Part 64
Ich werde natürlich nicht die ganze Erzählung dessen, was dem Leser bereits bekannt ist, wiederholen. Dmitrij Fedorowitsch wollte alles ganz ausführlich erzählen und doch in seiner Ungeduld möglichst schnell alles abmachen. Aber je mehr er aussagte, um so mehr wurde auch aufgeschrieben, und so mußte er immer wieder unterbrochen werden. Das mißfiel ihm sehr, und er ärgerte sich, wenn auch vorläufig noch in gutmütiger Weise. Allerdings rief er zuweilen: „Meine Herren, das würde selbst einen Gott aus der Haut bringen“ oder: „Meine Herren, wissen Sie auch, daß Sie mich ganz unnütz aufreizen?“ Doch verlor er dabei noch nicht seine freundschaftliche gutmütige Stimmung. So erzählte er denn, wie Ssamssonoff ihn vor zwei Tagen „zum Narren gehabt“ hatte (das hatte er inzwischen vollkommen erraten). Die Mitteilung vom Verkauf der Uhr für sechs Rubel, um sich Geld zur Fahrt zu verschaffen, erweckte sofort das größte Interesse der Juristen, die davon noch nichts gewußt hatten, und zu Mitjäs maßlosem Ärger fanden sie es für nötig, die Tatsache ausführlich aufzuschreiben, als wiederholte Bestätigung dessen, daß er schon am Abend des vorhergehenden Tages keine Kopeke mehr besessen hatte. Mitjäs Gesicht wurde allmählich immer düsterer. Er erzählte noch von der Fahrt zum Ljägawyj und von der Nacht, die er in der dunsterfüllten Stube verbracht hatte, und kam dann auf seine Rückkehr in die Stadt zu sprechen. Hier begann er, ohne darum gebeten zu sein, ausführlich seine Eifersuchtsqualen wegen Gruschenka zu schildern. Man hörte ihm schweigend und aufmerksam zu und merkte sich besonders das eine: daß er schon seit längerer Zeit einen Beobachtungsposten in der Hinterstraße hatte, von wo aus er Gruschenka auflauerte, und daß Ssmerdjäkoff ihm Nachrichten überbrachte. Letzteres wurde ausführlich niedergeschrieben und gut behalten. Von seiner Eifersucht sprach Mitjä erregt und viel, und wenn er sich auch dessen schämte, daß er seine intimsten Gefühle so preisgab, so „schmachvoll“ an die Öffentlichkeit preisgab, so zwang er sich doch immer wieder zur Überwindung seiner Scham, um die ganze Wahrheit zu sagen. Die teilnahmlose Strenge der Blicke des Untersuchungsrichters und besonders des Staatsanwalts, die während der ganzen Zeit seiner Erzählung auf ihn gerichtet waren, verwirrten ihn schließlich ziemlich stark. „Dieser Milchbart, mit dem ich noch vor ein paar Tagen Dummheiten über die Weiber geschwatzt habe, und dieser schwindsüchtige Staatsanwalt sind es wahrlich nicht wert, daß ich so mein Innerstes aufdecke,“ ging es ihm durch den Sinn. „Oh, die Schande! Doch – ‚Trage dein Leid, mein Herz, ergib dich und schweige‘ –.“ Mit diesem Dichterausspruch überwand er seinen traurigen Gedanken und nahm sich von neuem zusammen, um fortzufahren. Als er zur Erzählung seines Besuches bei Frau Chochlakoff kam, ärgerte er sich noch nachträglich über sie und wollte schon eine kleine lustige Anekdote über diese Dame erzählen, die er vor kurzem gehört hatte, doch der Untersuchungsrichter bat ihn höflich, zu „Wesentlicherem“ überzugehen. Endlich, als er seine Verzweiflung schilderte, wie er aus dem Chochlakoffschen Hause hinausgelaufen war und einen Augenblick sogar daran gedacht hatte, wenn nicht anders, irgend jemanden zu erdrosseln, um sich diese Dreitausend zu verschaffen, wurde er wieder unterbrochen, um auch das, daß er jemanden hatte „erdrosseln“ wollen, niederschreiben zu lassen. Mitjä ließ es wortlos geschehen. Schließlich gelangte er bei dem Augenblick an, wo er plötzlich erfahren hatte, daß er von Gruschenka betrogen worden war, und daß sie Ssamssonoff, bald nach seiner Trennung von ihr vor der Haustür, wieder verlassen hatte, während er im Glauben gewesen war, daß sie bis Mitternacht beim Alten bleiben werde. „Wenn ich in dem Augenblick diese Fenjä nicht erschlug, so geschah das nur deshalb nicht, weil ich keine Zeit dazu hatte,“ entfuhr es ihm plötzlich an dieser Stelle. – Und auch das wurde sorgfältig niedergeschrieben. Mitjä wartete mit düsterem Gesicht und wollte darauf zur Erzählung übergehen, wie er zum Vater in den Garten gelaufen war, – als ihn plötzlich der Untersuchungsrichter unterbrach und aus seinem großen Portefeuille, das neben ihm auf dem Sofa lag, und das er jetzt aufschlug, eine messingne Mörserkeule hervorzog.
