Part 60
Er stürzte noch ein Glas hinab und – es schien ihm selbst sonderbar – erst von diesem Glase wurde er betrunken, ganz plötzlich, bis dahin war er immer noch nüchtern gewesen. Das fühlte er jetzt deutlich, da er wirklich betrunken wurde. Von diesem Augenblicke an begann alles sich vor ihm wie im Rausch zu drehen. Er ging, lachte, sprach mit allen und tat es doch, wie ohne zu wissen, was er tat. Nur ein einziges, unbewegliches, brennendes Gefühl trug er fortwährend mit sich herum, „ganz wie eine glühende Kohle“, sagte er später. Er trat zu ihr, setzte sich neben sie hin, blickte sie an, hörte ihr zu ... Sie aber wurde ungemein gesprächig: rief alle zu sich heran, winkte plötzlich auch ein Chormädchen zu sich, und wenn die dann zu ihr kam, küßte sie sie oder machte mit der Hand das Zeichen des Kreuzes über sie. Vielleicht fehlte nur noch etwas, und sie wäre in Tränen ausgebrochen. Am meisten belustigte sie Maximoff. Der kam immer wieder zu ihr gelaufen, um ihr die Hand „und jedes Fingerchen“, wie er sagte, zu küssen, und zum Schlusse tanzte er noch zu einem alten Liede, das er selbst sang, einen Volkstanz. Mit besonderer Liebe trug er vor:
„Schweinchen macht chruchru, chruchru, Kälbchen macht mumu, mumu, Entlein macht quaqua, quaqua, Gänschen macht gaga, gaga. Doch Spätzchen ging auf frischem Heu spazieren, Konnte nur zipzirrip, zipzirrip tirillieren, Zipzirrip, zipzirrip tirillieren!“
„Gib ihm etwas, Mitjä,“ sagte Gruschenka, „schenk ihm etwas, er ist doch arm. Ach ihr Armen, Erniedrigten! ... Weißt du, Mitjä, ich werde ins Kloster gehen. Nein, im Ernst, einmal werde ich ins Kloster gehen. Aljoscha hat mir heute Worte fürs ganze Leben gesagt ... Ja ... Heute aber wollen wir noch tanzen. Morgen ins Kloster, heute aber noch getanzt. Ich will ausgelassen sein, ihr Guten. Nun, und was ist denn dabei? Gott wird es verzeihen. Wenn ich Gott wäre, würde ich allen Menschen vergeben. ‚Ihr meine lieben, kleinen Sünder,‘ würde ich sagen, ‚von heute ab vergebe ich euch allen.‘ Und ich werde um Verzeihung bitten. ‚Vergebt, ihr guten Leute, einem dummen Weibe.‘ Ja, genau so. ‚Ein Tier bin ich, ja, das bin ich.‘ Beten will ich. Ich habe im ganzen nur ein Zwiebelchen gegeben. Ja, ein Scheusal wie ich will beten. Mitjä, laß sie tanzen, störe sie nicht. Alle Menschen auf der Welt sind gut, alle bis auf den letzten. Es ist schön, in der Welt zu leben. Wenn wir auch schlecht sind, es ist doch schön auf der Welt. Schlecht und gut sind wir, schlecht und gut ... Nein, sagt mir, ich frage euch, kommt alle her, ich frage euch, sagt mir alle folgendes: Warum bin ich so gut? Ich bin doch gut – bin sehr gut ... Nun, darum also: Warum bin ich so gut?“
So stammelte Gruschenka, indem sie immer berauschter wurde, und zu guter Letzt erklärte sie, selbst tanzen zu wollen. Sie erhob sich aus dem Lehnstuhl und wankte.
„Mitjä, laß mich nicht mehr trinken,“ sagte sie, „ich werde bitten, gib du mir aber nichts mehr, hörst du. Wein gibt keine Ruhe. Und alles dreht sich, auch der Ofen, alles dreht, dreht sich. Tanzen will ich. Sie sollen alle herkommen, zusehen, wie ich tanze ... wie schön und gut ich tanze ... wie?“
Und sie machte bereits Ernst mit ihrer Absicht: zog ihr kleines, weißes Batisttüchlein hervor, nahm es mit zwei Fingern der rechten Hand am Zipfelchen, um es beim Tanz zu schwenken. Es sollte der Nationaltanz werden! Mitjä eilte ins vordere Zimmer, die Mädchen verstummten und bereiteten sich vor, auf den ersten Wink den Chorgesang zum Nationaltanz anzustimmen. Als Maximoff hörte, daß Gruschenka selbst tanzen wollte, ward er ganz Begeisterung und begann sofort – so gut es bei seinem Alter ging – den Kasatschock ihr entgegen zu tanzen, wozu er etwas atemlos sang:
Kleine Hexe, schlanke Beinchen, Weiche Hüften, Ringelschweinchen!
