Sämtliche Werke 9-10

Part 48

Chapter 483,597 wordsPublic domain

„Du hast mich erschreckt, Rakitka, das ist’s!“ Gruschenka wandte sich sofort mit einem Lächeln zu Aljoscha. „Fürchte dich nicht, Aljoscha, mein Täubchen, ich freue mich furchtbar über dich, mein unerwarteter Gast. Aber du, Rakitka, du hast mich erschreckt: Ich dachte nämlich, Mitjä bräche wieder ein. Ich habe ihn nämlich vorhin betrogen, ich habe ihm das Ehrenwort abgenommen, daß er mir glauben werde, und habe ihn dann doch belogen. Ich sagte ihm, daß ich zu Kusjma Kusjmitsch, zu meinem Alten, gehe, um den ganzen Abend bis in die Nacht hinein mit ihm Geld zu zählen. Ich gehe jede Woche einmal auf einen ganzen Abend zu ihm, um mit ihm seine Rechnungen zu ordnen. Wir schließen uns dann ein: er klappert auf dem Rechenbrett, und ich sitze und trage in die Bücher ein; er hat nur zu mir allein Zutrauen. Mitjä glaubte mir, daß ich dort bleiben werde, ich aber habe mich hier zu Hause eingeschlossen, sitze nun und warte auf eine gewisse Nachricht. Wie hat euch die Fenjä nur hereingelassen! Fenjä, Fenjä! Lauf schnell zur Hofpforte und sieh nach, ob nicht Dmitrij Fedorowitsch in der Nähe ist. Vielleicht hat er sich irgendwo versteckt und lauert mir auf. Wie den Tod fürchte ich ihn!“

„Niemand ist dort, Agrafena Alexandrowna, ich habe mir schon die Augen aus dem Kopf gesehen, ich laufe doch alle Augenblick hinaus, um ein wenig zu lauern. Ich habe selbst solche Angst!“

„Sind die Fensterläden geschlossen, Fenjä? Man muß auch die Vorhänge herunterlassen, so!“ Sie ließ selbst die schweren Vorhänge herab. „Sonst kommt er noch auf das Licht hin sofort herbeigelaufen. Ja, Aljoscha, heute fürchte ich deinen Bruder sogar sehr.“

Gruschenka sprach lauter als sonst, und wenn sie auch unruhig zu sein schien, so war sie doch wie in einem Freudenrausche.

„Warum fürchtest du denn gerade heute Mitjenka?“ erkundigte sich Rakitin. „Du bist doch, scheint es, sonst nicht ängstlich von Natur. Er tanzt ja sowieso nach deiner Pfeife.“

„Ich sage dir doch, ich erwarte eine Nachricht, eine goldene, kleine Nachricht, so daß Mitjenka jetzt hier ganz überflüssig ist. Außerdem hat er es mir ja gar nicht geglaubt, daß ich bei Kusjma Kusjmitsch bleiben werde. Das fühle ich. Wahrscheinlich sitzt er jetzt bei Fedor Pawlowitsch an der Hinterstraße im Nachbargarten, um mir aufzulauern. Nun, wenn er sich dort festgesetzt hat, um so besser, dann wird er nicht hierher kommen. Mitjä hat mich ja selbst hinbegleitet zu Kusjma Kusjmitsch; ich sagte ihm, daß ich bis Mitternacht bei ihm bleiben werde, und daß er durchaus um Mitternacht kommen solle, um mich abzuholen. Er ging fort, ich saß ungefähr zehn Minuten beim Alten, dann kehrte ich schnell wieder zurück. Ach, wie ich lief, und wie ich mich fürchtete, ihm zu begegnen!“

„Und jetzt hast du dich aufgeputzt! Sieh mal an, was hast du denn da für ein feines Ding im Haar?“

„Wie du neugierig bist, Rakitka! Ich sage dir ja, ich erwarte so eine gewisse kleine Nachricht. Kommt diese kleine Nachricht, so springe ich auf und fliege davon, daß ihr mich hier kaum gesehen haben werdet. Siehst du, darum habe ich mich aufgeputzt, um dann gleich bereit zu sein.“

„Und wohin willst du dann fliegen?“

„Wenn du viel weißt, wirst du schnell alt.“

„Na, sieh mal an! Du bist ja ganz aus dem Häuschen vor Freude ... Habe dich noch niemals so gesehen. Hast dich ja angekleidet wie zum Ball,“ sagte Rakitin, sie kritisch betrachtend.