„Ist Ihnen dieser Gegenstand bekannt?“ fragte er Mitjä.
„Ach, ja!“ sagte er, finster lächelnd, „selbstverständlich! Geben Sie her, zeigen Sie mir ... Äh, Teufel, nicht nötig!“
„Sie haben vergessen, seiner Erwähnung zu tun,“ bemerkte der Untersuchungsrichter.
„Ach, Teufel! Ich hätte es wahrlich nicht verheimlicht, da seien Sie unbesorgt, ohne dieses Ding wäre es ja doch nicht gegangen, was meinen Sie? – Ich hatte es im Augenblick nur ganz vergessen.“
„Würden Sie die Güte haben, sachlich zu erklären, wie und wo Sie sich mit dieser Mörserkeule bewaffnet haben.“
„Zu Befehl, ich werde die Güte haben, meine Herren.“
Und Mitjä erzählte, wie er sie bei Fenjä in der Küche ergriffen hatte und dann hinausgelaufen war.
„Was beabsichtigten Sie damit zu tun, welches Ziel hatten Sie im Auge, als Sie sich mit dieser Waffe versahen?“
„Welches Ziel? Überhaupt kein Ziel! Ich nahm sie und lief hinaus.“
„Aber warum nahmen Sie sie denn, wenn Sie kein Ziel im Auge hatten?“
In Mitjä brauste der Unwille auf. Starr blickte er dem „Milchbart“ in die Augen und lächelte finster und boshaft. Der wahre Grund seiner Wut war aber eigentlich der, daß er sich immer mehr dessen schämte, so ausführlich und mit solchen Herzensergüssen „diesen Leuten“ von seiner Eifersucht erzählt zu haben.
„Äh, ich spucke darauf!“ entfuhr es ihm plötzlich.
„Sie meinten? ...“
„Nun, um mich der Hunde zu erwehren ... in der Dunkelheit ... für alle Fälle.“
„Haben Sie auch früher, wenn Sie in der Nacht hinausgingen, eine Waffe mitgenommen, wenn Sie die Dunkelheit so fürchten?“
„Ach, zum Teufel, pfui! Meine Herren, mit Ihnen kann man wirklich nicht reden!“ rief Mitjä über die Maßen gereizt und vor Wut hochrot im Gesicht. Plötzlich wandte er sich zum Schreiber und schrie ihm mit einer Stimme, die die Wut nur zu deutlich verriet, zu:
„Schreibe sofort ... sofort ... daß ich die Mörserkeule ergriffen habe, ‚um hinzulaufen und meinen Vater zu erschlagen, Fedor Pawlowitsch ... durch einen Schlag auf den Schädel!‘ Nun, sind Sie jetzt zufrieden, meine Herren? Hat jetzt Ihre liebe Seele Ruh?“ fragte er mit herausforderndem Blick auf den Untersuchungsrichter und den Staatsanwalt.
„Wir begreifen sehr gut, daß Sie diese Worte soeben in der Gereiztheit und im Ärger über uns und unsere Fragen gesprochen haben, – über die Fragen, die wir an Sie stellen, und die Sie für Fußangeln oder lächerliche Hintergedanken halten, die aber in Wirklichkeit von großer Wichtigkeit sind und nur zur Sache führen,“ gab der Staatsanwalt trocken zur Antwort.