Doch Gruschenka winkte ihm mit dem Tüchelchen ab und schickte ihn zurück.
„Sch – sch! Mitjä, warum kommen sie denn nicht? Alle sollen herkommen ... zusehen. Ruf auch jene beiden, die Eingeschlossenen ... Warum hast du sie eingeschlossen? Sag ihnen, daß ich tanze, ich will, daß auch sie zusehen, wie ich tanze ...“
Mitjä ging etwas schwankend zur verschlossenen Tür und begann mit den Fäusten bei den Panen anzuklopfen.
„He, ihr ... Podwyssotzkijs! Kommt heraus, sie will tanzen, läßt euch rufen.“
„Laidack!“ schrie zur Antwort einer von den Panen.
„Und du bist ein Oberlaidack! Ein ganz gemeiner, kleinlicher Schuft bist du, verstanden!“
„Wenn Sie doch endlich aufhören wollten, sich über Polen lustig zu machen!“ bemerkte ungehalten Kalganoff, der jetzt gleichfalls zu viel getrunken hatte.
„Schweig, Knabe! Wenn ich ‚Schuft‘ zu ihm sage, so heißt das noch nicht, daß ich es zu ganz Polen sage. Ein Schuft macht vorläufig noch nicht ganz Polen aus. Schweig, ein netter Junge bist du. Da – nimm ein Bonbon.“
„Ach, wie sie sind! Gar nicht wie Menschen. Warum wollen sie sich denn nicht versöhnen?“ sagte Gruschenka und trat vor zum Tanz.
Der Chor fiel schmetternd ein: „Auf grünen Fluren in kühlem Schatten ...“ Gruschenka warf den Kopf in den Nacken, ihre Lippen öffneten sich halb, sie lächelte, schwenkte schon das Taschentuch und plötzlich – wankte sie und blickte sich verwundert im Kreise um.
„Bin schwach ...“ sagte sie stammelnd mit einer geradezu müde gequälten Stimme, „verzeiht, bin zu schwach ... ich kann nicht ... es war meine Schuld ...“
Sie verbeugte sich vor dem Chor und machte dann nach allen vier Seiten hin eine Verbeugung.
„Meine Schuld ... Verzeiht ...“
„Hat sich bißchen angetrunken, die Herrin, bißchen angetrunken die schöne Herrin,“ ertönten unter den Zuschauern einige Stimmen.
„Haben sich etwas angeheitert,“ erklärte kichernd Maximoff den Mädchen.
„Mitjä, bring mich fort ... nimm mich, Mitjä,“ sagte Gruschenka erschöpft.
Mitjä, der schon neben ihr stand, hob sie im Augenblick hoch auf die Arme und eilte mit seiner Last zurück hinter den Vorhang. „Nun, jetzt werde ich lieber fortgehen,“ dachte Kalganoff und verließ das blaue Zimmer. Vorsichtig schloß er hinter sich beide Türflügel. Doch das Fest im Saal wurde tobend fortgesetzt, viel ausgelassener als vorher. Mitjä legte Gruschenka auf das große Bett und küßte sie, als hätte er sich im Kuß an ihren Lippen festgesogen.
„Rühr mich nicht an ...“ bat sie ihn stammelnd, mit flehender Stimme. „Rühr mich nicht an, bevor ich nicht dein bin ... Ich habe gesagt, daß ich dein bin, aber du rühr mich nicht an ... schone mich, bitte ... Nicht neben jenen, nicht in ihrer Gegenwart. Er ist hier. Widerlich ist es hier ...“
„Ich gehorche! ... Mit keinem Gedanken ... Ich bete dich an ...“ murmelte Mitjä. „Ja, widerlich ist’s hier, oh, verflucht!“
Und ohne sie aus den Armen zu lassen, kniete er neben dem Bett nieder.
