Part 26
„O, ich meine natürlich nicht, daß Sie uns verlassen, natürlich meinte ich das nicht so,“ versuchte sie gleichsam ihren unbedachten Ausruf mit freundlichem Gesellschaftslächeln zu verbessern, – „ein Freund, wie Sie, kann das ja auch gar nicht mißverstehen. Im Gegenteil, ich bin nur zu unglücklich darüber, daß ich Sie entbehren muß!“ Sie wandte sich plötzlich zu Iwan Fedorowitsch, ergriff ungestüm seine beiden Hände und drückte sie warm. „Ich freue mich nur deswegen darüber, weil Sie jetzt persönlich in Moskau meiner Tante und Agascha meine ganze Lage, dieses ganze Entsetzen, in dem ich mich befinde, werden schildern können, Agascha gegenüber natürlich ganz aufrichtig, Tantchen aber schonender – so, wie nur Sie allein es verstehen. Sie können sich ja nicht vorstellen, wie unglücklich ich gestern und heute morgen war: ich weiß es wirklich nicht, wie ich diesen furchtbaren Brief schreiben soll ... denn in einem Brief das wiederzugeben, das ist ja ganz unmöglich ... Jetzt aber fällt es mir viel leichter, alles zu schreiben, denn Sie werden dort bei ihnen sein und alles erklären. O, wie mich das freut! Und nur deswegen freue ich mich darüber, das glauben Sie mir doch. Selbst sind Sie mir natürlich unersetzlich ... Ich werde sofort den Brief schreiben,“ sagte sie plötzlich, und sie erhob sich schon, um ins andere Zimmer zu gehen.
„Aber Aljoscha! Aber die Meinung Alexei Fedorowitschs, die Sie so gern erfahren wollten?“ rief Frau Chochlakoff, sie aufhaltend. Etwas Böses und Feindseliges klang durch ihre Worte.
„Das habe ich auch nicht vergessen,“ – Katerina Iwanowna blieb sofort stehen – „aber warum sind Sie heute so feindselig zu mir, Katerina Ossipowna?“ fragte sie mit bitterem, heißem Vorwurf. „Was ich gesagt habe, das tue ich auch. Ich brauche unbedingt seine Meinung, ja, ich bedarf sogar seines Urteils! So wie er sagt, wird es auch sein – sehen Sie, wie sehr mich im Gegenteil nach Ihren Worten verlangt, Alexei Fedorowitsch ... Aber, was haben Sie?“
„Das hätte ich nie gedacht, nie für möglich gehalten!“ sagte Aljoscha traurig, doch sehr erregt.
„Was, was nicht gedacht?“
„Er fährt nach Moskau, Sie aber sagen, das freue Sie – das haben Sie absichtlich ausgerufen! Darauf aber begannen Sie sofort zu erklären, daß Sie sich nicht darüber freuten, sondern es bedauerten, daß ... Sie einen Freund verlieren, – aber auch das haben Sie absichtlich so vorgespielt ... wie im Theater, in der Komödie vorgespielt! ...“
„Was? ... Im Theater? ... Was sagen Sie?“ fragte Katerina Iwanowna maßlos verwundert; sie erglühte plötzlich und zog die Brauen zusammen.
„Aber wie sehr Sie ihm auch versichern, daß Sie den Freund in ihm vermissen werden, Sie behaupten ihm doch offen ins Gesicht, daß das Glück darin bestehe, daß er fortfährt ...“ sagte ganz atemlos Aljoscha.
„Wovon reden Sie, ich weiß nicht ...“
„Ich weiß es selbst auch nicht ... Es ist plötzlich wie eine Erleuchtung über mich gekommen ... Ich weiß, daß ich das nicht gut ausdrücke, aber ich werde trotzdem alles sagen,“ fuhr Aljoscha mit zitternder und halb versagender Stimme fort. „Meine Erleuchtung besteht darin: Ich sehe, daß Sie meinen Bruder Dmitrij vielleicht überhaupt nicht lieben ... von Anfang an nicht ... und auch Dmitrij Sie vielleicht überhaupt nicht liebt ... von Anfang an überhaupt nicht ... und Sie nur sehr achtet ... Ich, wirklich, ich weiß nicht, wie ich wage, das alles zu sagen, aber irgend jemand muß doch die Wahrheit sagen ... denn hier will es ja niemand tun.“
„Was für eine Wahrheit?“ rief Katerina Iwanowna, und Zorn klang durch ihre Stimme.