„Aber erbarmen Sie sich, meine Herren! Ja, ich habe eine Mörserkeule ergriffen ... Nun, wozu nimmt man zuweilen, wenn man erregt ist, irgendeinen Gegenstand in die Hand? Ich weiß nicht, wozu. Ich nahm das Ding und lief hinaus. Und das ist alles. Das ist doch wirklich ... Meine Herren, _passons_, oder ich schwöre Ihnen, ich sage kein Wort mehr!“
Er setzte den Ellenbogen auf die Tischkante und stützte den Kopf in die Hand. So saß er, halb abgewandt von ihnen und bemühte sich, zur Wand blickend, das in ihm aufsteigende schlechte Gefühl niederzuringen. Er wollte am liebsten sofort aufstehen und erklären, daß er kein Wort mehr sagen werde, „bringen Sie mich meinetwegen aufs Schafott!“
„Meine Herren,“ sagte er plötzlich, nur mit Mühe sich bezwingend, „sehen Sie, ich höre Sie fragen, und es kommt mir dabei vor, wie ... Wissen Sie, ich habe zuweilen einen Traum, sehr oft sogar ... einen ganz besonderen Traum ... Mir träumt, daß mich jemand verfolgt, irgend jemand, vor dem ich mich entsetzlich fürchte, er verfolgt mich in der Dunkelheit, in der Nacht, sucht mich, und ich verstecke mich vor ihm hinter der Tür oder hinter einem Schrank, verstecke mich in ganz erniedrigender Weise, und die Hauptsache ist, er weiß ganz genau, wo ich mich vor ihm verstecke, aber er tut absichtlich, als wüßte er nicht, wo ich bin, er verstellt sich, um mich länger zu quälen, um sich an meiner Angst zu weiden ... Und so machen auch Sie es jetzt! Genau so!“
„Also solche Träume haben Sie?“ erkundigte sich der Staatsanwalt.
„Ja, solche Träume ... Aber wollen Sie das vielleicht nicht auch niederschreiben?“ fragte Mitjä mit boshaft verzogenem Lächeln.
„Nein, das wollen wir nicht niederschreiben, aber immerhin haben Sie doch interessante Träume.“
„Jetzt aber ist es kein Traum mehr! Das ist der Realismus, meine Herren, der Realismus des Lebens! Ich bin der Wolf, Sie sind die Jäger, nun, so hetzen Sie mich denn!“
„Sie haben ganz grundlos diesen Vergleich gemacht ...“ wollte der Untersuchungsrichter mit außerordentlich sanfter Stimme beginnen, doch Mitjä unterbrach ihn.
„Nein, nicht grundlos, meine Herren, nicht grundlos!“ Er brauste wieder auf, doch hatte er durch den Ausbruch des plötzlichen Zornes sein Herz erleichtert, und so wurde er jetzt mit jedem Wort wieder ruhiger und gutmütiger. „Sie können einem Verbrecher oder Verurteilten, den Sie mit Ihren Fragen foltern, meinetwegen nicht glauben, aber an dem edelmütigsten Menschen, meine Herren, an dem edelsten Aufschwung der Seele – das sage ich dreist! – nein! an dem dürfen Sie nicht zweifeln ... dazu haben Sie kein Recht ... aber –
‚Trage dein Leid, mein Herz, Ergib dich und schweige!‘
Nun, was, – soll ich fortfahren?“ brach er finster ab.
„Bitte, haben Sie die Güte,“ antwortete der Untersuchungsrichter.
