Sämtliche Werke 9-10

Part 1

Chapter 12,697 wordsPublic domain

F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke

Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski herausgegeben von Moeller van den Bruck

Übertragen von E. K. Rahsin

Erste Abteilung: Neunter und zehnter Band

F. M. Dostojewski

Die Brüder Karamasoff

Roman

R. Piper & Co. Verlag, München

R. Piper & Co. Verlag, München, 1914 Vierte Auflage

Copyright 1914 by R. Piper & Co., G. m. b. H., Verlag in München.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn in die Erde fällt und nicht stirbt, so bleibt es allein; stirbt es aber, so bringt es viele Früchte.

Ev. Johannis, Kap. XII, 24.

Inhalt

Erstes Buch: Die Geschichte einer Familie Seite I. Kap. Fedor Pawlowitsch Karamasoff 1 II. „ Der erste Sohn 7 III. „ Die zweite Frau und deren Kinder 12 IV. „ Der dritte Sohn Aljoscha 23 V. „ Die Startzen 38

Zweites Buch: Die unschickliche Versammlung I. Kap. Die Ankunft im Kloster 55 II. „ Der alte Narr 64 III. „ Die gläubigen Weiber 80 IV. „ Die kleingläubige Dame 94 V. „ Und es geschehe also 108 VI. „ Wozu lebt solch ein Mensch? 125 VII. „ Der Seminarist und Streber 144 VIII. „ Der Skandal 160

Drittes Buch: Die Wollüstlinge I. Kap. In der Bedientenstube 176 II. „ Lisaweta Ssmerdjäschtschaja 186 III. „ Die Beichte eines heißen Herzens. In Versen 193 IV. „ Die Beichte eines heißen Herzens. In Prosa 208 V. „ Die Beichte des heißen Herzens. „Kopfüber hinab“ 222 VI. „ Ssmerdjäkoff 237 VII. „ Die Kontroverse 247 VIII. „ Beim Gläschen 257 IX. „ Die Wollüstlinge 271 X. „ Beide zusammen 281 XI. „ Noch ein verlorener Ruf 301

Viertes Buch: Ausbrüche I. Kap. Pater Ferapont 316 II. „ Beim Vater 335 III. „ Die kleinen Schuljungen 344 IV. „ Bei Chochlakoffs 352 V. „ Im Empfangssalon 364 VI. „ In der Stube 385 VII. „ Und in frischer Luft 400

Fünftes Buch: Pro und Contra I. Kap. Das Verlöbnis 420 II. „ Ssmerdjäkoff mit der Gitarre 440 III. „ Die beiden Brüder 452 IV. „ „Empörung“ 470 V. „ „Der Großinquisitor“ 492 VI. „ Ein vorläufig noch sehr unklares Gespräch 532 VII. „ „Mit einem klugen Menschen ist auch das Reden ein 553 Vergnügen“

Sechstes Buch: Ein russischer Mönch I. Kap. Der Staretz Sossima und seine Gäste 569 II. „ Aufzeichnungen aus dem Leben des in Gott verschiedenen Priestereinsiedlermönches, des Staretz Sossima, zusammengestellt nach dessen eigenen Worten von Alexei Fedorowitsch Karamasoff. Biographische Aufzeichnungen a) Vom jungen Bruder des Staretz Sossima 577 b) Von der Heiligen Schrift im Leben des Staretz 584 Sossima c) Erinnerungen des Staretz Sossima aus den 594 Knaben- und Jugendjahren seines weltlichen Lebens. Das Duell d) Der geheimnisvolle Gast 607 III. „ Aus den Gesprächen und Predigten des Staretz Sossima e) Einiges über den russischen Mönch und seine 630 Bedeutung f) Einiges über Herren und Diener: Kann es 635 zwischen Herr und Diener eine geistige Bruderschaft geben? g) Vom Gebet, von der Liebe und von der Berührung 642 mit anderen Welten h) Kann man Richter über seinesgleichen sein? Vom 647 Glauben bis ans Ende i) Von der Hölle und vom höllischen Feuer. Eine 651 mystische Betrachtung

Siebentes Buch: Aljoscha I. Kap. Der Verwesungsgeruch 656 II. „ Solch ein Augenblick 678 III. „ Das Zwiebelchen 688 IV. „ Die Hochzeit zu Kana in Galiläa 722

Achtes Buch: Mitjä I. Kap. Kusjma Ssamssonoff 731 II. „ Ljägawyj 750 III. „ Die Goldgruben 763 IV. „ In der Dunkelheit 784 V. „ Der plötzliche Entschluß 795 VI. „ „Ich fahre!“ 825 VII. „ Der Erste und Unbestrittene 840 VIII. „ Rausch 871

