Part 63
„Schreiben Sie es nur auf, meine Herren, ich begreife ja sehr gut, daß das wiederum ein Verdachtsmoment gegen mich ist. Aber ich fürchte keine Verdachtsmomente und rede selbst wider mich. Hören Sie, ich selbst! Sehen Sie, meine Herren, Sie halten mich, scheint es, für einen ganz anderen Menschen, als ich bin,“ fügte er finster und traurig hinzu. „Mit Ihnen spricht ein Edelmann, ein Mensch, der wirklich edel ist, das ist das Wichtigste – das bitte ich nicht zu vergessen –, ein Mensch, der eine Unmenge von Schändlichkeiten begangen hat, dessen Gesinnung aber immer edel gewesen und geblieben ist. Ich meine, wenn man mich als Menschen nimmt ... im tiefsten Inneren, nun, mit einem Wort ... Nein, ich verstehe mich nicht auszudrücken ... gerade das hat mich mein ganzes Leben lang gequält, daß ich mich nach dem Edlen gesehnt habe, sozusagen ein Märtyrer des Edlen gewesen bin, ein Mensch, der das Edle mit der Laterne gesucht hat, mit der Laterne des Diogenes, und doch habe ich mein ganzes Leben lang nur Schändlichkeiten begangen, wie wir es ja alle tun, meine Herren ... das heißt, nein, wie ich allein, meine Herren, nicht wie wir alle, sondern wie ich allein, ich versprach mich, wie ich allein, ich allein, meine Herren! ... Mein Kopf tut mir weh,“ sagte er gequält, und seine Brauen zogen sich wie im Schmerz zusammen. „Sehen Sie, meine Herren, mir gefiel sein Äußeres nicht, das Ehrlose an ihm, seine Prahlereien, und daß er alles Heilige unter die Füße trat, sein verhöhnender Spott und seine Gottlosigkeit, – scheußlich, scheußlich! Aber jetzt, da er tot ist, denke ich anders.“
„Inwiefern anders?“
„Nicht anders, aber es tut mir leid, daß ich ihn so gehaßt habe.“
„Sie wollen wohl sagen, daß Sie Reue empfinden?“
„Nein, nicht gerade Reue, schreiben Sie das nicht auf. Ich bin selbst nicht gut, meine Herren, ja, ich bin auch nicht gerade sehr schön, und darum hatte ich gar kein Recht, ihn widerlich zu finden, das ist es! Das können Sie meinetwegen aufschreiben.“
Nachdem Mitjä das gesagt hatte, wurde er plötzlich auffallend traurig. Er war schon seit einiger Zeit immer finsterer geworden. Und da, gerade in diesem Augenblick, kam wieder etwas Unerwartetes dazwischen. Man hatte nämlich Gruschenka zwar aus dem Zimmer entfernt, doch nicht sehr weit fortgebracht: nur in das dritte Zimmer von dem blauen Zimmer, in dem das Verhör stattfand. Es war das ein kleiner einfenstriger Raum, der gleich neben dem großen Zimmer lag, in dem der Chor gesungen und die Mädchen getanzt hatten. Dort saß sie inzwischen, und nur Maximoff war bei ihr. Dieser war über die Maßen betroffen und hatte unglaubliche Angst, weswegen er sich denn auch an sie geradezu angeklammert hatte, als wäre sie seine einzige Rettung. Vor ihrer Tür stand nur ein Bauer mit einem runden Blechschild auf der Brust. Gruschenka weinte, doch plötzlich, als ihr Leid übergroß wurde, sprang sie auf und stürzte mit dem lauten Schrei: „Wehe mir, wehe mir!