„Diese Wahrheit,“ stotterte Aljoscha atemlos, „lassen Sie sofort Dmitrij herrufen – ich werde ihn schon finden –, und mag er dann herkommen, Sie an der Hand nehmen, darauf Iwans Hand erfassen und ihre beiden Hände vereinigen. Denn Sie quälen Iwan nur darum, weil Sie ihn lieben ... und quälen ihn, weil Sie Dmitrij zu lieben glauben ... ihn aber nicht wirklich lieben ... Sie haben es sich nur so eingeredet ...“
Aljoscha stockte und verstummte.
„Sie ... Sie ... Sie kleiner Schwachsinniger!“ stieß Katerina Iwanowna bleich und mit zuckenden Lippen hervor. Iwan Fedorowitsch lachte plötzlich laut auf und erhob sich. Seinen Hut hatte er schon in der Hand.
„Du täuschst dich, mein guter Aljoscha,“ sagte er mit einem Gesichtsausdruck, den Aljoscha noch nie an ihm gesehen hatte, – mit dem Ausdruck einer echt jugendlichen Herzlichkeit und eines starken, unbezwingbar aufrichtigen Gefühls, „niemals hat Katerina Iwanowna mich geliebt! Die ganze Zeit über hat sie gewußt, daß ich sie liebe, obgleich ich ihr kein einziges Mal ein Wort von meiner Liebe gesagt habe – sie hat es gewußt, hat aber nie mich geliebt. Ihr Freund bin ich gleichfalls nie gewesen, nicht einen einzigen Tag lang: das stolze Weib bedurfte meiner Freundschaft nicht. Sie wollte mich bei sich haben, um sich ununterbrochen rächen zu können. Sie rächte sich an mir für alle Beleidigungen, die sie ununterbrochen, an jedem Tage dieser ganzen Zeit durch Dmitrij erfuhr, Beleidigungen von ihrer ersten Begegnung an; denn auch ihre erste Begegnung mit ihm ist in ihrem Herzen als Beleidigung zurückgeblieben. Ja, so ist ihr Herz. Diese ganze Zeit habe ich nur ihr zugehört, wie sie von ihrer Liebe zu ihm gesprochen hat. Jetzt fahre ich fort, doch lassen Sie es sich gesagt sein, gnädiges Fräulein, daß Sie wirklich nur ihn allein lieben. Und je mehr er Sie kränken wird, desto mehr werden Sie ihn lieben. Das ist Ihre ganze Selbstvergewaltigung. Sie lieben ihn geradeso, wie er ist, als Ihren Beleidiger lieben Sie ihn. Wenn er sich bessern würde, so würden Sie ihn verlassen, und Sie würden sofort aufhören, ihn zu lieben. Jetzt aber bedürfen Sie seiner, um ununterbrochen an Ihre große Treue denken zu können und ihm seine Untreue vorzuwerfen. Alles das kommt nur von Ihrem Stolz. O, hierbei ist natürlich auch viel Unterwürfigkeit und Selbsterniedrigung, doch tun Sie es trotzdem nur aus Stolz ... Ich bin noch zu jung und habe Sie gar zu leidenschaftlich geliebt. Ich weiß, daß ich Ihnen das nicht zu sagen brauchte, es wäre meinerseits stolzer und würdiger, Sie einfach so zu verlassen; und es wäre auch nicht so kränkend für Sie. Aber ich fahre ja weit fort und werde niemals mehr wiederkehren. Ich gehe doch auf ewig ... Ich will nicht neben einer sich selbst Vergewaltigenden leben ... Übrigens verstehe auch ich mich nicht mehr auszudrücken ... Leben Sie wohl, Katerina Iwanowna, Sie haben kein Recht, sich über mich zu ärgern, denn ich bin hundertmal mehr bestraft als Sie: bestraft schon allein dadurch, daß ich Sie nie mehr sehen werde. Deshalb nochmals: leben Sie wohl. Ich bedarf Ihres Händedrucks nicht. Sie haben mich viel zu bewußt gequält, als daß ich Ihnen jetzt verzeihen könnte. Später werde ich verzeihen, doch jetzt brauchen Sie mir Ihre Hand nicht zu geben ... Den Dank, Dame, begehr ich nicht,“ fügte er plötzlich mit einem erzwungenen Lächeln hinzu und zeigte somit ganz unerwarteterweise, daß auch er Schiller so gelesen hatte, daß er ihn auswendig behalten, was Aljoscha früher nie geglaubt hätte. Iwan verließ das Zimmer, ohne sich selbst von Frau Chochlakoff, der Hausfrau, zu verabschieden. Aljoscha wollte ihm nachstürzen.
