Sonderlinge

Part 15

Chapter 153,802 wordsPublic domain

»Bravo!« schnarrte der alte Offizier, »das ist wieder einmal ein Brustkorb!« Mit der Faust hieb er darauf, daß es dröhnte. »Hören Sie! Das ist Grundton. Nein, nein, lieber Junge, Sie brauchen sich gar nicht zu grämen, Sie sind tauglich. Gerad' halten!«

Giedels Blicke waren mittlerweile wirr im Zimmer umhergeflogen, aber nicht so sehr aus Angst vor dem Militär, als vielmehr aus Hoffnung, durch irgendeine halbgeöffnete Tür ins Geigenzimmer lugen zu können. Da er aber nichts dergleichen entdeckte, da er wieder vollkommen angekleidet zum Fortgehen bereit war und seine ganze Falschheit umsonst zu sein schien, hob er mit einem tiefen Atemzug sein Herz aus der Brust und fragte: »Haben der Herr nicht eine Geigensammlung?«

»Wissen Sie mir ein interessantes Instrument?« fragte der Major rasch entgegen.

»Das nicht, aber,« stotterte der Giedel, »ein wenig anschauen, wenn ich sie dürfte!«

Allsogleich war die Tür offen in das Nebenzimmer. Ehrfurchtsvoll wie in ein Heiligtum trat der Bursche ein, so daß er vor lauter Andacht über die Schwelle stolperte und »oha!« rief. Er war ganz rot im Gesicht, teils wegen seiner Ungeschicklichkeit, teils vor innerer Erregung. Die Wände des Zimmers waren mit grauem Tuche überzogen, und daran hingen sie nun in allen Größen, Arten und Formen. Wie schön geflammt war das Ahornholz dieser Instrumente, wie fein geschwungen und gewölbt war der Bau, wie reizend waren die langen Hälse mit ihren köstlich gewundenen Schnecken! Und die Fiedelbögen: schlanke und kurze, breite und schmale, gerade und gebogene in allen Farben! Der Major, sich darüber freuend, daß einmal eine menschliche Seele Anteil nahm an seinen Schätzen, begann zu erklären, von wem diese und jene stamme, welche Seltenheit an dieser und jener wäre, er hatte da Geigen von Amati, von Montana, von Guarneri, von Bergonzi, von Jakob Stainer usw. »Und hier!« flüsterte er, eine sehr flachgebaute Violine mit fast hellrotem Anstrich feierlich von der Wand nehmend, »hier, die ist von Stradivarius! -- Eine Cremoneser! -- Geradhalten, saperment!«

Unserem Giedel waren nun zwar die fremden Namen ziemlich gleichgültig, doch hörte er sie mit Ehrerbietung nennen. Als der Major an der Cremoneser mit dem Finger die Saiten berührte, um den herrlichen Ton zu zeigen, sagte der Bursche: »Bitte, geigen Sie eins!«

»Ich spiele nie,« antwortete der Major, hing das Instrument mit größter Sorgfalt wieder an seinen Platz und schob den Burschen sachte zur Tür hinaus.

Seit diesem Tag war's schier vorbei mit dem Giedel. Er dachte Geigen, er weberte Geigen, er träumte Geigen, und wenn er Zeit hatte, ging er hinaus und schaute auf das Haus hin, in dem der Major die Geigen hatte. Eines Tages hörte er vom Schulmeister sagen, der Major sei ein Fex. Hoffentlich habe er einst den Säbel besser zu handhaben gewußt, als jetzt den Fiedelbogen, denn er könne gar nicht Violin spielen und habe die Sammlung nur so aus Rappelköpfigkeit zusammengekauft und erbettelt. Es sei an dem ganzen Quark nichts, eine einzige ausgenommen. -- Schulmeister! dachte sich der Giedel, wie du nur so sprechen kannst! Ich wollte, ich hätte die geringste dieser geringen! Aber, daß er nicht soll geigen können? So viele Geigen haben und nicht geigen können! -- Nur auf ein paar Stunden möchte ich eine haben!