“ hinaus aus dem Zimmer zu ihrem Mitjä. Das geschah so unerwartet, daß niemand die Geistesgegenwart hatte, sie sofort aufzuhalten. Als Mitjä ihren Schrei hörte, erzitterte er zuerst, dann sprang er wie außer sich auf und stürzte ihr entgegen. Doch man ließ sie wieder nicht zusammen kommen, sie konnten sich nur einen Augenblick sehen. Drei oder vier Männer hielten ihn mit aller Gewalt zurück: er riß seine Arme los, stieß, schlug, aber vergeblich. Auch sie war ergriffen worden, und er sah nur noch, wie sie mit einem Schrei die Arme ihm entgegenstreckte, als sie hinausgebracht wurde. Nachdem dieser Zwischenfall vorüber war, fand er sich, als er zur Besinnung kam, wieder auf seinem Platz gegenüber dem Untersuchungsrichter und heftig auffahrend schrie er ihn an:
„Was hat sie Ihnen getan? Warum quälen Sie sie? Sie ist unschuldig, ganz unschuldig! ...“
Der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter beruhigten ihn. So verging einige Zeit, etwa zehn Minuten. Da trat Michail Makarowitsch (der Polizeichef) wieder ein und sagte laut und sichtlich erregt zum Staatsanwalt:
„Sie ist entfernt, sie ist jetzt nach unten gebracht, – gestatten Sie mir, meine Herren, nur ein Wort zu diesem Unglücklichen zu sagen? In Ihrer Gegenwart, meine Herren, in Ihrer Gegenwart!“
„Bitte,“ entgegnete der Untersuchungsrichter, „in diesem Falle haben wir nichts dagegen einzuwenden.“
„Dmitrij Fedorowitsch, höre, mein Sohn,“ begann Michail Makarowitsch zu Mitjä gewandt, und sein Gesicht drückte aufrichtiges, fast väterliches Mitleid mit dem Unglücklichen aus. „Ich habe deine Agrafena Alexandrowna nach unten begleitet und sie dort den Wirtstöchtern übergeben, und außerdem ist noch dieses alte Männchen, der Maximoff, beständig bei ihr, und ich habe ihr zugeredet, hörst du? habe ihr zugeredet und sie beruhigt, ihr erklärt, daß du dich jetzt rechtfertigen mußt, daß sie dich darum nicht stören soll, da sie dich sonst aufregen würde und du dich verwirren und falsch gegen dich aussagen könntest, verstehst du? Na, mit einem Wort, ich habe ihr zugeredet, und sie hat es begriffen. Sie ist ein kluges Weib, sie ist gut, sie wollte sogar mir altem Manne die Hand küssen, und sie hat für dich gebeten. Sie selbst hat mich zu dir geschickt, um dir sagen zu lassen, daß du ihretwegen ruhig sein sollst, aber es ist auch nötig, nötig, daß ich jetzt zu ihr gehe und ihr sage, daß du ruhig bist und dich ihretwegen nicht mehr aufregst. Versteh mich recht und beruhige dich hübsch. Ich fühle, daß ich ihr gegenüber schuldig bin, ich habe mich vorhin fortreißen lassen, sie hat ein echt christliches Herz, jawohl, meine Herren, das ist eine fromme Seele, die keine Schuld kennt. Also, was soll ich ihr nun sagen, Dmitrij Fedorowitsch, wirst du ruhig sein oder nicht?“
Der alte gute Mann sprach viel überflüssiges Zeug, doch Gruschenkas Leid, das aufrichtige Menschenleid hatte sein gutes Herz dermaßen ergriffen, daß ihm Tränen in den Augen standen. Mitjä sprang ungestüm auf.