„Iwan!“ rief er ganz verloren seinem Bruder nach, „Iwan, komm zurück! Ach, jetzt wird er ja um keinen Preis mehr zurückkehren!“ rief er in verzweiflungsvoller Erkenntnis. „Aber das ist meine Schuld, ich habe es dazu gebracht! Iwan sprach boshaft, er sprach erregt, ungerecht und böse ... Er muß wieder herkommen, er muß zurückkommen, er muß! ...“ versicherte Aljoscha immer noch wie ein Halbwahnsinniger.
Katerina Iwanowna ging plötzlich ins Nebenzimmer.
„Das war großartig von Ihnen, Sie haben wie ein Engel gehandelt!“ flüsterte ihm in erregter Begeisterung Frau Chochlakoff zu. „Ich werde alles in Bewegung setzen, damit Iwan Fedorowitsch nicht fortfährt ...“
Ihr Gesicht strahlte vor Freude, was Aljoscha nicht geringen Kummer verursachte. In dem Augenblick kehrte Katerina Iwanowna aus dem Nebenzimmer zurück. Sie hatte zwei Hundertrubelscheine in der Hand.
„Ich habe eine große Bitte an Sie, Alexei Fedorowitsch,“ begann sie, sich direkt an Aljoscha wendend, mit anscheinend ruhiger, gleichmäßiger Stimme, als wäre wirklich nichts geschehen. „Vor einer Woche, – ja, ich glaube vor einer Woche – hat Dmitrij Fedorowitsch eine unüberlegte und ungerechte Tat begangen, eine schändliche Tat. Es gibt hier ein Lokal, ein Gasthaus oder so etwas ähnliches. Dort hat er einen verabschiedeten Offizier getroffen, einen Hauptmann, den Ihr Vater mit irgendwelchen Dingen beschäftigt. Dmitrij Fedorowitsch hatte sich nun aus irgendeinem Grunde über diesen Hauptmann geärgert, ihn am Bart gepackt und in Gegenwart aller Gäste in dieser erniedrigenden Weise hinaus auf die Straße gezogen, und man sagt, der Sohn dieses Hauptmanns, ein kleiner Junge, der das hiesige Gymnasium besucht, habe es gesehen und sei die ganze Zeit neben ihnen hergelaufen und habe laut geweint und für den Vater gebeten, und sei zu allen auf der Straße gelaufen, um sie zu bitten, seinen Vater doch zu verteidigen, doch die Leute hätten nur gelacht ... Verzeihen Sie, Alexei Fedorowitsch, ich kann nicht ohne heftigen Unwillen dieser schmachvollen Handlung, die _er_ begangen hat, gedenken ... das ist wieder eine dieser Handlungen, zu denen sich nur Dmitrij Fedorowitsch in seinem Zorn hinreißen lassen kann ... und in seinen Leidenschaften! Ich kann nicht einmal alles so wiedergeben, ich kann es nicht ... Ich finde nicht die richtigen Worte. Ich habe mich jetzt nach dem Beleidigten erkundigt und erfahren, daß er ein sehr armer Mensch ist. Sein Familienname ist Ssnegireff. Er hat sich im Dienst irgendwie vergangen und daraufhin den Abschied bekommen ... Ich verstehe das nicht zu erzählen ... und jetzt ist er mit seiner ganzen Familie hier, mit kranken Kindern und einer, ich glaube, irrsinnigen Frau und lebt in furchtbarer Armut. Er war schon früher in dieser Stadt, er soll hier Schreiber gewesen sein. Plötzlich aber ist er unbeschäftigt! Ich habe jetzt meinen Blick auf Sie geworfen, das heißt, ich dachte – ach, ich weiß nicht, ich verwirre mich die ganze Zeit –, sehen Sie, ich wollte Sie bitten, mein bester Alexei Fedorowitsch, zu ihm zu gehen, unter einem Vorwande natürlich, zu diesem Hauptmann, – o Gott! ich komme immer aus dem Konzept, – und zart, vorsichtig, – geradeso, wie nur Sie allein es zu sagen