„Als ob du was von Bällen verständest.“

„Und du etwa?“

„Ich habe mir doch einmal einen Ball angesehen, vor drei Jahren, als Kusjma Kusjmitsch seinen Sohn verheiratete. Ich saß auf der Empore und sah zu. Ach, Rakitka, aber soll ich mich etwa mit Dir unterhalten, wenn solch ein Prinz hier steht! Sieh, das ist ein Gast! Aljoscha, mein Täubchen, wenn ich dich ansehe, so kann ich’s nicht glauben ... Herrgott, wie bist denn du hergekommen! Offen gestanden, ich hätte es nicht erwartet, nicht geahnt, und früher niemals daran geglaubt, daß du kommen könntest. Wenn es nicht in solch einer Minute wäre, so wäre ich außer mir vor Freude! Setze dich hier auf den Diwan, hierher, so, du mein zarter, goldener Neumond! Ich kann es noch gar nicht fassen ... Ach du, Rakitka, wenn du ihn doch gestern oder vorgestern gebracht hättest! ... Aber ich freue mich auch heute. Vielleicht ist es auch besser jetzt, in solch einer Minute ...“

Sie setzte sich mutwillig neben Aljoscha auf den Diwan und sah ihn in freudigem Entzücken an. Und sie freute sich tatsächlich, sie log nicht, wenn sie es sagte. Ihre Augen blitzten und ihre Lippen lachten, aber gutherzig und fröhlich lachten sie. Aljoscha hätte ihr solch eine fröhliche Gutmütigkeit gar nicht zugetraut ... Bis zum gestrigen Tage hatte er sie nur wenig gesehen und sich von ihr die abschreckendste Vorstellung gemacht. Auch gestern war er ganz unter dem Eindruck ihres boshaften und heimtückischen Betragens bei Katerina Iwanowna gewesen, und daher war er jetzt ganz erstaunt, in ihr plötzlich ein vollkommen anderes und für ihn unerwartetes Wesen zu finden. Und wie sehr er auch von seinem eigenen Kummer niedergedrückt war, so blieben seine Augen doch aufmerksam auf sie gerichtet. Auch ihre Manieren hatten sich seit gestern, wie es schien, sehr gebessert: Sie hatte nicht mehr die Süßlichkeit in der Aussprache, diese gezierten und gemachten Bewegungen ... Alles war einfach und herzlich an ihr, ihre Bewegungen rasch, ungezwungen, vertrauenerweckend, nur war sie ersichtlich sehr aufgeregt.

„Herrgott, was heute für Sachen passieren, nein wirklich!“ plapperte sie wieder weiter. „Und warum nur freue ich mich so über dich, Aljoscha, ich weiß es selbst nicht. Wenn du mich fragtest, so würde ich es nicht zu sagen wissen.“

„Was, _du_ solltest es nicht wissen, warum du dich freust!“ Rakitin lächelte. „Warum hast du mich denn unaufhörlich gebeten, ihn herzubringen? Mußt doch einen Grund gehabt haben, denke ich.“

„Früher hatte ich einen Grund, jetzt aber ist das vorüber, jetzt ist ein Anderes – – ... Ich werde euch sofort etwas vorsetzen. Ich bin wieder zu mir gekommen, Rakitka. Setz dich, Rakitka, warum stehst du? Oder sitzest du schon? Ach, Rakituschka versteht schon für sich zu sorgen! Siehst du, Aljoscha, jetzt sitzt er uns dort gegenüber und ist beleidigt, weil ich dich zuerst gebeten habe, Platz zu nehmen. Ach, empfindlich ist mir der Rakitka, unglaublich empfindlich!“ Gruschenka lachte. „Sei nicht böse, Rakitka, heute bin ich gut. Warum sitzest du so traurig da, Aljoschka, fürchtest du mich etwa?“ Mit fröhlichem Lachen sah sie ihm in die Augen.

