Part 4
Noch ein Wort über Fedor Pawlowitsch. Er hatte längere Zeit über nicht in unserem Städtchen gelebt. Im dritten oder vierten Jahre nach dem Tode seiner Frau war er in den Süden Rußlands gereist und zu guter Letzt in Odessa angekommen, wo er einige Jahre verlebte. Nach seinen eigenen Worten hatte er sich dort mit vielen „Juden und Jüdchen der verschiedensten Sorten“ angefreundet, und war zum Schluß sogar „bei richtigen Hebräern“ empfangen worden. Es ist wohl anzunehmen, daß er in dieser Periode seines Lebens die besondere Kunst entwickelt hatte, aus allem Geld herauszuschlagen und so sein Kapital beträchtlich zu vergrößern. Er kehrte erst drei Jahre vor der Ankunft Aljoschas endgültig in unser Städtchen zurück. Seine früheren Bekannten fanden ihn sehr gealtert, obgleich er noch längst kein Greis war; auch hielt er sich nicht etwa anständiger, sondern womöglich noch unanständiger. Vor allem tat sich in dem alten Narren das Bedürfnis kund, jetzt auch andere zu Narren zu machen. Mit Frauen verkehrte er nicht nur wie früher, sondern tat es noch gemeiner, noch widerlicher. In kurzer Zeit gründete er viele neue Schenken in unserem Gouvernement. Es war klar, daß er mindestens hunderttausend Rubel Kapital besitzen mußte. Viele von den Stadteinwohnern, aber auch viele vom Lande, wurden denn auch alsbald seine Schuldner, doch natürlich nur unter den sichersten Garantieen. Äußerlich veränderte er sich in der letzten Zeit ganz ansehnlich: er bekam etwas Aufgedunsenes, das er früher nicht gehabt hatte, schien sich auch von seinen Handlungen nicht mehr Rechenschaft ablegen zu können, bekundete einen gewissen Leichtsinn, begann mit dem einen und endete mit etwas ganz anderem, wurde auffallend unruhig und betrank sich immer öfter, und wenn ihn nicht zuweilen sein treuer Diener Grigorij, der in der Zwischenzeit gleichfalls recht gealtert war, fast wie seinen Zögling bewacht und beschützt hätte, so würde er sich vielleicht durch seine Lebensweise ernste Unannehmlichkeiten zugezogen haben. Die Ankunft Aljoschas machte aber in moralischer Beziehung doch einen gewissen Eindruck auf ihn: es schien, als ob in diesem verderbten Alten etwas von dem wiedererwachte, was in seiner Seele schon längst verstummt war.
„Weißt du auch, Alexei,“ sagte er oftmals, wenn er ihn betrachtete, „daß du ihr sehr ähnlich bist, ich meine der Klikuscha?“ So nannte er stets seine verstorbene Frau, die Mutter Iwans und Aljoschas. Das Grab der „Klikuscha“ zeigte dem Jungen schließlich der Diener Grigorij. Er führte ihn auf unseren Friedhof, und dort zeigte er ihm in einer entlegenen Ecke eine kleine, nicht gerade teuere, doch immerhin sauber gearbeitete gußeiserne Platte, auf der sogar eine Inschrift stand: der Name, das Geburts- und Todesjahr der Verstorbenen, und darunter war noch ein vierstrophiger Spruch eingraviert, einer von den allgemein gebräuchlichen auf den Gräbern des Mittelstandes. Diese Platte erwies sich zu Aljoschas nicht geringer Verwunderung als ein Liebeswerk Grigorijs. Er hatte sie selbst auf dem Grabe der armen „Klikuscha“ errichten lassen, auf