Sämtliche Werke 9-10

Part 77

Chapter 773,277 wordsPublic domain

Aljoscha saß in Gedanken versunken und schien über etwas zu grübeln. Die Nachricht hatte ihn offenbar nicht wenig stutzig gemacht.

„Iwan hat mit mir kein einziges Mal über Mitjä gesprochen,“ sagte er langsam, „und überhaupt hat er in diesen zwei Monaten wenig mit mir gesprochen, und wenn ich zu ihm gegangen bin, ist er über mein Kommen stets ungehalten gewesen, so daß ich ihn jetzt seit drei Wochen nicht mehr gesprochen habe,“ sagte er gleichsam vor sich hin. „Ja ... Wenn er vor einer Woche bei Mitjä gewesen ist, so – allerdings ... in dieser Woche ist auch mir eine gewisse Veränderung an Mitjä aufgefallen ...“

„Nicht wahr? Nicht wahr?“ griff Gruschenka sofort eifrig auf. „Sie haben ein Geheimnis, sicher ein Geheimnis! Mitjä hat mir selbst gesagt, daß sie ein Geheimnis haben, und weißt du, ein solches Geheimnis, daß Mitjä sich darüber nicht mehr beruhigen kann! Früher war er doch noch so heiter, er ist es ja auch jetzt, nur, weißt du, wenn er so den Kopf schüttelt und auf und ab schreitet und sich so mit der rechten Hand in die Haare fährt und die Haare an der rechten Schläfe zupft, dann weiß ich doch, daß er etwas auf der Seele hat, das ihn beunruhigt ... ich kenne ihn doch! ... Sonst war er immer heiter – auch heute war er es!“

„Du sagtest doch, er sei gereizt gewesen?“

„Ja, gewiß, das war er, aber er war dann auch wieder heiter. Er ist eigentlich immer gereizt, plötzlich aber wird er auf eine Minute ganz heiter, und dann ist er plötzlich wieder gereizt. Und weißt du, Aljoscha, ich muß mich immer nur über ihn wundern: denk doch nur, was ihm bevorsteht, er aber kann zuweilen über die geringsten Dummheiten lachen, ganz als ob er ein kleines Kind wäre.“

„Und ist es wirklich wahr, daß er dir verboten hat, mir etwas von Iwans Besuch zu sagen? Hat er sich wirklich so ausgedrückt: ‚sage ihm nichts davon‘?“

„Ja, genau so: sage ihm nichts davon. Dich fürchtet er ja am meisten, Mitjä meine ich. Denn hier handelt es sich um ein Geheimnis, das hat er mir selbst gesagt ... Aljoscha, Täubchen, geh hin und versuch du herauszubekommen, was es ist? – was sie da für ein Geheimnis haben – und komm dann her und sag es mir!“ wandte sich Gruschenka plötzlich flehend an Aljoscha. „Erlöse mich von der Ungewißheit, sage mir alles, damit ich wenigstens weiß, was mich erwartet! Du weißt nicht, wie das ist, sein verfluchtes Schicksal zu ahnen, und doch nichts zu wissen! Geh, Aljoscha, nur deswegen habe ich dich herbitten lassen!“

„Du glaubst, daß es sich dabei um dich handelt? Dann hätte er doch dir nichts von dem Geheimnis gesagt.“

„Ich weiß nicht, um was es sich dabei handelt. Vielleicht will er es mir sagen, wagt es aber nicht. Er will mich nur vorbereiten. Ein Geheimnis, sagt er, sei es; was für ein Geheimnis aber, das hat er mir nicht gesagt.“

„Aber du, was vermutest du denn?“

„Was soll ich vermuten! Mein Ende ist gekommen, das ist es, was ich vermute. Das haben sie alle drei mir bereitet, denn hier steckt doch Katjka dahinter. Von ihr geht alles aus. ‚Katjä ist dieses und Katjä ist jenes,‘ sagt er, das bedeutet also, daß ich nicht dieses und jenes bin. Das sagt er absichtlich, das schickt er voraus – will mich vorbereiten. Verlassen will er mich, sieh, das ist sein ganzes Geheimnis! Das haben sie sich alle drei ausgedacht – Mitjka, Katjka und Iwan Fedorowitsch. Aljoscha, ich wollte dich schon lange fragen ... vor einer Woche teilte er mir auf einmal mit, daß Iwan Fedorowitsch in Katerina Iwanowna verliebt sein soll, und darum so oft zu ihr hingehe. Hat er mir die Wahrheit gesagt, oder hat er gelogen? Sage es mir auf dein Gewissen, schone mich nicht!“