„Verzeihen Sie, meine Herren, erlauben Sie, oh, erlauben Sie!“ rief er. „Michail Makarowitsch, Sie prächtiger, herzensguter Mensch, ich danke Ihnen für alles, was Sie für sie getan haben! Ich werde, ich werde ruhig sein, werde fröhlich sein, überbringen Sie ihr das in Ihrer Herzensgüte! Sagen Sie ihr, daß ich ganz heiter bin, daß ich sogar lachen werde, da ich jetzt weiß, daß sie in Ihnen einen so guten Schutzgeist hat, Michail Makarowitsch. Ich werde sofort alles erledigen, und sobald ich hier frei bin, komme ich unverzüglich zu ihr, sie wird schon sehen, sie soll nur noch etwas warten! Meine Herren,“ wandte er sich plötzlich an den Untersuchungsrichter und den Staatsanwalt, „jetzt werde ich Ihnen meine ganze Seele ausschütten, ich werde alles aufdecken, und wir erledigen dann im Augenblick die ganze Geschichte. Zum Schluß werden wir noch lachen, nicht wahr, das werden wir doch? Aber, meine Herren, dieses Weib – das ist die Königin meiner Seele! Oh, erlauben Sie mir, das zu sagen, wenigstens das muß ich Ihnen offenbaren ... Ich sehe doch, daß ich es mit Ehrenmännern zu tun habe. Sie ist mein Licht, sie ist mein Heiligtum, und wenn Sie nur wüßten! Haben Sie ihren Schrei gehört? ‚Mit dir auch in den Tod!‘ – Und was habe ich ihr gegeben, ich Bettler, ich, der ich nichts habe, nichts bin, wofür schenkt sie mir diese Liebe, bin ich denn solcher Liebe wert, bin ich plumpe, schändliche Kreatur mit dem abscheulichen Gesichte solcher Liebe wert, daß sie zusammen mit mir sogar zur Zwangsarbeit verschickt werden will? Um für mich zu bitten, warf sie sich auf die Knie, sie, die Stolze, die unschuldig, ganz und gar unschuldig ist! Wie soll ich sie nun nicht vergöttern, wie soll ich nicht aufschreien, nicht ihr entgegenstürzen, wie vorhin? Oh, meine Herren, verzeihen Sie! Doch jetzt, jetzt bin ich beruhigt.“
Er fiel auf den Stuhl zurück, und das Gesicht mit den Händen bedeckend, schluchzte er plötzlich wie im Krampf auf. Doch das waren glückliche Tränen. Er faßte sich aber sofort. Der alte Polizeichef war sehr zufrieden, und auch die Juristen schienen es zu sein: sie fühlten, daß das Verhör jetzt eine andere Wendung nehmen werde. Mitjä wurde geradezu fröhlich.
„Nun, meine Herren, jetzt gehöre ich Ihnen, ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung. Und ... wenn nur nicht alle diese nebensächlichen Kleinigkeiten wären, so würden wir sofort ins reine kommen. Dieser verdammte Kleinkram! – Ich gehöre Ihnen, meine Herren, aber, das schwöre ich Ihnen, die Hauptsache ist beiderseitiges Zutrauen, – Ihrerseits zu mir und meinerseits zu Ihnen, – anders kommen wir nie zu Ende. Ich sage es in Ihrem Interesse. Doch jetzt zur Sache, meine Herren, zur Sache! Die Hauptbedingung: wühlen Sie sich nicht so in meine Seele hinein, quälen Sie sie nicht mit Nebensächlichem, sondern fragen Sie nur, was zur Sache gehört, fragen Sie nach den Tatsachen, und ich werde Sie sofort zufrieden stellen. Mit den unbedeutenden Details aber zum Teufel!“
Das Verhör begann von neuem.
IV. Zweites Purgatorium
„Sie glauben nicht, Dmitrij Fedorowitsch, wie sehr Sie uns durch Ihre Bereitwilligkeit ermutigen ...“ begann Neljudoff, der Untersuchungsrichter, mit belebtem Gesicht und augenscheinlich angenehm berührt, was man am Blick seiner großen, hellgrauen, etwas hervorstehenden Augen sah, die übrigens sehr kurzsichtig waren, und von denen er soeben die Brille abgenommen hatte. „Sie haben da eine vollkommen richtige Bemerkung gemacht in betreff des beiderseitigen Vertrauens, ohne das es bei Verhören von ähnlicher Wichtigkeit nun einmal nicht geht, das heißt in Fällen, wenn der Verdächtigte tatsächlich sich zu rechtfertigen hofft, wenigstens es versuchen will und wahrscheinlich auch kann. Seien Sie überzeugt, daß wir alles tun werden, was an uns liegt. Sie haben auch bereits Gelegenheit gehabt, zu sehen, wie wir die Sache führen ... Sie stimmen mir doch bei, Hippolyt Kirillowitsch?“ wandte er sich plötzlich an den Staatsanwalt.
„Oh, selbstverständlich,“ bestätigte der sofort, doch war der Ton seiner Worte etwas trocken im Vergleich zur liebenswürdigen Rede des Untersuchungsrichters.
