Part 49
„Schweig, Rakitka, du verstehst nichts von uns! und wage es nicht, mich _Du_ zu nennen, ich erlaube es dir nicht, – seit wann hast du dir diese Frechheit überhaupt herausgenommen? Sitz in der Ecke und schweige, du bist mein Lakai! Aber dir, Aljoscha, werde ich jetzt über mich die lautere Wahrheit sagen, damit du weißt, was für ein niedriges Geschöpf ich bin! Nicht Rakitka, sondern dir werde ich es sagen. Ich wollte dich verderben, Aljoscha, das ist die ganze Wahrheit; so sehr wollte ich es, daß ich Rakitka mit Geld bestach, damit er dich herbrächte. Und weißt du, warum ich das so sehr wollte? Du, Aljoscha, wußtest nichts davon, du wandtest dich von mir ab oder senktest die Augen, wenn du an mir vorübergingst, ich aber schaute dir nach und fing an, alle über dich auszufragen. Dein Gesicht aber behielt ich in meinem Herzen: ‚Er verachtet mich, er will mich nicht einmal ansehen,‘ dachte ich. Und es überkam mich zuletzt ein Gefühl, über das ich mich selbst wunderte. Warum fürchtete ich so einen kleinen Knaben? Ach was, ich werde ihn einfach – verschlingen und ihn dann nachher auslachen. Ich wurde zuletzt ganz wütend. Glaubst du, niemand hier wagt zu sagen, daß man Agrafena Alexandrowna mit schlechten Absichten kommen darf; ich habe dort meinen Alten, an ihn bin ich auf ewig gebunden und verkauft; der Satan hat uns getraut, aber sonst – niemand! Als ich dich aber sah, entschloß ich mich – dich zu verschlingen. Und so verschlinge ich dich denn und werde dich hinterher auslachen. Siehst du, was für ein wildes Tier ich bin, ich, die du deine Schwester genannt hast! Siehst du, und jetzt ist mein Verführer gekommen, der mich entehrt hat; ich sitze jetzt hier und erwarte von ihm eine Nachricht. Weißt du aber auch, was jener für mich bedeutet? Fünf Jahre sind jetzt vergangen, vor fünf Jahren brachte mich Kusjma her, – und so lebte ich denn hier und versteckte mich vor allen Leuten, damit sie mich nicht sahen und nichts von mir hörten; ein mageres, dummes Kleines war ich! Da saß ich nun und weinte, und schlief die Nächte nicht und dachte: Wo mag er jetzt sein, mein Verführer? Er lacht jetzt vielleicht mit der anderen über mich! Wenn ich ihn doch nur einmal sehen, ihm begegnen könnte! Dann würde ich es ihm aber heimzahlen, ja, dann würde ich es ihm bezahlen! In der Nacht, in der Dunkelheit schluchzte ich in meine Kissen hinein und dachte unablässig daran, zerriß mein Herz und tränkte es mit verzweifelter Wut: ‚Ich werde es ihm bezahlen, ich werde es ihm schon bezahlen!‘ So war es, so schrie ich in die Nacht hinein. Ja, wenn ich mir das plötzlich vorstellte, daß ich ihm nichts würde antun können, und daß er jetzt vielleicht über mich lacht oder aber überhaupt nicht mehr an mich denkt und mich ganz vergessen hat, so warf ich mich aus dem Bett auf den Fußboden und schüttelte mich und wälzte mich vor ohnmächtiger Wut und vor ohnmächtigen Tränen! Am nächsten Morgen stehe ich auf wie ein wütendes Tier; ich wäre froh gewesen, die ganze Welt verschlingen zu können. Darauf, was denkst du wohl, habe ich angefangen mir ein Kapital zusammen zu scharren, ich wurde unbarmherzig und gleichgültig gegen alles, mein Körper nahm zu und wurde schön – glaubst du aber, daß ich auch an Vernunft zunahm? Haha! Niemand auf der ganzen Welt weiß oder sieht was von mir! Und wenn die nächtliche Dunkelheit wieder anbricht, so liege ich, wie dasselbe kleine, dumme Mädchen vor fünf Jahren, auf meinem Bett und knirsche mit meinen Zähnen und weine die ganze Nacht: ‚Ich werde ihn schon, ich werde ihn schon ...!