verstehen“ (Aljoscha errötete plötzlich), „ihm diese Unterstützung zu übergeben, hier, diese zweihundert Rubel ... Oder nein, wie soll ich mich ausdrücken? Sehen Sie, das soll nicht eine Zahlung sein, um ihn zu beschwichtigen, damit er keine Klage einreicht – ich glaube, er soll dies beabsichtigt haben –, sondern einfach Mitleid, aus dem Wunsch zu helfen ... von mir, von mir, der Braut Dmitrij Fedorowitsch, nicht von ihm ... O, Sie werden es schon verstehen ... Ich würde selbst zu ihm fahren, aber Sie werden es viel besser machen als ich. Er wohnt in einer kleinen Straße, in der Seestraße, im Hause der Kleinbürgerin Kalmykowa ... Ich bitte Sie, Alexei Fedorowitsch, tun Sie das für mich, ich ... ich bin jetzt etwas ... müde. Auf Wiedersehen ...“
Sie wandte sich so hastig um und verschwand so schnell hinter der Portiere, daß Aljoscha nichts mehr sagen konnte, – und er wollte ihr doch noch so vieles sagen. Er wollte sie um Verzeihung bitten, wollte sich beschuldigen – kurz, etwas sagen wollte er, denn sein Herz war voll von dem, und er wollte sie unter keiner Bedingung so verlassen. Aber schon ergriff ihn Frau Chochlakoff an der Hand und zog ihn hinaus. Im Vorzimmer hielt sie ihn wieder wie vorhin auf.
„Sie ist stolz, sie quält sich selbst, aber sie ist gut, großmütig, hochherzig!“ flüsterte sie ihm zu. „O, wenn Sie wüßten, wie ich sie liebe, besonders zuweilen, und wie ich mich jetzt wieder über alles, alles freue! Lieber Alexei Fedorowitsch, Sie wissen ja noch gar nicht alles! So hören Sie denn, daß wir alle, alle, – ich, ihre beiden Tanten, – kurz, alle, sogar Lise, schon einen ganzen Monat lang nur dieses eine wünschen und durchsetzen wollen, daß sie sich von Ihrem geliebten Dmitrij Fedorowitsch, der nichts von ihr wissen will und sie überhaupt nicht liebt, lossagt und Iwan Fedorowitsch heiratet, den gebildetsten und prächtigsten jungen Mann, der sie mehr als alles auf der Welt liebt. Wir haben doch hier eine ganze Verschwörung gebildet, und ich fahre vielleicht nur deswegen noch nicht fort ...“
„Aber sie weinte doch, sie ist doch wieder beleidigt!“ unterbrach sie Aljoscha.
„Glauben Sie nicht den Tränen einer Frau, Alexei Fedorowitsch, in solchen Fällen bin ich immer gegen die Frauen und für die Männer.“
„Mama, Sie verderben ihn,“ ertönte Lisas Stimmchen durch die Türspalte.
„Nein, ich bin die Ursache dieses Unglücks, ich trage die Schuld an allem!“ wiederholte der untröstliche Aljoscha, schämte sich wegen seines Ausfalls und bedeckte seine Augen mit der Hand.
„Im Gegenteil, Sie haben wie ein Engel gehandelt, wie ein Engel, ich bin bereit, Ihnen das hunderttausendmal zu wiederholen!“
„Mama, wieso hat er wie ein Engel gehandelt?“ ertönte wieder Lisas Stimme.
„Es schien mir plötzlich, als ich sie beide so sah,“ fuhr Aljoscha fort, wie wenn er Lisa überhaupt nicht gehört hätte, „daß sie Iwan liebt, und so sagte ich denn auch diese Dummheit ... Aber was wird jetzt daraus werden!“
„Was, woraus, woraus soll etwas werden?“ rief Lisa wieder ungeduldig durch die Tür. „Mamachen, Sie wollen mich sicherlich umbringen! Ich frage schon zum hundertstenmal, Sie aber antworten mir überhaupt nicht!“
In dem Augenblick kam die Zofe hereingelaufen ...