„Er hat großen Kummer. Es hat keine Rangerhöhung gegeben,“ brummte Rakitin.

„Was für eine Rangerhöhung?“

„Sein Staretz stinkt.“

„Wie, wer stinkt? Was du für einen Unsinn schwatzest! Du willst wohl wieder irgendeine Gemeinheit damit sagen. Schweig, Dummkopf. Aljoscha, laß mich auf deinen Knien sitzen, sieh so!“ Im Augenblick sprang sie auf und setzte sich ihm lachend auf die Knie, und wie ein Kätzchen umfaßte sie mit dem rechten Arm zärtlich seinen Hals. „Ich werde dich wieder froh machen, du mein gottesfürchtiger Knabe! Erlaubst du mir wirklich, auf deinen Knien zu sitzen, bist du nicht böse? Sag nur, und ich werde sofort abspringen.“

Aljoscha schwieg. Er saß und wagte nicht sich zu rühren; er hörte wohl ihre Worte: „Sag nur, und ich werde abspringen,“ aber er antwortete ihr nicht, er war förmlich erstarrt. Doch ging in ihm nicht etwa das vor sich, was man wohl hätte erwarten können, oder was Rakitin, der ihn von seinem Platze aus gierig beobachtete, annahm. Der große Kummer in seiner Seele verschlang alle übrigen Gefühle, die jetzt in seinem Herzen hätten auftauchen können, und wenn er in diesem Augenblick fähig gewesen wäre, sich über seine Gefühle Rechenschaft abzulegen, so hätte er sich gestehen müssen, daß er gegenwärtig gegen jegliche Verführung oder Verlockung gepanzert war. Nichtsdestoweniger wunderte er sich doch unwillkürlich über eine neue und sonderbare Empfindung, die mit einem Male in seinem Herzen auftauchte: Dieses Weib, dieses „schreckliche“ Weib, flößte ihm nicht im geringsten jene Furcht ein, die ihn früher beim Gedanken an eine Frau überfallen hatte – wenn jemals einer in seiner Seele aufgetaucht war –, im Gegenteil, diese Frau, die er am meisten von allen gefürchtet hatte, und die jetzt auf seinen Knien saß und ihn umarmt hielt, erweckte in ihm ein ganz anderes, unerwartetes und besonderes Gefühl, das Gefühl einer ungewöhnlichen, noch nie so empfundenen herzensreinen Anteilnahme, und alles das ohne jegliche Furcht, ohne den geringsten früheren Schrecken. Das war es, was ihn hauptsächlich in Erstaunen setzte.

„Genug jetzt mit dem Unsinnschwatzen,“ rief Rakitin dazwischen, „laß mal lieber Champagner reichen, das ist jetzt deine Pflicht und Schuldigkeit, wie du selbst am besten weißt!“

„Du hast recht, ich bin dir jetzt welchen schuldig. Ich habe ihm doch Champagner für den Fall versprochen, daß er dich zu mir brächte. Na, mal los, holen wir den Champagner, ich werde mittrinken! Fenjä, Fenjä, bring den Champagner, die Flasche, die Mitjä hier gelassen hat, schnell! Wenn ich auch geizig bin, die Flasche gebe ich doch, aber nicht deinetwegen, Rakitka, du bist bloß ein Giftpilz, er aber ist ein Prinz! Und wenn auch meine Seele jetzt nicht dazu aufgelegt ist, einerlei, ich trinke mit euch, auch ich möchte einmal ausgelassen sein!“

„Was ist denn das für ein Augenblick, und was für eine ‚Nachricht‘ erwartest du denn, wenn man fragen darf, oder ist das ein Geheimnis?“ Rakitin brachte das Gespräch wieder darauf zurück und gab sich dabei aus allen Kräften den Anschein, als bemerke er die Nasenstüber nicht, die ihm Gruschenka verabfolgte.