Nicht lange hernach, und es ergab sich eine zufällige Gelegenheit, daß der Weber den Major fragen konnte, ob er ihm nicht eine Geige borgen wollte für einen Tag, nur für einen einzigen! Und nur jene, an der ihm, dem Herrn Major, etwa am wenigsten gelegen wäre! Er, der Giedel, setze eine Ziege dafür zum Pfand.

Ein plumpes Lachen stieß er aus, der Herr Major, ein schreckbar hochmütiges Lachen, dann wandte er sich ab. Und das war der Bescheid gewesen. --

Ein stiller, warmer Herbstsonntag. Die Dorfleute ergingen sich draußen auf Feldrainen oder saßen im Wirtshause. Der Major war mit einem Steirerwägel in den nächsten Ort gefahren zu einem alten Kameraden, der ihm -- so viel verlautete -- geschrieben, daß er irgendwo eine uralte Violine entdeckt habe. Sie stamme noch aus den Zeiten der Minnesänger und ein Zigeuner gehe damit um, der darauf ohrenzerreißend spiele und von dem Werte des Instrumentes gewiß keine Ahnung habe. Hau, das mußte unser Major näher erfahren, und er fuhr hinüber. -- In der Wohnung des Majors waren ein paar Fenster offen geblieben. Der Giedel kauerte am Berghang und schaute hinein zu den Geigen. Die Haushälterin des Majors war auch fortgegangen, nachdem sie das Haustor mit großem Gerassel verschlossen hatte. Der Giedel blickte hinein zum offenen Fenster. »Der hat so viele, und ich hab' gar keine!« murmelte er. Plötzlich schlug er mit dem Daumen ein Kreuz über sein Gesicht und lief davon. Er ging den Weg hinein bis zur Brücke, er schritt hinan bis zum Hammerhaus. Auf dem Fenster, hinter dem sie wohnte, standen schöne Blumen, sonst sah er nichts. Das Wasser rauschte und der Berg legte schon seinen dunkelblauen Schatten über das Haus. Ein paar junge Männer gingen im Garten umher mit spitzen Schnurrbärten und unternehmenden Mienen. Dann traten sie ins Haus. Ob das Verwandte sind von ihr, oder Eisenhändler?

Der arme Giedel ging wieder gegen das Dorf zurück. -- Am Werktage, dachte er bei sich, da ist die Arbeit, da geht's zur Not; aber am Sonntag, wenn einer in der Müßigkeit so umherstreicht, da ist's schier nicht auszuhalten. ~Der~ Druck in der Brust, der grausame Druck! Mit dem Taschenmesser ein Loch aufmachen hinein, daß dieses wilde Blut heraus könnt' springen ....

Als er zum Hause des Majors kam, dunkelte es schon ein wenig, und im Tale dem Bache entlang war ein bläulicher Dunsthauch. Kein Vogel, kein Heimchen, kein Mühlrad -- nichts. Daß es doch so still sein kann auf der Welt! ...

Um das Haus war es öde, und nichts rührte sich. Die Fenster standen offen. Der Giedel kletterte an einem Mauervorsprung empor und stieg zum Fenster hinein. An der Wand huschte er hin, nahm die Cremoneser Geige mit dem Fiedelbogen von der Wand, barg sie unter seinen Rock, sprang rasch zum Fenster hinaus und eilte davon gegen den Wald hin.

In der darauffolgenden Nacht war's. Über den Wipfeln des Bergwaldes stand der Mond. Der Eisenhammer stand still, das Wasser rieselte leise über das hinterseitige Floß. Wer das Rauschen und Pochen gewohnt ist, dem wird's unheimlich. Paula lag in ihrem Bette, konnte aber vor lauter Ruhe, die sie umgab, nicht schlafen. -- Sie dachte an ihre Mutter, die seit langem schon auf dem Kirchhof lag. Sie dachte seufzend, wie das jetzt werden würde, wenn der Vater wieder heiratet. Die reiche Sensenschmied-Witwe von Tiefwasser. Dann will er den kleinen Eisenhammer hier verkaufen und hinüberziehen und in Tiefwasser eine Gewerkschaft bauen. Was das noch werden wird? ...

