Sämtliche Werke 9-10

Part 45

Chapter 452,692 wordsPublic domain

Hier endigt die Handschrift Alexei Fedorowitsch Karamasoffs. Ich wiederhole, daß sie nicht vollständig, sondern nur bruchstückartig ist. Die lebensgeschichtlichen Nachrichten umfassen nur die erste Jugend des Staretz. Seine Bekenntnisse und Meinungen sind wohl zu einem Ganzen zusammengestellt, doch sind sie zu ganz verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Anlässen ausgesprochen worden. Alles, was der Staretz in seinen letzten Stunden geredet hat, ist nicht Wort für Wort wiedergegeben. Man erhält nur einen Begriff von Geist und Art seiner Unterhaltung, der sich aus dem Zusammenhange mit seinen früheren Gesprächen, die in der Handschrift Alexei Fedorowitschs angegeben sind, ganz von selbst ergibt. Der Tod des Staretz kam in der Tat ganz unerwartet. Wenn auch alle, die an jenem Abend versammelt waren, wußten, daß sein Tod nahe war, so hatten sie doch keineswegs erwartet, daß er so plötzlich eintreten werde. Im Gegenteil, seine Freunde waren, wie ich schon vorhin bemerkte, überzeugt, da sie ihn in dieser Nacht so munter und gesprächig sahen, daß sein Gesundheitszustand sich gebessert habe, und wäre es auf kurze Zeit. Wie sie später mit Verwunderung berichteten, hatten sie noch fünf Minuten vorher sein nahes Ende nicht geahnt. Doch plötzlich fühlte er, sagten sie, einen starken Schmerz in der Brust: er erbleichte und preßte seine Hand aufs Herz. Alle erhoben sich von ihren Plätzen und drängten sich zu ihm heran; er aber, obgleich er litt, sah sie noch alle mit einem Lächeln an, ließ sich vom Sessel auf den Fußboden gleiten und kniete nieder; darauf beugte er sein Haupt bis auf die Erde, breitete die Arme aus, und als hätte er in freudiger Begeisterung die Erde geküßt und dazu gebetet, wie er selbst gelehrt hatte, so ging sein Geist ruhig und freudig in die Ewigkeit ein. Die Nachricht von seinem Tode verbreitete sich sofort in der Einsiedelei und gelangte auch ins Kloster. Diejenigen, die ihm am nächsten gestanden, und diejenigen, denen es ihrem Range nach zukam, kleideten die Leiche nach altem Brauch. Die ganze Brüderschaft versammelte sich darauf in der Hauptkirche. Und schon vor Tagesanbruch hatte sich das Gerücht vom Tode des Staretz auch in der Stadt verbreitet. Schon am Morgen sprach die ganze Stadt vom Ereignis, und eine Menge Menschen strömte hin zum Kloster. Aber davon will ich im nächsten Buche erzählen, jetzt jedoch möchte ich nur im voraus erwähnen, daß noch nicht ein Tag vergangen war, als sich etwas ganz Unerwartetes ereignete, etwas, das im Kloster wie in der Stadt einen so sonderbaren Eindruck hinterließ, daß man selbst jetzt noch, nach so vielen Jahren, in unserem Städtchen eine außerordentlich lebhafte Erinnerung an diesen für viele so aufregenden Tag bewahrt.

