Sämtliche Werke 9-10

Part 3

Chapter 33,583 wordsPublic domain

Die Generalin starb jedoch schon bald darauf und vermachte in ihrem Testament jedem der Kleinen tausend Rubel – „Zu ihrer Bildung zu verwenden, und daß dieses Geld unbedingt für sie verausgabt wird, aber so, daß es bis zu ihrer Mündigkeit ausreicht, denn diese Gabe muß für solche Kinder genügen; wenn es aber jemandem gefällt, so mag er seinen eigenen Beutel öffnen“ usw. Ich habe das Testament nicht selbst gelesen, aber ich hörte, daß es in dieser Art und jedenfalls in recht sonderbarem Tone abgefaßt gewesen sei. Der Haupterbe der Alten erwies sich indessen als sehr ehrenwerter Mensch: es war das der Adelsmarschall eines Kreises in jenem Gouvernement, Jefim Petrowitsch Polenoff. Er verhandelte mit Fedor Pawlowitsch brieflich über die Erziehung der Kinder, erriet sofort, daß Geld von diesem Vater nicht zu bekommen war – obgleich dieser nie geradezu absagte, sondern in solchen Fällen die Sache nur hinzog und dabei sogar in Gefühlsduselei verfiel – und nahm sich der Waisen persönlich an; er gewann namentlich den jüngeren Bruder Alexei sehr lieb und so wurde denn dieser lange Zeit ganz in seiner Familie erzogen. Wenn diese Jungen für ihre Erziehung und Bildung jemandem zu Dank verpflichtet waren, so waren sie es ausschließlich Polenoff, diesem ehrenwertesten und humansten Menschen, den man sich nur denken kann. Er bewahrte den Kleinen ihre tausend Rubel auf, die ihnen die Generalin hinterlassen hatte, so daß sie bis zu deren Mündigkeit mit den Prozenten auf je Zweitausend anwuchsen, bestritt die Erziehungskosten aus seiner eigenen Tasche, und verausgabte natürlich für jeden von ihnen viel mehr als tausend Rubel. Auf eine ausführliche Erzählung ihrer Kinder- und Jugendjahre kann ich mich wiederum nicht einlassen, daher werde ich nur die springenden Punkte aus ihrem Leben angeben. Über den älteren, Iwan, teile ich nur mit, daß er als düsterer und verschlossener Knabe aufwuchs, weit entfernt davon, schüchtern zu sein, aber es war – als ob er von Kindheit an gefühlt hätte, daß er in einer fremden Familie erzogen wurde und von fremder Barmherzigkeit lebte, und daß ihr Vater ein Mensch war, von dem zu sprechen man sich schämen mußte. Dieser Knabe bewies schon seit der frühesten Kindheit (so erzählte man wenigstens) eine außergewöhnliche und glänzende Begabung. Wie es geschah, daß er schon mit dreizehn Jahren die Familie Jefim Petrowitschs verließ und in ein Moskauer Gymnasium eintrat und bei der Gelegenheit zu einem erfahrenen und berühmten Pädagogen in Pension kam, zu einem Jugendfreunde Polenoffs, weiß ich nicht genau. Wie Iwan später selbst erzählte, war es sozusagen aus Jefim Petrowitschs „begeisterter Liebe zu guten Taten“ geschehen: Jefim Petrowitsch hätte sich nämlich für die Idee begeistert, daß die genialen Fähigkeiten des Knaben auch von einem genialen Pädagogen ausgebildet werden müßten. Übrigens waren beide schon tot, sowohl Polenoff wie auch der geniale Pädagoge, als Iwan das Gymnasium beendete und auf die Universität ging. Da aber Jefim Petrowitsch das von der Generalin den Kindern hinterlassene Geld schlecht angelegt hatte, so verzögerte sich infolge der bei uns unvermeidlichen Formalitäten die Auszahlung des Geldes dermaßen, daß der junge Mann in den zwei ersten Jahren auf der Universität gezwungen war, seinen Lebensunterhalt und das Studium sich selbst zu verdienen. Ich muß hier bemerken, daß er damals nicht einmal den Versuch machte, sich mit seinem Vater brieflich über eine Unterstützung zu verständigen – vielleicht aus persönlichem Stolz oder auch aus Verachtung, vielleicht aber auch aus kühler, gesunder Einsicht, da er sich wohl sagen konnte, daß von Papachen eine Unterstützung nicht zu erwarten war. Wie dem aber auch sein mochte, jedenfalls wußte sich der junge Mann sofort zu helfen und sich durch Arbeit das nötige Geld zu beschaffen: zuerst durch Stunden für zwanzig Kopeken, und darauf durch Zeitungsberichte von zehn Zeilen über Straßenvorfälle, mit der Unterschrift „Ein Augenzeuge“. Diese Berichte, sagt man, sollen stets so eigenartig und geistreich verfaßt gewesen sein, daß sie bald vorzüglich bezahlt wurden; so bewies er allein schon dadurch seine praktische und geistige Überlegenheit im Vergleich zu jenem großen Teil unserer unglücklichen und notleidenden studierenden Jugend beiderlei Geschlechts, die in den Großstädten gewöhnlich vom Morgen bis zum Abend die Türschwellen der Redaktionen abläuft, und sich nichts Besseres ausdenken kann, als ewig ein und dieselbe Bitte um Übersetzung aus dem Französischen oder um Kopierarbeit zu wiederholen. Iwan Fedorowitsch gab auch später seine Verbindungen mit den Redaktionen nie ganz auf, und in den letzten Jahren auf der Universität veröffentlichte er dann sehr talentvolle Abhandlungen über Bücher und Spezialfragen, die ihn sogar in den literarischen Kreisen bekannt machten. Doch erst in der allerletzten Zeit lenkte er plötzlich die Aufmerksamkeit eines weit größeren Kreises von Lesern auf sich: kurz nachdem er die Universität verlassen hatte und sich gerade anschickte, für seine zweitausend Rubel ins Ausland zu reisen, veröffentlichte er in einer der großen Tageszeitungen einen ganz besonderen Artikel, der geradezu Aufsehen erregte und sogar die Aufmerksamkeit der Spezialisten auf ihn lenkte. Es war das ein Artikel über eine Frage, die ihm, wie man meinen sollte, ganz fern liegen mußte, denn er hatte Naturwissenschaft studiert. Der Artikel behandelte die damals überall besprochene Frage „Kirchenjustiz“. Er untersuchte zuerst etliche schon geäußerte Meinungen und kam dann auf seine persönliche Anschauung der Sache. Besonders fiel der Ton auf und das Unerwartete seiner Schlüsse. Viele Geistliche hielten den Autor entschieden für einen von den Ihrigen. Und plötzlich begannen nicht nur die Anhänger der Staatspartei, sondern sogar die Atheisten ihm immer lebhafter ihren Beifall zu zollen. Schließlich aber behaupteten einige kluge Leute, die eine etwas feinere Nase hatten, daß der ganze Artikel nur eine freche Farce und eine Verhöhnung sei. Ich erwähne die Geschichte nur darum, weil dieser Artikel auch in dem bei unserer Stadt gelegenen berühmten Kloster bekannt wurde und die Mönche, die sich sehr für die aufgeworfene Kirchengerichtsfrage interessierten, einfach vor den Kopf stieß. Wie groß war die Verwunderung, als man auch den Namen des Autors erfuhr und somit, daß er ein Kind unserer Stadt und der Sohn „dieses selben Fedor Pawlowitsch“ sei! Da aber erschien der Autor selbst in unserer Stadt.

