Seelenverkäufer: Das Schicksal einer Deutsch-Amerikanerin

Part 3

Chapter 33,970 wordsPublic domain

Doch in meinen Eingeweiden wühlte der Hunger; ich war jung und gesund und hatte seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen. Nach und nach trank ich den kalten Kaffee und aß auch das Gebäck. Ich wollte endlich aufstehen und mich nach meinen Wirten umsehen. -- Ich suchte nach meinen Kleidern, sie waren nicht da. Ich sah mich um, nichts war zu sehen, auch keine Klingel, um jemand herbeizurufen.

Mein Gott, was bedeutete das alles?! Wo war ich nur? Ich tat das einzige, was mir übrig blieb, ich kroch wieder ins Bett.

Wie lange ich gelegen -- ich weiß es nicht, ich mußte wohl wieder eingeschlafen sein. --

Ein Geräusch schreckte mich auf, meine Wirtin stand wieder vor mir. Ich sprang rasch aus dem Bett und fragte nach meinen Kleidern.

»Ihre Kleider sind ganz verdorben, liebes Kind. Sie sind ein wenig krank gewesen gestern. Aber ich habe Ihnen hier ein schönes neues Kleid mitgebracht, das ziehen Sie an.«

Mit diesen Worten legte sie ein wunderbares Gebilde von Spitzen und durchsichtigem Mull auf das Bett.

In meiner grenzenlosen Dummheit freute ich mich über das schöne Zeug.

»Oh, von Herbert!« rief ich erfreut.

Ich dachte an die versprochenen Kleider aus Samt und Seide. -- --

Meine Wirtin antwortete nicht, sie lächelte nur zustimmend. --

Ich zog mich rasch an, es paßte wie für mich gemacht.

Ich suchte mit den Augen nach einem Spiegel, denn ich hätte mich gern gesehen in meiner neuen Herrlichkeit, aber ich sah keinen.

»Kommen Sie, Kind,« sagte die Frau, die meinem Blick gefolgt war, und faßte mich um. »Wenn Sie recht vernünftig und artig sind, bekommen Sie bald ein schönes großes Zimmer mit großen Spiegeln.«

Wenn ich artig und vernünftig bin -- schon wieder diese Redensart. Was soll das? Weshalb sollte ich _nicht_ artig sein? -- --

Lange dachte ich aber nicht über dieses Rätsel nach, ich verstand es einfach nicht. --

Ich ging mit meiner Führerin eine schöne, breite Treppe hinunter -- ich war also in meinem gestrigen Zustand die Treppe hinauf getragen worden -- dann trat sie mit mir in einen Salon, der, nach meiner Berechnung, in entgegengesetzter Richtung von dem Eingang liegen mußte.

Ein merkwürdiges Haus. Auch hier brannten wieder die elektrischen Flammen. Anscheinend war gerade eine größere Gesellschaft. Im Zimmer saßen elegante Damen und Herren. --

Und fein war es hier, überall standen bequeme Sofas und Tischchen. -- Lauschige Ecken, schwellende Polster; kurz und gut, ich kam mir vor wie im Märchen.

Meine Führerin, deren Namen ich noch nicht einmal wußte, stellte mich mit den Worten vor: »Meine Herrschaften, hier bringe ich Ihnen Fräulein Lotti. Gestern erst frisch von Europa angekommen.«

Das war ja eine sonderbare Sitte hier in diesem Lande. Aber alle schienen das in der Ordnung zu finden. Alle lachten und schwatzten durcheinander. Einige kamen auf mich zu und sprachen einige Worte mit mir. Doch ich verstand sehr wenig, sie sprachen fast alle englisch.

Ich war ganz verlegen. Ich setzte mich auf ein Sofa in der Nähe der Tür.

Bald setzte sich ein Herr zu mir, ein kleiner, dicker Kerl mit einer Glatze und vorstehenden, wässerigen Augen.

Ein ganz frecher Patron! Setzte sich sofort zu mir auf das Sofa, ganz dicht an mich heran.

