Sämtliche Werke 9-10

Part 61

Chapter 613,700 wordsPublic domain

„Wie lange, wie lange wird man mich noch mit diesem furchtbaren Menschen peinigen!“ rief sie empört. „Wie wagen Sie es, mein Herr, eine Ihnen ganz unbekannte Dame in ihrem Hause zu dieser Stunde zu beunruhigen ... bei ihr zu erscheinen, um von einem Menschen zu sprechen, der sie hier, in diesem selben Empfangssalon vor drei Stunden beinahe erschlagen wollte, wenigstens hier mit den Füßen gestampft hat und schließlich in einer Art und Weise hinausgelaufen ist, wie sonst niemand ein anständiges Haus verläßt. Wissen Sie auch, mein Herr, daß ich mich über Sie bei Ihren Vorgesetzten beklagen werde ... Ich bitte Sie, mich sofort zu verlassen ... Ich ... ich bin Mutter, ich werde sofort ... ich ... ich ...“

„Erschlagen!? So wollte er auch Sie erschlagen?“

„Ja, hat er denn sonst jemanden schon umgebracht?“ erkundigte sich Frau Chochlakoff ungestüm.

„Haben Sie die Güte, mich anzuhören, gnädige Frau, nur eine halbe Minute lang, und ich werde Ihnen in zwei Worten alles erklären,“ sagte Perchotin entschlossen. „Heute um fünf Uhr nachmittags borgte Herr Karamasoff, als Kamerad, zehn Rubel von mir, und ich weiß daher bestimmt, daß er kein Geld besaß. Und heute um neun Uhr abends kam er wieder zu mir und hielt ein Geldpaket in der Hand: es waren lauter Hundertrubelscheine, im ganzen ungefähr zwei-, wenn nicht dreitausend Rubel. Seine Hände jedoch und das Gesicht waren mit Blut befleckt, und er sprach und blickte einen an, als hätte er den Verstand verloren. Auf meine Frage, woher er so viel Geld bekommen habe, antwortete er, daß er es kurz vorher von Ihnen erhalten habe, daß Sie ihm dreitausend Rubel vorgestreckt hätten, damit er nach Sibirien in die Goldgruben fahre ...“

Eine nervöse, krankhafte Erregung drückte sich im Gesichte Frau Chochlakoffs aus.

„Mein Gott! Er hat seinen alten Vater erschlagen!“ rief sie erschrocken, die Hände zusammenschlagend. „Ich habe ihm nichts gegeben, nichts, nichts! Oh, laufen Sie, eilen Sie! ... Sprechen Sie kein Wort mehr! Retten Sie den alten Herrn, laufen Sie zu seinem Vater, oh, laufen Sie! ...“

„Erlauben Sie, gnädige Frau, so haben Sie ihm also kein Geld gegeben? Wissen Sie genau, daß Sie ihm nichts gegeben haben?“

„Nichts, nichts habe ich ihm gegeben! Ich habe es ihm abgeschlagen, denn er versteht ja mit Geld gar nicht umzugehen. Er verließ mich wutschnaubend, und hier im Salon stampfte er sogar mit den Füßen. Er wollte sich auf mich stürzen, aber ich rettete mich noch rechtzeitig, indem ich dorthin in die Ecke lief ... Und ich werde Ihnen noch sagen, wie einem Menschen, dem ich nichts mehr verheimlichen will, daß er mich sogar beinahe angespien hat, können Sie sich so etwas vorstellen? Aber warum stehen wir denn? Ach, setzen Sie sich, bitte. Verzeihen Sie, ich ... Oder laufen Sie lieber, laufen Sie, Sie müssen eilen, um den unglücklichen alten Herrn vor diesem schrecklichen Tode zu bewahren!“

„Wenn er ihn aber schon erschlagen hat?“

„Ach, mein Gott, das ist ja wahr! Aber was sollen wir denn jetzt tun? Was meinen Sie, was wir tun müssen?“

Inzwischen hatten sie beide Platz genommen. Perchotin setzte ihr in kurzen Worten, doch ziemlich deutlich den ganzen Tatbestand auseinander, oder wenigstens das, was er miterlebt hatte, erzählte ihr auch noch von seinem Gespräch mit Fenjä, und daß Mitjä die Mörserkeule mitgenommen hatte. Alle diese Einzelheiten regten die nervöse Dame in einer Weise auf, wie es stärker nicht gut möglich gewesen wäre. Sie zitterte und hielt die Hände an die Schläfen ...

