Part 79
„Ich will mich verderben. Hier gibt es einen kleinen Knaben, der zwischen den Schienen gelegen hat, während der Zug über ihn hinwegfuhr. Der Glückliche! Wissen Sie, Ihren Bruder wird man deswegen verurteilen, weil er den Vater erschlagen hat, bei sich aber finden das alle sehr gut, und es gefällt ihnen sehr.“
„Es gefällt ihnen, daß er den Vater erschlagen hat?“
„Ja, das gefällt ihnen, allen, allen! Alle sagen, daß das schrecklich sei, im geheimen aber gefällt es ihnen furchtbar. Ich bin die erste, der es gefällt.“
„In Ihren Worten liegt etwas Wahres,“ sagte Aljoscha halblaut vor sich hin.
„Ach, was Sie für Gedanken haben!“ rief Lisa ganz begeistert. „Aber Sie sind doch Mönch! Sie glauben mir nicht, wie ich Sie dafür achte, daß Sie niemals lügen. Ach, ich werde Ihnen einen lächerlichen Traum erzählen, den ich gehabt habe: mir träumt zuweilen von Teufeln; es ist, als wäre es Nacht, ich sitze allein in meinem Zimmer, auf dem Tisch brennt ein Licht. Und plötzlich sind überall Teufel, in allen Ecken und unter dem Tisch, unter den Stühlen, und sie machen sogar die Tür auf, und dort hinter der Tür ist ihrer eine ganze Schar, und sie wollen alle hereinkommen und mich ergreifen. Und schon kommen sie näher, schon fassen sie mich an – da aber bekreuze ich mich schnell, und sie weichen alle zurück, sie fürchten sich, nur gehen sie doch nicht ganz fort, sie bleiben hinter der Tür, in den Ecken, sie warten. Und plötzlich überkommt mich die Lust, laut über Gott zu spotten, und so fange ich denn an Gott zu verspotten, und da kommen sie denn wieder in hellen Haufen auf mich zu, sie freuen sich so darüber, und da fassen sie mich auch schon wieder an – ich aber bekreuze mich schnell, und da huschen sie denn wieder alle flugs zurück. Ach, so lustig ist das, der Atem bleibt einem stehen!“
„Auch ich habe zuweilen denselben Traum,“ sagte plötzlich Aljoscha.
„Ist’s möglich?“ fragte Lisa erstaunt. „Hören Sie, Aljoscha, lachen Sie nicht, das ist sehr ernst: können denn zwei verschiedene Menschen ein und denselben Traum haben?“
„Warum denn nicht?“
„Aljoscha, ich sage Ihnen, das ist furchtbar wichtig!“ Lisa war ganz unverhältnismäßig erregt und betroffen. „Nicht der Traum ist wichtig, sondern das, daß zwei verschiedene Menschen ein und denselben Traum gehabt haben. Sie sagen mir doch nie die Unwahrheit, bitte, lügen Sie auch jetzt nicht: Ist das wirklich wahr? Sie machen sich doch nicht über mich lustig?“
„Es ist vollkommen wahr, was ich Ihnen gesagt habe.“
Lisa war ganz betroffen und verstummte auf eine Weile.
„Aljoscha, kommen Sie öfter zu mir!“ sagte sie plötzlich geradezu flehend.
„Ich werde immer, mein ganzes Leben lang werde ich zu Ihnen kommen,“ antwortete Aljoscha, und seine Stimme hatte, als er sein Versprechen gab, einen festen, ernsten Klang.