„Ach, warum soll das ein Geheimnis sein, du weißt es doch schon,“ sagte Gruschenka unwillig und drehte ihren Kopf zu Rakitin zurück, wobei sie sich ein wenig von Aljoscha abwandte, doch blieb sie auf seinen Knien sitzen und hielt seinen Hals immer noch umschlungen: „Mein Offizier ist da, mein Offizier kommt!“

„Ich weiß, daß er kommt, aber ist er denn schon hier?“

„In Mokroje ist er; von dort aus wird er mir einen reitenden Boten schicken. Er hat mir geschrieben, vorhin erhielt ich den Brief. Ich sitze jetzt hier und erwarte den Boten.“

„Also das ist’s! Warum aber in Mokroje?“

„Das zu erzählen wäre zu weitläufig, und außerdem genügt das für dich.“

„Und ... und, der Mitjenka, der ... o weh! Weiß er das, oder weiß er es nicht?“

„Ob er’s weiß? Nichts weiß er! Wenn er es wüßte, so würde er mich totschlagen. Aber jetzt fürchte ich nichts mehr, nichts, auch sein Messer nicht. Schweig, Rakitka, erinnere mich nicht mehr an Dmitrij Fedorowitsch: Er hat mir das Herz müd gequält. Und ich möchte an all das nicht mehr denken. Hier, an Aljoschetschka will ich denken, Aljoschetschka will ich ansehen ... Ja, lache nur über mich, mein Täubchen, freue dich über meine Dummheit, über meine Freude lache nur! Er lächelt, er lächelt! Wie freundlich er mich ansieht! Weißt du, Aljoscha, ich dachte immer, daß du wegen vorgestern ... wegen des Fräuleins ... mir böse bist. Ich war ein Scheusal, ich weiß ... Aber es ist doch gut so, wie es gekommen ist. Und schlecht war es, und gut war es,“ sagte Gruschenka nachdenklich lächelnd, und ein harter Zug erschien plötzlich trotz des Lächelns auf ihrem Gesicht. „Mitjä sagte mir, daß sie geschrien habe: ‚Peitschen sollte man sie!‘ Ich hatte sie gar zu sehr beleidigt. Sie rief mich zu sich, wollte mich besiegen, mit ihrer Schokolade verführen ... Nein, es ist doch gut so, wie es gekommen ist,“ sagte sie nochmals und lächelte wieder. „Aber ich fürchte immer noch, daß du böse ...“

„Ja, das ist wahr,“ wandte sich Rakitin in ernster Verwunderung an Aljoscha. „Sie fürchtet dich, Aljoscha, dich Küchel!“

„Für dich ist er ein Küchel, Rakitka, weil du kein Gewissen hast! Ich aber liebe ihn mit meiner ganzen Seele! Glaubst du mir, Aljoscha, daß ich dich mit meiner ganzen Seele liebe?“

„Ach, du schamloses Geschöpf! Sie macht dir eine Liebeserklärung, Aljoscha.“

„Und wenn es so wäre, was ist denn dabei, daß ich ihn liebe?“

„Und dein Offizier? Und die goldene Nachricht aus Mokroje?“

„Das ist etwas für sich, und das hier ist auch etwas für sich.“

„Sieh mal, das ist wieder einmal echte Weiberlogik!“

„Ärgere mich nicht, Rakitka,“ fiel Gruschenka ihm heftig ins Wort, „das ist etwas ganz anderes. Aljoscha liebe ich auf eine andere Art. Es ist wahr, Aljoscha, früher dachte ich auch mit einem häßlichen Gedanken an dich. Ich bin ja ein niedriges Geschöpf, ein wildes Geschöpf bin ich, aber zuweilen habe ich doch auf dich wie auf mein Gewissen gesehen. Immer habe ich gedacht: Wie muß so einer, wie du, mich schlechtes Geschöpf verachten! Noch vorgestern dachte ich es, als ich von dem Fräulein nach Hause kam. Ich habe schon so lange an dich gedacht, Aljoscha, und Mitjä weiß es, ich habe ihm alles gesagt. Mitjä versteht das sehr gut. Glaub mir, Aljoscha, ein anderes Mal, wenn ich dich ansehe, so schäme ich mich, so vergehe ich vor Scham ... Und seit wann ich an dich zu denken angefangen habe, weiß ich nicht einmal, ich erinnere mich dessen nicht mehr ...“

