Sämtliche Werke 9-10

Part 65

Chapter 653,605 wordsPublic domain

Mitjä bat, sich einen Augenblick erholen zu dürfen. Das wurde ihm höflich erlaubt. Nachdem er eine Weile still vor sich hingesonnen hatte, fuhr er fort. Es wurde ihm aber augenscheinlich schwer. Er war abgequält, beleidigt und moralisch erschüttert. Zudem begann der Staatsanwalt – jetzt bereits ganz absichtlich – ihn durch immerwährende „dumme“ Fragen nach den „geringfügigsten Nebensachen“ zu reizen. Kaum hatte Mitjä erzählt, wie er, auf dem Zaune sitzend, Grigorij mit der Mörserkeule auf den Kopf geschlagen hatte, da er von diesem am linken Bein festgehalten worden war, als ihn der Staatsanwalt auch schon unterbrach und ihn bat, genauer zu beschreiben, wie er auf dem Zaun gesessen hatte. Mitjä wunderte sich darüber.

„Herrgott, ich saß oben auf dem Zaun, rittlings, wie man eben auf einem Zaune sitzt: das eine Bein hier, das andere dort ...“

„Und die Mörserkeule?“

„Die Mörserkeule hatte ich in der Hand.“

„Nicht in der Tasche? Erinnern Sie sich dessen so genau? Holten Sie weit aus zum Schlage?“

„Wahrscheinlich, aber warum fragen Sie das?“

„Würden Sie vielleicht die Güte haben, sich so auf den Stuhl zu setzen, wie Sie damals auf dem Zaun saßen, und uns das anschaulich vorzumachen, wie Sie ausholten, nach welcher Seite hin, und wie Sie geschlagen haben?“

„Wollen Sie sich etwa über mich lustig machen?“ fragte Mitjä, und er maß den Staatsanwalt mit stolzem Blick von oben bis unten. Doch der zuckte mit keiner Wimper.

Mitjä wandte sich brüsk um, setzte sich rittlings auf den Stuhl und holte mit der Hand wie zum Schlage aus.

„So habe ich geschlagen! So! Was wollen Sie jetzt noch?“

„Ich danke Ihnen. Würden Sie sich jetzt vielleicht die Mühe nehmen, uns genau zu erklären: Warum Sie eigentlich nochmals hinabsprangen, zu welchem Zweck, welch eine Absicht hatten Sie, als Sie es taten?“

„Nun, Teufel ... ich sprang einfach zum verletzten Alten hinab ... Ich weiß nicht, wozu!“

„Während Sie so erregt waren? – und auf der Flucht?“

„Ja, ich war erregt und auf der Flucht.“

„Wollten Sie ihm helfen?“

„Was helfen! ... Ja, vielleicht auch helfen, ich weiß es nicht mehr.“

„Ohne zu wissen, was Sie taten? Das heißt, Sie waren wohl etwas ... gewissermaßen besinnungslos?“

„Oh, nein, durchaus nicht, ich erinnere mich des Vorganges ganz genau, bis aufs letzte. Ich sprang in den Garten zurück, um zu sehen, was ich angerichtet hatte, und ich wischte ihm das Blut mit meinem Taschentuch ab.“

„Wir haben Ihr Taschentuch gesehen. Sie hofften den Verletzten ins Leben zurückzurufen?“

„Ich weiß nicht, ob ich es noch hoffte. Ich wollte mich einfach nur überzeugen, ob er noch lebte oder nicht.“

„Aha, Sie wollten sich also überzeugen. Nun, und überzeugten Sie sich?“

„Ich bin kein Arzt, ich konnte nicht feststellen, ob er tot war oder noch lebte. Ich lief fort im Glauben, daß ich ihn erschlagen hätte – und da ist er nun wieder zu sich gekommen!?“

„Vorzüglich, ich danke Ihnen,“ schloß der Staatsanwalt. „Das war alles, was ich wissen wollte. Bitte, fahren Sie fort.“