„Stellen Sie sich vor, ich habe das vorausgefühlt! Ich besitze diese Fähigkeit – alles, was ich mir vorstelle, geht in Erfüllung. Und wieviel, wievielmal habe ich diesen schrecklichen Menschen angesehen und jedesmal dabei gedacht: Dieser Mensch wird mich erschlagen. Und so ist es jetzt auch gekommen ... Das heißt, wenn er jetzt auch nicht mich erschlagen hat, sondern seinen Vater, so ist das doch bestimmt nur deswegen geschehen, weil Gottes sichtbarer Finger ihn von mir abgelenkt hat. Und außerdem wird er sich geschämt haben, das zu tun, denn ich habe ihm mit diesen Händen ein kleines Heiligenbild umgehängt, hier, auf dieser Stelle, ein kleines Medaillon mit Reliquien von der heiligen Warwara ... Mein Gott, wie nah ich dem Tode in diesem Augenblick war, ohne es zu ahnen! Ich trat ganz dicht an ihn heran, und er neigte den Kopf, damit ich es ihm bequemer um den Hals legen konnte! Wissen Sie, Pjotr Iljitsch ... verzeihen Sie, ich glaube, Sie sagten, daß Sie so hießen – wissen Sie, ich glaube nicht an Wunder, aber dieses Heiligenbild und diese auf der Hand liegende wunderbare Rettung – das erschüttert mich dermaßen, daß ich wieder an alles mögliche zu glauben anfange. Haben Sie vom Staretz Sossima gehört? ... Ach, ich weiß nicht, wovon ich wieder rede ... Aber stellen Sie sich vor, dann hat er mich trotz dieses Heiligenbildes am Halse beinahe angespien ... Natürlich ist das kein Totschlag, aber immerhin ... und jetzt ist er ins Dorf gefahren! Aber wohin sollen wir jetzt, was sollen wir tun, was meinen Sie?“

Perchotin erhob sich und erklärte, daß er geradeswegs zum Polizeichef gehen und ihm alles erzählen werde, der könne dann tun, was er für gut befinde.

„Ach, das ist ein prächtiger, ein ganz prächtiger Mensch, ich kenne Michail Makarowitsch persönlich. Ja, gehen Sie unbedingt zu ihm. Wie findig Sie sind, wie gut Sie sich das ausgedacht haben. Wissen Sie, ich wäre an Ihrer Stelle bestimmt nicht darauf verfallen!“

„Aber ich bitte Sie, es ist doch ganz natürlich ... Ich bin selbst ein guter Bekannter Michail Makarowitschs,“ bemerkte Perchotin, der immer noch stand, und nicht wußte, wie er sich von der liebenswürdigen Dame schneller verabschieden sollte.

„Und wissen Sie, wissen Sie,“ unterbrach sie ihn, „Sie müssen mich unbedingt benachrichtigen von allem, was Sie dort sehen und erfahren ... und was schließlich an den Tag kommt ... und wie man ihn verurteilt, und wohin man ihn verschickt ... Sagen Sie, bei uns gibt es doch keine Todesstrafe? Aber kommen Sie, unbedingt, um mich von dem Ergebnis Ihres Gesprächs zu benachrichtigen, wenn auch um drei Uhr nachts, wenn nicht anders, auch um vier, oder gar um halb fünf ... Befehlen Sie, mich aufzuwecken, unbedingt, was es auch koste ... O mein Gott, ich werde ja überhaupt nicht einschlafen können. Oder sollte ich nicht selbst mit Ihnen fahren? ...“

„N – nein, gnädige Frau, doch wenn Sie vielleicht so freundlich wären, ein paar Zeilen zu schreiben, auf alle Fälle, daß Sie Herrn Karamasoff kein Geld gegeben haben, so wäre das vielleicht nicht überflüssig ... ich meine, auf alle Fälle ...“

