Part 2
Er war zweimal verheiratet gewesen und hatte drei Söhne, – den ältesten, Dmitrij Fedorowitsch, von der ersten Frau; die beiden anderen, Iwan und Alexei, von der zweiten. Die erste Gemahlin Fedor Pawlowitschs stammte aus dem wohlhabenden und angesehenen Adelsgeschlecht der Miussoffs, – gleichfalls Gutsbesitzer unseres Bezirks. Wie es kam, daß dieses reiche Mädchen – das dazu noch hübsch war und zu den temperamentvollen, intelligenten Frauen gehörte, die man in unserer Generation so häufig antrifft, die aber auch schon in der vergangenen auftauchten –, solch einen jämmerlichen Menschen heiraten konnte, will ich weiter nicht zu erklären versuchen. Kannte ich doch ein junges Mädchen, allerdings war es eines aus der vorigen „romantischen“ Generation, das sich nach etlichen Jahren rätselhafter Liebe zu einem Mann, den es zu jeder Zeit ruhig hätte heiraten können, schließlich die unüberwindlichsten Hindernisse ausdachte, die eine Vereinigung unbedingt ausschlossen, und die sich darauf in einer stürmischen Nacht von einem hohen Ufer, das fast einem Felsen glich, in einen ziemlich tiefen und reißenden Strom hinabstürzte und in ihm ertrank, – eigentlich doch nur deshalb, um der Shakespeareschen Ophelia zu gleichen. Ja, es ist sogar anzunehmen, daß sie, wenn an der Stelle des malerischen Felsens nur ein prosaisches, flaches Flußufer gewesen wäre, an die phantastische Idee, aus Liebe in den Tod zu gehen, überhaupt nicht gedacht hätte. Dieser Selbstmord ist aber Tatsache, und ich glaube annehmen zu dürfen, daß sich in unseren beiden letzten Generationen nicht selten Ähnliches zugetragen hat. Auch die Heirat Adelaida Iwanowna Miussoffs war ein Schritt von derselben Art und zweifellos auf fremde Einflüsse zurückzuführen. Vielleicht wollte sie durch ihn ihre weibliche Selbständigkeit beweisen, gegen die gesellschaftlichen Fesseln, gegen den Despotismus ihrer Eltern und Verwandten auftreten, und vielleicht hatte ihr noch die bereitwillige Phantasie die Überzeugung eingeflößt, wenn auch nur auf einen Augenblick, daß Fedor Pawlowitsch trotz seiner Rolle als ewiger Freischlucker einer der geistreichsten und eigenartigsten Spötter dieser Übergangsepoche sei, die zweifellos zu Besserem führte, obgleich er in Wirklichkeit doch nichts als ein boshafter Narr war. Das eigentlich Reizvolle der Sache bestand jedoch darin, daß sie von ihm entführt wurde – das aber war für sie ausschlaggebend. Hinzu kam, daß Fedor Pawlowitsch damals unbedingt, gleichviel mit welchen Mitteln, Karriere machen wollte, und so war er denn infolge seiner sozialen Lage geradezu gezwungen, sie zu entführen: war doch die Aussicht auf eine Mitgift und die Gelegenheit, zu einer reichen und angesehenen Familie in so nahe Beziehung zu treten, gar zu verführerisch. Was nun die beiderseitige Liebe anbelangt, so war die überhaupt nicht vorhanden, weder von seiten der Braut, noch, trotz deren Schönheit, von seiten Fedor Pawlowitschs, – eine Tatsache, die in ihrer Art denn auch den einzigen Ausnahmefall im Leben Fedor Pawlowitschs bildete, dieses größten Lüstlings, der sein Leben lang immer sofort bereit war, nach einerlei was für einem Weiberrock zu langen, wenn er ihn nur anlockte. So war also diese Frau die einzige, die, was seine Leidenschaft anbetraf, nicht den geringsten Eindruck auf ihn gemacht hatte.