Armer Mitjä! Es war ihm gar nicht in den Sinn gekommen, zu sagen – obgleich er sich dessen sehr wohl erinnerte –, daß er aus Mitleid hinabgesprungen war, daß er sogar beim Anblick des vermeintlich Erschlagenen traurig vor sich hingemurmelt hatte: „Bist mir in den Weg gekommen, armer Alter, nun, so liege denn.“ Daher schloß der Staatsanwalt aus seinen Aussagen, daß Mitjä „in jenem Augenblick und trotz seiner Aufregung“ nur zu dem einen Zweck hinabgesprungen war, um sich zu überzeugen, ob der _einzige_ Zeuge seines Verbrechens lebte oder tot war. Wie groß mußte folglich die Entschlossenheit, Kaltblütigkeit und Überlegungskraft dieses Menschen selbst in „solch einem Augenblick“ gewesen sein usw. usw. Der Staatsanwalt war sehr zufrieden. Er hatte einen nervösen Menschen „durch Kleinigkeiten so weit gereizt, daß der sich doch noch versprochen hatte“.

Mitjä fuhr gepeinigt zu erzählen fort. Er wurde aber alsbald wieder unterbrochen; diesmal vom Untersuchungsrichter.

„Wie konnten Sie zur Magd Fedossja Markowna in die Küche gehen, da Sie doch blutbefleckte Hände hatten?“

„Aber ich wußte es doch gar nicht, ich hatte es ja gar nicht bemerkt, daß ich blutig war!“ sagte Mitjä.

„Diese Aussage ist sehr glaubwürdig, das kommt sehr oft in solchen Fällen vor,“ sagte der Staatsanwalt mit einem Blick auf den Untersuchungsrichter.

„Tatsächlich, ich hatte es überhaupt nicht bemerkt, da haben Sie ganz recht, Herr Staatsanwalt,“ bestätigte Mitjä nochmals.

Darauf folgte die Erzählung von seinem plötzlichen Entschluß, sich zu „beseitigen“ und „die Glücklichen ungestört an sich vorübergehen zu lassen“. Doch konnte er nicht mehr, wie kurz vorher, von der „Königin seiner Seele“ erzählen und sein Herz aufdecken. Es wäre ihm zu peinvoll, zu qualvoll und zuwider gewesen, davon vor diesen kalten Menschen zu reden, die sich „wie Wanzen an mir festgesogen haben“. Und darum antwortete er auf die wiederholte Frage nur kurz und schroff:

„Nun, ich beschloß einfach, mich zu erschießen. Wozu sollte ich noch leben? – Diese Frage stellte sich ganz von selbst. Ihr ... Derjenige, dem ihre erste Liebe gehört hatte, ihr Beleidiger war mit seiner Liebe zurückgekehrt, um nach fünf Jahren das Vergangene wieder gutzumachen und um sie zu heiraten. Nun und da begriff ich, daß für mich alles verloren war ... Und hinter mir lag dieses Blut, das Blut Grigorijs ... Wozu da noch leben? Nun, und so ging ich denn zu Perchotin, um die versetzten Pistolen auszulösen, um sie zu laden und mir bei Sonnenaufgang eine Kugel vor den Kopf zu schießen ...“

„Und in der Nacht noch ein tolles Gelage?“

„Ja, ein tolles Gelage. Ach zum Teufel, kommen Sie schneller zu einem Schluß, meine Herren. Erschießen wollte ich mich unbedingt ... hier, nicht weit, ungefähr um fünf Uhr morgens, und in meiner Tasche lag schon der Zettel bereit ... den hatte ich bei Perchotin geschrieben, als die Pistole geladen war. Hier ist das Ding, lesen Sie. Nicht Ihnen erzähle ich das!“ fügte er plötzlich verächtlich hinzu. Er hatte das Papier aus der Westentasche hervorgezogen und auf den Tisch geworfen. Die Juristen lasen interessiert, was er am Abend vorher geschrieben hatte. Der Zettel wurde, wie es sich gehört, ins Protokoll aufgenommen.

