Part 50
Ja, zu ihm, zu ihm kam er, der hagere kleine Alte, mit den feinen Runzeln im Gesicht, freudig und verklärt lächelnd. Der Sarg ist nicht mehr da, und er ist im selben Gewande, in dem er noch gestern unter ihnen gesessen hatte, als die Gäste zu ihm gekommen waren. Das Antlitz ist freudig, die Augen glänzen.
„Wie ist denn das möglich? – er ist also auch auf dem Feste, ist auch zur Hochzeit zu Kana in Galiläa geladen? ...“
„Ja, mein lieber Sohn, auch ich bin eingeladen und berufen,“ ertönte hinter ihm eine leise Stimme. „Warum hast du dich hierher zurückgezogen, so daß man dich nicht sehen kann ... komme auch du zu uns.“
Das ist seine Stimme, die Stimme des Staretz Sossima ... Ja, und wie soll es sie denn nicht sein, da er es ist, der da ruft? Der Staretz reichte Aljoscha die Hand, und der erhob sich von den Knien.
„Freuen wir uns,“ fuhr der kleine hagere Greis fort, „trinken wir neuen Wein, den Wein neuer, großer Freude, siehst du, wieviel Gäste hier sind? Sieh, hier ist der Bräutigam und hier die Braut, und hier ist der hochweise Speisemeister, der den neuen Wein kostete. Warum wunderst du dich über mich? Ich habe ein Zwiebelchen gegeben und sieh, jetzt bin ich hier. Und viele hier haben nur ein Zwiebelchen gegeben, nur ein kleines, einziges ... Und wie steht es mit dir, du mein stiller, bescheidener Jüngling? Hast du heute verstanden, das Zwiebelchen einer armen Hungernden zu geben? Beginne, mein Lieber, beginne dein Werk, mein Bescheidener! ... Siehst du unsere Sonne, siehst du Ihn?“
„Ich fürchte mich ... ich wage nicht, hinzusehen ...“ flüsterte Aljoscha.
„Fürchte Ihn nicht. Schrecklich ist Er uns in Seiner Größe, furchtbar in Seiner Höhe, aber unendlich barmherzig ist Er zu uns in Seiner Liebe, und Er freut sich mit uns, Er hat Wasser in Wein verwandelt, damit die Freude der Gäste nicht aufhöre. Neue Gäste erwartet Er, und ununterbrochen ruft Er neue herbei, und so geht es bis in die Ewigkeit. Neuen Wein trägt man auch uns auf, siehst du, wie man die Gefäße trägt ...“
Es war Aljoscha, als brenne etwas in seinem Herzen und erfülle es mit unsäglichem Schmerz. Tränen der Begeisterung lösten sich aus seiner Seele ... Er breitete seine Arme aus, schrie auf und erwachte ...
Wieder der Sarg, das geöffnete Fenster und das leise, würdige, gleichmäßige Lesen der Evangelien. Aljoscha hörte nicht mehr, was gelesen wurde. Sonderbar, er war auf den Knien eingeschlafen, und auf den Füßen stehend erwachte er, und plötzlich, als wenn es ihn von der Stelle gerissen hätte, trat er mit drei festen, schnellen Schritten an den Sarg heran. Er berührte sogar die Schulter Pater Paissijs, doch merkte er es nicht einmal. Der erhob seinen Blick vom Buch und richtete ihn auf Aljoscha, senkte ihn aber sofort wieder, denn er begriff, daß mit dem Jüngling etwas Sonderbares vorging. Aljoscha sah wohl eine halbe Minute lang auf den Sarg, auf den bedeckten, unbeweglich im Sarge ausgestreckten Leichnam, mit dem Heiligenbild auf der Brust und der Kapuze mit dem achtarmigen Kreuze auf dem Haupte. Soeben hatte er seine Stimme gehört, und sie tönte noch fort in seinen Ohren. Er horchte noch hin, er erwartete noch einen Laut ... Doch plötzlich wandte Aljoscha sich um und verließ die Zelle.
