Sämtliche Werke 9-10

Part 78

Chapter 783,985 wordsPublic domain

oder so ähnlich, ich kann alles eher, als Verse behalten. Ich habe das Gedicht hier irgendwo, ich werde es Ihnen später zeigen. Und wissen Sie, es war darin nicht nur vom Füßchen die Rede, sondern es handelte sich um eine belehrende Idee, nur habe ich vergessen, um welch eine eigentlich. Nun, ich lobte natürlich das Gedicht, und er war offenbar sehr geschmeichelt. Da aber erscheint plötzlich Pjotr Iljitsch, und Michail Iwanowitsch wird finster wie die Nacht. Ich bemerkte sofort, daß er ihm sehr ungelegen kam, da er wahrscheinlich nach dem Gedicht noch anderes hatte sagen wollen. Und da nahm ich denn das Gedicht und zeigte es Pjotr Iljitsch, ohne zu sagen, wer es verfaßt hatte. Ich bin aber überzeugt, überzeugt sage ich Ihnen, daß er sofort erriet, wer der Dichter war, obgleich er auch jetzt noch immer sagt, er hätte es nicht erraten, – aber das tut er ja absichtlich. Nun, Pjotr Iljitsch lachte sofort hell auf und dann begann er zu kritisieren: ganz erbärmliche Verschen wären das, sagte er, die kann höchstens ein Seminarist verbrochen haben, und, wissen Sie, er sagte es mit so einer Sicherheit – und so überlegen urteilte er! Da aber geriet Ihr Freund, anstatt gleichfalls zu lachen, geradezu außer sich. Gott, ich glaubte schon, sie würden handgemein werden. ‚Ich habe dieses Gedicht verfaßt,‘ sagte er plötzlich. ‚Ich habe es nur zum Scherz geschrieben,‘ sagt er, ‚denn im allgemeinen halte ich es für eine Unwürdigkeit, Gedichte zu schreiben ... Nur ist mein Gedicht gut. Ihrem Puschkin will man für seine Gedichte über die Frauenfüßchen ein Denkmal errichten, mein Gedicht drückt aber noch eine besondere Idee aus. Im übrigen,‘ sagt er, ‚sind Sie ja schließlich doch nur ein Anhänger der konservativen Partei, der gegen die Aufhebung der Leibeigenschaft ist. Sie,‘ sagte er, ‚wissen überhaupt nichts von Humanität, von den zeitgenössischen Gefühlen fühlen Sie überhaupt nichts, die menschliche Entwicklung hat Sie überhaupt noch nicht berührt, Sie sind nur ein höherer Beamter, der Schmiergelder nimmt!‘ Da aber unterbrach ich ihn, das war zuviel! Pjotr Iljitsch aber blieb ganz ruhig und kühl: er blickte ihn nur spöttisch an, hörte ihm gleichmütig zu und machte dann seine Entschuldigung. ‚Ich wußte nicht, daß Sie der Verfasser sind,‘ sagte er. ‚Wenn ich es gewußt hätte, so hätte ich das Gedicht gelobt und nicht getadelt ... Die Dichter,‘ sagte er, ‚sind heutzutage alle sehr empfindlich ...‘ Kurz, eine Menge ähnlicher spöttischer Bemerkungen unter dem Anschein der höflichsten Entschuldigungen. Er hat mir später selbst erklärt, daß es Spötteleien waren, zuerst glaubte ich, er meinte es wirklich ernst damit. Ich lag hier, wie ich auch jetzt hier liege, und dachte so bei mir: was soll ich tun, soll ich nun Michail Iwanowitsch die Tür weisen dafür, daß er in meinem Hause so meine Gäste zu beleidigen wagt? Und, glauben Sie mir, ich lag, ich bedeckte die Augen mit der Hand und dachte bei mir: Soll ich es tun oder soll ich es nicht tun? Und ich konnte mich nicht entscheiden, und ich quälte mich, und das Herz klopfte: Soll ich oder soll ich nicht? Die eine Stimme sagte ja, die andere nein. Kaum aber hatte die Stimme nein gesagt – da tat ich es. Und gleich darauf fiel ich in Ohnmacht. Nun, da gab es dann natürlich eine große Aufregung. Darauf erhob ich mich und sagte Michail Iwanowitsch, es täte mir leid, ihm sagen zu müssen, daß ich ihn nicht mehr in meinem Hause empfangen könne. Und das war alles. Ach, Alexei Fedorowitsch, ich weiß ja selbst, daß es nicht gut von mir war, daß es eine erlogene Handlung von mir war, ich ärgerte mich ja gar nicht über ihn, aber es hatte mir plötzlich geschienen – daß es so plötzlich kam, war ja das ganze Verhängnis – es hatte mir geschienen, daß es sich sehr schön machen würde, wenn ich es sagte ... Nur glauben Sie mir, diese Szene war wirklich aufrichtig von mir, ich weinte sogar, und später habe ich noch tagelang darüber geweint ... Nur weiß ich nicht mehr, wie ich eines schönen Tages nach dem Essen plötzlich den ganzen Vorfall vergaß. Und da stellte er denn seine Besuche ein, seit zwei Wochen habe ich ihn nicht mehr gesehen, und so habe ich mich schon gefragt: Sollte er denn wirklich überhaupt nicht mehr kommen? Das war noch gestern. Und da erhalte ich plötzlich abends die ‚Gerüchte‘. Ich las sie und schlug die Hände zusammen! Wer soll denn das geschrieben haben, wenn nicht er? Er ist von mir nach Haus gegangen, hat sich hingesetzt und geschrieben, abgeschickt, und nun haben wir es hier gedruckt! Das war ja doch vor zwei Wochen! Ach, Aljoscha, es ist schrecklich, was ich rede! Und immer gar nicht davon, wovon ich eigentlich reden will! Es spricht sich ganz von selbst.“

