Part 51
Am Tage nach seinem Gespräch mit Aljoscha auf dem Felde (nach welchem Mitjä die ganze Nacht nicht hatte schlafen können), erschien er um zehn Uhr morgens im Hause Ssamssonoffs und ließ sich bei ihm anmelden. Es war ein altes, düsteres, sehr großes, zweistöckiges Haus mit einem Anbau und Nebengebäuden auf dem Hof. In der unteren Etage lebten die beiden verheirateten Söhne Ssamssonoffs mit ihren Familien, eine alte Schwester von ihm und eine unverheiratete Tochter. Im Anbau des Hauses waren zwei seiner Kommis untergebracht, von denen einer wiederum Vater einer zahlreichen Familie war. Alle diese Familien lebten eingeengt und eingezwängt in ihren kleinen Wohnungen, doch den ganzen oberen Stock seines Hauses bewohnte der Alte allein und erlaubte nicht einmal, daß seine Tochter bei ihm wohnte, die ihn pflegte, und zu bestimmten Stunden und auf die immerwährenden Rufe jedesmal zu ihm von unten nach oben laufen mußte, ungeachtet ihrer schwachen Brust. Dieser obere Stock bestand aus einer Menge großer Paradezimmer, die auf alte, kaufmännische Art ausgestattet waren: mit langen, langweiligen Reihen plumper angestrichener Sessel und Stühle aus rotem Holz an den Wänden, mit kristallenen Kronleuchtern in Überzügen, mit alten, trüben Spiegeln zwischen den Fenstern. Alle diese Zimmer waren unbewohnt, denn der kranke Alte hatte sich in ein einziges kleines Zimmer zurückgezogen, in ein abgelegenes, kleines Schlafzimmer, wo ihm eine alte Magd, die ihre Haare mit einem Tuch umwickelt trug, und ein Bursche, der auf der Truhe im Vorzimmer schlief, aufwarteten. Wegen seiner geschwollenen Füße konnte der Alte überhaupt nicht mehr allein gehen und erhob sich daher sehr selten aus seinem Ledersessel; die Alte, die ihm aufstehen half, führte ihn dann ein- oder zweimal durch das Zimmer. Er war streng und wortkarg; selbst mit der Alten sprach er kaum. Als man ihm den „Hauptmann“, wie der Alte Dmitrij Fedorowitsch zu nennen pflegte, meldete, befahl er, ihn abzuweisen. Aber Mitjä bestand darauf und bat, ihn noch einmal anzumelden. Kusjma Kusjmitsch erkundigte sich ausführlich beim Burschen nach dem Besuch: „Wie sieht er aus? Ist er nicht betrunken? Ist er vielleicht aufgebracht?“ und erhielt zur Antwort, daß er „nüchtern“ sei, aber auf keinen Fall fortgehen wolle. Der Alte befahl, ihn noch einmal abzuweisen. Da schrieb Mitjä, der das alles vorausgesehen und sich für den Fall mit Bleistift und Papier versorgt hatte, auf eine Karte: „In einer sehr dringlichen Angelegenheit, die Agrafena Alexandrowna betrifft,“ und schickte sie dem Alten. Nach einigem Nachdenken befahl der Alte dem Burschen, den Gast in den Saal zu führen; die Alte aber schickte er zum jüngeren Sohn nach unten, mit der Weisung, der möge sofort sich zu ihm nach oben begeben. Dieser jüngere Sohn, ein Mann von fast sieben Fuß Länge und von außergewöhnlicher Kraft, mit glattrasiertem Gesicht und in deutscher Kleidung (Ssamssonoff selbst trug einen russischen Leibrock und einen langen Bart), erschien sofort und ohne ein Wort zu reden. Alle zitterten sie vor dem Vater. Der Vater hatte den jungen Mann nicht etwa aus Furcht vor dem „Hauptmann“ rufen lassen, denn er war nichts weniger als furchtsam, sondern vielmehr, um auf jeden Fall einen Zeugen zugegen zu haben. In Begleitung des Sohnes und des Burschen, die ihn unter den Armen gestützt hielten, erschien der Alte endlich im Saal. Man sollte meinen, daß auch er eine genügend starke Neugier empfinden mußte. Der Saal, in dem Mitjä wartete, war ein sehr großes, dunkles, die Seele des