„Ich kann doch nur Ihnen allein alles sagen,“ fuhr Lisa fort. „Nur mir und Ihnen sage ich alles. Von anderen Menschen nur Ihnen allein in der ganzen Welt. Und Ihnen sage ich es noch lieber als mir. Und ich schäme mich gar nicht vor Ihnen, nicht ein bißchen. Aljoscha, warum schäme ich mich nicht vor Ihnen? Aljoscha, ist es wahr, daß die Juden zu Ostern kleine Christenkinder stehlen und dann schlachten?“
„Das weiß ich nicht.“
„Ich habe hier ein Buch, darin habe ich von einer Gerichtsverhandlung gelesen: ein Jude hatte einem vierjährigen Knaben alle Fingerchen abgeschnitten, von beiden Händchen, und dann hatte er ihn gekreuzigt, einfach mit Nägeln an die Wand geschlagen. Vor Gericht aber hat er gesagt, der Knabe sei _bald_ gestorben, ungefähr nach vier Stunden. Das ist doch sehr ‚bald‘ – nicht wahr? Er sagt noch, der Kleine habe gestöhnt, die ganze Zeit gestöhnt – er aber hat vor ihm gesessen und sich daran ergötzt. Das muß sehr schön gewesen sein.“
„Schön?“
„Ja, schön. Ich stelle mir zuweilen vor, daß ich den Kleinen so gekreuzigt hätte. Er hängt an der Wand, ich aber setze mich vor ihn hin und esse Ananaskompott. Ich esse sehr gern Ananaskompott. Sie auch?“
Aljoscha blickte sie schweigend an. Ihr bleiches Gesicht verzerrte sich plötzlich, und ihre Augen erglühten.
„Wissen Sie, als ich das von jenem Juden gelesen hatte, habe ich die ganze Nacht geweint und gezittert. Ich stellte mir vor, wie der Knabe schreit und stöhnt – vierjährige Kinder begreifen doch schon – ich aber kann den Gedanken an das Kompott nicht loswerden. Am Morgen stand ich auf und schickte einem gewissen Menschen einen Brief mit der Bitte, _unbedingt_ zu mir zu kommen. Er kam, und ich erzählte ihm plötzlich von diesem Knaben und dem Ananaskompott, erzählte ihm _alles, alles_, und ich sagte ihm auch, das es ‚schön‘ sei. Da lachte er und sagte, es sei tatsächlich schön. Darauf erhob er sich und ging fort. Er hatte hier im ganzen nur fünf Minuten gesessen. Verachtete er mich, ja? Sagen Sie, sagen Sie doch, Aljoscha, verachtete er mich, oder verachtete er mich nicht?“ Sie saß steif aufgerichtet in ihrem Lehnstuhl, und ihre Augen glühten.
„Sagen Sie mir,“ fragte Aljoscha erregt, „haben Sie ihn selbst gerufen, diesen Menschen?“
„Ja, ich selbst.“
„Sie haben ihm einen Brief geschrieben?“
„Ja, einen Brief.“
„Nur um ihn das zu fragen, das von dem Kinde?“
„Nein, durchaus nicht deshalb, durchaus nicht. Als er aber eintrat, fragte ich ihn sofort, wie er das fände. Er antwortete, lachte, verbeugte sich und ging.“
„Dieser Mensch hat sich ehrenhaft Ihnen gegenüber benommen,“ sagte Aljoscha halblaut.
„Aber er hat mich verachtet? Sich über mich lustig gemacht?“
„Nein, denn er glaubt vielleicht selbst an das Ananaskompott. Er ist jetzt gleichfalls sehr krank, Lise.“
„Ja, er glaubt daran!“ Lisas Augen blitzten auf.
„Er verachtet niemanden,“ fuhr Aljoscha fort. „Nur glaubt er auch niemandem. Wem er aber nicht glaubt, den, versteht sich, den verachtet er auch.“
„Dann also auch mich? auch mich?“
„Auch Sie.“
„Das ist gut,“ sagte Lisa gleichsam knirschend. „Als er lachte und hinausging, da empfand ich zum erstenmal, daß es schön ist, verachtet zu werden. Und auch der Knabe mit den abgeschnittenen Fingern ist schön, und auch verachtet zu sein, ist schön ...“
Sie blickte Aljoscha starr in die Augen und lachte, lachte boshaft – wie in auflodernder Bosheit.