Neuntes Buch: Die Voruntersuchung I. Kap. Der Anfang der Laufbahn des Beamten Perchotin 897 II. „ Der Alarm 910 III. „ Der Gang der Seele durch die Hölle. Das erste 922 Purgatorium IV. „ Zweites Purgatorium 939 V. „ Das dritte Purgatorium 954 VI. „ Der Staatsanwalt 976 VII. „ Mitjäs großes Geheimnis 991 VIII. „ Die Aussagen der Zeugen. „Das Kindichen“ 1014 IX. „ Wie Mitjä fortgeführt wurde 1032

Zehntes Buch: Die Knaben I. Kap. Koljä Krassotkin 1041 II. „ Die Gören 1051 III. Kap. Die Schüler 1062 IV. „ Shutschka 1077 V. „ An Iljuschas Bettchen 1092 VI. „ Frühe Entwicklung 1122 VII. „ Iljuscha 1135

Elftes Buch: Iwan Fedorowitsch I. Kap. Bei Gruschenka 1143 II. „ Das kranke Füßchen 1162 III. „ Das Teufelchen 1182 IV. „ Die Hymne und das Geheimnis 1194 V. „ „Nicht du, nicht du!“ 1221 VI. „ Erstes Wiedersehen mit Ssmerdjäkoff 1233 VII. „ Der zweite Besuch bei Ssmerdjäkoff 1252 VIII. „ Der dritte und letzte Besuch bei Ssmerdjäkoff 1271 IX. „ Der Teufel. Iwan Fedorowitschs Alb 1303 X. „ „Das hat Er gesagt!“ 1341

Zwölftes Buch: Der Justizirrtum I. Kap. Der verhängnisvolle Tag 1352 II. „ Die gefährlichen Zeugen 1366 III. „ Die ärztliche Expertise und die Geschichte von 1383 dem einen Pfund Nüsse IV. „ Das Glück lächelt Mitjä 1393 V. „ Die Katastrophe 1410 VI. „ Die Rede des Staatsanwalts: Die Charakteristik 1428 VII. „ Der Überblick 1448 VIII. „ Über Ssmerdjäkoff 1459 IX. „ Der Schluß der Rede des Staatsanwalts: Der Gipfel 1479 der Psychologie. Die jagende Troika X. „ Die Rede des Verteidigers. Ein Stock hat zwei 1503 Enden XI. „ Kein Geld. Keine Beraubung 1512 XII. „ Und kein Mord 1524 XIII. Kap. Der Übertreter des Gebots 1539 XIV. „ Das Urteil der Bauern 1555

Epilog I. Kap. Pläne zu Mitjäs Rettung 1569 II. „ Auf einen Augenblick ward die Lüge Wahrheit 1579 III. „ Iljuschas Beerdigung. Die Rede am großen Stein 1595

Zur Einführung. Bemerkungen über Dostojewski

Zwanzig Jahre haben wir nach dem Tode Dostojewskis gebraucht, um zu begreifen, daß wir heute keine zufällige „Degeneration“, keinen zeitweiligen „Niedergang“, keine, wie man meint, aus dem Westen herübergebrachte Dekadenz, sondern das lange vorbereitete, natürliche und notwendige Ende der russischen Literatur erleben. Furchtbar ist es uns, das einzugestehen. Vielleicht aber liegt in diesem Furchtbaren zugleich auch Freudiges für uns, vielleicht ist die russische Literatur, so groß sie auch sein mag, doch noch kleiner als das russische Leben? Vielleicht ist das Ende der russischen Literatur d. h. unserer großen russischen Anschauungsweise, der Anfang zu der großen russischen Tat?

Erst jetzt, da die russische Literatur ihr Ende erreicht hat, oder wenigstens ein vollkommen bestimmter, unwiederholbarer Kreis ihrer Entwicklung sich abschließt, erst jetzt fangen wir an zu verstehen, was eigentlich von den dreißiger bis zu den achtziger Jahren des XIX. Jahrhunderts in Rußland vor sich gegangen ist, von Puschkins „Onégin“ bis zu „Anna Karenina“ und den „Brüdern Karamasoff“. Um in der Weltkultur etwas dieser plötzlichen Offenbarung, oder richtiger, etwas diesem Ausbruch geistiger Kräfte Ähnliches zu finden, müßte man zur Entwicklung der griechischen Tragödie von Äschylos’ „Prometheus“ bis zu Euripides’ „Alkestis“ oder zur Geschichte der Malerei der italienischen Renaissance zurückgreifen.