seine Kosten, nachdem Fedor Pawlowitsch, den er mehrmals mit der Erinnerung an dieses Grab geärgert hatte, schließlich nach Odessa gefahren war und hinfort nicht nur von Gräbern, sondern auch von allem Gewesenen nichts mehr wissen wollte. Aljoscha äußerte am kleinen Grabe seiner Mutter keinerlei besondere Rührung; er hörte nur der wichtig und ernst vorgetragenen Erzählung Grigorijs von der Errichtung der Grabplatte zu, stand mit gesenktem Kopf, und sprach die ganze Zeit über kein Wort. Seit jenem Tage war er vielleicht im ganzen Jahr kein einziges Mal wieder auf den Kirchhof gegangen. Doch auf Fedor Pawlowitsch machte auch diese kleine Episode einen gewissen Eindruck, was sich in einer sehr originellen Weise äußerte. Er nahm plötzlich tausend Rubel und brachte dieses Tausend in unser Kloster, um Seelenmessen für seine verstorbene Frau lesen zu lassen, doch nicht für die zweite, die Mutter Aljoschas, die „Klikuscha“, sondern für die erste, Adelaida Iwanowna, die ihn geprügelt hatte. Am Abend dieses Tages betrank er sich, und schimpfte dann in Aljoschas Gegenwart gewaltig über die Mönche. Selbst war er nichts weniger als ein religiöser Mensch; er hatte vielleicht kein einziges Mal im Leben ein Fünfkopekenlicht vor ein Heiligenbild gestellt. Aber gerade solche Burschen können zuweilen ganz sonderbare Ausbrüche plötzlicher Gefühle und plötzlicher Gedanken haben.
Ich sagte schon, daß sein Gesicht aufgedunsen war. Seine Züge drückten damals etwas aus, das scharf die Charakteristik und das Wesentliche seines durchlebten Lebens kennzeichnete. Außer den langen und fleischigen Säcken unter seinen kleinen, ewig unverschämten, mißtrauischen und spöttischen Äuglein, außer einer Menge kleiner, tiefer Runzeln in seinem kleinen, doch fetten Gesicht, hing sich an sein spitzes Kinn noch ein großes, fleischiges und sackartig längliches Doppelkinn, das ihm ein ganz besonders widerlich-lüsternes Aussehen verlieh. Hinzu füge man jetzt noch einen großen, sinnlichen Mund mit fleischigen Lippen, hinter denen man die kleinen Stummel schwarz gewordener, fast verfaulter Zähne sah. Wenn er zu sprechen begann, spritzte jedesmal Speichel von seinen Lippen. Übrigens liebte er selbst, über sein Gesicht zu scherzen, obgleich er, wie es schien, ganz zufrieden mit ihm war. Besonders wies er auf seine Nase hin, die nicht sehr groß, doch sehr schmal und stark gebogen war: „Echt römisch,“ pflegte er zu sagen, „zusammen mit dem Doppelkinn die echte Physiognomie eines alten römischen Patriziers aus der Verfallszeit.“ Darauf, glaube ich, war er sogar ziemlich stolz.
Eines Tages nun, bald nachdem Aljoscha das Grab seiner Mutter besucht hatte, erklärte dieser plötzlich seinem Vater, daß er in das Kloster eintreten wolle, und daß die Mönche bereit seien, ihn als Novizen aufzunehmen. Er fügte noch hinzu, daß es sein heißer Wunsch sei, und daß er jetzt von ihm, seinem Vater, die feierliche Erlaubnis dazu erbäte. Der Alte wußte schon, daß der Staretz Sossima, der in der Einsiedelei des Klosters lebte, auf seinen „sanften, stillen Jungen“ einen tiefen Eindruck gemacht hatte.