Warum Iwan Fedorowitsch zu uns kam, das fragte ich mich auch damals schon mit einer gewissen Unruhe. Diese so verhängnisvolle Ankunft, die den Anfang so vieler Ereignisse bildete, blieb für mich noch lange nachher unaufgeklärt und ist es teilweise vielleicht auch jetzt noch. Überhaupt war es sonderbar, daß dieser junge Mann, der so stolz, so gelehrt und dem Anschein nach gleichzeitig so vorsichtig war, plötzlich in dieses berüchtigte Haus kam, zu diesem Vater, der ihn bis dahin völlig ignoriert hatte, der ihn nicht einmal kannte, sich kaum seiner erinnerte und ihm natürlich auf keinen Fall und unter keinen Bedingungen Geld gegeben hätte, selbst wenn der Sohn ihn um welches gebeten haben würde, der sich aber trotzdem beständig fürchtete, daß seine Söhne Iwan und Alexei doch auch einmal kommen und ihn dann um Geld bitten könnten. Und siehe da, plötzlich kommt der junge Mann in das Haus solch eines Vaters, lebt mit ihm einen Monat und dann noch einen, und beide leben miteinander, wie man es sich besser nicht wünschen könnte. Wahrlich, das setzte nicht nur mich in Erstaunen, sondern auch noch viele andere.