„Ich werde dir die Wahrheit sagen. Iwan ist nicht in Katerina Iwanowna verliebt, so denke ich wenigstens.“

„Das habe auch ich mir damals gleich gedacht! Er belügt mich einfach wie ein Schamloser, das sehe ich jetzt vollkommen ein! Und darum spielt er auch jetzt den Eifersüchtigen, um dann später alles auf mich abwälzen zu können. Er ist doch ein dummer Junge, er versteht ja nichts zu verheimlichen, er ist doch so aufrichtig ... Aber ich werde ihn, ich werde ihn! ‚Du glaubst,‘ sagt er mir, ‚daß ich ihn erschlagen habe‘ – das sagt er mir, mir, das wirft er mir vor! Nun, Gott mit ihm! Aber diese Katjka wird noch etwas von mir zu hören bekommen vor Gericht! Ich werde ihr dort ein paar Worte sagen ... Oh, dort werde ich alles sagen!“

Und wieder weinte sie verzweifelt.

„Höre, Gruschenka, in einem kann ich dich aufs bestimmteste beruhigen,“ sagte Aljoscha und erhob sich. „Erstens, daß er dich liebt, dich mehr als alles auf der Welt liebt, und zwar dich ganz allein, das kannst du mir glauben. Ich weiß es. Ich weiß es ganz gewiß. Und zweitens erkläre ich dir, daß ich, was das Geheimnis betrifft, ihn nicht ausforschen will. Wenn er es mir heute selbst mitteilt, so werde ich ihm offen sagen, daß ich dir versprochen habe, dich davon zu unterrichten. Und dann werde ich heute noch zu dir kommen, um dir alles zu sagen. Nur ... glaube ich ... daß hier Katerina Iwanowna nicht im Spiele ist, ich glaube vielmehr, daß das Geheimnis etwas ganz anderes betrifft. Davon bin ich fest überzeugt. Und es sieht auch gar nicht danach aus, als ob es sich dabei um Katerina Iwanowna handeln könnte. Wenigstens scheint es mir nicht so. Jetzt aber leb wohl. Auf Wiedersehen.“

Er drückte ihr fest die Hand. Gruschenka weinte immer noch. Aljoscha sah, daß sie seinen Beruhigungen wenig Glauben schenkte, aber auch das war ihr schon eine Erleichterung, daß sie sich einmal hatte aussprechen können. Es tat ihm weh, sie so verlassen zu müssen, doch hatte er keine Zeit, noch länger bei ihr zu bleiben. Es stand ihm vieles bevor, was er noch vor dem Abend auszurichten hatte.

II. Das kranke Füßchen

Ganz zuerst mußte er zu Chochlakoffs gehen. Er beeilte sich, schneller hinzukommen, um sich nicht bei Mitjä zu verspäten. Frau Chochlakoff war schon seit drei Wochen krank; der eine Fuß war ihr, weiß Gott wodurch, ein wenig geschwollen. Sie lag zwar nicht zu Bett, verbrachte aber doch die Zeit in ihrem Boudoir halbliegend auf der Chaiselongue, stets in ein reizendes, doch nichtsdestoweniger wohlanständiges Deshabillé gehüllt. Aljoscha hatte bemerkt, daß sie trotz ihrer Krankheit gerade jetzt angefangen hatte, ganz besonders Toilette zu machen: es waren ihm die vielen duftigen Spitzen, Plissees und Volants an ihren Toiletten aufgefallen, und er glaubte mit harmlosem Lächeln, die Ursache dieser Veränderung erraten zu haben, doch verscheuchte er sofort alle ähnlichen Gedanken als müßig, – verscheuchte sie, nicht ohne Unwillen über sich selbst. In den letzten zwei Monaten hatte sie nämlich, unter den übrigen Bekannten ihres Hauses, auch der junge Perchotin besucht. Aljoscha war seit vier Tagen nicht mehr bei Chochlakoffs gewesen, und als er jetzt eintrat, wollte er geradeswegs zu Lise gehen, denn er war nur ihretwegen gekommen. Sie hatte die Zofe schon am vorhergehenden Tage zu ihm geschickt, mit der dringenden Bitte, so bald als möglich zu ihr zu kommen, da sie ihn in einer „sehr wichtigen Angelegenheit“ sprechen müsse, – was aus gewissen Gründen Aljoscha nicht wenig interessierte. Doch während nun die Zofe zu Lisa ging, um ihn anzumelden, erschien mittlerweile der Diener mit der Bitte Frau Chochlakoffs – die inzwischen erfahren hatte, daß er gekommen war –, „nur auf einen Augenblick“ bei ihr vorzusprechen. Aljoscha überlegte, was er tun sollte, und sagte sich, daß es besser sei, zuerst die Bitte der Mama zu erfüllen, da sie sonst immer wieder zu Lise schicken werde. Frau Chochlakoff ruhte in einem ganz besonders schönen Gewande auf der Couchette in ihrem Boudoir und schien erregt zu sein.