Ich rückte von ihm ab, da lachte er so widerlich und sagte:

»Na, Kleine! Noch so spröde? Wird bald besser. Komm, wir trinken ein Fläschchen zusammen. Dann gibt's Mut.«

Ich sah mich hilflos um. Was bedeutete das? War ich in einem Narrenhaus? Da sah ich an der anderen Seite des Salons meine Wirtin.

Ich wollte aufspringen, sie fragen, um Aufklärung bitten. Aber ich weiß nicht, wie mir plötzlich war; auf halbem Wege blieb ich stehen. Die Frau sah mich so sonderbar stechend, so lauernd an. -- --

Ich mußte an den Blick einer Schlange denken, die ihr Opfer hypnotisiert. Ich sah mich um. Alle hatten jetzt Wein auf den Tischen, nur noch einige Damen saßen so da. Ich machte ein paar Schritte und wollte zu einer alleinsitzenden Dame hingehen, da stand der alte, eklige Kerl wieder neben mir.

»Mach' keine Dummheiten, Kleine, komm setz' dich,« sagte er zu mir und faßte zugleich nach meinem Arm.

Ich riß mich los und stürmte nach der Tür. Als ich draußen stand, wußte ich nicht wohin. Ich hatte den Gedanken, nach unten zu laufen, hinaus aus diesem sonderbaren Hause -- da stand die Frau neben mir.

»Was soll das?« sagte sie kurz, »warum laufen Sie weg?«

»Ich will mich nicht von dem alten Kerl anfassen lassen! Ich kenne ihn ja gar nicht! Man ist doch nicht gleich so dreist!«

»Da wirst du dich dran gewöhnen müssen, liebes Kind. Das ist bei uns nun mal so. Und überhaupt, gerade mit diesem Herrn wirst du sehr freundlich sein, der hat sehr viel Geld. Komm!«

Jetzt sagte sie schon Du zu mir! Und wie schroff sie war! Hier blieb ich nicht!

»Dann will ich hier fort,« sagte ich rasch. »Ich kenne ja die Leute alle gar nicht. Lassen Sie mich gehen, ich laufe ans Schiff zu dem Kapitän, der wird an meine Verwandten telegraphieren.«

»Schlag dir das aus dem Kopf,« sagte die Frau. »Du kannst hier nicht fort. Ich habe gestern deine Koffer holen lassen, die standen noch drüben am Pier, das kostet Geld. Das Kleid hier habe ich für dich bezahlt, kannst du mir das alles wiedergeben?« -- --

Ach Gott, mein Geld! Daß ich daran nicht gedacht hatte! --

Ich hatte ja noch zweihundert Mark gehabt. Wo war meine Tasche? Alles fort!

»Wo ist mein Geld, meine Tasche! Ich hab' es doch mit hierher gebracht!« rief ich angstvoll.

»Du glaubst doch nicht, daß du hier bestohlen worden bist?« sagte die Frau höhnisch. »Wenn du Geld bringst, kannst du gehen; so lange bleibst du hier.«

Mit diesen Worten faßte sie mich an der Hand und zog mich wieder in den Salon.

Da ging es jetzt lustig zu. Sie sangen und tanzten wild durcheinander. -- Und wie waren die Mädchen angezogen! Das war mir vorhin noch gar nicht so aufgefallen. --

Ich setzte mich ratlos wieder hin. Da kam auch schon wieder dieser Mensch und setzte sich neben mich.

Ich sah ihn gar nicht an. --

Es wurde Champagner gebracht, ich nippte kaum. So gut er mir unterwegs geschmeckt hatte, der Appetit war mir vergangen. -- --

Wäre ich nicht gar so dumm gewesen, hätte ich nur einmal über etwas derartiges gelesen oder gehört, ich würde endlich gewußt haben, wo ich war. So aber saß ich noch immer und zermarterte mir den Kopf, was das eigentlich für eine Gesellschaft sei, in der ich mich befand. -- -- --

Es gab an dem Abend noch einen furchtbaren Skandal. Ich begriff endlich, wo ich mich befand und was man von mir wollte. Als der alte Kerl einige Glas Champagner getrunken hatte, wurde er zudringlich, und ich schlug ihn ins Gesicht. Da wurde er wütend, er tobte wie ein Wahnsinniger. Mir war es einerlei, ich verstand auch nicht, was er sagte.