„Dieser Staretz ist bei ihnen noch der ehrlichste von allen,“ brummte er vor sich hin, nachdem er Aljoschas Bitte, über die er sich weiter gar nicht wunderte, angehört hatte. „Hm ... sieh mal einer an, wohin du willst ... Also dorthin willst du, mein sanfter Junge!“ Er war halbtrunken, und plötzlich verzog sich sein Gesicht zu einem langen, stumpfen Grinsen, das aber doch nicht einer gewissen Schlauheit und Hinterlist entbehrte: „Hm ... weißt du, ich ahnte es ja, daß du gerade mit irgend so etwas enden würdest, kannst du dir das vorstellen? Gerade darauf hattest du’s doch abgesehen. Nun, was, meinetwegen ... Du hast doch deine Zweitausend, das wäre denn die Aussteuer. Ich aber werde dich, mein Liebling, nie verlassen, und auch jetzt werde ich dir alles geben, was du zum Eintritt nötig hast, wenn sie’s verlangen. Nun, und wenn sie’s nicht verlangen, warum dann aufdrängen, nicht wahr? Geld gibst du ja nur wie’n Kanarienvogel aus, kaum zwei Körnchen in einer Woche ... Hm ... weißt du, bei einem bekannten Kloster gibt’s so eine kleine Vorstadt, und alle wissen dort schon, daß in ihr nur die ‚Klosterweiber‘ leben, so werden sie dort allgemein genannt, etwa dreißig an der Zahl, glaube ich ... Ich war dort mal, nicht uninteressant, natürlich in ihrer Art, so als Abwechslung einmal. Gemein war nur der furchtbare Russizismus, nicht eine einzige Französin war dabei, könnten aber sein, denn die Mittel sind bedeutend. Nun, werden’s schon bald riechen und angeflogen kommen. Hier aber, alle Achtung, hier gibt’s keine Klosterweiber, Mönche an zweihundert Stück. Alle ehrsam, nichts zu sagen. Fasten bloß. Ich muß gestehen ... Hm! Also du willst zu den Mönchen gehen? Aber du tust mir doch leid, Aljoscha, wirklich, glaub mir, ich habe dich liebgewonnen! ... Übrigens, das wäre eine günstige Gelegenheit: Du kannst dort auch für uns Sünder beten, haben wir doch hier schon gar zu viel gesündigt. Ich habe immer daran gedacht: wer wird einmal für mich beten? Gibt es in der Welt auch nur einen einzigen Menschen, der für mich beten wird? Du mein lieber Junge, ich bin doch in dieser Beziehung ganz furchtbar dumm, du glaubst es nicht, wie dumm! Ganz furchtbar. Siehst du: wie dumm ich aber nun auch bin, an dieses denke ich doch ununterbrochen, ununterbrochen, d. h. versteht sich, so mitunter, aber ich denke doch immerhin daran! Es kann doch nicht sein, denke ich, daß die Teufel vergessen sollten, mich mit Ofenkrücken oder spitzen Haken zu sich hinabzuziehen, wenn ich gestorben bin? Nun, und da denke ich denn so: Haken? Woher nehmen sie die? Schön, – Haken! – aber was für welche? Etwa eiserne? Wo werden sie denn dort geschmiedet? Oder haben sie dort womöglich so ’ne ganze Fabrik? Im Kloster glauben doch die Mönche sicherlich, daß es in der Hölle, zum Beispiel, einen Plafond, eine Decke gibt. Ich aber, siehst du, bin bereit, an die Hölle zu glauben, nur muß sie ohne Decke sein; das ist gewissermaßen delikater, aufgeklärter – das heißt lutherischer. Im Grunde aber sollte man meinen, – ist’s denn nicht einerlei: mit ’ner Decke oder ohne Decke? Das aber ist ja die verflixte Frage! Nun, sage doch selbst: wenn es keine Decke gibt, so gibt es folglich auch keine Haken. Gibt’s aber keine Haken, so geht ja die ganze Hölle flöten, dann ist ja das Ganze nur ’ne Fabel; also – wiederum unwahrscheinlich: wer wird mich dann noch mit Ofengabeln hinunterziehen, denn wenn man nicht einmal mich hinunterzieht, wer soll dann überhaupt noch gezogen werden, und wo ist dann die Gerechtigkeit in der Welt? _Il faudrait les inventer_, diese Ofengabeln, speziell für mich, für mich allein, denn, ach Aljoscha! – wenn du wüßtest, was ich für ein Schandkerl bin! ...“
„Aber dort gibt es doch gar keine Ofengabeln,“ sagte still und ruhig Aljoscha, der ernst den Vater betrachtete.
