Sämtliche Werke 9-10

Part 66

Chapter 663,666 wordsPublic domain

Alle Sachen wurden den Zeugen gezeigt, man schrieb darauf das Ergebnis der Besichtigung auf, und schließlich ging der Untersuchungsrichter fort, und die Kleidungsstücke wurden ihm nachgetragen. Ihm folgte bald nachher auch der Staatsanwalt. So blieben mit Mitjä nur die Bauern zurück, die schweigsam ringsum standen und ihn nicht aus dem Auge ließen. Mitjä hüllte sich in die Decke, ihn fror. Seine nackten Füße baumelten über den Bettrand, und es wollte ihm in keiner Weise gelingen, die Decke so umzunehmen, daß sie auch die Füße bedeckte. Der Untersuchungsrichter blieb auffallend lange fort, „folternd lange“. „Der Kerl behandelt mich ja wie ein Hundejunges,“ dachte Mitjä knirschend. „Dieser Lump von Staatsanwalt ist gleichfalls hinausgegangen; bestimmt aus Verachtung: es wird ihm ekelhaft geworden sein, einen Nackten anzusehen.“ Mitjä war immer noch im Glauben, daß seine Kleider inzwischen besichtigt wurden und man sie ihm bald zurückbringen werde. Wie groß war daher sein Unwille, als Neljudoff plötzlich mit ganz anderen Kleidern, die ein Bauer ihm nachtrug, zurückkam.

„Da haben Sie jetzt auch die Kleider,“ sagte er gutgelaunt und augenscheinlich sehr zufrieden mit dem Ergebnis seines Ganges. „Herr Kalganoff opfert in diesem interessanten Fall sowohl einen Anzug wie auch ein reines Hemd für Sie. Zum Glück hatte er das alles im Koffer bei sich. Ihre Unterkleider und die Socken können Sie behalten.“

Mitjä geriet außer sich, als er das hörte.

„Ich will keine fremden Kleider!“ schrie er wütend, „geben Sie mir meine eigenen!“

„Das ist unmöglich.“

„Geben Sie mir meine! – zum Teufel mit Kalganoff und seinen Kleidern, und er selbst voran!“

Man mußte ihm lange zureden. Schließlich beruhigte er sich ein wenig. Man erklärte ihm, daß seine Kleider, da sie mit Blut befleckt waren, als Beweisstücke zurückbehalten werden mußten, daß man also nicht einmal das Recht hätte, ihm seine Kleider wiederzugeben – „im Hinblick auf den möglichen Ausgang der Sache“, was Mitjä denn auch zu guter Letzt halbwegs einsah. Er verstummte finster und überwand sich allmählich so weit, daß er sich ankleidete. Er bemerkte nur beim Anziehn der Kleider, daß sie teurer waren als seine alten Kleider, und er sagte, daß er sich nicht wolle „gnädig beschenken lassen“. Außerdem seien sie „beleidigend eng“. „Soll ich etwa eine Vogelscheuche in ihnen spielen ... zu Ihrem Ergötzen?“

Ihm wurde wieder zugeredet, daß es durchaus nicht so schlimm sei, daß er auch hierin wieder übertreibe, daß Herr Kalganoff zwar von Wuchs ein wenig größer sei, aber, wie gesagt, eben nur ein wenig, und daß höchstens die Beinkleider vielleicht etwas zu lang wären. Der Rock aber war in den Schultern tatsächlich zu eng.

„Teufel, man kann ihn ja kaum zuknöpfen,“ brummte Mitjä wütend. „Haben Sie die Güte, und lassen Sie Herrn Kalganoff unverzüglich sagen, daß nicht ich ihn um seine Kleider gebeten habe ... daß ich gegen meinen Willen zur Vogelscheuche aufgeputzt werde.“

„Herr Kalganoff begreift das sehr gut und bedauert ... das heißt, nicht seine Kleider bedauert er, sondern diesen ganzen Vorfall,“ sagte Neljudoff, nachlässig die Worte brummend.