Hier muß ich noch eine Bemerkung hinzufügen: Neljudoff, der, wie bereits erwähnt, erst vor kurzem bei uns angekommen war, hatte gleich, schon seit dem ersten Anfang seiner Tätigkeit in unserer Stadt, für unseren Hippolyt Kirillowitsch eine außerordentliche Hochachtung empfunden und war ihm von Herzen zugetan. Er war vielleicht der einzige Mensch, der einwandlos an die ungewöhnlichen psychologischen und rednerischen Begabungen unseres „zurückgesetzten“ Hippolyt Kirillowitsch glaubte, wie er auch überzeugt war, daß man ihn bei der Beförderung übersehen hatte. Er hatte von ihm schon in Petersburg gehört. Dafür war denn wiederum Neljudoff der einzige Mensch in der ganzen Welt, den unser „beleidigter“ Staatsanwalt aufrichtig liebgewann. Auf dem Wege nach Mokroje hatten sie sich schon über gewisse Punkte besprochen, und so begriff denn Neljudoffs spitzfindiger Verstand sofort die Bedeutung jeden Winkes, jeder Bewegung im Gesichte seines älteren Amtsgenossen: es genügte ihm ein halbes Wort, ein Blick, ein Augenzwinkern.
„Meine Herren,“ fuhr Mitjä geschäftig auf, „überlassen Sie es ruhig mir, alles zu erklären, ich werde alles sachgemäß darstellen, nur bitte ich Sie, mich nicht mit dem Kleinzeug zu unterbrechen.“
„Das ist natürlich das Beste. Ich danke Ihnen. Doch bevor wir dazu übergehen, bitte ich Sie, vorher nur noch eine Tatsache konstatieren zu dürfen, da sie für uns von großer Wichtigkeit ist, nämlich in betreff jener zehn Rubel, die Sie gestern abend, ungefähr um fünf Uhr, von Ihrem Freunde Pjotr Iljitsch Perchotin geborgt haben, wofür Sie ihm Ihre Pistolen als Pfand gaben.“
„Ja, ich hatte sie versetzt, meine Herren, für zehn Rubel versetzt, was ist denn dabei? Und das ist alles. Als ich von der Fahrt in die Stadt zurückgekehrt war, ging ich sofort zu ihm hin und versetzte sie.“
„Ah, Sie waren also ausgefahren? Sie hatten die Stadt verlassen?“
„Ja, ich war ausgefahren, über vierzig Werst war ich gefahren. Wie, und Sie wußten das noch nicht, meine Herren?“
Der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter blickten sich flüchtig an.
„Überhaupt ... wie wäre es, wenn Sie Ihre Erzählung mit der systematischen Wiedergabe alles dessen, was Sie gestern seit dem Morgen getan haben, beginnen würden? Erlauben Sie, daß ich Sie zum Beispiel frage: warum verließen Sie die Stadt, wann sind Sie fortgefahren und wann zurückgekehrt ... und alle diese Tatsachen ...“
„Warum haben Sie denn das nicht gleich gesagt?“ fragte Mitjä laut auflachend. „Ja, genau genommen, muß man nicht mit dem gestrigen, sondern mit dem vorgestrigen Tage beginnen, vom frühen Morgen an, dann erst werden Sie verstehen können, wie und warum ich ging und fuhr. Ich ging, meine Herren, vorgestern am Vormittag zum hiesigen Großkaufmann Ssamssonoff, um von ihm unter der besten Sicherstellung dreitausend Rubel zu borgen – ich hatte mich plötzlich zu diesem Äußersten entschlossen, meine Herren ...“
„Gestatten Sie, daß ich Sie auf einen Augenblick unterbreche,“ hielt ihn höflich der Staatsanwalt auf, „wozu hatten Sie plötzlich diese Summe nötig, und warum gerade so viel, gerade dreitausend Rubel?“
„Ach, meine Herren, es wäre wirklich besser, es ginge ohne Nebensächlichkeiten! Wie, wann und warum, und warum genau so viel und nicht so viel, und dieses ganze Drum und Dran ... man könnte es nicht einmal in drei Bänden erzählen, es wäre noch ein Epilog erforderlich!“
Mitjä sagte dies mit der gutmütigen, doch ungeduldigen Familiarität eines Menschen, der die ganze Wahrheit sagen will und die besten Absichten hegt.