„Ich weiß, du bist wohl ein Tier, aber du bist doch edel,“ sagte Gruschenka mit schwerer Zunge. „Es muß ehrenhaft sein ... von nun an wird es ehrenhaft sein ... und auch wir müssen ehrenhaft sein, auch wir wollen gut sein, keine Tiere, sondern gut ... Bring mich fort, bring mich weit fort, hörst du ... Ich will nicht hier ... nein, weit fort, weit ...“
„Oh, ja, ja, unbedingt!“ Und er preßte sie in seinen Armen. „Ich bringe dich fort, fortfliehen werden wir ... Oh, mein ganzes Leben gebe ich sofort dafür hin – wenn ich nur um dieses Blut wüßte! ...“
„Was für ein Blut?“ fragte Gruschenka verwundert.
„Nichts, nichts!“ stieß Mitjä knirschend hervor. „Gruscha, du willst, daß hinfort alles ehrenhaft sei, ich aber – bin – ein – Dieb. Ich habe von Katjä Geld gestohlen.“
„Von Katjä? Von dem Fräulein? Nein, du hast nicht gestohlen. Gib ihr, nimm von mir ... Was brauchst du? Jetzt ist alles, was mein ist – dein. Was ist uns Geld?? Wir würden es ohnehin durchbringen ... Wir sind die rechten, die es halten könnten. Wir beide aber wollen lieber gehen und die Erde pflügen. Mit diesen meinen Händen will ich die Erde aufscharren. Arbeiten muß man, sich mühen muß man, hörst du? Aljoscha hat es gesagt. Ich werde dir nicht Geliebte sein, ich werde dir treu sein, werde deine Sklavin sein, werde für dich arbeiten. Wir werden zum Fräulein gehen und sie bitten, daß sie uns verzeiht, und dann werden wir fortfahren. Und du bring ihr das Geld zurück, mich aber liebe ... Sie jedoch, hörst du, sie sollst du nicht lieben. Jetzt darfst du sie nicht mehr lieben. Wenn du sie noch liebst, werde ich sie erwürgen ... Werde ihr beide Augen mit einer Nadel ausstechen ...“
„Dich liebe ich, dich allein! Ich werde dich auch in Sibirien lieben, ewig ...“
„Warum in Sibirien? Aber warum schließlich auch nicht, meinetwegen auch nach Sibirien, wenn du willst, mir soll’s recht sein ... einerlei ... wir werden arbeiten ... in Sibirien ist Schnee ... Ich liebe es, im Schlitten über Schneefelder zu fahren ... das Pferd muß eine Glocke am Krummholz haben ... Hörst du, eine Glocke klingt ... Wo klingt nur die Glocke? Es fährt jemand ... da hat sie auch schon aufgehört.“
Erschöpft schloß sie die Augen und schien einzuschlafen. Es hatte in der Tat irgendwo in der Ferne eine Glocke geklungen, und dann – hatte sie plötzlich aufgehört zu klingen. Mitjä senkte seinen Kopf auf ihre Brust. Er merkte nicht, wie die Glocke zu klingen aufgehört hatte, hatte es auch nicht gemerkt, wie plötzlich der Chorgesang verstummt war und an Stelle des Geräusches und trunkenen Lärmes im ganzen Hause Totenstille eintrat. Gruschenka schlug die Augen auf.
„Was ist das? Habe ich geschlafen? Ja ... Glockenklang ... Ich schlief und mir träumte: es war, als wenn ich über Schneefelder fuhr ... die Glocke klang, und ich schlummerte mit offenen Augen. Es war, als führe ich mit meinem Geliebten, mit dir. Und weit, weit fuhren wir. Ich umarmte und küßte dich, schmiegte mich an dich, ich glaube, mich fror, und der Schnee schimmerte ... Weißt du, wenn in der Nacht der Schnee schimmert und der Mond scheint, und es war, als ob ich nicht auf der Erde wäre ... Da erwachte ich, und du warst bei mir, Geliebter, wie wundervoll ...“
„Bei dir,“ murmelte Mitjä und küßte ihr Kleid, ihre Brust, ihre Hände.