„Ich habe heute leider sehr wenig Zeit, ich muß mich beeilen, um noch rechtzeitig zu meinem Bruder ins Gefängnis zu kommen,“ stotterte Aljoscha und machte gleichzeitig den Versuch, sich von der lebhaften Dame zu verabschieden, doch wurde er sofort von ihr unterbrochen.

„Da ist es ja! Gott sei Dank, Sie haben mich daran erinnert! Hören Sie, was ist das, ein Affekt?“

„Was für ein Affekt?“ fragte Aljoscha verwundert.

„Ein gerichtlicher Affekt. Das ist so ein Affekt, ich verstehe es selbst nicht zu erklären, aber jedenfalls wird einem dann alles verziehen. Was Sie auch verbrochen hätten – Ihnen wird sofort alles verziehen.“

„Ich verstehe nicht recht, was Sie meinen.“

„Hören Sie, hören Sie: Diese Katjä ... Ach, sie ist ein so liebes, liebes Geschöpf, nur kann ich auf keine Weise herausbekommen, in wen sie nun eigentlich verliebt ist! Vor kurzem saß sie noch bei mir, ich konnte aber nichts erraten. Um so weniger, als sie jetzt selbst anfängt mit mir so oberflächlich zu reden, sie interessiert sich jetzt scheinbar nur noch für meine Gesundheit und sonst für nichts, und so hat sie jetzt auch diesen Ton angenommen. Ich habe mir schon gesagt: Nun, Gott mit ihr, mag sie doch ... Ach ja, richtig, also der Affekt: Dieser Doktor ist jetzt angekommen ... Wissen Sie, daß er schon angekommen ist? Ach, nun, wie sollten Sie es denn nicht wissen, der die Verrückten durchschaut, Sie haben ihn doch selbst hergerufen, das heißt, nein, nicht Sie, sondern Katjä. Immer Katjä! Nun, das ist einfach so: Es sitzt ein ganz gesunder Mensch, der nicht ein bißchen verrückt ist, und plötzlich hat er einen Affekt. Er weiß sehr wohl, was er tut, er ist vollkommen bei Sinnen, doch trotzdem ist er im Affekt. Nun, so ist denn auch Ihr Bruder bestimmt im Affekt gewesen. Das hat man jetzt, vor kurzem, als die neuen Gerichte eingeführt wurden, sofort entdeckt. Das ist wiederum eine Wohltat der neuen Gerichte. Dieser Doktor war auch bei mir, um von mir zu erfahren, wie Ihr Bruder damals, kurz vor dem Morde, an jenem Abend, sich bei mir aufgeführt habe? Wie soll er denn nicht im Affekt gewesen sein? Er kommt herein und schreit: Geben Sie mir Geld, dreitausend Rubel, sofort, – und dann läuft er hinaus und erschlägt den Vater. Ich will nicht, sagt er womöglich noch, ich will nicht erschlagen, doch da ist es schon gegen seinen Willen geschehen. Deswegen wird man ihn jetzt auch freisprechen, weil er im Affekt, sozusagen gegen seinen Willen, erschlagen hat.“

„Aber er hat ja gar nicht den Vater erschlagen,“ unterbrach sie Aljoscha etwas scharf. Unruhe und Ungeduld erfaßten ihn immer mehr.