‘ denke ich dann wieder. Hast du jetzt alles gehört? Nun, wirst du mich aber jetzt verstehen, wenn ich dir sage, daß mir, als ich vor einem Monat plötzlich von ihm einen Brief erhielt, mit der Nachricht, daß er kommt, daß er Witwer ist und mich wiedersehen möchte –, daß mir da der Atem stehen blieb! Herrgott, denke ich da plötzlich: also er kommt und pfeift mir zu, ruft mich, und ich krieche wieder zu ihm wie ein geschlagenes Hündchen, das sich schuldig fühlt! So denke ich bei mir und traue mir selbst nicht: ‚Bin ich niedrig, oder bin ich nicht so niedrig, werde ich zu ihm laufen, oder werde ich nicht zu ihm laufen?‘ Und es packte mich eine Wut auf mich selbst, die mich den ganzen Monat nicht verließ, schlimmer noch als vor fünf Jahren. Siehst du jetzt, Aljoscha, was ich für eine Wütende, Rasende bin?! Die ganze Wahrheit habe ich dir soeben gesagt. Mit Mitjä habe ich mich amüsiert, um nicht an jenen zu denken. Schweig, Rakitka, du hast nicht über mich zu urteilen, dir habe ich es nicht erzählt. Ich lag jetzt hier, bevor ihr kamt, wartete und dachte – und beschloß mein Schicksal, und niemals werdet ihr erfahren, was in meinem Herzen vorging. Nein, Aljoscha, sage deinem Fräulein, daß sie mir wegen vorgestern nicht böse sein soll! ... Niemand auf der ganzen Welt weiß, was in mir jetzt vorgeht, und wer soll es denn auch wissen! ... Vielleicht nehme ich ein Messer mit, wer kann es wissen ...“
Als Gruschenka das ausgesprochen hatte, konnte sie nicht mehr an sich halten: sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, warf sich auf den Diwan in die Kissen und weinte wie ein kleines Kind. Aljoscha erhob sich von seinem Platz und ging zu Rakitin.
„Mischa,“ sagte er, „sei nicht böse. Du bist von ihr beleidigt worden, sei aber nicht böse. Hast du gehört, was sie gesagt hat? Man kann von der Seele des Menschen nicht zu viel verlangen, man muß barmherziger sein.“
Aljoscha kamen diese Worte ganz von selbst über die Lippen. Er mußte seinem Herzen Luft machen, und darum wandte er sich an Rakitin. Wenn Rakitin auch nicht dagewesen wäre, so hätte er sie trotzdem ausgerufen. Rakitin sah ihn aber spöttisch an, und Aljoscha verstummte.
„Du bist heute mit deinem Staretz geladen, und jetzt schießest du ihn auf mich ab, du Gottesknecht Aljoschetschka!“ sagte Rakitin mit haßerfülltem Lächeln.
„Spotte nicht, Rakitin, lache nicht so und sprich nicht vom Verstorbenen: Er war höher als alle auf der Welt!“ rief Aljoscha mit unsicherer Stimme. „Ich habe nicht als Richter zu dir gesprochen, sondern als der erste, der gerichtet werden muß. Was bin ich vor ihr? Ich kam hierher, um ins Verderben zu gehen, und sagte mir: ‚Meinetwegen, meinetwegen, mir soll’s recht sein!‘ so kleinmütig war ich. Sie aber hat nach fünf Jahren Qual, nur weil irgend jemand kam und ihr ein aufrichtiges Wort sagte – alles verziehen, alles vergessen, und weint! Ihr Beleidiger ist zurückgekehrt und ruft sie, und sie verzeiht ihm alles, eilt freudig zu ihm und wird das Messer nicht mitnehmen, nein, wird es nicht mitnehmen! Ich bin nicht so. Ich weiß nicht, ob du auch so bist, Mischa, aber ich bin nicht so. Ich habe soeben eine Lehre von ihr erhalten ... Sie ist in ihrer Liebe größer als wir ... Hast du auch früher schon dasselbe von ihr gehört, was sie soeben gesagt hat? Nein, du hast es nicht gehört; wenn du es gehört hättest, so hättest du schon längst alles verstanden ... auch die andere Beleidigte würde ihr vergeben. Und sie wird ihr vergeben, sobald sie es nur erfährt ... und sie wird es erfahren ... Diese Seele ist noch nicht zur Ruhe gekommen ... man muß sie schonen ... in ihrer Seele könnte ein Schatz ...“
Aljoscha verstummte, atemlos. Rakitin sah ihn trotz seiner Wut verwundert an. Niemals hätte er von dem stillen Aljoscha eine solche Rede erwartet.
