Seelenverkäufer: Das Schicksal einer Deutsch-Amerikanerin

Part 4

Chapter 43,845 wordsPublic domain

Wenn die Liebe oder der Sinnenrausch die Ursache einer Vereinigung sind, so ist sie geadelt durch das Gefühl. Hier aber! Es ist mir unfaßbar, wie Männer -- Männer mit Geist und Herz -- eine solch furchtbare Sünde begehen können und kraft ihres Geldes und ihrer physischen Überlegenheit diese armen Geschöpfe so foltern. --

Denn freiwillig oder nicht -- die hier sind, haben alle einmal den Anfang machen müssen -- und der ist furchtbar.

Gewohnheit und Alkohol tun viel -- doch bis man so weit ist -- --.

* * * * *

Den 17.

Ein Übel bin ich los und dem andern bin ich verfallen.

In meinem Haß gegen den alten dicken Kerl habe ich nicht daran gedacht, daß noch Widerlichere kommen könnten.

Jetzt muß ich jeden nehmen, der mich begehrt, und wenn es in einem Abend ein Dutzend sind.

Bronja gibt mir gute Ratschläge. Gut essen und trinken. Geld sparen und Englisch lernen.

Geld sparen -- bis jetzt habe ich noch keinen Cent zu sehen bekommen. Ich brauche nichts -- sagt Madame. Sie will es für mich sparen. -- Die ist immer noch nicht mit mir zufrieden. Ich trinke nicht genug und animiere nicht genug zum Trinken. --

Obgleich es ja wirklich das beste ist, man kommt aus dem Alkoholdusel gar nicht heraus.

Das Schlimme ist: ich gefalle --, alle wollen mich haben. Ich möchte nur wissen, was sie an mir finden.

Einige von den Mädchen sind schon neidisch. Die dummen Gänse, als ob ich etwas dazu könnte! Ich wäre zufrieden, wenn keiner zu mir käme. Nur Bronja hält treu zu mir. Als ich ihr gestern meine Not klagte, lachte sie mich aus.

»Du bist ein kleines Schaf,« sagte sie. »Deine hoheitsvolle, unnahbare Miene und deine großartige Figur reizen die Männer. Freue dich! Denn, wenn eine keinen Anklang findet, ist es erst recht schlimm. Die schaffen sie dann fort in ein anderes Loch. Frei kommt sie deshalb doch nicht. Erst muß sie ausgenutzt sein. Die ganze Bande hier im Land steckt unter einer Decke. Die Mädchenhändler, die Wirte und, nicht zu vergessen, die wohllöbliche Polizei. Ich bin überzeugt, der Policemann, der hier an der Ecke patrouilliert, verdient mehr als ein Bankdirektor.

Er hört nichts, er sieht nichts, kurz und gut, er versteht sein Geschäft. Deshalb würde es dir auch nichts helfen, wenn du wirklich fortlaufen könntest. Keine Viertelstunde wärst du draußen. Unter dem Vorwand, dich zu beschützen und Erkundigungen einzuziehen, liefert er dich wieder dahin ab, woher du gekommen. Ich weiß ja, wie's gemacht wird. Die ganze Bande ist organisiert. Es ist die reine Aktiengesellschaft.« -- -- -- -- --

* * * * *

Welch seltsame Verirrungen doch das Tier im Menschen haben kann! -- Es ist hier im Hause eine Wienerin, Kathinka heißt sie. Ein Monstrum von einer Frau. Sonst ist sie gar nicht außergewöhnlich groß und dick, aber einen Busen hat sie -- unbeschreiblich!

Und ist es zu glauben, daß dieses Mädchen, das weder schön ist noch sonst besondere Anziehungskraft besitzt, nur wegen ihres abnormen Busens eine Art Zugnummer dieses gesegneten Hauses ist?

Sie selbst ist dabei kreuzfidel und spart sich Geld.