Die Frau verstand ich dann um so besser. Sie wurde furchtbar heftig und ließ endlich die Maske fallen.

Ich sei in diesem Hause zu keinem anderen Zweck, als den Herren, die hierher kämen und die ihr schweres Geld dafür bezahlten, gefällig zu sein. Sie habe ein anständiges Stück Geld für mich bezahlt und sie würde schon dafür sorgen, daß sie keinen Schaden habe. Sie wolle mich schon zahm kriegen. Sie habe da ganz schöne Mittelchen. Sie gebe mir aber den guten Rat, mich gleich zu fügen, denn nützen würde mir mein Widerstand doch nichts. --

Ein paar Tage früher oder später, es sei nur mein eigener Schaden. --

»Willst du also vernünftig sein und mit dem Herrn recht freundlich sprechen?«

»Nein! Lieber spring ich aus dem Fenster!« rief ich außer mir.

»Wie du willst! Dann spring aus dem Fenster!« rief sie, faßte mich am Arm und schob mich in ein Zimmer.

»Hier bleibst du, bis du Vernunft angenommen hast,« rief sie mir nach und schloß die Tür zu.

Im Zimmer war es dunkel, ich konnte nicht die Hand vor den Augen sehen.

Ich tastete umher, ich suchte an der Wand entlang, vorsichtig schritt ich weiter. Ein Bett war da. Gott sei Dank.

Ich zog das feine Kleid aus und legte mich nieder. Ich sann und sann, was konnte ich tun? Hier im fremden Land, in der großen fremden Stadt, ohne Geld, ohne Freunde! Und doch! Wenn ich nur hinaus könnte, jemand würde sich schon meiner annehmen.

Zuletzt kamen die Tränen, ich weinte so heiß und schmerzlich, daß ich gar nicht wieder aufhören konnte.

Sie müssen mein verzweifeltes Weinen gehört haben, aber kein Mensch kümmerte sich um mich; die sind alle hart wie Stein. --

Zuletzt bin ich wohl vor Ermattung eingeschlafen.

Als ich erwachte, war es noch immer dunkel um mich. Ich wußte gar nicht mehr, war es Tag oder Nacht. Wie lange war ich schon hier? War es ein Tag oder waren es mehrere?

Mich quälte schon wieder der Hunger. War ich denn immer hungrig? Bei all meinem Elend und bei all dem Kummer -- die Natur verlangte ihr Recht.

In Geschichten hatte ich so oft gelesen, wenn sie traurig waren oder Kummer hatten, dann nahmen sie tagelang keine Nahrung zu sich. Ich hatte immer Hunger.

Ich konnte nicht mehr schlafen, vorsichtig erhob ich mich und tastete nach der Tür, sie war noch immer verschlossen. Ich klopfte, niemand kam. Ich klopfte stärker, alles umsonst.

Ich ging wieder ins Bett und wartete. Ich meinte, Stunden gelegen zu haben, und nichts ließ sich hören.

Ich konnte es zuletzt gar nicht mehr aushalten und stand wieder auf. Ich hatte Kopfschmerz und war ganz zittrig auf den Beinen, so elend war ich.

Was hatte man mit mir vor? Wollte man mich hier verhungern lassen?

Ich schlug mit den Fäusten gegen die Tür und schrie aus Leibeskräften. Niemand kam.

Jetzt kam die Furcht langsam gekrochen! Was wollte man mit mir machen? Oder hatten sie mich vergessen?

Wieder kroch ich ins Bett. --

Ob ich dann vor Erschöpfung ohnmächtig geworden bin oder ob ich wieder eingeschlafen bin, ich weiß es nicht.

Nur daß ich, als das schreckliche Weib wieder zu mir kam und mich fragte, ob ich gehorchen wolle, ganz apathisch zu allem ja gesagt habe.

Ich glaube, sie haben mich lange hungern lassen, denn ich bekam zuerst ein wenig warmen Wein und dann ein rohes Ei. -- --

Zwei Tage danach war ich wieder im Salon. Der ekelhafte Kerl war wieder da, und alles ging seinen Gang. -- --

Jetzt habe ich ein schönes Zimmer, und der Mensch kommt jeden Abend. Es ist ein reicher Pelzhändler aus der 8. Straße.