„Und die Hände zu waschen fiel Ihnen noch immer nicht ein, selbst als Sie bei Herrn Perchotin eintraten? So fürchteten Sie also keinen Verdacht?“

„Was für einen Verdacht? Verdacht – oder nicht, das war mir ganz egal ... ich hatte doch schon beschlossen, nach Mokroje zu fahren und mich hier bei Sonnenaufgang zu erschießen, und niemand hätte vorher was erfahren oder mich daran hindern können. Denn wenn nicht dieser Zufall mit dem Vater dazwischen gekommen wäre, so hätten Sie doch nicht so bald von dem Vorgefallenen erfahren, und wären dann natürlich auch nicht hergekommen. Oh, das hat der Teufel getan, der Teufel hat den Vater erschlagen, durch den Teufel haben auch Sie es so schnell erfahren! Wie sind Sie nur so schnell hergekommen? Das ist doch wahrlich kaum glaublich!“

„Herr Perchotin hat uns mitgeteilt, daß Sie, als Sie bei ihm eingetreten sind, in der Hand ... in der blutigen Hand Ihr Geld gehalten haben ... ein ganzes Paket Hundertrubelscheine – und das hat der Knabe, der bei ihm aufwartet, gleichfalls gesehen.“

„Ja, so war es, ich erinnere mich dessen.“

„Jetzt gilt es, hier noch eine kleine Frage zu erledigen. Können Sie uns vielleicht mitteilen,“ begann äußerst milde der Untersuchungsrichter, „wo Sie plötzlich soviel Geld hergenommen hatten, da doch aus dem Tatbestand und aus der Zeitberechnung klar hervorgeht, daß Sie von Fedossja Markowna direkt zu Herrn Perchotin gegangen sind, sich also nicht vorher in Ihre Wohnung begeben haben?“

Der Staatsanwalt runzelte ein wenig die Stirn über die so auf die Spitze getriebene Frage, aber er unterbrach Neljudoff nicht.

„Nein, ich bin allerdings nicht nach Haus gegangen,“ antwortete Mitjä offenbar sehr ruhig, doch hielt er den Blick zu Boden gesenkt.

„In diesem Fall erlauben Sie wohl,“ fuhr Neljudoff gleichsam näherschleichend fort, „meine Frage zu wiederholen: Woher nahmen Sie plötzlich eine so große Summe, wenn Sie, nach Ihrer eigenen Aussage, noch um fünf Uhr ...“

„Wenn ich um fünf Uhr noch kein Geld hatte und für zehn Rubel die Pistolen bei Perchotin versetzte, dann Frau Chochlakoff um dreitausend Rubel anborgen wollte und von der nichts bekam, und so weiter die ganze Litanei,“ unterbrach Mitjä gereizt. „Ja, sehen Sie mal, meine Herren, um fünf Uhr keine zehn Rubel, und da plötzlich Tausende in den Fingern, – verdächtig, wie? Wissen Sie, meine Herren, Sie zittern ja jetzt alle beide vor Angst, ‚er könnte am Ende nicht sagen, wo er das Geld hergenommen hat, und was dann?‘ Ja, so ist es auch, meine Herren: Ich sage es nicht, Sie haben es erraten, Sie werden es nicht erfahren,“ sagte Mitjä entschlossen und bestimmt.

Die Juristen schwiegen beide eine Weile.

„Sie sehen doch ein, Herr Karamasoff, daß das zu erfahren für uns von großer Wichtigkeit ist,“ sagte schließlich ruhig und bescheiden der Untersuchungsrichter.

„Ich sehe dies vollkommen ein, aber ich sage es trotzdem nicht.“

Da mischte sich auch der Staatsanwalt hinein und erinnerte wieder daran, daß der Angeklagte zwar nicht zu antworten brauchte, wenn er das für sich für vorteilhafter hielt usw., doch hinsichtlich des Schadens, den sich der Angeklagte durch das Verschweigen seiner Geldquelle zufüge, und besonders noch, da es sich dabei um eine Frage von solcher Wichtigkeit handelte, so ...

„Und so weiter, meine Herren, und so weiter. Genug, ich habe den Sermon schon gehört!“ unterbrach Mitjä wieder ungeduldig. „Ich begreife selbst sehr gut, von welcher Wichtigkeit diese Frage ist, daß es der Hauptpunkt ist, aber ich sage es trotzdem nicht!“

„Uns kann es ja schließlich gleichgültig sein, das ist nicht unsere Sache, sondern Ihre, und Sie schaden sich dadurch nur,“ bemerkte der Untersuchungsrichter etwas gereizt.