„Jahrhunderte, ganze Jahrhunderte habe ich Sie nicht mehr gesehen! Eine ganze Woche ist es her, schämen Sie sich! ach! nein, richtig, – Sie waren ja vor vier Tagen, am Mittwoch, noch hier. Sie wollen jetzt wieder zu Lise! Ich bin überzeugt, daß Sie auf den Fußspitzen zu ihr schleichen wollten, damit ich es nicht hörte. Ach, lieber, lieber Alexei Fedorowitsch, wenn Sie wüßten, wie sie mich jetzt beunruhigt! Doch davon später. Zwar ist das die Hauptsache, doch trotzdem lassen Sie uns später darüber sprechen. Lieber Alexei Fedorowitsch, ich vertraue Ihnen meine Lise ganz und gar an. Nach dem Tode des Staretz Sossima – gib seiner Seele, Herr, Frieden und Ruh! (sie bekreuzte sich) – nach seinem Tode kommen Sie mir immer wie ein Einsiedler vor, so allerliebst Ihnen auch dieser neue Anzug steht. Wo haben Sie nur hier einen so vorzüglichen Schneider gefunden? Doch nein, nein, das ist nicht die Hauptsache, davon später. Verzeihen Sie, daß ich Sie zuweilen Aljoscha nenne, ich bin doch eine alte Frau,“ sagte sie mit kokettem Lächeln, „und daher ist mir vieles erlaubt, aber auch davon sprechen wir später. Ach, die Hauptsache, wenn ich nur nicht immer die Hauptsache vergäße! Bitte erinnern Sie mich daran, sobald ich mich wieder verliere, sagen Sie einfach: ‚Und die Hauptsache?‘ Ach, wie soll ich wissen, was jetzt die Hauptsache ist! Seit dem Augenblick, da Lise ihr Gelöbnis zurücknahm – ihr kindisches Gelöbnis, Alexei Fedorowitsch, Sie zu heiraten –, haben Sie natürlich eingesehen, daß alles nur die kindische Phantasie eines kranken Mädchens war, das zu lange im Fahrstuhl gesessen hat, – Gott sei Dank, daß sie jetzt wieder gehen kann! Dieser neue Doktor, den Katjä aus Moskau verschrieben hat – für Ihren unglücklichen Bruder, der morgen ... Ach, sagen Sie doch, was wird morgen sein? Ich sterbe schon beim bloßen Gedanken daran! Hauptsächlich aber vor Interesse ... Ach nein, ich wollte doch sagen, dieser Doktor war gestern bei uns, um Lise zu untersuchen ... Aber das war es ja gar nicht, was ich erzählen wollte. Sehen Sie, ich bin jetzt ganz aus dem Konzept gekommen. Ich beeile mich immer so entsetzlich. Warum ich es aber tue, das weiß ich wirklich nicht. Ich höre schon völlig auf, zu wissen ... Für mich hat sich jetzt alles zu einem einzigen Knäuel zusammengewickelt. Ich fürchte schon, daß Sie die Geduld verlieren und plötzlich hinauslaufen werden, und dann habe ich Sie zum letztenmal gesehen. Ach, mein Gott! Da sitzen wir und reden, und ich habe ganz vergessen ... Kaffee, Julija, Glafira, Kaffee!“

Aljoscha beeilte sich, für Kaffee zu danken. Er sagte, daß er soeben getrunken habe.