„Du entpuppst dich ja als großer Advokat! Hast dich wohl in sie verliebt, wie? Agrafena Alexandrowna, unser Faster hat sich direktement in dich verliebt, du hast ihn besiegt!“ schrie er mit frechem Lachen.
Gruschenka erhob ihren Kopf aus den Kissen und sah Aljoscha mit einem gerührten Lächeln an, das ihr tränengeschwollenes Gesicht erhellte.
„Laß ihn, Aljoscha, mein Cherub, siehst du, wie er ist, du hast dich an den Rechten gewandt. Ich, Michail Ossipowitsch,“ sagte sie zu Rakitin, „wollte dich um Verzeihung bitten, weil ich dich gekränkt habe, aber jetzt will ich es nicht mehr tun. Aljoscha, komm zu mir, setz dich neben mich,“ rief sie ihn mit glücklichem Lächeln zu sich. „Sieh, so, setze dich her, sage du mir“ (sie ergriff seine Hand und sah ihm lächelnd ins Gesicht). „Sage du mir: Liebe ich ihn, oder liebe ich ihn nicht? Meinen Beleidiger, meine ich, liebe ich ihn, oder liebe ich ihn nicht? Ich lag hier, bevor ihr kamt, allein in der Dunkelheit und fragte mein Herz: Liebe ich ihn, oder liebe ich ihn nicht? Entscheide du, Aljoscha, jetzt ist es Zeit, wie du bestimmst, so wird es geschehen. Soll ich ihm vergeben, oder soll ich ihm nicht vergeben?“
„Du hast ihm doch schon vergeben,“ sagte Aljoscha lächelnd.
„Ja, sofort habe ich ihm vergeben,“ entgegnete Gruschenka nachdenklich. „Was für ein niedriges Herz! Ich trinke auf mein niedriges Herz!“ Sie ergriff ein Glas, leerte es bis auf den Grund, hob es in die Höh und warf es mit Wucht zu Boden. Die Scherben klirrten. Ihr Lächeln war grausam in diesem Augenblick.
„Vielleicht habe ich ihm aber doch noch nicht vergeben!“ sagte sie drohend wie zu sich selbst, und ihr Blick haftete am Boden. „Vielleicht hat mein Herz erst angefangen zu verzeihen. Ich kämpfe ja noch mit meinem Herzen. Ich, siehst du, Aljoscha, ich habe die Tränen meiner fünfjährigen Qual liebgewonnen ... Vielleicht liebe ich nur mein Leid, meine Kränkung, und liebe _ihn_ überhaupt nicht!“
„Na, ich möchte jetzt nicht in seiner Haut stecken!“ meinte Rakitin.
„Und wirst auch nie in seiner Haut stecken, Rakitka, nie! Du wirst mir die Stiefel putzen, Rakitka, dazu kann ich dich gebrauchen, aber solch eine wie ich wirst du niemals zu sehen bekommen ... Ja, und vielleicht auch er nicht ...“
„Er? Warum hast du dich denn so aufgeputzt?“ neckte schadenfroh Rakitin.
