Part 44
Über die Diener füge ich aber noch folgendes hinzu: Früher in meiner Jugend ärgerte ich mich viel über sie: die Köchin hatte zu heiß angerichtet oder der Bursche die Kleider nicht genügend rein gebürstet. Aber plötzlich leuchtete der Gedanke meines lieben Bruders in mir auf, den ich in meiner Kindheit oftmals von ihm aussprechen gehört hatte: „Bin ich wert, daß ein anderer mich bedient, und habe ich das Recht, ihn wegen seiner Armut und Unwissenheit schlecht zu behandeln?“ Ich war erstaunt damals, wie die allereinfachsten und klarsten Gedanken uns so spät in den Sinn kommen. Ohne Diener kann die Welt nicht auskommen, aber du sollst so handeln, daß dein Diener freier im Geiste ist, als er wäre, wenn er nicht dein Diener sein würde. Und warum soll ich nicht meinem Diener ein Diener sein, und zwar so, daß er fühlt, daß ich es ohne jeglichen Stolz oder Hochmut meinerseits bin – und ohne in ihm Mißtrauen zu erwecken? Warum soll ich zu meinem Diener nicht sein wie zu einem Verwandten, und warum soll ich ihn nicht ganz in meine Familie aufnehmen und mich dessen freuen? Das ist auch jetzt schon ausführbar und würde zur Grundlage der großen zukünftigen Einigung der Menschen dienen, in der der Mensch sich keine Diener suchen und nicht mehr wünschen wird, seinesgleichen sich dienstbar zu machen, wie er jetzt tut, sondern im Gegenteil, aus allen Kräften wünschen wird, allen ein Diener nach dem Evangelium zu werden. Und ist das wirklich nur ein Traum, daß der Mensch schließlich seine Freude in Fortschritten der Erleuchtung und Mildtätigkeit finden wird und nicht an den grausamen Freuden der Üppigkeit, Unzucht, Hoffart, Prahlerei und in der Überhebung des einen über den anderen? Ich glaube fest daran, daß diese Zeit nicht mehr fern ist. Man wird wohl lachend fragen: wann wird denn diese Zeit kommen, und wird sie dann auch diesem Traume ähnlich sein? Ich aber denke, daß wir mit dem Vorbild Christi diese große Tat vollführen werden. Wieviel Ideen gibt es doch auf der Erde und in der Geschichte der Menschheit, die noch vor zehn Jahren undenkbar waren, und die doch plötzlich auftauchten, als für sie die geheimnisvolle Stunde geschlagen hatte, und die sich dann über die ganze Erde verbreiteten. So wird es auch bei uns sein, unser Volk wird die Welt erleuchten, und die ganze Welt wird sagen: „Der Stein, den die Baumeister verwarfen, ist zum Eckstein geworden.“ Und die Spötter sollte man fragen: Wenn das bei uns nur Träume sein sollen, wie werdet ihr dann euer Gebäude nur mit eurem Verstande und ohne Christus aufbauen? An ihre Versicherung, daß auch sie auf ihrem Wege schließlich zur Einigung der Menschheit gelangen werden, glauben in Wahrheit nur die Einfältigsten unter ihnen, und über diese Einfältigkeit kann man sich wirklich nur wundern, denn wahrlich ihre phantastischen Träume bauen sich auf keiner einzigen Tatsache auf. Sie denken alles ohne Christum gerecht aufzubauen, aber sie werden damit enden, daß sie die Welt mit Blut überschwemmen, denn Blut schreit nach Blut, und das Schwert wird nur durch das Schwert vergehen. Und wenn die Verheißung Christi nicht wäre, so würden sie sich auf Erden gegenseitig bis auf die zwei letzten Menschen vertilgen. Auch diese letzten Zwei würden nicht verstehen, sich in ihrem Stolze zu bändigen, so daß der Letzte den Vorletzten vernichten würde und zuletzt sich selbst. So würde es geschehen, wenn die Welt nicht durch die Verheißung Christi um der Frommen und Demütigen willen erhalten bliebe. Damals nach dem Duell, sprach ich, noch in der Offiziersuniform, in der Gesellschaft einmal über diese Frage, und ich erinnere mich, alle waren sie erstaunt über mich: „Was, sollen wir unsere Dienstboten auf das Sofa setzen und ihnen den Tee reichen?“ Ich gab ihnen aber zur Antwort: „Warum denn nicht, und wenn es auch nur ein einziges Mal geschieht?“ Sie lachten darüber. Ihre Frage war leichtsinnig, und meine Antwort war unklar, aber ich denke, etwas Wahres war doch in ihr enthalten.
