Part 62
Man beschloß, energisch zu handeln. Der Gehilfe des Polizeimeisters wurde sofort beauftragt, vier Zeugen für die Haussuchung und zur Hilfeleistung aufzutreiben, und dann begab man sich zum Karamasoffschen Hause, wo man nach allen vorschriftsmäßigen Regeln, die ich hier nicht weiter erörtern will, den Tatbestand aufnahm. Der Kreisarzt, der als junger Praktikant noch für Ausnahmefälle interessiert war, hatte natürlich sofort gebeten, die Herren begleiten zu dürfen. Ich will hier nur noch kurz bemerken, daß sie Fedor Pawlowitsch tot vorfanden, mit eingeschlagenem Schädel. Womit aber war der Schädel eingeschlagen worden? Am wahrscheinlichsten wohl mit derselben Waffe, mit der der Mörder später auch Grigorij zu Boden gestreckt hatte. Man verhörte Grigorij, dem inzwischen die nötige ärztliche Hilfe zuteil geworden war, und erfuhr von ihm, in ziemlich zusammenhängender Rede, obwohl er nur leise und mit Unterbrechungen sprechen konnte, was er gesehen hatte. Daran begab man sich mit einer Laterne zum Zaun, begann dort zu suchen und fand sogleich die Mörserkeule, die auf dem Gartenwege, auf der sichtbarsten Stelle lag. Im Zimmer Fedor Pawlowitschs war keinerlei verdächtige Unordnung zu bemerken, doch hinter dem „chinesischen“ Schirm fand man vor dem Bett ein großes Kuvert von dickem Papier in Kanzleiformat, mit der Aufschrift: „Ein kleines Geschenk für meinen Engel Gruschenka, wenn sie zu mir kommen will,“ und darunter war gleichfalls von Fedor Pawlowitsch, wahrscheinlich etwas später, noch hinzugefügt, „und Küchelchen“. Auf der anderen Seite des Kuverts waren drei große Siegel von rotem Siegellack, doch das Kuvert war bereits aufgerissen und leer: das Geld war herausgenommen. Auch fand man dort noch auf dem Fußboden ein rosarotes Bändchen, mit dem das Kuvert kreuzweis umbunden gewesen war. Von den Aussagen Perchotins machte auf den Staatsanwalt und den Untersuchungsrichter besonders die eine Mitteilung großen Eindruck: daß Dmitrij Fedorowitsch sich bestimmt am Morgen erschießen werde, daß er es beschlossen, in seiner Gegenwart die Pistole geladen, den Zettel geschrieben und in die Tasche gesteckt habe usw., und daß Mitjä auf Perchotins Drohung, es jemandem anzuzeigen, lächelnd geantwortet hatte: „Kommst zu spät, mein Lieber.“ Daraus ging hervor, daß man sich so schnell als möglich nach Mokroje aufmachen mußte, um den Verbrecher, noch bevor er seine Absicht verwirklichen konnte, zu verhaften. „Das ist doch klar, das liegt doch auf der Hand!“ wiederholte der Staatsanwalt, der die ganze Zeit über sehr lebhaft war. „Das ist so echt ihre Art, ich meine, die Art der Verbrecher seines Schlages: morgen erschieße ich mich, vorher aber geh ich noch einmal durch.“ Die Schilderung, wie Mitjä bei Plotnikoff Wein und Eßwaren bestellt und mitgenommen hatte, brachte den Staatsanwalt nur noch mehr auf. „Erinnern Sie sich noch, meine Herren, jenes jungen Burschen, der den Kaufmann Oljssufjeff erschlagen hatte und für die geraubten tausendfünfhundert Rubel sich frisieren ließ und sich gleichfalls, ohne das Geld ordentlich zu verstecken, unverzüglich zu den Frauenzimmern begab.