Er blieb nicht auf der Treppe stehen, sondern eilte hinunter auf den Rasen. Seine von Jubel erfüllte Seele dürstete nach Freiheit, nach Raum und Weite. Über ihm wölbte sich weit, breit und unabsehbar die Himmelskuppel, übersät mit stillen, flimmernden Sternen. Vom Zenit bis zum Horizont zog sich noch, undeutlich schimmernd, der neblige Streifen der Milchstraße. Eine kühle und bis zur Unbeweglichkeit stille Nacht umfing die Erde. Die weißen Türme und goldenen Kuppeln der Kathedrale hoben sich mattleuchtend vom saphirblauen Nachthimmel ab; die schönen Herbstblumen im Garten der Einsiedelei schliefen noch dem Morgen entgegen. Es war, als wenn die irdische Stille mit der Stille des Himmels zusammenflösse und das Geheimnis der Erde sich mit dem der Gestirne berühre ... Aljoscha stand und schaute empor ... und plötzlich, als hätte ihn ein wuchtiger Schlag getroffen, warf er sich zur Erde nieder.
Er wußte nicht, warum er sie umfing. Er wollte auch nicht darüber nachdenken, warum es ihn so unwiderstehlich verlangte, sie zu küssen: und er küßte sie weinend, schluchzend, und tränkte sie mit seinen Tränen, und wie außer sich schwur er, wie verzückt, sie zu lieben, zu lieben bis in alle Ewigkeit! „Tränke die Erde mit deinen Freudentränen und liebe diese deine Tränen,“ hallte es in seiner Seele wider. Warum weinte er? Oh, er weinte in seiner Begeisterung sogar über die Sterne, die aus dem unendlichen Raume zu ihm herniederblickten, und „er schämte sich seiner Verzückung nicht.“ Ihm war, als träfen von all diesen zahllosen Welten Gottes unsichtbare Fäden in ihm zusammen, und seine ganze Seele erbebte „in der Berührung mit anderen Welten“. Er wollte allen alles vergeben und um Verzeihung bitten, oh! nicht für sich, sondern für alle, für alles und jedes! „Für mich werden andere bitten,“ erklang es in seiner Seele. Und mit jedem Augenblick fühlte er immer deutlicher, wurde es ihm immer mehr bewußt, daß etwas Festes und Unerschütterliches, wie dieses Himmelsgewölbe, in seine Seele einzog, – wie eine Idee sich seines Verstandes bemächtigte, und zwar für sein ganzes Leben und bis in alle Ewigkeit. Als schwacher Jüngling war er noch zur Erde niedergefallen, als ein fürs ganze Leben gewappneter Kämpfer erhob er sich wieder – das fühlte er, und dessen wurde er sich plötzlich bewußt in diesem Augenblick seiner großen Begeisterung.
Sein ganzes Leben lang, niemals, niemals konnte Aljoscha diesen Augenblick vergessen ... „Jemand hat in dieser Stunde meine Seele heimgesucht,“ sagte er in festem Glauben an seine Worte ...
Nach drei Tagen verließ er das Kloster, gehorsam den Worten seines verstorbenen Staretz, der ihm befohlen hatte, „in der Welt zu leben“.
Achtes Buch. Mitjä
I. Kusjma Ssamssonoff
Dmitrij Fedorowitsch, dem Gruschenka „vor ihrem Flug ins neue Leben“ als letzten Gruß zu überbringen befohlen hatte, daß er „ewig dieses Stündchens ihrer Liebe“ gedenken solle, war zur selben Zeit, ohne von ihrem Vorhaben etwas zu ahnen, gleichfalls in großer Unruhe und Sorge. In den zwei letzten Tagen hatte er sich in einem unbeschreiblichen Zustande befunden, so daß es tatsächlich zu der „Gehirnentzündung“ hätte kommen können, an die er in manchen Augenblicken schon fest glaubte. Am Tage vorher hatte Aljoscha ihn vergeblich gesucht, und auch Iwan hatte ihn vergeblich im Gasthaus erwartet. Mitjäs Hauswirte verheimlichten auf seinen Befehl alles, was sich auf ihn bezog. Er aber trieb sich in diesen zwei Tagen überall herum. Er „kämpfte mit seinem Schicksal, um sich zu retten“, wie er sich später ausdrückte. Er verließ in einer dringenden Angelegenheit sogar die Stadt, obgleich es ihm schrecklich war, Gruschenka auch nur eine Stunde außer Aufsicht lassen zu müssen. Ich will nur die notwendigsten Tatsachen aus der Geschichte dieser Tage angeben; es waren dies die beiden letzten Tage vor jener furchtbaren Katastrophe, die so entscheidend in sein Leben eingreifen sollte.