„Scherz beiseite, meine Herren, sehen Sie: –“ Mitjä erhob den Blick und sah sie beide fest an. „Ich hab es schon gleich zu Anfang vorausgefühlt, daß wir gerade in diesem Punkt mit den Köpfen aneinanderprallen würden. Als ich meine Aussagen begann, lag alles andere noch neblig in weiter Ferne, alles wogte noch verschwommen durcheinander, und ich war sogar so naiv, daß ich mit dem Vorschlag, ‚uns gegenseitig volles Vertrauen zu schenken‘ begann. Jetzt sehe ich ein, daß von Vertrauen hier überhaupt nicht die Rede sein kann, denn wir mußten doch einmal auf diesen verfluchten Punkt stoßen. Nun, und jetzt sind wir auch glücklich da angelangt! Es geht nicht, und das genügt. Übrigens, ich mache Ihnen keine Vorwürfe, Sie können mir nicht aufs Wort glauben, das begreife ich doch!“

Er verstummte. Sein Gesicht war düster.

„Aber könnten Sie nicht, ohne im geringsten Ihren Entschluß, das Hauptsächlichste zu verschweigen, aufzugeben, könnten Sie uns nicht trotzdem wenigstens einen kleinen Wink geben oder andeuten, welcher Art die Gründe sind, die Sie zu einer so gefährlichen, für Sie gefährlichen Verheimlichung eines so wichtigen Punktes bewegen?“

Ein trauriges und gleichsam nachdenkliches Lächeln erschien auf Mitjäs Lippen.

„Ich bin sogar viel gütiger, als Sie von mir glauben, meine Herren. Ich werde Ihnen sagen, warum ich es nicht tun kann, und werde Ihnen auch den gewünschten Wink geben, obgleich Sie das eigentlich gar nicht wert sind. Hören Sie, meine Herren, ich verschweige es darum, weil darin eine Schmach für mich liegt. Jawohl, in der Antwort auf die Frage: Woher ich dieses Geld genommen habe, liegt für mich eine Schmach, mit der man selbst die Ermordung und Beraubung meines Vaters nicht vergleichen könnte – wenn ich ihn erschlagen und beraubt hätte. Das ist der Grund, warum ich es nicht sagen kann. Wegen der Schande kann ich es nicht. Wie, meine Herren, Sie wollen auch das niederschreiben?“

„Ja, das muß aufgeschrieben werden,“ sagte der Untersuchungsrichter.

„Das sollten Sie lieber nicht tun, meine Herren, das von der ‚Schmach‘. Das habe ich Ihnen doch nur aus Anständigkeit gesagt, ich hätte es nicht zu sagen gebraucht, ich habe es Ihnen sozusagen geschenkt. Und Sie wollen das gleich schwarz auf weiß niederschreiben! – Ach nun, schreiben Sie, schreiben Sie, was Sie wollen,“ brach er verächtlich und gereizt ab, „– ich fürchte Sie nicht und ... bleibe stolz vor Ihnen!“

„Und würden Sie nicht auch sagen, welcher Art diese Schmach wäre?“ fragte wieder freundlich der Untersuchungsrichter.

Der Staatsanwalt runzelte geärgert die Stirn.

„Nein, _c’est fini_, geben Sie sich weiter keine Mühe. Und wozu sich besudeln? Hab mich schon sowieso an Ihnen besudelt. Sie sind es nicht wert, weder Sie noch sonst jemand ... Genug davon, meine Herren, ich sage nichts mehr.“

Es war gar zu bestimmt gesagt. Der Untersuchungsrichter gab es auf, weiter in ihn zu dringen, doch da sah er am Blick des Staatsanwalts, daß dieser die Hoffnung noch nicht verloren hatte.