„Wissen Sie, Aljoscha, wissen Sie, ich wünschte ... Aljoscha, retten Sie mich!“ Sie sprang plötzlich auf von ihrem Rollstuhl, stürzte zu ihm und umklammerte ihn krampfhaft. „Retten Sie mich!“ entrang es sich ihr flehend und fast wie ein Gestöhn. „Kann ich denn auch nur einem einzigen Menschen in der Welt alles so sagen, wie ich es Ihnen gesagt habe? Ich habe doch die Wahrheit, die ganze, ganze Wahrheit gesagt! Ich werde mir das Leben nehmen, mich widert alles an! Ich will nicht leben, es ist alles ekelhaft! Alles, alles ist mir ekelhaft! Aljoscha, warum lieben Sie mich denn gar nicht, warum, warum lieben Sie mich nicht!“ schloß sie ganz verzweifelt.
„Doch, ich liebe dich!“ verteidigte sich Aljoscha erregt, und in seinen Worten klang ein heißer Ton.
„Werden Sie aber auch über mich weinen, werden Sie?“
„Bestimmt!“
„Ich danke Ihnen! Ich habe ja nur Ihre Tränen nötig. Die anderen alle, mögen die mich meinetwegen mit den Füßen zerstampfen, alle, alle, ohne auch nur _einen einzigen Menschen_ auszunehmen, jawohl, alle _ohne Ausnahme_! Denn ich liebe niemanden. Hören Sie, _nie–man–den_! Im Gegenteil, ich hasse alle! Gehen Sie, Aljoscha, Sie müssen sich beeilen, zum Bruder zu kommen!“ Sie hatte sich plötzlich von ihm losgerissen.
„Aber wie werden Sie denn so zurückbleiben?“ fragte Aljoscha ganz erschrocken.
„Gehen Sie zu Ihrem Bruder, das Gefängnis wird geschlossen, gehen Sie, hier ist Ihr Hut! Küssen Sie Mitjä, gehen Sie, aber so gehen Sie doch endlich!“
Und sie schob Aljoscha beinahe mit Gewalt zur Tür hinaus. Der sah noch unentschlossen und besorgt aus, als er plötzlich fühlte, wie sie ihm ein kleines, hartes Briefchen in die Hand drückte. Unwillkürlich erhob er ein wenig die Hand und warf einen Blick auf das versiegelte Kuvert – er las: „Herrn Iwan Fedorowitsch Karamasoff.“ Aljoscha zuckte zusammen und warf einen Blick auf Lisa. Ihr Gesicht sah fast drohend aus.
„Übergeben Sie es, übergeben Sie es unbedingt!“ befahl sie außer sich, am ganzen Körper zitternd. „Tun Sie es sofort, unverzüglich! Oder ich nehme Gift! Nur deswegen habe ich Sie zu mir gerufen!“
Und heftig schlug sie die Tür zu ... nur eine kleine Spalte blieb. Aljoscha steckte den Brief in die Tasche und ging geradeswegs zur Treppe, ohne vorher noch bei Frau Chochlakoff einzutreten und sich von ihr zu verabschieden. Er hatte sie ganz vergessen. Kaum aber hatte sich Aljoscha entfernt, als Lise sofort die Tür aufriß, ihren Finger an den Türrahmen legte, die Tür wieder zuschlug und sie mit aller Gewalt gegen ihren eingeklemmten Finger preßte. Ungefähr nach zehn Sekunden vergrößerte sich die Spalte, sie zog die Hand zurück und ging langsam und leise zu ihrem Lehnstuhl, setzte sich steif aufgerichtet hin und betrachtete aufmerksam ihr blaurotes, blutunterlaufenes Fingerspitzchen und das dunkle Blut, das sie unter dem Nagel hervorgepreßt hatte. Ihre Lippen zitterten, und sie sagte leise, doch schnell vor sich hin:
„Gemein, gemein, gemein, gemein bin ich!“
IV. Die Hymne und das Geheimnis
