Seelenverkäufer: Das Schicksal einer Deutsch-Amerikanerin
Part 2
Schon acht Tage nach meiner Entlassung aus der Anstalt holte Großvater mich nach Hause. Sie waren noch immer sehr gut zu mir, alle beide. Viel zu gut, ich weiß es wohl. Aber Großmutter sagt, ich sei zu jung und unerfahren gewesen, und Rudolph trüge ganz allein die Schuld.
»Muß ich ihn denn nicht heiraten, Großmutter?« fragte ich zagend.
»Ach Kind, das ist ja gerade das Schlimme. Er denkt nicht dran. Sein Vater ist doch gestorben, er hat nun zum Großvater gesagt, er müsse seine beiden Schwestern auszahlen, könne also nur eine reiche Frau heiraten. Ein Landwirt, der kein Geld in den Händen habe, könne sich nicht lange halten.«
Einen Augenblick saß ich ganz still, ich wußte nicht, sollte ich mich freuen oder sollte ich betrübt sein. Was aber nun? Wieder zum Vater? Der würde schön mit mir umspringen!
Aber das war noch nicht alles, was die Großmutter mir zu sagen hatte. Vater ist gar nicht mehr auf Neuhof. Die ganze Geschichte ist bald nach meiner Abreise zusammengebrochen.
Großmutter sagte: »Du bist zwar noch sehr jung, aber in Anbetracht aller Umstände und weil ich annehme, daß dich das, was du jetzt hinter dir hast, über deine Jahre hinaus gereift hat, so will ich dir erzählen, was du, wenn alles anders gekommen wäre, nie hättest erfahren dürfen.«
Und so erfuhr ich alles. Es wurde mir jetzt klar, was ich schon oft geahnt, wenn ich des Vaters Redensarten und Scheltworte hörte. --
Er ist gar nicht mein rechter Vater. Mein Vater ist ein ganz hoher Herr, der mein Mütterchen nicht hat heiraten dürfen, weil sie nur ein armes Bürgermädchen gewesen ist.
Damit ich aber nicht als uneheliches Kind geboren wurde, hat die Mutter Georg Albrecht geheiratet. Dafür hat er die Pachtung der Domäne Neuhof sehr billig bekommen. Für mich selbst ist eine Summe von 50 000 Mark deponiert worden, von der er bis zu meiner Großjährigkeit die Nutznießung gehabt hätte.
Und nun? Alles ist fort! Der Vater hat schon lange keine Pacht mehr bezahlt, immer ist sie ihm wieder gestundet worden, und jetzt ist es herausgekommen, daß er auch mein Geld durchgebracht hat. Alles mit leichtsinnigen Weibern in Champagner umgesetzt. So geht es mir nun. Weil der Vater mein Geld mit leichtsinnigen Weibern durchgebracht hat, kann Rudolph mich nicht heiraten. Denn hätte ich die 50 000 Mark, dann wäre ich eine reiche Frau.
Aber bin ich denn überhaupt traurig, daß Rudolph mich nicht haben will? Eigentlich nicht! Wenn ich es mir recht überlege, dann fühle ich mich eher erleichtert bei dem Gedanken. Wenn ich nur erst wüßte, was aus mir werden soll! Ein anderer Mann wird mich auch nicht wollen, denn ich glaube, die Leute hier wissen doch alles. Und überhaupt, ich will auch gar keinen haben, die Männer sind alle schlecht! Alle! Nur Großvater ist gut! --
Ich will etwas lernen, dann brauch' ich keinen Mann zu heiraten. -- --
Ob ich Großmutter mal frage, ob mein Kind wirklich tot ist?
Warum mir nur so sonderbar ist, wenn ich daran denke. Ich habe doch in meiner Ohnmacht, in der halben Bewußtlosigkeit das Schreien eines Kindes gehört! -- --
Mein Haar wächst wieder! Ich fühle mich mit jedem Tage wohler. -- -- --
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Ich bin glücklich! Gerade, wenn man keinen Ausweg sieht, kommt manchmal von einer Seite, an die man am wenigsten gedacht, die rettende Hand. --
Ich gehe nach _Amerika_!