g) Vom Gebet, von der Liebe und von der Berührung mit anderen Welten
Jüngling, vergiß nicht das Gebet. Jedesmal, wenn dein Gebet aufrichtig ist, taucht eine neue Empfindung in dir auf und mit ihr ein neuer Gedanke, den du früher nicht gekannt hast; er wird dich von neuem stärken, und du wirst begreifen, daß Gebet Erziehung ist. Vergiß auch nicht, jeden Tag und so oft du nur kannst, also zu beten: „Herr, erbarme dich aller, die vor dich hintreten.“ Denn in jeder Stunde und in jedem Augenblick verlassen Tausende von Menschen ihr Leben auf dieser Erde, und ihre Seelen treten vor Gott – und viele von ihnen scheiden einsam von dieser Erde, von niemand gekannt, in Kummer und Trauer, daß sich niemand um sie bekümmert, ja, nicht einmal gewußt hat, ob sie gelebt haben oder nicht. Und siehe, vom anderen Ende der Welt erhebt sich dein Gebet zu dem Herrn und bittet um die Seelenruhe des Verlassenen, obgleich du ihn nicht kanntest und er nicht dich. Wie wird es aber seiner Seele sein, wenn er in dem Augenblick, da er in Furcht vor Gott steht, fühlt, daß auch für ihn jemand betet, und daß auf der Erde ein menschliches Wesen lebt, das auch ihn lieb hat? Ja, und auch Gott wird milde auf euch beide schauen, denn hast selbst du mit ihm Mitleid, um wieviel mehr wird er Mitleid haben, der so unendlich viel mildtätiger und mitleidiger ist als du? Und er wird ihm vielleicht um deinetwillen vergeben. Brüder, vor der Sünde der Menschen schreckt nicht zurück, liebet den Menschen auch in seiner Sünde, denn das ist das Ebenbild der göttlichen Liebe und das Höchste der Liebe. Liebet die ganze Schöpfung Gottes, das ganze All, wie jedes Sandkörnchen. Jedes Blättchen, jeden Strahl Gottes liebet. Liebet die Tiere, liebet jegliches Gewächs und jegliches Ding. Wenn du jedes Ding lieben wirst, so wird sich dir das Geheimnis Gottes in den Dingen offenbaren. Ist dir dies offenbar geworden, so wirst du jeden Tag immer mehr und mehr die Wahrheit erkennen. Und schließlich wirst du die ganze Welt mit allumfassender Liebe umspannen. Liebet die Tiere, denn Gott hat ihnen den Urgrund des Denkens und harmlose Freudigkeit verliehen. Stört sie nicht, quält sie nicht, nehmet ihnen nicht die Freude, handelt dem Gedanken Gottes nicht zuwider. Der Mensch überhebe sich nicht den Tieren gegenüber, sie sind sündlos, du aber, Mensch, mit deiner Größe, du versetzest mit deinem Erscheinen die Erde in Fäulnis und läßt Spuren der Verwesung hinter dir, und leider tut das fast jeder von uns! Besonders liebet aber die Kinder, denn sie sind sündlos wie Engel. Sie leben zu unserer Freude, zur Reinigung unserer Herzen als Hinweis und Beispiel für uns. Wehe dem, der ein Kind kränkt. Mich lehrte der Pater Anfim die Kinder lieben; er ist gut und schweigsam. Auf unserer Wanderschaft kaufte er ihnen für die wenigen Kopeken, die man ihm schenkte, Pfefferkuchen und Zuckerwerk; er konnte an ihnen nicht vorübergehen, ohne daß sein Herz erbebte. So ist der Mensch. Vor gar manchem Gedanken bleibt man im Zweifel befangen stehen, besonders wenn man die Sünden der Menschen sieht, und man fragt sich: „Soll man es mit Gewalt anfassen oder mit demütiger Liebe?“ Entscheide dich immer für „demütige Liebe.“ Wenn du dich ein für allemal dazu entschlossen hast, so wirst du die ganze Welt bezwingen. Die „demütige Liebe“ ist eine furchtbare Kraft; sie ist die allergrößte Kraft, und ihresgleichen gibt es nicht. Jeden Tag, jede Stunde und jede Minute gib acht auf dich, damit dein Antlitz rein sei. Wenn du böse mit einem schlechten Wort und haßerfüllter Seele an einem Kinde vorbeigehst, das du vielleicht nicht einmal beachtet hast, und es sieht dein häßliches und verzerrtes Antlitz – siehe, so prägt es sich in sein schutzloses Herzchen ein. Du weißt es nicht einmal und hast doch Schlechtes in sein Herz gesät, und der schlechte Same wird aufgehen, und das alles nur, weil du in der Gegenwart des Kindes nicht auf dich acht