. Jetzt ging der Pfarrer zum Schulmeister und sagte: »Unser Giedel. Mir tut er ins Herz hinein weh. Probieren Sie es alle Tage ein Stündel mit ihm. Zahlen kann sein Vater nichts, aber ich meine, es ist so viel als Kirchenmusik zum Lobe Gottes, wenn Sie diesem musikbegeisterten Kinde das Saitenspiel lehren?«

Der Schulmeister reichte dem Pfarrer schweigend die Hand, da war es abgemacht.

Also geschah es nun, daß der Giedel täglich in das Schulhaus kam und auf einer alten Geige, die der Schulmeister ihm lieh, nach mühesam eingelernten Noten die Saiten strich. Es war ein Glück, und es war ein Fleiß, und es war eine Plage. Nach etwa einem halben Jahre waren sie soweit, daß der Schulmeister zum Pfarrer sagte: »Mit dem Knaben ist es ein Elend. Ich bringe ihm keine Noten und keine Regeln in den Kopf. Wo er nach der Vorschrift sich üben soll, ist es gar nichts; er vergreift sich, und man kann ihm auf die Finger klopfen wie man will. Wenn er aber für sich phantasieren kann, da ist es manchmal erstaunlich, geradezu erstaunlich! Das hilft alles nichts, wenn er das Theoretische nicht inne kriegt, so ist alle Mühe verloren.«

Doch taten sie eine Weile so fort. Allmählich aber änderten sich die Zeiten. Der gute alte Pfarrer zu Schwandau ging zum Altenruhsitz in ein Kloster. Der Schulmeister wurde versetzt, der Weber Franz starb, und der Giedel mußte als Majoratsherr in der armen Hütte die Ernährung der Familie über sich nehmen. Die Geige, schon mit Abgang des Schulmeisters ihm aus der Hand gesunken, mußte er sich nun auch aus dem Kopfe schlagen. Es kamen die Jahre, in welchen dem Menschen der Himmel voller Geigen zu hängen pflegt; an Giedels Himmel hing nichts als eine große Flöte, auf der er Trübsal blasen konnte, wenn er das Blasen überhaupt gelernt hätte.

Eine halbe Wegstunde von Schwandau in einem Seitengraben stand damals ein kleiner Eisenhammer. Heute ist er ganz verfallen, nur der blockige Schornstein steht noch da, und rings um ihn wuchert Holundergesträuche und Nesselwerk. Der voreinstige Besitzer ist hinausgezogen in das weite Tal, hat dort ein großes Sensenwerk gegründet, hat Ländereien und Wald dazugekauft, und als der Besitz recht groß und die Werkschaft recht angesehen war, hat er alles an eine Aktiengesellschaft abgetreten und sich selber in die Stadt gezogen, wo er sein Geld in vornehmer Weise und sorgenlos genießen konnte. Zu jener Zeit, von der hier die Rede ist, pochte das emsige Eisenhämmerlein in der Waldschlucht Tag für Tag, und dem Weber Giedel pochte fast noch heftiger das Herz, wenn er es hörte. Denn im Hammerhause war Eine! Jung und gut und lieb! Das war ihm schon recht, wenn sie nur nicht so schön gewesen wäre! Wie kann ein armer Weberbursche sich an eine Hammerschmiedstochter wagen, wenn sie so gottlos schön ist! Er kriegt sie nicht. Hundert andere sind, reiche, vornehme, kecke! So gern kann sie freilich keiner haben, als der Giedel, aber sie weiß es nicht, und er kann es ihr nicht sagen, und so wird der Jüngste Tag kommen und die Paula Radhuberin wird es immer noch nicht wissen, daß sie auf Erden einer so über alle Beschreibung gern gehabt hat. Denn wie kann er es sagen und schreiben, wenn es unsagbar und unbeschreiblich ist! -- Einmal an einem Sonntage hatte er sie von der Kirche aus begleitet bis zur Brücke, über die der Weg zum Eisenhammer hinanführt. Garnkaufen müsse er gehen, hatte der Giedel gelogen, um eine Weile neben ihr herschreiten zu dürfen. Sie plauderten und es war von sehr wichtigen Sachen die Rede: Daß doch die Straße einmal geschottert werden sollte! Daß es wieder gar so viel regne in diesem Sommer! Daß Korn und Obst verderbe! Nur das Heu würde geraten! Und beim Heu hielten sie sich so lange auf, bis die Brücke kam. Dann wünschte sie ihm einen guten Garnhandel, und er sagte: »Dank' schön!« und also stand er wieder allein. Hinter einer Fichte stand er und guckte ihr nach, solange der rote Punkt, denn sie hatte ein kirschrotes Kittlein an, im Hohlweg zu sehen war.

Nach diesem Spaziergange verschloß sich der junge Weber in seine Stube und verfaßte ein Schreiben an die ehr- und liebsame Jungfrau Paula Radhuberin. Als er das Schreiben durchlas, war es trocken wie ein dürrer Ast. Kein grünes Blatt und keine rote Blüte war daran und doch wucherte in seinem Herzen ein so üppiger Rosengarten, daß der arme Junge fast erstickte. Den Brief zerknitterte er und warf ihn in die Asche des Ofens.