»Es gibt halt Mannsleut', die gern auf'm Fettpolster liegen, wann's viel getrunken haben,« sagt sie lachend. -- -- --

Wenn ich doch auch erst etwas gleichgültiger werden könnte. -- Aber nein -- ich will es gar nicht werden. Ich will nicht jeden moralischen Halt verlieren. Ich muß hier wieder fort oder sterben. -- Ich darf gar nicht denken -- nicht nach Hause an die alten Leute, dann schäme ich mich furchtbar, obgleich ich schuldlos an meiner Schande bin.

Ich habe nun schon wiederholt versucht, einen meiner Käufer für meine Lage zu interessieren. Keiner glaubt mir. Sie lachen und sagen: Das sagt jede. -- -- --

* * * * *

Den 22.

Wie soll ich es ertragen!

Gestern abend war es wieder einmal recht voll, aber es wurde der Alten nicht genug verzehrt. Hauptsächlich Mixed-drinks sollen viel verkauft werden, denn daran wird verdient.

An mir ließ sie ihre Wut wieder aus, weil an meinem Tisch am wenigsten verzehrt worden war. Ich war bis elf Uhr schon viermal oben im Zimmer gewesen und hatte keine Lust mehr. --

Sie hat mich nun beobachtet. Und behauptet, ich sei viel zu unfreundlich. Kurz und gut, sie hat mir gedroht, wenn ich mich nicht bessere, käme ich nächste Woche ins Hafenviertel, an den Eastriver, da haben sie auch noch ein Haus.

Bronja kennt es. Es sei fürchterlich dort. Heizer und Kohlenzieher, betrunkene Seeleute aus aller Herren Länder. Kein weißbezogenes Bett, schmutzige Schlafsofas und dazu an manchem Tage zwanzig Besucher. Krankheiten unausbleiblich. Kontrolle gibt's nicht. --

Übrigens gibt es die auch hier nicht, denn ich habe noch nie einen Arzt gesehen. --

Aber das tue ich nicht, nein, das nicht! Dann wird sich schon ein Weg finden, wie ich ein Ende machen kann. --

Ich bete zu Gott, aber ich glaube, es gibt gar keinen mehr.

Wenn es wirklich einen allmächtigen Gott im Himmel gäbe, dann könnte er nicht zugeben, daß so furchtbare Dinge auf seiner Erde geschähen.

Bronja tröstet mich.

»Sei nur nicht bange, du kommst hier nicht fort, sie will dich nur erschrecken. Aber du solltest wirklich ein klein wenig mehr trinken. Es ist besser. Du brauchst deshalb immer noch nicht zu saufen. Du kommst aber viel besser über alles fort.«

Ich will es tun, ja, ich will es tun. Später, wenn ich wieder frei bin, werde ich desto enthaltsamer sein.

Ich mochte früher nie Bier und Wein, nur der Champagner hat mir geschmeckt -- zu meinem Verhängnis.

Hätte ich an Bord nicht zu viel Sekt getrunken, so hätte ich mich nicht von dieser Bande umgarnen lassen.

Überhaupt der Alkohol. Ich habe nun schon manche hier kennen gelernt -- wir sind für beständig fünfundzwanzig bis achtundzwanzig, ohne die Vorübergehenden -- und es sind wenige darunter, bei denen der erste Fehltritt -- der erste Fall -- nicht im Alkohol geschehen ist. --

In der Bibel ist die verbotene Frucht der Apfel -- wollten doch alle nur Äpfel essen, es wäre besser.

Es ist vielleicht auch nicht recht berichtet, es war vielleicht auch schon der Sekt.

* * * * *

Seit vierzehn Tagen ist eine Neue da. Ein kleines zartes Ding von kaum Mittelgröße.

Solange sie nichts getrunken hat, sieht sie immer so traurig aus, aber abends ist sie die Schlimmste. Sie trinkt wie ein Irländer und kann furchtbar viel vertragen.

Sie hat mir vor einigen Tagen ihre Geschichte erzählt.

Sie ist glücklich verheiratet gewesen. Ihr Mann, der für eine große Firma jedes Jahr zweimal nach Berlin reiste, um Herrenstoffe einzukaufen, war gut und lieb zu ihr.

Im vergangenen Herbst, als sie wieder für einige Wochen allein war, ging sie mit einer befreundeten Familie zu einem Picknick.