“ Einstweilen aber ging es nicht an, sich sofort nach Mokroje aufzumachen, da die Voruntersuchung im Hause Fedor Pawlowitschs, die Verhöre und Formalitäten noch nicht beendet waren. Das nahm noch viel Zeit in Anspruch, und so schickte man vorläufig Mawrikij Mawrikjewitsch Schmerzoff, der am Tage vorher in die Stadt gekommen war, um sein Monatsgehalt in Empfang zu nehmen, nach Mokroje voraus. Er wurde beauftragt, wenn er dort angekommen sei, den „Mörder“ ganz unauffällig, „damit er nicht den geringsten Verdacht schöpfe“, zu bewachen, bis die anderen nachgekommen wären, und inzwischen auch den Dorfschulzen, den Bauernamtmann und Zeugen aufzutreiben. Das tat denn auch Mawrikij Mawrikjewitsch. Er blieb inkognito und weihte nur Trifon Borissytsch, bei dem er schon oft abgestiegen war, und der ihn gut kannte, zum Teil in sein Geheimnis ein. Das war kurz vorher geschehen, als Mitjä dem Wirt in der Dunkelheit auf der kleinen Galerie begegnet war und in dessen Reden wie im ganzen Verhalten zu ihm eine Veränderung wahrgenommen hatte. So wußte weder Mitjä noch sonst jemand von den Gästen, daß er bewacht wurde. Der Pistolenkasten war von Trifon Borissytsch bereits an einem verschwiegenen Orte wohlweislich versteckt worden. Erst um fünf Uhr morgens, also noch vor Tagesanbruch, kam die Obrigkeit, der Kreispolizeichef, der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter in zwei Wagen, jeder mit einer Troika bespannt, in Mokroje an. Der Doktor war in der Stadt zurückgeblieben, da er am Morgen die Obduktion der Leiche des Erschlagenen vornehmen wollte und ihn außerdem der Zustand des kranken Dieners Ssmerdjäkoff außerordentlich interessierte.
„So heftigen und so lange andauernden Anfällen der Epilepsie, die sich im Verlaufe von ganzen achtundvierzig Stunden ununterbrochen wiederholen, begegnet man nur äußerst selten, das ist ein Fall, der der Wissenschaft gehört,“ hatte er, ganz Interesse, seinen abfahrenden Partnern gesagt, und die hatten ihn lachend beglückwünscht. Bei der Gelegenheit hatten sich auch noch der Staatsanwalt sowie der Untersuchungsrichter gemerkt, daß der Doktor in überzeugtem Tone noch hinzugefügt hatte, Ssmerdjäkoff werde den Morgen nicht mehr erleben.
Nach dieser langen, doch unvermeidlichen Erklärung kehre ich wieder zu dem Zeitpunkt meiner Erzählung zurück, wo ich sie im vorhergehenden Buche unterbrochen habe.
III. Der Gang der Seele durch die Hölle. Das erste Purgatorium
So saß Mitjä und sah mit wildem Blick die Anwesenden die rings um ihn standen, an, ohne zu verstehen, was man zu ihm sprach. Plötzlich stand er auf, hob die Arme empor und rief laut:
„Ich bin unschuldig! An diesem Blute trage ich keine Schuld! An dem Blute meines Vaters bin ich unschuldig ... Ich wollte ihn erschlagen, aber ich habe es nicht getan! Ich bin unschuldig!“
Doch kaum hatte er das ausgesprochen, als Gruschenka den Vorhang zur Seite riß und sich nach zwei Schritten wie gebrochen dem Polizeichef zu Füßen warf.
„Ich bin es, ich! Ich Sündige, ich trage die Schuld!“ rief sie mit einer Stimme, einer Verzweiflung, die die Seele zerriß. Ihr Gesicht war von Tränen überströmt, und in verzweifelter Selbstanklage erhob sie flehend die Hände. „Meinetwegen hat er gemordet! Ich habe ihn so weit gebracht, ich bin es, die ihn so gemartert hat! Und auch den armen Alten habe ich gequält und so weit gebracht! Ich bin die Schuldige, die Hauptschuld trage ich allein, ich bin die erste Schuldige!“
„Ja, du bist die Schuldige! Du bist die Hauptverbrecherin! Du schamloses, verderbtes Weib, du bist die Hauptschuldige!“ schrie, mit der Faust drohend, der Polizeichef sie an.