„Er kann sich selbst bedauern! – Nun, wohin jetzt? Oder soll ich immer noch hier sitzen?“

Man bat ihn, wieder „in jenes Zimmer“ zu kommen. Mitjä trat finster vor Ärger hinter dem Vorhange hervor und bemühte sich, niemanden anzusehen. In den fremden Kleidern fühlte er sich wie beschimpft, sogar vor diesen Bauern, vor dem Dorfschulzen und diesem Trifon Borissytsch, dessen Gesicht flüchtig an der Tür auftauchte und verschwand. „Der wollte mich wohl in den neuen Kleidern sehen,“ dachte Mitjä. Er setzte sich auf seinen früheren Platz. Es kam ihm alles wie ein Albdruck, wie etwas ganz Ungereimtes vor, und er glaubte einen Augenblick, den Verstand verloren zu haben.

„Nun, was kommt jetzt? – Rutenhiebe sind ja das einzige, was gerade noch fehlte ...,“ sagte er, innerlich wutknirschend, zum Staatsanwalt.

An den Untersuchungsrichter wollte er sich überhaupt nicht mehr wenden, und er tat absichtlich, als hielte er es unter seiner Würde, mit ihm noch zu sprechen. „Der Kerl hat meine Socken betrachtet, als wäre er blind, und der Schuft hat noch absichtlich befohlen, die Socken umzukehren, um allen zu zeigen, was für unsaubere Wäsche ich habe.“

„Jetzt werden wir wohl zum Verhör der Zeugen übergehen müssen,“ sagte der Untersuchungsrichter, gleichsam als Antwort auf Mitjäs Frage.

„Ja,“ sagte der Staatsanwalt nachdenklich, als ob er gleichfalls sich noch einiges überlegte.

„Wir haben alles getan, Dmitrij Fedorowitsch, was wir für Sie tun konnten,“ fuhr der Untersuchungsrichter fort, „nachdem wir aber bei Ihnen auf eine so bestimmte Weigerung gestoßen sind, die Herkunft der bei Ihnen befindlichen Summe zu erklären, so sehen wir uns in diesem Augenblick ...“

„Was ist das für ein Stein?“ unterbrach ihn plötzlich Mitjä, wie aus tiefen Gedanken auffahrend, und er wies auf einen der großen Ringe, die die rechte Hand Neljudoffs schmückten.

„Stein?“ fragte verwundert der Untersuchungsrichter.

„Ja, dieser dort ... der Ring am Mittelfinger, mit den Adern, was ist das für ein Stein?“ fragte Mitjä ganz absonderlich gereizt und eigensinnig wie ein kleines Kind.

„Das ist ein Rauchtopas,“ sagte Neljudoff lächelnd, „wenn Sie ihn besehen wollen, so werde ich ihn abnehmen ...“

„Nein, nein, nehmen Sie ihn nicht ab!“ schrie ihn Mitjä, der sich plötzlich besonnen hatte und über sich selbst in Wut geriet, wild an. „Nehmen Sie ihn nicht ab, es ist nicht nötig ... Teufel ... Meine Herren, Sie haben meine Seele besudelt! Glauben Sie wirklich, ich würde es vor Ihnen verheimlichen, wenn ich tatsächlich meinen Vater erschlagen hätte? Glauben Sie, ich würde dann lügen, Winkelzüge machen und mich verstecken? Nein, nie würde das Dmitrij Karamasoff tun, das würde er nie ertragen, und wenn ich schuldig wäre, so, das schwöre ich Ihnen, würde ich nicht bis zu Ihrer Ankunft und dem Sonnenaufgang gewartet haben, wie ich es mir vorgenommen hatte, sondern hätte mich schon früher vernichtet, ohne die Morgenröte zu erwarten! Das fühle ich. Oh, nicht in zwanzig Jahren Leben habe ich so viel gelernt, wie ich in dieser einen verfluchten Nacht gelernt habe! ... Und wäre ich denn so, so in dieser Nacht gewesen, in diesem Augenblick jetzt hier auf dieser Stelle vor Ihnen, – würde ich so sprechen, so mich bewegen, so Sie und die Welt ansehen, wenn ich ein Vatermörder wäre ... während sogar der aus Versehen begangene Todschlag Grigorijs mir diese ganze Nacht keine Ruhe gegeben hat, – nicht etwa aus Angst, oh! nicht weil ich eine Strafe gefürchtet hätte! Aber die Schmach! Und Sie verlangen, daß ich solchen Spöttern wie Sie, die nichts sehen und nichts glauben, solchen blinden Maulwürfen und Zynikern, auch noch diese neue Schändlichkeit, die ich begangen habe, aufdecken und erzählen soll, daß ich noch diese neue Schande aufdecken soll, selbst wenn mich das sofort von Ihrer Anschuldigung befreien könnte? ... Lieber als Zwangsarbeiter nach Sibirien! Wer die Tür zu meinem Vater geöffnet hat und durch diese Tür eingetreten ist, der hat ihn auch erschlagen, der hat ihn auch bestohlen! Wer das gewesen ist – ich weiß es nicht, und es quält mich, daß ich es nicht weiß, ich weiß nur eines: _Dmitrij Karamasoff ist es nicht gewesen_, das sage ich Ihnen! – Und das ist alles, was ich Ihnen sagen kann, doch genug, genug, lassen Sie mich jetzt in Ruhe ... Verschicken Sie mich, köpfen Sie mich, aber nur reizen Sie mich nicht mehr. Ich habe mein letztes Wort gesprochen. Rufen Sie Ihre Häscher.“