„Unbedingt!“ Frau Chochlakoff eilte zu ihrem Schreibtisch. „Sie erschüttern mich einfach durch Ihre Umsicht in solchen Dingen, _vraiment_! ... Sie sind ein hiesiger Beamter? Das freut mich, daß Sie hier angestellt sind ...“

Und noch während sie das sprach, schrieb sie mit ihrer großen Handschrift auf einen Bogen Postpapier diese Zeilen:

„Nie in meinem Leben habe ich dem unglücklichen Dmitrij Fedorowitsch Karamasoff (ich sage unglücklich, denn das ist er jetzt) dreitausend Rubel geliehen, weder heute, noch sonst wann, niemals! Das beschwöre ich bei allem, was es Heiliges auf unserer Welt gibt.

Katerina Chochlakowa.“

„Hier! Da haben Sie es!“ Und sie überreichte es Perchotin. „Aber jetzt gehen Sie, retten Sie. Das ist eine große Tat von Ihnen.“

Und sie machte dreimal das Zeichen des Kreuzes über ihm. Darauf begleitete sie ihn noch bis zum Vorzimmer.

„Ich bin Ihnen so dankbar! Sie werden es mir nicht glauben, wie dankbar ich Ihnen dafür bin, daß Sie ganz zuerst zu mir gekommen sind. Wie kommt es, daß wir uns früher noch nicht begegnet sind? Es wird mich sehr freuen, Sie auch fernerhin in meinem Hause zu empfangen. Wie angenehm es ist, daß Sie als Beamter gerade hier Ihre Anstellung haben ... und so geschickt sind Sie in solchen Dingen ... Seien Sie überzeugt, daß ich alles, was in meiner Macht steht, für Sie tun werde ... Eine so tüchtige Kraft muß man zu schätzen wissen, und man wird es auch, man wird es auch, seien Sie überzeugt! Oh, ich protegiere immer die Jugend, ich habe ein Faible für Jugend! Unsere Jugend ist doch das Fundament unseres ganzen, jetzt so schwer niedergedrückten Vaterlandes, sie ist doch die ganze Hoffnung unseres Rußland ... Oh, gehen Sie, gehen Sie ...“

Perchotin eilte bereits fort, sonst hätte sie ihn vielleicht noch nicht so bald entlassen. Übrigens hatte sie auf ihn einen ganz sympathischen Eindruck gemacht, sogar einen so sympathischen, daß dieser Eindruck teilweise selbst seinen Ärger über diese fremde Angelegenheit, in die er sich dummerweise hineingezogen sah, milderte. Der Geschmack der Menschen ist bekanntlich sehr verschieden. So dachte denn auch Perchotin, angenehm berührt, daß Frau Chochlakoff „keineswegs so bejahrt“ sein könne: „Im Gegenteil, ich hätte sie für ihre Tochter gehalten.“

Und was wiederum Frau Chochlakoff betrifft, so war sie geradezu bezaubert durch den jungen Mann. „Wieviel Verständnis für alles Ernste, wieviel Korrektheit, und das in einem so jungen Mann unserer Zeit, und noch dazu bei solchen Manieren und solchem Äußern! Da wird nun geredet von den heutigen jungen Leuten, sie verständen nichts! Da habt ihr ein Beispiel“ usw. So kam es, daß sie das „schreckliche“ Ereignis selbst ganz vergaß. Erst als sie zu Bett ging, fiel ihr wieder ein, wie nah sie dem Tode gewesen war! „Entsetzlich, entsetzlich, wenn man daran denkt!“ flüsterte sie. Das hinderte aber nicht, daß sie alsbald in festen süßen Schlaf sank. Ich hätte mich übrigens nie entschlossen, hier von so nebensächlichen Einzelheiten zu erzählen, wenn die soeben geschilderte Begegnung Perchotins mit der jugendlichen Witwe nicht das Sprungbrett zu der ganzen Laufbahn dieses umsichtigen und korrekten jungen Beamten geworden wäre. Noch jetzt erinnert man sich seiner kopfschüttelnd und bewunderungsvoll in unserem Städtchen, und auch ich werde vielleicht noch einiges über ihn zu sagen haben, bevor ich meine lange Erzählung von den Brüdern Karamasoff abschließe.