gegeben hast, und weil du keine umsichtige und tatkräftige Liebe in deinem Herzen hegtest. Brüder, die Liebe ist eine große Lehrerin, man muß verstehen, sie zu erwerben; das aber ist sehr schwer – man muß sie teuer erkaufen durch lange andauernde Arbeit, denn nicht zufällig und auf einen Augenblick muß man lieben, sondern fortwährend und ewig. Zufällig kann jeder lieben, sogar der Bösewicht kann zufällig lieben. Mein Bruder bat die Vöglein um Verzeihung. Das scheint einem sinnlos, und doch tat er recht, denn alles ist wie ein Ozean, alles fließt und berührt sich. An einem Ende der Welt verursachst du eine Bewegung, und am anderen Ende der Welt hallt sie wider. Mag es sinnlos sein, die Vöglein um Verzeihung zu bitten, doch den Vögeln, den Kindern, ja, allen Tieren wäre es leichter in deiner Nähe, wenn du selbst besser und begeisterter wärest, und wenn auch nur um ein wenig mehr als sonst. Alles ist wie ein Ozean, sage ich euch. Wärest du besser, so würdest du auch zu den Vöglein beten, in Begeisterung und Verzückung, gequält von deiner allumfassenden Liebe, und du würdest bitten, daß sie dir deine Sünde verzeihen. Halte fest deine Begeisterung, wie sinnlos sie den Menschen auch scheine.
Meine Freunde, bittet Gott um Fröhlichkeit, seid fröhlich wie die Kinder, wie die Vögel des Himmels. Und die Sünde der Menschen soll euch nicht bekümmern in eurer Tätigkeit, und fürchtet euch nicht, daß sie euch an der Vollendung eurer Tat hindern könnte, saget nicht: „Stark ist die Sünde, stark ist die Ehrlosigkeit, stark ist die schlechte Umgebung, wir stehen allein und sind machtlos, die schlechten Einflüsse werden uns verderben und uns an der Vollendung unseres guten Werkes hindern.“ Laßt solch eine Verzagtheit fern von euch sein, meine Kinder! Dafür gibt es nur eine Rettung. Mache dich selbst für die Sünden der Menschen verantwortlich. Ja, mein Freund, es ist in Wahrheit so, wenn du dich nur aufrichtig für alle und alles verantwortlich machst, so wirst du auch einsehen, daß es in der Tat so ist, daß du allen gegenüber für alle schuldig bist. Wenn du aber deine Faulheit und deine Ohnmacht den Menschen zur Last legst, so wirst du in satanischen Hochmut verfallen und wider Gott murren. Vom satanischen Hochmut denke ich folgendes: Es ist schwer, ihn hier auf Erden immer zu erkennen, darum können wir ihm so leicht verfallen, selbst wenn wir meinen, groß und gut zu handeln. Ja, viele der stärksten Regungen und Gefühle unserer Natur können wir, solange wir auf Erden sind, nicht durchschauen und erkennen, aber lasse dich nicht verführen zu denken, daß das zu deiner Rechtfertigung dienen könnte, denn der ewige Richter fragt dich nicht nach dem, was du nicht erreichen, sondern nach dem, was du erreichen konntest. Du wirst dich noch selbst davon überzeugen, wenn du das berücksichtigst, und du wirst alles richtig erkennen und mit niemandem mehr hadern. Wahrlich wir irren auf der Erde herum, und wenn wir das Vorbild Christi nicht hätten, so würden wir uns gänzlich verirren und schließlich umkommen wie das Menschengeschlecht vor der Sintflut. Vieles auf der Erde ist uns verborgen, dafür ist uns aber das geheimnisvolle Bewußtsein der lebendigen Bande mit einer anderen Welt verliehen, mit einer höheren und erhabeneren Welt, denn unsere Gedanken und Gefühle hier auf Erden wurzeln in anderen Welten. Darum behaupten auch die Philosophen, daß man das Wesen der Dinge hier auf Erden nicht erkennen könne. Gott nahm die Samen, die er auf unsere Erde säte, aus anderen Welten, und es erwuchs ihm sein Garten, und alles ist aufgegangen, was aufgehen konnte, und alles, was wahrhaft lebendig ist, ist nur durch das Bewußtsein der Berührung mit den anderen geheimnisvollen Welten lebendig; wenn sich dieses Gefühl abschwächt, oder wenn es abstirbt, so stirbt auch das Lebendige in dir. Dann wirst du auch dem Leben gegenüber gleichgültig und kannst es sogar hassen. Also denke ich.