„Stimmt, nur Schatten von Ofengabeln. Ich weiß, ich weiß. Das ist, wie ein Franzose die Hölle beschreibt: _J’ai vu l’ombre d’un cocher qui avec l’ombre d’une brosse frottait l’ombre d’une carrosse._ Aber woher weißt du denn, mein Täubchen, daß es dort keine Ofengabeln gibt? Bleib mal erst ein bißchen bei den Mönchen, dann wirst du schon was andres anstimmen, wirst piepen, wie die Alten singen. Doch, übrigens, gehe hin, wenn du willst, trachte, bis zur Wahrheit vorzudringen und komm dann her erzählen: es wird doch immerhin leichter sein, ins Jenseits abzugehen, wenn man genau weiß, wie’s dort eigentlich zugeht. Und dort bei den Mönchen ist’s auch anständiger für dich als hier bei mir, dem alten Trinker und den Mädels ... wenn auch dich, wie einen Engel, nichts berührt. Nun, vielleicht wird dich auch dort nichts berühren, nur darum erlaube ich dir alles, weil ich eben darauf hoffe. Deinen Verstand hat doch nicht der Teufel aufgefressen. Wirst entflammen und erlöschen, gesund werden und zurückkommen. Ich aber werde dich erwarten. Fühle ich doch, daß du der einzige Mensch auf der ganzen Welt bist, der mich nicht verurteilt hat, du mein lieber Junge, das fühle ich doch, wie soll ich denn das nicht fühlen! ...“
Und er fing sogar an zu flennen. Er war ein sentimentaler Mensch. Er war gemein und sentimental zugleich.
V. Die Startzen
Vielleicht werden meine Leser denken, Aljoscha Karamasoff sei ein kränklicher, ekstatischer, dürftig entwickelter Jüngling gewesen, ein bleicher Träumer, ein blutarmer, kraft- und saftloser Mensch. Im Gegenteil: Aljoscha war schon ein stattlicher, neunzehnjähriger junger Mann mit einem hellen, offenen Blick und strotzte fast vor Gesundheit. Er war sogar sehr hübsch, prächtig gewachsen, dabei von mittelhohem Wuchs, dunkelblond, das Gesicht von einem regelmäßigen, etwas länglichen Oval, in dem die glänzenden, dunkelgrauen Augen weit auseinanderstanden, war sehr nachdenklich und – wenigstens schien es so – sehr ruhig. Man wird vielleicht sagen, daß rote Wangen weder Fanatismus noch Mystizismus ausschließen; ich aber glaube, daß Aljoscha mehr als sonst jemand Realist war. O, versteht sich, im Kloster glaubte er vollkommen an Wunder, doch meiner Meinung nach machen Wunder einen Realisten niemals irre. Nicht die Wunder führen den Realisten zum Glauben. Wenn der echte Realist ungläubig ist, wird er immer die Kraft und die Fähigkeit in sich finden, dem Wunder nicht zu glauben, wenn aber das Wunder vor ihm zur unabweisbaren Tatsache wird, so wird er eher seinen Sinnen nicht trauen, als daß er die Tatsache zugäbe. Oder gibt er sie auch einmal zu, so wird er sie doch nur als ganz natürlichen Vorgang zugeben, der ihm nur bis dahin noch unbekannt war. Im Realisten wird der Glaube nicht durch das Wunder hervorgerufen, sondern das Wunder durch den Glauben. Wenn der Realist einmal glaubt, so muß er gerade infolge seines Realismus unbedingt auch das Wunder zugeben. Der Apostel Thomas sagte, daß er nicht eher glauben werde, als bis er selbst sähe, als er aber sah, da rief er: „Mein Herr und mein Gott!“ Machte ihn das Wunder glauben? Wahrscheinlich nicht, sondern er glaubte ausschließlich darum, weil er glauben wollte, und vielleicht glaubte er in seinem Innersten schon damals vollkommen, als er sagte, er werde nicht eher glauben, als bis er selbst sähe.