Mitjä hatte gesprochen, als wäre er fest entschlossen, nichts mehr zu sagen. Der Staatsanwalt hatte ihn die ganze Zeit scharf beobachtet, und kaum war Mitjä verstummt, da sagte er mit der kältesten und ruhigsten Miene, als handelte es sich um die gleichgültigsten Dinge:

„Gerade in bezug auf diese offene Tür, an die Sie soeben erinnerten, können wir Ihnen sehr zur rechten Zeit, nämlich gerade jetzt, eine Aussage des alten Grigorij Wassiljewitsch mitteilen, die für uns wie für Sie von großer Bedeutung ist. Der alte Diener, den Sie verletzt haben, hat uns auf unsere Fragen hin mitgeteilt, und zwar auf das bestimmteste, daß bereits in dem Augenblick, als er auf das Geräusch hin, das er, auf der Treppe stehend, im Garten zu vernehmen geglaubt hatte, zum Pförtchen gegangen und durch dieses offenstehende Pförtchen in den Garten eingetreten war – daß ihm bereits damals, noch bevor er Sie in der Dunkelheit laufen gesehen hatte, auf den ersten Blick nach links das hellerleuchtete offene Fenster und _zu gleicher Zeit_ die viel näher zu ihm liegende _offene_ Tür aufgefallen sei, dieselbe Tür, von der Sie behaupten, daß sie während der ganzen Zeit Ihres Aufenthaltes im Garten geschlossen gewesen sei. Ich will Ihnen nicht verheimlichen, daß Grigorij Wassiljewitsch auf das bestimmteste überzeugt ist, Sie seien aus dieser Tür herausgelaufen, obgleich er Sie natürlich nicht herauslaufen gesehen hat, da Sie erst in einiger Entfernung, inmitten des Gartens zum Zaun laufend, vor ihm aufgetaucht sind ...“

Mitjä war schon in der Mitte der Rede aufgesprungen.

„Unsinn!“ brüllte er plötzlich außer sich auf. „Das ist ein schändlicher Betrug! Er konnte keine offene Tür sehen, denn sie war damals geschlossen ... Er lügt!“

„Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen mitzuteilen, daß er diese Aussage nur infolge seiner festen Überzeugung gemacht hat. Er schwankt nicht, er besteht darauf. Wir haben ihm die Frage mehrmals aufs schärfste gestellt.“

„Ja, auch ich habe ihn mehreremal ausdrücklich danach gefragt,“ bestätigte eifrig der Untersuchungsrichter.

„Das ist nicht wahr, das ist aber doch nicht wahr! Das ist entweder eine Verleumdung oder die Halluzination eines Verrückten,“ schrie Mitjä, „es hat ihm einfach so geschienen, im Fieber von der Wunde, nach dem Blutverlust, als er erwachte ... und so phantasiert er noch jetzt.“

„Schön, aber er hat ja die offene Tür nicht nach der Verletzung am Zaun, als er später zu sich kam, sondern vorher, als er in den Garten trat, gesehen.“

„Aber das kann nicht sein, das ist unmöglich! Das sagt er aus Haß gegen mich, er will mich verleumden ... Er hat das nicht sehen können ... Ich bin nicht durch die Tür gegangen ...“ beteuerte Mitjä atemlos.