Doch er wurde sofort und fast mit Gewalt besänftigt. Der Staatsanwalt umfaßte ihn sogar mit beiden Armen.
„Das geht denn doch nicht, Michail Makarowitsch ... auf diese Weise stören Sie nur die Untersuchung ... und schaden der Sache ...“ redete er ihm zu.
„Maßregeln ergreifen, Maßregeln ergreifen, unbedingt Maßregeln!“ brauste auch Nikolai Parfenowitsch Neljudoff nervös auf, „anders ist es ganz unmöglich, entschieden ganz unmöglich! ...“
„Richtet uns zusammen!“ fuhr Gruschenka außer sich fort, immer noch auf den Knien liegend, „richtet uns zusammen hin, ich gehe mit ihm selbst in den Tod!“
„Gruscha, du! mein Leben du, mein Blut, mein Heiligstes!“ Mitjä stürzte zu ihr nieder und preßte sie in der Umarmung wild und verzweifelt an sich. „Glauben Sie ihr nicht,“ rief er, „an nichts ist sie schuldig, an keinem Blute und an nichts, nichts, nicht die geringste Schuld kann sie treffen!“
Er erinnerte sich später noch dunkel, daß ihn mehrere Männer mit Gewalt von ihr fortrissen, daß sie plötzlich hinausgebracht wurde, und daß er schließlich, schon am Tisch auf einem Stuhl sitzend, wieder zur Besinnung gekommen war. Neben und hinter ihm standen die Leute mit den Blechschildern auf der Brust. An der anderen Seite des Tisches, ihm gegenüber auf dem Sofa, saß Neljudoff, der Untersuchungsrichter, und redete ihm immer wieder zu, aus dem Glase, das vor ihm stand, etwas Wasser zu trinken. „Das wird Sie erfrischen und beruhigen, fürchten Sie sich nicht, beunruhigen Sie sich nicht,“ fügte er immer wieder äußerst höflich hinzu. Später erinnerte sich Mitjä noch, daß die großen Ringe des Sprechers ihn plötzlich lebhaft interessiert hatten, der eine Ring mit einem Amethyst und der andere mit einem hellgelben, klaren Stein von wundervollem Feuer. Und lange noch nachher erinnerte er sich verwundert, wie diese Ringe seinen Blick unwiderstehlich während dieses ganzen schrecklichen Verhörs immer wieder angezogen, und wie er sich aus irgendeinem Grunde weder von ihnen hatte losreißen, noch sie, als für seine Lage doch völlig gleichgültige Gegenstände, hatte vergessen können. Links, seitlich von Mitjä, saß auf dem Platz, wo zu Anfang des Abends Maximoff gesessen hatte, der Staatsanwalt, und rechts von ihm –, auf dem Platz, den Gruschenka eingenommen hatte, saß ein rotwangiger junger Mann in einem abgetragenen Rock, der einer Jägerjoppe glich. Vor ihm befand sich bereits ein Tintenfaß und Papier. Das war der Schriftführer des Untersuchungsrichters, den dieser aus der Stadt mitgenommen hatte. Der Polizeichef stand aber jetzt am Fenster, am anderen Ende des Zimmers neben Kalganoff, der sich dort auf einen Stuhl niedergelassen hatte.
„Trinken Sie doch Wasser!“ wiederholte sanft, vielleicht schon zum zehntenmal der Untersuchungsrichter.
„Ich habe getrunken, meine Herren ... aber ... nun, was, meine Herren, erdrücken Sie mich, richten Sie mich hin, entscheiden Sie über mein Geschick!“ rief Mitjä der ihn mit unheimlich starrem Blick aus weit offenen Augen ansah.
„Also, Sie behaupten positiv, am Tode Ihres Vaters Fedor Pawlowitsch Karamasoff unschuldig zu sein?“ fragte freundlich, doch nachdrücklich der Untersuchungsrichter.