Pjotr Alexandrowitsch Miussoff, der Vetter der ersten Frau Fedor Pawlowitschs, war kurz vorher aus Paris, wo er sich endgültig niedergelassen hatte, auf einige Zeit wieder in die Heimat gekommen und wohnte damals auf seinem Gute. Ich erinnere mich noch, daß gerade er mehr als alle anderen über dieses gute Einvernehmen erstaunt war, als er diesen ihn sehr interessierenden jungen Mann kennen lernte, dem er, nebenbei bemerkt nicht ganz ohne Neid, Kenntnisse zugestehen mußte, die die seinigen weit überstiegen. „Er ist sehr stolz,“ sagte er damals von Iwan Karamasoff, „wird sich immer sein Geld selbst verdienen und besitzt bereits so viel, daß er ins Ausland reisen kann – was also sucht er noch hier? Es ist doch allen klar, daß er nicht zum Vater gekommen ist, um Geld zu holen, ganz abgesehen davon, daß der Vater ihm doch auf keinen Fall welches geben würde. Zu trinken und ausschweifend zu leben, liebt er auch nicht, und doch kann der Alte ohne ihn kaum noch auskommen, dermaßen gut vertragen sich die beiden!“

Und so war es auch. Der junge Mann hatte ersichtlich einen großen Einfluß auf den Vater; der schien ihm sogar zu gehorchen, wenn er auch bisweilen unglaublich und geradezu heimtückisch eigensinnig sein konnte; ja, er fing sogar an sich anständiger aufzuführen.

Erst später stellte sich heraus, daß Iwan Fedorowitsch zum Teil auf die Bitte seines älteren Bruders Dmitrij Fedorowitsch gekommen war, den er kurz vorher zum erstenmal gesehen und kennen gelernt hatte, doch mit dem er schon längere Zeit vor seiner Fahrt hierher in einer wichtigen Angelegenheit, die wiederum nur Dmitrij Fedorowitsch anging, im Briefwechsel gestanden hatte. Was das für eine Angelegenheit war, wird der Leser späterhin bis in alle Einzelheiten erfahren. Nichtsdestoweniger schien mir Iwan Fedorowitsch auch dann noch rätselhaft, als ich schon alles, selbst diesen sonderbaren Umstand, wußte, und sein Aufenthalt bei uns immerhin unerklärlich.

Ich füge noch hinzu, daß Iwan Fedorowitsch zwischen dem Vater und dem älteren Bruder Dmitrij Fedorowitsch, der gegen den Vater eine gerichtliche Klage einzureichen beabsichtigte, der Vermittler und Friedensstifter zu sein schien.

Die Familie war damals, wie ich schon erwähnte, zum erstenmal vollzählig versammelt, und so sahen sich denn auch einige ihrer Glieder zum erstenmal im Leben. Nur der jüngste Sohn, Alexei Fedorowitsch, lebte schon seit fast einem Jahr bei uns; ihn hatten wir von den drei Brüdern zuerst kennen gelernt. Über ihn bereits in meiner Einleitung etwas zu sagen, ist mir aber am schwersten. Nur kann ich das eine, wie ich sehe, nicht umgehen, da es eine sehr sonderbare Tatsache zu erklären gilt, nämlich: warum ich meinen Helden schon in der ersten Szene seines Romans in der Kutte eines Klosternovizen vorführen muß. Denn fast seit einem Jahr lebte er schon in unserem Kloster und beabsichtigte, wie es schien, sich für sein ganzes Leben in ihm einzuschließen.