Da wandte sich der Staatsanwalt zum Untersuchungsrichter und sagte ihm bedeutsam:

„Zeigen Sie es.“

„Ist Ihnen dieser Gegenstand bekannt?“ fragte jener, indem er ein großes Kuvert von dickem Papier in Kanzleiformat auf den Tisch legte. Auf der anderen Seite desselben waren noch drei rote Siegel zu sehen. Das Kuvert aber war leer und an einer Seite aufgerissen.

Mitjä starrte es mit weit aufgerissenen Augen an.

„Das ... das wird wohl das Kuvert vom Vater sein,“ murmelte er, „– dasselbe, in dem diese Dreitausend lagen ... und wenn die Aufschrift, erlauben Sie: ‚und Küchelchen‘ ... da! – Dreitausend!“ schrie er auf, „Dreitausend, sehen Sie hier?“

„Natürlich sehen wir es, aber das Geld haben wir nicht mehr im Kuvert gefunden, es war leer und lag auf dem Fußboden, gleich vor dem Bett hinter dem Schirm.“

Einige Sekunden lang stand Mitjä wie vom Schlage gerührt.

„Meine Herren, das ist Ssmerdjäkoff!“ schrie er plötzlich laut. „Der hat ihn erschlagen, der hat ihn auch bestohlen! Nur er allein wußte es, wo das Kuvert beim Vater versteckt war ... Er ist es gewesen, das ist jetzt klar!“

„Aber auch Sie wußten doch um das Kuvert, und daß es unter dem Kopfkissen lag.“

„Niemals habe ich das gewußt! Ich habe es doch niemals gesehen, erst jetzt sehe ich es zum erstenmal. Ich hatte nur durch Ssmerdjäkoff davon gehört ... Er allein wußte, wo der Vater das Kuvert versteckt hatte, ich aber habe es überhaupt nicht gewußt ...“ rief Mitjä atemlos.

„Aber Sie haben es uns doch selbst vorhin gesagt, daß das Kuvert bei Ihrem verstorbenen Vater unter dem Kopfkissen gelegen habe. Sie sagten gerade unter dem Kopfkissen, folglich haben Sie doch gewußt, wo es gelegen hat.“

„So haben wir es auch niedergeschrieben!“ bestätigte der Untersuchungsrichter.

„Unsinn! Blödsinn! Ich habe durchaus nicht gewußt, daß es unter dem Kopfkissen lag. Ja, vielleicht hat es dort überhaupt nicht gelegen ... Ich habe es ganz aufs Geratewohl gesagt, daß es unter dem Kissen gewesen sei ... Aber was sagt Ssmerdjäkoff? Haben Sie ihn gefragt, wo es gelegen hat? Was sagt Ssmerdjäkoff? Das ist das Wichtigste ... Ich habe es mir einfach auf den Hals gelogen ... Ich habe es gelogen, ganz unüberlegt habe ich es gesagt, daß es unter dem Kissen gelegen habe, und Sie glauben jetzt ... Gott, Sie wissen doch, wie sich einem plötzlich etwas von der Zunge reißt, ohne zu wollen, spricht man es aus, ganz von selbst sagt es sich! Gewußt aber hat es nur Ssmerdjäkoff, nur Ssmerdjäkoff allein und sonst niemand! ... Er hat auch mir gesagt, wo es lag! Aber das ist er, er! Er hat es getan, ganz zweifellos hat er es getan; das ist mir jetzt so klar wie das Sonnenlicht!“ rief außer sich Mitjä, der verzweifelnd überzeugen wollte und zusammenhanglos sich wiederholte und überstürzte. „So begreifen Sie doch, und verhaften Sie ihn, nur schneller, schneller ... Er hat ihn erschlagen, als ich fortgelaufen war und Grigorij bewußtlos am Boden lag, das ist doch jetzt klar ... Er hat das Zeichen gegeben, und der Vater hat ihm die Tür aufgemacht ... Denn nur er allein kannte die Zeichen, wie mein Vater glaubte, und ohne Zeichen hätte mein Vater nie, nie die Tür aufgemacht ...“

„Sie vergessen aber wieder den einen Umstand,“ bemerkte mit derselben ruhigen Zurückhaltung, doch diesmal bereits wie mit dem Anflug eines Triumphgefühls der Staatsanwalt, „daß es überflüssig war, die Zeichen zu geben, wenn die Tür schon offen stand, als Sie noch im Garten waren ...“

„Die Tür, die Tür ...“ murmelte Mitjä und starrte wortlos den Staatsanwalt an; kraftlos sank er wieder auf den Stuhl.