„Wirf mir nicht den Putz vor, Rakitka, du kennst mein Herz noch nicht! Wenn ich will, so zerreiße ich ihn, sofort zerreiße ich ihn, in dieser Minute!“ rief sie laut. „Du weißt noch nicht, wozu diese Toilette dienen soll, Rakitka! Vielleicht nur, um zu ihm zu gehen und ihm zu sagen: ‚Hast du mich schon so gesehen oder noch nicht?‘ Er hat mich doch als siebzehnjähriges, mageres und abgezehrtes Ding verlassen. Da werde ich mich zu ihm setzen, ihn berücken und anfachen: ‚Hast du gesehen, wie ich jetzt bin,‘ werde ich ihm sagen, ‚nun, und dabei bleibt es, mein werter Herr, kannst dir die Lippen lecken, mehr gibt es nicht!‘ siehst du, wozu diese Toilette noch dienen kann, Rakitka,“ schloß Gruschenka mit bösem Lachen. „Ich bin ein wütendes, ein schlechtes Geschöpf, Aljoscha. Wenn ich will, so zerreiße ich meinen Putz in Fetzen, verstümmle ich meine Schönheit, verbrenne mir das Gesicht und zerschneide es mit dem Messer und gehe betteln. Wenn ich will, so gehe ich jetzt nirgendwohin und zu niemandem und schicke morgen Kusjma alles zurück, was er mir geschenkt hat, all sein Geld, und gehe hin, um mein ganzes Leben lang Tagelöhnerin zu sein! ... Du denkst wohl, daß ich es nicht tun würde, Rakitka, nicht wagen würde, das zu tun? Ich werde es tun, werde es tun, sofort werde ich es tun, reizt mich nur nicht ... ihn aber werde ich fortjagen, dem will ich ... der soll mich nicht zu sehen bekommen!“
Die letzten Worte rief sie außer sich. Wieder konnte sie sich nicht beherrschen. Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, warf sich in die Kissen und schüttelte sich vor Schluchzen. Rakitin erhob sich von seinem Platz:
„Es ist Zeit,“ sagte er, „es ist schon spät, man wird uns nicht mehr ins Kloster einlassen.“
Gruschenka sprang sofort auf.
„Ist es möglich, daß du schon fortgehn willst, Aljoscha!“ fragte sie in trauriger Bestürzung: „Was hast du jetzt aus mir gemacht? Du hast alles in mir wachgerufen, hast mein Herz zerrissen und nun – wieder diese Nacht, in der ich allein bleiben muß!“
„Er kann doch nicht bei dir nächtigen? Doch wenn du es willst – meinetwegen! Ich werde dann allein fortgehen,“ witzelte Rakitin wieder in seiner häßlichen Weise.
„Schweig, du böse Seele,“ schrie Gruschenka wütend, „niemals hast du mir solche Worte gesagt, wie Aljoscha sie heute zu mir gesprochen hat!“
„Was hat er dir denn gesagt?“ erkundigte sich Rakitin gereizt.
„Ich weiß nicht mehr was, ich kann dir nicht sagen, was er mir gesagt hat, aber mein Herz hat es gefühlt, er hat mir mein Herz um- und umgekehrt ... Er hat mit mir als erster und einziger Mitleid gehabt, siehst du, das ist es! Warum bist du, mein Schutzengel, nicht früher zu mir gekommen!“ Sie fiel wie außer sich vor ihm auf die Knie nieder. „Ich habe mein ganzes Leben lang solch einen wie dich erwartet, gerade daß so einer wie du kommen und mir alles verzeihen werde! Und ich habe geglaubt, daß irgend jemand auch mich lieben wird, mich Schlechte, und nicht nur um den Preis meiner Schande ...“
„Was habe ich dir denn Gutes getan?“ fragte Aljoscha gerührt lächelnd, beugte sich zu ihr nieder und erfaßte ihre beiden Hände: „Nur ein Zwiebelchen habe ich dir gegeben, nur ein kleines Zwiebelchen, und nur das, nur, nur das! ...“
Und als er das gesagt hatte, rollten ihm selbst die Tränen über die Wangen. In diesem Augenblick hörte man im Flur ein Geräusch: jemand trat ins Vorzimmer ein; Gruschenka sprang auf vor Schreck. Fenjä stürzte mit Lärm und Geschrei ins Zimmer.
„Herrin, Täubchen, der Bote ist angekommen!“ rief sie freudig. „Ein Wagen aus Mokroje ist gekommen, Timofeij mit einer Troika, sofort werden die Pferde gewechselt ... Ein Brief, ein Brief, hier ist der Brief!“
Sie hielt den Brief in der Hand und schwenkte ihn die ganze Zeit in der Luft. Gruschenka riß ihr den Brief aus der Hand und trat zum Licht. Es war nur ein Zettelchen, einige Zeilen; in einem Augenblick hatte sie es gelesen.