II. Der Alarm

Unser Kreispolizeichef Michail Makarowitsch Makaroff, ein verabschiedeter Oberstleutnant, war Witwer und ein guter Mensch. Er war vor kaum drei Jahren in unser Städtchen versetzt worden, doch hatte er bereits fertig gebracht, sich die allgemeine Sympathie zu erwerben, und zwar vor allen Dingen dadurch, daß er verstand, die Gesellschaft zu vereinigen. Er hatte immer Gäste im Hause, und es schien, daß er ohne sie überhaupt nicht leben konnte. Irgend jemand mußte unbedingt mit ihm speisen, wenn es auch nur ein einziger Gast war – ohne Gäste setzte man sich bei ihm nie zu Tisch. Er gab natürlich auch große Diners aus sehr verschiedenen, häufig etwas wunderlichen Anlässen. Wurden auch keine ausgesuchten Delikatessen geboten, so war doch die Tafel immer reich besetzt, und die Fischpasteten und alle Nationalpirogen großartig gebacken, und die Weine bestachen, wenn nicht durch die Qualität, so doch durch die Quantität. Das Billardzimmer war sogar sehr anständig ausgestattet, d. h. an den Wänden hingen in schwarzen Rahmen Bilder von englischen Rennpferden, was bekanntlich die obligatorische Billardzimmerdekoration in der Wohnung jedes unverheirateten Herrn ist. Jeden Abend wurde Karten gespielt, wenn auch nur an einem einzigen Tisch. Sehr oft jedoch versammelte sich bei ihm die ganze höhere Gesellschaft unserer Stadt mit Müttern und Töchtern zu Tanzabenden. Michail Makarowitsch war, wie gesagt, Witwer. Gleichwohl lebte er als „Familienvater“ in seinem Hause, da er seine verwitwete Tochter mit deren beiden Töchtern, also seinen Enkelinnen, zu sich genommen hatte. Diese Enkelinnen waren erwachsene junge Damen, die ihre Erziehung schon überstanden hatten. Sie waren beide von angenehmem Äußeren, waren beide heiter und unterhaltend, und so zogen sie – obwohl alle wußten, daß sie keine „Partien“ waren, da sie nichts mitbekommen sollten – doch unsere männliche Jugend der besseren Gesellschaft in das Haus ihres Großpapas.