„Ich weiß, ich weiß, Grigorij hat Ihren Vater erschlagen ...“

„Was, Grigorij? Wieso?“ rief Aljoscha aufs äußerste erregt.

„Selbstverständlich, wer denn sonst? Nachdem ihn Ihr Bruder mit dem Keulenschlage zu Boden gestreckt hatte, lag er bewußtlos am Zaun, dann aber stand er auf, sah, daß die Tür offen war, ging hin und erschlug Ihren Vater.“

„Aber warum, warum?“

„Ganz einfach, weil er einen Affekt hatte. Nach dem Schlage erwachte er, bekam einen Affekt, ging hin und erschlug. Und was das betrifft, daß er diese Tat leugnet, so ist es doch sehr leicht möglich, daß er sich ihrer gar nicht mehr erinnert. Nur sehen Sie: Es wäre viel besser, wenn Dmitrij Fedorowitsch es getan hätte. Und er hat es ja auch getan, ganz abgesehen davon, daß ich sage, Grigorij hätte es getan. Aber es ist ja bestimmt Dmitrij Fedorowitsch gewesen, und das ist auch viel, viel besser! Ach, nicht deswegen besser, weil der Sohn dann den Vater erschlagen hat, das meine ich nicht, Kinder müssen, im Gegenteil, ihre Eltern immer achten, – nur wäre es trotzdem besser, wenn er es getan hätte. Dann haben Sie doch gar keinen Grund mehr, zu weinen, da er doch, ohne zu wissen, was er tat, den Vater erschlagen hat, oder richtiger, er wußte alles, was er tat, wußte aber nur nicht, was mit ihm selbst geschah. Nein, möge man ihn lieber auf Grund des Affektes freisprechen. Das wäre so human, und zudem würde man endlich einmal die Wohltat des neuen Gerichtes einsehen. Denken Sie nur, ich wußte bis jetzt noch nichts davon, als ich aber gestern davon erfuhr, traf es mich dermaßen, daß ich sofort zu Ihnen schicken wollte, um Sie herzubitten. Und dann, wenn er freigesprochen ist, werde ich ihn unverzüglich zu mir zum Diner einladen – ihn und alle meine Bekannten. Dann können wir auf das Wohl der neuen Gerichte trinken. Ich glaube nicht, daß er gefährlich sein wird, und zudem kann ich ja so viel Gäste einladen, daß man ihn im äußersten Fall bändigen könnte. Und dann könnte er in einer kleinen Stadt Friedensrichter werden oder so etwas Ähnliches, denn wer selbst vor Gericht gewesen ist, der kann am besten andere richten. Sagen Sie doch, bitte, wer ist denn jetzt in unserer Zeit nicht im Affekt? Wir sind es doch alle, ohne Ausnahme: Sie, ich, alle, alle, und wieviel andere Beispiele! Da sitzt zum Beispiel ein Mensch, singt eine Romanze, plötzlich gefällt ihm irgend etwas nicht, er nimmt eine Pistole und erschießt den ersten besten, und darauf wird er freigesprochen, und alle verzeihen ihm. Ich habe das vor kurzem gelesen. Und denken Sie, alle Doktoren geben ihm recht. Die Doktoren sprechen jetzt einen jeden frei, einen jeden. Aber ich bitte Sie, selbst Lise ist bei mir im Affekt, noch gestern habe ich ihretwegen geweint, vorgestern gleichfalls. Erst heute erriet ich, daß es bei ihr einfach ein Affekt ist. Ach, Lise machte mir soviel Sorgen! Ich glaube, sie ist ganz von Sinnen. Warum hat sie Sie hergerufen? Sie hat es doch getan, oder sind Sie von selbst zu ihr gekommen?“

„Ja, sie hat mich gerufen, und ich werde jetzt zu ihr gehen,“ sagte Aljoscha, der sich entschlossen erhob.