Mit vier Worten ist es gesagt, und birgt doch so viel in sich.
Aber nur ruhig und vernünftig!
Also: Die Großmutter hat ihre einzige Schwester drüben. Lange schon. Geschrieben haben die Schwestern sich zuweilen, aber sehr lebhaft ist der Briefwechsel gerade nicht gewesen in den letzten Jahren.
Die Großmutter hat nun auch mein Unglück nach drüben berichtet, und da hat die Großtante geschrieben, ich solle nach drüben kommen. Sie habe sich schon immer ein Töchterchen gewünscht. Nach einigen Jahren, wenn ich Sehnsucht nach den Großeltern habe, könnte ich ja auch einmal wieder zu ihnen fahren.
Ich freute mich sehr, ich lachte und weinte in einem Atem. Da war die Großmutter sehr traurig, aber dann sagte sie, auch sie sähe ein, daß es das beste für mich sei, und ich solle in Zukunft so leben, daß ich täglich und stündlich bestrebt sei, das auszulöschen, was ich unbewußt gesündigt. Das sei die beste Sühne. -- --
Nun weiß ich nicht recht, wie mir ist. Ich freue mich und bin doch auch wieder traurig. Aber die Freude überwiegt. --
Ich werde sehr fleißig sein in Amerika, damit ich bald reich werde, dann komme ich wieder, aber Rudolph Schönewald heirate ich dann auch nicht. Ich hasse ihn! --
Großmutter kauft mir jetzt allerlei schöne Sachen, Wäsche und Kleider. Schon am 28. Mai soll ich fahren. Ein Brief an die Großtante ist schon fort, und ein Platz auf dem Dampfer ist auch bestellt. Die Großeltern fahren beide mit nach Bremen.
Ich habe sehr viel zu tun jetzt, da werde ich lange nicht einschreiben können.
II.
Der neuen Welt zu.
Den ersten Tag auf See.
Der Abschied von den lieben Alten war schrecklich! Die Großmutter weinte zum Erbarmen. Und ich? Ich weiß nicht, es tat mir ja auch sehr leid, aber trotzdem -- ich komme mir beinahe schlecht vor -- ich freute mich! Freute mich auf die große, unbekannte Welt und auf all das Schöne, das sie mir vielleicht bringt.
Ich bin jung, und ein klein wenig von all den Herrlichkeiten der Welt ist das Leben mir doch auch schuldig.........?!
Das Wetter ist sehr schön, nur gegen Abend wurde es etwas bewegter. Hoffentlich behalten wir es so, daß ich nicht seekrank werde. Die Großeltern haben mich dem Kapitän sehr empfohlen, und er will gut auf mich aufpassen.
Er ist ein reizender Mensch und auch noch gar nicht so alt. Ich habe früher immer gedacht, die Kapitäne wären alle alt und grau. --
* * * * *
Den 29. Mai.
Ich habe kein Auge zugetan die ganze Nacht. Das Bett war entsetzlich hart. Ich bin nicht gewöhnt, nur auf der Matratze zu liegen. Und die Wolldecken zum Zudecken sind auch nicht besonders hübsch.
Ich bin mit einer Dame zusammen im Zimmer, einer Amerikanerin. Das heißt, eigentlich ist sie aus Wien, aber sie ist schon sehr lange in Amerika. Sie fährt jedes Jahr zweimal nach Europa. Ich glaube, sie ist sehr reich. Sie hat die ganzen Hände voll feiner Ringe. Mit mir ist sie sehr freundlich und gibt mir allerlei gute Ratschläge.
Hübsch ist sie nicht, aber sehr fein; sie hat so feine Nachthemden, wie ich noch gar keine gesehen habe. -- --
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Donnerstag, den 30.
Heute ist schlechtes Wetter, tüchtig Wind und Regen. Gegen Abend wurde es sogar sehr stürmisch -- nach unsrer Ansicht.
Zum Mittagessen lag schon alles krank. An unserem Tisch waren nur ganz wenige erschienen, und während des Essens verschwanden auch die noch zum Teil sehr rasch. Es war mir auch ein wenig sonderbar, ich hab' aber doch gut gegessen, nur keinen Fisch, der Geruch war mir zu widerlich.