Adelaida Iwanowna kam denn auch schon bald nach der Entführung zur Überzeugung, daß sie für ihren Mann nur Verachtung empfinden konnte, und so stellten sich die Folgen dieser Heirat unverzüglich ein. Ungeachtet dessen, daß ihre Familie sich sehr bald darauf mit der Tatsache aussöhnte und der Entlaufenen die Mitgift auszahlte, kam es zwischen den Eheleuten doch zu unaufhörlichen Szenen. Später erzählte man, daß die junge Frau unvergleichlich mehr Anstand und Vornehmheit bewiesen habe als Fedor Pawlowitsch, der sich, wie man es jetzt genau weiß, fast ihr ganzes Geld, an fünfundzwanzigtausend Rubel, sofort einsteckte, so daß sie von diesen Tausenden nichts mehr zu sehen bekam. Das Gütchen jedoch und das Haus in der Stadt, die gleichfalls zu ihrer Mitgift gehörten, wollte er lange Zeit unbedingt auf seinen Namen überführen, und er würde auch bestimmt erreicht haben, was er wollte, da sein unaufhörliches Betteln und seine unverschämten Erpressungsversuche in ihr nur Verachtung und Ekel hervorriefen, und sie vielleicht aus seelischer Ermüdung, und um ihn los zu werden, schließlich eingewilligt hätte. Zum Glück aber trat ihre Familie für sie ein und machte diesen Erpressungsversuchen ein Ende. Wahr ist gleichfalls, daß zwischen ihnen nicht selten Prügeleien stattfanden, doch war es nach der Überlieferung nicht Fedor Pawlowitsch, der schlug, sondern Adelaida Iwanowna, die eine heißblütige, kühne, ungeduldige Dame von bräunlicher Gesichtsfarbe und nicht geringer körperlicher Kraft war. Schließlich aber hielt sie es doch nicht mehr aus und lief Fedor Pawlowitsch mit einem in Armut verkommenen Seminaristen, der übrigens Lehrer war, einfach davon, und überließ ihm außer ihrem Kapital noch ihren dreijährigen Sohn Mitjä.[1] Fedor Pawlowitsch machte aus seinem Hause sofort einen Harem und ein Lokal für die wüstesten Gelage, von Zeit zu Zeit aber fuhr er zu allen Bekannten, also fast durch das ganze Gouvernement, und beklagte sich mit Tränen in den Augen über Adelaida Iwanowna, wobei er so ausführlich von seinem Eheleben erzählte, wie es ein anderer Ehemann schon allein aus Schamgefühl nie getan haben würde. Es schien ihm beinahe angenehm und womöglich noch schmeichelhaft zu sein, diese lächerliche Rolle des gekränkten Gatten zu spielen und anderen sein Leid in allen Farben auszumalen. „Man könnte ja wirklich glauben, Fedor Pawlowitsch, daß Sie einen höheren Rang erhalten haben, so zufrieden scheinen Sie trotz Ihres vermeintlichen Kummers zu sein,“ sagten ihm denn auch manche, denen er sein Leid klagte, nicht ohne spöttische Verachtung. Viele fügten sogar noch hinzu, er solle sich doch nicht verstellen, da er ja im Grunde nur froh sei, eine neue Narrenrolle spielen zu können, und sich bloß, um die Komik zu erhöhen, den Anschein gäbe, als bemerke er die eigene Lächerlichkeit nicht. Wer aber kann es wissen, vielleicht war das alles wirklich ganz naiv von ihm? Endlich gelang es ihm, seiner Flüchtigen auf die Spur zu kommen. Die Arme befand sich in Petersburg, wohin sie mit ihrem Seminaristen gefahren war, und wo sie in der größten Ungebundenheit lebte. Fedor Pawlowitsch traf sofort große Anstalten zur Reise nach Petersburg – warum aber und wozu dorthin? – das wußte er natürlich selbst nicht. Vielleicht wäre er damals auch wirklich abgefahren, doch nachdem er einen so großen Entschluß gefaßt hatte, fühlte er sich sofort vollkommen berechtigt, sich zur Stärkung auf einen so weiten und schweren Weg vorher noch dem uferlosesten Trunk zu ergeben. Inzwischen aber erhielt die Familie seiner Frau die Nachricht von deren Tode. Sie war ganz plötzlich gestorben, irgendwo in einer Dachkammer, am Typhus, wie die einen behaupteten, oder wie die anderen meinten – vor Hunger. Als der gerade betrunkene Fedor Pawlowitsch die Nachricht vom Tode seiner Frau erhielt, soll er auf die Straße hinausgelaufen sein, die Hände wie zum Dank zum Himmel emporgehoben und laut ausgerufen haben: „Herr, nun lässest du mich in Frieden fahren!“ – Andere aber sagen, er habe wie ein kleines Kind geweint, und zwar so sehr, daß man für ihn trotz der Verachtung Mitleid habe empfinden können. Es ist sehr leicht möglich, daß sowohl das eine wie das andere wahr ist, daß er sich über seine Befreiung von ihr gefreut, und zu gleicher Zeit über ihren Tod geweint hat – beides zusammen. In den meisten Fällen sind die Menschen, und sogar Bösewichte, viel naiver und aufrichtiger, als wir es von ihnen voraussetzen. Ja, und wir selbst sind es doch gleichfalls. –