„Ach, lieber, lieber Alexei Fedorowitsch, das ist ja vielleicht gerade die Hauptsache!“ rief sofort Frau Chochlakoff mit Tränen in den Augen. „Gott ist mein Zeuge, daß ich Ihnen Lise von ganzem Herzen anvertraue, und es hat ja auch schließlich weiter nichts zu sagen, daß sie Sie heimlich hinter meinem Rücken zu sich ruft. Aber Iwan Fedorowitsch, Ihrem Bruder, – verzeihen Sie, daß ich es so offen sage –, nein, dem kann ich meine Tochter nicht so leichten Herzens anvertrauen, wenn ich ihn auch nach wie vor für den ritterlichsten jungen Mann halte. Und denken Sie sich nur, jetzt ist er plötzlich bei Lise gewesen, und ich habe nichts davon gewußt!“

„Wie? Was? Wann?“ fragte Aljoscha äußerst erstaunt. Er setzte sich nicht wieder hin, sondern hörte stehend zu.

„Ich werde Ihnen sofort alles erzählen, habe ich Sie doch vielleicht nur deswegen herrufen lassen, denn ich weiß wirklich nicht mehr, warum ich es eigentlich tat. Also hören Sie: Iwan Fedorowitsch ist nach seiner Rückkehr aus Moskau im ganzen nur zweimal bei mir gewesen, daß erstemal, um als Bekannter seine Visite zu machen, und das zweitemal, das war vor nicht langer Zeit, da hatte er erfahren, daß Katjä bei mir war, und so trat er denn auf einen Augenblick ein. Ich habe natürlich keine Ansprüche darauf, daß er mich oft besuche, da ich ja weiß, wieviel Scherereien er auch ohnedem schon hat, _vous comprenez – toute cette affaire et la mort terrible de votre papa_. Und da erfahre ich nun plötzlich, daß er wieder hier gewesen sei, nur nicht etwa bei mir, sondern bei Lise! Das war vor ungefähr sechs Tagen. Er war gekommen, hatte fünf Minuten bei ihr gesessen und war dann wieder gegangen. Ich aber erfuhr das erst nach ganzen drei Tagen durch Glafira, so daß es mich sofort stutzig machte. Ich rief Lise unverzüglich zu mir, sie aber lachte nur: er glaubte, sagte sie, daß Sie schliefen, und sprach bei mir vor, um sich nach Ihrem Befinden zu erkundigen. So war es natürlich auch gewesen. Nur Lise, Lise, o Gott, was sie mir für Sorgen macht! Stellen Sie sich vor, plötzlich hat sie in einer Nacht – das war vor ungefähr vier Tagen, gleich nachdem, als Sie das letztemal hier waren und fortgingen – plötzlich hat sie in der Nacht einen Anfall! Warum habe ich nie solche Anfälle? Darauf hat sie noch am zweiten und dann noch am dritten Tage Anfälle, und dann – gestern war’s – plötzlich dieser Affekt! Mit einemmal schreit sie: ‚Ich hasse Iwan Fedorowitsch, ich verlange von Ihnen, daß Sie ihn überhaupt nicht mehr empfangen, daß Sie ihm verbieten, uns zu besuchen!‘ Ich war einfach starr. Und so plötzlich! Ich sagte ihr nur: Warum sollte ich denn einen so prächtigen jungen Mann nicht empfangen, der außerdem von so fabelhafter Intelligenz ist und nun noch so viel Unglück zu ertragen hat, denn alle diese Geschichten – die sind doch Unglück, aber kein Glück, nicht wahr? Und denken Sie sich, Sie lacht mir daraufhin ganz unverhohlen ins Gesicht und lacht dazu noch so, wissen Sie, so kränkend! Nun, ich sagte mir, du kannst froh sein, daß du sie wenigstens erheitert hast, jetzt werden die Anfälle vergehen, um so mehr, als ich selbst bereits beabsichtigte, Iwan Fedorowitsch wegen seiner sonderbaren Visiten bei meiner Tochter, ohne meine Erlaubnis, zur Rede zu stellen. Heute morgen erwacht Lise, ärgert sich wegen irgendeiner Kleinigkeit über Julija und schlägt sie mit der Hand ins Gesicht. Denken Sie sich – sie gibt ihr eine Ohrfeige! Das ist doch monströs! Aber hören Sie weiter. Plötzlich, nach einer Stunde, umarmt sie Julija, fällt vor ihr nieder und küßt ihr die Füße! Mir aber läßt sie sagen, daß sie überhaupt nicht mehr zu mir kommen werde, daß sie hinfort nie mehr zu mir kommen wolle. Und als ich mich selbst, so gut ich konnte, zu ihr hinbegab, da stürzte sie mir entgegen und bedeckte mich mit Küssen, und küssend drängte sie mich immer weiter zurück, so daß ich schließlich durch die Tür wieder hinaus mußte, aber sie sagte dabei kein Wort, und so war ich denn nicht klüger als zuvor. Jetzt habe ich, lieber Alexei Fedorowitsch, meine ganze Hoffnung auf Sie gesetzt. Das Glück meines ganzen Lebens ist in Ihren Händen. Ich bitte Sie ganz offen, zu Lise zu gehen. Versuchen Sie, etwas von ihr zu erfahren, so wie nur Sie allein das verstehen, und dann kommen Sie her und sagen Sie es mir, mir, der Mutter, denn Sie begreifen doch, daß ich sonst sterbe, einfach sterben muß, wenn sich das noch fortsetzt. Oder ich werde aus dem Hause laufen. Ich kann das nicht mehr ertragen. Ich habe gewiß Geduld, aber ich kann sie doch auch einmal verlieren, und dann ... was wird dann sein? Entsetzlich! Ach, mein Gott, endlich, Pjotr Iljitsch!“ rief plötzlich strahlend Frau Chochlakoff, als sie Perchotin, der sofort nach dem Diener eintrat, erblickte. „Wie Sie sich aber verspätet haben! Nun, setzen Sie sich, bitte, sagen Sie, erlösen Sie mich, nun, wie steht es mit diesem Advokaten? Wohin, wohin gehen Sie, Alexei Fedorowitsch?“