h) Kann man Richter über seinesgleichen sein? Vom Glauben bis ans Ende
Vergiß vor allem nicht, daß du niemandes Richter sein kannst. Es kann niemand auf Erden eher ein Richter eines Verbrechers sein, als bis er eingesehen hat, daß er genau solch ein Verbrecher ist wie dieser, der vor ihm steht, und daß er am Verbrechen des vor ihm Stehenden mehr als Alle schuld ist. Wenn er das erkannt hat, dann erst kann er Richter sein. Wie unsinnig das auch scheinen mag, so ist es doch die einzige Wahrheit. Denn wäre ich selbst gerecht, so stünde vielleicht vor mir kein Verbrecher. Vermagst du aber das Verbrechen des vor dir stehenden und des von deinem Herzen verurteilten Verbrechers auf dich zu nehmen, so tue es, ohne zu zögern, und leide für ihn; ihn selbst aber entlasse ohne jegliche Vorwürfe. Und wenn das Gesetz dich selbst zum Richter über ihn bestimmt, so sollst du in diesem Sinne wirken, denn er wird fortgehen und sich viel bitterer noch verurteilen, als das Gericht es vermocht hätte. Geht er aber deiner Güte unempfindlich fort und lacht er über dich, so ärgere dich nicht darüber, denn das bedeutet nur, daß seine Zeit noch nicht gekommen ist. Und sollte sie auch nie für ihn kommen, so ist es gleichgültig. Wenn nicht er, so wird ein anderer erkennen und erleiden und wird sich selbst verurteilen und beschuldigen, und so wird dem Recht Genüge getan werden. Glaube daran, glaube unverbrüchlich daran, denn gerade hierin liegt die ganze Zuversicht und der ganze Glaube der Heiligen.
Wirke unermüdlich. Wenn du in der Nacht aus dem Schlafe erwachst und dir sagen mußt: „Ich habe nicht getan, was ich hätte tun sollen,“ so erhebe dich sofort und tue es. Wenn dich böse und gefühllose Menschen umgeben und über dich lachen und dich nicht hören wollen, so falle vor ihnen nieder und bitte sie um Vergebung, denn du bist in Wahrheit selbst schuld daran, daß sie dich nicht anhören wollen. Wenn du aber mit den Verbitterten nicht mehr reden kannst, so diene ihnen schweigend und in Demut, ohne je deine Hoffnung zu verlieren. Wenn aber alle dich verlassen und mit Gewalt dich von sich stoßen und dich von allem ausschließen, so falle zur Erde nieder und küsse die Erde, netze sie mit deinen Tränen, und die Erde wird aus deinen Tränen Frucht bringen, obgleich dich niemand gesehen noch gehört hat in deiner Einsamkeit. Glaube bis ans Ende, und wenn es auch sein sollte, daß alle sich vom Glauben abwendeten und nur du allein treu bliebest, so bringe auch dann deine Opfer und lobe Gott. Und wenn sich dann noch einer wie du zu dir gesellt – siehe, dann ist bei euch die ganze Welt, die Welt der lebendigen Liebe: umarmt euch beide in Begeisterung und lobet Gott, denn, wäre es auch nur in euch beiden, so hat sich doch die Wahrheit Gottes bewährt.