Alle schwiegen.

„Ja, die Tür! ... Das ist ein Phantom! Gott ist gegen mich! Gott der Herr ist gegen mich!“ rief Mitjä aus, mit sinnlos gewordenem Blick vor sich hinstarrend.

„Nun sehen Sie,“ begann wichtig der Staatsanwalt, „Sie sehen doch jetzt selbst ein, Dmitrij Fedorowitsch: einerseits haben wir diese Aussage über die offene Tür, aus der Sie herausgelaufen sein müssen, – eine Aussage, die sowohl uns wie Sie stutzig macht; und anderseits – Ihr unbegreifliches, hartnäckiges und fast verzweifeltes Schweigen in betreff der Herkunft des Geldes, das sich plötzlich in Ihren Händen befindet, während Sie noch vor drei Stunden nach Ihrer eigenen Aussage Ihre Pistolen versetzt haben, um wenigstens zehn Rubel zu bekommen! Nun urteilen Sie im Hinblick auf diese Tatsache selbst: An was sollen wir glauben, und an was uns halten? Und werfen Sie uns nicht vor, daß wir ‚kalte Zyniker und Spötter‘ seien, die nicht imstande sind, den edlen Ausbrüchen Ihres Herzens zu glauben ... Versuchen Sie, sich in unsere Lage zu versetzen und die Dinge von unserem Standpunkte aus zu betrachten ...“

Mitjä befand sich in unbeschreiblicher Erregung, er war ganz bleich geworden.

„Gut!“ rief er plötzlich, „ich werde Ihnen mein Geheimnis aufdecken, ich werde Ihnen sagen, woher ich das Geld genommen habe! ... Ich werde meine Schmach aufdecken, um nachher weder Sie noch mich anklagen zu müssen.“

„Glauben Sie mir, Dmitrij Fedorowitsch,“ fiel sofort mit fast freudig gerührter Stimme Neljudoff ein, „daß jedes aufrichtige und volle Bekenntnis Ihrerseits, das Sie jetzt beim ersten Verhör ablegen, späterhin einen großen Einfluß auf Ihr Los und seine Wendung zum Guten haben kann und sogar ...“

Doch der Staatsanwalt stieß ihn unbemerkt unter dem Tisch an, und so konnte der andere noch rechtzeitig verstummen. Mitjä hatte übrigens gar nicht gehört, was jener sprach.

VII. Mitjäs großes Geheimnis

„Meine Herren,“ begann er immer noch in derselben Aufregung, „dieses Geld ... ich will alles eingestehen ... dieses Geld gehörte mir.“

Beim Staatsanwalt und Untersuchungsrichter wurden sogar die Gesichter länger: nicht das hatten sie erwartet.

„Wieso gehörte es Ihnen,“ stotterte Neljudoff, „da Sie doch noch um fünf Uhr desselben Tages nach Ihrer eigenen Aussage ...“

„Ach, zum Teufel mit fünf Uhr desselben Tages und eigene Aussage, nicht darum handelt es sich jetzt! Dieses Geld gehörte _mir, mir_, das heißt, es war von mir gestohlen ... das heißt also, es war nicht mein Geld, sondern gestohlenes, von mir gestohlenes Geld, und zwar waren es tausendfünfhundert Rubel, die ich die ganze Zeit bei mir hatte ...“

„Aber von wo hatten Sie das Geld denn hergenommen?“

„Vom Halse, meine Herren, hatte ich es hergenommen, hier von diesem Halse ... in ein Stück Zeug eingenäht, hing es an meinem Halse, schon lange, einen Monat lang, ja, so lange habe ich es in Schmach und Schande mit mir herumgetragen.“