Als das Mädchen im einsamen Stübchen so sann und dabei recht traurig ward, hörte es draußen einen klingenden Ton. Es war anfangs wie eine leise vor sich hin singende menschliche Stimme. Sie wurde lebhafter, es klang wie ein süßes Locken und dann wieder wie ein betrübtes Klagen. Es war wie ein allmähliches Aufschwingen, wie ein Anklopfen und treues Bekennen und endlich wie das Freiwerden und Übersprudeln eines warmen, leidvollen Menschenherzens. -- Nie in ihrem Leben noch hatte Paula so singen, so weinen gehört. Sie war selbst einmal in einer Singschule gewesen, aber dieser unendlich rührende Tonhauch, den sie jetzt vernahm, er hatte keine Ähnlichkeit mit anderen Kehlenklängen, und doch war er das unmittelbare Aufquellen eines Geheimnisses. -- Sie konnte sich das nicht so denken, aber ein Gefühl war in ihr wach, als ob sie in diesem Augenblicke sterben müßte, und als ob sie im nächsten Augenblicke eingehen würde zur himmlischen Seligkeit. --

Nach einer Weile richtete sie sich auf und blickte hinaus zum Fenster. Da unten auf weißem Kieswege stand eine dunkle Gestalt. Sie erkannte den Weber Giedel und sah jetzt, wie er eine Geige spielte. Sie verhielt sich ganz ruhig, sah hinab und horchte. Sie horchte so lange, bis ihr die Tropfen von den Augen rannen. So über alle Maßen lieb hatte sie diesen Menschen. So viel Mitleid hatte sie empfunden, seit sie ihn kannte, weil er so sanft, so freundlich und still, so brav und so verlassen war. Als sie einst, ein kleines Mädchen, das erste Mal in die Kirche mitgenommen wurde, war am Altar neben dem Priester ein schöner blonder Knabe gestanden, und so oft sie an Engel dachte, von Engeln hörte, kam ihr dieser Knabe zu Sinn. Allmählich, ganz allmählich wuchs dieser Engel heran zu einem Menschen ...

Paula öffnete das Fenster, da hörte der Bursche unten auf, zu geigen.

»Giedel,« sagte sie mit vor Innigkeit zitternder Stimme, »Giedel, geh' jetzt heim. Die Nacht ist kühl.«

Da trat er ein paar Schritte gegen das Fenster und flüsterte herauf: »Paula, ich hab' dich lieb!«

»Nimm ihn hopp!« rief plötzlich eine Männerstimme. Da sprangen aus dem Schatten zwei Gesellen mit Waffen und glänzendem Riemzeug herbei und rissen den Burschen nach rückwärts zu Boden. Noch hielt der Giedel trotz des Schrecks die Geige hoch in die Luft, daß ihr nichts geschehe, weiter wehrte er sich nicht, biß die Zähne zusammen und ließ sich fesseln.

Mittlerweile war es im Hammerhause lebendig geworden, die Leute eilten auf die Gasse: was da geschehen wäre, was das bedeute?

»Den Dieb haben wir,« berichtete einer der Gendarmen. »Dem Herrn Major Stramper ist er in die Wohnung gestiegen. Eine Violine gestohlen.«

»Der Weber Giedel!« schrien nun die Schmiede und das Gesinde. »Das ist nicht übel!«

Auch der Schmiedmeister war, flüchtig in seine Bettdecke gehüllt, hervorgekrochen. »Ein Dieb? Ein Eisendieb?«

»Ein Bettelgeiger.«

»Der Strolch!« knurrte der Schmiedmeister, »was hat er denn vor meinem Hause gesucht, bei der Nacht?«

»Das Töchterl hat er angegeigt!« lachten sie.

»Ein anderes Mal stiehl Butterbrot! Das frißt man ungehört,« höhnte ein Knecht. »Geigen krächzen zu viel, kommst allemal auf.«

»Was kostet der Bettel?« rief jetzt Paula, die sich schneidig in den Handel mischte.