„Er ruft mich!“ sagte sie erbleichend, und ihr Gesicht verzerrte sich zu einem schmerzlichen Lächeln, „er pfeift! Nun, kriech heran, Hündchen!“
Doch nur einen Augenblick stand sie unentschlossen da; plötzlich stieg ihr das Blut in die Wangen, und ihre Augen flackerten auf.
„Ich gehe!“ rief sie plötzlich aus. „Meine fünf Jahre! Lebt wohl! Leb wohl, Aljoscha, mein Schicksal ist entschieden ... Fort mit euch, fort, alle, damit ich euch nicht mehr sehe! ... Gruschenka beginnt ihren Flug ins neue Leben ... Auch du, Rakitka, gedenke meiner im guten. Vielleicht gehe ich in den Tod! Ich bin ja wie betrunken!“
Sie verließ sie plötzlich und lief in ihr Schlafzimmer.
„Nun, jetzt hat sie keine Zeit mehr für uns,“ brummte Rakitin. „Gehen wir, sonst beginnt womöglich wieder dieses Weibergeschrei. Diese hysterischen Tränen sind mir schon zum Ekel geworden ...“
Aljoscha ließ sich mechanisch hinausführen. Auf dem Hof stand ein Wagen: man spannte die Pferde aus, machte sich geschäftig am Wagen zu tun, eine Laterne wurde hin und her getragen. Durch das offene Hoftor wurden gerade die neuen drei Pferde gebracht. Kaum aber waren Aljoscha und Rakitin auf die Treppe hinausgetreten, als sich Gruschenkas Schlafzimmerfenster öffnete, und sie mit heller Stimme Aljoscha nachrief:
„Aljoschetschka, grüße deinen Bruder Mitjenka, und bitte ihn, daß er meiner nicht im bösen gedenke. Thu’s mit diesen Worten: ‚Ein Schuft hat Gruschenka bekommen, und nicht du hast sie bekommen, der Edelste von allen!‘ Ja, und füge auch noch hinzu, daß ihn Gruschenka ein Stündchen lang geliebt hat, im ganzen vielleicht ein Stündchen lang geliebt – und daß er sich dieses Stündchen sein ganzes Leben lang erinnern soll, so habe Gruschenka gesagt ... sein ganzes Leben lang! ...“
Ihre Stimme ging in Schluchzen über. Das Fenster wurde zugeschlagen.
„Hm, hm!“ brummte Rakitin und lachte dann laut auf. – „Deinem Bruder Mitjenka hat sie den Todesstoß versetzt, und jetzt befiehlt sie ihm noch dazu, sein ganzes Leben lang daran zu denken! Ist das aber eine Bestie!“
Aljoscha antwortete nichts darauf. Es war, als ob er es gar nicht gehört hätte. Er ging schnell neben Rakitin her, wie wenn er Eile hatte. Er war in tiefes Nachdenken versunken und ging ganz mechanisch. Rakitin fühlte plötzlich einen fast körperlichen Schmerz in seinem Innern, als wenn an ihm eine frische Wunde berührt worden wäre. Er hatte etwas ganz anderes vorhin erwartet, als er Aljoscha zu Gruschenka führte; und nun hatte sich dieses so ganz Unerwartete ereignet. Nein, nicht das hatte er gewünscht!
„Ihr Offizier ist ein Pole,“ sagte er schließlich, da er nicht mehr an sich halten konnte, „und jetzt ist er nicht einmal mehr Offizier, sondern bloß ein Zollbeamter, hat in Sibirien gedient, irgendwo dort an der chinesischen Grenze. Ein jämmerliches, kränkliches Kerlchen scheint es zu sein. Hat seine Stelle verloren, sagt man ... Er hat gehört, daß Gruschenka ein Kapital haben soll, nun, und da ist er denn zurückgekehrt. Das ist das ganze Wunder.“
Aljoscha schien wieder nicht zuzuhören. Rakitin fuhr fort:
„Nun, was, hast du eine Sünderin bekehrt?“ fragte er boshaft lachend. „Eine Verirrte auf den Weg der Wahrheit geführt? Die sieben Teufel ausgetrieben etwa? Da haben sich ja eure erwarteten Wunder erfüllt!“
„Hör auf, Rakitin,“ unterbrach ihn Aljoscha gequält.