Ein Herr, der mit von der Partie war, hatte sich den ganzen Tag sehr aufmerksam gegen sie gezeigt. Am Tage haben sie noch fast nichts getrunken, doch abends, als sie in einem Auto nach Hause fuhren, sind sie noch am Broadway in einem Hotel eingekehrt, um zu Abend zu essen. Bis in die Nacht hinein ist gegessen und getrunken worden. -- --

Als sie am andern Morgen aufwachte, lag der Herr neben ihr im Bett. -- Ihr Mann hat es erfahren, und sie sind geschieden.

»Hat mich der Alkohol hineingebracht, soll er mich auch wieder herausbringen, ich sauf' mich tot,« sagt sie lachend.

Aber dabei könnte man weinen. -- -- --

* * * * *

Ich bin krank, und ich möchte sagen, Gott sei Dank. Zumal auch der Arzt sagt, daß es nicht schlimm sein soll. Nur einige Tage Ruhe.

Der Doktor war erst recht ungezogen zu mir. So barsch und grob, daß mir die Tränen in die Augen traten.

Ich drehte mein Gesicht nach der Wand, damit er -- und hauptsächlich die Madame -- nichts sehen sollten.

Denn sie ist nicht aus dem Zimmer gegangen, solange der Arzt da war. Wahrscheinlich fürchtete sie, daß ich etwas sagen würde. --

Nachher war er ganz nett und manierlich.

Ich schämte mich aber doch ganz fürchterlich.

Es sei nicht so schlimm. Überreizung -- was Wunder. Einige Tage Ruhe, dann sei alles wieder gut.

Er kommt noch einmal wieder. -- --

Wenn er dann doch allein ins Zimmer käme. Ich würde ihn bitten, mir herauszuhelfen. Aber er wird's auch nicht wollen. Die Menschen machen sich nicht gern Unannehmlichkeiten mit Leuten, die sie nichts angehen. --

Wenn ich so allein hier liege, mache ich mir allerlei Gedanken.

Dumm bin ich doch gewesen, sehr dumm.

Wie kann man als junges Mädchen mit einem wildfremden Menschen in die Welt hineingehen! Wenn ich auch erst sechzehn Jahre alt bin, so viel hätte ich doch bedenken müssen. Freilich, besser wäre es gewesen, ich hätte schon früher etwas von solchen Sachen gelesen, dann wäre mir vielleicht doch der Gedanke gekommen, könnten das womöglich auch solche Menschen sein? -- --

Aber soviel weiß ich, komme ich je hier aus diesem Hause -- und ich habe den festen Glauben daran -- dann soll das, was ich hier erlebt, nicht umsonst gewesen sein. -- --

Ich freue mich jetzt so, daß ich mein Tagebuch habe; da kann ich doch so recht mein Herz ausschütten. Etwas muß der Mensch haben. Briefe kann ich nicht schreiben, und ich glaube auch kaum, daß ein Brief von mir aus dem Hause gelassen würde.

An wen sollte ich auch schreiben?

Für die Großeltern bin ich tot, und hier im Lande habe ich keine Seele, die sich um mich sorgt.

Was mögen wohl die lieben, alten Leute für Kummer gehabt haben, als sie erfahren haben, daß ich nicht bei den Verwandten angekommen bin? Vielleicht haben sie gedacht, ich bin kurz vorher über Bord gefallen. Denn ich bin doch spurlos verschwunden. Nur Frau Fröhlich und ihr sauberer Neffe könnten Auskunft geben, und die werden sich hüten.

* * * * *

Ich möchte nur wissen, wo mein Koffer ist. Die Rottmann sagte doch damals, sie hätte ihn holen lassen.

Mich wundert nur, daß die beiden ihn nicht behalten haben, jedenfalls ist ihnen der Inhalt zu gewöhnlich gewesen. --

Wie froh wäre ich, könnte ich meine Wäsche anziehen, die darin war. Wie gern würfe ich den ganzen Plunder von mir.

Damit will ich nicht sagen, daß ich die feinen Sachen nicht mag, ganz gewiß nicht! Schön ist es, so zarte Stoffe zu tragen -- aber unter diesen Umständen! Ja, wenn ich reich wäre -- recht reich --, dann würde ich auch feine seidene Hemden tragen und mich an meiner Schönheit freuen -- aber so!