„Aber können Sie nicht wenigstens das eine angeben: Wie groß war die Summe, die Sie in der Hand hielten, als Sie bei Herrn Perchotin eintraten, wieviel Rubel waren es?“

„Nein, das will ich nicht angeben.“

„Herrn Perchotin haben Sie, glaube ich, gesagt, daß es dreitausend gewesen seien, die Sie angeblich von Frau Chochlakoff erhalten hätten.“

„Es ist möglich, daß ich ihm das gesagt habe. Aber genug, meine Herren, ich sage nicht, wieviel es waren.“

„Dann haben Sie wohl die Güte, zu erzählen, wie Sie hierher nach Mokroje gefahren sind, und alles, was Sie nach der Ankunft hier getan haben.“

„Ach Gott, fragen Sie das doch hier die Leute. Aber, übrigens, ich kann es ja meinetwegen auch selbst erzählen.“

Er erzählte trocken, flüchtig. Von seiner Liebe sprach er kein Wort. Dafür aber erzählte er, wie er den Entschluß, sich zu erschießen, aufgegeben hatte, „infolge der veränderten Lage der Dinge“. Er erzählte, ohne zu begründen, ohne auf die Einzelheiten einzugehen. Und auch die Juristen unterbrachen ihn nicht mehr; es waren das für sie augenscheinlich Nebensachen, die sie weniger interessierten.

„Das werden wir noch alles nachprüfen, da wir darauf beim Verhör der Zeugen zurückkommen müssen; dasselbe wird selbstverständlich in Ihrer Gegenwart stattfinden,“ sagte der Untersuchungsrichter und schloß damit das Verhör. „Jetzt aber werden Sie vielleicht so freundlich sein, alles hierher auf den Tisch zu legen, was Sie bei sich haben, und vor allem das ganze Geld, welches sich augenblicklich in Ihrem Besitze befindet.“

„Das Geld, meine Herren? Bitte, ich verstehe, daß das notwendig ist. Es wundert mich, daß Sie nicht schon früher Ihre Neugier zu befriedigen versucht haben. Allerdings, ich saß ja unter Ihren Augen, wäre ja auch nicht fortgegangen. Nun, hier ist es, mein ganzes Geld, zählen Sie mal nach, nehmen Sie. So, – das ist alles, glaube ich.“

Er durchsuchte seine sämtlichen Taschen und zog alles hervor, was er an Geldstücken fand, selbst das Kleingeld. In seiner Westentasche fand er noch zwei Zwanziger. Man zählte das Geld, und es zeigte sich, daß es nur achthundertsechsunddreißig Rubel und vierzig Kopeken waren.

„Und das ist alles?“ fragte der Untersuchungsrichter.

„Alles.“

„Sie sagten soeben, als Sie Ihre Aussagen machten, daß Sie in der Kolonialwarenhandlung von Plotnikoff dreihundert Rubel bezahlt haben. Herrn Perchotin haben Sie zehn Rubel gegeben, für die Fahrt zwanzig, hier haben Sie zweihundert verspielt, dann ...“

Der Untersuchungsrichter rechnete alles zusammen, was Mitjä noch außerdem bezahlt hatte, und Mitjä half ihm dabei bereitwillig. Jeder Kopeke erinnerte man sich, und alles wurde aufgeschrieben. Darauf rechnete der Untersuchungsrichter oberflächlich die Zahlen zusammen.

„Folglich müssen Sie mit diesen achthundert anfänglich ungefähr tausendfünfhundert Rubel gehabt haben?“

„Folglich,“ sagte Mitjä trocken.

„Wie kommt es aber, daß alle behaupten, Sie hätten viel mehr gehabt?“

„Mögen sie es doch behaupten.“

„Und Sie selbst haben es doch gleichfalls behauptet.“

„Ja, auch ich habe es behauptet.“

„Das werden wir noch kontrollieren ... beim Verhör der anderen Personen. Ihres Geldes wegen beunruhigen Sie sich nicht, es wird, wie es sich gehört, aufbewahrt werden und nach Beendigung des ganzen ... zu Ihrer Verfügung stehen, wenn es sich erweist, oder vielmehr, wenn bewiesen wird, daß Sie auf dasselbe unstreitiges Anrecht besitzen. Nun, und jetzt ...“

Der Untersuchungsrichter erhob sich und erklärte Mitjä mit fester Stimme, daß er gezwungen und verpflichtet sei, eine genaue Untersuchung und Besichtigung „sowohl Ihrer Kleider als auch alles übrigen“ vorzunehmen ...