IV. Der dritte Sohn Aljoscha[3]

Er zählte erst zwanzig Jahre (sein Bruder Iwan war vierundzwanzig und der älteste Bruder Dmitrij achtundzwanzig Jahre alt). Vor allem möchte ich bemerken, daß dieser Jüngling durchaus kein Fanatiker war und, wenigstens meines Erachtens, auch kein Mystiker. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich in ihm einfach einen jugendlichen Menschenfreund sehe. Wenn er aber ins Kloster ging, so tat er das nur, weil das Klosterleben einen tiefen Eindruck auf ihn machte und ihm als Ideal eines Ausgangs seiner sich aus dem Dunkel des Bösen dieser Welt zum Licht der Liebe sehnenden Seele erschien. Und einen so tiefen Eindruck machte dieses Leben auf ihn wohl nur, weil er dort im Kloster einen so ungewöhnlichen Menschen antraf: unseren berühmten Staretz[4] Sossima, an den er sich sofort mit der ganzen großen ersten Liebe seines heißen, sehnsüchtigen Herzens hing. Übrigens will ich nicht bestreiten, daß er schon damals sehr sonderbar war; ja, er war es eigentlich schon seit seiner frühesten Kindheit. Als seine Mutter starb, hatte er kaum das vierte Jahr erreicht, und doch erinnerte er sich, wie ich schon erwähnte, ihres Gesichts, ihrer Liebkosungen, „ganz, als ob sie lebend vor mir stände“. Solche Erinnerungen kann man bekanntlich aus noch jüngeren Jahren haben, schon aus dem zweiten Lebensjahre, doch treten sie im späteren Leben nur wie helle Punkte aus der Dunkelheit hervor, wie ein hellgebliebenes Eckchen eines riesigen Bildes, das bis zur Unkenntlichkeit nachgedunkelt und verloschen ist – bis auf diesen einen begrenzten Fleck. So war es auch mit seiner Erinnerung. Er entsann sich eines stillen Sommerabends: durch das offene Fenster fallen die schrägen Strahlen der untergehenden Sonne in das Zimmer und in die Ecke auf das Heiligenbild, vor dem das Lämpchen brennt (der schrägen Sonnenstrahlen erinnerte er sich am besten), vor dem Heiligenbild kniet seine Mutter, die „Klikuscha“, die hysterisch weint, schluchzt und Schmerzensschreie ausstößt; sie zieht ihn zu sich heran, umarmt ihn so fest, daß es ihm weh tut, und während sie die Muttergottes um Schutz für ihn anfleht, hebt sie ihn zum schimmernden Heiligenbild empor, als ob sie ihn unter den Schutz der Muttergottes stellen wollte ... und plötzlich kommt die Kinderfrau ins Zimmer hereingestürzt und reißt ihn ganz erschrocken aus den Händen der Mutter. Das war das Bild. Er erinnerte sich auch noch des Gesichtes der Mutter in jenem Augenblick; er sagte: „Es muß wie wahnsinnig, wie verzückt gewesen sein und doch wunderbar schön, wenigstens darnach zu urteilen, wie ich es noch vor mir sehe“. Doch liebte er es nicht, davon zu sprechen. Als Knabe, und auch späterhin als Jüngling, war er wenig mitteilsam und gar nicht gesprächig, doch war er es nicht etwa aus Schüchternheit, sondern aus ganz anderen Gründen, aus gleichsam unbewußten, innerlichen Empfindungen, die eigentlich nur ihn persönlich angingen und mit anderen Menschen nichts zu tun hatten, die aber für ihn so wichtig waren, daß er seine Umgebung darüber ganz zu vergessen schien. Doch er liebte die Menschen: er glaubte an sie sein ganzes Leben hindurch und doch hielt ihn niemand für beschränkt oder naiv. Es war etwas in ihm, was ihm die Menschen zu richten verbot, und ihm immer zuflüsterte, daß er nicht der Richter der Menschen sein, nicht das Verurteilen auf sich nehmen wolle und darum auch unter keiner Bedingung verurteilen werde. Es schien sogar, daß er alles zugab und nichts verurteilte, wenn er auch oftmals selbst schwer darunter litt. Ja, schließlich konnte ihn nichts und niemand mehr weder in Erstaunen setzen noch erschrecken, und das war eigentlich schon von seiner frühesten Jugend an der Fall. Als er mit zwanzig Jahren rein und keusch zu seinem Vater kam, in diese Höhle schmutzigen Lasters, entfernte er sich nur schweigend, wenn er es nicht mehr mit ansehen konnte; doch tat er das ohne den geringsten Ausdruck von Verachtung und Verurteilung, einerlei wessen. Sein Vater, der als ehemaliger Freischlucker gegen solche Beleidigungen ungemein feinfühlig und mißtrauisch war, und ihn denn auch sehr voreingenommen empfing („Er schweigt zu viel und denkt mir viel zu viel,“ sagte er), kam schon nach kurzer Zeit, nach kaum zwei Wochen, immer häufiger zu ihm, um ihn zu umarmen und zu küssen, allerdings mit trunkenen Tränen und in berauschter Rührseligkeit, doch ersichtlich auch, weil er ihn aufrichtig immer mehr lieb gewann, so, wie er vielleicht noch nie jemanden geliebt hatte.

Ja, alle Menschen liebten diesen Jüngling, überall brachte man ihm, wo er auch erschien, schon von Kindheit an sofort Liebe entgegen. Im Hause seines Wohltäters und Erziehers Jefim Petrowitsch Polenoff hatten ihn alle so lieb, daß man ihn wirklich wie einen leiblichen Sohn behandelte. Und doch kam er in dieses Haus in so jungen Jahren, daß es unmöglich ist anzunehmen, er habe durch Schlauheit oder die Kunst zu gefallen oder sich einzuschmeicheln, die allgemeine Liebe erworben. So trug er denn diese Gabe, in allen Liebe zu erwecken, ganz unbewußt in sich, sie lag sozusagen schon in seiner Natur. Dasselbe geschah mit ihm auch in der Schule, während man doch hätte glauben können, daß er gerade zu jenen Kindern gehörte, die in den Kameraden gewöhnlich Spott hervorrufen, nicht selten aber Mißtrauen und sogar Haß. Er war zum Beispiel immer nachdenklich und schien sich gern von allen abzusondern. Er liebte es schon von Kindheit an, sich in einen Winkel zurückzuziehen und Bücher zu lesen. Und doch liebten ihn auch seine Schulkameraden sogar so auffallend, daß man ihn tatsächlich während seiner ganzen Schulzeit den allgemeinen Liebling nennen konnte. Er war selten ausgelassen, selten auch nur lustig; aber ein jeder, der ihn ansah, wußte sofort, daß er nicht finster oder mürrisch war, sondern heiter und gutmütig. Unter seinen Altersgenossen suchte er nie sich hervorzutun. Vielleicht kam dies daher, daß er niemanden und nichts fürchtete, und doch begriffen die Knaben sofort, daß seine Unerschrockenheit keine Prahlerei sein konnte und er selbst nicht einmal wußte, daß er kühn und furchtlos war. Beleidigungen trug er nie nach. Es kam vor, daß er nach einer Stunde dem Beleidiger antwortete oder mit ihm selbst so heiter und zutraulich ein Gespräch begann, als ob niemals etwas zwischen ihnen vorgefallen wäre. Und nie hatte es dabei den Anschein, daß er absichtlich vergessen oder dem Beleidiger verzeihen wollte, sondern es geschah immer ganz harmlos von ihm, als ob er es gar nicht für eine Beleidigung gehalten hätte – und das war es, was die Kinder bestrickte und sie ihm unterwarf. Nur eine Eigenschaft hatte er, die in allen Klassen des Gymnasiums, von der niedrigsten bis zur höchsten, in den Kameraden immerwährend den Wunsch erweckte, ihn zu necken, nicht etwa aus Bosheit, sondern einfach, weil es ihnen Spaß machte. Das waren seine Scham und seine Keuschheit. Er konnte gewisse Worte und gewisse Gespräche über Frauen nicht ertragen. Diese „gewissen“ Worte und Gespräche sind zum Unglück in den Schulen unausrottbar. In der Seele und im Herzen reine Jungen, fast noch Kinder, lieben es zuweilen, in den Klassen unter sich und auch laut von solchen Sachen, Bildern und Vorstellungen zu sprechen, über die selbst einfache Soldaten nicht sprechen würden, denn Soldaten wissen und verstehen vieles nicht von dem, was ganz jungen Kindern unserer höheren Gesellschaft schon bekannt ist. Eine Sittenverderbnis kann man das nicht gut nennen, ein wirklicher innerer Zynismus ist es auch nicht, wohl aber ist es ein äußerer Zynismus, den man oft für vornehm, „schneidig“ und womöglich noch für nachahmungswürdig hält. Als man nun bemerkte, daß „Aljoschka Karamasoff“, wenn man „davon“ sprach, seine Finger in die Ohren steckte, so versammelte man sich um ihn und riß ihm mit Gewalt die Hände fort und schrie ihm dann Gemeinheiten in beide Ohren: er jedoch riß sich los, wälzte sich auf dem Fußboden herum, versuchte sich zu verstecken und zu bedecken, ertrug aber, ohne ihnen ein Wort zu erwidern, ohne zu schreien, schweigend die Beleidigung. Zu guter Letzt ließen sie ihn denn auch in Ruh und neckten ihn nicht mehr als „das Mädchen“, sahen aber in der Beziehung doch mit Bedauern auf ihn herab. Als Schüler war er einer von den besseren, doch niemals war er der erste.

Als Polenoff starb, blieb Aljoscha noch zwei Jahre im Kreisgymnasium. Die untröstliche Gemahlin Jefim Petrowitschs begab sich sofort nach seinem Tode, und zwar auf lange Zeit, mit ihrer ganzen Familie, die nur aus Wesen weiblichen Geschlechts bestand, nach Italien. Aljoscha kam zu zwei Damen, die er früher niemals gesehen hatte, zu entfernten Verwandten Jefim Petrowitschs; unter welchen Bedingungen, das wußte er selbst nicht. Charakteristisch, und das sogar im höchsten Grade, war diese eine Eigenschaft an ihm, daß er sich niemals darum bekümmerte, auf wessen Kosten er lebte. Darin war er der größte Gegensatz seines älteren Bruders Iwan Fedorowitsch, der die zwei ersten Jahre auf der Universität Not litt und sich durch seine eigene Arbeit ernährte, und es von Kindheit an immer bitter empfunden hatte, daß er auf fremde Kosten, auf die seines Wohltäters, leben mußte. Diese sonderbare Charaktereigenschaft Aljoschas konnte man indessen nicht streng verurteilen, denn ein jeder, der ihn nur etwas näher kennen lernte, überzeugte sich alsbald, daß Aljoscha in der Beziehung zu dem Typ der gleichsam einfältigen Jünglinge gehörte, die, wenn man ihnen ein ganzes Kapital gäbe, es bei der ersten Gelegenheit fortgeben würden, sei es zu einem guten Zweck oder einfach einem gewandten Menschen, wenn er sie darum bäte. Ja, und überhaupt kannte er nicht den Wert des Geldes – versteht sich, nicht im buchstäblichen Sinne gesprochen. Aber wenn man ihm Taschengeld gab, um das er niemals selbst bat, so wußte er wochenlang nicht, was er mit ihm anfangen sollte, oder er gab es sofort, und ohne zu berechnen, aus. Pjotr Alexandrowitsch Miussoff, ein Mensch, der in Geldsachen und bourgeoisen Ehrbegriffen sehr empfindlich war, sprach über Alexei einmal folgenden Aphorismus aus: „Er ist vielleicht der einzige Mensch auf der Welt, der, wenn man ihn plötzlich allein und ohne Geld auf einem Platze einer ihm unbekannten Millionenstadt ließe, weder verloren gehen würde, noch vor Kälte oder Hunger sterben, denn man würde ihm sofort zu essen geben, ihm sofort alles verschaffen, ohne daß er sich auch nur anzustrengen brauchte oder sich erniedrigen müßte, und ohne daß er dem Gönner zur Last fiele, im Gegenteil, man würde es sich noch zur Ehre anrechnen.“

Das Gymnasium beendete er nicht; er hatte noch ein ganzes Jahr vor sich, als er plötzlich seinen Damen erklärte, daß er wegen einer Sache, die sich in seinem Kopf festgesetzt hatte, zu seinem Vater fahren müsse. Die Damen waren sehr betrübt und erschrocken darüber und wollten es ihm zuerst nicht gestatten. Die Fahrt kostete nicht viel, doch die Damen erlaubten ihm nicht, seine Uhr zu dem Zwecke zu versetzen – ein Geschenk, das er zur Erinnerung von der Familie seines Wohltäters erhalten hatte, als diese ins Ausland abgereist war – und statteten ihn selbst nicht nur mit reichen Mitteln, sondern auch noch mit neuen Kleidern und guter Wäsche aus. Er gab ihnen aber die Hälfte des Geldes zurück und erklärte ihnen, daß er durchaus in der dritten Klasse fahren wolle. Als er dann in unserem Städtchen ankam, antwortete er auf die ersten Fragen seines Vaters: „Warum hast du dich denn hierher begeben, ohne deinen Kursus beendet zu haben?“ einfach überhaupt nichts, sondern war, wie man sich allgemein erzählte, in sich gekehrt und nachdenklich. Bald darauf brachte man heraus, daß er das Grab seiner Mutter suchte. Er sagte später sogar selbst, daß er nur darum gekommen sei. Aber es ist wohl kaum anzunehmen, daß dies allein der Grund seiner Reise war. Viel wahrscheinlicher ist, daß er sich damals selbst nicht erklären konnte, was er wollte: irgend etwas hatte sich in seiner Brust erhoben, etwas, das ihn schon auf einen neuen, unbekannten und unvermeidlichen Weg zog. Fedor Pawlowitsch konnte ihm übrigens den Platz, wo er seine zweite Frau begraben hatte, nicht zeigen, da er nach der Beerdigung niemals mehr an ihrem Grabe gewesen war, und daher im Laufe der Jahre ganz vergessen hatte, wo sie eigentlich beerdigt lag ...