V. Das dritte Purgatorium
Mitjä sprach zwar in rauhem Tone und mürrisch, doch bemühte er sich augenscheinlich, nicht das geringste zu vergessen, vielmehr alles bis ins kleinste wiederzugeben. Er erzählte, wie er über den Zaun in den Garten des Vaters hinabgesprungen war, wie er sich zum Fenster geschlichen, und was er dort gesehen hatte. Klar, bestimmt, als wolle er jedes Wort prägen, sprach er von seinen Gefühlen, die ihn in jenen Augenblicken im Garten erregt hatten, als er so krampfhaft erfahren wollte, ob Gruschenka beim Vater war oder nicht. Doch sonderbar, sowohl der Staatsanwalt wie der Untersuchungsrichter hörten ihm diesmal mit einer auffallenden Zurückhaltung zu, blickten ihn trocken an und stellten viel weniger Fragen. „Scheinen sich geärgert zu haben und gekränkt zu sein,“ dachte Mitjä, „ach nun, hol sie der Teufel!“ Als er erzählte, wie er sich entschlossen hatte, dem Vater das _Zeichen_ zu geben, daß Gruschenka gekommen sei, um sich zu vergewissern, ob er allein war, und wie der Alte das Fenster geöffnet hatte, da beachtete keiner von den Juristen das Wort „Zeichen“, als ob sie überhaupt nicht verstanden hätten, welche Bedeutung dieses Wort hatte, so daß es selbst Mitjä auffiel. Als er dann schließlich zu dem Augenblick kam, wie er beim Anblick des beleuchteten Profils seines Vaters den Haß in sich auflodern gefühlt und die Mörserkeule aus der Tasche gerissen hatte, da hielt er plötzlich wie absichtlich inne. Er saß und blickte zur Wand und wußte, daß die anderen mit ihren Blicken gleichsam wie gebannt an ihm hingen.
„Nun, und?“ fragte der Untersuchungsrichter, „Sie rissen die Waffe heraus und ... was geschah darauf?“
„Was darauf geschah? Und darauf erschlug ich ihn – zielte genau auf den Scheitel und schlug ihm den Schädel ein ... So muß es doch gewesen sein, nach Ihrer Meinung, nicht wahr?“
Sein ganzer Zorn, der sich bereits besänftigt hatte, erhob sich im Augenblick wieder mit überwältigender Macht.
„Ja, nach unserer Meinung,“ bestätigte der Untersuchungsrichter, „nun, und nach Ihrer?“
Mitjä senkte den Blick und schwieg lange.
„Nach meiner Meinung, meine Herren, meiner Meinung nach war es so,“ sagte er leise. „Waren es jemandes Tränen, war es ein Gebet meiner Mutter zu Gott, oder umschwebte mich ein lichter Geist in jenem Augenblick – ich weiß es nicht, aber der Teufel war niedergerungen. Ich stürzte fort vom Fenster und lief zum Zaun ... Mein Vater erschrak, denn da erst bemerkte er mich: er schrie auf und sprang zurück vom Fenster, – das weiß ich noch ganz genau. Ich aber lief durch den Garten zum Zaun ... und dort war es, wo Grigorij mich einholte und mich am Bein ergriff, als ich schon auf dem Zaun saß ...“
Mitjä erhob endlich den Blick zu seinen Zuhörern. Es schien, daß diese ihn mit der ruhigsten Aufmerksamkeit betrachteten. Da war es Mitjä, als krampfte sich seine Seele vor Unwillen zusammen.
„Aber Sie, meine Herren, Sie machen sich ja jetzt nur lustig über mich!“ unterbrach er sich.
„Wie kommen Sie darauf?“ fragte der Untersuchungsrichter.
„Weil Sie mir kein Wort davon glauben, darum! Ich begreife doch, daß das der Hauptpunkt ist, zu dem ich gekommen bin: mein Vater liegt jetzt dort mit eingeschlagenem Schädel, und ich, – nachdem ich so tragisch geschildert habe, wie ich ihn erschlagen wollte und schon die Mörserkeule herausriß, – ich laufe plötzlich fort vom Fenster ... Das ist doch eine Dichtung! In Versen sogar! Da kann man jedes Wort dem braven Jungen glauben! Haha! Spötter sind Sie, meine Herren!“
Und er drehte sich mit dem ganzen Körper auf dem Stuhl herum, so daß der Stuhl in den Fugen krachte.