Ich sei schön, sagen sie -- und wenn ich mich zuweilen im Spiegel betrachte, komme ich mir so unrein vor, so fleckig, so -- pfui Teufel, habe ich dann einen merkwürdigen Geschmack auf der Zunge. --

Dann hätte ich auch Lust, mir dicken Puder an Gesicht und Hals zu schmieren, wie sie's alle hier machen. -- -- --

* * * * *

Ich hab's gewagt!

Also, der Doktor war wieder da. Die Madame stand dabei, und trotzdem habe ich sie angeführt. --

Ach, ich bin so froh, so glücklich, vielleicht hilft es was.

Weil ich mir denken konnte, daß die Alte wieder dabeistehen würde, hatte ich schon vorher ein kleines Stückchen Papier ganz eng beschrieben. Alles hatte ich darauf geschrieben, was wichtig war. --

Ich flehte den Doktor an, mir zu helfen. --

Als er mich nun wieder untersuchte und gerade mit einem Arm über mich hinreichte, habe ich ihm das Röllchen in die Hand geschoben. Er verstand meine Absicht sofort, schloß die Hand und fuhr in seiner Untersuchung fort. -- --

Die Alte hat nichts bemerkt, und ich bin so froh, so glücklich. Wenn er mir doch helfen wollte! Er brauchte ja nur zur Polizei zu gehen. -- --

Ich glaube, ich kann nicht eher wieder ruhig schlafen, ehe ich nicht weiß, ob ich mich an keinen Unwürdigen gewandt habe.

* * * * *

Den 4. August.

Gestern war ich wieder im Salon. Ich bin wieder gesund, nun kann die Tierquälerei von neuem beginnen.

Tierquälerei! -- Ich sage das so leichtsinnig -- ein Tier würde sich nicht gefallen lassen, was ich mir gefallen lassen muß. Und was das beste ist, sein Artgenosse würde es auch nicht in dieser Weise mißbrauchen.

Die Tiere sind klüger und besser als die Menschen.

Ich komme auf ganz, ganz dumme Gedanken.

Früher habe ich zu wenig nachgedacht und jetzt denke ich zuviel. Wäre ich früher mehr zum Nachdenken gezwungen gewesen, so brauchte ich jetzt meine Gedanken nicht auf diese Weise spazieren zu führen. -- --

* * * * *

Von dem Doktor habe ich noch nichts gehört, aber eine andere interessante Bekanntschaft habe ich gemacht. Ein junger Landsmann war da, ein lieber Mensch. Er gefiel mir gleich, als er kam, und weil ich gerade allein saß, ging ich sofort zu ihm. Er bestellte eine Flasche Rüdesheimer. »Aber echten,« rief er mir noch zu.

Wir kamen ins Gespräch und plötzlich entdeckten wir, daß wir Landsleute waren. Gar nicht weit voneinander zu Hause.

In meiner Freude und Aufregung vergaß ich ganz, daß ich ja nie jemand hatte sagen wollen, wer ich war.

Er ging dann mit mir nach oben, und da -- als wir allein waren -- faßte ich mir ein Herz und erzählte ihm alles, mein ganzes Unglück.

Er glaubte mir gleich und lachte gar nicht über mich.

Ich habe ihn auch gefragt, ob er mir nicht heraushelfen könne.

Er meinte, leicht würde es nicht sein, ich sei noch zu kurze Zeit hier, und die Besitzer dieser Häuser müßten die Schlepper wohl gut bezahlen und wollten dann natürlich ihr Geld auch wieder heraus haben. Gutwillig würde mich die Rottmann nicht gehen lassen, auch wenn sie Geld geboten kriegte.

Er will sich alles überlegen.

Mit der Polizei sei nichts zu machen, da müsse man Geld haben, sehr viel Geld. Denn da hieße es, wer am besten bezahlt, wird am besten bedient. Und die Rottmann kenne ihre Leute, die würde schon anständig bezahlen. -- -- -- --

Das ist ja ganz schrecklich! Das sieht ja trostlos für mich aus. Aber mein neuer Freund kommt wieder -- heute noch nicht, damit es nicht auffällt, aber morgen. Dann werden wir weiter beraten.