»Jungfer!« antwortete der Gendarm, »es handelt sich nicht um die Geige, es handelt sich um den Diebstahl.«

»Sag' etwas!« forderte das Mädchen den Giedel auf. »Verteidige dich!«

»Das hilft nichts,« antwortete der Bursche ganz ruhig. »Sie glauben es mir nicht. Morgen hätt' ich sie dem Herrn ja wieder zurückgebracht. Sie glauben es mir nicht. Aber macht nichts, jetzt ist mir ganz leicht. Sei nur so gut, Paula, und stell' sie ihm zurück. Und daß ihr nichts geschieht. So leicht ist mir schon lang' nicht mehr gewesen, wie jetzt. Vergiß nur nicht ganz auf mich, Paula, wenn ich gestorben bin.«

Das Mädchen wollte darauf etwas sagen, konnte aber vor Bewegung nicht mehr sprechen, und also führten sie den armen Jungen davon in der stillen Mondnacht, führten ihn hinaus in das Dorf und taten ihn in den Gemeindekotter.

Am nächsten Morgen war ganz Schwandau außer Rand und Band. Das Unglaubliche! Manche meinten, der Giedel sei irrsinnig geworden. Etliche fluchten über die Hexe, die ihm's angetan. Nur wenige gaben sich stiller Schadenfreude hin. Im Gemeindehause kamen um die Mittagsstunde mehrere Männer zusammen, der Dorfrichter, der Pfarrer, der Hammerschmiedmeister und auch der Major Stramper.

»Ist es Ihr Ernst, daß Sie klagbar werden wollen?« fragte der Richter den Major.

»Bare achtzig Gulden hat sie mich gekostet, die Cremoneser!« antwortete der Major.

»Aber sie ist ja doch wieder in Ihrem Besitze,« sprach nun der Pfarrer, »und gänzlich unversehrt. Den Burschen haben wir alle gern, er ist fleißig, gutmütig, keiner weiß sonst etwas Ungutes von ihm. Auch wir haben Torenstreiche gemacht in der Jugend. Lassen Sie es gut sein, Herr Major!«

»Von mir soll niemand sagen, daß ich sein Unglück gewesen bin,« antwortete der alte Soldat. »So vernarrt zu sein! Na ja, auch wir einmal! -- Gerad'halten soll er sich! Es ist gut.«

»Wenn's gut ist,« sprach jetzt der Hammerschmiedmeister, »so möchte ich auch noch ein paar Worte sagen. Mein Mädel ist wie verrückt. Ich habe keine Ahnung gehabt. Wenn es so steht mit den zwei jungen Leuten, und daß sie toll werden, wenn sie einander nicht kriegen -- ich sag': in Gottesnamen.«

Denn er hatte sich's überlegt, daß es besser ist, wenn er die erwachsene Tochter an den Mann bringt, ehe er selbst noch einmal zugreift drüben in Tiefwasser. Es bleiben auf solche Weise allerhand Unannehmlichkeiten aus. Das Mädel hat seine mütterliche Sach', damit kann es dem Weber aufhelfen und die Wirtschaft herrichten. Also ist's recht, und der Vater und die Tochter sollen an einem Tage Hochzeit halten.

Als der Giedel aus dem Kotter trat, wartete schon die Paula, fiel ihm lachend und schluchzend um den Hals: »Wir haben uns!«

Am Tage der Hochzeit kam der Major mit der Geige. Die Cremoneser war's.

»Mir steht ein Duplikat in Aussicht,« sagte er einleitend. »Auch dem Zigeuner mit der alten Fiedel bin ich auf der Spur. Diese da -- ein sehr seltenes Stück! -- sie gehört dem Bräutigam. Er hat damit der Seinigen das Ständchen gebracht, er wird sie noch öfter brauchen können. Ist die Geige verstimmt, so soll er küssen, und ist das Weibchen verstimmt, so soll er geigen. Und jetzt einen kecken Steirischen aufgefiedelt! Gerad'halten, Junge!«

Der singende Schabelwirt.

Der dicke Schabelwirt in Rusterholz hatte zwei Stimmen, eine im Gemeinderat und die andere auf dem Kirchenchor. Die erstere war so gewichtig, daß sie mit Leichtigkeit ein halb Dutzend Häuslerstimmen in die Luft schnellte; die zweite war so mächtig, daß in der Kirche die Leute sich umwendeten, um diese Stimme nicht bloß zu hören, sondern auch zu sehen. Sie mußte wie ein Strick von Bärenhaar aus dem viereckig aufgespreizten Munde des Schabelwirtes hervorgewirbelt kommen. Die Stimme dieses Chorsängers weckte Skalen in der Menschenbrust; wer sie das erstemal hörte, dem war zum Lachen, wer sie oft hörte, dem war zum Weinen.