Und plötzlich schien ihm etwas so sonderbar: es schien ihm, als ob sie gerade vor sich hinblicke, doch nicht auf ihn, nicht in sein Gesicht, sondern über seinen Kopf hinweg, aufmerksam, unbeweglich und ganz eigentümlich starr. Und plötzlich drückte sich in ihrem Gesichte Verwunderung aus, fast Schreck.
„Mitjä,“ flüsterte sie plötzlich, „wer blickt von dort auf uns her?“
Mitjä wandte sich um und sah, daß tatsächlich jemand durch den Vorhang sie gleichsam zu beobachten schien. Ja, es schien nicht nur einer zu sein. Er sprang auf und trat auf den Beobachter zu.
„Hierher, darf ich bitten, hierher zu uns,“ sagte nicht laut, doch bestimmt und fest eine unbekannte Stimme zu ihm.
Mitjä trat hinter dem Vorhang hervor und blieb unbeweglich stehen. Das ganze Zimmer war voll von Menschen, doch nicht von denen, die noch vor kurzem dagewesen waren, sondern von ganz anderen, neuangekommenen. Ein plötzlicher Frostschauer lief ihm über den Rücken, und er fuhr zusammen. Alle diese Menschen erkannte er auf den ersten Blick. Dieser große, wohlbeleibte Herr im grauen Uniformpaletot mit der Kokarde an der runden Karakulmütze, das war der Kreisrichter, der Chef der Landpolizei, Michail Makarytsch Makaroff. Und dieser „schwindsüchtige“, saubergekleidete Stutzer, „immer in so blankgeputzten Stiefeln“ – das war der Stellvertreter des Staatsanwalts. „Er besitzt eine Uhr im Wert von vierhundert Rubeln, er hat sie mir gezeigt,“ dachte Mitjä. Und dieser jugendliche Kleine mit der Brille ... Mitjä hatte nur seinen Namen vergessen, aber er kannte auch ihn, er hatte ihn gesehen: das war der Untersuchungsrichter des Gerichtshofes, der erst vor kurzer Zeit bei uns eingetroffen war. Und dieser dort – war der Polizeimeister, Mawrikij Mawrikitsch, den kannte er ja ganz genau, – ein alter Bekannter. Aber diese dort mit den Blechschildern, was wollen denn die? Und dann noch zwei Unbekannte, Bauernkerle wahrscheinlich ... Und dort an der Tür Kalganoff und Trifon Borissytsch ...
„Meine Herren ... Was soll das, meine Herren?“ fing Mitjä an, doch plötzlich – rief er außer sich, als wäre er nicht mehr er selbst gewesen, laut, mit der ganzen Stimme:
„Ich be – grei – fe!“
Der jugendliche Kleine mit der Brille drängte sich plötzlich etwas vor und, zu Mitjä tretend, begann er, wenn auch ein wenig würdevoll, so doch gewissermaßen ziemlich eilig:
„Wir haben an Sie ... Kurz, ich bitte Sie hierher, hierher zum Sofa ... Gewisse Umstände machen es unbedingt notwendig, daß wir Sie um gewisse Erklärungen bitten.“
„Der Alte!“ schrie Mitjä außer sich auf. „Der Alte und sein Blut! ... Ich begreife!“
Und wie von einem Keulenschlage getroffen, sank er, oder richtiger gesagt fiel er auf einen Stuhl, der neben ihm stand.
„Du begreifst? Du hast es begriffen! Du Vatermörder und Ungeheuer, das Blut deines erschlagenen alten Vaters schreit hinter dir her!“ brüllte plötzlich, auf Mitjä zutretend, der alte Polizeichef ihn an.
Er war außer sich, war dunkelrot vor Zorn und zitterte am ganzen Körper.