Acht Jahrhunderte lang, seit dem Anfang Rußlands bis zu Peter, schliefen wir; in dem Jahrhundert von Peter bis Puschkin begannen wir zu erwachen; und dann, in dem halben Jahrhundert von Puschkin bis Tolstoj und Dostojewski, durchlebten wir nach dem plötzlichen Erwachen, das erfolgt war, drei ganze Jahrtausende der westeuropäischen Menschheit. Der Atem vergeht einem von dieser Schnelligkeit des Erwachens, die der Schnelligkeit eines Steinfluges in den Abgrund gleichkommt. L. Tolstoj und Dostojewski – diese beiden Gipfel der russischen Kultur – wurden vom ersten Strahl der furchtbaren Sonne erleuchtet, wie bis jetzt noch kein einziger aller Gipfel der westeuropäischen Kultur erleuchtet worden ist. Diese furchtbare Sonne aber, das ist der Gedanke an das Ende der Weltgeschichte.

Ich fühle die mir drohende Gefahr, das Heiligste lächerlich zu machen, denn für die Kinder dieses Jahrhunderts, für die Menschen der ewigen Mittelmäßigkeit, des endlosen „Fortschritts“, der Weiterentwicklung der Welt, gibt es nichts Lächerlicheres, Dümmeres, Unwahrscheinlicheres, Beleidigenderes als diesen Hauptgedanken des ganzen Christentums – der Gedanke an das Ende der Welt. Doch ich beruhige mich damit, daß mich jetzt ja doch niemand oder so gut wie niemand hören wird: meine Worte, die uns wie Donnergetöse betäuben, werden den „Menschen dieses Jahrhunderts“ kaum vernehmbares Geflüster scheinen.

„Allem ist das Ende nahe,“ „Kinder, es ist die letzte Stunde,“ wiederholte vor dem Tode der hundertjährige Greis, der geliebte Jünger des Herrn, der an Seinem Herzen geruht und das Geheimnis dieses Herzens gehört hatte – Johannes, „der Sohn der Gewitter“. Ja, je näher wir dem Herzen des Herrn sind, um so verständiger wird dieser sein geheimer Gedanke – der Gedanke an das Ende.

Fast zwei Jahrtausende sind seit der Zeit vergangen, als dieses Wort gesagt ward: „Das Ende der Welt ist nahe“ – das Ende aber kommt nicht. „Wo ist die Verheißung seiner Zukunft? Denn nachdem die Väter entschlafen sind, bleibt alles, wie es von Anfang der Kreatur gewesen ist“ (Zw. Sendschr. Petri III, 4). Und gerade jetzt glauben die Menschen mehr denn je, daß es ein Ende überhaupt nicht geben werde, daß eher seine Worte vergehen werden, als Himmel und Erde. Doch selbst wenn die Zentripetalkraft unseres Planeten noch für ganze zwei Jahrtausende ausreichte – für zwei Augenblicke vor dem Angesicht des Ewigen – was hat das zu sagen? Ist es doch unmöglich, daß wir das _nicht_ sehen, was wir erblickt haben.

Gleich denen, die, auf einer Höhe stehend, über die Köpfe der Menschen hinweg das ihnen Nahende erblicken, während dieses der unter ihnen stehenden Masse vorläufig noch unsichtbar ist, haben wir, über alle kommenden Jahrhunderte und möglichen geschichtlichen Ereignisse hinweg, das Ende der Weltgeschichte erblickt.

Das Anzeichen unserer neuen Annäherung an Christus ist dieser plötzlich zu gleicher Zeit auf allen äußersten, höchsten Punkten des Menschengeistes aufdämmernde Gedanke an das Ende. „Der Mensch ist etwas, das überwunden werden muß,“ also spricht Zarathustra-Nietzsche. „Das Menschengeschlecht muß erlöschen“ – stimmt L. Tolstoj Nietzsche bei. „Das Ende der Welt kommt,“ gibt auch Dostojewski zu.

Alle drei haben sie sich auf diese für die zeitgenössischen Menschen des unendlichen „Fortschritts“ lächerlichste und unwahrscheinlichste, für uns furchtbarste und glaubwürdigste Prophezeiung gleichsam verschworen: „Das Ende ist nahe“.

Nicht umsonst stimmt das, was auf den höchsten Gipfeln der russischen und universalen Kultur aufgedämmert ist, mit dem überein, was in dem tiefsten Elemente des russischen Volkes vor sich geht: nicht umsonst hat in den letzten drei Jahrhunderten gerade das russische Volk so hartnäckig und unablässig wie kein einziges der anderen westeuropäischen Völker über das Ende der Welt nachgedacht.