„Ich will zu Lise ...“

„Ach ja! richtig! Aber vergessen Sie nicht, vergessen Sie nicht, um was ich Sie gebeten habe! Hier handelt es sich doch um mein ganzes Leben!“

„Ich werde es nicht vergessen, wenn es nur angeht ... ich habe mich schon so verspätet,“ stotterte Aljoscha, der eiligst verschwinden wollte.

„Nein, bestimmt, bestimmt! Nicht ‚wenn es angeht‘, sonst sterbe ich!“ rief ihm Frau Chochlakoff nach, doch Aljoscha schloß bereits die Tür.

III. Das Teufelchen

Als er bei Lisa eintrat, fand er sie halb liegend in dem Rollstuhl, in dem man sie früher, als sie noch nicht wieder gehen konnte, gefahren hatte. Sie rührte sich nicht, um ihm entgegenzutreten, aber ihr durchdringender, gleichsam scharf und spitz gewordener Blick schien ihn durchbohren zu wollen. Ihre Augen glänzten wie im Fieber, und ihr Gesicht war bleich. Aljoscha wunderte sich darüber, daß sie sich in drei Tagen dermaßen verändert hatte, sie schien geradezu abgemagert zu sein. Sie reichte ihm nicht die Hand. Da trat er zu ihr und berührte selbst ihre schmalen langen Fingerchen, die regungslos auf ihrem Kleide lagen, und setzte sich dann schweigend ihr gegenüber.

„Ich weiß, daß Sie keine Zeit haben, Sie wollen ins Gefängnis zu Ihrem Bruder gehen,“ sagte Lisa scharf, „Mama aber hat Sie zwei Stunden lang aufgehalten und Ihnen von mir und Julija erzählt.“

„Woher wissen Sie das?“ fragte Aljoscha.

„Ich habe gehorcht. Warum sehen Sie mich so an? Ich will horchen, und ich horche, und es ist nichts Schlechtes dabei. Ich will mich durchaus nicht entschuldigen.“

„Sie scheinen durch etwas mißgestimmt zu sein.“

„Im Gegenteil, ich bin sehr froh. Ich habe soeben noch zum dreißigstenmal darüber nachgedacht, wie gut es ist, daß ich Ihnen abgesagt habe und nicht Ihre Frau werde. Sie taugen nicht zum Ehemann. Sie würden, wenn ich Sie heiratete, alles tun, was ich Ihnen sage. Wenn ich Ihnen dann einen Zettel gebe, um ihn dem zu überbringen, in den ich mich nach Ihnen verliebt habe, so würden Sie bestimmt hingehen und ihm den Zettel abgeben und mir womöglich noch die Antwort überbringen. Sie werden vierzig Jahre alt werden und immer noch so meine Liebesbriefe überbringen.“

Sie lachte plötzlich auf.