„Aber das ist unmöglich, so geht das nicht!“ rief der kleine junge Mann. „Michail Makarytsch, Michail Makarytsch! So geht das nicht, das geht wirklich nicht so! ... Ich bitte Sie, mich allein sprechen zu lassen. Ich hätte nie von Ihnen erwartet, daß Sie so ...“
„Aber das ist ja nicht möglich, meine Herren, das ist ja Wahnsinn!“ schrie wieder der Alte. „Sehen Sie ihn an: in der Nacht, betrunken, mit einem liederlichen Mädchen, in dem Blute seines Vaters ... Wahnsinn, Wahnsinn!“
„Ich bitte Sie nochmals ernstlich, lieber Michail Makarytsch, dieses Mal Ihre Gefühle zu beherrschen,“ flüsterte dem Alten schnell der stutzerhafte Stellvertreter des Staatsanwalts zu, „anderenfalls wäre ich gezwungen, Maßregeln zu ergreifen.“
Aber der kleine Untersuchungsrichter unterbrach ihn; er wandte sich zu Mitjä und sagte mit fester Stimme, laut und wichtig:
„Herr Leutnant Karamasoff, ich muß Ihnen mitteilen, daß Sie angeklagt sind, Ihren Vater Fedor Pawlowitsch Karamasoff in dieser Nacht ermordet zu haben ...“
Er fügte noch etwas hinzu, auch der Stellvertreter des Staatsanwalts wandte noch etwas ein, doch Mitjä, der wohl ihre Worte hörte, begriff sie nicht mehr. Sein wilder Blick ging verständnislos von einem der Anwesenden zum anderen.
Neuntes Buch. Die Voruntersuchung
I. Der Anfang der Laufbahn des Beamten Perchotin
Pjotr Iljitsch Perchotin, den wir vor dem Hause der Kaufmannswitwe Morosoff verlassen hatten, klopfte unentwegt und mit jedem Schlage stärker an das fest verschlossene Hoftor, bis er schließlich den Hofknecht aus dem Bett geklopft hatte. Als Fenjä, die sich vor Erregung und „Gedanken“ noch nicht entschlossen hatte, zu Bett zu gehen, ein so unbändiges Klopfen am Hoftor hörte, verlor sie vor Schreck fast die Besinnung. Sie war sofort überzeugt, daß der Ruhestörer kein anderer sein konnte als Dmitrij Fedorowitsch (obgleich sie selbst gesehen hatte, wie er mit Andrei fortgefahren war), denn sie sagte sich, daß so „gebieterisch“ nur er allein klopfen könne. So stürzte sie denn unverzüglich zum Hofknecht, der sich bereits zum Hoftor begab, und bat ihn himmelhoch, nicht zu öffnen und niemanden hereinzulassen. Der Alte wurde nachdenklich, erkundigte sich aber doch nach dem Namen des Klopfenden, und als er hörte, wer es war, und daß man Fedossja Markowna (Fenjä) in einer sehr wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünschte, entschloß er sich, das Fußpförtchen aufzuschließen. Als Perchotin mit dem Hofknecht, den Fenjä mit seiner Erlaubnis gebeten hatte, „von wegen des Bedenklichen“ mitzukommen, in die Küche eingetreten war, begann er unverzüglich sie auszufragen, und so erfuhr er denn alsbald das Wichtigste, nämlich: daß Dmitrij Fedorowitsch, als er fortgestürzt war, um Gruschenka zu suchen, die Mörserkeule ergriffen und in die Tasche gesteckt hatte, dann aber ohne dieselbe, doch mit blutigen Händen zurückgekehrt war. „Und das Blut triefte noch von ihm, triefte noch, triefte nur so von ihm!“ beteuerte Fenjä, die sich in der Aufregung dieses grauenhafte Bild wahrscheinlich ganz unwillkürlich schuf. Daß Mitjäs Hände mit Blut besudelt waren, hatte auch Perchotin gesehen, hatte ja selbst geholfen, sie reinzuwaschen, aber nicht darum handelte es sich jetzt, ob sie schnell oder langsam trocken geworden waren, sondern darum, wohin er, Dmitrij Fedorowitsch, mit der Mörserkeule gelaufen war, d. h., woraus man mit Bestimmtheit schließen konnte, daß es gerade zu seinem Vater gewesen sein mußte? Danach erkundigte sich Perchotin ausführlich, und obwohl er, genau genommen, nichts Bestimmtes erfuhr, so trug er doch die Überzeugung davon, daß Dmitrij Fedorowitsch einzig und allein zum Vater gelaufen sein konnte, und daß dort folglich „etwas“ geschehen sein mußte. „Als er aber zurückkam,“ unterbrach Fenjä erregt seinen Gedankengang, „und ich ihm alles gestanden hatte, da versuchte ich, ihn etwas auszufragen. ‚Täubchen Dmitrij Fedorowitsch,‘ sagte ich, ‚warum sind denn Ihre beiden Hände so blutig?‘ – Da antwortete er mir, daß es Menschenblut sei, und daß er einen Menschen erschlagen habe ...“ Sie sagte, er habe ihr ohne weiteres alles gestanden und habe ersichtlich bereut, doch plötzlich sei er wieder wie ein Irrsinniger hinausgelaufen. „Da setzte ich mich und fing an nachzudenken,“ fuhr Fenjä fort, „und ich fragte mich, wohin er wohl so gelaufen sein mag? Da sagte ich mir, er wird nach Mokroje fahren und dort Agrafena Alexandrowna totschlagen. So lief ich denn hinaus, um ihn vielleicht noch in seiner Wohnung anzutreffen und himmelhoch zu bitten, daß er sie nicht totschlägt, und da traf ich ihn unterwegs bei Plotnikoffs und sah, daß er gerade nach Mokroje abfahren wollte, seine Hände aber schon reingewaschen waren.“ (Die reinen Hände hatte Fenjä sofort bemerkt.) Die alte Köchin Matrjona bestätigte, so weit sie konnte, die Aussagen ihrer Enkelin. Perchotin stellte noch einige Fragen und verließ dann in noch größerer Erregung das Haus der Morosowa, als er das Gasthaus verlassen hatte.