Wenn du selbst sündigst und zu Tode betrübt bist wegen deiner Sünden, oder wenn du plötzlich in Sünde verfällst, so freue dich über den anderen, über den Gerechten, freue dich, daß, während du sündigtest, er gerecht blieb.
Wenn die Bosheit der Menschen dich bis zum Unmut und unerträglichen Kummer aufreizt, so daß in dir der Wunsch sich erhebt, Rache an den Bösewichtern zu nehmen, so fürchte dich am meisten vor diesem Gefühl, gehe sofort und suche dir Qualen, als wenn du allein an der Bosheit der Menschen schuldig wärest. Nimm die Qualen auf dich und erleide sie, und dein Herz wird sich beruhigen, und du wirst verstehen, daß du selbst schuld hast, denn du hättest als einziger Reiner den Bösewichtern leuchten können, und du hast nicht geleuchtet. Wenn du aber hättest leuchten können, so hättest du mit deinem Licht anderen den Weg erleuchtet, und derjenige, der die böse Tat vollführt hat, hätte sie in deinem Lichte unterlassen. Und selbst, wenn du ihnen geleuchtet hättest, und wenn du siehst, daß du die Menschen mit deinem Licht nicht retten kannst, so verzweifle nicht an der Kraft des himmlischen Lichtes; glaube daran, daß es sie, wenn nicht jetzt, so doch später retten wird. Wenn aber auch sie nicht gerettet werden, so werden es ihre Kinder, denn dein Licht stirbt nicht, wenn auch du schon gestorben bist. Der Gerechte geht dahin, doch sein Licht bleibt. Sie bekehren sich ja immer erst nach dem Tode des Bekehrers. Das Menschengeschlecht erkennt seine Propheten nicht an und läßt sie umkommen, aber seine Märtyrer liebt es und diejenigen, die seinetwegen gepeinigt wurden. Du arbeitest für das Ganze, du schaffst für das Kommende. Lohn suche du nie, denn ohnehin ist dein Lohn hier auf Erden groß: diese Freudigkeit im Geiste erlangt nur der Gerechte. Fürchte nicht den Vornehmen und nicht den Mächtigen, und sei immer ein Weiser und Begeisterter.
Halte Maß und halte die Frist ein und lerne erkennen. Wenn du allein bleibst, so bete. Liebe die Erde und bedecke sie mit deinen Küssen. Küsse die Erde unermüdlich, liebe unersättlich, liebe alle und liebe alles, suche die Begeisterung und die Ekstase der Liebe. Benetze die Erde mit deinen Tränen der Freude und liebe diese deine Tränen. Und halte diese deine Begeisterung hoch, denn sie ist ein großes Geschenk Gottes, das nicht vielen verliehen wird, sondern nur den Auserwählten.
i) Von der Hölle und vom höllischen Feuer. Eine mystische Betrachtung
Meine Väter und Lehrer, was ist die Hölle? Ich denke, sie ist der Schmerz darüber, daß man nicht mehr zu lieben vermag. Nur einmal wird im unendlichen Sein, außerhalb von Zeit und Raum, einem geistigen Wesen mit seinem Erscheinen auf der Erde die Fähigkeit verliehen, sich zu sagen: „Ich bin, und ich liebe.“ Einmal, nur einmal war ihm der Augenblick tätiger, lebendiger Liebe und dazu ein Leben hier auf Erden gegeben worden, und mit ihm Zeit und Gelegenheit. Dieses glückliche Wesen aber wies diese unschätzbare Gabe von sich, schätzte sie nicht, liebte nicht, spottete der Liebe und blieb gefühllos. Nachdem dieses Wesen gefühllos von der Erde geschieden war, schaute es Abrahams Schoß und redete mit Abraham, wie uns das Gleichnis vom Reichen und von Lazarus lehrt, und schaute das Paradies und konnte zum Herrn eingehen. Da fing es den Abgeschiedenen zu quälen an, daß er zum Herrn kommt, ohne geliebt zu haben, und mit denen zusammen treffen muß, die er zu lieben verschmäht hatte. Denn nun sah er klar und sagte zu sich selbst: „Jetzt habe ich die Erkenntnis, aber wie es mich auch dürstet zu lieben, ich kann meine Liebe jetzt doch nicht mehr betätigen, kann ihr kein Opfer mehr bringen, denn mein Erdenleben ist nun zu Ende, und Abraham wird nicht kommen, um auch nur mit einem Tropfen lebendigen Wassers (das wäre die Verleihung des früheren tätigen Erdenlebens) die Flamme meines Liebesdurstes zu kühlen, in der ich jetzt brenne, nachdem ich auf Erden zu lieben verschmäht hatte. Zeit und Leben gibt es jetzt nicht mehr. Froh wäre ich, mein Leben für andere hinzugeben, aber auch das kann ich ja nicht mehr, denn vorüber ist dieses Leben, das ich der Liebe hätte zum Opfer bringen können, und jetzt liegt ein Abgrund zwischen jenem Leben und diesem Sein.“ Man spricht vom Höllenfeuer im materiellen Sinne; ich will dieses Mysterium nicht erforschen und fürchte mich davor, aber wenn es wirklich eine materielle Flamme geben sollte, so könnte man sich in Wahrheit darüber freuen, denn ich denke daß eine physische Qual doch auf einen Augenblick die viel schrecklichere geistige Qual vergessen macht. Und die Menschen von dieser seelischen Qual zu erlösen, das ist unmöglich, denn es ist keine äußere, sondern eine innere Qual. Und wenn es möglich wäre, sie ihnen zu nehmen, so, denke ich, würden sie nur noch bitterer leiden. Denn wenn die Gerechten aus dem Paradiese beim Anblick ihrer Qualen ihnen auch verzeihen und sie in ihrer unendlichen Liebe zu sich nehmen würden, so würden sie damit ihre Qualen nur vergrößern und die Flamme ihres Durstes nach tätiger Liebe, die ihnen nicht mehr möglich ist, nur noch anfachen. In der Schüchternheit meines Herzens denke ich indessen, daß gerade das Bewußtsein dieser Unmöglichkeit ihnen schließlich zur Erleichterung dienen müßte, denn indem sie die Liebe der Gerechten, ohne sie erwidern zu können, annehmen müssen, werden sie in ihrer Demut und Ergebung ein Abbild der tätigen Liebe, die sie auf der Erde verschmäht haben, oder eine ihr ähnliche Betätigung finden ... Ich bedaure es, meine Brüder und Freunde, daß ich mich darüber nicht klarer auszudrücken vermag, aber wehe denen, die auf Erden sich selbst vernichteten, wehe den Selbstmördern! Ich denke, unglücklicher als diese kann keiner mehr werden. Uns wird verboten, für sie zu beten, und die Kirche wendet sich öffentlich von ihnen ab. Ich aber denke im Geheimen meiner Seele, daß man auch für sie beten kann. Um der Liebe willen wird Christus nicht zürnen. Für diese habe ich innerlich mein ganzes Leben lang gebetet, das vertraue ich euch an, meine Väter und Lehrer, und noch jetzt bete ich für sie jeden Tag.
Oh, in der Hölle gibt es auch solche, die stolz und grausam gelebt haben, trotz ihrer Erkenntnis der ganzen Wahrheit; sie sind furchtbar, die sich ganz und gar und auf immer dem Satan ergeben haben, und seinem stolzen Geiste. Für diese ist die Hölle etwas Freiwilliges und Unersättliches; sie sind aus eigenem freien Willen Märtyrer, und sie verfluchen sich selbst, indem sie Gott und das Leben verfluchen. Sie nähren sich von ihrem böswilligen Hochmut, wie ein Verhungernder in der Wüste sein Blut aus dem eigenen Körper aussaugt. Sie sind unersättlich bis in alle Ewigkeit. Sie weisen die Vergebung Gottes zurück und fluchen Gott, der sie ruft. Den lebendigen Gott können sie nicht ohne Haß erkennen, und sie verlangen, daß man das Leben Gottes vernichte, daß Gott sich selbst und seine ganze Schöpfung vernichte. Und sie werden ewig im Feuer ihres Zornes schmachten und nach Tod und Nichtsein verlangen. Doch nie wird der Tod ihnen Erlösung bringen.