Ich weiß jetzt auch, wo ich bin. -- Es ist ein Mädchen hier -- die »schwarze Katze« sagen alle zu ihr -- sie ist vom ersten Tage an sehr freundlich zu mir gewesen. Sie riet mir auch, als ich wieder in den Salon kam, mich zu fügen. Ich sei doch machtlos.

»Jedenfalls bist du Mädchenhändlern in die Hände gefallen,« sagte sie.

Ich erzählte ihr alles. Von Frau Fröhlich, von Herbert Smith, von der Heirat, alles!

»Es ist so! Das saubere Paar ist mit frischer Ladung von Europa gekommen. Entweder, sie haben im Zwischendeck noch Mädchen gehabt, oder aber sie haben auf einem anderen Dampfer, der langsamer fährt, die Mädchen eingeschifft und sind dann selbst mit dem Schnelldampfer gefahren, um die Ware hier in Empfang zu nehmen. Du bist ihnen als Leckerbissen unterwegs noch in die Arme gelaufen.«

»Aber können wir denn nicht zur Polizei?«

»Die Polizei? Du kommst vorläufig überhaupt nicht an die Luft, eher nicht, bis du erst richtig zahm bist. Und dann! Die Polizei! Da mach dir nur nicht zu viel Hoffnung. Weißt du, ich könnte dir Sachen erzählen. Die Policeleute hier im Viertel werden alle von »ihr« bezahlt. Denn die versteht ihr Geschäft. -- Und uns glaubt man ja doch nicht. Aber trotz alledem, wenn wir Geld hätten, und du bist nach einigen Monaten noch derselben Ansicht, so will ich dir wohl helfen. Nur jetzt ist noch nichts zu machen.« --

»Und warum gehst du nicht fort, wenn du doch kannst?« fragte ich sie.

»Gott, ich! Wo soll ich hin? Es ist immer noch besser als auf der Straße, da laufen hier in New York sowieso genug herum. Ich bin ja mal 'ne Zeitlang 'raus gewesen; solange man ein festes Verhältnis hat, mag's gehen. Hat man das nicht, dann gibt's Tage, da kann man hungern.«

Ich war ganz benommen. Das war ja schrecklich.

»Aber du kannst doch in Stellung gehen. Nicht immer so etwas,« sagte ich beschwörend.

»Du bist ein kleines Schäfchen,« lachte sie mich aus. »Das ist bei mir zu spät. Ich habe dies Leben schon zu lange gelebt. -- Und -- ich will auch nichts anderes mehr. Wir werden ja sehen, vielleicht geht es dir eines Tages ebenso.«

»Nein, o nein. Ich will hier nicht bleiben, lieber sterben,« rief ich verzweifelt.

»Na, na, nur ruhig, Kleines. Ich gebe dir einen guten Rat: Lerne vor allen Dingen Englisch, das ist die Hauptsache. Dann sauf' nicht zu viel, das ist auch 'ne Hauptsache. Dann halte die Augen gut offen, möglich, daß mal einer kommt, der so viel Gefallen an dir findet, daß er dich auskauft. Alles schon dagewesen. Und hübsch bist du ja, das muß dir der Neid lassen. Du hast so was Besonderes, so was Vornehmes an dir. Vielleicht hast du Glück.«

Ich faßte wieder Hoffnung. Ich war dem Mädchen so dankbar für seine Ratschläge und habe sie bisher getreulich befolgt. -- -- -- --

Bis jetzt gehöre ich noch immer dem alten, dicken Ekel. Er scheint großes Gefallen an mir zu finden, denn er bezahlt alles, was sie verlangt.

Ich hatte einige Tage die Hoffnung, daß er mich vielleicht herausnehmen würde. Als er einmal sehr guter Laune war, bat ich ihn darum. Ich versprach, bei ihm zu bleiben, so lange er mich haben wolle -- natürlich sagte ich das nur, denn ich wäre sofort ausgerissen, wenn ich das Haus hinter mir gehabt hätte. Aber er lachte mich nur aus.