Wenn es auch wahr ist, daß Gruschenka ihn ein Stündchen lang aufrichtig geliebt hatte, so hatte sie ihn doch zu gleicher Zeit wahrhaft grausam und schonungslos gequält; die größte Qual bestand aber für ihn darin, daß er ihre Absichten nicht erraten konnte. Sie im Guten oder mit Gewalt zu etwas zu bewegen, war gleichfalls unmöglich: sie hätte sich ihm auf diese Weise niemals ergeben, und sich, vielleicht auf immer erzürnt, ganz von ihm abgewandt, – das begriff er damals nur zu gut. Dabei fühlte er ganz richtig, daß sie sich selbst in einem Kampf, in einer seltsamen Unentschlossenheit befand, daß sie sich zu etwas entschließen wollte und doch nicht konnte – und darum ahnte er ganz mit Recht, und sein Herz stand ihm still bei diesem Gedanken, daß Gruschenka in manchen Augenblicken ihn und seine Leidenschaft geradezu hassen mußte. So war es denn auch. Warum jedoch Gruschenka trauerte, das konnte er nicht verstehen. Er glaubte, es handele sich für sie nur um die Frage, für wen sie sich entschließen sollte: für ihn, Mitjä, oder für Fedor Pawlowitsch. Hier muß noch auf eine auffallende Tatsache hingewiesen werden: Mitjä war fest überzeugt, daß Fedor Pawlowitsch durchaus Gruschenka eine rechtmäßige Ehe antragen werde (wenn er es nicht schon getan hatte), und glaubte keine Minute daran, daß der alte Wollüstling im Ernst nur mit dreitausend Rubeln davonzukommen hoffte. Darum konnte ihm aber auch zuzeiten scheinen, daß alle Qual Gruschenkas und ihre ganze Unentschlossenheit nur davon herrühre, daß sie nicht wußte, wen von beiden sie wählen sollte, und wer von ihnen für sie vorteilhafter sei. Sonderbar war nur, daß er die bevorstehende Rückkehr „des Offiziers“, jenes in Gruschenkas Leben so bedeutungsvollen Menschen, den sie mit solcher Aufregung und Furcht erwartete, überhaupt nicht beachtete und in diesen Tagen nicht einmal an ihn dachte. Auch Gruschenka hatte in den letzten Tagen ganz darüber geschwiegen. Indessen wußte er davon: Gruschenka selbst hatte ihm vor einem Monat von diesem Brief erzählt, und zum Teil war ihm sogar der Inhalt des Schreibens bekannt. Damals hatte Gruschenka in einem Augenblick gereizter Bosheit Mitjä diesen Brief gezeigt. Doch zu ihrer Verwunderung hatte diese Nachricht schon damals auf ihn fast überhaupt keinen Eindruck gemacht. Warum sie es nicht tat, ist sehr schwer zu erklären: vielleicht einfach darum nicht, weil Mitjä, der durch den schrecklichen Kampf mit seinem leiblichen Vater um dieses Weib niedergedrückt war, sich nichts Gefährlicheres und Schrecklicheres, als was er bereits vor Augen hatte, mehr vorstellen konnte. An einen Bräutigam, der plötzlich nach fünfjähriger Abwesenheit wieder auftauchte, konnte er einfach nicht glauben, und besonders daran nicht, daß der Betreffende nun bald tatsächlich erscheinen sollte. Außerdem war im ersten Brief dieses „Offiziers“, den Gruschenka Mitjä gezeigt hatte, die Ankunft desselben nur ganz unbestimmt angedeutet gewesen. Der Brief war sehr unklar, sehr hochtrabend verfaßt, und hatte eigentlich nichts anderes enthalten, als verschnörkelte Redewendungen. Ich muß dazu bemerken, daß