Menschen bedrückendes Gemach, mit zwei übereinanderliegenden Fensterreihen und mit einer Galerie; die Wände waren marmorartig bemalt, und an der Decke hingen drei große Kristall-Kronleuchter in Überzügen. Mitjä saß auf einem kleinen Stuhl neben der Tür und wartete in nervöser Ungeduld. Als der Alte in der gegenüberliegenden großen Tür erschien, sprang Mitjä sofort vom Stuhl auf und ging ihm mit seinen festen Offiziersschritten entgegen. Er war gut gekleidet: in zugeknöpftem Gehrock, einen schwarzen, englischen Hut in der Hand und in schwarzen Handschuhen, fast genau so, wie er am Tage vorher beim Staretz zur Familienversammlung erschienen war. Der Alte erwartete ihn stehend, würdig und streng, und Mitjä fühlte sofort, daß jener ihn, solange er auf ihn zuging, musternd betrachtete. Das Gesicht Kusjma Kusjmitschs war in der letzten Zeit ganz aufgeschwollen und setzte Mitjä etwas in Erstaunen: seine untere und ohnehin schon dicke Lippe glich jetzt geradezu einem hängenden, dicken Fleischlappen. Würdig und schweigend verneigte er sich vor dem Gast und wies ihm einen Sessel neben dem Diwan an; er selbst aber ließ sich – von seinem Sohne gestützt und schwer ächzend – Mitjä gegenüber auf dem Diwan nieder. Mitjä empfand, als er die Anstrengung des Alten sah, in seinem Herzen sofort etwas wie zartfühlende Reue wegen seiner Belästigung eines so würdigen, kranken Greises.
„Womit kann ich Ihnen gefällig sein, mein Herr,“ fragte endlich der Alte, nachdem er sich gesetzt hatte, langsam, deutlich, streng, doch in höflichem Tone.
Mitjä fuhr zusammen und wollte schon vom Stuhl aufspringen, besann sich aber und blieb sitzen. Darauf fing er sofort mit lauter Stimme, sich überstürzend, mit unruhigen Gesten und in großer Aufregung zu reden an. Es war, wie wenn ein Mensch an der letzten Grenze angelangt ist, unmittelbar vor dem Untergang steht und noch einen letzten Ausweg sucht, – gelingt es ihm nicht, ihn zu finden, so springt er sofort ins Wasser. Alles das begriff der alte Ssamssonoff sofort, doch sein Gesicht blieb unveränderlich und kalt wie das eines Götzenbildes. Mitjä wußte nicht recht, wie er ihn anreden sollte.
„Der sehr geehrte Kusjma Kusjmitsch,“ begann er endlich, „wird wohl schon oft genug von meinen Streitigkeiten mit meinem Vater, Fedor Pawlowitsch Karamasoff, gehört haben, der mich des Erbes meiner leiblichen Mutter beraubt hat ... da ja die ganze Stadt davon spricht ... denn hier reden doch alle von Dingen, die sie nichts angehen ... Außerdem hätten Sie von Gruschenka ... pardon: von Agrafena Alexandrowna ... der von mir hochgeehrten und hochgeachteten Agrafena Alexandrowna ...“ So begann Mitjä und verwirrte sich schon bei den ersten Worten. Doch ich will hier nicht seine ganze Rede wortwörtlich wiederholen, sondern nur den Inhalt derselben. Zunächst ging’s folgendermaßen weiter: Mitjä hätte sich schon vor drei Monaten „absichtlich“ mit einem Advokaten aus der Gouvernementsstadt beraten, „mit dem berühmten Advokaten Pawel Pawlowitsch Korneplodoff. Sie werden diesen Namen wahrscheinlich schon gehört haben? Ein kluger Kopf, ein fast staatsmännischer Verstand ... er kennt Sie ... er hat Ihrer im besten Sinne erwähnt ...“ Mitjä verlor schon wieder den Faden. Aber das hielt ihn nicht im geringsten auf, er überhastete sich und strebte immer weiter. Dieser Korneplodoff hätte nun, nachdem er die Dokumente, die Mitjä ihm stellen konnte, zur Durchsicht verlangt (von den Dokumenten sprach Mitjä sehr unklar, und er beeilte sich offenbar, über diesen Punkt hinwegzukommen), ihm gesagt, daß man in betreff des Gutes Tschermaschnjä, das Mitjä mütterlicherseits zukam, tatsächlich einen Prozeß gegen den alten Lüstling beginnen könne ... „denn es sind doch nicht alle Türen verschlossen! Wer soll es denn sonst wissen, wenn nicht die Juristen, wo man durchschlüpfen kann!