Selbst dem Chormeister war zum Weinen. Allein ohne Schabelwirtsgesang in der Kirche gab's keinen Kaffee zum Frühstück. Mehrmals hatte er es versucht und nur solche Messen auf die Pulte gelegt, die ohne Männerstimme gegeben werden konnten. Allsogleich jammerte der Wirt seinen Gästen vor über den Niedergang der Musik und daß der Chormeister Sägespäne im Kopf haben müsse! Ob die menschliche Stimme nicht der Höhepunkt aller Musik wäre -- besonders eine schöne kräftige Männerstimme! Wenn dieser Herr töricht werde, so müsse man ihm die Zitzen höher halten! -- Und dem Chormeister blieb die Milch aus. Des Wirtes Kuhmädel kam des Morgens nicht mehr mit der Zinnkanne, wie sonst, und da fand der Chormeister endlich doch allemal wieder, daß zur würdigen Kirchenmusik auch eine kräftige Männerstimme gehöre. Der Schabelwirt »mußte« wieder singen, und das Mädel erschien mit der Zinnkanne.

Kamen Fremde nach Rusterholz, so eiferte sie der Wirt an, doch auch die Kirche zu besuchen, womöglich beim Gottesdienst, es wäre sehr feierlich, besonders mit der Musik wären sie gut bestellt. Der Chormeister hingegen, der sonst auch nicht unchristlich dachte, riet den Fremden lieber einen Ausflug auf den Schirmberg, oder auf den Rotkofel an, als den Gottesdienst in Rusterholz. Die einheimischen Kirchenbesucher opferten ihre Ohrenpein für die armen Seelen im Fegefeuer auf und so oblag der Schabelwirt ungestört seinem Gesang. Ein halbberauschter Zecher wagte eines Tages den Zweifel laut werden zu lassen, ob der Wirt wohl auch alle Noten kenne! Der kam an! Prügel bekam er nach Noten! Da hatte er's blau auf weiß! Aber ungarische Schweinetreiber, die eines Tages während der Messe ihre Herde vorbeiführten, machten doch halt vor der Kirche und der eine lugte zum Tore hinein, ob nicht Hilfe nottäte. Er schien sich nicht sicher, ob es Gesang oder Notschrei wäre. -- Sollten sich nur beruhigen, die Herren Sauhändler -- es ist Gesang!

Auch in dem Jungen steckte es, in Schabelwirts Sohn, dem Damian. Stimme hatte der keine zum Singen, sie gixte. Eine Weile meinte der Chormeister, sie mutiere; wenn das vorüber, würde die Stimme des Burschen alle anderen Sänger der Erde gründlich ausstechen. Nun war der Junge mannbar geworden, allein die Stimme gixte noch immer, der Chormeister hatte Todesangst. Wenn ihm der auch noch auf den Chor kommt!

»Dem Damian seine Stimme muß geschont werden,« sagte er vorbeugend, »wenn sie jetzt einige Jahre lang auf das Sorgfältigste geschont wird, dann können wir einmal etwas Phänomenales erleben!« Einstweilen schlug er dem Burschen vor, geigen zu lernen. Das Geigen aber gefiel dem Alten nicht. »Die Geige ist ein Konkurrent der menschlichen Stimme, aber ein ganz unfähiger! Trompetenblasen, ~das~ ist das richtige. Blech, ~das~ gibt Musik!«

Indessen -- ein großes Dorfwirtshaus hat noch andere Aufgaben, als Singen und Trompetenblasen. Man weiß ja doch nicht, ~wann~ er einmal dazukommt, der Blitzstrahl, und das neuerrichtete Thörlwirtshaus da drüben in den Boden zündet! »Der Thörlwirt ist ein hautfalsches Luder! Sein Süßtun mit den Gästen -- alles nur ums Geld! das kennt man. An Süßtun bist ihm nicht gewachsen, Damian!« So der Schabelwirt, und dann kamen Lehren und Ratschläge.