Leute, die vielleicht noch Hemden am Leibe tragen aus jener Zeit und von jener Leinwand, die der verliebte Weberbursche Giedel gewoben, müßten es eigentlich heute noch spüren, das trostlose Herzweh, das er in die Fäden hineingewebert. Damals hat's kein Mensch geahnt, wo es fehlte; weil er so blaß und traurig war, der Giedel, so meinten etliche, er hätte es auf der Brust. Sie hatten recht, aber anders, als sie meinten. Seine alte Mutter riet ihm oft, er solle nicht immer am Webstuhl sitzen, er solle sich besser zerstreuen. -- Wieso denn? Lieben darf ich nicht, und geigen kann ich nicht. -- Denn er hatte gar keine Geige, und es war noch nie möglich gewesen, sich eine anzuschaffen. Da kam eines Tages eine große Aufregung.

In Schwandau lebte seit kurzer Zeit ein ausgedienter Major, der eine große Geigensammlung besaß. Wie es schon allerhand Sammler gibt auf der Welt: Käfersammler, Tabakspfeifensammler, Hosenknöpfesammler, Spielkartensammler, Spazierstöckesammler, Uhrschlüsselsammler und immer so fort, so kam es dem Major, als er in seinem Ruhestande nichts zu tun hatte auf der Welt, plötzlich in den Sinn, er müsse eine Geigensammlung haben. Da er, wie gesagt, selbst nicht geigte und sein Museum auch selten einem neugierigen Auge aufschloß, so hatten die guten Leute zu Schwandau kaum eine Ahnung von all den Walzern, Ländlern und anderen Weisen, die ungeweckt in ihren Mauern schliefen. Da kam jener Sonntagnachmittag, an dem der Weber am Waldhange die zwei Ziegen weidete. Sein Schwesterl, das sonst den Hirtendienst zu besorgen hatte, war in den nächsten Kirchort zur Firmung gegangen. Wie er im Moose so dalag und ganz gedankenlos in das offene Fenster eines gegenüberstehenden Hauses blickte, ging es sachte und traumhaft in ihm auf wie eine übernatürliche Erscheinung. Dort drin an der Wand hing eine Geige, ihr zur Rechten hing auch eine solche, ihr zur Linken hingen deren zwei kleine, ihr zu Füßen war eine Riesengeige -- aus dem Stubenschatten immer deutlicher hervortretend Geigen und Geigen.

Dem Burschen begann fast zu schwindeln, die Wangen, die Stirne waren ihm heiß, das Herz wurde ungeberdig, die leidenschaftliche Gier zur Geige war wieder da. Als er am Abend nach Hause kam, und die Mutter nach den Ziegen fragte, war er verwundert, weshalb just er von den Ziegen etwas wissen sollte. Zum Glück kamen sie selbst heim und meckerten ihre Ankunft. In der darauffolgenden Nacht schritt der Giedel den Weg hin und wieder von Schwandau bis zum Eisenhammer. Als er das erste Mal vor ihr Fenster kam, war noch Licht darin, das zweite Mal war schon alles finster. Unterwegs begegneten ihm Nachbarsburschen, die zu den Fenstern ihrer Liebsten gingen, dort allerlei Ständchen brachten und getröstet heimkehren konnten. Der eine spielte unterwegs eine Mundharmonika, der andere eine Maultrommel, der dritte jodelte und der vierte pfiff vergnüglich vor sich hin. Und jener, der ganz still war, atmete die Harmonie inneren Glückes. Also ist die Liebe stets musikalisch. Nur der arme Giedel empfand keinen Wohlklang in seinem Wesen. Er kam sich dumm und häßlich vor, ihm mangelte jener Wohlklang des Herzens, der zu rechter Zeit mutig macht, ein Glück zu erringen. Im Dorfe stand der Giedel vor dem Hause, in dem der Major mit den Geigen wohnte. -- Daß es so herzzerdrückend still sein kann auf dieser Welt! Da haben die Leute einen Mund und eine Sprache, und Geigen, und sind doch stumm.

Lange nach Mitternacht ging er zu Bette, erst gegen Morgen schlief er ein und geigte und geigte.

Noch ganz verschlafen war er, als übertags zwei Frauenzimmer ins Haus kamen mit Körben Garn; das eine war die Magd vom Eisenhammer, das andere war die Paula. Diese blickte den schlanken, blondhaarigen, sanftdreinschauenden Burschen frisch an und sagte: »In vier Wochen müssen wir Leinwand haben. Sie ist zur Ausstattung!«

»Will wohl trachten,« antwortete der Giedel, hatte aber nicht den Mut zu fragen, wer denn heirate? Man atmet ja gern noch ein wenig in der süßen Ungewißheit. ~Dann~ ist ohnehin alles aus.

Auf dem Heimweg sagte die Magd zur Hammerschmiedstochter: »Etwas antappert ist der Weber.«

»Ich denk', der ist ein bissel gescheiter wie du!« entgegnete strafend die Paula. Weiteres wurde nicht gesprochen.

Der Giedel wußte wohl, daß er als einzige Stütze seiner Familie wehrfrei war. Dennoch ging er eines Tages zum Major, um Rat zu bitten, wie er dem Soldatenleben entkommen könne.

Der Major, eine schlanke, hagere Gestalt, deren einzige Lebensaufgabe es noch war, den dummen, krummen, plumpen Dorfleuten militärische Haltung zu zeigen, strich heftig seinen Bart und ließ den Burschen die Oberkleider ausziehen.