“ Mit einem Wort, man könne noch auf eine Abzahlung von sechstausend, sogar siebentausend Rubel von seiten Fedor Pawlowitschs hoffen. Denn Tschermaschnjä sei immerhin nicht weniger als fünfundzwanzigtausend wert, „das heißt achtundzwanzig – was sage ich –, dreißig, dreißigtausend, Kusjma Kusjmitsch, und denken Sie sich doch, ich hab nur siebzehntausend von ihm ausgezahlt erhalten! ... Ich habe die Sache damals nur deswegen liegen lassen, weil ich nichts mit dem Gericht zu tun haben wollte, doch als ich herkam, fiel ich geradezu aus den Wolken: Er bereitete eine Gegenklage vor!“ (Hier verwirrte sich Mitjä von neuem und übersprang daher auch diesen Punkt.) „Mit einem Wort, wollen Sie vielleicht, sehr geehrter Kusjma Kusjmitsch, alle meine Ansprüche auf dieses Gut übernehmen, und mir dafür nur dreitausend Rubel geben ... Sie können dabei in keinem Falle etwas verlieren, dessen versichere ich Sie bei meiner Ehre, sondern Sie können statt dreitausend, sechs- bis siebentausend gewinnen ... Die Hauptsache ist aber, daß man die Sache so schnell als möglich erledigt, wenn möglich sogar heute schon ... Ich werde Ihnen beim Notar, oder wie da ... Mit einem Wort, ich bin zu allem bereit, ich werde Ihnen alle Dokumente einhändigen, die Sie nur wollen, alles unterschreiben ... und wir würden dieses Papier sofort aufsetzen, und wenn es nur möglich, ja wenn es nur irgend möglich ist, sogleich heute alles erledigen ... Sie würden mir die Dreitausend geben ... Denn welcher Kapitalist hier in der Stadt könnte sich mit Ihnen messen? ... und Sie würden mich retten vor ... mit einem Wort, Sie würden meinen Kopf retten, um einer hochherzigen ... Ich hege die edelsten Gefühle zu einer gewissen Dame, die Sie nur zu gut kennen, und die Sie väterlich beschützen. Es sind hier, wenn Sie wollen, drei mit den Köpfen zusammengestoßen, denn das Schicksal – das ist etwas Grausames! Der Realismus, Kusjma Kusjmitsch, der Realismus! Da man Sie aber schon seit langem ausschließen muß, so bleiben nur noch zwei Köpfe ... pardon, ich drücke mich vielleicht nicht ganz geschickt aus ... ich bin kein Literat. Das heißt, der eine Kopf, das bin ich, und der andere – das ist das Ungeheuer! Und so wählen Sie denn. Alles liegt jetzt in Ihren Händen ... drei Schicksale und zwei Lose ... Verzeihen Sie, ich habe mich versprochen ... doch Sie verstehen schon ... ich sehe es an Ihren ehrwürdigen Augen, daß Sie verstanden haben ... Wenn Sie aber nicht verstehen wollen, so ist es heute noch aus mit mir!“
Mitjä hielt plötzlich in seiner sinnlosen Rede inne und erwartete eine Antwort auf seinen dummen Vorschlag. Bei der letzten Phrase hatte er plötzlich gefühlt, daß nun alles verloren war – und hauptsächlich, daß er einen schrecklichen Unsinn zusammengesprochen hatte. „Sonderbar, als ich herkam, schien mir alles so klar und gut, und jetzt ist alles Unsinn!“ ging es ihm plötzlich durch seinen hoffnungslosen Kopf. Die ganze Zeit, während er sprach, saß der Alte unbeweglich da und beobachtete ihn mit einem eisigen Ausdruck. Nachdem er ihn eine Weile auf seine Antwort hatte warten lassen, sagte er endlich im kühlsten und teilnahmlosesten Tone:
„Entschuldigen Sie, aber mit solchen Sachen befassen wir uns nicht.“
Mitjä fühlte, daß seine Füße schwach wurden.