Ich habe jetzt Hoffnung.

Dem kann ich vertrauen, er hat ein so gutes Auge.

Als ich ihm sagte, wie alt ich sei, da sah er mich so mitleidig an und sagte: »Du armes Ding.« Da mußte ich natürlich weinen. Das Mitleid mit mir selbst trieb mir die Tränen in die Augen.

Und habe ich nicht wirklich ein Recht, über mich zu weinen?

Gibt es ein zweites Geschöpf, das so unglücklich, so armselig ist wie ich! Mit noch nicht siebzehn Jahren eine Dirne, eine Verworfene!

Und doch bin ich das Kind eines Fürsten!

Aber das ist ja gerade mein Unglück. --

Ich fühle einen Haß in mir, ich kann es gar nicht sagen. Ich weiß nur nicht, wen ich mehr hassen soll: die Rottmann, Herbert Smith, Rudolph Schönewald oder den Urheber meines Daseins.

Ich bin überhaupt zuweilen ganz wirr von all dem Denken. -- Ich bin wohl auch noch zu jung und habe zu wenig praktischen Verstand.

* * * * *

Ich habe jetzt doch wenigstens etwas Schönes, an das ich denken kann. Ich freue mich so darauf, daß mein neuer Freund wiederkommt.

Ob er Wort hält?

Wenn ich daran denke, daß er nicht kommen könnte, dann wird mir siedendheiß vor Angst. -- --

* * * * *

Er war da! Schon am zweiten Abend kam er wieder. --

So früh er aber auch kam, ich war schon vergeben.

Aber ich hatte dann doch noch Glück, ich konnte mich freimachen und zu ihm gehen.

Er hatte keine andere angenommen.

Ich konnte ihm an den Augen ansehen, wie widerlich es ihm war, daß ich direkt aus den Armen eines anderen Mannes zu ihm kam.

Aber ich kann's doch nicht ändern, ist es mir doch nicht weniger widerlich.

Es war trotzdem ein so glücklicher Abend. --

Wir saßen noch nicht lange zusammen, da kam der Doktor -- mein Doktor.

Er ging nicht gleich zu mir, er saß erst eine Zeitlang bei Lizzi und hat mit der eine Flasche Wein getrunken. Dann trat er ganz harmlos auf uns zu und rief schon von weitem: »Ah, da ist ja auch meine Patientin! Wie geht's uns denn?«

Dann hat er sich zu uns gesetzt. Wie bin ich glücklich! Wie ist es gut, daß ich ihn gebeten habe. Der ist klug und kennt die hiesigen Verhältnisse. Er spricht ganz nett Deutsch, da seine Eltern geborene Deutsche sind.

Er sagt, auf geradem Wege, mit der Polizei, sei gar nichts zu machen. Wir müßten überhaupt äußerst vorsichtig sein. Wendeten wir uns an die Polizei, so bekomme die Rottmann sofort einen Wink, und wenn dann die Polizei offiziell ins Haus komme, sei ich verschwunden.

Entweder würde ich versteckt oder ich sei schon an ein anderes Haus verschickt, was noch viel schlimmer sei. Denn dieses Haus hier am Broadway sei noch eines der besten.

Herr Werner, mein neuer Freund, fragte, ob ich nicht herauszukaufen sei. Da meinte der Doktor, auch das habe wenig Aussicht.

Erstens würde sie einen unverschämten Preis fordern, und zweitens sei noch die Frage, ob sie es überhaupt tue.

Ich verdiene ihr vorläufig doch ein gutes Stück Geld, und so sehr junge Mädchen bekäme sie auch nicht alle Tage. -- --

Aber er hat doch einen Plan. Sie wollen mich entführen. --

Wenn Herr Werner jetzt wieder kommt, will er all sein Geld mitbringen, das er auf der Sparkasse hat. Aber es soll nicht für die Rottmann, sondern zu andern Zwecken verwendet werden.