Siebentes Buch. Aljoscha

I. Der Verwesungsgeruch

Die Leiche des entschlafenen Staretz Sossima wurde zur Bestattung in der vorgeschriebenen Weise hergerichtet. Die verstorbenen Mönche und Einsiedler werden bekanntlich nicht gewaschen, denn es heißt im großen Ritualbuch: „Wenn jemand von den Mönchen zum Herrn eingeht, so reibe der dazu auserwählte Mönch den Körper des Entschlafenen mit warmem Wasser ab, wobei er mit dem Schwamme (mit einem griechischen Schwamme) auf die Stirn, auf die Brust, auf die Hände, Füße und Knie des Verstorbenen das Zeichen des Kreuzes mache, und das sei alles.“ Beim Staretz Sossima verrichtete diesen letzten Liebesdienst Pater Paissij eigenhändig. Nach der Abreibung zog er ihm das Mönchsgewand an und legte ihm den Priestermantel um, wozu er diesen, wie es die Vorschrift verlangt, etwas einschnitt, um damit die Leiche kreuzweise umwickeln zu können. Über den Kopf der Leiche zog er die Kapuze mit dem achtarmigen Kreuz. Doch wurde die Kapuze offen gelassen und das Gesicht mit schwarzem Flor bedeckt. In die Hände des Entschlafenen legte man ein Bild des Heilands. So wurde er gegen Morgen in seinen Sarg gebettet, der schon lange für ihn bereit gestanden hatte. Den Sarg beabsichtigte man aber den ganzen Tag in der Zelle stehen zu lassen, in demselben ersten größeren Zimmer, in dem der Verstorbene seine Gäste empfangen hatte. Da der Staretz ein höheres Gelübde als die anderen Priestermönche abgelegt hatte, so mußten diese wie auch die Priesterdiakonen an seinem Sarge nicht die Psalmen, sondern die Evangelien lesen. Gleich nach der Seelenmesse begann Pater Jossiff mit dem Lesen, da Pater Paissij den ganzen Tag und die ganze Nacht lesen wollte. Vorläufig jedoch war er sowohl, wie der Vorsteher der Einsiedelei, zu beschäftigt und mit anderem in Anspruch genommen. Es tat sich nämlich, je länger desto mehr, unter den Klosterbrüdern und auch unter den Weltlichen, die aus der Stadt in Scharen herbeiströmten, eine außergewöhnliche, ja sogar unerhört „ungebührliche“ Aufregung und ungeduldige Erwartung kund. Der Vorsteher und Pater Paissij taten alles, um die erregten Gemüter zu beruhigen. Als es Tag wurde, kamen aus der Stadt sogar Kranke, die noch andere Kranke herbeischleppten, besonders ihre kranken Kinder, als hätten sie dazu gerade diesen Tod abgewartet. Augenscheinlich hofften sie auf eine Heilkraft, die, wie sie glaubten, nicht ausbleiben und sich vielleicht unverzüglich nach dem Verscheiden des Staretz an seinem Sarge kundtun werde. Da sah man denn wieder einmal, wie sich alle bei uns daran gewöhnt hatten, den entschlafenen Staretz schon bei Lebzeiten für einen unzweifelhaft großen Heiligen zu halten. Und es waren das durchaus nicht nur Leute aus dem einfachen Volke, die mit ihren Kranken ankamen. Diese ungeheure Erwartung der Gläubigen äußerte sich fast wie eine Forderung, und zwar so unverhohlen, daß sie für Pater Paissij geradezu etwas Anstößiges hatte. Wohl hatte er Ähnliches vorausgefühlt. Aber dieser Andrang übertraf denn doch seine Erwartungen. Den aufgeregten Mönchen, denen er begegnete, sagte er daher mit ernstem Tadel: „Die Erwartung eines höheren Ereignisses so unverhohlen zu zeigen, ist eine Leichtfertigkeit, die höchstens bei einem Weltlichen verzeihlich wäre, sich für uns aber nicht geziemt.“ Doch man hörte wenig auf ihn, was er selbst sehr gut merkte und sich auch mit Unruhe im Herzen eingestand. Auch mußte er sich sagen, und es wäre nicht recht, dies hier zu verheimlichen, daß er bei sich in der Tiefe seines Herzens fast dasselbe erwartete, obschon er in der allzu aufdringlichen Erwartung der anderen nichts als Leichtsinn sah. Einige von den Gesichtern, die er in der Zelle erblickte, waren ihm ganz besonders unangenehm; sie erweckten in ihm ein gewisses Vorgefühl und peinliche Bedenken. So bemerkte er in der Zelle des Entschlafenen unter den sich herbeidrängenden Klosterbrüdern geradezu mit einem seelischen Widerwillen (worüber er sich selbst Vorwürfe machte) die Anwesenheit Rakitins und des Mönches aus dem fernen Obdorskschen Kloster, der sich immer noch bei ihnen aufhielt; alle beide schienen sie dem Pater irgendwie verdächtig, obgleich sie nicht die einzigen waren, die man hätte verdächtigen können. Der Obdorsksche Mönch fiel unter den übrigen Aufgeregten durch seine ganz besondere Geschäftigkeit auf: man konnte ihn überall antreffen, und überall hatte er etwas zu fragen und zu horchen, überall flüsterte er etwas mit geheimnisvoller Miene. Der Ausdruck seines Gesichtes war ungeduldig, und er schien sehr ungehalten darüber zu sein, daß das Erwartete noch immer nicht eintraf. Was aber Rakitin anbelangt, so war er im besonderen Auftrage Frau Chochlakoffs so früh in der Einsiedelei erschienen. Diese gute, doch leider charakterschwache Dame, die in die Einsiedelei nicht zugelassen werden konnte, war, als sie kaum erwacht und die Nachricht vom Tode des Staretz vernommen hatte, von einer so unbezwingbaren Neugier ergriffen worden, daß sie sofort Rakitin beauftragt hatte, an ihrer Stelle alles zu beobachten und sie „brieflich sofort und in jeder halben Stunde von allem zu unterrichten“. Sie hielt Rakitin für einen sehr gottesfürchtigen und gläubigen jungen Mann – so gut verstand er es, mit den Menschen umzugehen und sich jedem nach Wunsch anzupassen, wenn er darin nur den kleinsten Vorteil für sich erblickte.

Der Tag war klar und hell, und von den anwesenden Pilgern versammelten sich viele an den Gräbern der Einsiedelei, die am zahlreichsten in der Nähe der Kirche lagen, aber auch sonst in der ganzen Einsiedelei verstreut waren. Pater Paissij erinnerte sich plötzlich, als er durch die Einsiedelei schritt, Aljoschas, und es fiel ihm auf, daß er ihn schon lange, fast seit der Nacht, nicht mehr gesehen hatte. Kaum aber hatte er an ihn gedacht, als er ihn auch schon in der entferntesten Ecke der Einsiedelei, am Zaun, bemerkte, sitzend, auf dem Grabstein eines in hohem Alter verstorbenen Mönches, der seiner Taten wegen weit bekannt war. Er saß mit dem Rücken zur Einsiedelei, das Gesicht dem Zaune zugekehrt, als wolle er sich hinter dem Denkmal verbergen. Als Pater Paissij sich ihm näherte, bemerkte er, daß Aljoscha sein Gesicht mit beiden Händen bedeckt hielt und bitterlich weinte. Er zitterte vor Schluchzen am ganzen Körper. Pater Paissij blieb eine Weile bei ihm stehen.

„Genug, mein lieber Sohn, laß gut sein, mein Freund,“ sagte er schließlich mitleidig zu ihm. „Warum tust du das? Freue dich und weine nicht! Oder weißt du denn nicht, daß von allen Tagen dieser sein größter Tag ist? Wo ist er denn jetzt, in diesem Augenblick? Vergegenwärtige es dir nur!“

Aljoscha erhob sein Gesicht, das, wie bei einem kleinen Kinde, von den Tränen ganz geschwollen war; doch ohne ein Wort hervorzubringen, wandte er sich wieder um und bedeckte es von neuem mit seinen Händen.

„Nun, meinetwegen,“ sagte Pater Paissij nachdenklich, „meinetwegen, weine denn, Christus hat dir diese Tränen geschickt. Diese Tränen der Rührung dienen nur zur Erhöhung deiner Seele und zur Erheiterung deines lieben Herzens,“ fügte er noch bei sich hinzu, als er Aljoscha verließ und liebevoll an ihn dachte. Übrigens beeilte er sich, von ihm fortzukommen, denn er fühlte, daß er sonst gleichfalls zu weinen anfangen werde. Inzwischen verging die Zeit; die Feierlichkeiten und Seelenmessen nahmen ordnungsgemäß ihren Fortgang. Pater Paissij traf wieder Pater Jossiff am Sarge des Verstorbenen an und löste ihn jetzt im Evangelienlesen ab. Es war aber noch nicht drei Uhr nachmittags geworden, als sich etwas ereignete, was ich schon am Ende des vorigen Buches erwähnt habe, etwas uns allen so Unerwartetes und das außerdem noch so entgegengesetzt der allgemeinen Zuversicht war, daß, ich wiederhole es, die ausführlichsten und albernsten Legenden von diesem Ereignisse sich bis auf den heutigen Tag in bewundernswert frischer Erinnerung, sowohl in unserer Stadt, als in der ganzen Umgegend, erhalten haben. Ich füge hier noch einmal von mir persönlich hinzu, daß es mir widerwärtig ist, dieses albernen, ärgerlichen und im Grunde genommen leeren und selbstverständlichen Ereignisses Erwähnung zu tun, und ich würde es bestimmt unterlassen, wenn es nicht auf die Seele und das Herz des späteren Haupthelden meiner Erzählung, Aljoscha, in gewisser Weise einen so außerordentlichen Einfluß gehabt hätte. Dies Ereignis führte gleichsam zu einem Bruch in seiner Seele, zu einem Wendepunkt in seinem Leben, und es festigte seinen Geist, indem es ihn zum erstenmal auf ein bewußtes Ziel hinwies.

Als man noch vor Tagesanbruch die zur Bestattung bereitete Leiche des Staretz in den Sarg legte und ihn in das erste Zimmer, in dem er früher empfangen hatte, brachte, da wurde unter den Anwesenden die Frage laut, ob es nötig wäre, das Fenster des Zimmers zu öffnen? Diese Frage, die irgend jemand nur beiläufig gestellt hatte, wurde nicht weiter beachtet und blieb ohne Antwort. Wenn man sie auch allgemein gehört hatte, so war sie höchstens von einigen der Anwesenden als Abgeschmacktheit bemerkt worden, da allen die Voraussetzung, die Leiche dieses Entschlafenen könne verwesen und ihr daher Verwesungsgeruch entströmen, eine Annahme zu sein schien, die nur Bedauern, wenn nicht Spott verdiene. So blieb die Frage unbeantwortet, da sie doch nur tadelnswerter Kleingläubigkeit entsprungen sein konnte. Man erwartete durchaus das Gegenteil. Und siehe, bald nach dem Mittag begann etwas, was von den Ein- und Ausgehenden zuerst nur schweigend und für sich im stillen bemerkt wurde, da jeder sich fürchtete, dem anderen seinen aufsteigenden Gedanken mitzuteilen – etwas, das sich aber um drei Uhr nachmittags schon so deutlich und unzweifelhaft bemerkbar machte, daß die Nachricht davon sich im Augenblick durch die ganze Einsiedelei und unter allen Pilgern und Gästen verbreitete und sogleich auch ins Kloster drang und die Verwunderung aller Mönche hervorrief. In kurzer Zeit erreichte sie auch die Stadt, wo sie alle, Gläubige wie Ungläubige, in höchste Aufregung versetzte. Die Ungläubigen freute es, und was die Gläubigen anbelangt, so fanden sich viele unter ihnen, die sich noch mehr darüber freuten als die Ungläubigen, denn: „die Menschen lieben den Fall des Gerechten und seine Schmach,“ wie der verstorbene Staretz mehr als einmal in seinen Unterweisungen gesagt hatte. Die Sache war kurz folgende: In der kleinen Zelle, in der der Tote aufgebahrt lag, begann sich mit der Zeit immer mehr Verwesungsgeruch bemerkbar zu machen, zuerst natürlich nur sehr wenig, doch um drei Uhr nachmittags war ein Zweifel nicht mehr möglich, und dabei nahm der Geruch immer noch zu. Ein solches Ärgernis, wie es sich jetzt auf so grobe Weise kundtat, war schon lange nicht mehr vorgekommen, ja aus der ganzen Vergangenheit unseres Klosters konnte man sich keines ähnlichen Falles erinnern. Die Folgen dieses Ereignisses waren fast unglaublich. Später, nach vielen Jahren, konnten sich einige unserer vernünftigeren Mönche, wenn sie sich dieses Tages bis in alle Einzelheiten erinnerten, nicht genug darüber wundern, wie dieses Ärgernis in solchem Maße hatte um sich greifen können. Denn auch früher schon war es vorgekommen, daß den Leichen mancher Mönche, die einen reinen und gerechten Lebenswandel geführt hatten und als gottesfürchtige Startzen gestorben waren, trotzdem Verwesungsgeruch entströmt war, ohne daß dadurch Ärger oder die geringste Aufregung hervorgerufen worden wäre. Freilich hatte es in unserem Kloster auch einige gegeben, die in hohem Alter verstorben waren, und von deren Leichen nach der Überlieferung kein Verwesungsgeruch ausgegangen sei. Diese Überlieferungen machten einen geradezu mysteriösen Eindruck auf die Brüderschaft, und die