„Was soll ich jetzt tun, Kusjma Kusjmitsch?“ murmelte er erblassend. „Was glauben Sie, jetzt bin ich doch verloren?“
„Entschuldigen Sie ...“
Mitjä stand noch immer da und starrte vor sich hin, und plötzlich bemerkte er, daß im Gesicht des Alten etwas zuckte. Er schrak zusammen.
„Sehen Sie, mein Herr, solche Sachen – passen mir nicht,“ sagte langsam der Alte, „mit dem Gericht und mit den Advokaten, das ist das reine Unglück! Doch wenn Sie wollen, ich kenne einen Menschen, an den Sie sich damit wenden könnten ...“
„Mein Gott, wer ist das? ... Sie retten mich, Kusjma Kusjmitsch!“ stotterte Mitjä.
„Er ist kein Hiesiger, und auch jetzt befindet er sich nicht hier. Er ist Bauer, handelt mit Wald und heißt Ljägawyj. Mit Fedor Pawlowitsch verhandelt er schon ein Jahr lang wegen des Waldes von Tschermaschnjä; sie können mit dem Preis nicht übereinkommen, wie Sie vielleicht gehört haben. Jetzt ist er wieder hergekommen und hält sich beim Popen Iljinskij auf, zwölf Werst von der Station Wolowje entfernt, im Dorfe Iljinskoje. Er hat auch an mich in dieser Angelegenheit geschrieben, das heißt, er hat mich wegen des Waldes um Rat gefragt. Fedor Pawlowitsch wollte selbst hinfahren. Wenn Sie jetzt Fedor Pawlowitsch zuvorkommen und dem Ljägawyj dasselbe vorschlagen, was Sie mir vorgeschlagen haben, so könnte er ...“
„Ein genialer Gedanke!“ unterbrach ihn Mitjä begeistert. „Gerade ihm, gerade ihm muß man das in die Hand geben! Er will den Wald kaufen, man verlangt einen hohen Preis von ihm, und da, da gibt man ihm ein Dokument mit dem Anrecht auf den ganzen Besitz in die Hände, hahaha!“ Und Mitjä lachte plötzlich sein trockenes, kurzes Lachen, und zwar so unerwartet, daß Ssamssonoff mit dem Kopf zurückzuckte.
„Wie soll ich Ihnen dafür danken, Kusjma Kusjmitsch!“ stieß Mitjä aufgeregt hervor.
„Ich bitte, nicht der Mühe wert,“ erwiderte Ssamssonoff mit einem Kopfneigen.
„Sie wissen gar nicht, Sie haben mich gerettet, mein Vorgefühl hat mich zu Ihnen geführt ... Also, auf zu diesem Popen! Ich eile, ich fliege sofort ... Ich habe auf Ihre Krankheit keine Rücksicht genommen ... Aber ich werde es Ihnen nie vergessen! Ein russischer Mensch sagt Ihnen das, Kusjma Kusjmitsch, ein russischer Mensch!“
„Sehr wohl.“
Mitjä wollte bereits die Hand des Alten ergreifen, um sie zu schütteln, doch etwas Böses blitzte in dessen Augen auf. Mitjä ließ seine Hand sinken, machte sich aber seines Argwohns wegen sofort Vorwürfe. „Er ist ermüdet ...“ ging es ihm durch den Sinn.