Geld müßten wir in Händen haben, sonst sei nichts zu machen.

Der Doktor will alles besorgen in der Zeit, da Werner fort ist, und er will währenddem auch noch einige Male wiederkommen.

Ich hätte laut aufjubeln mögen, dabei mußte ich ein gleichgültiges Gesicht machen. -- --

Werner ging mit mir nach oben, und der Doktor wartete unten, bis wir wiederkamen.

Ich habe Werner fast erdrückt vor Zärtlichkeit, und gern gab ich mich ihm an diesem Abend. --

Ich hab' ihm soviel gelobt, heiraten darf er mich nicht -- obgleich er eine Andeutung machte -- dazu bin ich zu schlecht. Aber dienen will ich ihm, dienen wie eine Magd, damit ich die Schuld abtrage. --

Ich hätte so gern einmal aufgejubelt, nur einmal -- aber ich mußte still sein. -- --

Als wir nach unten kamen, saß der Doktor noch da. Er ist dann zum Schein mit mir nach oben gegangen. Er hat sein Geld aber umsonst bezahlt, wir haben nur noch ein wenig geplaudert. --

Die beiden Herren sind dann zusammen fortgegangen, sie wollten nach Lüchow, um noch ein Glas Pilsener zu trinken und alles Nötige zu besprechen. -- --

Die »Augusta Viktoria« fährt morgen, und mein Freund kommt nicht wieder. Aber nächste Reise! Ob ich es wohl aushalte?

Und dabei muß ich so gleichgültig tun, damit nichts auffällt, sonst bin ich womöglich fort, wenn das Schiff wiederkommt. --

Aber wenn ich allein im Zimmer bin und an die Zukunft denke, dann krieche ich oft unter die Bettdecke, balle das Taschentuch vor dem Munde zusammen und schreie laut auf; und wenn es auch nur ein undeutliches Grunzen wird, ich habe mich doch erleichtert. -- --

* * * * *

Den 20. August.

Schrecklich ist es doch, was das Leben aus all diesen Mädchen gemacht hat. Sie betrachten ihr Handwerk als etwas ganz Selbstverständliches. Alle wollen Geld verdienen, und die Wenigsten haben etwas. --

Bronja sagt auch, daß es nur sehr Wenige gibt, die sich hier wieder herausarbeiten. Die weitaus Meisten enden an der Ostseite, am Fluß unten, in den Verbrecherkellern.

Wenn sie zu nichts sonst mehr taugen, dann verdienen sie immer noch einige Cents für ihre Zuhälter, bis sie eines Tages abgefangen werden oder bei einer Schlägerei umkommen. --

Mir ist das unbegreiflich. Es muß herauszukommen sein, wenn der feste Wille da ist.

Ich glaube nur, die meisten der Mädchen wollen auch nicht ernstlich. Das faule Leben, das Saufen -- denn trinken kann man es wirklich nicht mehr nennen -- gefällt ihnen. Des Nachts wird gefeiert dann bis in den Nachmittag hinein geschlafen und dann geht's von neuem los. -- Viele sind auch schon nach kurzer Zeit derart verdorben, daß sie für ein anständiges bürgerliches Leben gar nicht mehr zu gebrauchen sind. Auch die Mädchen untereinander sind oft widerlich. Das ist ein Küssen und Umarmen, als ob sie noch nicht genug an dem aufgezwungenen Verkehr hätten. --

Ich bin nicht genug in die Geheimnisse des Geschlechtslebens eingeweiht, aber so viel merke ich doch, daß da etwas vorgeht, was _nicht_ sein darf. Etwas Unerlaubtes, Anormales.

Die Rottmann paßt aber auf, und ich habe schon verschiedene Male gehört, wie sie die eine aus dem Zimmer der anderen holte. Ich glaube sogar, sie schlägt sie, schimpfen tut sie wenigstens genug.

Mir ist die ganze Sache überaus widerlich!

Überhaupt mag ich das ewige Küssen untereinander nicht. Die Ulli ist darin schrecklich. --

Kürzlich fragte sie mich sogar, ob ich nicht ihre Freundin sein wolle. Ich habe mich bestens bedankt.