„Aber von wem haben Sie es denn ... sich angeeignet?“

„Sie wollten wohl sagen: gestohlen? Sprechen Sie nur das Wort deutlich aus. Denn für mich ist es ebensogut, als hätte ich es gestohlen. Wenn Sie aber wollen, so habe ich es mir – angeeignet. Meiner Meinung nach habe ich es gestohlen. Und gestern abend, da stahl ich es denn auch in der Tat.“

„Gestern abend? Aber Sie sagten doch soeben, Sie hätten das Geld schon vor einem Monat ... erhalten!“

„Ja, aber nicht vom Vater, nicht von meinem Vater, beunruhigen Sie sich nicht, nicht von meinem Vater habe ich es gestohlen, sondern von ihr. Lassen Sie mich alles ruhig erzählen. Unterbrechen Sie mich nicht. Das ist doch schwer ... Sehen Sie: ungefähr vor einem Monat rief, mich Katerina Iwanowna Werchoffzewa zu sich, meine gewesene Braut ... Kennen Sie sie?“

„Wie sollten wir nicht, natürlich.“

„Ich weiß, daß Sie sie kennen. Sie hat die edelste Seele, die edelste aller edlen, doch haßt sie mich schon lange, lange ... und ich habe es verdient, oh, und wie noch, wie verdient!“

„Katerina Iwanowna?“ fragte verwundert der Untersuchungsrichter.

Auch der Staatsanwalt starrte ihn verwundert an.

„Oh, sprechen Sie ihren Namen nicht unnütz aus! Ich bin ein Schuft, daß ich sie nenne. Ja, ich habe wohl gesehen, wie sehr sie mich haßt ... schon lange, schon seit jenem ersten Tage, seit jener ersten Begegnung dort in meiner Wohnung ... Doch genug, genug davon, Sie sind nicht würdig, davon auch nur etwas zu wissen, und das ist auch gar nicht nötig ... Zur Sache gehört nur, daß sie mich vor ungefähr einem Monat zu sich rief, mir dreitausend Rubel einhändigte, damit ich sie ihrer Schwester und noch einer Verwandten nach Moskau schickte – als ob sie es nicht selbst tun konnte! ... und ich ... das war gerade in jener Schicksalsstunde meines Lebens, als ich ... nun, mit einem Wort, als ich mich gerade in eine andere verliebt hatte, in _sie_, in _sie_, die jetzt dort unten sitzt, Gruschenka ... Ich brachte sie damals hierher, nach Mokroje, und brachte hier in zwei Tagen die Hälfte dieser verfluchten Dreitausend durch, das heißt also tausendfünfhundert Rubel, und die andere Hälfte behielt ich zurück. Nun, und diese anderen Tausendfünfhundert, die ich zurückbehalten hatte, trug ich an meinem Halse, als Amulett ... Gestern abend aber habe ich das Geld vom Halse abgerissen und habe es durchgebracht. Der Rest von achthundert Rubeln, den Sie, Nikolai Parfenowitsch, jetzt an sich genommen haben, ist alles, was von den Tausendfünfhundert noch übriggeblieben ist.“

„Erlauben Sie, wie denn das? Sie haben doch damals hier vor einem Monat Dreitausend und nicht Tausendfünfhundert durchgebracht! Das wissen doch alle!“

„So, wer weiß es denn? Wer hat das Geld gezählt? Wem habe ich es zu zählen gegeben?“

„Aber hören Sie mal, Sie haben doch selbst allen gesagt, daß Sie runde Dreitausend durchgebracht haben.“

„Das ist wahr, daß ich es allen gesagt habe, ich habe es sogar der ganzen Stadt gesagt, und die ganze Stadt hat es nachgesprochen, und alle glaubten es, und auch hier in Mokroje glaubt man, daß es Dreitausend gewesen sind. Nur habe ich trotzdem nicht mehr als anderthalb Tausend hier verpraßt und die anderen anderthalb Tausend in das Zeugstück eingenäht. Sehen Sie, meine Herren, wie es war, woher ich dieses Geld ...“

„Das ... das ist ganz wunderbar ...“ stotterte Neljudoff.