Gruschenka die letzten Zeilen des Briefes, in denen etwas Bestimmteres über seine Wiederkehr gesagt war, verheimlicht hatte. Außerdem erinnerte sich Mitjä noch später, daß auf Gruschenkas Gesicht sich unwillkürlich stolze Verachtung ob dieser Nachricht aus Sibirien ausgedrückt hatte – wenigstens glaubte er so etwas damals bemerkt zu haben. Auch hatte ihm Gruschenka von ihren näheren Beziehungen zu diesem neuen Nebenbuhler nichts mitgeteilt. Auf diese Weise vergaß er denn den Offizier allmählich vollständig. Er dachte nur daran, daß es, wie die Sache sich auch wenden sollte, doch unvermeidlich, und zwar sehr bald, zu einem entscheidenden Zusammenstoß zwischen Fedor Pawlowitsch und ihm kommen werde, und da von diesem Zusammenstoß zweifellos Gruschenkas Entscheidung abhing, so ersehnte er ihn ebenso ungeduldig, wie er ihn fürchtete. So erwartete er denn in unerträglicher Qual jeden Augenblick den Entschluß Gruschenkas, und glaubte immer noch, daß er ganz plötzlich und in höherer Eingebung erfolgen werde. – Vielleicht würde sie ihm plötzlich sagen: „Nimm mich, ich gehöre dir auf ewig,“ und alles hätte dann ein Ende. Er würde sie dann nehmen und sofort ans andere Ende der Welt bringen. Oh, so weit, so weit als möglich würde er sie fortbringen, wenn auch nicht ans Ende der Welt, so doch mindestens ans andere Ende Rußlands. Er würde sich dort unverzüglich mit ihr trauen lassen und sich ungekannt und ungenannt ansiedeln, so daß niemand etwas von ihnen wußte, weder hier, noch dort, noch sonstwo. Dann, oh, dann, beginnt sofort ein neues Leben! Von diesem anderen, erneuten und unbedingt „tugendhaften“ Leben („durchaus, durchaus tugendhaft!“) träumte er ununterbrochen und wie in Verzückung. Er sehnte sich nach solcher Auferstehung und nach jenem neuen Leben. In diesem „unreinen Pfuhl“, in den er durch seinen eigenen Willen geraten war, ekelte es ihn dermaßen, daß er, wie sehr viele in solchen Fällen, mit der Veränderung des Wohnortes alles zu verändern glaubte. Nur nicht diese Menschen, nur nicht diese Verhältnisse, nur fort von diesem verfluchten Ort und – alles wird wiedergeboren werden, alles wird von neuem beginnen! Daran glaubte er unerschütterlich, und das war es, wonach er sich sehnte.
Aber dies alles war nur im Falle einer glücklichen Lösung des ganzen Gruschenka-Problems möglich. Es konnte aber auch eine andere, eine schreckliche Lösung bevorstehen. Wie, wenn sie ihm plötzlich sagte: „Geh fort, ich habe mich soeben für Fedor Pawlowitsch entschieden, ich werde ihn heiraten, dich habe ich nicht nötig.“ Was dann? ... Mitjä wußte übrigens nicht, was dann sein werde, bis zur letzten Stunde wußte er es nicht, das muß zu seiner Verteidigung gesagt sein. Irgendwelche bestimmte Absichten hatte er nicht, an ein Verbrechen dachte er auch nicht. Er ließ sie nur nicht aus den Augen; er spionierte und quälte sich, oder aber – er bereitete sich auf den glücklichen Ausgang vor. Jeden anderen Gedanken verscheuchte er ganz. Und nun kam für ihn noch eine neue Qual hinzu: es erhob sich eine neue, nebensächlichere, doch gleichfalls verhängnisvolle Sorge.