„Bitte, meine Herren, ich kann alle Taschen umkehren, wenn Sie wollen.“

Und er machte sich allen Ernstes daran, seine Taschen umzukehren.

„Nein, Sie werden sich entkleiden müssen.“

„Was? Entkleiden? Pfui Teufel! Untersuchen Sie doch so! Geht es denn nicht auch so?“

„Das ist unmöglich, Dmitrij Fedorowitsch. Sie werden Ihre Kleider ablegen müssen.“

„Wie Sie wollen,“ brummte Mitjä, der sich schließlich mit finsterer Miene fügte, „nur bitte nicht hier, sondern wenigstens hinter dem Vorhange. Wer wird denn die Besichtigung vollziehen?“

„Natürlich hinter dem Vorhange,“ sagte der Untersuchungsrichter und nickte zum Zeichen des Einverständnisses noch mit dem Kopf. Sein junges Gesicht drückte eine ganz besondere Wichtigkeit aus.

VI. Der Staatsanwalt

Es begann etwas, was Mitjä nie erwartet hätte, und was ihn nicht wenig in Erstaunen setzte. Nie im Leben hätte er gedacht, selbst im letzten Augenblick nicht, daß jemand so mit ihm umgehen könnte, mit Dmitrij Karamasoff! Vor allem lag darin etwas Erniedrigendes für ihn: etwas so „Anmaßendes und Nichtachtendes“ seiner Person. Es wäre weiter nicht schlimm gewesen, hätte er den Rock ausziehen müssen; man ersuchte ihn aber, sich noch weiter zu entkleiden. Und eigentlich ersuchte man ihn nicht einmal darum, sondern man befahl es ihm geradezu – was er nur zu gut fühlte. Aus Stolz und Verachtung unterwarf er sich wortlos. Außer dem Untersuchungsrichter und dem Staatsanwalt traten hinter den Vorhang, um der Durchsuchung beizuwohnen, auch noch einige Bauern, „natürlich zur Sicherheit,“ dachte Mitjä, „vielleicht aber auch zu einem anderen Zweck“.

„Was, soll ich etwa auch noch das Hemd ausziehen?“ fragte er scharf; doch der Untersuchungsrichter antwortete ihm nicht; er war mit dem Staatsanwalt in die Besichtigung des Rockes, der Beinkleider, der Weste und der Mütze vertieft, und man sah es ihnen an, daß die Untersuchung sie beide ungemein interessierte. „Die genieren sich wahrlich nicht ein bißchen,“ dachte Mitjä, „nicht einmal die nötige Höflichkeit beobachten sie.“

„Ich frage Sie zum zweitenmal: Soll ich das Hemd ausziehen oder nicht?“ fragte er noch schärfer und gereizter.

„Beunruhigen Sie sich nicht, wir werden es Ihnen sagen,“ antwortete der Untersuchungsrichter in etwas obrigkeitlichem Ton. Wenigstens schien dies Mitjä so.

Mittlerweile fand zwischen dem Untersuchungsrichter und dem Staatsanwalt eine eifrige halblaute Beratung statt. Auf dem linken Rockschoß hatten sie große Blutflecken entdeckt, die bereits ganz trocken und hart waren. Desgleichen fanden sie auch auf den Beinkleidern Blutflecke. Der Untersuchungsrichter befühlte eigenhändig in Gegenwart der Bauernzeugen den Rockkragen, die Aufschläge und alle Nähte der Kleidungsstücke, – offenbar suchte er nach etwas, und das konnte natürlich nur Geld sein. Doch das Kränkendste für Mitjä war, daß sie ihren Verdacht nicht einmal verbargen, den Verdacht, er hätte das Geld in seine Kleider einnähen können. „Sie gehen ja wirklich mit mir um, als hätten sie es mit einem Diebe und nicht mit einem Offizier zu tun,“ dachte er ingrimmig. Und ihre Gedanken teilten sie sich untereinander geradezu verblüffend offen und ungeniert mit. So lenkte zum Beispiel der Schriftführer, der gleichfalls hinter den Vorhang gekommen war, eifrig zuhörte und untersuchen half, die Aufmerksamkeit des Untersuchungsrichters auf die Mütze, die danach nicht minder sorgfältig befühlt wurde. „Wissen Sie noch, wie damals der Schreiber Gridjenka hereinfiel?“ fragte der Schriftführer. „Er fuhr im Sommer hin, um das Gehalt für die Kanzleibeamten in Empfang zu nehmen, und als er zurückkam, sagte er, er hätte das ganze Geld in betrunkenem Zustande unterwegs verloren, – und wo fand man es? Im Mützenrand: Die Hundertrubelscheine waren zu Spiralen zusammengerollt und gerade hier eingenäht.“ Beide Juristen erinnerten sich noch sehr gut des Falles Gridjenka, und so wurde denn beschlossen, Mitjäs Mütze und Kleider zur genaueren Untersuchung zurückzubehalten.