„Ja, ich bin unschuldig! Schuld bin ich an einem anderen Blute, am Blute eines anderen alten Mannes, doch nicht am Blute meines Vaters. Und ich bereue es! Ich habe den Alten erschlagen, erschlagen und niedergestreckt ... Doch schwer ist es, dieses Blutes wegen für ein anderes Blut einstehen zu müssen, für ein furchtbares Blut, an dem ich unschuldig bin ... Es ist eine furchtbare Anklage, meine Herren ... als hätte man mich mit einem Keulenschlag auf den Kopf getroffen! Aber wer hat denn den Vater erschlagen, wer hat ihn erschlagen? Wer anders hat ihn denn erschlagen können, wenn ich es nicht war? Da muß ein Wunder geschehen sein, etwas Ungereimtes, etwas Unmögliches, Undenkbares! ...“
„Ja, das ist es nun, wer anders hätte ihn erschlagen können? ...“ begann der Untersuchungsrichter, doch der Staatsanwalt (wir wollen ihn der Kürze wegen so nennen, obgleich er nur der Stellvertreter des Staatsanwalts war) wechselte mit ihm einen Blick und sagte dann zu Mitjä gewandt:
„Sie beunruhigen sich diesmal ganz unnötigerweise wegen des Dieners Grigorij Wassiljewitsch. Ich kann Ihnen mitteilen, daß er lebt; er ist bald darauf wieder zu sich gekommen und wird trotz der schweren Verletzung, die, nach seiner und jetzt auch nach Ihrer Aussage, _Sie_ ihm zugefügt haben, wahrscheinlich am Leben bleiben, oder vielmehr bestimmt, wenigstens nach der Aussage des Arztes.“
„Er lebt? So ist er nicht erschlagen?“ schrie Mitjä wie wahnsinnig auf und hob die Hände empor. Sein ganzes Gesicht strahlte. „Mein Herr und mein Gott, ich danke Dir für das Wunder, das Du für mich, den Sünder und Missetäter hast geschehen lassen, daß Du mein Gebet erhört hast! ... Ja, ja, auf mein Gebet hin ist es geschehen – ich habe doch die ganze Nacht gebetet!“
Und er bekreuzte sich dreimal. Er war ganz atemlos vor Freude.
„Nun und von diesem Grigorij haben wir die so wichtigen Aussagen gegen Sie erhalten, daß ...“ wollte der Staatsanwalt fortfahren, doch Mitjä sprang plötzlich vom Stuhl auf und unterbrach ihn:
„Auf einen Augenblick, meine Herren, um Gottes willen, nur auf eine Minute; ich will nur schnell zu ihr laufen ...“
„Erlauben Sie! Das ist unmöglich! In diesem Augenblick ist das ganz ausgeschlossen!“ rief mit einer Stimme, die vor Erregung ganz schrill klang, der Untersuchungsrichter, der sofort gleichfalls aufgesprungen war. Mitjä wurde von den Männern mit den Blechschildern auf der Brust ergriffen, doch setzte er sich bereits von selbst wieder auf seinen Stuhl.
„Wie schade! Ich wollte ja nur auf einen Augenblick zu ihr ... um ihr zu sagen, daß es abgewaschen ist, daß es verschwunden ist, dieses Blut, das die ganze Nacht mein Herz gequält hat, daß ich jetzt nicht mehr ein Mörder bin, wie ich glaubte! Meine Herren, sie ist doch jetzt meine Braut!“ sagte er plötzlich begeistert, ganz verzückt und jubelnd, während seine seligen Blicke von dem einen zum anderen gingen. „Oh, ich danke Ihnen, meine Herren! Wenn Sie wüßten, was diese Mitteilung für mich ist! Sie haben mich von den Toten auferweckt! ... Dieser Greis – der hat mich doch auf den Armen getragen, mich als dreijähriges Kind im Waschtroge gebadet, als mich alle vergessen hatten, er war wie ein leiblicher Vater zu mir! ...“
„Also, Sie ...“ wollte wieder der Untersuchungsrichter beginnen.