Ich bin gestern abend erst um elf Uhr zu Bett gegangen, habe dann aber ganz fein geschlafen.
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Den 1. Juni.
Heute war das Wetter wieder schön; den ganzen Tag sehr ruhig, und trotzdem sind noch Einige seekrank. Mir schmeckt jetzt wieder alles. Heute nachmittag zwischen vier und fünf Uhr fuhr auch ein Dampfer an uns vorbei, nach Hause zu. Mir war ein klein wenig sonderbar zumute, ob es wohl Heimweh ist? Ich habe recht nette Gesellschaft gefunden. Meine Zimmergenossin -- Frau Fröhlich heißt sie -- hat einen Neffen mit an Bord; gleich am ersten Tage hat sie ihn mir vorgestellt. Er sieht sehr gut aus, und ich glaube, er mag mich auch gern, denn er ist immer um mich herum.
Ich glaube, wenn ich nicht so furchtbar viel durchgemacht hätte mit den Männern -- ich meine mit Rudolph -- so könnte ich ihn vielleicht liebhaben, aber so! Nein! Ich werde niemals wieder einen Mann lieben. -- -- --
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Mr. Smith -- so heißt der Neffe -- gibt sich sehr viel Mühe mit mir. Er will mich Englisch lehren. Die paar Brocken, die ich bei Fräulein Fischer gelernt habe, die helfen mir gar nichts.
An Deck haben wir immer viel Spaß. Wenn wir in den Stühlen liegen, kommt zuweilen der Kapitän und fragt, ob wir auch gut zugedeckt seien oder ob er den vierten Offizier schicken solle, damit er den Damen die Füße schön einwickele. Dann gibt es immer großes Gelächter. -- -- -- --
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Den 2., abends.
Endlich haben wir das lange prophezeite schlechte Wetter. Heut' gegen Abend waren wir auf der Brücke; es sah wunderschön aus, wenn das Wasser vorn über Deck kam und sogar bis zu uns heraufspritzte. Herr Smith ist sehr aufmerksam, stets ist er in meiner Nähe. Heute früh saß er im Stuhl neben mir -- seine Tante war im Damenzimmer, da sie sich nicht besonders wohl fühlte. Er hat mir so viel dummes Zeug vorgeschwatzt. Er sagt, ich sei sehr schön -- ob das wohl wahr ist? -- Er ist der einzige Erbe seiner Tante, die sehr reich ist, und kann seiner Frau jeden Wunsch erfüllen. Und wenn er eine so schöne Frau hätte, wie ich, so würde er sie in Samt und Seide kleiden, das muß fein sein. -- Und Geld braucht sie gar nicht zu haben, er hat nicht nötig, darauf zu sehen.
Wenn ich dagegen an Rudolph denke! Jetzt könnte ich mich schon rächen. Wenn ich Mr. Smith heiratete, so könnte ich schon nächstes Jahr wieder zu Besuch nach Hause reisen, und dann könnte ich Rudolph zeigen, daß ich auch ohne Geld einen reichen und hübschen Mann bekommen habe. -- Denn hübsch ist Herr Smith, hübscher als Rudolph. Aber ich liebe ihn nicht, kann ihn also auch nicht heiraten. Das habe ich ihm auch gesagt.
Er war sehr traurig -- und da tat er mir wieder leid. -- --
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Den 3., morgens.
Die Nacht war schrecklich! Das Innere wurde mir förmlich umgedreht. Scheußlich! Ich fürchtete wirklich, ich würde auch noch krank. Um zwei Uhr bin ich aufgestanden, ich konnte nicht mehr liegen, bald stand ich nahezu Kopf, bald wieder auf den Füßen. Ich habe mich auf das Sofa gesetzt und eine Apfelsine gegessen, dann war mir etwas menschlicher.
Frau Fröhlich ist sehr krank, jetzt sieht sie gar nicht mehr fein aus. Auch viel älter kommt sie mir vor. Erst dachte ich, sie wäre kaum dreißig.
Aber natürlich, sie hat doch einen Neffen, der 27 Jahre alt ist. -- -- --
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Den 4.