„Aber haben Sie vielleicht bemerkt,“ fragte plötzlich der Staatsanwalt, als ob er Mitjäs Aufregung weiter gar nicht beachtete, „haben Sie es nicht zufällig bemerkt, als Sie vom Fenster zum Zaun liefen: war die Tür, die am anderen Ende der Gartenfassade des Hauses liegt, offen oder geschlossen?“
„Nein, sie war nicht offen.“
„Nicht?“
„Sie war sogar verschlossen, und wer konnte sie denn öffnen? Warten Sie, – die Tür!“ rief er plötzlich, gleichsam sich besinnend und fast zusammenzuckend, „– haben Sie die Tür denn etwa offen vorgefunden?“
„Ja, offen.“
„Aber wer hat sie denn öffnen können, wenn Sie es nicht selbst getan haben?“ fragte Mitjä höchst verwundert.
„Die Tür stand weit offen, und der Mörder Ihres Vaters ist zweifellos durch diese Tür eingedrungen, und nachdem er ihn ermordet hatte, wieder durch dieselbe Tür hinausgegangen,“ sagte langsam und deutlich der Staatsanwalt, indem er jede Silbe gleichsam einzeln aussprach. „Das ist uns vollkommen klar. Der Mord ist ganz augenscheinlich im Zimmer verübt worden, und _nicht durch das Fenster_, was vollkommen deutlich aus der Lokalinspektion hervorgeht, aus der Lage des Körpers und aus allem. Über diesen Punkt kann kein Zweifel bestehen.“
Mitjä war unglaublich betroffen.
„Aber das ist doch unmöglich, meine Herren!“ rief er ganz aus der Fassung gebracht, „ich ... ich bin nicht hineingegangen ... ich, bestimmt, ich versichere Sie, die Tür war die ganze Zeit, während der ich im Garten war, und als ich aus dem Garten hinauslief, verschlossen. Ich stand nur unter dem Fenster, und das war alles, alles ... Ich erinnere mich dessen haarscharf bis zum letzten Augenblick. Und selbst wenn ich mich nicht genau erinnern würde, so weiß ich doch genau, daß das unmöglich ist, denn die _Zeichen_ waren doch nur mir, Ssmerdjäkoff und ihm, dem Toten, bekannt, und ohne diese Zeichen hätte er niemandem auf der Welt die Tür aufgemacht.“
„Zeichen? Was sind denn das für Zeichen?“ fragte sogleich mit gieriger, fast krampfhafter Neugier der Staatsanwalt. Er hatte plötzlich seine ganze gemessene Zurückhaltung verloren.
Er fragte, als wenn er sich vorsichtig heranschleichen wollte. Er witterte eine wichtige Tatsache, die ihm noch unbekannt war, und sofort empfand er auch die größte Angst, Mitjä könnte sie ihm vielleicht nicht ganz aufdecken wollen.
„Ah – ah, und Sie wußten das nicht einmal?“ fragte Mitjä und blinzelte ihm mit mokantem Lächeln spöttisch boshaft zu. „Wenn ich das nun nicht sage? Von wem soll man das dann erfahren? Von diesen Zeichen wußten doch nur der Verstorbene, ich und Ssmerdjäkoff, das sind alle, die was davon wußten, – und noch der Himmel wußte es, aber der wird es Ihnen doch nicht sagen. Und doch – wie interessant ist dieses Pünktchen! Weiß der Teufel, was man noch alles darauf gründen könnte, ha – ha! Beruhigen Sie sich, meine Herren, ich werde es Ihnen sagen. Sie denken sich da sonst wieder Dummheiten zusammen. Überhaupt, Sie wissen gar nicht, mit wem Sie zu tun haben! Sie, meine Herren, haben es mit einem Angeklagten zu tun, der freiwillig gegen sich selbst aussagt, der zu seinem eigenen Nachteil aussagt! Ja, das ist so, denn ich bin ein Mensch von Ehre, Sie aber – sind es nicht!“
Der Staatsanwalt schluckte wortlos alle Pillen hinunter, er zitterte nur vor Ungeduld, diese neue Tatsache zu erfahren. Mitjä erzählte umständlich von den Zeichen und setzte alles genau auseinander, was damit irgendwie in Verbindung stand. Er sagte, daß Fedor Pawlowitsch sie sich für Ssmerdjäkoff ausgedacht hatte, er erklärte ihnen, was das erste Zeichen bedeuten sollte, klopfte sogar die Zeichen auf dem Tisch vor, und auf die Frage des Untersuchungsrichters, ob denn auch er, Mitjä, an das Fenster des Vaters das Zeichen „Gruschenka ist gekommen“, geklopft habe, antwortete er mit fester Stimme, daß er geradeso geklopft habe, so nämlich: tuck-tuck ... tuck-tuck-tuck, – was bedeutete: „Gruschenka ist gekommen“.