»Nee, Kleine, auf den Leim kriech' ich nicht. Ich habe das hier viel besser und bequemer. Solange ich nicht will, kriegt dich kein anderer. In dieser Weise ist die Rottmann anständig, da betrügt sie nicht.« --

Bis jetzt habe ich also nur diesem einen gehört, aber wie lange wird es dauern und ich gehöre jedem, der mich will!

Der Gedanke ist mir furchtbar!

Ich liebe das Leben so sehr. Ich bin jung, und jede Kreatur hängt am Leben. Und doch -- wenn ich irgendein Mittel hätte, ich würde mich töten. -- Aber hier ist auch auf solche Stimmungen Rücksicht genommen, ich bin gewiß nicht die erste Anfängerin. --

Wenn ich jetzt einmal an die lieben, alten Großeltern denke, so könnte ich laut aufweinen vor Qual.

Nie wieder werde ich sie sehen, nie wieder die lieben, alten Gesichter küssen dürfen. --

Auch wenn ich Glück habe und wieder herauskomme, es soll kein bekanntes Gesicht das meine wiedersehen. -- Ich will tot sein, tot für alle! -- --

Es ist eine furchtbare Einrichtung, daß es Menschen gibt, denen erlaubt wird, andere Menschen gegen ihren Willen festzuhalten und Geld mit ihnen zu verdienen. -- -- --

* * * * *

Es ist schrecklich! Ich fange an, mich vor mir selbst zu fürchten. Ich habe oft den kaum zu unterdrückenden Wunsch, diesem Menschen die Hände um den Hals zu krallen und ihn so lange zu würgen, bis er tot ist. Es zuckt mir dann förmlich in den Fingern vor Begierde. --

Ob wohl einem Manne nie der Gedanke kommt, daß er eigentlich in Lebensgefahr schwebt, wenn er sich so ein geknechtetes Wesen leibeigen macht? Wäre es nicht möglich, daß in einem solchen Geschöpf einmal der Rachedurst überschäumt?

Sich und ihr ganzes zertretenes Geschlecht würde sie rächen. --

Ach, ich glaube, ich werde wahnsinnig oder schlecht. -- --

Daß ein Mensch sich in kurzer Zeit so sehr verändern kann!

Noch vor einem Jahre war ich ein dummes, leidenschaftlich verliebtes Ding. Und nun? Mir ist zuweilen, als ob ich das gar nicht bin. Mir ist, als sei das alles schon eine Ewigkeit. Bin ich es wirklich, deren Herz einst aufjubelte bei den törichten Liebesworten, die man mir ins Ohr flüsterte?

Und jetzt! Ich glaube, ich kann nie wieder Liebe und Leidenschaft empfinden. -- Mögen sie mit meinem Körper Schacher treiben, meine Seele gehört mir. Meine Seele bleibt rein. --

Ich bin keine Dirne und will auch keine werden. --

* * * * *

Ich sinne und sinne, wie aus diesem Hause herauszukommen ist, aber alle meine Bemühungen sind erfolglos.

In einem Gefängnis könnte ich nicht sicherer verwahrt sein.

Die Tür ist Tag und Nacht gut bewacht, und Neuankömmlingen wird nur unter gewissen Vorsichtsmaßregeln geöffnet.

Nur alte Bekannte, die das bestimmte Klingelzeichen geben, können ohne weiteres herein.

Ich habe mir gestern die Rückseite des Hauses angesehen, ich hoffte, vielleicht von da auf ein Nebengrundstück kommen zu können, aber auch diese Hoffnung muß ich aufgeben.

Eine glatte, hohe Mauer umgibt einen kleinen, dreieckigen Hof, und die Fenster, die nach diesem Hofe gehen, sind nicht zu öffnen, sondern haben nur oben eine kleine Luftscheibe. Jenseits der Mauer sind sehr hohe Häuser; auf der einen Seite ein kleineres, das aber, wie es scheint, unbewohnt ist.

An dem einen großen Hause laufen schmale eiserne Leitern empor, wenn ich die erreichen könnte, dann wäre Rettung möglich.

Aber die Mauer ist hoch und der Zugang zum Hofe ist bewacht. --

Das Schlimmste aber sind die Kleider! Kann ich halbnackt auf die Straße gehen?