Man sollte meinen, daß es für ihn das Nächstliegende gewesen wäre, zu Fedor Pawlowitsch Karamasoff zu gehen und sich dort zu erkundigen, ob nicht etwas Besonderes geschehen war, und dann erst, wenn sich sein Verdacht bestätigt hatte, zum Polizeichef zu gehen, wie er es sich fest vorgenommen. Aber das war so eine Sache. – Die Nacht war dunkel, das Hoftor des Karamasoffschen Hauses groß und schwer, das Klopfen nicht hörbar, und er hätte lange klopfen müssen – mit Fedor Pawlowitsch aber war er nur ganz oberflächlich bekannt. Und da würde er denn das ganze Haus aufwecken: man machte ihm auf, und es zeigte sich, daß nichts geschehen war, – und der spottlustige Fedor Pawlowitsch erzählt morgen in der ganzen Stadt die Geschichte, wie Pjotr Iljitsch Perchotin, der ihm völlig unbekannt ist, um Mitternacht zu ihm gelaufen kommt und wie ein Verrückter am Hoftor klopft, um zu erfahren, ob ihn nicht jemand totgeschlagen habe. Das aber wäre ein Skandal, und so etwas fürchtete Perchotin am meisten. Nichtsdestoweniger war die Unruhe, die ihn mit sich fortriß, so stark, daß er sich – allerdings fluchend, mit dem Fuß aufstampfend und mit einem Schimpfwort an die eigene Adresse – unverzüglich auf den Weg machte, doch diesmal nicht zu Fedor Pawlowitsch, sondern zu Frau Chochlakoff. Er beschloß, sie ohne alle Umschweife zu fragen, ob sie heute zu der und der Stunde Dmitrij Karamasoff dreitausend Rubel gegeben habe, und wenn sie dies verneinte, sofort zum Polizeichef zu gehen; falls sie es aber bejahte, alles bis auf den nächsten Tag aufzuschieben und zu sich nach Haus zurückzukehren. Nun sollte man mit Recht meinen, daß der Entschluß des jungen Mannes, in der Nacht, fast um elf Uhr, in das Haus einer ihm ganz unbekannten Dame zu gehen und sie womöglich aus dem Schlaf zu wecken, um an sie eine in ihrer Art gewiß etwas verfängliche Frage zu stellen, vielleicht noch vielmehr Aussichten bot, einen Skandal hervorzurufen, als wenn er zu Fedor Pawlowitsch gegangen wäre. Aber das geschieht bekanntlich – besonders in solchen oder ähnlichen Fallen – nicht selten mit den Entschlüssen der korrektesten und phlegmatischsten Leute. Übrigens war Perchotin in dieser Nacht nichts weniger als phlegmatisch. Sein ganzes Leben lang erinnerte er sich später, wie seine unbezwingbare Unruhe schließlich so groß geworden war, daß sie ihm Qual verursacht und ihn eigentlich gegen seinen Willen immer weiter getrieben hatte. Es versteht sich daher von selbst, daß er sich auf dem ganzen Wege zu ihr über seine Handlung ärgerte, aber: „Ich setze es durch, was es auch koste, ich setze es doch durch,“ wiederholte er mindestens zehnmal zähneknirschend vor sich hin. Und richtig – er führte auch durch, was er sich vorgenommen hatte.