Was nun Michail Makarowitschs Beruf anbetraf, so war es in der Beziehung nicht sonderlich gut mit seinen Kenntnissen bestellt, doch erfüllte er schließlich seine Pflicht nicht schlechter als viele andere. Wenn man aufrichtig sein soll, so war er als Mensch ziemlich ungebildet und als Beamter um die Erwerbung einer klaren Vorstellung von den Grenzen seiner administrativen Macht wenig besorgt. Gewisse Reformen der gegenwärtigen Regierung konnte er immer noch nicht recht begreifen, oder er begriff sie unter auffallenden Irrtümern. Doch geschah das weniger aus Unbegabtheit als infolge einer recht ausgeprägten Sorglosigkeit, und da er sich versicherte, nie die Zeit zu haben, hinter die Dinge zu kommen. „Ich bin, meine Herren, mit Leib und Seele Soldat, und daher ist mir alles Zivile etwas gegen den Strich,“ äußerte er über sein Beamtentum. Selbst von den Prinzipien der letzten großen Reform, der Aufhebung der Leibeigenschaft, hatte er sich noch immer keine feste und genaue Vorstellung zu machen vermocht; doch vergrößerte er von Jahr zu Jahr, und zwar unwillkürlich, und durch praktische Erfahrungen, sein diesbezügliches Wissen, da er nämlich selbst Gutsbesitzer war. Perchotin wußte, daß er bei ihm bestimmt wenigstens einen Gast antreffen werde – nur wußte er natürlich nicht, wen. Währenddessen saßen bei Michail Makarowitsch der Staatsanwalt und unser Kreisarzt Warwinskij, ein junger Mann, der erst vor kurzem aus Petersburg zu uns gekommen war, und der seine Studien an der Petersburger Universität glänzend beendet hatte. Der Staatsanwalt jedoch, oder vielmehr der Stellvertreter des Staatsanwalts, der aber bei uns allgemein nur der Staatsanwalt genannt wurde, Hippolyt Kirillowitsch, war ein bemerkenswerter Mann, noch nicht alt, etwa fünfunddreißig, neigte leider stark zur Schwindsucht, und war sehr mager, wofür dann seine kinderlose Gattin um so korpulenter war. Es hieß, daß er sehr eigensüchtig und ehrgeizig sei, doch war er, bei einem tüchtigen Verstande, in der Seele ein guter Mensch. Ich glaube, das ganze Unglück seines Charakters bestand darin, daß er von sich eine etwas höhere Meinung hatte, als seine Begabung erlaubte. Das war wohl auch der Grund, warum er immer irgendwie unruhig zu sein schien. Und dazu hatte er noch einige höhere und sogar künstlerische Ansprüche, zum Beispiel ein guter Psychologe zu sein, die menschliche Seele ganz besonders gut zu kennen und die Gabe zu besitzen, den Verbrecher und sein Verbrechen richtig zu erkennen und zu beurteilen. In bezug auf diese Fähigkeiten war er reizbar und leicht beleidigt, hielt sich sofort für im Dienst umgangen oder gar zurückgesetzt, und war immer überzeugt, daß man ihn in den „höheren Sphären“ nicht zu schätzen wisse, und daß er daselbst viele Feinde habe. In trüben Stunden versicherte er sogar, daß er zur Advokatur übertreten werde. Da kam plötzlich der Kriminalprozeß der Karamasoffs wegen des Vatermordes und rüttelte Hippolyt Kirillowitsch auf. „Das ist ein Prozeß, der in ganz Rußland bekannt werden wird,“ sagte er. Doch ich greife vor.

Im Nebenzimmer saß bei den jungen Damen auch unser junger Untersuchungsrichter Nikolai Parfenowitsch Neljudoff, der erst vor zwei Monaten aus Petersburg zu uns gekommen war. Später wunderte man sich nicht wenig darüber, daß alle diese Amtspersonen sich „gerade am Abend des Verbrechens im Hause der exekutiven Macht“ versammelt hatten. Indessen hatte sich das in ganz natürlicher Weise so getroffen: Die Frau Hippolyt Kirillowitschs, also des Staatsanwalts, litt schon den zweiten Tag an Zahnschmerzen, und so mußte der Herr Staatsanwalt doch irgendwohin vor ihrem Gestöhn flüchten. Der Kreisarzt jedoch konnte allein schon seinem Wesen nach den Abend nicht anders verbringen als am Kartentisch. Und Nikolai Parfenowitsch Neljudoff hatte es sich schon vor drei Tagen vorgenommen, an diesem Abend zu Michail Makarowitsch zu gehen, und zwar ganz zufällig, um hinterlistig die älteste Enkelin, Olga Michailowna, zu erschrecken, ihr nämlich plötzlich zu sagen, daß er um ihr „Geheimnis“ wisse: daß heute ihr Geburtstag sei, und daß sie dies absichtlich verheimlicht habe, um nicht wieder die ganze Gesellschaft zu einem Ball einladen zu müssen. Es war zu erwarten, daß man den Abend lustig verbringen werde, da Scherze über ihr Alter, über das „Geheimnis“, das er jetzt allen erzählen konnte, ihre vermutliche Angst deswegen usw. usw. genügend Stoff zum Lachen abgeben konnten. Der liebenswürdige junge Mann war in solchen Dingen ein großer Schlingel, wie ihn unsere Damen lachend nannten, und was ihm sehr zu gefallen schien. Übrigens war er gut erzogen, aus, guter Familie, hatte ein gutes Auftreten und gute Manieren, und wenn er auch ein Lebemann war, so blieb er doch ein innerlich unschuldiger und immer wohlerzogener, anständiger junger Mann. Was sein Äußeres anbelangt, so war er ziemlich klein von Wuchs und von schwächlichem, zartem Körperbau. An seinen schmalen und bleichen Fingern glänzten stets ein paar große teure Ringe. Wenn er seine Amtspflicht erfüllte, kam immer eine gewisse selbstbewußte Würde über ihn, als hielte er seine Bedeutung und seine Pflicht für etwas Heiliges. Besonders gut verstand er es, bei Verhören von Mördern und anderen Verbrechern aus dem Volke, dieselben durch seine Fragen zu verblüffen, und in ihnen, wenn auch nicht gerade Hochachtung für sich, so doch etwas wie bewunderndes Erstaunen zu erwecken.

Als Perchotin beim Kreispolizeichef eintrat, blieb er ganz verdutzt stehen: er sah sofort, daß man schon alles wissen mußte. Man hatte die Karten im Stich gelassen, alle standen und berieten sich, und auch Nikolai Parfenowitsch war von den Damen herbeigeeilt und sah ungemein kampfbereit und entschlossen aus. Perchotin wurde mit der überraschenden Mitteilung empfangen, daß der alte Fedor Pawlowitsch Karamasoff am selben Abend in seinem Hause erschlagen worden war, erschlagen und beraubt. Erfahren hatte man es vor ein paar Minuten auf folgende Weise:

Marfa Ignatjewna, die Frau des am Zaun von Mitjä verletzten Grigorij, schlief nach der eingenommenen Medizin ungewöhnlich fest in ihrem Bett und hätte wahrscheinlich bis zum Morgen so geschlafen – plötzlich aber wachte sie auf: der epileptische Schrei Ssmerdjäkoffs, der bewußtlos im Nebenzimmer gelegen hatte, war ihr durch Mark und Bein gefahren. Dieser Schrei, mit dem gewöhnlich die epileptischen Anfälle begannen, machte auf Marfa Ignatjewna stets einen so schrecklichen Eindruck, daß sie davon fast krank wurde. Sie hatte sich noch immer nicht an ihn gewöhnt, obgleich sie ihn doch oft genug gehört hatte. Halb besinnungslos sprang sie auf und stürzte in das Nebenzimmer zu Ssmerdjäkoff. Doch dort war es stockdunkel, und sie hörte nur, wie der Kranke unheimlich schnarchte und um sich schlug. Da schrie auch Marfa Ignatjewna auf, und rief ihren Mann, doch plötzlich fiel ihr ein, daß Grigorij, als sie aufgesprungen war, nicht neben ihr gelegen hatte. Sie lief zurück zum Bett und betastete es, doch das Bett war leer. „So ist er fortgegangen, – wohin?“ Sie lief hinaus auf die Treppe und rief einmal ängstlich seinen Namen. Sie erhielt natürlich keine Antwort, aber es schien ihr, als hörte sie durch die windstille Nacht irgendwoher, gleichsam fern aus dem Garten, Gestöhn zu sich dringen. Sie horchte auf: da kam es wieder durch die Nacht, und sie hörte deutlich, daß es aus dem Garten kam. „Heilige Marie, das ist ja ganz wie damals die Lisaweta im Badehäuschen!“ dachte sie erschrocken. Ängstlich stieg sie die Stufen hinab, und da erst gewahrte sie, daß das Gartenpförtchen offen war. „Sicher ist er dort, mein Lieber,“ dachte sie, und ging zum Pförtchen. Doch dort vernahm sie plötzlich ganz deutlich, daß Grigorij sie rief: „Marfa, Marfa!“ mit schwacher, angstvoller Stimme, die wie ein Gestöhn klang. „Großer Gott, beschütz uns vor Unheil,“ flüsterte sie zitternd und eilte dann hin, woher der Ruf kam, und fand ihren Grigorij. Nur fand sie ihn nicht am Zaun, wo er niedergefallen war, sondern ungefähr zwanzig Schritt vom Zaun entfernt. Später stellte sich heraus, daß er, zu sich gekommen, zu kriechen begonnen hatte, und so aus eigener Kraft, natürlich mit Unterbrechungen und unter erneuter Besinnungslosigkeit, sich so weit geschleppt hatte. Marfa Ignatjewna bemerkte sofort, daß sein Gesicht blutüberströmt war, und sie begann laut zu schreien. Grigorij konnte nur leise und zusammenhanglos stammeln: „Erschlagen ... hat den Vater erschlagen ... was schreist du, dummes Weib ... lauf, ruf ...“ Doch Marfa Ignatjewna schrie unentwegt, so laut sie konnte. Da bemerkte sie aber, daß beim Herrn das Fenster offen und das Zimmer hell erleuchtet war, und sie lief, Fedor Pawlowitsch laut zu Hilfe rufend, hin zum Fenster. Als sie aber rufend in das Zimmer sah, erblickte sie etwas Grauenvolles: der Herr lag lang ausgestreckt auf dem Fußboden, regungslos. Sein heller Schlafrock und das weiße Hemd auf der Brust waren von Blut überströmt. Das Licht auf dem Tisch beleuchtete grell die roten Blutlachen und das starre Totengesicht der Leiche Fedor Pawlowitschs. Im größten Entsetzen taumelte Marfa Ignatjewna vom Fenster zurück und stürzte, so schnell sie konnte, aus dem Garten, riß den Riegel der Pforte auf und lief in die Nebengasse zur Nachbarin, zu Marja Kondratjewna. Dort klopfte sie wie wahnsinnig an die Fensterläden, bis sie schließlich beide Frauen, die natürlich schon fest schliefen, aufweckte und diese erschrocken ans Fenster gelaufen kamen. Marfa Ignatjewna erzählte, so gut sie konnte, d. h. schreiend und heulend, das Hauptsächliche und rief sie zu Hilfe. Es traf sich, daß auch Foma gerade bei ihnen übernachtete. Er wurde im Augenblick aus dem Bett gezogen, und so liefen denn alle drei zurück an den Ort des Verbrechens. Unterwegs erinnerte sich Marja Kondratjewna, am Abend, ungefähr um neun Uhr, einen lauten, durchdringenden Schrei gehört zu haben, und wie es ihr geschienen hatte, war er aus dem Karamasoffschen Garten gekommen. Das war derselbe Schrei gewesen, den Grigorij am Zaun ausgestoßen hatte, bevor er von Dmitrij Fedorowitschs Schlage zu Boden gestürzt war – sein Schrei: „Vatermörder!“