Ich bin mit Bronjas Freundschaft vollständig zufrieden. --

* * * * *

Gestern habe ich wieder etwas erlebt -- eine traurige Abwechslung in diesem Geist und Körper mordenden Einerlei.

Ich glaube, wenn ich noch lange in diesem Hause bin, dann bleibt mir kein Abgrund der Natur verborgen.

Zu den ständigen Besuchern gehört ein Herr Vaillant, der Besitzer eines großen Warenhauses. Die Mädchen sagen alle Bobbi zu ihm. Wenn er kommt, dann ist ordentlich was los. Er läßt immer so viel anfahren, daß sich bald alles auf dem Teppich wälzt. --

Gestern wollte er nun haben, die Sofia und die kleine, zarte Mary sollten im Evakostüm vor ihm tanzen.

Es reize ihn nichts mehr, und nun wolle er sehen, wer mehr Reiz auf ihn ausübe, die große, stattliche Sofia, oder die kleine, zierliche Mary.

Jede bekam zehn Dollar extra.

Erst natürlich ordentlich getrunken und dann ging es los. --

Die Rottmann saß an der Seite, mit einem alten verkommenen Kerl -- es soll ein früherer Lehrer sein, jetzt führt er ihr die Bücher. Ihre Augen funkelten wie bei einer Katze; wenn ich es nicht zu unglaublich fände, so möchte ich sagen, daß sie selbst das ekle Schauspiel mit lüsternen Blicken betrachtete.

Die beiden Mädchen hatten sich bei ihrem Tanzen und Drehen derartig erhitzt und aufgeregt, daß ihnen die Haare wirr ums Gesicht flogen. Plötzlich stieß die kleine Mary einen Schrei aus und stürzte hin.

Dann lachte und schrie sie immerzu. Sie hatte Krämpfe. Es war schrecklich! -- Die allgemeine Lust wurde aber nicht dadurch gestört. --

Mary wurde weggetragen und Bobbi ging mit Sofia nach oben. --

Sie habe noch zehn Dollar Strumpfgeld von ihm bekommen, sagte sie uns später. --

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Den 28.

Jetzt sind es schon beinahe drei Wochen, seit ich Werner kenne. Ich verfolge im Geiste seine Reise nach Deutschland. Zwölf bis vierzehn Tage dauert die Fahrt, dann die Zeit, da das Schiff im Hafen liegt, und endlich die Herreise. --

Ich habe zuweilen solche Angst, daß Werner nicht wiederkommt.

Wenn auch diese Hoffnung scheitert, dann glaube ich an nichts mehr. -- Aber nein, diese Augen können nicht lügen. Er ist ein guter Mensch, einer von den Wenigen, die es gibt. -- -- -- -- --

Der Doktor hat auch nicht Wort gehalten. Noch nicht ein einziges Mal war er hier, und ich hatte doch so darauf gehofft. Er wird mich vergessen haben oder er will nicht kommen. --

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Mir kommt es vor, als ob wieder irgend etwas im Hause vor sich ginge. Wenn mich nicht alles täuscht, sind wieder Neue eingebracht worden. Das alte, schreckliche Geschöpf, das mir am ersten Morgen mein Frühstück brachte, begegnete mir heute früh auf der Treppe. Ich habe es Bronja erzählt, und die meint, das würde wohl so sein. Wenn neu Aufgegriffene ankommen, dann muß immer diese Person die Bedienung besorgen. Sie ist der Rottmann ergeben auf Tod und Leben, weil sie sonst nirgends mehr hin kann. Sie ist unheilbar geschlechtskrank. -- Die Rottmann behält sie aber, weil sie für diese Henkersdienste jemand haben muß, der verschwiegen und ihr blindlings ergeben ist.

Und dieses Mädchen -- anstatt jede Geschlechtsgenossin zu warnen und ihr Gelegenheit zu geben, aus diesem Hause wieder hinauszukommen -- hilft mit einer wahren Wollust dabei, sie zu verderben. --

Sonderbare Seelenabgründe sind es, die das Leben zeitigt. --

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4. September.

Ich habe richtig vermutet. Gestern waren zwei Neue im Salon. --