Es war schon sehr spät, als Aljoscha am Gefängnistor schellte. Es begann schon stark zu dunkeln – sind doch die Novembertage nicht lang. Aljoscha wußte aber, daß man ihn ungehindert zu Mitjä durchlassen werde. Vorsichtsmaßregeln werden in unserem Städtchen nicht anders als überall in der Welt beobachtet. Anfangs natürlich, als die Voruntersuchung noch nicht abgeschlossen war, da gab es noch verschiedene Schwierigkeiten zu überwinden, wenn man zu Mitjä gelangen wollte, doch mit der Zeit wurden diese Formalitäten, wenigstens für die Verwandten, bedeutend abgeschwächt, und schließlich wurden mit einigen von den Besuchern regelrechte Ausnahmen gemacht. Ja, zuweilen fanden die Zusammenkünfte in dem dazu bestimmten Zimmer so gut wie unter vier Augen statt. Übrigens wurden diese Ausnahmen doch nur mit wenigen gemacht: nur mit Gruschenka, Aljoscha und Rakitin. Gruschenka hatte das dem besonderen Wohlwollen unseres alten Polizeichefs Michail Makarowitsch zu danken. Dem Alten lagen immer noch die bösen Worte, mit denen er sie in Mokroje angeschrien hatte, auf der Seele. Später, als er den ganzen Sachverhalt erfahren hatte, änderte er seine Meinung über sie. Und sonderbar: obgleich er von Mitjäs Schuld fest überzeugt war, beurteilte er ihn, seitdem der „Verbrecher“ hinter Schloß und Riegel saß, doch viel nachsichtiger, empfand schließlich sogar fast Mitleid mit ihm. „Es war vielleicht ein herzensguter Mensch,“ meinte er, „hat sich aber durch Trunk und Ausschweifung selbst zugrunde gerichtet, ja, ja, wie’n oller Schwede bei Poltawa, jetzt ist nichts mehr zu machen!“ Was aber Aljoscha betrifft, so hatte ihn Michail Makarowitsch, der ihn schon lange kannte, aufrichtig ins Herz geschlossen, und Rakitin, der Mitjä in der Folge immer häufiger besuchte, war wiederum ein guter Bekannter von seinen Enkelinnen, die er oft besuchte; außerdem gab er im Hause des Gefängnisinspektors Privatstunden. Aljoscha war gleichfalls gut mit dem alten Inspektor bekannt, da jener gern mit ihm über „Allwissenheit im allgemeinen“ sprach. Iwan Fedorowitsch aber, oh, der! – vor dem hatte der Inspektor nicht nur unermeßlichen Respekt, vor dem fürchtete er sich geradezu, besonders was seine „philosophischen Urteile“ betraf, obwohl er selbst ein großer Philosoph war – versteht sich: „so weit der Verstand dazu ausreicht“. Für Aljoscha aber empfand er eine unbezwingliche Sympathie. Im letzten Jahre hatte sich der Alte an die apokryphen Evangelien gemacht und war dann Sonntags immer ins Kloster gegangen, um seinem jungen Freunde seine Eindrücke und Gedanken mitzuteilen. Zuweilen hatte er mit ihm und den Priestermönchen stundenlang disputiert. So hätte denn Aljoscha, wenn ihm vom Wächter der Eintritt verwehrt worden wäre, nur zum Inspektor zu gehen gebraucht, um trotz der späten Stunde noch seinen Bruder sehen zu können. Zudem hatten sich alle im Gefängnis, bis zum letzten Wächter, an ihn gewöhnt, und ein jeder von ihnen sah ihn gern. Die Wache hatte natürlich nichts dagegen, wenn er nur die Erlaubnis vom Vorgesetzten hatte. Mitjä kam, wenn er gerufen wurde, stets aus seiner Zelle in den unteren Stock, in den Raum, der für den Besuch bestimmt war. Als Aljoscha eintreten wollte, stieß er fast mit Rakitin zusammen, der Mitjä gerade verließ. Beide sprachen sie laut. Mitjä, der ihn zur Tür begleitete, lachte herzlich über irgend etwas, Rakitin aber schien etwas vor sich hin zu brummen. Es war Aljoscha besonders in der letzten Zeit aufgefallen, daß Rakitin ihn nicht gerne sah, jedenfalls vermied, mit ihm zu sprechen, und kaum seinen Gruß erwiderte. Als Rakitin jetzt plötzlich Aljoscha erblickte, runzelte er mit ganz besonders geschäftiger Miene die Stirn, blickte wie suchend zur Seite und tat, als ob er ganz mit dem Zuknöpfen seines großen Paletots, den ein warmer Pelzkragen zierte, beschäftigt wäre. Darauf machte er sich daran, seinen Schirm zu suchen.