II. Der erste Sohn
Man kann sich natürlich denken, welch ein Erzieher oder Vater solch ein Mensch sein konnte. Fedor Pawlowitsch vergaß das Kind vollständig, doch nicht etwa aus Bosheit oder aus irgendwelchen beleidigten Gattengefühlen, sondern ganz einfach, weil er es eben vollkommen vergaß. Solange er noch trauerte, klagte und weinte und sein Haus dabei in eine unzüchtige Höhle verwandelte, nahm sich des kleinen, dreijährigen Knaben Grigorij, der treue Diener seines Hauses, an – wenn dieser es nicht getan hätte, so würde der Kleine kaum ein Hemdchen zum Wechseln gehabt haben, da auch die Familie seiner Mutter ihn in der ersten Zeit gleichfalls ganz vergaß. Sein Großvater Miussoff, der Vater Adelaida Iwanownas, war schon gestorben, und dessen Witwe, Mitjäs Großmutter, war nach Moskau übergesiedelt und dort erkrankt; ihre jüngeren Töchter heirateten gerade, und so blieb denn Mitjä ein ganzes Jahr beim Diener Grigorij und lebte in dessen Wohnung auf dem Hofe. Übrigens, wenn sich der Vater seiner auch erinnert hätte (denn er konnte doch unmöglich von seiner Existenz überhaupt nichts wissen), so würde er ihn doch selbst wieder in die Leutewohnung auf den Hof geschickt haben, da das Kind ihm bei diesem Völlerleben nur im Wege gewesen wäre. Doch da kehrte eines schönen Tages der Vetter der Verstorbenen, Pjotr Alexandrowitsch Miussoff, aus Paris zurück, wo er viele Jahre hindurch gelebt hatte. Er war damals noch ein ganz junger Mann, der sich aber unter den Miussoffs doch schon als aufgeklärter Großstädter und Ausländer auszeichnete; er fühlte sich von jeher als Europäer, und am Ende seines Lebens konnte er zu den Liberalen der vierziger und fünfziger Jahre gezählt werden. Natürlich stand er mit allen liberalen Größen seiner Epoche in Rußland wie im Auslande in Verbindung, kannte persönlich Proudhon und Bakunin, und liebte zum Schluß seiner Wanderschaft ganz besonders, sich der drei Tage der Pariser Februarrevolution zu erinnern und anzudeuten, daß er selbst beinahe auf den Barrikaden gestanden hätte. Das waren für ihn die schönsten Erinnerungen seiner Jugendjahre. Er besaß ein ansehnliches Vermögen – nach den früheren Verhältnissen gerechnet, ungefähr tausend Seelen. Sein wundervolles Gut lag ganz in der Nähe unsres Städtchens und grenzte an die Ländereien des berühmten Klosters, mit dem Miussoff sofort, nachdem er sein Erbe angetreten hatte, einen Prozeß begann (wegen irgendwelcher Rechte auf den Fischfang im Fluß oder auf das Holzfällen in einem Walde, ich weiß es nicht mehr ganz genau), da er als aufgeklärter Mensch selbstverständlich für seine bürgerliche Pflicht hielt, mit den „Klerikalen“ Prozeß zu führen. Als er nun das Schicksal Adelaida Iwanownas, deren er sich natürlich noch sehr gut erinnerte und für die er sich früher sogar interessiert hatte, erfuhr, und von ihrem Sohn Mitjä hörte, beschloß er sofort, sich trotz seines heftigen Unwillens über Fedor Pawlowitsch, in die Sache einzumischen. Bei der Gelegenheit war es denn, daß er Fedor Pawlowitsch zum erstenmal sah und kennen lernte. Er erklärte sich bereit, die Erziehung Mitjäs auf sich zu nehmen. Noch lange nachher erzählte er, gewissermaßen zur Charakterisierung Fedor Pawlowitschs, daß dieser, als er ihm von Mitjä gesprochen, ein Gesicht gemacht habe, als ob er überhaupt nicht verstehen könne, von welch einem Kinde die Rede sei und ersichtlich sogar sehr erstaunt gewesen wäre, zu hören, daß bei ihm im Hause irgendwo ein kleiner Sohn lebte. Wenn Pjotr Alexandrowitsch in seiner Erzählung auch etwas übertrieben haben mag, so muß doch immerhin etwas Wahres daran gewesen sein. Außerdem aber liebte es Fedor Pawlowitsch tatsächlich, sich plötzlich zu verstellen, oder eine ganz unerwartete Rolle zu spielen, und zwar, was die Hauptsache dabei schien, ohne daß die geringste Notwendigkeit