»Es ist möglich, mein Sohn, daß ich mich einmal vom Geschäfte zurückziehe, um ganz der Musik zu leben. Da mußt du wissen, wie man es mit den Gästen macht, daß sie sitzen bleiben. Unser Herrgott, mußt bedenken, schickt einem Gastwirt allerhand Kostgänger ins Haus. Wie viel Geld sie dalassen, das ist deine Sache. Daß du die Tanzpfeifen hernimmst, wenn junge Leut' kommen, so gescheit wirst wohl selber sein. Daß du sie wegschmeißt, wenn Viehhändler und Hausierer vom Geschäfte reden wollen, na, das wirst auch noch einsehen. Selber mußt dich ausspielen, mein Lieber! Tut einer bei seinem Glas Trübsal blasen, so mußt dich zu ihm hinsetzen und ihm allerhand vorreden, bis du draufkommst, was ihm ist. Nachher, wenn er mit seinem Anliegen ausrückt, hör' ihm aufmerksam zu, nicke bisweilen mit dem Kopf und schlag' mit der Hand immer einmal vor Überraschung oder Entrüstung, woran es halt ist, auf den Tisch, damit er sieht, daß du Anteil nimmst und er sein Glas nachfüllen läßt. Überhaupt, bei Gästen, die gern schwatzen, die mußt schwatzen lassen und dich aufs Zuhören verlegen -- denken kannst dabei, was der will. Merk' dir nur das: hast ein gutes Benehmen, so brauchst keinen guten Wein. Unterhalten sie sich mit dir, ist auch das wohlfeile Gesüff gut. Wird manchmal ein besoffener Patron ungut, so mußt du ihn der andern wegen hinauswerfen, aber ja nicht so, daß er's merkt. Ich hab' zu so einem halt allemal gesagt: Geh, sei gescheit, Michel, laß die dummen Leut' dort sitzen, die verstehen keinen Spaß. Geh' einmal bissel in die frische Luft hinaus. Halt, ich führ' dich, daß du nicht stolperst! -- und derweil hab' ich ihn hinausgeschoben. So einer hält dich für seinen besten Freund und kommt dir allemal wieder, wenn er Geld hat. Gibt dir aber auch Bockige. Der Riffel-Toni, das ist noch der harbste! Wenn der anhebt zu schimpfen, so muß man alle Stalltüren zusperren, sonst laufen die Vieher davon. Am besten ist's, man schimpft mit. Wenn man ihm hilft, da wird er ehzeit fertig, wenn man ihn löschen will, da zündet er sich erst rechtschaffen an und schlagt drein. Und so wie du beim Riffel-Toni mitschimpfen mußt, so mußt beim Krautruben-Barthel mitröhren! Weißt eh, daß der Alte allemal zum flennen anhebt, wenn er einen Rausch hat. Lachst ihn aus, so vertreibst ihn. Wär' ein Unsinn! Der Krautruben-Barthel zahlt allemal fleißig die Zech'! So Leut' muß man estimieren! Ist eh ein Kreuz. Wer heut' im Dusel nicht zahlt, zahlt morgen beim Kopfweh noch weniger. Daß man die Tafel mit den Angekreideten an die Wand hängt, wo sie jeder vor der Nase hat, brauch' ich dir wohl nicht zu sagen. Überhaupt wirst du mit der Zeit selber drauf kommen, wie die Leut' behandelt, gefoppt, gerupft sein wollen. -- Ich hab' in den ersten Jahren mit dem Singen die Leut' vertrieben. Und das hab' ich dumm gemacht. Wer ein so Mordsochs war und über den Gesang geschimpft hat, den hab' ich hinausgeschmissen, aber anders, als ich es grad' vorher auseinandergesetzt hab'. Den hab' ich das letztemal gesehen gehabt. Den anderen, den mehr Gebildeten, die eine Musikfreud' gehabt und mir zugehört haben, ist immer einmal eine Maß vom Bessern aufgetischt worden, geschenkterweis'. Wie ich aber seh', daß trotzdem einer um den andern bei der Tür hinausschlupft, hab' ich mir gedacht: Die Pölli verstehen nix. Was sollst deine Perlen den Säuen vorschmeißen! und hab' im Wirtshaus das Singen sein lassen. Jawohl, mein Sohn, ein Wirt muß sich aufopfern können für seine Gäst' -- wenn er ein Geschäft machen will.« --