Fenjä trat ein und stellte einen Untersetzer mit drei gefüllten Champagnergläsern und einer aufgekorkten Champagnerflasche auf den Tisch.

„Der Champagner ist da!“ meldete Rakitin. „Hör mal, du bist ja heute so erregt, daß du, wenn du ein Glas getrunken hast, womöglich noch zu tanzen anfangen wirst.“

„Pfui, Schweinerei,“ rief er aus, als er den Champagner näher betrachtete; „Die Alte hat die Flasche in der Küche aufgekorkt und den Pfropfen nicht wieder aufgesetzt ... außerdem ist er warm. Nun, meinetwegen, ich trinke ihn auch so.“

Er schenkte sich ein, stürzte ein Glas hinunter und goß sich ein zweites ein.

„Champagner bekommt man nicht alle Tage,“ sagte er und leckte sich die Lippen –, „nun, Aljoscha, nimm ein Glas und zeige, was du kannst. Worauf sollen wir trinken? Auf das Paradies? Nimm ein Glas, Gruscha, trink auch du aufs Paradies!“

„Warum willst du denn aufs Paradies trinken?“

Sie nahm ein Glas, auch Aljoscha nahm das seinige, trank aber keinen Schluck und stellte es wieder zurück.

„Nein, es ist besser, ich trinke nicht,“ sagte er leise lächelnd.

„So hast du nur geprahlt!“ rief sofort Rakitin höhnisch lachend.

„Wenn er nicht trinkt, so will auch ich nicht trinken,“ sagte Gruschenka, „und ich will auch gar nicht ... Trink du allein, Rakitka, die ganze Flasche schenke ich dir. Wenn Aljoscha trinkt, dann werde auch ich trinken, sonst aber nicht.“

„Sind das aber Kälberzärtlichkeiten!“ schimpfte Rakitin voll Hohn. „Dabei sitzest du noch auf seinen Knien! Er hat wenigstens einen Kummer, was aber hast du? Er revoltiert gegen seinen Gott, er wollte sogar schon Wurst essen ...“

„Wieso?“

„Sein Staretz ist doch heute gestorben, Staretz Sossima, der Heilige!“

„Der Staretz Sossima ist gestorben?“ fragte Gruschenka betroffen, „Herrgott, und ich wußte es nicht!“ Sie bekreuzte sich andächtig. „Gott, und was tue ich ... ich ... ich sitze auf seinen Knien!“ fuhr sie plötzlich erschrocken auf. Sofort sprang sie von seinen Knien herab und setzte sich auf den Diwan.

Aljoscha sah sie lange und erstaunt an: In seinem Gesicht schien etwas aufzuleuchten.

„Rakitin,“ sagte er plötzlich mit lauter und fester Stimme, „spotte nicht, daß ich mich gegen meinen Gott empöre. Ich möchte gegen dich keinen Groll hegen, darum sei auch du besser. Ich habe einen Schatz verloren, wie du nie einen besessen hast, und du kannst darum auch nicht über mich urteilen. Sieh lieber einmal her auf sie: Hast du bemerkt, wie sie mich geschont hat? Ich kam hierher und dachte, eine böse Seele zu finden –, und es zog mich hierher, weil ich selbst schlecht und böse war. Statt dessen habe ich eine aufrichtige Schwester ... eine liebende Seele gefunden ... Sie hat mich gleich geschont ... Agrafena Alexandrowna, ich spreche von dir. Du hast meine Seele wieder aufgerichtet.“

Aljoschas Lippen bebten, und sein Atem stockte. Er hielt inne.