Wenn sie ihm nämlich sagte: „Ich bin dein, bringe mich fort von hier,“ wie sollte er sie dann fortbringen? Wo hatte er die Mittel dazu, das Geld? Gerade in diesen Tagen waren seine Einkünfte, die aus den Abzahlungen Fedor Pawlowitschs bestanden, und die er ununterbrochen im Laufe so vieler Jahre erhalten hatte, völlig versiegt. Allerdings hatte ja Gruschenka Geld, aber Mitjä war in dieser Hinsicht mehr als stolz. Mit seinen eigenen Mitteln wollte er sie fortführen und das neue Leben beginnen, nicht mit ihren. Er vermochte sich nicht einmal vorzustellen, daß er von ihr Geld annehmen könnte, und litt bei dem Gedanken die schrecklichsten Qualen. Über diesen wunden Punkt werde ich mich weiter nicht verbreiten und ihn auch nicht weiter untersuchen; ich will nur gesagt haben, welcher Art seine Seelenverfassung in diesen Tagen war. Vielleicht kam sie, ohne daß er sich dessen bewußt wurde, von den Qualen seiner geheimen Gewissensbisse um das entwendete Geld Katerina Iwanownas her. In den Augen der einen bin ich schon ein Schuft, soll ich es auch noch in den Augen der anderen werden? dachte er damals, wie er selbst später gestand. „Ja, wenn Gruschenka das erfährt, so wird sie nichts von einem solchen Schufte wissen wollen. Woher aber nun die Mittel nehmen, wie sich dieses verhängnisvolle Geld verschaffen? Nichts wird zustandekommen, alles werde ich verlieren, und einzig und allein darum, weil ich kein Geld habe! Oh, Schmach!“
Ich muß hier vorgreifen: Das war es ja, daß er vielleicht wußte, wo dieses Geld zu haben war, vielleicht sogar wußte, wo es lag! Ausführlicheres darüber werde ich dieses Mal noch nicht sagen, das wird sich später von selbst ergeben. Doch worin sein Hauptunglück bestand, darüber will ich, wenn er sich auch der Ursache desselben nicht ganz bewußt war, wenigstens meine Meinung äußern. Um diese irgendwo liegenden Mittel nehmen zu können, um _das Recht zu haben_, sie zu nehmen, war es unbedingt nötig, die Dreitausend Katerina Iwanowna zurückzuerstatten, – „sonst bin ich ein Taschendieb, ein Schuft, und mein neues Leben will ich nicht als Schuft beginnen.“ Das waren Mitjäs Gefühle, und darum beschloß er auch, wenn es sein müßte, die ganze Welt umzudrehen, doch diese Dreitausend Katerina Iwanowna unter allen Umständen zurückzugeben, was es auch koste. Den endgültigen Entschluß faßte er erst in den letzten Stunden, nämlich nach seinem letzten Gespräch mit Aljoscha, am Abend auf dem Wege zum Kloster, nachdem Gruschenka Katerina Iwanowna beleidigt hatte. Mitjä hatte nach der Erzählung Aljoschas sofort eingesehen, daß er wirklich als „Schuft“ gehandelt hatte, und befohlen, Katerina Iwanowna zu sagen, daß er die Bezeichnung annehme, „wenn das sie trösten könne“. Als er in dieser Nacht vom Bruder fortgegangen war, hatte er sich in seiner Verzweiflung gesagt, daß es für ihn besser wäre, „jemanden zu erschlagen, zu berauben, doch unbedingt die Schuld an Katjä zu tilgen“. „Mag ich lieber vor dem Toten und Geplünderten als Mörder und Dieb dastehen, und vor allen Menschen, – lieber will ich nach Sibirien geschickt werden, als daß ich Katjä das Recht gebe, von mir zu sagen, daß ich sie betrogen, ihr Geld gestohlen, und daß ich mit ihrem Geld Gruschenka entführt und ein neues Leben begonnen habe! Das kann ich nicht ertragen!“ So dachte Mitjä wutknirschend und glaubte, wie erwähnt, nicht ohne Grund, daß es zu jener „Gehirnentzündung“ kommen werde. Einstweilen aber kämpfte er noch ...
Sonderbar: schien es doch, daß ihm bei einem solchen Entschluß außer Verzweiflung nichts anderes übrigblieb; denn wo sollte er plötzlich dieses Geld hernehmen, ein Hungerleider wie er? Trotzdem aber glaubte und hoffte er bis zum Schluß, hoffte er die ganze Zeit über, daß er diese Dreitausend erhalten werde, daß sie, wenn nichts anders, ihm vom Himmel in den Schoß fallen würden. So aber ergeht es allen, die, wie Dmitrij Fedorowitsch, in ihrem Leben nur Geld verausgabt und ein durch Erbschaft und ohne Mühe erhaltenes Geld verschwendet haben, davon aber, wie man Geld verdient, sich überhaupt keine Vorstellung machen können.