Mönche bewahrten sie im Gedächtnis wie etwas Herrliches und Wunderbares, wie die Verheißung eines noch größeren Ruhmes, der in Zukunft aus den Gräbern dieser „Heiligen“ aufsteigen werde, „wenn nach dem Willen Gottes die Zeit dazu kommt“. Besonders lebendig war das Andenken an den Staretz Hiob, der erst mit hundertundfünf Jahren gestorben und ein berühmter Glaubenseiferer, ein großer Faster und Schweiger gewesen war. Er war schon zu Anfang dieses Jahrhunderts gestorben, und sein Grab wurde mit besonderer und außerordentlicher Hochachtung allen zum erstenmal ins Kloster gekommenen Pilgern gezeigt, und geheimnisvoll wurde an ihm mancher großen Hoffnung Erwähnung getan. Es war dies dasselbe Grab, auf dem Pater Paissij Aljoscha sitzend angetroffen hatte. Wie an diesen an Altersschwäche verstorbenen Startzen, war auch die Erinnerung an einen vor nicht allzulanger Zeit verstorbenen Startzen, den großen Staretz Warssonofij, noch lebendig, denselben, von dem der Staretz Sossima die Startzenwürde übernommen hatte, und der noch bei Lebzeiten von allen das Kloster besuchenden Pilgern für schwachsinnig gehalten worden war. Von diesen beiden erhielt sich die Überlieferung, daß sie in ihren Särgen wie Lebende gelegen hätten, daß sie ganz unverwest begraben worden wären, und daß ihr Antlitz im Sarge geradezu geleuchtet habe. Manche wollten sich sogar noch auf das bestimmteste erinnern, daß ihren Leichnamen Wohlgeruch entströmt sei. Aber ungeachtet aller dieser Erinnerungen, ist doch schwer, zu erklären, warum beim Sarge des Staretz Sossima eine so alberne und boshafte Erregung sich kundtat. Was meine persönliche Meinung anbelangt, so meine ich, daß hierbei die verschiedensten Gründe und Ursachen zusammentrafen: wie zum Beispiel die eingewurzelte Feindschaft gegen das Startzentum, als eine schädliche Neuerung, wie sie im Kloster und in den Köpfen und Herzen vieler Mönche gehegt wurde. Dann freilich war es hauptsächlich der Neid auf die Heiligkeit des Entschlafenen, an die schon zu dessen Lebzeiten so fest geglaubt wurde, daß es geradezu verboten schien, dagegen zu sprechen. Denn obgleich der selige Staretz – nicht so sehr durch Wunder, als gerade durch Liebe – so viele an sich gezogen und um sich eine ganze Welt von Liebe geschaffen hatte, so hatte er sich nichtsdestoweniger, oder sogar gerade dadurch um so mehr Neider und infolgedessen auch erbitterte Feinde, offene und geheime, und nicht nur unter den Mönchen, sondern auch unter den Weltlichen geschaffen. Niemandem hatte er etwas Böses getan. Aber siehe da, es hieß doch: „Warum wird er für heilig gehalten?“ Schon allein diese eine Frage schuf, da sie immer von neuem wiederholt wurde, einen ganzen Abgrund von unersättlicher Bosheit. Darum glaube ich, daß viele, als sie von der Verwesung seines Körpers hörten und von der Schnelligkeit, mit der sie eintrat – es war noch nicht ein Tag nach seinem Verscheiden vergangen – sich unbändig freuten. Unter denen aber, die dem Staretz ergeben waren und ihn bis dahin geachtet hatten, gab es auch solche, die sich durch dieses Ereignis fast persönlich gekränkt und beleidigt fühlten. Die Begebenheiten trugen sich folgendermaßen zu.