dazu vorhanden gewesen wäre, mitunter sogar zu seinem eigenen Nachteil, wie z. B. in diesem Falle. Dieser Zug ist übrigens vielen Leuten eigen, und sogar sehr klugen Leuten, nicht nur solchen wie Fedor Pawlowitsch. Miussoff führte also die Sache durch und wurde sogar als Vormund des Knaben eingesetzt (zusammen mit Fedor Pawlowitsch natürlich), da doch dem Kleinen nach dem Tode der Mutter immerhin das Gütchen und das Haus verblieben. Mitjä wurde denn auch wirklich in das Haus Pjotr Alexandrowitschs gebracht; der aber hatte keine Familie, und da er selbst, nachdem er seine Wirtschafts- und Geldangelegenheiten auf dem Gute geordnet hatte, so schnell als möglich und auf lange Zeit wieder nach Paris eilte, so wurde das Kind einer Tante, einer älteren Dame, die in Moskau wohnte, anvertraut. Und so kam es denn, daß auch Miussoff in Paris den Knaben vollständig vergaß, besonders als diese Februarrevolution ausbrach, die ihm so imponierte, daß er sie sein Lebtag nicht vergessen konnte. Die Moskauer Dame aber starb bald darauf, und Mitjä kam zu einer ihrer verheirateten Töchter. Ich glaube, er hat dann noch einmal, zum viertenmal, das Nest gewechselt. Doch darüber werde ich mich weiter nicht verbreiten, da ich noch viel über diesen Erstling Fedor Pawlowitschs zu erzählen habe; ich will mich jetzt nur auf die notwendigsten Mitteilungen beschränken, ohne die ich den Roman nicht beginnen kann.
Dieser Dmitrij Fedorowitsch war der einzige von den drei Söhnen Fedor Pawlowitschs, der mit dem Bewußtsein aufwuchs, daß er immerhin über einige Mittel verfügte und, wenn er mündig geworden, unabhängig sein werde. Seine Kinder- und Jugendjahre verlebte er ziemlich unordentlich: das Gymnasium beendete er nicht, darauf kam er auf eine Kriegsschule, diente dann im Kaukasus, hatte dort ein Duell, wurde deswegen degradiert, diente sich aber wieder in die Höhe, führte ein wildes Leben und gab verhältnismäßig viel Geld aus. Vor seiner Mündigkeit bekam er von Fedor Pawlowitsch kein Geld, lebte daher bis dahin von Schulden. Fedor Pawlowitsch, seinen Vater, lernte er erst nach seiner Mündigkeit kennen; er kam damals zum erstenmal in unsere Stadt, um sich mit ihm über seine Vermögensverhältnisse auszusprechen. Wie es schien, gefiel ihm sein Vater nicht, denn er verließ ihn sofort wieder, als er eine gewisse Summe erhalten und mit ihm über die weiteren Einnahmen seines Gutes verhandelt hatte; doch konnte er weder die Einkünfte, noch den Wert des Gutes jemals von seinem Vater erfahren. (Bitte das wohl zu beachten.) Fedor Pawlowitsch aber bemerkte damals sofort (und auch dies bitte nicht zu vergessen), daß Mitjä sich von seinem Vermögen eine unrichtige und übertriebene Vorstellung machte, womit Fedor Pawlowitsch jedoch sehr zufrieden war, denn er hatte dabei seine eigenen Berechnungen. Er sagte sich, daß der junge Mann leichtsinnig, stürmisch, leidenschaftlich, ungeduldig war und wild lebte, daß man ihn aber, wenn man ihm immer wieder etwas schickte, sehr wohl beruhigen könnte, wenn auch natürlich immer nur auf kurze Zeit. So begann dann Fedor Pawlowitsch seinen Sohn zu exploitieren, d. h. er speiste ihn mit kleinen Almosen und zufälligen Sendungen ab, und zum Schluß, als Mitjä nach vier Jahren seine Geduld endlich verlor und zum zweitenmal in unser Städtchen kam, um noch einmal mit seinem Vater die Angelegenheit zu besprechen, da erwies sich plötzlich zu seinem größten Erstaunen, daß er überhaupt nichts mehr zu verlangen hatte, daß er mit dem erhaltenen Gelde schon der Schuldner seines Vaters geworden war, daß er nach der und der Abmachung, die er selbst einmal, dann und dann, gewünscht, kein Recht mehr hatte, noch irgendetwas zu verlangen usw. Der junge Mann war sehr betroffen, witterte einen Betrug, geriet außer sich und schien fast den Verstand zu verlieren. Dieser Umstand führte dann zu der Katastrophe, deren Wiedergabe der Gegenstand meines ersten, einführenden Romanes, oder besser gesagt, sein äußerer Anlaß ist. Doch bevor ich zu dem Roman übergehe, muß ich noch von den beiden anderen Söhnen Fedor Pawlowitschs, Mitjäs Brüdern, erzählen, und erklären, wie er zu diesen beiden gekommen war.