„So, jetzt denken Sie sich was Schönes zusammen!“ brach Mitjä kurz ab und wandte sich wieder mit unverhohlener Verachtung von ihnen ab.
„Und um diese Zeichen wußten nur Ihr verstorbener Vater, Sie und der Diener Ssmerdjäkoff? Und sonst niemand?“ erkundigte sich noch einmal der Untersuchungsrichter.
„Ja, der Diener Ssmerdjäkoff und dann noch der Himmel. Schreiben Sie auch den Himmel auf; das wird nicht überflüssig sein; und auch Ihnen wird Gott noch zustatten kommen.“
Natürlich begann wieder das Schreiben, doch als man damit fertig war, fragte der Staatsanwalt unvermittelt, als ob ihm ganz plötzlich ein neuer Gedanke gekommen wäre:
„Aber wenn um diese Zeichen auch Ssmerdjäkoff gewußt hat und Sie auf das bestimmteste jede Schuld am Tode Ihres Vaters von sich weisen, so fragt sich doch, ob nicht er durch das verabredete Zeichen Ihren Vater veranlaßt hat, ihm die Tür aufzumachen und dann also ... ob nicht Ssmerdjäkoff den Mord verübt hat?“
Mitjä blickte mit unsäglich spöttischem, doch zu gleicher Zeit auch sprühend haßerfülltem Blick dem Staatsanwalt in die Augen. Lange und wortlos sah er ihn so an, bis schließlich der Staatsanwalt zu blinzeln begann.
„Da haben Sie wieder den Fuchs gefangen!“ sagte Mitjä, endlich das Schweigen brechend, „und dem schlauen Tier den Schwanz eingeklemmt, haha! Ich durchschaue Sie vortrefflich, Herr Staatsanwalt. Sie glaubten wohl, daß ich sofort aufspringen und mich an das klammern werde, was Sie mir vorgesagt haben, daß ich sofort losschreien werde: ‚Ah, richtig, Ssmerdjäkoff, das ist der Mörder!‘ Gestehen Sie nur, daß Sie gerade etwas in der Art erwartet haben, gestehen Sie es, dann werde ich fortfahren.“
Doch der Staatsanwalt gestand nichts. Er schwieg und wartete.
„Sie haben sich verrechnet, ich werde nicht Ssmerdjäkoff beschuldigen!“ sagte Mitjä.
„Und Sie verdächtigen ihn nicht einmal?“
„Verdächtigen Sie ihn denn?“
„Auch dieser Verdacht ist geäußert worden.“
Mitjä blickte stumpf zu Boden.
„Meine Herren, Scherz beiseite,“ sagte er düster. „Hören Sie mich: Ganz zuerst, ja bereits in dem Augenblick, als ich von dort“ – er wies auf die Portiere – „hervorgestürzt war und Sie alle hier erblickte, zuckte mir schon dieser Gedanke durch den Kopf: ‚Ssmerdjäkoff!‘ dachte ich sofort. Darauf saß ich hier am Tisch und schrie, daß ich unschuldig bin an diesem Blut, und bei mir denke ich die ganze Zeit: ‚Ssmerdjäkoff, bestimmt Ssmerdjäkoff!‘ Und meine Seele konnte diesen Ssmerdjäkoff nicht loswerden. Und schließlich jetzt ... dachte ich plötzlich gleichfalls ‚Ssmerdjäkoff‘, aber nur einen Augenblick, gleich darauf dachte ich: ‚Nein, nicht Ssmerdjäkoff!‘ Das ist keine Tat für ihn, meine Herren!“
„Haben Sie auch keinen Verdacht an einen anderen Menschen?“ fragte vorsichtig der Untersuchungsrichter.
„Ich weiß nicht, wer oder was ... ob die Hand des Himmels oder des Teufels ihn erschlagen hat, aber ... jedenfalls nicht Ssmerdjäkoff!“ sagte Mitjä bestimmt.