Es schlug gerade elf, als er sich dem Hause Frau Chochlakoffs näherte. In den Hof wurde er ziemlich bald eingelassen, doch auf die Frage, ob die gnädige Frau schon schlafe oder noch auf sei, konnte der Hofknecht nichts Bestimmtes sagen, außer daß sie sich um diese Zeit gewöhnlich schon zurückzuziehen pflege. „Aber der Herr kann es doch versuchen; will man empfangen, so empfängt man, will man nicht, dann nicht. Nur muß der Herr sich oben anmelden.“ Perchotin stieg die Paradetreppe hinauf, doch hatte er hier einen schweren Stand. Der Diener weigerte sich, ihn anzumelden, rief aber schließlich wenigstens die Zofe heraus. Perchotin bat höflich, aber in sehr bestimmtem Tone, ihn bei der gnädigen Frau anzumelden, und unbedingt noch hinzuzufügen, daß er in einer äußerst wichtigen Angelegenheit die gnädige Frau unverzüglich sprechen müsse, sich anderenfalls nie erdreistet hätte usw. Die Kammerzofe ging. Er blieb im Vorzimmer zurück und wartete. Frau Chochlakoff schlief allerdings noch nicht, hatte sich aber schon in ihr Schlafgemach zurückgezogen. Sie war seit dem Besuch Mitjäs sehr angegriffen und fühlte schon im voraus, daß sie in dieser Nacht der Migräne, die in solchen Fällen stets einzutreten pflegte, nicht entgehen werde. Sie hörte verwundert den Bericht ihrer Zofe an, befahl aber doch gereizt, den Herrn abzuweisen, wenn auch der unerwartete Besuch eines „hiesigen Beamten“, wie die Zofe sagte, „zu dieser Stunde!“ nicht wenig ihre Neugier reizte. Doch Perchotin war diesmal hartnäckig wie ein Maulesel (mit dieser Bezeichnung bedachte er sich selbst während des Wartens). Als er die Absage vernommen hatte, bat er sehr bestimmt und nachdrücklich, ihn nochmals anzumelden, und zwar gerade mit den Worten: daß es eine „äußerst wichtige Angelegenheit sei, und die gnädige Frau es vielleicht später bedauern werde, wenn sie ihn jetzt nicht empfinge.“ „Es war mir damals geradezu, als wenn ich einen Berg unaufhaltsam hinabglitt,“ sagte er später bei der Wiedergabe jener Erlebnisse und der Schilderung seiner Empfindungen in jenen Stunden. Die Zofe betrachtete ihn nicht wenig erstaunt, ging aber doch, um ihn noch einmal anzumelden. Frau Chochlakoff war sehr betroffen durch das sonderbare Auftreten des nächtlichen Besuchers. Sie dachte nach und erkundigte sich, wie denn „dieser Mensch“ aussähe, und erfuhr, daß er „sehr anständig gekleidet, jung und sehr höflich“ sei. Ich muß hier noch bemerken, daß Perchotin als junger Mann tatsächlich gut aussah und das auch selbst von sich wußte. Frau Chochlakoff entschloß sich endlich, den Herrn zu empfangen. Sie war bereits in ihrem Hausrock und in Pantöffelchen, und so nahm sie noch einen Schal um. Perchotin wurde in den Empfangssalon gebeten, in dem sie vor kurzem auch Mitjä empfangen hatte. Er trat ein. Gleich darauf erschien auch die Hausfrau. Sie blickte ihn streng und mit etwas erstaunt fragendem Blick an. Ohne ihn aufzufordern, Platz zu nehmen, fragte sie:
„Sie wünschen?“
„Verzeihen Sie, gnädige Frau, daß ich es gewagt habe, Sie zu so später Stunde zu belästigen. Es handelt sich um unseren gemeinsamen Bekannten Dmitrij Fedorowitsch Karamasoff,“ begann Perchotin, doch kaum hatte er diesen Namen ausgesprochen, als im Gesichte der Dame eine ungewöhnliche Veränderung vor sich ging und sie ihn heftig unterbrach: