Part 43
„Ich,“ sagte er, „... ich habe, glaube ich, etwas vergessen ... mein Taschentuch, glaube ich. Nun, und wenn ich auch nichts vergessen habe, erlauben Sie mir, mich zu setzen ...“
Er setzte sich. Ich stand vor ihm. „Setzen Sie sich gleichfalls.“ Ich setzte mich. So saßen wir etwa drei Minuten, er sah mich starr fixierend an, und plötzlich lächelte er, stand auf, umarmte mich und küßte mich.
„Behalte es im Gedächtnis,“ sagte er, „wie ich zum zweitenmal zu dir gekommen bin. Hörst du, behalte es!“
Zum erstenmal nannte er mich du. Er ging fort. „Morgen,“ dachte ich.
Und so war es auch. Ich aber wußte an jenem Abend nicht, daß er den Tag darauf seinen Geburtstag feierte. In der letzten Zeit war ich gar nicht ausgegangen und hatte es von niemandem erfahren können. An diesem Tage pflegte sich die ganze Stadt bei ihm zu versammeln. Auch dieses Mal gab es eine große Gesellschaft. Und siehe, nach dem großen Festessen, stellte er sich in die Mitte des Zimmers, in den Händen hält er ein Papier – die formelle Anzeige an die Obrigkeit. Da aber alle hohen Gerichtspersonen bei ihm versammelt waren, so las er den Bericht den Anwesenden laut vor, – die ganze Beschreibung seines Verbrechens bis in alle Einzelheiten! „Als einen Auswurf des Menschengeschlechts scheide ich mich selbst aus der Mitte der Menschen, Gott hat mich heimgesucht,“ – damit schloß er seine Anschuldigung. – „Ich will dafür leiden.“ Darauf breitete er die gestohlenen Gegenstände auf dem Tisch aus, die Beweise seines Verbrechens, die er vierzehn Jahre lang bei sich aufbewahrt hatte. Die Goldsachen der Erschlagenen, mit denen er den Verdacht von sich abgelenkt hatte, das Medaillon und das Kreuz, die er ihr vom Halse genommen – im Medaillon das Bild ihres Verlobten; ferner ihr Notizbuch und zwei Briefe: der Brief ihres Verlobten an sie, mit der Nachricht seiner baldigen Rückkehr, und ein Brief von ihr, den sie angefangen, aber nicht beendigt hatte, und der auf dem Schreibtisch liegen geblieben war, um am nächsten Tage abgesandt zu werden. Beide Briefe hatte er an sich genommen – weshalb? Und weshalb hatte er sie vierzehn Jahre lang aufbewahrt, statt sie als Beweisstücke zu vernichten? Und was geschah darauf? Alle gerieten in Verwunderung und in Schrecken, und niemand wollte es glauben, obgleich sie ihm alle mit großer Aufmerksamkeit und Neugier zugehört hatten, wenn auch mehr wie einem Kranken. Nach einigen Tagen wurde denn auch von allen behauptet, daß der unglückliche Mensch seinen Verstand verloren habe. Die Obrigkeit und das Gericht mußten die Sache, ob sie wollten oder nicht, aufnehmen, aber auch sie zögerten: denn obwohl die vorgewiesenen Sachen und die Briefe zu denken gaben, kam man doch zu dem Schluß, daß, wenn die Dokumente sich auch als richtig erweisen sollten, man ihn schließlich nicht nur auf Grund dieser Dokumente verurteilen konnte. Denn die Sachen hätte er ebensogut als ihr Bekannter und Vertrauensmann von ihr erhalten können. Übrigens hörte ich später, daß die Sachen von vielen Bekannten und Verwandten der Ermordeten erkannt worden wären. Aber wieder war es auch dieses Mal der Sache nicht bestimmt, zu einem Abschluß zu kommen. – Fünf Tage nachher erfuhren wir alle, daß er erkrankt war, und man meinte allgemein, es sei ein Herzleiden; auch wurde bekannt, daß seine Frau alle Doktoren zusammenberufen hatte, damit sie ihn auf seinen Geisteszustand hin untersuchten. Deren Urteil aber lautete – Geistesstörung. Ich sagte niemandem etwas von dem, was ich wußte, obgleich man mich über ihn ausfragen wollte; als ich ihn aber zu besuchen wünschte, da überhäufte man mich mit Vorwürfen, besonders seine Gemahlin tat es: „Sie sind es, der ihn so erschüttert hat, wenn er auch schon früher immer finster war, so ist doch allen seine ungewöhnliche Erregung, sein sonderbares Benehmen in jüngster Zeit aufgefallen. Sie haben ihn ins Verderben gestürzt, haben ihn beeinflußt, er hat den ganzen Monat nur bei Ihnen gesessen.“ Und nicht nur seine Frau, nein, alle in der Stadt stürzten sich auf mich und beschuldigten mich. „Das alles haben Sie getan.“ Ich schwieg, und in meinem Herzen freute ich mich; ich erkannte die Gnade Gottes gegen ihn, der sich aus eigener Kraft aufgerichtet hatte. An eine Geistesstörung glaubte ich selbstverständlich nicht. Schließlich ließ man mich zu ihm: er hatte darauf bestanden – um sich von mir zu verabschieden. Ich trat zu ihm ins Zimmer und bemerkte sofort, daß nicht nur seine Tage, sondern seine Stunden gezählt waren. Er war schwach, gelb, und seine Hände zitterten; er atmete schwer, doch sein Blick war freudig und gerührt.
„Es ist vollbracht! lange schon habe ich mich danach gesehnt mit dir zu sprechen, warum kamst du nicht?“
Ich sagte ihm nicht, daß man mich nicht vorgelassen hatte.
„Gott erbarmt sich meiner und ruft mich zu sich. Ich weiß, daß ich sterbe, aber Freude und Friede fühle ich jetzt nach so viel Jahren zum erstenmal in meinem Herzen. Sofort erschloß sich in meiner Seele das Paradies, sobald ich’s nur ausgeführt hatte! Jetzt wage ich wieder, meine Kinder zu lieben und zu liebkosen. Man glaubt mir nicht, weder meine Frau noch meine Richter. Meine Kinder werden mir niemals glauben. Darin sehe ich Gottes Gnade zu meinen Kindern. Ich sterbe und mein Name bleibt für sie unbefleckt. Und ich fühle schon im voraus den ewigen Gott, und mein Herz freut sich wie im Paradiese ... Ich habe meine Schuldigkeit getan ...“
Er konnte nicht weiter sprechen, er atmete schwer, heiß drückte er mir die Hand, und mit glänzenden Augen sah er mich an. Doch lange konnten wir nicht zusammen bleiben; seine Frau kam immer wieder ins Zimmer, um nach uns zu sehen. Doch konnte er mir noch zuflüstern:
„Erinnerst du dich, wie ich das letztemal zu dir kam, um Mitternacht? Ich befahl dir, das zu behalten. Weißt du, warum ich wieder bei dir eintrat? Ich wollte dich erschlagen!“
Ich schrak zusammen.
„Ich kam – damals – von dir. In der Dunkelheit wanderte ich durch die Straßen und kämpfte mit mir. Und plötzlich haßte ich dich so sehr, daß mein Herz es kaum ertragen konnte. ‚Jetzt,‘ dachte ich, ‚ist er der einzige, der es weiß und mein Richter ist, und jetzt kann ich gar nicht mehr meiner Strafe entgehen.‘ Nicht, daß ich fürchtete, du würdest mich verraten, daran habe ich mit keinem Gedanken gedacht, aber ich sagte mir: ‚Wie werde ich ihm noch in die Augen sehen können, wenn ich es nicht morgen tue?‘ Und wenn du auch am Ende der Welt wärest, es wäre mir einerlei, so lebtest du doch, und der Gedanke, daß du lebst und alles weißt und mich verurteilst, dieser Gedanke wäre mir unerträglich gewesen. Ich haßte dich, als wärest du der Grund zu allem, und als wärest du an allem schuld. Ich kehrte damals zu dir zurück, denn ich wußte, auf deinem Tisch lag dein Dolch. Ich setzte mich und bat dich, dich gleichfalls zu setzen, und ich überlegte es mir noch eine Minute lang. Wenn ich dich aber getötet hätte, so wäre ich dieses Mordes wegen zugrunde gegangen, selbst wenn ich von meinem früheren Verbrechen nichts gesagt hätte. Doch daran dachte ich nicht und wollte ich auch in dieser Minute nicht denken. Ich haßte dich und wollte mich für alles an dir rächen. Aber Gott besiegte den Teufel in meinem Herzen. Wisse aber, daß du dem Tode nie näher gewesen bist.“
Nach einer Woche starb er. Seinem Sarge folgte die ganze Stadt. Der Oberpriester hielt eine gefühlvolle Rede. Nach seinem Tode aber wandte sich die ganze Stadt gegen mich, man trieb es sogar so weit, daß man mich nicht mehr empfing. Einige wiederum, und zuerst waren es eben nur einige, später aber wurden es mehr und mehr, fingen an, seinen Aussagen zu glauben; sie kamen zu mir und fragten mich mit großer Neugier und Freude: der Mensch freut sich doch so über den Fall des Gerechten und dessen Schande. Ich aber schwieg und verließ bald darauf die Stadt. Nach fünf Monaten fand mich Gott für würdig, den einzigen festen und wunderbaren Weg zu betreten, und ich segnete den Fingerzeig, der mich auf diesen Weg gewiesen hatte. Doch seiner gedenke ich fortwährend, und ich schließe ihn bis auf den heutigen Tag in meine Gebete ein.
III. Aus den Gesprächen und Predigten des Staretz Sossima
e) Einiges über den russischen Mönch und seine Bedeutung
Meine Väter und Lehrer, was ist ein Mönch? In unseren Tagen wird das Wort in der aufgeklärten Welt von einigen mit Spott, von anderen sogar als Schimpfwort gebraucht. Und leider, es ist nur zu wahr, es gibt unter den Mönchen viele Müßiggänger, Tagediebe, Wollüstlinge und gewöhnliche Landstreicher. Auf diese weisen die gebildeten weltlichen Leute hin: „Ihr seid Faulenzer und unnütze Glieder der Gesellschaft,“ sagen sie, „ihr lebt von fremder Arbeit und seid schamlose Bettler!“ Indessen gibt es doch so viele unter den Mönchen, die fromm und demütig sind, die die Einsamkeit suchen, und die nach Stille und Gebet verlangt. Auf diese weist man nicht hin, sondern übergeht sie mit Schweigen. Wie sehr aber werden sie sich wundern, wenn ich sage, daß von den Gebeten dieser Demütigen und nach Einsamkeit und Stille sich Sehnenden die Rettung Rußlands ausgehen wird. Denn in Wahrheit werden sie sich in der Stille vorbereitet haben „auf den Tag und die Stunde, auf den Monat und auf das Jahr“. Das Vorbild Christi bewahren sie herrlich und unverfälscht in seiner göttlichen Reinheit und Wahrheit dort in ihrer Einsamkeit auf, so wie es uns von unseren alten Kirchenvätern, Aposteln und Märtyrern überliefert worden ist, und wenn es nötig werden wird, so werden sie es der weltlichen, zusammenstürzenden Wahrheit entgegenstellen. Das ist ein großer Gedanke. Im Osten wird dieses Licht aufgehen.
So denke ich über den Mönch, und sollte das wirklich falsch, sollte das wirklich anmaßend sein? Seht auf die Weltlichen und auf alle, die sich über das Gottesvolk erheben, ist in ihnen nicht die Wahrheit Gottes verloren gegangen? Sie haben die Wissenschaft und in der Wissenschaft nur das, was den Sinnen unterworfen ist. Die geistige Welt, die höhere erhabenere Hälfte des menschlichen Wesens, wird vollständig geleugnet und wird mit einer gewissen Genugtuung und sogar mit Haß ganz und gar abgeschafft. Besonders in letzterer Zeit hat die Welt die Freiheit proklamiert, aber was sehen wir in ihrer Freiheit? Nichts als Sklaverei und Selbstmord! Denn die Welt sagt: „Hast du Bedürfnisse, so befriedige sie, denn du hast dieselben Rechte wie die Reichen und Vornehmen. Fürchte dich nicht, sie zu befriedigen, sondern vermehre und steigere sie noch.“ Das ist die gegenwärtige Lehre der Welt. Darin sieht man jetzt die Freiheit. Und was ergibt sich aus diesem Recht auf die Vergrößerung der Bedürfnisse? Bei den Reichen die Isolierung und der geistige und seelische Selbstmord. Bei den Armen dagegen – Haß und Totschlag, denn die Ansprüche wurden ihnen allerdings gegeben, doch die Mittel zur Befriedigung der Bedürfnisse wurden ihnen nicht angewiesen. Man versichert, daß die Welt sich immer mehr vereinheitlichen und zu einer brüderlichen Gemeinschaft ausbilden werde dadurch, daß die Entfernung jetzt abgekürzt ist und der Gedanke durch die Luft vermittelt wird. Oh, glaubt nicht an diese Einheit der Menschen! Wenn man die Freiheit als Unbeschränktheit und schnelle Befriedigung seiner Wünsche auffaßt, so verdirbt man seine Natur, denn man ruft in sich eine Menge sinnloser und dummer Wünsche und Gewohnheiten hervor, und die alleralbernsten Einfälle. Man lebt nur, um sich gegenseitig zu beneiden, zur Befriedigung der Wollust und des Hochmuts. Diners, Ausfahrten, Equipagen, Auszeichnungen, Sklaven, Diener, Untergebene zu haben, wird zu einem so unumgänglichen Bedürfnis, daß man sogar sein Leben, seine Ehre, seine Menschenliebe opfert, nur um dieses Bedürfnis zu befriedigen, und man nimmt sich womöglich das Leben, wenn man das nicht mehr tun kann. Auch bei denjenigen, die nicht reich sind, sieht man dasselbe. Die Armen aber betäuben ihre unbefriedigten Wünsche und ihren Neid mit Branntwein. Es wird aber noch dahin kommen, daß diese sich, statt an Branntwein, an Blut betrinken werden. Jetzt frage ich euch: Ist denn solch ein Mensch frei? Ich kannte einen „Kämpfer für die Idee“, der mir selbst erzählte, daß er, als man ihm im Gefängnis den Tabak entzog, dermaßen durch diese Entbehrung gequält worden sei, daß er, wenn er gekonnt hätte, hingegangen wäre, um seine Idee „für Tabak“ zu verkaufen. Solch einer also „geht für die Menschheit kämpfen“. Wie weit geht er damit, und wozu ist er fähig? Vielleicht noch zu einer raschen Tat, denn Ausdauer wird er nie haben. Und ist das nicht merkwürdig, wie sie, statt in Freiheit zu kommen, in Sklaverei verfallen, und statt der Bruderliebe und der Einigung der Menschheit zu dienen, geraten sie im Gegenteil nur, wie in meiner Jugend mein geheimnisvoller Gast dies schon behauptete, in Vereinsamung und Isolierung. Daher stirbt in der Welt das Bewußtsein, daß man im Dienste der Menschheit steht, vollständig aus. Der Vorstellung von Brüderlichkeit und innerer Zusammengehörigkeit der Menschen begegnet man in Wahrheit nur mit Spott, denn wie sollen sie von ihren Gewohnheiten lassen? Wohin will so ein Unfreier mit all seinen unzähligen Bedürfnissen, die er sich selbst ausgedacht hat? Nur in die Isolierung führt es ihn! Und was hat er mit dem Ganzen zu schaffen? Erreicht haben sie damit nichts anderes, als daß sie an Besitz wohl reicher, an Freude aber ärmer geworden sind.