Wir sind „Dekadente“, obgleich auch unsere „Dekadenz“ vielleicht etwas Verwandtes, Volkliches, Russisches ist – das nicht von außen, sondern von innen kommt, nicht aus Westeuropa, sondern aus der Tiefe, aus dem blutverwandtesten Mutterschoß der russischen Erde (ist denn Dostojewski vom Gesichtspunkte des klassischen, akademischen Puschkin nicht „dekadenter“ als wir alle?); vielleicht ist auch unsere „Dekadenz“ gleichfalls etwas Historisch-Natürliches, etwas Notwendiges, denn was sind wir anderes, als das natürliche und notwendige Ende der russischen Literatur, die selbst das Ende von etwas noch Größerem ist? Mögen wir die Schwächsten der Schwachen sein. „In der Schwäche vollendet sich unsere Kraft.“ Unsere Kraft aber besteht darin, daß uns selbst der Mächtigste aller Teufel mit keiner einzigen Verlockung der ewigen Mittelmäßigkeit, des unendlichen „Fortschritts“ gewinnen kann. Wir nehmen keine Durchschnittsphilosophie an, denn wir glauben an das Ende, sehen das Ende, wollen das Ende, denn wir selbst – sind das Ende oder wenigstens der Anfang vom Ende. In unseren Augen liegt ein Ausdruck, der noch nie in Menschenaugen gelegen hat; in unseren Herzen ist ein Gefühl, das kein einziger Mensch nun schon seit neunzehn Jahrhunderten mehr empfunden hat, seit der Zeit, als dem Einsiedler von Pathmos die Vision erschien: „Und der Geist und die Braut sagen: komm! und der es hört, sage: komm! Es spricht, der solches zeuget: wahrlich, ich komme bald! Amen. Wahrlich, komme, Herr Jesus Christus!“

Wir sind wie Gräser auf dem äußersten Rande eines steilen Abhanges, auf einer Höhe, wo nichts mehr wächst. Dort unten in den Tälern reichen hohe Eichenbäume mit ihren Wurzeln bis tief hinein in die Erde. Wir aber sind die Schwachen, Kleinen, von der Erde aus kaum Sichtbaren, wir stehen unbeschützt vor allen Winden und Stürmen, fast wurzellos, fast verwelkt. Dafür stehen wir früh morgens, wenn die Wipfel der Eichen noch dunkel sind, schon im Licht; wir sehen das, was noch niemand sieht; wir sind die ersten, die die Sonne des großen Tages sehen; wir sind die ersten, die zu Ihm sagen:

„Wahrlich, Herr, komme!“

Dmitri Mereschkowski.

Vorwort

Die „Brüder Karamasoff“ sind das Epos aller der dunklen Innenmächte, die durch das Russentum drängen. In seinen anderen Romanen, vor allem in „Rodion Raskolnikoff“ und in den „Dämonen“, hat sich Dostojewski mit erklärt zeitlichen Werten, moralkritischen oder kritischpolitischen, auf eine neue und großartige Weise auseinandergesetzt. In den „Karamasoffs“ dagegen ist Allgemein-Volkliches und im volklichen Sinne Ewiges ausgedrückt. Deshalb wirken jene in ihrer Knappheit und Schärfe fast wie Dramen, die „Brüder Karamasoff“ dagegen sind in der heiligen Schwere, mit der ihr erregender und leidenschaftlicher Inhalt vorgetragen wird, ein echtes Epos.

Zwar sollte noch ein großer Schlußteil das für alles Russentum geradezu typische Geschlecht der Karamasoff unmittelbar einführen in religiös-politische Gegenwartskonflikte. Ausdrücklich kündete Dostojewski an: „Dieser Schlußteil wird die Tätigkeit meines Helden (Aljoscha Karamasoff) in unserer Zeit bringen, gerade im gegenwärtigen Augenblick.“ Aber dieser Schlußteil ist ungeschrieben geblieben. Warum? Der äußere Grund lautet: Dostojewski starb über der Vollendung seines Hauptwerkes. Etwa vom Jahre 1870 an hatte ihn die Idee der „Brüder Karamasoff“ beschäftigt. Doch immer wieder schob sich zwischen die Niederschrift anderes: die „Dämonen“ und die Hauptmasse seiner kritischen Schriften, in denen er gleichfalls seine tiefsten und notwendigsten russischen Gedanken ausdrücken konnte – bis er dann endlich in den Jahren 1879 und 1880 sein Werk wenigstens zu der vollendeten und doch unabgeschlossenen Form brachte, in der wir es heute kennen. Das Jahr 1881 aber war dann, schon im Januar, das Todesjahr Dostojewskis.