„Erlauben Sie!“ rief plötzlich Neljudoff, der Untersuchungsrichter, als er den dunklen Rand an Mitjäs rechter Manschette bemerkte. „Erlauben Sie, ist das, ist das etwa Blut?“

„Ja, Blut,“ sagte Mitjä kurz.

„Das heißt, was für ein Blut ist es? ... und warum ist der Manschettenrand so umgebogen?“

Mitjä erzählte, wie die Manschette blutig geworden war, als er Grigorij das Blut vom Gesicht abgewischt hatte, und wie er darauf beim Händewaschen bei Perchotin auf den Gedanken gekommen war, den blutigen Rand einfach umzubiegen, so gut es ging.

„Dann müssen wir auch Ihr Hemd nehmen, das ist sehr wichtig ... Es gehört zu den Beweisstücken.“

Mitjä errötete und wurde wild.

„Soll ich denn nackend bleiben?“ schrie er.

„Beunruhigen Sie sich nicht ... wir werden dem schon irgendwie abzuhelfen wissen, jetzt aber ziehen Sie bitte auch die Socken aus.“

„Sagen Sie das im Ernst?“ fragte Mitjä mit blitzenden Augen.

„Uns ist es nicht um Scherz zu tun!“ wies ihn der Untersuchungsrichter streng zurück.

„Nun, wenn es so sein muß ... werde ich ...“ brummte Mitjä, setzte sich aufs Bett und schickte sich an, seine Socken auszuziehen. Es war für ihn unerträglich: alle waren angekleidet, nur er allein war ausgekleidet und, sonderbar – entkleidet kam er sich vor ihnen fast schuldig vor, und vor allen Dingen fühlte er sich selbst mit einemmal viel niedriger als sie und gab in seinem Bewußtsein zu, daß sie nun das volle Recht hatten, ihn zu verachten. „Wenn alle entkleidet sind, so schämt man sich weiter nicht, ist man aber ganz allein entkleidet und wird man dann noch von allen besehen, so ist es – eine Schmach!“ ging es ihm immer wieder durch den Sinn. „Das ist ja ganz wie im Traum,“ dachte er, „nur im Traum habe ich zuweilen solche Schmach empfunden.“ Doch die Socken auszuziehen, war ihm eine ganz besondere Qual, denn sie waren nicht ganz rein, und auch die Unterbeinkleider waren es nicht, und jetzt konnten das alle sehen. Doch vor allen Dingen liebte er seine Füße nicht; er hatte die beiden großen Zehen aus irgendeinem Grunde sein ganzes Leben lang für mißgestaltet gehalten, besonders den einen häßlichen, platten und irgendwie dumm nach unten gebogenen Nagel der großen Zehe am rechten Fuß. Jetzt würden das alle sehen! Vor unerträglicher Scham wurde er noch gröber, und zwar absichtlich. Er riß sich selbst das Hemd vom Leibe.

„Wollen Sie nicht noch wo nachsuchen, wenn Sie sich nicht schämen?“

„Nein, vorläufig ist dies nicht nötig.“

„Wie, und ich soll hier so nackend bleiben?“ schrie er sie wild an.

„Ja, das ist vorläufig nicht zu ändern ... Setzen Sie sich solange, bitte, hierher. Sie können sich in die Bettdecke einhüllen, wenn Sie wollen, ich ... ich werde das jetzt fortbringen.“