„Für sie! Für sie! Kusjma Kusjmitsch! Sie verstehen mich doch, alles ist ja für sie!“ rief er plötzlich laut durch den ganzen Saal, verbeugte sich, drehte sich auf dem Hacken hastig um und ging mit denselben raschen, gleichmäßigen Schritten, ohne sich umzukehren, dem Ausgang zu. Er zitterte vor Begeisterung. „Alles war schon verloren, da hat mich mein Schutzengel gerettet! ... Und wenn schon selbst solch ein Geschäftsmann wie dieser Alte –, welch ein edler Greis, welch eine Haltung! – mir diesen Ausweg zeigt, so ... so ist doch wenigstens schon der Weg gefunden! Ich werde sofort hinfahren. Vor der Nacht bin ich dann wieder zurück, und die Sache ist erledigt. Der Alte hat sich doch nicht über mich lustig machen wollen?“ So dachte Mitjä bei sich, als er in seine Wohnung eilte. Es konnte ihm auch gar nicht anders scheinen: entweder, es war ein sachlicher Rat (von solch einem Geschäftsmann!) mit Sachkenntnis gegeben, oder – oder aber der Alte hatte sich wirklich über ihn lustig gemacht! Leider war der zweite Gedanke der richtige. Später, lange nachher, als die ganze Katastrophe schon geschehen war, gestand der alte Ssamssonoff selbst lachend, daß er sich über den „Hauptmann“ tatsächlich lustig gemacht hatte. Er war ein böswilliger, kalter und höhnischer Mensch, und dazu war er noch voller krankhafter Abneigungen. Die begeisterte Stimmung des „Hauptmanns“, die dumme Überzeugung dieses „Verschwenders und Verschleuderers“, daß er, Ssamssonoff, auf so einen „wilden Plan“ hereinfallen könnte, die Eifersucht wegen Gruschenka, um derentwillen dieser „Herumtreiber“ zu ihm gekommen war, um für irgendeinen wilden Blödsinn Geld zu erhalten – ich weiß nicht, was in dem Alten in jenem Augenblick aufstieg, als Mitjä vor ihm stand und fühlte, daß seine Füße schwach wurden, und er sinnlos ausrief, daß er verloren sei: aber in dieser Minute sah der Greis mit unendlicher Wut auf ihn und nahm sich vor, ihn zum besten zu haben. Als Mitjä hinausgegangen war, befahl Kusjma Kusjmitsch, bleich vor Zorn, seinem Sohn, dafür zu sorgen, daß von diesem Herumtreiber hinfort selbst nicht der Schatten mehr vor seine Augen komme, nicht einmal auf den Hof solle man ihn lassen, geschweige denn ...
Er beendete seine Drohung nicht, doch der Sohn, der ihn oft im Zorn gesehen hatte, erzitterte vor Furcht, denn so war der Vater noch nie gewesen. Noch eine ganze Stunde nachher bebte der Alte vor Wut, und zum Abend hin erkrankte er und schickte nach dem Arzt.
II. Ljägawyj
So mußte sich Mitjä denn aufmachen, doch Geld, um die Pferde zu bezahlen, besaß er nicht: im ganzen hatte er noch zwei Zwanzigkopekenstücke, das war aber auch alles, was ihm von seinem früheren Wohlstande verblieben war. Aber bei ihm zu Haus lag noch eine alte silberne Uhr, die schon längst zu gehen aufgehört hatte. Er nahm sie und brachte sie zu einem Uhrmacher, einem Juden, der seinen kleinen Laden am Markt hatte. Der gab für sie sechs Rubel. „So viel? Das hatte ich gar nicht erwartet!“ rief Mitjä entzückt aus (er war die ganze Zeit über noch begeistert), steckte sich die sechs Rubel ein und eilte nach Haus. Zu Hause borgte er von seinen Hauswirten noch drei Rubel dazu; sie gaben sie ihm mit Vergnügen, ungeachtet dessen, daß es ihr letztes Geld war – so sehr liebten sie ihn. Mitjä erzählte ihnen sofort in seiner Begeisterung, daß sein Schicksal sich jetzt entscheiden werde, erzählte ihnen in großer Eile fast seinen ganzen „Plan“, den er soeben noch Ssamssonoff vorgelegt hatte, darauf den Rat Ssamssonoffs, alle seine Hoffnungen usw. usw. Die Hauswirte waren auch schon früher in viele seiner Geheimnisse eingeweiht worden und betrachteten ihn als einen zu ihnen Gehörigen, und durchaus nicht als stolzen Herrn Leutnant. Nachdem er auf diese Weise also neun Rubel zusammengebracht hatte, schickte er nach Postpferden, um zur Station Wolowje zu fahren. Auf diese Weise konnte später die Tatsache festgestellt werden, daß Mitjä „_am Tage vor dem Ereignisse_ keinen Kopeken besessen hatte, und daß er, um sich das Geld, das er zur Fahrt nötig hatte, zu verschaffen, seine Uhr verkauft und drei Rubel von den Hauswirten geborgt hatte, und das alles vor Zeugen.“
Ich hebe diese Tatsache schon jetzt hervor, später wird sich erklären, warum ich es tue.