„Meine Herren,“ rief er sofort, gleichsam sich besinnend, „verzeihen Sie mir die Unhöflichkeit. Ich bitte Sie nochmals, mir zu glauben, daß ich die vollste Ehrerbietung empfinde und sehr gut die gegenwärtige Situation verstehe. Glauben Sie nicht, daß ich betrunken bin. Ich bin bereits ganz nüchtern geworden. Und schließlich, was wäre denn auch dabei, das würde ja weiter nicht stören, denn bei mir ist es doch:
Ist er nüchtern, so ist er klug, d. h. dumm, Ist er trunken, so ist er dumm, d. h. klug.
Ha – ha! Übrigens, ich sehe, meine Herren, daß mir vorläufig noch nicht zusteht, zu scherzen, – vorläufig, das heißt, bis wir ins reine gekommen sind. Erlauben Sie, daß ich die nötige Würde bewahre. Ich begreife doch, was für ein Unterschied augenblicklich zwischen uns besteht: ich sitze ja vor Ihnen als Verbrecher, bin also alles andere, nur nicht auf gleicher Gesellschaftsstufe mit Ihnen, und Ihre Pflicht ist, mich jetzt zu verhören und zu beobachten. Sie werden mir doch für die Verletzung Grigorijs nicht wie einem braven Jungen noch obendrein das Köpfchen streicheln. Es ist ja wahr! Man kann doch nicht alten Männern ungestraft den Schädel einschlagen. Sie werden mich seinetwegen, nun, sagen wir auf ein halbes Jahr, nun, auf ein Jahr ins Zuchthaus einsperren, ich weiß nicht, wie man da bei Ihnen verurteilt wird, – aber doch ohne Verlust meiner Rechte, nicht wahr, Herr Staatsanwalt? Also wie gesagt, meine Herren, ich begreife vollkommen den Unterschied ... Aber Sie müssen mir auch zugeben, daß Sie mit solchen Fragen selbst Gott den Herrn aus dem Konzept bringen könnten: wo bist du gegangen, wie bist du gegangen, wann bist du gegangen, warum bist du gegangen, und so weiter? Ich kann doch dabei nur konfus werden, und Sie fassen dann alles, was ich sage, buchstäblich als Wahrheit auf und nehmen es natürlich sofort zu Protokoll – was kommt dabei schließlich heraus? Nichts kommt dabei heraus! ... Ach, nun, hol’s der Teufel, habe ich einmal angefangen zu schwatzen, so muß ich mich auch aussprechen, und Sie, meine Herren, verzeihen Sie mir bitte, als Menschen höherer Bildung und Ehrenmänner, die Sie sind. Ich will mit der Bitte schließen: versuchen Sie doch, meine Herren, diese abgedroschenen Verhörsvorschriften in diesem Falle einmal zu vergessen. Da heißt es denn, zuerst mußt du etwas ganz Unwichtiges fragen: wie er aufgestanden ist, was er gegessen hat, wie er gespuckt, und wohin er gespuckt hat, ‚und nachdem auf diese Weise die Aufmerksamkeit des Verbrechers eingeschläfert ist‘, – ihn plötzlich mit der wichtigsten Frage verblüffen: ‚Wie hast du erschlagen, wie bestohlen?‘ Haha! Das ist doch der ganze Bürogeist, der da drinsteckt, das sind doch Ihre Regeln und Formeln, dahinter versteckt sich ja Ihre ganze Schlauheit! Aber mit solchen Kniffen können Sie höchstens Bauern fangen, – nicht mich. Ich kenne doch die Sache, ich bin doch selbst Offizier gewesen und weiß daher, wie es in den Büros hergeht. Hahaha! Ärgern Sie sich nicht, meine Herren, Sie verzeihen mir doch den Ausfall gegen die Pedanten in Ihrem Fach?“ rief er lachend und blickte sie mit einer fast wundernehmenden Gutmütigkeit an. „Das hat doch Mitjä Karamasoff gesagt, folglich kann man es verzeihen, denn einem klugen Menschen kann man es nicht verzeihen, dem Mitjä aber selbstverständlich! Haha!“
Neljudoff hörte zu und lachte gleichfalls. Der Staatsanwalt lachte zwar nicht, beobachtete jedoch Mitjä mit scharfem Blick ungeheuer aufmerksam, als wollte er sich kein einziges Wort, nicht die geringste Bewegung oder Veränderung seines Gesichtes entgehen lassen.