Heute ist wieder prachtvolles Wetter. Trotzdem sind noch immer Einige krank. Ich selbst fühle mich großartig. Ich habe zwar noch nicht ein einziges Mal bei Tisch gefehlt, aber gestern war's doch nicht so ganz richtig.
Riesigen Spaß haben wir gestern nachmittag gehabt, als wir im Salon zum Kaffee waren. Ohne daß man vorher viel gemerkt hatte, holte das Schiff plötzlich so stark über, daß unsere Kuchenteller, Kaffeetassen und alles was nicht fest war, mit einem Male auf der Erde herumflog. Natürlich großes Geschrei. Alle suchten Zwiebäcke zusammen. Kaffee wurde dann nicht mehr getrunken. Heute abend ist großes Konzert, sogenanntes Seemannskonzert. Ich gehe auch hin. Alle wollen sich sehr elegant machen, und ich habe nur ein einfaches weißes Kleid, das ich anziehen kann. --
* * * * *
Da sitz' ich nun und halte schon eine ganze Weile die Feder in der Hand, ohne daß ich weiß, wo ich beginnen soll. Und doch habe ich so viel zu schreiben, wie noch nie während der ganzen Reise.
Zwischen gestern und heute liegt eine Ewigkeit oder ein ganzes Menschenschicksal, ich weiß es nicht.
Mir ist so sonderbar -- so bange. Ist es das Neue, das Unbekannte, dem ich entgegengehe?
Es ist wohl hauptsächlich der Gedanke: hast du auch recht getan, der mich quält. --
Ist es doch das erstemal, daß ich bewußt mein Schicksal in die eigenen Hände genommen habe. -- --
Also ich habe mich nun doch mit Herbert Smith verlobt. --
Ich war gestern abend in dem Konzert und hatte mein weißes Kleid an. Alle andern Damen waren feiner, denn das Kleid ist sehr einfach. Frau Fröhlich und ihr Neffe saßen mit mir am Tisch, außerdem noch eine junge Dame aus Baltimore, Miß Pfort, und ein Herr aus Köln. Schon als ich in den Salon kam, sah ich, daß Herberts Augen aufleuchteten; er sprang auf und kam mir entgegen; er sagte mir gleich so viel Schönes, daß ich ganz rot und verlegen wurde.
Eine Schönheit wie ich, habe nicht nötig, sich noch mit kostbaren Kleidern zu schmücken, ich sei die Schönste im Saal trotz meiner Einfachheit. -- -- --
Ich müßte kein Mädchen sein, wenn ich mich nicht gefreut hätte. --
Zuweilen dachte ich wohl, es seien nur Redensarten, aber mir scheint doch, es ist etwas Wahres daran, denn ich habe wohl bemerkt, daß alle Herren nach mir sahen. Und ich muß sagen, ich gefalle mir selbst, wenn ich im Gesellschaftszimmer an den großen Spiegeln vorübergehe. Ich bin groß und schlank, und mein goldbraun leuchtendes Haar sieht sehr apart aus. --
Ein bißchen eitel darf ich wohl sein. --
Nach dem Konzert saßen wir noch etwas zusammen, es kamen noch einige Herren dazu, und als im Salon die Lichter ausgelöscht werden sollten, beschlossen alle, ins Rauchzimmer zu gehen. Frau Fröhlich bat so lange, bis ich mitging. --
Wir haben sehr viel Champagner getrunken -- ich trinke ihn gern -- und ich glaube, ich habe einen regelrechten kleinen Schwips gehabt. Ja -- und heute früh war ich verlobt. -- Wenigstens sagen es alle. Und Herbert war schon um acht Uhr an unserer Zimmertüre und nannte mich seine schöne Braut, seinen stolzen Schwan und was der dummen Dinge mehr sind. -- Aber gern hör' ich's doch. -- --
Ich kann's jetzt verstehen, daß mein Vater gern Champagner trinkt; mir hat er auch geschmeckt. --
Herbert sagt, wenn ich erst seine Frau sei, könne ich trinken, so viel ich wolle. --
Ich bin doch etwas stark benommen im Kopf. Frau Fröhlich sagt, das komme vom ungewohnten Trinken; sie ließ eine Flasche Sherry kommen, da habe ich auch ein Glas mitgetrunken, und es ist mir wirklich etwas besser geworden. --
Wenn ich über alles klar nachdenke, dann ist mir ganz miserabel zumute. -- Soll ich Herbert mein -- mein -- ja was ist es eigentlich, was hinter mir liegt? Ein Erlebnis -- ein Unglück -- oder was sonst? Es ist schrecklich! Nein, ich kann es nicht sagen. Würde er dann noch zu mir sagen -- mein stolzer Schwan? Schwäne sind rein -- weiß -- unnahbar. Ach, ich komme mir manchmal so gar nicht mehr rein vor. -- Ich sage nichts, lieber will ich ihn überhaupt nicht heiraten.