„Jetzt verachtest du mich wohl wegen der fünfundzwanzig Rubel? Habe sozusagen den Freund verkauft ... Du bist aber doch nicht Christus, und ich nicht Judas ...“
„Ach, Rakitin, ich versichere dir, ich hatte das schon ganz vergessen,“ sagte Aljoscha, „du hast mich jetzt selbst daran erinnert ...“
Da aber wurde Rakitin grob vor Wut.
„Hol euch alle und einen jeden der Teufel!“ brüllte er. „Zum Teufel, warum habe ich mich mit dir abgegeben! Möchte dich von Stund an nicht mehr kennen! Geh allein ins Kloster, dorthin gehörst du!“
Und er kehrte sich auf dem Hacken um und bog in eine andere Straße ein. Aljoscha blieb in der Dunkelheit allein stehen. Er trat aus der Stadt hinaus und ging übers Feld auf das Kloster zu.
IV. Die Hochzeit zu Kana in Galiläa
Nach der Klosterregel war es sehr spät, als Aljoscha bei der Einsiedelei anlangte; der Pförtner ließ ihn auf einem besonderen Wege ein. Es hatte schon neun Uhr geschlagen, die Stunde der Ruhe und Erholung nach einem für alle so aufregenden Tage. Schüchtern öffnete Aljoscha die Tür und trat in die Zelle des Staretz, wo jetzt sein Sarg stand. Außer Pater Paissij, der einsam am Sarge die Evangelien las, und dem jungen Novizen Porfirij, der, müde von der gestrigen nächtlichen Unterhaltung und von den heutigen Aufregungen, im anderen Zimmer auf dem Fußboden in festem, jugendlichem Schlafe lag, war niemand in der Zelle. Pater Paissij hatte wohl gehört, daß Aljoscha eingetreten war, doch blickte er nicht einmal auf. Aljoscha ging von der Tür rechts in die Ecke, kniete nieder und fing an zu beten. Seine Seele war übervoll, aber es waren nur trübe, unklare Empfindungen in ihm, von denen keine sich klärte, sondern die eine verdrängte die andere, wie in stillem, gleichmäßigem Kreislauf. Im Herzen aber war ihm süß und sonderbar zumute, und er wunderte sich nicht einmal darüber. Wieder sah er vor sich den Sarg, und in ihm seinen teuren Toten. Doch in seiner Seele fühlte er nicht mehr wie am Morgen das quälende, nagende Leid. Gleich beim Eintritt fiel er vor dem Sarge wie vor einem Heiligtum in die Knie, doch Freude, Freude war in seinem Herzen und in seinen Gedanken. Das eine Fenster der Zelle stand offen, und es war eine frische, kalte Luft im Zimmer. „So muß denn der Geruch noch stärker geworden sein, wenn man das Fenster geöffnet hat,“ dachte Aljoscha. Doch dieser Gedanke an den Verwesungsgeruch, der ihm noch vor kurzem so schrecklich und entehrend erschienen war, erweckte in ihm keine Trauer mehr und keinen Unwillen. Er begann, leise zu beten, bald aber fühlte er selbst, daß er nur mechanisch betete. Bruchstücke von Gedanken tauchten in seiner Seele auf, erglühten wie Sternchen und verlöschten wieder und machten anderen Platz. Doch in seiner Seele erhob sich etwas Ganzes, Festes, Tröstendes, und er wurde sich dessen immer mehr bewußt. Von Zeit zu Zeit fing er von neuem leidenschaftlich ein Gebet an, denn er wollte danken und lieben ... Doch kaum hatte er das Gebet begonnen, so gingen seine Gedanken auch schon auf etwas anderes über, er verfiel in Nachdenken, vergaß das Gebet und auch das, was es unterbrochen hatte. Er fing an zuzuhören, was Pater Paissij las, aber den Ermüdeten überkam allmählich der Schlaf.
„Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa,“ las Pater Paissij, „und die Mutter Jesu war da. Jesus aber und seine Jünger waren auch auf die Hochzeit geladen ...“
„Hochzeit? Was ist das ... eine Hochzeit ...,“ ging es wie ferner Glockenklang durch Aljoschas Gedanken. „... Auch sie ist voll Glück auf ein Fest gefahren ... Nein, sie nahm nicht das Messer, nein, sie nahm es nicht ... Das war nur ein verzweifeltes Wort ..., solche Worte muß man durchaus verzeihen, durchaus. Sie erleichtern die Seele ... Ohne sie wäre es den Menschen zu schwer, ihr Leid zu tragen ... Rakitin bog in eine Nebenstraße ein. Er wird noch jetzt an die Kränkungen denken ... er wird immer in eine Nebenstraße gehen ... Aber der Weg ... der Weg ist doch groß, gerade und hell, kristallrein, und die Sonne am Ende des Weges ... Wie? ... Was liest er?“
„... Und da es an Wein gebricht, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein ...“ hörte Aljoscha ihn lesen.
„Ach ja, ich habe da etwas überhört, und wollte es doch nicht, ich liebe diese Stelle so. Die Hochzeit zu Kana, das erste Wunder ... Ach, dieses Wunder, dieses herrliche Wunder! Nicht das Leid, nein, die Freude der Menschen suchte Jesus auf, als er sein erstes Wunder vollbrachte, zur Freude verhalf er ihnen. ‚Wer die Menschen liebt, der liebt auch ihre Freude,‘ – das wiederholte der Verstorbene immer, diesen Ausspruch habe ich am häufigsten von ihm gehört ... Ohne Freude kann man nicht leben, sagt Mitjä ... ja, Mitjä ... Alles, was aufrichtig und schön ist, das ist voll von Allverzeihung und Vergebung: das hat auch wieder Er gesagt ...“
„... Jesus spricht zu ihr: Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter spricht aber zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut ...“
„Das tut ... Freude, Freude für die armen Menschen ... Selbstverständlich waren sie arm, wenn es ihnen sogar zur Hochzeit an Wein gebrach ... Die Historiker schreiben ja, daß am See Genezareth und an allen jenen Orten die ärmste Bevölkerung gelebt habe, die man sich nur denken kann ... Und noch ein anderes großes Herz eines anderen großen Wesens, das Herz seiner Mutter wußte, daß er nicht nur wegen seiner großen Tat gekommen war, sondern daß seinem Herzen auch die einfältige von Herzen kommende Freude irgendwelcher kleinen, geringen, aber treuherzigen Leute, die ihn freundlich zu ihrer Hochzeit geladen hatten, zugänglich sei. ‚Meine Stunde ist noch nicht gekommen,‘ sagt er mit stillem Lächeln (sicherlich hat er still gelächelt) ... Ja, er ist doch nicht darum auf die Welt gekommen, um auf den Hochzeiten Armer den Wein zu vermehren. Aber er ist doch zu ihrer Hochzeit gegangen und hat es auf ihre Bitte hin getan ... Ach so, er liest wieder ...“
„... Und Jesus spricht zu ihnen: Füllet die Krüge mit Wasser. Und sie füllten sie bis zum Rande.
Und er spricht zu ihnen: Schöpfet nun und bringet es dem Speisemeister. Und sie brachten es.
Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und wußte nicht, von wannen er kam (die Diener aber wußten es, die das Wasser geschöpft hatten), ruft der Speisemeister den Bräutigam.
Und spricht zu ihm: Jedermann gibt zum ersten guten Wein, und wenn sie trunken sind, alsdann den schlechteren; du aber hast den guten Wein bis zuletzt behalten ...“ las Pater Paissij.
„Aber was ist das, was ist das? Warum erweitert sich das Zimmer? ... Ach, ja, es ist doch Hochzeit, Hochzeit ... ja ... Sieh, da sind die Gäste, dort sitzt ja das junge Paar und zu beiden Seiten die fröhlichen Gäste ... Wo ist der Speisemeister? Wer aber ist das? Wer? Wieder wird das Zimmer größer ... Wer erhebt sich dort am großen Tisch? Wie ... Auch er ist hier? Aber er ist doch im Sarge ... Aber er ist es, er ist hier, ... er steht auf, er hat mich gesehen, er kommt hierher ... Herrgott! ...“