Man wird nun wohl überzeugt sein von dem großen Takt des Schabelwirts. In der Kirche, allerdings, wollte er seine Perlen nicht zurückbehalten; er sei sein Talent dem Herrgott schuldig! war sein Bescheid, wenn er manchmal teilnehmend befragt wurde, warum er sich auf dem Chor so abmühe für nichts und wieder nichts, und hätte doch nur Undank dafür. »Undank ist Künstlerlos!« Diesen Spruch hatte er sich aus einem alten Volkskalender herausgeschrieben, zitierte ihn aber nicht oft, weil er überzeugt war, daß seine Stimme wohl von allen Verständigen gewürdigt werde. Nun, und die Unverständigen? Auf die pfeift die Katz, damit sie auch was Musikalisches haben.

Beim Schabelwirt hielt sich zeitweise ein hinkender Mann auf, der hatte ebenfalls was Musikalisches. Nämlich einen redenden und singenden Kasten. Hielt man sich daran zwei Schläuche an die Ohren, so hörten sich die Stimmen berühmter Redner und Sängerinnen und ganze Musikchöre heraus, wie sie einst in großen Städten und anderswo hineingesprochen, gesungen und gepfiffen worden waren. Diesen Kasten verehrte der Wirt als den größten Künstler der Neuzeit, der -- wie er liebenswürdig scherzend sagte -- deshalb auch in den Grafenstand erhoben worden sei. Denn es war der Phonograf. Für das Horchen zog der Hinkende Geld ein, nur der Wirt zahlte nichts, leistete dafür jedoch dem Eigentümer freie Kost und Verpflegung; bloß das Getränk mußte bezahlt werden. Als der Mann den Schabelwirt einlud, einmal mit seiner phänomenalen Stimme etwas in den Kasten hineinzusingen, gab der Wirt das Lied »In diesen heiligen Hallen« ab. Der Hinkende jedoch tat geheimnisvoll und ließ ihn das gesungene Produkt nicht zurückhören, denn er fürchtete für seinen Kasten ...

Eines Tages kehrten zwei Herren aus Murstadt beim Schabelwirt ein. Er war sehr artig, ließ vom »Besseren« auftragen, in der Absicht, ihnen nachher etwas vorzusingen. Denn das waren offenbar gebildete Leute. Die Fremden hinwiederum luden ihn ein, mitzutrinken, in der Absicht, ihm dann eine Angelegenheit vorzutragen. Und als sie beiderseits lustig waren, meinte einer der Fremden, so ein wackerer Gastgeber, wie der Schabelwirt in Rusterholz, verdiene, daß er ein Geschäft mache. Sie wollten an einem der nächsten Sonntage seinen großen Tanzboden mit Gästen anfüllen. Sie möchten bei ihm nämlich eine Volksversammlung veranstalten und Reden über den Fortschritt und über die Freiheit halten.

»Ah, meine Herren, seid ihr die Aufklärung?« fragte der Wirt, »hab' schon gehört davon. Tut einer eine Red' reden? Schön, brav! Tu' meinen Tanzboden schon hergeben dazu. Nachher zum Schluß können wir auch was singen -- daß es recht lustig wird.«

So wurde ein Freidenkertag beschlossen. Waren die Rusterholzer auch nicht gerade fortschrittlich gesinnt, so waren sie doch neugierig. Und waren durstig. Je mehr ihrer zusammenkamen in die warme Stube, je durstiger waren sie allemal. Das sollte sich wieder einmal machen.

Nun sandte der Schabelwirt seinen Laufburschen aus: »Geh' im ganzen Gai um, von Haus zu Haus, und die Leute sollen nächst' Sonntag zum Schabelwirt und Gemeinderat kommen, nachmittags nach dem Segen wäre dort Freidenkerversammlung!«

Der Knabe lief mit dieser Freudenbotschaft, so schnell er konnte und überall schrie er es gleich zur Tür hinein: »Nächst' Sonntag nach dem Segen ist beim Schabelwirt Freitrinkerversammlung. Alle sollt's kommen!«