Etwas anderes ist es mit der Laufbahn des Mönches. Über den Gehorsam, über Fasten und Gebet lacht man, während gerade in ihnen der Weg zur wirklichen und wahrhaften Freiheit zu finden ist. Ich vernichte in mir die überflüssigen und unnötigen Bedürfnisse, meinen selbstherrlichen und stolzen Willen geißle ich und bezwinge ich durch Gehorsam, und erreiche mit Gottes Hilfe die Freiheit des Geistes und mit ihr die Geistesfreudigkeit! Wer von ihnen wird fähiger sein, einer großen Idee zu dienen – der isolierte Reiche oder der von jeglicher Tyrannei seiner Gewohnheiten und seines Besitzes Befreite? Dem Mönche macht man seine Vereinsamung zum Vorwurf: „Du rettest dich in das Kloster, vergißt aber dabei, brüderlich deinem Mitmenschen zu dienen.“ Sehen wir doch zu, wer mehr Bruderliebe betätigt. Die Isolierung ist nicht bei uns, sondern bei ihnen, nur sehen sie das nicht ein. Von uns aber sind (und das schon von alters her) diejenigen gekommen, die für das Volk gewirkt haben, warum sollte es auch jetzt nicht solche unter uns geben? Unsere demütigen Faster und großen Schweiger werden sich erheben und große Taten vollführen. Vom Volke wird Rußlands Rettung kommen. Das russische Kloster war von jeher mit dem Volke. Wenn das Volk abgesondert lebt, so leben auch wir in der Absonderung. Das Volk glaubt auf unsere Weise, und eine ungläubige Kraft, sei sie noch so aufrichtigen Herzens und genialen Geistes, kann bei uns in Rußland nichts erreichen. Behaltet das. Das Volk, wenn es dem Atheisten begegnet, wird ihn bewältigen und wird sich als einiges rechtgläubiges Rußland gegen ihn aufrichten. Bewahrt das Volk und bewahrt sein Herz, in der Stille erzieht es. Das wäre die Aufgabe unseres Mönches, denn sein Volk ist das Gottträger-Volk.
f) Einiges über Herren und Diener: Kann es zwischen Herr und Diener eine geistige Bruderschaft geben?
Mein Gott, wer kann sagen, daß es im Volke keine Sünde gäbe! Die Flamme der Vernichtung und des Verderbens vergrößert sich sichtbar und stündlich. Auch ins Volk dringt die Isolierung: Wucherer und Freischlucker treten auf, der Händler und Kaufmann will immer mehr geehrt sein, bemüht sich, den Gebildeten zu spielen, ohne Bildung zu besitzen, und vernachlässigt darum mit Absicht die alten Volksbräuche und schämt sich des Glaubens seiner Väter. Er fährt zu Fürsten zum Besuch und ist dabei doch nichts anderes als ein verdorbener Bauer. Das Volk hat sich der Trunksucht ergeben: es ist durch sie wie angefault und kann sich nicht mehr davon losreißen. Wieviel Grausamkeit sehen wir oftmals im Verhalten des Mannes zu seiner Familie, seiner Frau und sogar den Kindern gegenüber: alles das kommt von der Trunksucht. In den Fabriken habe ich neunjährige Kinder gesehen, schwächlich, abgezehrt, gekrümmt und schon verdorben. Stickige Räume, das Getöse der Maschinen und den ganzen Gottestag über Arbeit, häßliche, unanständige Reden und Branntwein, Branntwein! Ist es denn das, was die Seele eines so kleinen Kindes bedarf? Es hat Sonne nötig und Spiele und in allem ein gutes Beispiel und Liebe, wenn auch nur ein Tröpfchen Liebe zu ihm. Auf daß es geschehe, Mönche, auf daß die Quälerei der Kinder aufhöre, erhebt euch schneller