Aber wird er mich wieder freigeben?
Er hat mir heute nachmittag schon seinen Plan entwickelt. --
Sowie wir in New York ankommen, fahren wir beide im Automobil zum Pfarrer und lassen uns trauen. Das geht in Amerika ganz leicht. Herbert kennt einen Pfarrer in der 2. Avenue, zu dem fahren wir. Papiere brauchen wir nicht.
Die Tante besorgt währenddessen das Gepäck, und ehe alles fertig ist, sind wir schon wieder zurück, dann kann ich meinen Großonkel, der mich abholen will, immer noch begrüßen.
Herbert meint, es wäre möglich, daß wir beide mit zur Großtante reisten, aber es sei besser, daß wir uns sofort trauen ließen, dann könne der Onkel nichts mehr daran ändern.
Wenn wir nicht gleich mit dem Onkel gehen, dann wollen wir aber später einige Wochen zu ihm und der Tante. --
Und nächstes Jahr kann ich schon wieder nach Deutschland zu Besuch. --
* * * * *
Herbert hat mich gebeten, dem Kapitän nichts von unserem Plan zu erzählen. Es wäre ihm vielleicht nicht recht, weil ich noch so jung sei, und weil er doch den Großeltern versprochen habe, auf mich zu achten.
Ich werde es ihm nicht sagen, ich sehe ihn ja auch so selten. -- Ich quäle mich immer mit dem Gedanken, daß ich Herbert doch meinen Fehltritt sagen müßte. Ich warte immer auf einen günstigen Augenblick. Wenn ich einmal längere Zeit ganz allein mit ihm wäre, dann hätte ich den Mut. Aber hier am Schiff ist man ja nie allein. --
Ob ich Herbert liebe, weiß ich wirklich nicht. Manchmal glaube ich es ja, aber trotzdem -- wenn er jetzt plötzlich von mir gehen würde, ich glaube kaum, daß es besonders wehe tät'. --
Es ist vielleicht gut so. -- --
* * * * *
Morgen sind wir dort. Eben sagte mir der Kapitän im Vorübergehen, daß wir morgen früh 10 Uhr am Pier in Hoboken sind.
Jetzt sitzt nun alles im Salon und schreibt Briefe, und auch ich will die letzten Zeilen in mein Buch schreiben, ehe ich es weglege. Vielleicht komme ich in nächster Zeit doch nicht zum Schreiben. Und wenn ich wieder schreibe, bin ich schon Frau. Frau! Komisch. Mir ist, als könnt ich's kaum glauben. --
Gleich will ich noch einen Brief an die Großeltern schreiben, denen werde ich aber doch alles berichten, obgleich Herbert mich bat, vorläufig noch nichts davon zu erwähnen. --
Um mich herum sitzt alles und schreibt. Briefe und Karten.
Adressen werden ausgetauscht, Versprechungen gemacht usw.
Ich möchte wohl wissen, wie viele von diesen Adressen benutzt werden. Wer denkt nach einem halben Jahre noch an die geschlossene Freundschaft?
Es sind auch eine ganze Anzahl Liebespärchen hier an Bord, alle erst von dieser Reise.
Die Seeluft muß eine stark aufreizende Wirkung haben.
Bei manchen sollte man es kaum glauben, daß sie sich erst seit kaum acht Tagen kennen.