„Gnädige Frau, das Fräulein fühlt sich sehr schlecht ... sie weint ... und schlägt um sich ...“
„Was, was ist da los?!“ klang Lisas erregte Stimme durch die Tür. „Mama, _ich_ werde sofort einen Anfall bekommen, aber nicht Katjä!“
„Lise, um Gottes willen, schrei nicht so, töte mich nicht! Du bist noch zu jung, du darfst noch nicht alles erfahren, wovon Erwachsene sprechen, ich werde dir später alles erzählen, was ich dir davon erzählen kann. O Gott! ich komme schon, ich komme schon ... Ein hysterischer Anfall? Das ist vorzüglich, daß sie diesen Anfall hat! Gerade das war ja nötig! In solchen Fällen bin ich immer gegen die Frauen, gegen alle diese hysterischen Anfälle und Frauentränen. Julija, lauf sofort zurück und sage, daß ich schon zu ihr eile! Und daß Iwan Fedorowitsch so fortgegangen ist, das ist ihre eigene Schuld! Aber er wird ja nicht fortfahren. Lise, um Gottes willen schrei nicht so! Ach, du schreist ja gar nicht, nur ich rege mich so auf, verzeih deiner Mama, aber ich bin ganz entzückt, ganz entzückt davon, entzückt sage ich Ihnen! Sie haben auch bemerkt, Alexei Fedorowitsch, als was für ein junger, leidenschaftlicher junger Mann sich Iwan Fedorowitsch vorhin plötzlich erwies! Ich glaubte immer, er sei ein so gelehrter Akademiker, und plötzlich ist er so glühend-temperamentvoll, so offenherzig und jung, geradeso – so unerfahren und jung, das war wirklich so reizend an ihm, ganz als ob Sie es gewesen wären ... Und wie er noch diese deutschen Worte zitierte – aber _ganz_ wie Sie! Ach, ich laufe, ich eile schon! Gehen Sie, beeilen Sie sich, diesen Auftrag auszuführen und kommen Sie schnell zurück! Lise, brauchst du nicht etwas? Halt ihn nur keine Minute auf, er wird gleich zu dir zurückkehren.“
Frau Chochlakoff eilte schließlich wirklich fort. Aljoscha wollte, bevor er fortging, noch einmal die Tür zu Lisas Zimmer öffnen.
„Auf keinen Fall!“ rief ihm Lise empört zu, „jetzt unter keiner Bedingung mehr! Sprechen Sie so, durch die Tür. Für was für eine Heldentat werden Sie zum Engel erhoben? Nur das allein will ich wissen.“
„Für eine furchtbare Dummheit, Lise! Auf Wiedersehen!“
„Unterstehen Sie sich nicht, so fortzugehen!“ rief Lisa empört.
„Lise, ich habe großes Herzeleid! Ich werde sofort zurückkommen, aber ich habe großen, großen Kummer!“
Und er verließ schnell das Zimmer und das Haus.
VI. In der Stube
Er hatte wirklich ein ernstes Herzeleid, eines, wie er es bis dahin nur selten empfunden. Er hatte sich so dumm in fremde Angelegenheiten hineingemischt und noch dazu in Liebesangelegenheiten! „Aber was verstehe ich denn von solchen Sachen, wie kann ich mich nur in solche Angelegenheiten hineinmischen?“ wiederholte er vorwurfsvoll und immer wieder errötend wohl schon zum hundertstenmal. „Ach, die Schande wäre ja noch nichts, die Schande ist nur wohlverdiente Strafe; das Furchtbare ist nur, daß ich die Ursache neuen Unglücks bin ... Und der Staretz hat mich doch geschickt, um zu versöhnen und zu vereinigen. Vereinigt man denn etwa so?“ Bei diesem Gedanken fiel ihm plötzlich wieder ein, wie er „die Hände vereinigt“ hatte, und heiße Scham stieg in ihm auf. „Wenn ich auch alles aufrichtig getan habe, so muß ich künftig doch klüger sein,“ schloß er plötzlich – und lächelte nicht einmal über diese Folgerung.