„Gestatten Sie zu fragen,“ sagte schließlich der Staatsanwalt, „haben Sie wenigstens irgend jemandem von diesem Umstande früher Mitteilung gemacht ... das heißt, daß Sie die anderen anderthalb Tausend damals vor einem Monat zurückbehalten hatten?“

„Nein, ich habe niemandem etwas davon gesagt.“

„Das ist sonderbar. Und Sie wissen genau, daß Sie es wirklich keinem einzigen Menschen gesagt haben?“

„Keinem einzigen Menschen. Niemandem, niemandem.“

„Aber warum denn dieses Schweigen darüber? Was veranlaßte Sie, das so geheimzuhalten? Ich werde mich deutlicher aussprechen: Sie haben uns also Ihr Geheimnis aufgedeckt, das nach Ihren Worten so schmachvoll sein soll, obgleich im Grunde – natürlich nur relativ gesprochen – diese Handlung, das heißt, die Aneignung fremden Geldes, und dazu noch selbstverständlich nur eine zeitweilige Aneignung, obgleich diese Handlung – wenigstens meines Erachtens – nur eine äußerst leichtsinnige Handlung ist und längst nicht so schmachvoll – wenn man außerdem noch Ihren Charakter in Betracht zieht ... Oder nennen wir sie sogar im höchsten Grade tadelnswert und so weiter, – so ist es deswegen noch nicht eine weiß Gott wie schmachvolle Tat ... Sehen Sie, ich meine das so: Daß diese dreitausend Rubel Fräulein Werchoffzeff gehörten, das hatten in diesem Monat schon viele ohne Ihr Eingeständnis erraten, und auch ich habe schon früher von diesem Gerücht gehört ... Michail Makarowitsch hat es gleichfalls gehört. Kurz, dieses Gerücht war in der letzten Zeit ein bereits allbekannter Stadtklatsch. Und zudem sollen auch Sie, wenn ich mich nicht täusche, einem Herrn eingestanden haben, daß Sie dieses Geld von Fräulein Werchoffzeff erhalten hätten ... Darum nun wundert es mich, daß Sie bis jetzt, das heißt bis zum gegenwärtigen Augenblick, aus dieser – nach Ihren Worten – zurückgelegten Summe von tausendfünfhundert Rubeln ein so großes Geheimnis gemacht haben, und daß Sie die Aufdeckung dieses Geheimnisses vorhin für eine so große Schmach hielten ... Es ist unwahrscheinlich, daß das Eingeständnis _dieses_ Geheimnisses Ihnen so viel Qual bereitet hätte ... Sie sagten doch noch vor einer Minute, daß Sie eher als Zwangsarbeiter nach Sibirien gehen als das Geheimnis aufdecken würden ...“

Der Staatsanwalt verstummte. Er war in Hitze geraten und hatte seinen Ärger, wenn nicht seine Wut zu verbergen vergessen. Es hatte sich zuviel davon in ihm angesammelt, und so hatte er denn auch nicht mehr an schöne Redewendungen gedacht, sondern fast verwirrt gesprochen.

„Nicht in den Anderthalbtausend lag die Schmach, sondern darin, daß ich diese Anderthalbtausend von jenen Dreitausend abgeteilt hatte,“ sagte Mitjä mit fester Überzeugung.

„Aber wie denn,“ fragte der Staatsanwalt gereizt auflachend, „was ist denn dabei so schmachvoll, wenn Sie von bereits tadelnswert oder, wenn Sie wollen, meinetwegen auch schmachvoll angeeigneten Dreitausend die Hälfte nach Ihrem Ermessen abgeteilt haben? Viel wichtiger ist doch, daß Sie sich diese Dreitausend angeeignet haben, als das, was Sie mit ihnen nachher getan haben. Übrigens, warum haben Sie denn diese Hälfte abgeteilt? Wozu, zu welchem Zweck haben Sie das getan – können Sie es uns sagen?“

„Oh, meine Herren, in dem Zweck liegt ja doch die ganze Schmach!“ rief Mitjä. „Aus Berechnung habe ich die Anderthalbtausend abgeteilt, und diese Berechnung ist ja die ganze Gemeinheit ... Und diese Gemeinheit habe ich einen ganzen Monat mit mir herumgetragen!“

„Das begreife ich nicht.“