Oder vielleicht wird man sagen, Aljoscha sei stumpf gewesen, unentwickelt, habe das Gymnasium nicht beendet usw. Letzteres ist allerdings wahr, doch wäre es eine große Ungerechtigkeit, zu sagen, daß er dumm gewesen sei. Ich wiederhole, was ich schon einmal gesagt habe: Der einzige Grund, warum er diesen Weg einschlug, war der, daß nur dieser Weg allein auf ihn damals einen tiefen Eindruck machte und ihm mit einemmal das ganze Ideal der Erlösung seiner leidenschaftlich aus der Finsternis zum Licht strebenden Seele zeigte. Jetzt bedenke man noch, daß er seinem Alter nach teilweise schon unserer neuen Zeit angehörte, also schon von Natur ehrlich war, nach Wahrheit verlangte, sie suchte, an sie glaubte und mit der ganzen Kraft seiner Seele der Wahrheit unmittelbar teilhaftig werden wollte, sich nach einer Heldentat sehnte, und zwar mit dem bedingungslosen Wunsch, für diese Tat womöglich alles, selbst das Leben zu opfern. Nur sehen es diese Jünglinge leider nicht ein, daß das Opfer des Lebens in den meisten Fällen vielleicht das leichteste von allen Opfern ist, und daß, zum Beispiel, von seinem in Jugend schäumenden Leben fünf oder sechs Jahre schwerem, mühsamem Studium der Wissenschaft zu opfern – und wenn auch nur, um in sich die Kraft zur Förderung dieser selben Wahrheit und zur Ausführung derselben Heldentat, für die man schwärmt, und die zu erfüllen man sich vorgenommen hat, zu verzehnfachen – daß solch ein Opfer vielen von ihnen weit über ihre Kräfte geht. Aljoscha erwählte bloß den Weg, der allen anderen entgegengesetzt war, doch tat er es mit demselben heißen Verlangen nach einer schnellen Heldentat. Kaum war er in ernstem Nachdenken von der Überzeugung, daß es Unsterblichkeit und Gott gibt, ergriffen worden, als er sich natürlicherweise sofort sagte: „Ich will für die Unsterblichkeit leben, auf einen Kompromiß aber gehe ich nicht ein.“ Ebenso wäre er, wenn er sich überzeugt hätte, daß es Unsterblichkeit und Gott nicht gibt, sofort zu den Atheisten und Sozialisten übergegangen (denn der Sozialismus ist nicht nur eine Arbeiterfrage oder eine Frage des sog. vierten Standes, sondern hauptsächlich eine atheistische Frage, die Frage der gegenwärtigen Inkarnation des Atheismus, die Frage des „Turmes zu Babel“, der gerade ohne Gott gebaut wird, nicht zur Erreichung des Himmels von der Erde aus, sondern zur Niederführung des Himmels auf die Erde). Es schien Aljoscha sogar sonderbar und unmöglich, so weiter zu leben. Es steht geschrieben: „Verteile dein Gut und folge mir nach, wenn du vollkommen sein willst.“ Und so sagte sich denn auch Aljoscha: „Ich kann doch nicht an Stelle meines ganzen Gutes nur zwei Rubel geben, und anstatt des ‚folge mir nach‘ nur zur Kirche gehen.“ Von den Eindrücken seiner Kinderjahre erinnerte er sich vielleicht noch einiger aus unserem Kloster, wohin ihn die Mutter oftmals mitgenommen hatte. Vielleicht waren auch die schrägen Strahlen der Abendsonne, die auf das schimmernde Heiligenbild fielen, als ihn seine Mutter, die Klikuscha, zu jenem hingehalten hatte, auf ewig in seine Seele gefallen. Nachdenklich und still war er damals, als er herkam, vielleicht nur, um zu sehen: Ist hier alles, oder sind auch hier nur zwei Rubel? – Da traf er im Kloster diesen Staretz ...