Der Auftrag Katerina Iwanownas führte ihn in die Seestraße, da aber Dmitrij Fedorowitschs Wohnung gerade auf dem Wege dorthin lag, beschloß Aljoscha, zuerst noch zum Bruder zu gehen, obgleich er ahnte, daß er ihn nicht zu Hause antreffen werde. Er vermutete sogar, daß Dmitrij sich jetzt vielleicht absichtlich vor ihm versteckte, trotzdem wollte er ihn unbedingt aufsuchen, einerlei wo. Die Zeit aber drängte. Der Gedanke an den sterbenden Staretz hatte ihn seit der Stunde, da er aus dem Kloster gegangen war, keinen Augenblick verlassen.
Es fiel ihm wieder ein, was Katerina Iwanowna von dem Hauptmann erzählt hatte, und wieder fragte sich Aljoscha, ob nicht jener kleine Knabe, der die Schule besuchte und laut weinend neben dem Vater einhergelaufen war, als Dmitrij ihn am Barte gezogen hatte – ob das nicht derselbe kleine Junge sein konnte, der ihn in den Finger gebissen hatte? Wäre das doch die Antwort gewesen auf seine Frage, wodurch er ihn beleidigt hätte. Schließlich war Aljoscha fast überzeugt davon, ohne eigentlich selbst zu wissen warum, daß jener Knabe der Sohn des beleidigten armen Hauptmanns sei. Mit solchen nebensächlichen Gedanken zerstreute er sich und brauchte nicht mehr an das von ihm angestiftete „Unglück“ zu denken und sich mit Vorwürfen zu quälen, sondern konnte etwas Gutes tun. Und bei diesem Gedanken beruhigte er sich schließlich. Als er dann beim Einbiegen in die Querstraße zu Dmitrij plötzlich Hunger verspürte, nahm er aus seiner Kuttentasche das Franzbrot, das er beim Vater eingesteckt hatte, und aß es unterwegs auf. Das stärkte wieder ein wenig seine Lebensgeister.
Der Bruder war natürlich nicht zu Hause. Die Hauswirte – ein alter Tischlermeister, dessen Sohn und die alte Frau – blickten Aljoscha etwas mißtrauisch an. „Er nächtigt schon den dritten Tag nicht hier, es ist möglich, daß er ausgefahren ist,“ antwortete der Alte auf Aljoschas wiederholte Frage. Da sah Aljoscha ein, daß jener offenbar auf einen gegebenen Befehl nicht antworten wollte. Auf seine Frage: „Ist er vielleicht bei Gruschenka, oder versteckt er sich bei Foma?“ (Aljoscha fragte absichtlich so indiskret), blickten ihn alle drei nur höchst erschrocken an. „Müssen ihn wohl gern haben, wenn sie so zu ihm halten,“ dachte Aljoscha, „das ist gut.“
Endlich fand er auch in der Seestraße das Haus der Kleinbürgerin Kalmykowa, ein altes schiefes Häuschen, das nur drei Fenster zur Straße hatte. Der Eingang führte durch den schmutzigen Hof. Als Aljoscha durch die Pforte trat, sah er gerade in der Mitte des Hofes einsam eine unangebundene Kuh stehen. Links vom Flur wohnte die alte Hausbesitzerin mit ihrer gleichfalls alten Tochter; beide waren taub, wie es schien. Auf seine mehrmals wiederholte Frage nach dem Hauptmann wies schließlich die eine von ihnen, die erraten hatte, daß man zu ihren Mietern wollte, auf die gegenüberliegende Tür. Die Wohnung des verabschiedeten Hauptmanns war also tatsächlich in diesem Hause. Aljoscha wollte schon die eiserne Klinke ergreifen und die Tür aufmachen, als ihm plötzlich die ungewöhnliche Stille, die hinter der Tür herrschte, auffiel. Katerina Iwanowna hatte ihm doch gesagt, daß der Hauptmann verheiratet sei und eine ganze Familie habe. „Entweder schlafen sie alle, oder vielleicht haben sie gehört, daß ein Fremder eingetreten ist, und warten jetzt, daß ich eintrete; ich werde doch lieber zuerst klopfen,“ dachte er und klopfte an die Tür. Die Antwort kam aber erst nach einiger Zeit, vielleicht erst nach einer halben Minute.