„Bei wem?“

„Bei Agrafena Alexandrowna.“

„Bei ... bei dieser Person? Ach, sie allein hat ja alle zugrunde gerichtet, doch übrigens, ich weiß nicht, jetzt sagt man, sie sei heilig geworden, nur finde ich, daß sie es dann etwas spät geworden ist. Besser wäre gewesen, sie wäre es früher geworden, als es not tat, denn jetzt, was für einen Nutzen kann das jetzt noch bringen? Schweigen Sie, schweigen Sie, Alexei Fedorowitsch, ich will Ihnen nur so viel sagen, daß ich wahrscheinlich nichts sagen werde. Dieser schreckliche Prozeß ... Ich werde unbedingt hinfahren, ich bereite mich schon vor, man wird mich im Lehnstuhl hineintragen. Ich kann die ganze Zeit sitzen, – Sie wissen doch, daß ich als Zeugin vorgeladen bin? Wie soll ich nur reden? Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll. Man muß doch einen Eid ablegen, nicht wahr?“

„Ja, aber ich glaube nicht, daß Sie so werden erscheinen können.“

„Ich kann doch sitzen! Ach, Sie bringen mich wieder aus dem Konzept. Dieser Prozeß, dieser entsetzliche Prozeß, und dann gehen alle nach Sibirien, andere heiraten wiederum, und alles vergeht so schnell, so schnell, und alles verändert sich, und schließlich ist nichts, alle sind Greise und blicken ins Grab. Nun, meinetwegen, mögen sie doch, ich bin müde. Diese Katjä – _cette charmante personne_, sie hat alle meine Hoffnungen vernichtet! Jetzt wird sie einem Ihrer Brüder nach Sibirien folgen, und Ihr anderer Bruder wird dann wieder ihr folgen und in der nächsten Stadt wohnen, und alle werden sie sich gegenseitig quälen. Das bringt mich um meinen letzten Verstand. Und vor allen Dingen dieses Gerede! In allen Petersburger und Moskauer Zeitungen ist darüber millionenmal gesprochen worden. Ach ja, denken Sie sich, auch von mir ist dabei die Rede, es heißt, ich sei die, ‚_liebe_ Freundin‘ Ihres Bruders gewesen! – ich will kein häßliches Wort aussprechen, nur denken Sie sich so etwas, können Sie sich das vorstellen!“

„Das ist unmöglich! Wo hat man das geschrieben?“

„Ich werde es Ihnen sofort schwarz auf weiß zeigen. Gestern erhielt ich es – gestern las ich es selbst zum erstenmal. Sehen Sie hier, in der Petersburger Zeitung ‚Gerüchte‘. Dieses Blatt wird erst seit einem Jahr herausgegeben – da abonnierte ich auf dasselbe, denn ich liebe sehr Gerüchte, und das habe ich jetzt davon: Da, sehen Sie, was das für ‚Gerüchte‘ sind! Hier, sehen Sie hier, lesen Sie das.“

Sie reichte Aljoscha ein Zeitungsblatt, das unter ihrem Kissen gelegen hatte, und zeigte ihm die Stelle.