„Ich hörte nur einen Schrei, es muß ein Mensch geschrien haben, und dann war wieder alles still,“ erzählte Marja Kondratjewna, während sie hinliefen. Im Garten hoben sie alle drei Grigorij auf und trugen ihn mit vereinten Kräften in die Leutewohnung. Sie machten sofort Licht, und da sahen sie, daß Ssmerdjäkoff noch immer um sich schlug: von den Augen im Krampf war nur das Weiße zu sehen, und Schaum stand ihm vor dem Munde. Grigorijs Kopf wurde mit Wasser und Essig gewaschen. Er kam alsbald zu sich, und seine erste Frage war: „Lebt der Herr noch, oder ist er tot?“ Da liefen denn die beiden Frauen und Foma zum Herrenhause, und erst jetzt bemerkten sie, daß nicht nur das Fenster, sondern auch die Tür, die aus dem Hause in den Garten führte, weit offen war, während der Herr sich doch schon seit einer Woche an jedem Abend fest und sorgfältig einzuschließen pflegte und sogar Grigorij strengstens verboten hatte, was auch geschehen sollte, an die Tür oder das Fenster zu klopfen. Als sie nun diese offene Tür sahen, wollte niemand zum Herrn hineingehen, „damit man nicht am Ende noch uns für die Mörder hält.“ Als sie darauf noch unentschlossen zu Grigorij zurückkehrten, befahl der sofort, unverzüglich zum Polizeichef zu laufen. So machte sich denn Marja Kondratjewna auf und lief zu Michail Makarowitsch, bei dem sie alle in nicht geringe Aufregung versetzte. Perchotin erschien vielleicht nur fünf Minuten später, so daß seine Aussagen nicht mehr vage Vermutungen waren, sondern durch das Beweismaterial, das er vorbrachte, nur noch den allgemeinen Verdacht, wer der Mörder sein konnte, verstärkten. Perchotin selbst hatte sich bis zum letzten Augenblick noch immer geweigert, daran zu glauben.