Part 27
„Ein Mönch, der für ein Kloster bittet – der ist zu den Richtigen gekommen!“ sagte laut das am linken Fenster stehende Mädchen.
Doch der Herr, der Aljoscha entgegengestürzt war, drehte sich im Augenblick auf dem Hacken um und antwortete mit erregter, vor Aufregung fast stockender Stimme:
„Nein, verehrteste Warwara Nikolajewna, diesmal täuschen Sie sich, Verehrteste, haben es nicht erraten! Gestatten Sie“ – damit wandte er sich geschwind wieder zu Aljoscha – „mich nach der Ursache Ihres Besuches meines ... ‚Inneren‘ zu erkundigen?“
Aljoscha betrachtete ihn aufmerksam, da er ihn zum erstenmal sah. Es war etwas Eckiges, Hastendes, Gereiztes an ihm. Er hatte wohl Schnaps getrunken, doch war er nicht betrunken. Sein Gesicht drückte eine gewisse äußerste Frechheit aus, und zu gleicher Zeit – das war wirklich sonderbar – offenbare Feigheit. Er glich einem Menschen, der sich lange Zeit unterworfen und vieles erlitten hat, plötzlich aber vorspringt und auftrumpfen will. Oder richtiger: einem Menschen, der einen maßlos gern schlagen will, und der doch sehr fürchtet, daß man ihn schlagen könnte. In seinen Reden und dem Klang seiner ziemlich schrillen Stimme lag ein gewisser mißratener Humor, der bald boshaft, bald ängstlich war, nie im Ton blieb und immer wieder abbrach. Die Frage nach dem Besuch des „Inneren“ stellte er gleichsam am ganzen Körper zitternd und so nah auf Aljoscha zutretend, daß der unwillkürlich einen Schritt zurückwich. Gekleidet war der Herr in einen dunklen, nankingartigen Überzieher, der sehr schlecht zusammengenadelt und überall geflickt war. Die Beinkleider dagegen waren auffallend hell, wie sie niemand mehr trug, und aus sehr dünnem, karriertem Stoff; unten waren sie stark verknüllt, außerdem sehr kurz, ganz als wäre er aus ihnen wie ein kleiner Junge herausgewachsen.
„Ich bin ... Alexei Karamasoff ...“ antwortete Aljoscha.
„Das begreifen wir vortrefflich,“ unterbrach ihn sofort der Herr, womit er zu verstehen gab, daß er ihn schon kannte. „Ich dagegen bin Hauptmann Ssnegireff; trotzdem wäre es wünschenswert, die Ursache Ihres Besuches ...“
„Ich ... bin nur so hergekommen ... Ich wollte eigentlich von mir aus Ihnen ein paar Worte sagen ... Wenn Sie es nur gestatten ...“
„In diesem Falle – bitte, hier ist ein Stuhl, geruhen Sie, Platz zu nehmen, wie man in den alten Komödien sagt ...“ und der Hauptmann ergriff mit hastiger Bewegung einen gewöhnlichen Bauernstuhl und stellte ihn fast in die Mitte des Zimmers; darauf zog er noch für sich irgendeinen Stuhl herbei und setzte sich Aljoscha gegenüber, und wieder rückte er so nah heran, daß ihre Knie sich fast berührten. Er blickte ihm unbeweglich ins Gesicht.
„Ich bin Nikolai Iljitsch Ssnegireff, gewesener Hauptmann der russischen Infanterie, und wenn ich auch durch meine Laster in Schimpf und Schande geraten bin, so bleibe ich doch gewesener Hauptmann. Eigentlich sollte ich jetzt eher sagen: Hauptmann Sslowojerrssoff[15] und nicht mehr Ssnegireff, denn in der zweiten Hälfte meines Lebens habe ich begonnen, das ‚S‘ anzuhängen.[16] Ja, das lernt man in der Erniedrigung.“
„Das ist schon so,“ meinte Aljoscha lächelnd, „nur fragt es sich, ob man es unwillkürlich oder absichtlich lernt?“
„Bei Gott, unwillkürlich. Zeitlebens habe ich nicht so gesprochen, plötzlich aber fiel ich, und als ich aufstand, sprach ich das ‚S‘ zu Ende der Worte. Das geschieht durch eine höhere Macht ... Ich sehe, daß Sie sich für zeitgenössische Fragen interessieren. Wodurch nun habe ich solch ein Interesse erregt, denn ich lebe, wie Sie sehen, so, daß ich Gäste im allgemeinen nicht empfangen kann.“
„Ich bin ... in derselben Angelegenheit gekommen ...“
„In derselben Angelegenheit?“ unterbrach ihn der Hauptmann ungeduldig.