„So haben wir ja auch mit Ihnen zuerst angefangen,“ meinte Neljudoff immer noch lachend, „wir haben an Sie keine einzige Frage von der Art gestellt, wie: Wann sind Sie aufgestanden, was haben Sie gegessen, und so weiter, sondern wir sind gleich auf das Wesentlichste übergegangen.“
„Ich weiß, ich weiß! Ich habe es wohl verstanden und verstehe es auch zu schätzen, und noch mehr schätze ich es, daß Sie so gütig zu mir sind, was Ihrer Gesinnung nur Ehre macht. Wir drei sind hier zusammengekommen, drei Ehrenmänner, und so mag denn auch alles auf dem gegenseitigen Zutrauen gebildeter Menschen beruhen, dreier Menschen derselben Gesellschaftsklasse, die durch ihren Adel und ihre Ehre verbunden sind. Jedenfalls erlauben Sie mir, Sie in dieser Stunde meines Lebens für meine besten Freunde zu halten, gerade in dieser Stunde, da meine Ehre so erniedrigt wird. Das verletzt Sie doch nicht, meine Herren, nicht wahr?“
„Im Gegenteil, Dmitrij Fedorowitsch, Sie haben das alles so vortrefflich ausgedrückt,“ stimmte ihm der Untersuchungsrichter ernst, doch wohlwollend bei.
„Und die Nebensachen, alle diese spitzfindigen Fußangeln zum Teufel,“ rief Mitjä ganz Feuer und Flamme, „sonst kommt doch nur Unsinn heraus, nicht wahr? ...“
„Ich billige vollkommen Ihren vernünftigen Vorschlag,“ unterbrach ihn plötzlich der Staatsanwalt zu ihm gewandt, „indessen kann ich nicht von meiner Frage ablassen. Es ist für uns von gar zu großer Wichtigkeit zu wissen, wozu Sie diese Summe brauchten, warum gerade dreitausend Rubel?“
„Wozu ich sie brauchte? Nun, für dieses und jenes ... nun, sagen wir, um eine Schuld zu bezahlen.“
„An wen zu bezahlen?“
„Das zu sagen, weigere ich mich, meine Herren! Sehen Sie, ich tue es nicht etwa darum, weil ich es nicht sagen kann, oder es nicht wage und mich fürchte, denn das ist doch nur eine Kleinigkeit, die zu erwähnen sich nicht lohnt, sondern ich sage es deshalb nicht, weil es sich hier um mein Prinzip handelt: das ist mein Privatleben, und ich erlaube niemandem, sich in dasselbe einzumischen. Das ist mein Prinzip. Ihre Frage hat mit der Sache nichts zu tun, und alles, was nicht zur Sache gehört, ist meine Privatangelegenheit. Eine Schuld wollte ich abzahlen, eine Ehrenschuld, doch an wen – das sage ich nicht!“
„Gestatten Sie, daß wir dies niederschreiben,“ sagte der Staatsanwalt.
„Bitte. Schreiben Sie es geradeso: daß ich es nicht sage, _nicht_ sage. Schreiben Sie, daß ich es sogar für ehrlos halte, das zu sagen. Weiß Gott, Sie haben aber viel Zeit zum Schreiben!“
„Gestatten Sie noch, mein Herr, Sie daran zu erinnern, falls Sie es nicht wissen sollten,“ sagte sofort mit besonderem und sehr strengem Nachdruck der Staatsanwalt, „daß Sie das volle Recht haben, auf die Fragen, die wir Ihnen vorlegen, die Antwort zu verweigern, und wir wiederum kein Recht haben, die Antworten Ihnen irgendwie abzunötigen, wenn Sie aus diesem oder jenem Grunde nicht antworten wollen. Das hängt ganz von Ihrer persönlichen Erwägung ab. Doch fällt uns hierbei die Aufgabe zu, Sie in solchem Fall auf den Schaden aufmerksam zu machen, den Sie sich selbst dadurch zufügen, wenn Sie sich weigern, die eine oder andere Aussage zu machen.“
„Meine Herren, ich ... ärgere mich ja nicht ... ich ...“ stotterte Mitjä etwas verwirrt durch den Nachdruck der Bemerkung des Staatsanwalts. „Nun ja, dieser selbe Ssamssonoff, zu dem ich damals ging ...“