III. Die zweite Frau und deren Kinder
Nachdem Fedor Pawlowitsch sich des vierjährigen Mitjä entledigt hatte, heiratete er kurz darauf zum zweitenmal. Diese Ehe dauerte acht Jahre. Ssofja Iwanowna, seine zweite Frau, war gleichfalls noch sehr jung, als er sie heiratete. Er lernte sie in einem andern Gouvernement kennen, wohin er in „Geschäftchen“ mit einem Juden gefahren war, denn wenn Fedor Pawlowitsch auch unsolide und ausschweifend lebte und viel trank, so hörte er doch nie auf, für die vorteilhafte Umsetzung seines Kapitals zu sorgen und überall gute Geschäftchen zu machen, wenn auch immer auf betrügerische Weise. Ssofja Iwanowna war als Tochter eines kleinen Diakons und als Ganzwaise in dem reichen Hause ihrer Wohltäterin, Erzieherin und Peinigerin, der angesehenen alten Witwe des Generals Worochoff, aufgewachsen. Ausführlicheres über sie weiß ich nicht, nur hörte ich, daß man die bescheidene, demütige Kleine einmal in der Kleiderkammer aus einer Schlinge gezogen hatte – so schwer war es ihr gewesen, die Launen und ewigen Vorwürfe dieser anscheinend bösen Alten zu ertragen, die aber eigentlich nur vom Nichtstun und der Langeweile zu diesem unerträglichen, launischen Parasit geworden war. Fedor Pawlowitsch warb um ihre Hand; man zog Erkundigungen über ihn ein und setzte ihn vor die Tür – da schlug er dann der Waise, wie bei seiner ersten Heirat, eine Entführung vor. Es ist sehr möglich, daß auch sie ihn um nichts in der Welt geheiratet haben würde, wenn sie etwas mehr über ihn erfahren hätte. Aber sie lebte ja in einem andern Gouvernement, und was hätte denn auch ein sechzehnjähriges Mädchen von allem dem verstanden, ganz abgesehen davon, daß sie vorgezogen hätte, in den Fluß zu gehen, als noch länger bei ihrer Wohltäterin zu bleiben. So vertauschte denn die Ärmste ihre Wohltäterin mit einem Wohltäter. Fedor Pawlowitsch, oder vielmehr seine Frau, bekam diesmal keine Kopeke Mitgift, da die Generalin über die Entführung in Wut geriet und nichts gab und sie obendrein noch beide verfluchte; er rechnete aber auch nicht darauf, sondern berauschte sich an der eigenartigen Schönheit dieses zarten Mädchens und vor allem an ihrem unschuldigen Ausdruck, der ihn, den Lüstling, der bis dahin nur der lasterhafte Liebhaber gemeiner Frauenschönheit gewesen war, ganz betroffen gemacht hatte. „Diese unschuldigen Äuglein fuhren mir wie ein Rasiermesser übers Herz!“ erzählte er später mit seinem gemeinen Lachen. Aber auch das konnte für solch einen Menschen, wie Fedor Pawlowitsch, nur einen sinnlichen Reiz haben. Da sie also gar keine Mitgift bekam, machte er mit ihr weiter keine Zeremonien und benutzte es, daß sie vor ihm, wie er sagte, „schuldig“ war und er sie „aus der Schlinge gezogen“ hatte, benutzte außerdem noch ihre phänomenale Güte und Unselbständigkeit, und trat jeglichen ehelichen Anstand einfach mit Füßen. So führte er nach wie vor die berüchtigsten Weibsbilder in sein Haus und feierte ungestört seine Orgien mit ihnen. Als charakteristischen Zug will ich hier noch anführen, daß der Diener Grigorij, ein finsterer, eigensinniger und dummrechthaberischer Mensch, der seine frühere Herrin, Adelaida Iwanowna, geradezu gehaßt hatte, nun aber entschieden zur neuen Herrin hielt, diese immer verteidigte, Fedor Pawlowitsch auf eine für einen Diener fast unerhörte Weise ihretwegen