Dieser Staretz war, wie ich schon früher sagte, der Staretz Sossima. Doch hier sehe ich mich gezwungen, zunächst ein wenig zu erläutern, wer und was diese „Startzen“ in unseren Klöstern eigentlich sind. Es tut mir nur leid, daß ich mich in dieser Frage nicht ganz maßgebend fühle; ich werde mich daher mit einer kurzen, mehr oberflächlichen Erklärung begnügen. Viele Sachkundige behaupten, daß das Startzentum bei uns in unseren russischen Klöstern erst seit sehr kurzer Zeit eingeführt sei, kaum seit hundert Jahren, während es im ganzen orthodoxen Osten, besonders auf dem Sinai und dem Athos, schon seit mehr denn tausend Jahren vorkomme. Es wird zwar behauptet, daß das Startzentum auch bei uns früher, schon in den ältesten Zeiten, bestanden habe, dann aber infolge der vielen Heimsuchungen Rußlands, infolge des Tatarenjochs, der inneren Unruhen, der Unterbrechung unserer früheren Verbindungen mit dem Westen und schließlich der Eroberung Konstantinopels durch die Türken vergessen worden sei. Aufgekommen aber wäre es jetzt wieder seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts durch einen der großen Eiferer, Paissij Welitschkowskij und seine Schüler, doch ist es noch heute, also selbst nach fast hundert Jahren, nur in sehr wenigen Klöstern eingeführt, und nicht selten ist es sogar als in Rußland unerhörte Neuerung nahezu Verfolgungen ausgesetzt gewesen. Zu besonderer Blüte kam es bei uns in Rußland in der berühmten Einsiedelei der Koselskischen Optina. Wann und durch wen es auch in unserem, ganz nahe bei der Stadt gelegenen Kloster eingeführt worden ist, weiß ich nicht; doch sind dort schon drei Startzen gewesen, von denen der Staretz Sossima der dritte und der letzte Nachfolger war. Auch er siechte schon in Krankheit und Schwäche dahin. Durch wen man ihn aber ersetzen sollte, das wußte man noch nicht einmal. Für unser Kloster war das eine wichtige Frage, da es sich bis dahin eigentlich noch durch nichts ausgezeichnet hatte: Es gab in ihm weder Gebeine Heiliger noch „wunderbar erschienene,[5] wundertätige Heiligenbilder“, und nicht einmal alte Sagen, die es mit unserer Geschichte verknüpft oder von ihm Großes, um das Vaterland Verdienstvolles zu berichten gewußt hätten. Aufgeblüht aber und in ganz Rußland bekannt geworden war es gerade durch seine Startzen, die zu sehen und zu hören Pilger in Scharen von weitem herkamen und oft Tausende von Werst zu Fuß zurücklegten. Doch was ist nun solch ein Staretz? Der Staretz ist einer, der eines Menschen Seele und Willen in seine Seele und seinen Willen aufnimmt. Wenn man einen Staretz gewählt hat, sagt man sich von dem eigenen Willen los und gibt ihn dem Staretz zu vollem Gehorsam mit vollständiger Selbstverleugnung. Diese Prüfung, diese furchtbare Lebensüberwindung nimmt der sich dem Staretz Ergebende freiwillig auf sich: in der Hoffnung, nach langer Prüfung sich selbst überwinden zu können, sich seiner selbst dermaßen zu bemächtigen, daß er endlich durch lebenslänglichen Gehorsam die volle Freiheit erlange, – das heißt, um vor sich selbst frei zu sein, auf daß er dem Los derer entgehe, die das ganze Leben verleben und doch ewig ihr eigener Knecht bleiben. Diese Einrichtung, ich meine das Startzentum, ist nicht theoretisch entstanden, sondern hat sich im Osten aus der Praxis ergeben und ist heutzutage schon tausendjährig. Die Verpflichtungen dem Staretz gegenüber sind nicht etwa der gewöhnliche „Gehorsam“ (oder „Dienst“), der in unseren