„Das wäre ja beinahe, als ob sie dich gerettet hätte!“ Rakitin lachte boshaft auf. „Dabei wollte sie dich doch verschlingen, weißt du denn das nicht?“

„Schweig, Rakitka!“ Gruschenka sprang plötzlich auf, „schweigt alle beide! Jetzt werde ich alles sagen: Du, Aljoscha, schweige, denn bei deinen Worten packt mich die Scham, weil ich schlecht und nicht gut bin –, siehst du, so ist’s! Und du, Rakitka, schweig, denn du lügst ja doch nur. Ich hatte einmal, das ist wahr, den schlechten Gedanken, ihn zu verschlingen, wie du sagst, aber jetzt lügst du, jetzt ist das nicht mehr der Fall ... Und daß ich jetzt von dir kein Wort mehr höre, Rakitka!“

Gruschenka sagte es in außergewöhnlicher Erregung.

„Ihr seid beide nicht recht gescheit!“ schimpfte Rakitin, der bald sie, bald Aljoscha verwundert ansah. „Ihr habt ja vollständig den Verstand verloren! Ich bin, wie’s scheint, hier in ein Irrenhaus geraten. Es wird nicht mehr lange dauern, und ihr werdet zu weinen anfangen!“

„Ja, ich werde weinen, werde weinen!“ sagte Gruschenka. „Er hat mich seine Schwester genannt, und das werde ich ihm nie vergessen! Aber sieh, Rakitka, wenn ich auch schlecht bin, so habe ich doch vielleicht ein Zwiebelchen gegeben!“

„Was für ein Zwiebelchen? – Pfui Teufel, sie sind ja faktisch übergeschnappt!“

Rakitin wunderte sich über ihre verzückte Begeisterung und fühlte sich gekränkt, obgleich er sich hätte sagen müssen, daß sich bei beiden alles, was ihre Seelen erschütterte, in dieser Minute zusammenfand, wie das nicht oft im Leben geschieht. Doch Rakitin, der sonst sehr feinfühlig in allem war, was ihn selbst betraf, war sehr roh im Verständnis der Empfindungen und Gefühle seiner Nächsten, teilweise wohl aus jugendlicher Unerfahrenheit, teilweise aber auch aus großem Egoismus.