Wenn nun Mitjä auch während der ganzen Fahrt bis zur Station Wolowje, vor Freude darüber, daß jetzt endlich sich alles lösen und „alle diese Gemeinheiten“ ein Ende nehmen würden, förmlich berauscht war, so zitterte er trotz alledem vor Angst bei dem schrecklichen Gedanken: „Was wird Gruschenka während meiner Abwesenheit tun? Wenn sie sich nun gerade heute entschließt, zum Vater zu gehen?“ Darum hatte er ihr auch nicht gesagt, daß er fortfahren werde und den Hauswirten strengstens verboten, zu verraten, wohin er sich begeben hatte, falls jemand kommen sollte, um nach ihm zu fragen. „Ich muß unbedingt, unbedingt noch heute abend zurückkehren,“ sagte er sich immer wieder, „und diesen Ljägawyj müßte man eigentlich mitschleppen, damit man alle Formalitäten sofort erledigen kann ...“ So träumte Mitjä mit bangem Herzen, doch leider sollten sich diese Träume nicht nach seinem „Plane“ verwirklichen. Erstens: er verspätete sich, da er von der Station Wolowje einen Nebenweg eingeschlagen hatte. Der Nebenweg war aber nicht zwölf, sondern achtzehn Werst lang. Zweitens traf er den Iljinskijschen Popen nicht zu Haus, da jener auf ein benachbartes Gut gefahren war. Als Mitjä ihm mit seinen müdegejagten Pferden auf das Gut nachfuhr und ihn endlich fand, wurde es schon Nacht. Das „Väterchen“, dem Äußeren nach ein bescheidener und liebenswürdiger Mensch, erklärte sofort bereitwillig, daß dieser Ljägawyj sich wohl zuerst bei ihm aufgehalten habe, doch jetzt sich in Ssuchoj Possjolok, wo er Wald kaufe, beim Buschwächter befinde, und dort in dessen Hütte übernachten werde. Auf die inständigen Bitten Mitjäs, ihn sofort zu diesem Ljägawyj zu bringen und ihn dadurch zu „retten“, weigerte sich das Väterchen zuerst, schließlich aber willigte es doch ein, ihn nach Ssuchoj Possjolok zu führen, da es augenscheinlich selbst eine große Neugierde empfand. Zum Unglück riet er aber Mitjä, mit ihm zu Fuß dahin zu gehen, da es nur etwas mehr als eine Werst entfernt sei. Mitjä, versteht sich, willigte sofort ein und ging mit seinen langen Schritten drauflos, so daß das arme Väterchen fast hinter ihm herlaufen mußte. Es war das noch kein alter, doch ein sehr vorsichtiger Mensch. Mitjä sprach sofort wieder begeistert mit ihm über seine Pläne, verlangte voll Unruhe seinen Rat in betreff Ljägawyjs und sprach überhaupt den ganzen Weg. Das Väterchen hörte ihm aufmerksam zu, riet ihm aber wenig. Auf die Fragen Mitjäs antwortete es ausweichend: „Ich weiß es nicht, ich, ich weiß es nicht, wie soll ich das wissen“ usw. Als Mitjä von seinen Streitigkeiten mit Fedor Pawlowitsch wegen seiner Erbschaft erzählte, erschrak das Väterchen sogar, da es in irgendwelchen Dingen von Fedor Pawlowitsch abhängig war. Mit Verwunderung fragte der Pope übrigens Mitjä, warum er diesen Holzhändler Gorstkin „Ljägawyj“ nannte, und er erklärte Mitjä ausführlich, daß jener, wenn er auch Ljägawyj hieße, sich doch nicht Ljägawyj nenne; mit diesem Namen kränke man ihn bis aufs Blut, und Mitjä solle ihn nur ja Gorstkin anreden, denn sonst würde aus der Sache nichts werden, und „er würde Sie überhaupt nicht anhören“, schloß das Väterchen. Mitjä war darüber sehr verwundert und erklärte ihm, daß Ssamssonoff selbst jenen Holzhändler so genannt habe! Als der Priester das hörte, brach er das Gespräch sofort ab, obgleich es besser gewesen