Es ist ein raffiniert einfaches Mittel, uns unsere Straßenkleider wegzuschließen, um uns an der Flucht zu hindern. --

* * * * *

Heute erzählte mir die Bronja aus ihrem Leben. Bronja, so heißt die schwarze Katze. --

Sie ist verheiratet gewesen und hat sogar ein Kind, ein kleines Mädchen. Es lebt noch, bei ihren Eltern in Posen. Ihr Mann hat Gelder bei irgendeiner Kasse unterschlagen, und als es entdeckt wurde, haben sie ihn eingesperrt. Als er dann wieder freigekommen ist, sind die beiden nach Amerika gegangen, da der Mann nirgends wieder eine Stelle bekam. Bronja ging mit ihm. Sie hat ihn sehr geliebt! Das Kind sollte bei den Eltern bleiben, bis die beiden hier festen Fuß gefaßt hatten. --

Aber hier in Amerika ist es für solche verkrachten Existenzen auch schwer. Die beiden mußten sich trennen. Bronja nahm eine Stelle als Empfangsdame bei einem Arzte an, und ihr Mann ließ sich vorläufig von ihr ernähren.

Schließlich fand er eine Stelle in einer deutschen Wirtschaft als Kellner. Doch dann fing er das Trinken an und sank immer tiefer. Als er die Stelle verloren, trieb er sich überall herum, war bald da, bald dort an der Ostseite. Und jetzt sitzt er wegen Einbruchdiebstahls im Gefängnis. --

Bronja lernte in ihrer Stellung einen reichen Herrn kennen und wurde dessen Freundin -- ein Wunder ist es ja nicht, denn sie ist eine Schönheit in ihrer Art.

Als ihr Gönner ihrer eines Tages überdrüssig geworden war, verlor sie allen Halt und alle Selbstachtung.

Durch den Verkehr in den Lokalen, wo der Herr sie hingeführt, war sie in der Lebewelt bekannt geworden, und es fehlte ihr nicht an Zuspruch. Sie bekam Geld, kaufte sich feine Kleider und Schmuck und war eines der am meisten gesuchten Mädchen in dem berüchtigten Viertel New Yorks. --

Eines Abends war sie noch ziemlich spät in der 14. Straße ohne Begleitung, als ihr ein Seemann in die Hände fiel. Sie geht mit ihm in eines der bekannten Häuser, wo sie sich ein Zimmer geben läßt, nachdem natürlich vorher fürchterlich getrunken worden war. -- In der Nacht ist dann dem Fremden seine ganze Barschaft gestohlen worden. Bronja sagt, sie habe es nicht getan, sie sei selbst viel zu betrunken gewesen. Der Fremde schlug aber Lärm, die Polizei kam ins Haus, und Bronja wurde verhaftet.

Man ließ sie nach einiger Zeit wieder frei, da man ihr nichts nachweisen konnte. Zu allem Unglück war aber ihre Wirtin während der Zeit mit ihrem ganzen Kram, Kleidern und Wäsche und ihren paar Dollars verschwunden. Um wenigstens ein Unterkommen zu haben, ging sie in ein öffentliches Haus. --

»Diese Häuser können unsereinen immer gebrauchen, wenigstens solange man gesund und hübsch ist. Und was ist denn auch weiter dabei? Mir gefällt es! Früher, als ich mit meinem Manne noch zusammen war, war es auch nicht viel besser, wenn er besoffen nach Hause kam.«

»Aber was soll aus dir werden, wenn du älter bist?« fragte ich sie mitleidig.

»Dann mache ich's wie die Rottmann. Glaub' mir, das bringt am meisten Geld. Je feiner, desto besser. Was bringen allein die Getränke schon. Nur mit Mädchenhändlern laß ich mich nicht ein, da werde ich, glaub' ich, nie hart genug dazu. Du solltest klug sein und deinem alten Pelzhändler richtig um den Bart gehen, daß er dir ordentlich was schenkt. Nur wenn du Geld hast, kannst du hier herauskommen.«

»Und willst du nie mehr zu deinem Manne, wenn er wieder freikommt?« fragte ich sie.