„Wegen jener Angelegenheit mit meinem Bruder Dmitrij Fedorowitsch,“ sagte Aljoscha ungeschickt.
„Welch eine Angelegenheit meinen Sie? Doch nicht wegen jener selben? Also wegen des Lindenbastwischs, des Badebastwischs?“ Er rückte plötzlich noch näher, so daß er diesmal Aljoscha tatsächlich mit den Knien berührte. Seine Lippen preßten sich ganz absonderlich zusammen; sie wurden so schmal wie ein Bindfaden.
„Was für ein Badebastwisch?“ stotterte Aljoscha.
„Nein, Papa, er ist gekommen, um sich über mich zu beklagen!“ rief plötzlich das Aljoscha schon bekannte Stimmchen seines kleinen Feindes aus der Ecke hinter dem Vorhange. „Ich habe ihn vorhin in den Finger gebissen.“
Der Vorhang wurde zur Seite gezogen, und Aljoscha erblickte seinen kleinen Feind aus der Michailoffstraße auf einem Bettchen, das man dort in der Ecke unter den Heiligenbildern auf der Truhe und dem Stuhl aufgeschlagen hatte. Der Knabe war mit seinem Mäntelchen und einem alten, wattierten Deckchen zugedeckt. Er schien nicht ganz wohl zu sein und, nach den brennenden Augen zu urteilen, Fieber zu haben. Doch jetzt blickte er furchtlos Aljoscha an. „Zu Hause kriegst du mich nicht!“ sagte sein Blick.
„Was hat er gebissen? Wie, einen Finger?“ fragte der Hauptmann erschrocken und wollte schon aufspringen. „Hat er Ihren Finger gebissen?“
„Ja, meinen. Vorhin bewarfen er und seine Mitschüler sich auf der Straße mit Steinen; er war allein, sie aber waren ganze sechs. Als ich darauf zu ihm trat, warf er einen Stein auf mich und dann noch einen. Ich fragte ihn, was ich ihm denn getan hätte; er aber stürzte sich auf mich und biß mich schmerzhaft in den Finger, warum, weiß ich nicht.“
„Werde ihn sofort durchhauen! Sofort, im Augenblick!“ Der Hauptmann sprang erregt von seinem Stuhl auf.
„Aber ich beklage mich doch nicht, ich erzählte es doch nur ... Ich will durchaus nicht, daß Sie ihn dafür durchhauen! Und er ist ja, glaube ich, krank ...“
„Und Sie dachten, daß ich ihn wirklich bestrafen werde? daß ich Iljuschetschka nehmen und ihn sofort vor Ihren Augen schlagen werde, zu Ihrer Genugtuung? sofort? hier auf der Stelle?“ Der Hauptmann wandte sich mit einer Gebärde zu Aljoscha, als wolle er sich auf ihn stürzen. „Es tut mir leid, mein Herr, um Ihren Finger; aber wollen Sie nicht, daß ich, eher als daß ich Iljuschetschka schlage, sofort alle meine vier Finger, hier auf der Stelle, vor Ihren Augen abhacke, sehen Sie, mit diesem Messer, um Ihnen Genugtuung zu gewähren? Vier Finger, denke ich, werden zur Stillung Ihres Rachedurstes genügen, oder wollen Sie auch noch den fünften dazu? ...“
Er verstummte, als ob ihm plötzlich die Stimme versagt hätte. Jeder Nerv seines Gesichtes ging und zuckte, doch blickte er Aljoscha herausfordernd an. Er schien seiner selbst nicht mehr mächtig zu sein.