„Wenn ich nur nichts von meinen Sachen vergesse,“ brummte er vor sich hin – einzig um etwas zu sagen.
„Gib nur acht, daß du von fremden Sachen nichts vergißt,“ witzelte Mitjä und lachte über seine Bemerkung.
Rakitin war sofort beleidigt.
„Das empfiehl lieber deinen Karamasoffs, deinen Leibeigenschaftspartisanen, aber nicht Rakitin!“ rief er aufbrausend vor Wut.
„Was fehlt dir? Ich habe doch nur gescherzt ... Pfui Teufel! So sind sie ja alle,“ sagte er darauf zu Aljoscha, indem er mit dem Kopf noch zur Seite auf Rakitin wies, der sich schnell entfernte; „er hat die ganze Zeit hier gesessen, gelacht und ist fröhlich gewesen, und dann plötzlich das reine _Noli me tangere_! Dir hat er nicht einmal mit dem Kopf zugenickt. Habt ihr euch beide denn ganz überworfen? Warum kommst du heute so spät? Ich habe dich vom Morgen an nicht etwa nur erwartet, ich habe mich geradezu nach dir gesehnt, wie, wie, ich weiß nicht wie! Nun, macht nichts. Wir können es ja jetzt nachholen.“
„Warum besucht er dich jetzt so oft? Hast du dich mit ihm etwa angefreundet?“ fragte Aljoscha, indem er gleichfalls mit dem Kopf auf die Tür wies, durch die Rakitin hinausgegangen war.
„Ich mich mit diesem Michail angefreundet? Nein, mein Lieber ... Dieses Schwein! Er hält mich für einen ... Schuft. Scherz verstehen diese Leute gleichfalls nicht – das ist das Charakteristischste. Niemals wird diese Sorte Menschen Scherz verstehen. Trocken sind ihre Seelen, trocken und flach und platt, ganz wie mir damals die Gefängniswände erschienen, als ich hergefahren wurde und zum erstenmal diese Mauern sah. Aber er ist nicht dumm, durchaus nicht dumm. Nun, Alexei, mein Kopf ist jetzt verloren!“
Er setzte sich auf die Bank und zog Aljoscha neben sich nieder.
„Ja, morgen wird das Urteil gesprochen. Aber hast du denn wirklich so alle Hoffnung verloren, Mitjä?“ fragte Aljoscha schüchtern und mitleidig.
„Wieso, wie meinst du das?“ Mitjä blickte ihn seltsam unbestimmt an. „Ah so, du sprichst vom Gericht! Na, zum Teufel damit! Wir haben beide bis jetzt nur über Dummheiten gesprochen, immer nur von diesem Gericht, über das Wichtigste aber habe ich geschwiegen, wenn ich mit dir zusammen war. Ja, morgen wird man über mich zu Gericht sitzen, nur habe ich nicht in der Beziehung gesagt, daß mein Kopf verloren sei. Nicht mein Kopf ist verloren, sondern das, was im Kopf war, das ist verloren. Warum siehst du mich so kritisch an?“
„Wovon redest du, Mitjä?“
„Ideen, Ideen, das ist es! Ethik! Was ist das eigentlich für ein Gewächs, die Ethik?“
„Ethik?“ fragte Aljoscha verwundert.
„Ja, das ist wohl irgendeine Wissenschaft, aber was für eine ist es nun eigentlich?“
„Ja, es gibt eine solche Wissenschaft ... nur ... ich muß gestehen, ich kann es dir nicht so ganz erklären, was für eine das ist.“
„Rakitin weiß es. Der Schuft weiß ziemlich viel ... ach nun, hol ihn der Teufel! Mönch wird er jedenfalls nicht werden. Er spitzt sich auf Petersburg. Dort, sagt er, will er Kritiken schreiben, und zwar mit einer edlen Tendenz. Nun was, meinen Segen hat er, wird vielleicht noch nützlich sein und sich eine Karriere bauen. Oh, was das Karrieremachen betrifft, darin sind diese Leute Meister! Zum Teufel mit der Ethik. Ich aber bin verloren, Alexei, _ich_! – begreifst du das, du Kind Gottes! Ich liebe dich am meisten von allen in der Welt. Wenn ich dich sehe, weitet sich mein Herz, begreifst du das? Was hat es dort für einen Karl Bernard gegeben?“
„Karl Bernard?“ fragte Aljoscha wiederum verwundert.