Nachdem er Aljoscha damals verlassen hatte, waren ihm die phantastischsten Gedanken wie ein Sturmwind durch den Kopf gezogen. So kam es denn, daß er mit dem allerunglaublichsten Unternehmen anfing. Ja, es kommt vor, daß solchen Leuten in solcher Lage die phantastischsten Unternehmungen gerade die möglichsten scheinen. Er entschloß sich plötzlich, zum Kaufmann Ssamssonoff, dem Protektor Gruschenkas, zu gehen, und ihm einen Plan vorzulegen, um sich auf diese Weise sofort das nötige Geld zu verschaffen. Den kommerziellen Wert seines Projektes bezweifelte er nicht im mindesten. Was ihn peinlich beschäftigte, war viel mehr die eine Frage: wie der alte Ssamssonoff diesen Schritt aufnehmen werde, wenn er ihn nicht ausschließlich von der kommerziellen Seite betrachten sollte. Mitjä kannte diesen Kaufmann nur dem Ansehen nach: bekannt mit ihm war er nicht, noch nie hatte er mit ihm gesprochen. In Mitjä jedoch hatte sich schon lange die Überzeugung festgesetzt, daß dieser alte Wollüstling, dessen Stunden bereits gezählt waren, nichts dagegen haben würde, wenn Gruschenka einen „zuverlässigen Menschen“ heiraten wollte, ja, daß er sogar selbst wünschen werde, ihr dazu zu verhelfen, besonders wenn sich eine so gute Gelegenheit bot. Nach dem Hörensagen oder aus einigen Worten Gruschenkas entnahm er wohl, daß der Alte für Gruschenka Fedor Pawlowitsch vorgezogen hätte. Vielleicht werden viele Leser meiner Erzählung diese Hoffnung Mitjäs auf eine solche Hilfe und die Absicht, die Braut gewissermaßen aus den Händen ihres früheren Beschützers zu empfangen, sehr wenig feinfühlig von Dmitrij Fedorowitsch finden. Ich kann dazu nur eines bemerken: daß die Vergangenheit Gruschenkas von ihm als etwas ganz Abgetanes angesehen wurde. Er sah auf diese Vergangenheit mit unendlichem Mitleid, und in der Glut seiner Leidenschaft glaubte er, daß von dem Augenblick an, wenn Gruschenka ihm sagen werde, daß sie ihn liebe und mit ihm gehen wolle, sofort eine andere Gruschenka und er zusammen mit ihr gleichfalls ein anderer Dmitrij Fedorowitsch sein würde, ohne alle Laster und nur noch mit Tugenden begabt; beide würden sie einander alles vergeben und ihr Leben ganz von neuem beginnen. Was aber Kusjma Ssamssonoff anbelangt, so zählte er ihn zu den „verhängnisvollen“ Menschen in Gruschenkas früherem verunglückten Leben, den sie indessen nie geliebt hatte, und der – und dies war die Hauptsache – auch schon „Vergangenheit“ war, so daß er für ihn überhaupt nicht mehr da zu sein schien. Und außerdem konnte ihn Mitjä jetzt auch gar nicht mehr für einen Mann halten: wußte doch jedermann in der Stadt, daß die Beziehungen dieser „Ruine“ zu Gruschenka nur noch väterlicher Art und durchaus nicht mehr die von früher waren, und zwar schon lange nicht mehr, fast schon seit einem Jahr. Jedenfalls war von seiten Mitjäs viel Herzenseinfalt dabei, denn bei all seinen Lastern war er doch ein gutmütiger Mensch. Infolge dieser Herzenseinfalt war er denn auch unter anderem fest überzeugt, daß der alte Kusjma, jetzt, da er sich vorbereitete, in die andere Welt abzugehen, aufrichtige Reue wegen seiner Vergangenheit mit Gruschenka empfände, und daß Gruschenka nun keinen besseren Gönner, noch zuverlässigeren Freund haben könnte als gerade diesen harmlos gewordenen Alten.