und predigt dagegen. Gott wird Rußland retten, denn wenn das Volk auch verdorben ist und sich von der Schande und Sünde nicht losmachen kann, so weiß der Einfache doch, daß Gott seine Sünde verflucht, und daß er schlecht handelt, wenn er sündigt. So daß unser Volk trotz allem unerschütterlich an die Wahrheit glaubt, Gott anbetet und über seine Sünden weint. Nicht so aber ist es bei den Höheren. Die wollen sich nach der Wissenschaft und nach ihrem eigenen Verstande, doch vor allem ohne Christus, hier auf Erden einrichten und behaupten daher, es gäbe kein Verbrechen, es gäbe keine Sünde. Und in ihrer Art haben sie auch recht: wenn es keinen Gott gibt, wie kann es dann ein Verbrechen geben? In Europa erhebt sich schon das Volk gegen die Reichen, und ihre Rädelsführer predigen die Gewalt und das Blutvergießen und behaupten, daß ihr Zorn ein gerechter sei. Doch verflucht sei ihr Zorn, denn er ist grausam, d. h. ohne Barmherzigkeit. Rußland aber wird Gott der Herr erretten, wie er es schon oft errettet hat. Aus dem Volk wird die Rettung kommen, aus seinem Glauben und seiner Demut. Meine Väter und Lehrer, bewahret den Glauben des Volkes, denn er ist kein leerer Traum: mein ganzes Leben lang bin ich von seiner Größe, von seiner herrlichen und aufrichtigen Würde ergriffen gewesen. Ich habe es selbst gesehen und habe gestaunt, ich kann es bezeugen trotz der Finsternis und des ärmlichen und unansehnlichen Aussehens unseres Volkes. Es ist nicht kriechend trotz seiner zwei Jahrhunderte langen Sklaverei, die es unter den Tataren durchgemacht hat. Frei ist sein Äußeres und sein Betragen, frei ist es, ohne einen dabei zu beleidigen. Und nie ist unser Volk rachsüchtig und nie neidisch. „Du bist bedeutend, bist reich, bist klug und talentvoll – möge Gott dich segnen. Ich achte dich, doch wisse, daß auch ich ein Mensch bin. Darin, daß ich dich neidlos achte, darin besteht meine eigene Menschenwürde vor dir.“ In Wahrheit ist es so, denn wenn sie sich auch nicht so auszudrücken verstehen, so handeln sie doch danach, ich selbst habe es gesehen, ich selbst habe es erfahren, und glaubet mir: je ärmer und niedriger unser russischer Mann ist, um so eher ist in ihm diese herrliche Wahrhaftigkeit zu finden. Die Reichen von ihnen, die Wucherer und Schmarotzer, sind auch schon verdorben, und vieles, vieles ist von unserer Unachtsamkeit und Nachlässigkeit gekommen. Aber Gott wird seine Kinder erretten, denn groß ist Rußland in seiner Demut. Ich träume von unserer Zukunft, und schon sehe ich sie emporsteigen. Und es wird so sein, daß unser verderbtester Reicher sich seines Reichtums vor dem Armen schämen wird, und der Arme wird seine Demut verstehen und wird ihm mit Freuden den Vorrang lassen, der ihm zukommt, und seine edle Scham mit Wohlwollen vergelten. Glaubet mir, so wird es enden; darauf geht es hinaus. Die Gleichheit besteht in der menschlichen, geistigen Würde, und das wird man nur bei uns verstehen. Wenn es Brüder gibt, dann wird es auch eine Brüderschaft geben, früher aber werden sie nie miteinander teilen. Das Vorbild Christi bewahren wir, und es wird wieder wie ein kostbares Juwel der ganzen Welt leuchten ... Und also geschehe es!