„Nein, nicht Karl, wart, wie hieß doch das Vieh? – Ach, richtig, _Claude_ Bernard. Was ist nun das jetzt wieder? Chemie etwa, nicht?“
„Das ist wahrscheinlich ein Gelehrter,“ meinte Aljoscha, „nur muß ich wieder gestehen, daß ich dir auch von ihm nicht viel sagen kann. Ich habe nur den Namen gehört, ich weiß, daß es ein Gelehrter ist, was für einer aber, das weiß ich nicht.“
„Na, dann hol ihn der Teufel, auch ich weiß es nicht,“ schimpfte Mitjä. „Höchstwahrscheinlich ist’s irgendein Gauner und weiter nichts – wie sie es ja alle sind. Rakitin wird sich schon durchfressen. Rakitin wird selbst durch Spalten, durch die kein Floh durch kann, auch noch durchkriechen. Das ist gleichfalls so ein Bernard. Ach, diese Bernards! Weiß Gott, die vermehren sich wahrlich wie Kaninchen!“
„Aber was hast du heute?“ fragte Aljoscha ernst.
„Er will über mich, das heißt über meinen Prozeß, einen Artikel schreiben und damit in die Literatur eintreten, deswegen kommt er her, – hat es mir selbst erklärt. Das soll so eine Chose mit ’ner besonderen Tendenz werden, ungefähr: ‚Er konnte unmöglich nicht morden, die Verhältnisse seiner Umgebung zwangen ihn dazu,‘ oder so was Gutes. Und das geht so endlos weiter, er hat es mir selbst erklärt. Mit einem leisen Hauch von Sozialismus, sagt er, wird es sein. Ach, hol ihn der Teufel samt seinem ganzen leisen Hauch, mir soll’s egal sein. Iwan kann sich nicht seiner Wohlgeneigtheit erfreuen. Rakitin haßt ihn. Für dich hat er gleichfalls nichts Gutes übrig. Nun, ich jage ihn aber nicht fort, er ist trotz alledem ein gescheiter Kerl. Überhebt sich bloß unglaublich. Ich sagte ihm vorhin, als du eintratest: ‚Die Karamasoffs sind nicht Schufte, sondern Philosophen, denn alle echten Russen sind Philosophen, du aber bist, wieviel du da auch gelernt haben magst, doch kein Philosoph, sondern ein ganz gemeiner Knecht.‘ Er lachte, so gehässig, weißt du. Da sagte ich ihm: _de Geschmackibus non est disputandum_. Ist der Witz nicht gut? Na, wenigstens habe auch ich jetzt mal was Klassisches gesagt.“ Mitjä lachte.
„Aber sag doch, wodurch bist du denn verloren? Du sagtest es doch vorhin?“ unterbrach ihn Aljoscha.