Sie war nicht nur verstört, sie schien plötzlich ganz gebrochen zu sein. Vielleicht hatte sich infolge dieser Zeitungsgeschichte tatsächlich alles in ihrem Kopf zu einem Knäuel zusammengeballt. Die Zeitungsente war allerdings unmißverständlich – und nicht weniger verfänglich. Sie mußte die arme Dame sehr empfindlich kränken, doch zum Glück war Frau Chochlakoff an diesem Tage nicht fähig, nur an eine Sache zu denken, und so konnte sie bereits nach einer Minute die Zeitung mit allen Klatschereien vergessen und sich mit anderem beschäftigen. Aljoscha wußte, daß man in ganz Rußland über den berühmten Karamasoffschen Prozeß sprach, und er hatte in diesen zwei Monaten unter anderen richtigen Nachrichten auch ganz unglaubliche Lügengeschichten gelesen, sowohl über die Karamasoffs im allgemeinen, wie auch speziell über sich. Z. B. hatte es an einer Stelle geheißen, daß er, Aljoscha, aus Angst, nach dem Verbrechen des Bruders Einsiedler geworden sei und sich als Trappist von der Welt abgeschlossen habe; in einem anderen Blatt war diese Nachricht in Abrede gestellt und geschrieben worden, er habe zusammen mit seinem Staretz Sossima die Klosterkasse aufgebrochen und bestohlen und sei dann entflohen. Die jetzt erwähnte Nachricht in den „Gerüchten“ war wie gewöhnlich betitelt: „_Aus Skotoprigonjewsk_[26] (so heißt nämlich unser Städtchen – leider! Ich habe seinen Namen lange genug verheimlicht). _Zum Prozeß Karamasoff._“ Es war nur eine kürzere Nachricht, und über Frau Chochlakoff war direkt nichts gesagt – überhaupt waren keine Namen genannt. Es wurde mitgeteilt, daß der Vatermörder, den man jetzt unter allgemeinem Aufsehen zu richten sich anschicke, Hauptmann a. D. dieses und dieses Linienregiments, in seinem faulen Leben nichts anderes getan habe – abgesehen davon, daß er schon von Natur ein Verbrecher sei und für die Leibeigenschaft eintrete –, als daß er seine Zeit mit Liebeleien verbracht. Besonders aber hätte er „Damen, die sich in der Einsamkeit langweilten“, gefesselt. Nun hätte sich eine von ihnen, „eine von den sich langweilenden Witwen“, die sich jünger machte, obgleich sie bereits Mutter einer erwachsenen Tochter war, dermaßen in ihn verliebt, daß sie ihm noch zwei Stunden vor dem Verbrechen dreitausend Rubel angeboten hätte, allerdings unter der Bedingung, daß er mit ihr nach Sibirien entfliehe, um dort in den Goldgruben Geld zu suchen. Der Bösewicht aber, so hieß es weiter, habe vorgezogen, seinen Vater zu erschlagen und ihn um genau dreitausend Rubel zu berauben, in der Hoffnung, ungestraft zu entkommen und nicht mit den „vierzigjährigen Reizen“ seiner gelangweilten Witwe nach Sibirien ziehen zu müssen. Diese in scherzhaftem Ton gehaltene Korrespondenz schloß, wie es sich gehört, mit Äußerungen edlen Unwillens über die Unsittlichkeit des Vatermordes und der Leibeigenschaft. Nachdem Aljoscha alles interessiert gelesen hatte, faltete er das Blatt zusammen und gab es Frau Chochlakoff zurück.

„Das bin doch ich!“ rief sie sofort ganz verzweifelt aus. „Ich, ich habe ihm doch kaum eine Stunde vor dem Morde gesagt, er solle in die Goldgruben fahren, – und jetzt schreiben sie plötzlich ‚vierzigjährige Reize‘! Habe ich es denn deswegen getan? Das ist absichtlich so geschrieben! Möge ihm der ewige Richter die vierzigjährigen Reize ebenso verzeihen, wie ich ihm verzeihe, aber abgesehen davon – das ist doch ... Wissen Sie auch, wer das geschrieben hat? Das ist ja Ihr Freund Rakitin!“

„Das wäre möglich,“ sagte Aljoscha, „zwar habe ich nichts davon gehört ...“

„Er ist es bestimmt, ich weiß es genau, er, er ganz allein! Ich habe ihm doch die Tür gewiesen ... Sie kennen doch schon die ganze Geschichte?“

„Ich weiß, daß Sie ihn gebeten haben, hinfort Ihr Haus nicht mehr zu betreten, weswegen aber – das habe ich ... wenigstens von Ihnen, noch nicht gehört ...“

„Aha, dann haben Sie es also von ihm gehört? Nun was, ist er sehr empört über mich?“

„Ja, aber über wen zieht er denn nicht her? Doch warum Sie ihm eigentlich verboten haben, Sie zu besuchen, das habe ich auch von ihm nicht erfahren können. Überhaupt sehe ich ihn jetzt nur sehr selten. Ich stehe mich nicht besonders mit ihm.“