„Wer da?“ schrie jemand mit lauter und absichtlich wütender Stimme.
Aljoscha machte die Tür auf und trat über die Schwelle. Er befand sich in einer zwar sehr großen Bauernstube, die aber doch von Menschen und verschiedenem Hausgerät ganz eingenommen war. Links stand ein großer russischer Ofen. Von diesem Ofen war zum linken Fenster durch das ganze Zimmer eine Schnur gezogen, auf der verschiedene Lappen hingen. An beiden Wänden rechts und links stand je ein Bett, mit gehäkelter Decke überdeckt. Auf dem Bette links war aus vier Kopfkissen ein ganzer Berg errichtet; von diesen vier, die alle in Kattunbezügen staken, war eines immer kleiner als das andere. Dagegen lag auf dem Bett an der rechten Wand nur ein einziges ganz kleines Kissen. In der vorderen Ecke war ein kleiner Raum durch einen Vorhang abgeteilt, oder richtiger, durch ein Bettuch, das gleichfalls über einer quer vor die Ecke gezogenen Schnur hing. Hinter diesem Vorhang blickte ein drittes, auf einer Truhe und einem vorgeschobenen Stuhl aufgeschlagenes Bett hervor. Ein einfacher viereckiger Bauerntisch war von der vorderen Ecke zum mittleren Fenster geschoben. Alle drei Fenster, von denen jedes nur vier kleine, grüne, von Staub und Regen trübe Fensterscheiben hatte, ließen nicht gerade viel Licht herein und waren zudem so dicht geschlossen, daß man die Zimmerluft als recht drückend empfand. Auf dem Tisch stand eine Bratpfanne mit dem Rest von einem unsauberen Rührei, ein angebissenes Stück Brot und außerdem eine Halbliterflasche, in der nur noch ein wenig von dem übriggeblieben war, was viele Menschen über ihr Leid hinwegbringt. Auf einem Stuhl neben dem Bett links saß eine Frau in einem einfachen Kattunkleide; doch sah sie wie eine Dame aus. Sie war sehr mager und etwas gelblich im Gesicht; ihre stark eingefallenen Wangen verrieten sofort, daß sie krank sein mußte. Am meisten aber fiel Aljoscha der Blick dieser armen Dame auf: er war ungemein forschend und zu gleicher Zeit äußerst hochmütig. Während der ganzen Zeit, in der Aljoscha mit dem Hauptmann sprach, gingen ihre großen braunen Augen unveränderlich stolz und fragend von einem der Sprechenden zum anderen. Neben dieser Dame stand am linken Fenster ein junges Mädchen mit einem nicht gerade schönen Gesicht und dünnem, rötlichem Haar; es war ärmlich, doch sehr sauber gekleidet. Feindselig betrachtete sie den eingetretenen Aljoscha. Rechts, gleichfalls zwischen Bett und Fenster, saß noch ein drittes weibliches Wesen. Das schien ein armes Geschöpf zu sein, gleichfalls ein junges Mädchen, von zwanzig Jahren, doch war es verwachsen und lahm, d. h. ihre Füße waren verdorrt, wie Aljoscha später erfuhr. Ihre Krücken standen neben ihr in der Ecke zwischen der Wand und dem Bett. Die auffallend schönen und guten Augen des armen Mädchens blickten Aljoscha ruhig und sanftmütig an. Am Tisch saß, das Rührei verzehrend, ein Herr von etwa fünfundvierzig Jahren, mittlerer Größe, augenscheinlich ein schwächlicher Mensch mit rötlichem Haar und einem rötlichen, spärlichen Bärtchen, das auffallend einem zerfaserten Lindenbastwisch glich (dieser Vergleich und besonders das Wort „Bastwisch“ zuckten Aljoscha aus irgendeinem Grunde schon beim ersten Blick auf diesen Bart durch den Sinn, dessen erinnerte er sich noch später). Offenbar hatte dieser selbe Herr auch das „Wer da?“ gerufen, da außer ihm nur Frauen im Zimmer waren. Als aber Aljoscha etwas vortrat, sprang der Herr von der Bank, auf der er am Tisch gesessen hatte, auf und flog, sich mit einer durchlöcherten Serviette den Mund wischend, Aljoscha entgegen.