Doch die Beziehungen zwischen der Entwicklungsgeschichte der Werke eines Genies und dem Leben des Genies pflegen niemals bloß äußerliche zu sein. Diese inneren Gründe, die Dostojewski verwehrten, das Epos der Karamasoff in einem Umkreise abzurunden, der alle russischen Möglichkeiten in der Summe erfaßte und aussprach, hat zuerst Mereschkowski klar erkannt: „Die ‚Brüder Karamasoff‘ zu Ende zu führen, das war, wie sich zeigte, unmöglich für Dostojewski, denn dieses Ende war im Leben noch nicht vorhanden; und als hätte er selbst gefühlt, daß er alles getan, was möglich war, verließ er das Leben – er starb.“ Gleichwohl liegt in den „Brüdern Karamasoff“ das Russentum, so weit es und so wie es sich bis heute entwickelt hat, in mächtiger Basis aufgerollt. Und vielleicht ist gerade ihr Prototypisches, daß Dostojewski wenigstens im Gedanken und in der Absicht den Versuch machte, den zentralen Ausdruck allen Russentums der Gegenwart wie der Zukunft aus dem Riesenplane zu heben. Das war nur möglich auf dem Wege einer vorbildhaften russischen Einheldigkeit, die an die Stelle des problematischen und nihilistischen Heldentums trat, das Dostojewski in seinen früheren Romanen auf dem Hintergrunde des leidenden und doch so wirklichen Heldentums in der russischen Volksbreite geschildert hatte. Von den drei Brüdern Karamasoff war Mitjä, der Enthusiast, der unendliche Lebensbejaher, die verkörperte Grundlage eines volklich-russischen Heldentums, in dem sich Güte mit Gewaltsamkeit, Empfindung mit Überschwang zu einer Einheit verband. Darüber hinaus sollte Aljoscha Karamasoff in der Kraft seiner naiven Reinheit zum russischen Einhelden auswachsen. Oder wäre nicht vielleicht doch Iwan Karamasoff, der Ideologe, dieser Einheld geworden? Aber hier bricht das Werk ab, wie hier das russische Leben abbricht, das nach außen als ein so festes und schweres Massiv erscheint und doch in seinem Innern von zersplitternden und zersetzenden Dualismen erfüllt ist, die sich nicht selbst befruchten, sondern eher gegenseitig aufheben.

Moeller van den Bruck.

Erstes Buch. Die Geschichte einer Familie

I. Fedor Pawlowitsch Karamasoff

Alexei Fedorowitsch Karamasoff war der dritte Sohn des Gutsbesitzers unseres Gouvernements Fedor Pawlowitsch Karamasoff, der seinerzeit – vor jetzt gerade dreizehn Jahren – durch sein tragisches und dunkles Ende, auf das ich noch später zu sprechen kommen werde, so viel von sich reden machte. Vorläufig will ich über diesen „Gutsbesitzer“, wie man ihn gewöhnlich bei uns nannte, obgleich er in seinem ganzen Leben fast nie auf seinem Gute wohnte, nur bemerken, daß er ein sehr eigenartiger Mensch war, ein Typ, den man aber, genau genommen, nicht einmal so selten antrifft: der Typ eines nichtsnutzigen und ausschweifenden Menschen, der zu gleicher Zeit ganz auffallend närrisch ist, – jedoch zu jener besonderen Art von Narren gehört, die ihre Geschäftchen immer vorzüglich zu machen verstehen, und zwar scheint das das einzige zu sein, was sie verstehen. Fedor Pawlowitsch, zum Beispiel, begann mit fast nichts in der Tasche. Von den Gutsbesitzern war er einer der ärmsten: er fuhr uneingeladen zu allen Bekannten zum Besuch und lebte so als ewiger Gast auf Kosten fremder Menschen, aber nach seinem Tode erwies es sich, daß er allein an barem Kapital runde hunderttausend Rubel besaß. Und doch war er sein ganzes Leben lang einer der einfältigsten Narren unseres Gouvernements. Ich will damit nicht sagen, daß er etwa dumm gewesen wäre – größtenteils sind diese Narren sogar sehr klug und schlau –, sondern gerade einfältig, und dazu war es bei ihm noch eine ganz besondere Einfältigkeit, eine nationale.