„Nun, dann werde ich Ihnen alles sagen und beichten, es ist ja nichts mehr daran zu ändern ... Ich trage nämlich selbst ein wenig Schuld an der ganzen Sache. Aber nur ein wenig, ganz, ganz wenig, so daß davon vielleicht überhaupt nicht die Rede sein kann. Sehen Sie, mein Liebling“ (auf Frau Chochlakoffs Lippen erschien plötzlich ein liebes, schelmisches und doch recht rätselhaftes Lächeln), „sehen Sie, ich vermute ... Sie verzeihen mir doch, Aljoscha, ich rede jetzt mit Ihnen wie eine Mutter ... ach nein, nein, im Gegenteil, wie mit meinem Vater ... denn Mutter paßt hierbei ganz und gar nicht ... Also sagen wir, ich rede zu Ihnen, als wenn Sie der Staretz Sossima wären, und ich ihm beichtete, ja, das wäre der beste Vergleich: Ich habe Sie doch vorhin schon einen Einsiedler genannt. Nun, also dieser arme Junge, Ihr Freund Rakitin – Gott, ich kann mich wirklich kaum über ihn ärgern! Ich ärgere mich, ja, gewiß, aber im Grunde doch nicht sehr! Kurz, dieser leichtsinnige junge Mann läßt es sich plötzlich – denken Sie sich nur! – läßt es sich plötzlich, glaube ich, einfallen, sich in mich zu verlieben. Erst später, viel später bemerkte ich es, zuerst aber, also ungefähr vor einem Monat, begann er mich häufiger zu besuchen, er kam sogar fast täglich, er hatte mir auch früher schon seine Aufwartung gemacht. Ich vermutete zuerst natürlich noch nichts ... und dann kam es plötzlich wie eine Erleuchtung über mich, und ich fing an einiges zu bemerken – zu meiner größten Verwunderung, wie Sie sich denken können. Wie Sie wissen, empfange ich seit einiger Zeit Herrn Perchotin, Pjotr Iljitsch, Sie haben ihn doch so oft hier angetroffen. Nicht wahr, er ist doch ein ernster, würdiger Mann, trotz seiner jungen Jahre? Er kommt ungefähr in drei Tagen nur einmal – und doch könnte er weit öfter kommen. Und immer ist er elegant gekleidet. Ich liebe überhaupt sehr unsere Jugend, Aljoscha, besonders, wenn es talentvolle, wohlerzogene Menschen sind, wie zum Beispiel Sie. Er aber hat, glauben Sie mir, einen fast staatsmännischen Verstand! Und wie wundervoll er spricht. Ich werde unbedingt meinen ganzen Einfluß verwenden, um ihm die Stellung zu verschaffen, die seinen Fähigkeiten zukommt. Das ist doch ein zukünftiger Diplomat! An jenem entsetzlichen Tage hat er mich so gut wie vom Tode errettet, als er in der Nacht herkam! Nun, Ihr Freund Rakitin aber kommt immer in so greulichen Stiefeln und schiebt sie dann noch obendrein so weit auf dem Teppich vor ... mit einem Wort, er begann schon einige Andeutungen zu machen, und einmal drückte er mir beim Abschied ganz unglaublich fest die Hand. Kaum aber hatte er mir so schmerzhaft die Hand gepreßt, als mein Fuß krank wurde. Rakitin hatte auch früher schon Pjotr Iljitsch bei mir angetroffen, und glauben Sie mir, immer gingen sie wie die Kampfhähne aufeinander los, immer versuchte Rakitin, ihn irgendwie anzugreifen. Ich betrachtete sie dann nur stillschweigend und dachte mir mein Teil. Und da, eines schönen Tages saß ich allein, das heißt ich lag damals hier auf der Couchette, und plötzlich wird mir Michail Iwanowitsch Rakitin gemeldet. Er kommt, und stellen Sie sich so etwas vor – er überreicht mir ein Gedicht, das er auf meinen kranken Fuß gemacht hat, er hat das ‚kranke Füßchen‘ in Versen besungen! Warten Sie, wie war es doch:

‚Ach, wie ist doch dieses Füßchen, Das jetzt krank sein soll, entzückend ...‘