russischen Klöstern seit jeher üblich ist; nein, hier handelt es sich um die ewige Beichte aller sich dem Staretz Ergebenden und die unlösbare Verbindung zwischen dem Gebundenen und dem Bindenden. Man erzählt sich zum Beispiel, daß einmal in den ältesten Zeiten des Christentums ein derart Gebundener eine Buße, die ihm von seinem Staretz auferlegt worden war, nicht erfüllt und das Kloster verlassen hatte, und in ein anderes Land, ich glaube aus Syrien nach Ägypten, gezogen war. Dort hatte er lange Zeit Großes vollbracht, und schließlich war er für seinen Glauben den Märtyrertod gestorben. Als aber die Kirche ihn, den sie fast schon als Heiligen ehrte, bestatten wollte, da war der Sarg plötzlich bei den Worten des Diakonus: „Katechumenen, geht hinaus“, mit der in ihm liegenden Leiche des Märtyrers von der Stelle gerückt und zur Kirche hinausgeworfen worden, und also war es dreimal geschehen. Erst später hatte man erfahren, daß der heilige Dulder den Gehorsam gebrochen und seinen Staretz verlassen hatte, und darum konnte ihm ohne die Erlaubnis dieses Staretz, selbst trotz seiner großen Taten, nicht verziehen werden. Und seine Bestattung konnte erst stattfinden, als sein Staretz ihn der Buße enthoben hatte. Natürlich ist das nur eine alte Legende, doch will ich noch eine andere Begebenheit aus unserer Zeit erzählen: Einer unserer zeitgenössischen Mönche hatte sich in das Kloster des Athos zurückgezogen, und plötzlich befiehlt ihm sein Staretz, Athos zu verlassen – Athos, das er bis in die tiefste Tiefe seiner Seele in Liebe eingeschlossen hatte! – und zuerst nach Jerusalem und dann zurück nach Rußland, in den Norden, nach Sibirien zu gehen: „Dort ist dein Platz, nicht hier.“ Der erschrockene und vor Leid niedergedrückte Mönch ging nach Konstantinopel zum Ökumenischen Patriarchen und flehte ihn an, ihn des Gehorsams zu entbinden; da aber antwortete ihm der Ökumenische Machthaber, daß nicht nur er, der Ökumenische Patriarch, ihn nicht befreien könne, sondern daß es auf der ganzen Erde keine Macht gäbe, die ihn von dem, was ihm einmal sein Staretz auferlegt hätte, entbinden könnte, abgesehen natürlich von dem Staretz selbst. So haben denn die Startzen in gewissen Fällen eine grenzenlose und unvergleichliche Macht. Das ist auch der Grund, warum bei uns das Startzentum in vielen Klöstern auf solche Feindseligkeit stieß. Indessen aber wurden die Startzen im Volk alsbald sehr geachtet und verehrt. Zu den Startzen unseres Klosters kamen sowohl die einfachsten als die vornehmsten Leute, um ihnen kniend ihre Zweifel, Sünden und Leiden zu beichten und sie um Rat und Leitung zu bitten. Dagegen führten dann die Gegner der Startzen unter anderen Beschuldigungen aus, daß hierbei das Mysterium der Beichte eigenmächtig und leichtsinnig profaniert werde – obgleich in diesem Falle das ununterbrochene Beichten des sich ihm ergebenden Klosterbruders oder Weltlichen keineswegs als Mysterium aufgefaßt wurde. Es endete schließlich damit, daß das Startzentum sich doch behauptete und allmählich in den Klöstern verbreitete. Allerdings ist auch das wahr, daß dieses erprobte und schon tausendjährige Mittel zur sittlichen Auferstehung des Menschen von der Sklaverei zur Freiheit und zur moralischen Vervollkommnung sich in ein zweischneidiges Schwert verwandeln kann, so daß es manchen vielleicht, statt zur Demut und endgültigen Selbstüberwindung, zu satanischem Stolz, also zu Ketten, nicht aber zur Freiheit führt.