„Gestatten Sie, meine Herren, nur noch eine Minute!“ unterbrach Mitjä von neuem; er stützte die Ellenbogen auf den Tisch und bedeckte das Gesicht mit den Händen. „Nur einen Augenblick, um mich etwas zu sammeln, nur einmal aufzuatmen, meine Herren. So etwas erschüttert einen unglaublich, der Mensch ist doch kein – Trommelfell, meine Herren!“
„Würden Sie nicht etwas Wasser trinken ...“ forderte wieder der Untersuchungsrichter ein wenig zerstreut auf.
Da ließ aber Mitjä auch schon die Hände sinken, und lachend lehnte er sich zurück. Sein Blick war wieder munter, und der ganze Mensch schien sich in dieser einen Minute verändert zu haben. Auch sein ganzer Ton und seine ganze Haltung waren verändert: er saß wieder als Gleichgestellter unter ihnen, wie er vielleicht gestern, als noch nichts geschehen war, mit diesen seinen früheren Bekannten irgendwo in der Gesellschaft zusammengesessen hätte. Übrigens muß ich hier noch bemerken, daß er zu Anfang seines Aufenthaltes bei uns im Hause des Polizeichefs sehr herzlich empfangen worden war; doch später, besonders im letzten Monat, hatte Mitjä seine Besuche in diesem Hause fast ganz eingestellt; und so hatte denn Michail Makarowitsch bei Begegnungen, z. B. auf der Straße, stets eine wichtige Miene gemacht und seinen Gruß eigentlich nur aus Höflichkeit erwidert, was von Mitjä sehr wohl bemerkt worden war. Mit dem Staatsanwalt war er nur ganz oberflächlich bekannt, doch der Gemahlin desselben – es war eine nervöse und phantastische Dame –, hatte er zuweilen seine Aufwartung gemacht, wenn es auch immer nur höchst ehrerbietige und rein gesellschaftliche kurze Visiten gewesen waren. Eigentlich hatte er selbst nicht recht gewußt, warum er zu ihr ging, doch hatte sie ihn jedesmal sehr freundlich empfangen und für ihn ein Interesse gezeigt, das sich bis zur letzten Zeit nicht verringert hatte. Mit dem jungen Untersuchungsrichter Nikolai Parfenowitsch Neljudoff hatte er aus Mangel an einer Gelegenheit noch nicht Freundschaft geschlossen, doch war er auch mit ihm zusammengekommen und hatte sogar zweimal mit ihm gesprochen – beide Male über das weibliche Geschlecht.
„Sie, Nikolai Parfenowitsch, sind ja, wie ich sehe, ein famoser Untersuchungsrichter,“ begann Mitjä lachend, „aber ich werde Ihnen jetzt selbst bei der Sache behilflich sein. Oh, meine Herren, jetzt bin ich ja erlöst, – Grigorij lebt! ... Und tragen Sie es mir nicht nach, daß ich mich so ohne Umstände und gerade heraus an Sie wende. Zudem bin ich noch ein wenig betrunken, das gestehe ich ganz offen ein. Ich glaube, ich hatte die Ehre, Nikolai Parfenowitsch ... die Ehre und das Vergnügen, bei meinem Verwandten Miussoff Ihre Bekanntschaft zu machen ... Das heißt, meine Herren, ich erhebe ja keinen Anspruch auf völlige Gleichstellung mit Ihnen ... Ich begreife doch, als was ich in diesem Augenblick vor Ihnen sitze. Auf mir ruht ... wenn Grigorij gegen mich ausgesagt hat ... so ruht, – nun, versteht sich, es lastet auf mir ein schrecklicher Verdacht! Entsetzlich, entsetzlich! – ich verstehe das doch vollkommen! Aber zur Sache, meine Herren, ich bin bereit, und wir werden das alles im Augenblick erledigen, denn, nicht wahr, wenn ich weiß und Ihnen sage, daß ich unschuldig bin, so kann doch alles sofort erledigt werden! Nicht wahr, meine Herren?“
Mitjä sprach rasch und viel, er sprach unruhig, doch von ganzem Herzen aufrichtig – als hielte er seine Zuhörer für seine besten Freunde.