Da ist zum Beispiel ein Pärchen an unserem Tisch. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß sie sehr intim miteinander sind. -- Ich hielt sie für Mann und Frau.
Gestern sprach ich mit dem Zahlmeister darüber, der lachte. --
»Das ist jede Reise so, zuweilen mehr, zuweilen weniger. Diese beiden haben sich vordem nie gesehen. Sie ist Rheinländerin und er ist aus Thüringen. Überdies wird sie von ihrem Bräutigam erwartet.« -- --
Der Zahlmeister wird wohl recht haben. -- --
Ich möchte keinen Seemann heiraten. Die Damen hier am Schiff sind teilweise sehr entgegenkommend gegen die Herren. -- --
Herbert, der schon oft gefahren, lacht mich aus und sagt, das sei nicht so schlimm. Ein bißchen amüsieren dürfe sich jeder Mann. -- --
Die See wird manchmal so unruhig, lange wird's nicht dauern, dann gibt's wieder Seekranke.
Allzu schlimm kann's nicht mehr werden, denn es sind jetzt nur noch zwölf Stunden. --
Wenn ich dann wieder einschreibe, ist es in der Neuen Welt. -- --
III.
Nacht.
Vier Wochen später.
Ach ja, es ist eine neue Welt, in der ich lebe -- aber was für eine!
Furchtbare Wochen liegen hinter mir -- fürchterlichere vielleicht noch vor mir!
Ich will schreiben -- und weiß nicht, wo beginnen -- ich weiß weder Anfang noch Ende.
Mit einem einzigen Schrei der Qual möchte ich alles in die Welt hinausrufen. --
In die Welt! In welche Welt?
Die Welt, die mich jetzt umgibt, lacht über meine Klagen. Und eine andere aufzusuchen, in der ich nicht verlacht werde, liegt nicht in meiner Macht. -- --
Ich bin gefangen! Wo? Ich weiß es nicht. --
Doch ich will es dir schlicht und der Reihe nach erzählen, kleines Buch. Du allein bist ohne Falsch. --
Alles spielte sich so ab, wie Herbert es mir gesagt. Wir beide gingen nach Ankunft des Schiffes sofort ohne Aufenthalt durch die Zollschranke. Gepäck hatten wir nicht. Im Automobil fuhren wir dann ein ziemliches Stück, auch auf einem großen Fährboot über den Fluß und dann noch eine kurze Strecke weiter.
Wir sind dann in ein großes Haus gegangen. Wie Herbert mir sagte, zu seinem Freunde, dem Pfarrer. --
Ob es eine Vorahnung war? -- Als die Tür hinter mir zuschlug, überkam mich plötzlich eine Angst, daß ich am liebsten wieder hinausgelaufen wäre. Doch Herbert legte den Arm um mich und führte mich in ein auf der linken Seite des Flures gelegenes Zimmer.
Sonderbar, ich sah keinen Menschen, und Herbert schien hier wie zu Hause zu sein.
Auch im Zimmer war niemand. Herbert geleitete mich zu einem Sessel, welcher der Tür gegenüberstand. --
Ich war plötzlich so müde. --
Einen Augenblick nur solle ich ihn entschuldigen, er komme sofort zurück, sagte er mir, und ging durch eine andere Tür hinaus.
Ich sah mich im Zimmer um. Die Wände waren mit einigen Bildern geschmückt -- Dutzendware --, gegenüber der Tür stand eine Chaiselongue, kein Tisch, nur noch einige Sessel. --
Aber was mir jetzt erst auffiel -- das Zimmer hatte ja gar kein Fenster! Eine elektrische Krone erhellte es, es war aber doch Tag. Es konnte höchstens zwölf Uhr sein! --
Noch immer kam Herbert nicht wieder.
Hinter mir rauschte ein Seidenkleid -- eine Tür hatte ich nicht gehen hören. Ich drehte mich aufhorchend um, eine Dame stand vor mir und lächelte mich an.