wäre, wenn er Mitjä seinen Verdacht mitgeteilt hätte: daß Ssamssonoff, wenn er ihn zu diesem Bauer, als zu „Ljägawyj“ geschickt hat, sich über ihn nur habe lustig machen wollen, und daß dabei etwas nicht ganz in Ordnung sein müsse. Doch Mitjä hatte keine Zeit, jetzt „an solche Kleinigkeiten“ zu denken. Er beeilte sich, schritt weit aus, und erst, als er in Ssuchoj Possjolok angelangt war, erriet er, daß sie nicht eine Werst, wohl aber drei Werst gegangen waren; das ärgerte ihn ein wenig, aber er schwieg darüber. Sie traten in die Hütte. Der Buschwächter, ein Bekannter des Väterchens, wohnte in der einen Hälfte der Hütte, in der anderen, in der „guten Stube“, rechts vom Flur, hatte sich Gorstkin einquartiert. Sie traten in die gute Stube, und es wurde für sie sofort ein Talglicht angezündet. Die Stube war stark geheizt. Auf einem Tannenholztisch stand ein verlöschter Ssamowar, ein Teebrett mit Tassen, eine geleerte Flasche Rum, ein fast geleerter Liter Branntwein und Reste von Weizenbrot. Der Angereiste selbst lag ausgestreckt auf einer Holzbank, hatte seinen zusammengerollten Überrock statt eines Kissens unter den Kopf geschoben und schnarchte laut. Mitjä war einen Augenblick unentschlossen. „Man muß ihn wecken! Meine Angelegenheit ist zu wichtig, und ich habe es so eilig, ich muß heute noch zurückfahren,“ sagte Mitjä in seiner Erregung; das Väterchen und der Wächter standen dabei, schweigend, und keiner äußerte seine Meinung. Mitjä ging zum Schlafenden und versuchte ihn zu wecken, rüttelte ihn kräftig, aber der Schlafende wachte nicht auf. „Er ist betrunken!“ rief Mitjä erschrocken aus, „was soll ich jetzt tun, mein Gott, was soll ich jetzt tun!“ Und plötzlich begann er in seiner Ungeduld den Schlafenden an den Händen und Füßen zu zerren, seinen Kopf zu schütteln, ihn aufzuheben und auf die Bank zu setzen, doch seine ganze lange Liebesmüh war umsonst: der Betrunkene brummte und grunzte nur und fing schließlich an kräftig, wenn auch undeutlich zu schimpfen.
„Nein, besser, Sie schieben es noch auf,“ sagte endlich das Väterchen, „er ist augenblicklich nicht imstande ...“
„Er hat den ganzen Tag getrunken,“ berichtete nun auch der Buschwächter.
„Mein Gott!“ rief Mitjä ganz verzweifelt, „wenn Sie nur wüßten, wie sehr die Sache drängt, in welch einer Verzweiflung ich mich jetzt befinde!“
„Aber es wäre auch für Sie besser, bis zum Morgen zu warten,“ meinte wieder das Väterchen.
„Bis zum Morgen? Erbarmen Sie sich, das ist unmöglich!“ Und in seiner Verzweiflung wollte er sich wieder auf den Betrunkenen stürzen, um ihn zu wecken, doch ließ er sofort davon ab, da er die Nutzlosigkeit dieser Anstrengung einsah. Der Pope schwieg, der verschlafene Wächter stand mit düsterer Miene da.
„Herrgott, welche furchtbaren Tragödien die Wirklichkeit doch mit den Menschen aufführt!“ rief Mitjä verzweifelt aus. Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er stand schweigend da. Das Väterchen benutzte den Augenblick, um ihm noch einmal vernünftig zuzureden: daß, wenn es ihm auch gelänge, den Schlafenden aufzuwecken, dieser in seiner Betrunkenheit doch nicht zu solch einem Gespräch fähig sein werde, „und da Ihre Sache von so großer Wichtigkeit ist, so wäre es besser, sie bis zum Morgen aufzuschieben ...“ Mitjä breitete nur die Arme aus und schickte sich wohl oder übel drein.