„In Ihnen ist heute etwas Boshaftes und zugleich doch auch Aufrichtiges,“ sagte Aljoscha, und lächelte ihr zu.

„Das Aufrichtige ist, daß ich mich nicht vor Ihnen schäme. Und nicht nur das, ich _will_ mich nicht einmal vor Ihnen schämen, gerade vor Ihnen nicht. Aljoscha, sagen Sie, warum achte ich Sie nicht? Ich liebe Sie sehr, aber ich kann Sie nicht achten. Wenn ich Sie achtete, so würde ich doch nicht so ohne Scham mit Ihnen reden, das ist doch so?“

„Ja, das wäre so.“

„Aber glauben Sie auch, daß ich mich nicht vor Ihnen schäme?“

„Nein, das glaube ich nicht.“

Lisa lachte wieder nervös auf. Sie sprach schnell und sich überhastend.

„Ich habe Ihrem Bruder Dmitrij Fedorowitsch Konfekt ins Gefängnis geschickt. Aljoscha, wissen Sie auch, wie reizend Sie sind? Ich werde Sie schrecklich lieben, und zwar deswegen, weil Sie mir so schnell erlaubt haben, Sie nicht zu lieben.“

„Warum haben Sie mich heute zu sich gerufen, Lise?“

„Ich wollte Ihnen nur einen meiner Wünsche mitteilen, den ich jetzt beständig habe. Ich will, daß mich jemand foltere, mich heiratete und dann folterte, betröge, mich verließe und fortginge. Ich will nicht glücklich sein!“

„Sie haben die Unordnung lieb gewonnen?“

„Ach ja, ich will vor allem Unordnung! Ich will immer unser Haus anzünden. Ich stelle mir alles ganz genau vor: wie ich so heranschleiche und heimlich anzünde, unbedingt heimlich, das ist sogar die Hauptsache. Und alle kommen und löschen, das Haus aber brennt. Und ich weiß es, doch ich schweige. Ach, Dummheiten! Und wie langweilig es ist!“

Sie machte eine Handbewegung, als wenn es sie anekelte.

„Sie leben im Überfluß,“ sagte Aljoscha leise.

„Ist denn in Armut zu leben, etwa besser?“

„Ja.“

„Das hat Ihnen Ihr verstorbener Staretz in den Kopf gesetzt. Es ist aber nicht wahr. Nun gut, dann bin ich reich, und alle anderen sind arm; ich werde Schokolade und Marzipan essen und Sahne trinken, den anderen aber nichts davon geben. Ach, sprechen Sie nicht, sagen Sie nichts“ (sie winkte ihm heftig mit der Hand ab, obgleich Aljoscha nicht einmal den Mund aufgetan hatte), „Sie haben mir das alles schon früher gesagt, ich kann es ja schon auswendig. Langweilig ist es. Wenn ich arm wäre, so würde ich jemanden totschlagen, – aber auch wenn ich reich bin, werde ich jemanden totschlagen – wozu so stillsitzen! Wissen Sie, ich will Korn schneiden, Roggen will ich schneiden. Ich werde Sie heiraten, und Sie werden Bauer werden, ein richtiger, echter Landbauer; dann kaufen wir uns ein kleines Pferdchen, wollen Sie? Kennen Sie Petruscha Kalganoff?“

„Ja.“

„Er geht die ganze Zeit umher und träumt. Er sagt, warum soll man in der Wirklichkeit leben, besser ist träumen. Vorträumen kann man sich das Schönste, leben aber ist langweilig. Er wird bald heiraten, er hat auch mir seine Liebe gestanden. Verstehen Sie, Kreisel zu treiben?“