„Siehst du, Aljoschetschka,“ sagte Gruschenka nervös auflachend, und sie wandte sich wieder zu ihm, „ich prahle vor Rakitka, daß ich ein Zwiebelchen gegeben hätte, vor dir aber werde ich nicht damit prahlen, dir werde ich es aus einem anderen Grunde erzählen. Es ist nur eine Legende, aber eine schöne, ich habe sie bereits als Kind gehört, von meiner Matrjona, die noch jetzt bei mir als Köchin dient. Also: Es lebte einmal ein altes Weib, das war sehr, sehr böse und starb. Diese Alte hatte in ihrem Leben keine einzige gute Tat vollbracht. Da kamen denn die Teufel, ergriffen sie und warfen sie in den Feuersee. Ihr Schutzengel aber stand da und dachte: Kann ich mich denn keiner einzigen guten Tat von ihr erinnern, um sie Gott mitzuteilen? Da fiel ihm etwas ein, und er sagte zu Gott: ‚Sie hat einmal,‘ sagte er, ‚aus ihrem Gemüsegärtchen ein Zwiebelchen herausgerissen, und es einer Bettlerin gegeben.‘ Und Gott antwortete ihm: ‚Nimm,‘ sagte er, ‚dieses selbe Zwiebelchen, und halte es ihr hin in den See, so daß sie die Wurzeln zu ergreifen vermag, und wenn du sie aus dem See herausziehen kannst, so möge sie ins Paradies eingehen, wenn aber das Pflänzchen abreißt, so soll sie bleiben, wo sie ist.‘ Der Engel lief zum Weibe und hielt ihr das Zwiebelchen hin: ‚Nun,‘ sagte er zu ihr, ‚faß an, wir wollen sehen, ob ich dich herausziehen kann.‘ Und er begann vorsichtig zu ziehen – und zog sie beinahe schon ganz heraus; da bemerkten es aber die anderen Sünder im See, und wie sie das sahen, klammerten sie sich alle an sie, damit man auch sie mit ihr zusammen herauszöge. Aber das Weib war böse, sehr böse und stieß sie mit ihren Füßen zurück und schrie: ‚Nur mich allein soll man herausziehen und nicht euch, es ist mein Zwiebelchen und nicht eures.‘ Wie sie aber das ausgesprochen hatte, riß das kleine Pflänzchen entzwei. Und das Weib fiel in den Feuersee zurück und brennt dort noch bis auf den heutigen Tag. Der Engel aber weinte und ging davon. So lautet die Legende, Aljoscha, und ich habe sie Wort für Wort auswendig behalten, weil ich selbst dieses sehr, sehr böse Weib bin. Vor Rakitka prahlte ich, daß ich das Zwiebelchen gegeben hätte, aber dir sage ich etwas anderes: Ich habe _in meinem ganzen Leben_ nur ein Zwiebelchen gegeben, und das ist die einzige gute Tat, die ich vollbracht habe. Lobe mich nicht, Aljoscha, halte mich nicht für gut, ich bin schlecht und sehr, sehr böse, und wenn du mich lobst, muß ich mich schämen. Ach, jetzt bereue ich schon alles! Weißt du, Aljoscha, ich habe dermaßen gewünscht, dich zu mir heranzulocken, daß ich Rakitka keine Ruhe gelassen habe, daß ich ihm fünfundzwanzig Rubel versprochen habe, wenn er dich zu mir brächte. Warte, Rakitka, schweig!“ Sie ging mit raschen Schritten zum Tisch, zog ein Schiebfach heraus, suchte nach ihrer Börse und entnahm ihr dann einen Fünfundzwanzigrubelschein.

„Was fällt dir ein! Bist wohl ganz verrückt geworden!“ Rakitin war nicht wenig verdutzt.

„Nimm nur, Rakitka, das ist meine Schuld, wirst es doch nicht abschlagen, hast ja selbst so viel verlangt!“ Und sie warf ihm den Schein zu.

„Warum denn schließlich abschlagen,“ brummte Rakitin, tapfer bemüht, seine Verlegenheit zu verbergen. „Das kommt mir sogar sehr gelegen. Die Dummköpfe sind ja doch nur zur Ausnutzung für die Klugen da.“

„Aber jetzt schweige, Rakitka, jetzt werde ich etwas erzählen, was nicht für deine Ohren bestimmt ist. Setze dich dorthin in den Winkel und schweige; du liebst uns nicht, das weiß ich, so schweige denn.“

„Wofür sollte ich euch denn lieben?“ schimpfte Rakitin, ohne seine Wut zu verbergen. Den Fünfundzwanzigrubelschein steckte er in die Tasche, schämte sich aber doch sehr vor Aljoscha. Er hatte darauf gerechnet, diesen Lohn nachher zu erhalten, so daß Aljoscha gar nichts davon erfahren hätte. Darum nämlich war er so wütend. Bis dahin hatte er noch für ratsam gefunden, Gruschenka nicht zu sehr zu widersprechen, ungeachtet aller Zurechtweisungen, die sie ihm erteilte, und die nur zu deutlich verrieten, daß sie über ihn eine gewisse Macht hatte. Jetzt aber tat er sich keinen Zwang mehr an.

„Wenn man liebt, so muß man eine Veranlassung dazu haben, was aber habt ihr beide denn für mich getan?“

„Man muß auch für nichts und wieder nichts lieben können, so wie Aljoscha liebt.“

„Wieso liebt er dich denn, und was hat er dir denn getan, daß du damit so prahlst?“

Gruschenka stand mitten im Zimmer und sprach erregt; in ihrer Stimme klang schon eine hysterische Note.