„Aber warum behaupten Sie denn so überzeugt und so nachdrücklich, daß er es nicht sei?“
„Nach meiner Überzeugung, nach dem Eindruck, den er auf mich gemacht hat. Weil Ssmerdjäkoff einer der niedrigsten Menschen und ein furchtbarer Feigling ist. Oh, der ist nicht nur ein Feigling, der ist die Quintessenz aller Feigheiten in der Welt zusammengenommen, die jetzt in Menschengestalt auf zwei Beinen geht. Er ist von einem Huhn geboren ... Wenn er mit mir sprach, so zitterte er vor Angst, ich könnte ihn erschlagen, während ich ihn doch mit keinem Finger anrührte, nicht einmal die Hand erhob. Er fiel vor mir auf die Knie nieder und weinte, – er hat mir sogar einmal diese selben Stiefel geküßt, buchstäblich geküßt und mich angefleht, ihn ‚nicht zu ängstigen‘. Hören Sie, ‚nicht zu ängstigen‘ – was ist das für ein Wort? Ich habe ihn sogar beschenkt. Das ist ein kränkliches Huhn, das außerdem noch die Fallsucht hat, ein Mensch mit einem schwachen Verstande, einer, den jeder achtjährige Knabe verprügeln kann. Ist denn das überhaupt ein Mensch? Nein, Ssmerdjäkoff kann es nicht gewesen sein, meine Herren. Und auch aus Geld macht er sich nichts, er wollte nicht einmal was für seine Dienste von mir annehmen ... Und warum hätte er ihn denn erschlagen sollen? Er ist doch vielleicht sein Sohn, sein unehelicher Sohn, wissen Sie das auch?“
„Wir haben von diesem Gerücht gehört. Aber auch Sie haben doch gesagt, daß Sie Ihren Vater erschlagen wollten.“
„Ah, Sie werfen einen Stein in meinen Garten, wie man zu sagen pflegt, damit ich es nicht vergesse! Ein schmachvoller, gemeiner Stein ist es, meine Herren! Ich aber fürchte mich nicht! Meine Herren, ich verstehe nicht, wie Sie, Sie mir das ins Gesicht sagen können! Das ist niedrig von Ihnen, niedrig, weil ich selbst Ihnen gesagt habe, daß ich ihn nicht nur erschlagen wollte, sondern sogar erschlagen konnte, und ich habe noch freiwillig gestanden, daß ich ihn beinahe auch wirklich erschlagen hätte! Aber ich habe ihn doch nicht erschlagen! Davor hat mich doch mein Schutzengel bewahrt! – das ist es, was Sie noch nicht bedacht haben ... Und darum ist es niedrig, niedrig von Ihnen! Hören Sie, Herr Staatsanwalt: _Ich habe ihn nicht erschlagen!_“
Er atmete schwer. Noch war er während des ganzen Verhörs kein einziges Mal so erregt gewesen.
„Aber was hat er Ihnen denn gesagt, der Ssmerdjäkoff?“ fragte er plötzlich auffahrend, nach einem kurzen Schweigen. „Darf ich Sie danach fragen?“
„Durchaus. Sie können uns alles fragen, was den Tatbestand betrifft,“ antwortete der Staatsanwalt mit kalter und strenger Miene, „und wir sind, ich wiederhole es, sogar verpflichtet, auf jede Ihrer Fragen einzugehen. Wir fanden den Diener Ssmerdjäkoff, nach dem Sie sich erkundigen, bewußtlos vor, in einem sehr starken Epilepsieanfall, der sich vielleicht zum zehntenmal wiederholte. Der Arzt, der mit uns gekommen war und den Kranken untersuchte, sagte uns, daß er wahrscheinlich nicht mehr bis zum Morgen leben wird.“
„Nun, dann hat der Teufel den Vater erschlagen!“ entfuhr es Mitjä plötzlich, als hätte er sich sogar bis zu diesem letzten Augenblick noch immer zweifelnd gefragt: „Ist es Ssmerdjäkoff oder nicht Ssmerdjäkoff?“
„Darauf werden wir noch später zurückkommen,“ entschied der Untersuchungsrichter, „würden Sie jetzt nicht Ihre Aussagen fortsetzen wollen.“