»Nie wieder! Er wird mich hoffentlich nicht finden. Ich glaube nicht mehr an ihn. Und wenn er so lange in Sing-Sing gewesen ist, dann ist es überhaupt ausgeschlossen.«

Arme Bronja. -- --

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Den 4. Juli.

Nun bin ich schon über vier Wochen in diesem Hause und bin heute zum ersten Male in der frischen Luft gewesen. Mit »Madame« zusammen. Wir haben im Automobil eine Ausfahrt gemacht, ganz weit hinaus nach Bronxpark. Die Bronja sagt, das sei alles Berechnung von »ihr«.

Amerika feiert heute ein großes Nationalfest, da zeigt sie den Herren, was sie für gutes und schönes Material auf Lager hat.

Denn unter der Herrenwelt ist sie gut bekannt.

Sie fürchtet also wohl, daß mein Dicker bald wegbleibt. Ich wollte mich freuen, denn widerlicher kann keiner sein.

Und er hilft mir ja doch nicht heraus. -- --

Ich habe also heute zum ersten Male dieses Land gesehen. Gesehen? Nein! Gesehen habe ich nichts davon. Ich wagte kaum aufzublicken. Ich meine, jeder Mensch muß es mir vom Gesicht ablesen, was ich bin. Sehr hohe Häuser sind hier, so viel wenigstens habe ich gesehen. Als ich die Bäume und Büsche im Bronxpark sah, mußte ich an zu Hause denken, und das Heimweh packte mich furchtbar.

Ich habe mich nachher sattgeweint. -- -- --

* * * * *

Den 5. Juli.

Gestern abend ist es toll hergegangen. Es war furchtbar voll, denn es ist nichts Seltenes, daß auch Herren mit fremden Mädchen kommen, ordentlich zechen und dann ein Zimmer nehmen. So auch gestern abend. Es waren sehr viele und auch sehr elegante Damen da. Aber Bronja sagt, ich steche alle aus. Wenn ich so dabei bliebe, sei ich mit zwanzig Jahren eine königliche Schönheit.

Wenn ich dann nicht schon tot bin. -- --

Mir kommt es vor, als ob auch zuweilen verheiratete Frauen hierher kämen, und Bronja meint, das sei schon so. Das seien solche, denen es zu gut ginge, oder auch solche, die sich etwas Taschengeld nebenbei verdienten.

Ich möchte sie an meine Stelle wünschen. -- --

Der Dicke war auch da gestern abend. Ich habe wohl bemerkt, daß die Herren sehr viel nach mir guckten, aber er wich nicht von meiner Seite. Er war ordentlich stolz, daß er der Besitzer war. Als ob er das seiner Schönheit zu verdanken hätte.

Ich dachte an Bronjas Mahnung, ich solle schön mit ihm tun -- ich kann es nicht. Ich werde Gott danken, wenn er nicht mehr kommt. Ich habe gestern auch zu viel getrunken. Es läßt sich nicht ganz vermeiden, so sehr ich mich auch in acht nehme.

Und dann die Hauptsache: man kommt besser darüber weg, wenn man nicht ganz bei Sinnen ist. --

Wie soll man es sonst nur auf die Dauer aushalten?

Die Madame schimpft noch dazu immer, daß ich nicht genug trinke.

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Den 16.

Gott sei Dank, das Scheusal ist fort. Vorgestern war er zum letzten Male hier. Er ist heute nach Europa gefahren.

Ich habe ihn noch einmal gebeten, fußfällig habe ich ihn angefleht, mich herauszunehmen. Ich habe die Zähne zusammengebissen und habe getan, als ob ich ihn furchtbar gern hätte, als ob mich sein Fortgehen ganz unglücklich machte -- es war alles umsonst. -- Da war ich zuletzt so wütend, daß ich ihm ins Gesicht gespuckt habe. Es war mir auch alles einerlei. Aber er ist doch dageblieben, der furchtbare Mensch! Ich weiß nicht, ob sich jemand das Widerliche, das in einer solch erzwungenen Vereinigung liegt, voll ausdenken kann. Ich fühle Gott sei Dank nichts dabei, das ist ein Glück für mich. Aber ich liege dann und analysiere jede Bewegung des Verhaßten, der glaubt, durch sein Geld mir meinen Körper abkaufen zu können. --