Es war eine große, kräftig gebaute Frau im Alter von ungefähr fünfzig Jahren. Sie war sehr elegant gekleidet, sah aber trotzdem sehr gewöhnlich aus, denn ihr Gesicht war unangenehm und brutal. --
»Sie müssen Herrn Smith einen Augenblick entschuldigen. Er hat erst noch rasch etwas zu erledigen, wird aber sofort hier sein. Darf ich Ihnen einstweilen eine kleine Erfrischung anbieten?«
Und ohne eine Erwiderung abzuwarten, trat sie an einen kleinen Seitenschrank und goß zwei Gläser voll Wein, von denen sie mir das eine anbot; das andere stellte sie auf ein kleines Ziertischchen, in dessen Nähe sie sich niederließ. --
Ich hatte bis jetzt noch kein Wort gesprochen.
Ich saß da mit meinem Weinglas in der Hand und sah mich hilflos um. Ich hätte es gern hingesetzt, aber ein Tisch schien in diesem Zimmer ein überflüssiges Möbel zu sein. --
»Trinken Sie, liebes Kind, Sie werden erschöpft sein. Ich nehme Ihnen dann das Glas wieder ab,« sagte meine liebenswürdige Wirtin -- die Gattin des Pfarrers, wie ich damals annahm.
Ich war wirklich durstig, aber noch mehr hungrig. Ich hatte seit dem Frühstück nichts mehr genossen, und auch da vor lauter Aufregung nur wenig. Ich tat deshalb einen guten Zug aus meinem Glase, dann nahm sie mir das Glas ab und setzte sich mir gegenüber.
Was sie zu mir gesprochen, weiß ich nicht; mich überfiel eine seltsame, bleierne Müdigkeit, ich riß einige Male mit Gewalt die Augen auf, aber dann konnte ich nicht mehr dagegen ankämpfen. Ich bin dann wohl eingeschlafen. -- --
Als ich erwachte, war es Nacht. Ich lag ausgezogen auf einem Bett. Im Zimmer war es ganz finster.
Ich versuchte mühsam, meine Gedanken zu sammeln. Wo war ich? Was war mit mir geschehen? War ich krank gewesen? Mir war sonderbar benommen im Kopf. Ich sann und sann und kam zu keiner Klarheit.
Müde schlief ich endlich wieder ein. -- --
Das Geräusch einer schließenden Tür weckte mich. Als ich die Augen aufschlug, war es Tag, und die Frau von gestern stand vor meinem Bett.
»Nun, ausgeschlafen?« fragte sie.
Ich sah sie verständnislos an.
»Wo ist Herbert?« fragte ich, nachdem ich meine Gedanken einigermaßen gesammelt hatte.
»Sie meinen Herrn Smith? Der hat noch gestern wieder abreisen müssen, liebes Kind. Aber er kommt wieder, sobald er nur irgend kann. Seien Sie nur zufrieden, Sie sind bei Freunden. Sie werden es gut bei uns haben, wenn Sie schön artig und vernünftig sind.«
»Aber wo bin ich denn! Bei wem?« fragte ich dringend. »Ich muß doch zu meiner Tante!«
»Es ist leider niemand gekommen, der Sie hat abholen wollen. Wir haben gestern sofort nachfragen lassen. Sie müssen deshalb schon bei uns bleiben. Nun ruhen Sie sich nur noch recht schön aus, ich schicke Ihnen gleich etwas Frühstück herauf. Später kommen Sie dann auch mal herunter in den Salon. Vorläufig ruhen Sie noch.« -- --
Sie ging, und ich war wieder allein. Doch nicht lange.
Ein Mädchen kam und brachte mir Kaffee und Gebäck.
Aber wie sah die Person denn aus! Schrecklich! Wie konnte man denn so ein Geschöpf um sich haben? Ganz entzündete Augen und auch sonst so ekelhaft.
Sie sah mir den Widerwillen wohl an und lachte häßlich.
»Wenn du Glück hast, mein Engel, so siehst du eines Tages auch so hübsch aus,« sagte sie frech.
»Wie meinen Sie das?« fragte ich.
Sie antwortete nicht, drehte sich um und ging hinaus.
Ich mochte nichts anrühren von dem, was dieses Geschöpf in den Händen gehabt hatte. Der Kaffee wurde kalt.