Meine Väter und Lehrer, ich erlebte einmal etwas sehr Rührendes. Auf meiner Wanderschaft traf ich in der Gouvernementsstadt K. meinen früheren Burschen Afanassij, den ich seit der Zeit, ungefähr seit acht Jahren, als wir auseinander gegangen waren, nicht wieder gesehen hatte. Er sah mich zufällig in einem Kaufhause, erkannte mich und stürzte auf mich zu. Mein Gott, wie lief er herbei, und wie freute er sich: „Väterchen, Herr sind Sie denn das wirklich? Täuschen mich nicht meine Augen?“ Er führte mich zu sich. Er hatte schon den Dienst verlassen, war verheiratet und hatte zwei Kinderchen. Er lebte mit seiner Frau von einem kleinen Kramladen, den sie im Kaufhause besaßen. Das Zimmerchen, in das er mich führte, war ärmlich, aber sauber und hell. Er nötigte mich, Platz zu nehmen, stellte den Ssamowar auf, schickte nach seiner Frau, ganz als ob es für ihn ein Feiertag wäre, daß ich zu ihm gekommen war. Er führte mir seine Kinder zu: „Segne sie, Väterchen,“ bat er. – „Kommt es mir einfachem demütigem Menschen denn zu, andere zu segnen,“ antwortete ich ihm, „ich werde zu Gott für sie beten. Auch für dich, Afanassij Pawlowitsch, bete ich; seit jenem Tage bete ich täglich für dich zu Gott, denn durch dich ist alles so gekommen, wie es jetzt ist.“ Und ich erklärte ihm das, so gut ich konnte. Wie war dem Menschen wohl zumute: er konnte immer noch nicht fassen, daß ich, der ich jetzt vor ihm in solch einer Gestalt und Kleidung stand, sein früherer Herr und sein junger Leutnant war. – Er fing sogar zu weinen an. „Warum weinst du,“ fragte ich ihn, „du unvergeßlicher Mensch, freuen sollte sich deine Seele über mich, mein Lieber, denn freudig und hell ist mein Weg.“ Viel sprach er nicht, aber er seufzte und schüttelte wehmütig den Kopf. „Wo ist denn Ihr Reichtum geblieben?“ Ich antwortete ihm: „Habe ihn dem Kloster gegeben, wir leben dort alle in Gemeinschaft.“ Nach dem Tee verabschiedete ich mich von ihnen, und plötzlich brachte er mir fünfzig Kopeken fürs Kloster, und was sehe ich, andere fünfzig Kopeken steckte er mir noch heimlich in die Hand und beeilte sich dabei zu sagen: „Das ist für Sie, den sonderbaren Wanderer, es kommt Ihnen vielleicht zustatten, Väterchen.“ Ich nahm das Geld, verbeugte mich vor ihm und vor seiner Frau und ging erfreut davon. Auf dem Wege dachte ich noch: „Jetzt werden wir beide, er bei sich und ich unterwegs, seufzen und lächeln, in der Freude des Herzens den Kopf wiegen, daran denkend, wie Gott uns zusammengeführt hat.“ Seit der Zeit habe ich ihn nicht wieder gesehen. Ich war sein Herr, er war mein Diener gewesen, nun aber, nachdem wir uns fromm und in Liebe geküßt hatten, hatte sich in uns die große Menschenvereinigung vollzogen. Ich habe viel darüber nachgedacht und jetzt frage ich mich: Ist es denn wirklich so undenkbar, daß diese große Einigung voll Herzenseinfalt sich einmal überall in unserem Rußland vollziehen könnte? Ich glaube daran, daß sie sich vollziehen wird, und daß die Zeit schon vor der Tür steht.