„Wodurch verloren? Hm! Im Grunde ... wenn man so das Ganze nimmt – um Gott tut es mir leid. Sieh, dadurch bin ich verloren.“
„Wie das, warum tut es dir denn leid um ihn?“
„Nun, wart, stell dir vor: Es gibt dort in den Nerven im Kopf, das heißt dort im Gehirn, solche Nerven ... ach, nun, der Teufel hole sie! – es gibt da solche, solche Schwänzchen, nämlich an den Nerven solche Schwänzchen, nun, und sobald sie dort nur anfangen zu zappeln oder zu zippeln ... das heißt, sieh: Ich sehe zum Beispiel mit meinen Augen auf irgend etwas, sieh so, geradeaus, und sie fangen plötzlich an zu zittern, nämlich diese Schwänzchen meine ich ... wie sie aber erzittern, da erscheint denn auch der Gegenstand, das Bild, oder was es da ist, aber es erscheint nicht sofort, da vergeht noch zuerst ein Augenblick Zeit, so eine Sekunde, und dann, heißt es, tritt so ein Moment ein, das heißt, kein Moment, – der Teufel hole die Momente! – sondern ein Bild oder ein Gegenstand oder eine Handlung, – ach, nun, hol sie allesamt der Teufel! – also deswegen sehe ich und denke ich dann später ... weil so ein Schwänzchen da ist, und weil es zippelt, und durchaus nicht darum, weil ich eine Seele habe, und weil ich da so ein Ebenbild Gottes bin, das sind alles nur Dummheiten. Das hat mir dieser Michail noch gestern ganz genau erklärt, und weißt du, es war mir, als hätte er mir Feuer übergegossen. Großartig, bei Gott, ist diese Wissenschaft! Ein neuer Mensch entsteht, das begreife auch ich, Bruder ... Aber trotzdem tut es mir doch leid um Gott!“
„Tut nichts, auch das ist gut,“ sagte Aljoscha.
„Daß es mir um Gott leid tut? Die Chemie rückt ran, Brüderchen, ja, ja, die Chemie! Nichts zu machen, Ew. Hochehrwürden, Sie müssen zur Seite treten, die Chemie kommt! Von Gott aber will Rakitin nichts wissen, oh! den kann er nicht verdauen! Gott ist bei diesen Leuten der wundeste Punkt! Aber sie suchen es zu verbergen. Sie lügen. Verstellen sich. Ich fragte ihn: ‚Nun was, wirst du das gleichfalls in deine Kritiken hineinbringen?‘ – ‚Tja, soweit man’s durchläßt, deutlich wird man sich doch wohl nicht fassen können,‘ sagt er. Lacht. ‚Aber wie ist’s denn jetzt?‘ fragte ich ihn, ‚was ist denn der Mensch noch nach alledem? Ohne Gott und ohne Leben nach dem Tode? Das heißt dann doch, daß alles erlaubt ist, dann kann man ja alles machen?‘ – ‚Und du wußtest das noch nicht?‘ sagt er. Lacht. ‚Ein kluger Mensch,‘ sagt er, ‚kann alles tun, ein kluger Mensch kann auch Krebse fangen, ohne geklemmt zu werden. Nun, du aber hast erschlagen und bist hereingefallen, und jetzt kannst du im Gefängnis lebendig verfaulen!‘ Das sagt er mir, versteh, ins Gesicht! Ein geborenes Schwein! Solches Pack habe ich früher hinausgeworfen ... jetzt hört man ihnen zu. Er spricht aber auch Gescheites. Auch schreibt er nicht schlecht. Riesig klug sogar. Vor einer Woche las er mir hier einen Artikel vor, ich habe daraus drei Zeilen abgeschrieben, wart, ich habe sie, hier, hier sind sie.“
Mitjä zog eilig aus seiner Westentasche ein kleines Papier hervor und las:
„Um dieses Problem zu lösen und seinen abstrakten Sinn richtig zu erfassen, ist die erste Bedingung, daß man seine Persönlichkeit der ganzen Wirklichkeit quer entgegensetzt.“
„Begreifst du was davon?“
„Nein,“ sagte Aljoscha. Er beobachtete interessiert seinen Bruder und hörte ihm aufmerksam zu.
„Ich auch nicht. Dunkel ist es und unklar, dafür aber klug. ‚Alle schreiben jetzt so,‘ sagt er, ‚das Milieu hat sich bereits herausgebildet ...‘ Das ist es ja, sie fürchten, daß die Kollegen den Stil nicht klug genug finden könnten. Auch Gedichte schreibt das Schwein ... Denk doch nur, er hat Frau Chochlakoffs Füßchen besungen, hahaha!“
„Ich weiß, ich habe davon gehört,“ sagte Aljoscha.
„Ja? Und auch das Gedicht?“
„Nein, das Gedicht selbst habe ich nicht gehört.“