durchschimpfte, und einmal sogar, als wieder eine Orgie gefeiert wurde, alle Weiber mit Gewalt aus dem Hause jagte. Die unglückliche, von Kindheit an so verschüchterte junge Frau bekam späterhin ein nervöses Frauenleiden, das man sonst wohl am häufigsten im Volke antrifft, bei den Bäuerinnen, die dann „Klikuschi“[2] genannt werden. Durch die schrecklichen, hysterischen Anfälle dieser Krankheit verlor die Arme zeitweilig sogar ihren Verstand. Sie gebar aber Fedor Pawlowitsch doch zwei Söhne, Iwan und Alexei, den älteren im ersten Jahr ihrer Ehe und drei Jahre danach den jüngeren. Als sie starb, war der kleine Alexei kaum vier Jahre alt, doch jedenfalls war Eines Tatsache, wie unglaublich es klingen mag: er konnte sich, wie ich genau weiß, seiner Mutter noch sein ganzes Leben lang erinnern, wenn diese Erinnerung auch etwas verschwommen, wie ein halber Traum war. Nach ihrem Tode geschah mit ihren beiden Söhnen genau dasselbe, was mit dem ersten, Mitjä, geschehen war: sie wurden vom Vater vollkommen vergessen und kamen zu demselben Grigorij in dieselbe Stube. In dieser Stube fand sie denn auch die alte Generalin, die Wohltäterin und Erzieherin ihrer Mutter. Sie lebte noch und konnte selbst nach acht Jahren die ihr zugefügte Beleidigung nicht vergessen. Vom Leben und Treiben ihrer Ssofja war sie alle diese acht Jahre hindurch unter der Hand ganz genau unterrichtet worden, und als sie gehört hatte, wie krank diese war und welche Scheußlichkeiten sie umgaben, hatte sie sich zwei oder dreimal ihren Bedienten gegenüber geäußert, es geschehe ihr ganz recht, so strafe Gott sie für ihre Undankbarkeit.
Genau drei Monate nach dem Tode Ssofja Iwanownas erschien nun plötzlich die Generalin persönlich in der Stadt und fuhr geradenwegs zu Fedor Pawlowitsch, blieb im ganzen nur eine halbe Stunde in der Stadt, richtete aber in dieser kurzen Zeit sehr viel aus. Es war zur Abendzeit. Fedor Pawlowitsch, der sie acht Jahre lang nicht gesehen hatte, empfing sie in betrunkenem Zustande. Man sagt, daß sie ihm sofort ohne jegliche vorhergehende Erklärung zwei tüchtige, lautschallende Ohrfeigen gegeben und ihn dann noch dreimal kräftig an den Haaren gezogen habe. Darauf – das ist Tatsache – begab sie sich, ohne ein Wort zu verlieren, geradenwegs in die Leutewohnung auf den Hof zu den beiden Knaben. Sie überzeugte sich auf den ersten Blick, daß sie ungewaschen waren und schmutzige Wäsche anhatten, verabfolgte daher dem Diener Grigorij gleichfalls eine Ohrfeige und erklärte ihm darauf kurz und bündig, daß sie die beiden Kinder mitnehmen werde. Sie wickelte sie so wie sie waren in ein Plaid ein, setzte sie auf den Wagen und fuhr mit ihnen davon. Grigorij ertrug diese Ohrfeige wie ein ergebener Sklave, wurde nicht grob und sagte kein Wort, und als er die alte Dame zum Wagen begleitete, verneigte er sich noch tief vor ihr und sagte nur ernst und ehrerbietig, daß Gott es ihr für die Waisen lohnen werde, wofür ihm aber die Generalin im Fortfahren zurief: „Du aber bist und bleibst doch ein alter Esel.“ Fedor Pawlowitsch überlegte sich die Sache und fand, daß es sehr gut war, so wie es gekommen war, und widersetzte sich der Generalin, der er sogar die formelle Erlaubnis gab, seine Kinder zu erziehen, in keinem einzigen Punkte. Von den erhaltenen Ohrfeigen aber erzählte er sofort selbst in der ganzen Stadt.