„Ja, ich glaube.“

„Sehen Sie, er ist ganz wie ein Kreisel: man stellt ihn hin, wickelt das Peitschenende ums Füßchen, zieht dann die Geschichte los, und er dreht sich, dreht sich, und man peitscht, peitscht, peitscht, damit er sich immer weiter drehe. Ich werde ihn heiraten und ihn das ganze Leben lang so treiben wie Kinder ihren Kreisel. Geniert es Sie nicht, bei mir zu sitzen?“

„Nein.“

„Es ärgert Sie schrecklich, daß ich nicht von Heiligem mit Ihnen spreche. Ich will nicht heilig sein. Sagen Sie, was geschieht mit einem in jener anderen Welt, was wird dort für die ärgste Sünde mit uns getan? Das müssen Sie doch ganz genau wissen.“

„Gott richtet,“ sagte Aljoscha, der sie aufmerksam beobachtete.

„Das ist gut, so will ich es auch haben. Ich würde hinkommen, und sie alle würden mich dort verurteilen, und ich würde ihnen dann ins Gesicht lachen. Ich will schrecklich gern etwas anzünden, Aljoscha, am liebsten unser Haus, – Sie glauben es mir nicht?“

„Warum nicht? Es gibt sogar kleine Kinder, die noch nicht einmal zwölf Jahre alt sind und doch denselben Wunsch haben. Und schließlich zünden sie auch tatsächlich etwas an. Es ist eine Art Krankheit.“

„Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr, mögen das Kinder tun, davon rede ich nicht.“

„Sie halten das Böse für gut. Das ist nur eine vorübergehende Krise, an der vielleicht Ihre frühere Krankheit schuld ist.“

„Aha, Sie verachten mich also! Nein, ich will einfach nichts Gutes tun, ich will nur Böses tun, und von Krankheit ist hier keine Spur.“

„Warum wollen Sie denn Böses tun?“

„Einfach damit nichts mehr übrigbleibt. Ach, wie schön das wäre, wenn nichts mehr übrig bliebe! Wissen Sie, Aljoscha, ich nehme mir zuweilen vor, schrecklich viel Böses zu tun und alles, was es nur Schlechtes gibt, und ich werde es lange, lange ganz heimlich tun, und dann plötzlich werden es alle erfahren. Alle werden sie mich umringen und mit den Fingern auf mich weisen, ich aber werde sie alle ansehen. Das ist sehr angenehm. Warum ist das so angenehm, Aljoscha?“

„So. Das Bedürfnis etwas Gutes zu vernichten oder auch, wie Sie sagen, etwas anzuzünden. Das kommt gleichfalls vor.“

„Aber ich habe es doch nicht nur gesagt, ich werde es doch auch tun.“

„Das will ich glauben.“

„Ach, wie ich Sie dafür liebe, daß Sie gesagt haben: Das will ich glauben. Und Sie lügen ja dabei nicht einmal! Vielleicht aber glauben Sie, daß ich es Ihnen absichtlich nur so sage, um Sie zu necken?“

„Nein, das glaube ich nicht ... übrigens ist vielleicht auch dieses Bedürfnis mit im Spiel.“

„Ein wenig, ja. Ich werde Sie nie belügen,“ sagte sie plötzlich, und in ihren Augen begann ein arges, kleines Feuer zu glühen.

Was Aljoscha am meisten stutzig machte, das war ihr Ernst: nicht einmal ein Schatten von Spott oder Scherz war auf ihrem Gesicht zu sehen, was früher selbst in den „ernstesten“ Minuten nie der Fall gewesen war.

„Es gibt Augenblicke, in denen die Menschen das Verbrechen geradezu lieben,“ sagte Aljoscha, in Gedanken versunken.

„Ja, ja! Sie haben meinen Gedanken ausgedrückt, ich wollte das selbst sagen. Alle lieben es, und immer lieben sie es, immer, nicht nur in ‚Augenblicken‘. Wissen Sie, es ist, als ob sich alle einmal verabredet hätten, in diesen Dingen immer zu lügen, und seit der Zeit lügen sie auch wirklich alle. Alle sagen, sie haßten das Schlechte, im geheimen aber lieben sie es doch alle, alle!“

„Lesen Sie immer noch schlechte Bücher?“

„Ja, ich lese sie immer noch. Mama liest sie und steckt sie unters Kissen, und ich stibitze sie dann und schleppe sie zu mir.“

„Schämen Sie sich denn nicht, sich so zu verderben?“