„Also: wir können somit niederschreiben, daß Sie die gegen Sie erhobene Anklage radikal zurückweisen?“ fragte Neljudoff, der Untersuchungsrichter, eindringlich, und diktierte darauf, zum Schreiber gewandt, halblaut, was dieser zu notieren hatte.
„Niederschreiben? Sie wollen das niederschreiben? Nun, so schreiben Sie nieder, soviel Sie wollen ... ich habe nichts dagegen, Sie haben mein volles Einverständnis. Meine Herren ... Nur, sagen Sie ... Halt, nein, warten Sie, schreiben Sie so: Ihn trifft die Schuld an ... nun, an Gewalttätigkeiten, schweren Verletzungen, die er dem armen Alten zugefügt hat, darin bekennt er sich schuldig. Nun und dann noch für mich, in meinem Inneren, in der Tiefe des Herzens bin ich schuldig, – aber das ist nicht mehr nötig, aufzuschreiben“ (er wandte sich an den Schreiber), „das sind bereits meine privaten Angelegenheiten, das geht Sie, meine Herren, nichts mehr an, diese tiefsten Herzensgeheimnisse, das heißt ... ‚Was aber die Ermordung des alten Vaters betrifft‘ – schreiben Sie – ‚so ist er – _unschuldig_!‘ Das ist Wahnsinn, das ist vollkommener Wahnsinn! ... Ich werde es Ihnen beweisen, und Sie werden sich sofort überzeugen. Sie werden noch lachen, meine Herren, Sie werden noch über Ihren Verdacht lachen! ...“
„Beruhigen Sie sich, Dmitrij Fedorowitsch,“ – damit erinnerte ihn der Untersuchungsrichter an seine Aufführung und wollte offenbar durch die eigene Ruhe die Erregung des anderen besänftigen. „Bevor wir das Verhör fortsetzen, würde ich, vorausgesetzt, daß Sie einwilligen zu antworten, gerne nochmals von Ihnen die Bestätigung der Tatsache vernehmen wollen, daß Sie den verstorbenen Fedor Pawlowitsch, wie es scheint, nicht geliebt und mit ihm fortgesetzt Streit gehabt haben ... Wenigstens haben Sie hier vor ungefähr einer Viertelstunde, wenn ich mich nicht täusche, selbst etwas Derartiges geäußert: daß Sie sogar die Absicht gehabt hätten, ihn zu erschlagen. ‚Ich habe ihn nicht erschlagen, aber ich wollte ihn erschlagen!‘ riefen Sie aus, soviel ich mich dessen erinnere.“
„Ich soll das ausgerufen haben? Nun ja, das kann sehr wohl sein! Meine Herren, allerdings, zum Unglück wollte ich ihn erschlagen, sogar mehreremal habe ich es gewollt ... zum Unglück, leider!“
„Also, Sie wollten es. Würden Sie nicht auch bereit sein, uns zu erklären, welches die Ursachen Ihres Hasses auf Ihren Vater waren?“
„Was ist da zu erklären, meine Herren!“ sagte Mitjä mit finsterem Gesicht, zuckte mit der einen Schulter und senkte den Blick zu Boden. „Ich habe doch meine Gefühle wahrlich nicht verborgen, die ganze Stadt spricht ja davon, – alle Menschen im Gasthause haben es gehört. Noch vor ein paar Tagen habe ich es im Kloster, in der Zelle des Staretz Sossima erklärt ... Und am Abend desselben Tages habe ich den Vater noch verprügelt und beinahe totgeprügelt, und dann noch geschworen, wiederzukommen und ihn ganz zu erschlagen, und alles in Gegenwart von Zeugen ... Oh, Zeugen gibt es zu Tausenden! Habe ich doch den ganzen Monat zu allen davon gesprochen, alle sind Zeugen! ... Die Tatsache liegt ja auf der Hand, die Tatsache spricht, schreit, aber – die Gefühle, meine Herren, die Gefühle, um die es sich dabei handelt, die sind etwas anderes. Sehen Sie, meine Herren“ (Mitjäs Gesicht verfinsterte sich), „ich glaube, daß Sie nicht berechtigt sind, mich nach meinen Gefühlen zu fragen. Für Sie bin ich natürlich überführt, ich begreife das sehr gut, aber das – das geht nur mich etwas an, das ist meine Sache, meine innere, intime Angelegenheit, jedoch ... da ich auch früher schon meine Gefühle nicht verheimlicht habe ... im Gasthause zum Beispiel, und allen und jedem davon gesprochen habe, so ... so werde ich auch jetzt kein Geheimnis daraus machen ... Sehen Sie, meine Herren, ich begreife sehr gut, daß in diesem Falle schwere Beweise gegen mich vorliegen: ich habe allen gesagt, daß ich ihn totschlagen werde, und plötzlich ist er erschlagen: wer soll es nun getan haben, wenn nicht ich? Ha – ha! Ich entschuldige Sie, meine Herren, ich entschuldige Sie vollkommen. Bin ich doch selbst ganz betroffen, denn wer kann ihn schließlich in diesem Falle erschlagen haben, wenn nicht ich? So verhält es sich doch, nicht wahr? Wenn ich es nicht getan habe, wer dann, wer dann? Meine Herren,“ rief er plötzlich unruhig, „ich will es wissen, ich verlange von Ihnen, daß Sie mir sagen, meine Herren: Wo ist er erschlagen worden? Wie erschlagen, womit und wie? Sagen Sie es mir!“
Sein fragender Blick ging zwischen dem Staatsanwalt und dem Untersuchungsrichter hin und her.
„Wir fanden ihn auf dem Fußboden seines Schlafzimmers ausgestreckt auf dem Rücken liegen. Die Schädeldecke war eingeschlagen,“ sagte der Staatsanwalt.
„Grauenvoll!“ Mitjä fuhr plötzlich zusammen und bedeckte das Gesicht, den Arm auf den Tisch stützend, mit der rechten Hand.
„Wir fahren also fort im Verhör,“ begann wieder der Untersuchungsrichter. „Also: Was war die Ursache Ihres Hasses auf Fedor Pawlowitsch? Ich glaube, Sie haben öffentlich gesagt, daß es Eifersucht gewesen sei?“
„Nun ja, Eifersucht, und nicht nur Eifersucht allein.“
„Und Streit wegen Geld?“
„Nun ja, auch wegen Geld.“
„Und, wenn ich mich nicht täusche, handelte es sich dabei um dreitausend Rubel, die angeblich als ihr Erbteil Ihnen nicht ausgezahlt worden seien?“
„Was für Dreitausend! Mehr, viel mehr!“ rief Mitjä auffahrend, „mehr als sechs, mehr als zehn vielleicht. Ich habe es allen gesagt, überall erzählt! Aber ich hatte schon beschlossen, nun, meinetwegen, mich mit Dreitausend zufrieden zu geben. Diese Dreitausend hatte ich dermaßen nötig, dermaßen ... so daß ich diese dreitausend Rubel, die er, das wußte ich, unter seinem Kopfkissen für Gruschenka bereit hielt, einfach als mein Geld betrachtete, das er von mir gestohlen hatte. Ja, meine Herren, ich hielt es für mein Eigentum, für mein gestohlenes Eigentum ...“
Der Staatsanwalt tauschte mit dem Untersuchungsrichter einen bedeutsamen Blick aus, und es gelang ihm noch, diesem einen kleinen Wink zu geben.
„Auf diesen Punkt werden wir noch später zurückkommen,“ bemerkte sofort der Untersuchungsrichter, „vorläufig erlauben Sie nur, gerade das zu notieren: daß Sie das Geld in jenem Kuvert gleichsam als Ihr Eigentum angesehen haben.“