„Ich glaube jetzt alles zu verstehen,“ sagte Aljoscha, der sitzen blieb, leise und traurig. „Ihr Junge ist also ein guter Knabe, der seinen Vater liebt und mich als Bruder Ihres Beleidigers gebissen hat ... Das sehe ich jetzt wohl ein,“ sagte er nachdenklich. „Mein Bruder Dmitrij Fedorowitsch bereut seine Handlung, das weiß ich, und wenn er nur zu Ihnen kommen könnte, oder besser, wenn er Sie dort in demselben Lokal wieder treffen könnte, so würde er Sie in Gegenwart aller um Verzeihung bitten ... Wenn Sie es wünschen.“
„Also: ‚er hat das Bärtchen ausgerissen und darauf um Verzeihung gebeten‘ – was will man mehr; er hat alles wieder gut gemacht, nicht wahr?“
„O nein, im Gegenteil, er wird alles tun, was Sie wollen, und wie Sie es wollen!“
„Das heißt also, wenn ich Seine Erlaucht bitten würde, in demselben Lokal – ‚Zur Hauptstadt‘ heißt es – oder auf dem Großen Platz gefälligst vor mir niederzuknien, so würde er es tun?“
„Ja, er würde niederknien.“
„Sie entwaffnen mich, Sie rühren und entwaffnen mich! Bin nur gar zu geneigt, die Großmut Ihres Herrn Bruders zu empfinden. Gestatten Sie mir, Ihnen meine Familie vorzustellen: meine beiden Töchter und mein Sohn – mein ganzes Nest. Wenn ich nun sterbe, wer wird sie dann noch lieben? Solange ich aber noch lebe – wer kann mich garstiges Kerlchen außer ihnen lieben? Etwas Großes hat Gott damit für einen jeden kleinen Menschen von meiner Art geschaffen, Verehrtester. Denn, nicht wahr, auch ein Mensch wie ich, muß jemanden zum Lieben haben ...“
„Da sagen Sie ein wahres Wort!“ meinte Aljoscha herzlich.
„Ach, hören Sie doch endlich auf, den Hampelmann zu spielen, Papa! Es braucht nur irgendein Dummkopf herzukommen, so erniedrigen Sie sich sofort!“ rief ganz unerwartet das Mädchen am Fenster ihrem Vater mit gereizter Stimme und verächtlicher Miene zu.
„Gedulden Sie sich noch einen Augenblick, Warwara Nikolajewna, und lassen Sie mich im Stil bleiben,“ rief ihr der Vater, wenn auch in befehlendem Tone, so doch mit billigendem Blicke zu. „Das ist nun einmal so ihr Charakter,“ fügte er darauf, zu Aljoscha gewandt, hinzu.
„‚Kein einziges Ding in dieser Welt fand seine Billigung!‘ wie der Dichter sagt; nur müßte er sich in diesem Falle im Femininum ausdrücken: ‚fand ihre Billigung‘. Jetzt aber gestatten Sie mir, Sie auch meiner Frau vorzustellen: hier, Arina Petrowna, zwar nur eine lahme Dame – von dreiundvierzig Jahren –, die Füße tragen sie nur wenig, gehört zu den Einfachen, Verehrtester. Arina Petrowna, glätten Sie Ihre Züge: – Alexei Fedorowitsch Karamasoff, erheben Sie sich, Verehrtester.“ Damit ergriff er Aljoschas Hand und zog ihn mit einer Kraft, die man ihm gar nicht zugetraut hätte, in die Höhe, noch bevor der sich besinnen konnte. „Sie werden einer Dame vorgestellt, da müssen Sie sich erheben. Das ist nicht jener Karamasoff, Mamachen, der ... hm, und so weiter, sondern sein Bruder, der sich durch demütige Tugenden auszeichnet. Gestatten Sie, Arina Petrowna, gestatten Sie, Mütterchen, Ihnen vorläufig die Hand zu küssen.“
Und er küßte ehrerbietig, sogar zärtlich die Hand seiner Frau. Das Mädchen am Fenster wandte der Szene unwillig den Rücken zu. Der hochmütig-fragende Gesichtsausdruck der Frau dagegen verwandelte sich plötzlich in einen ungewöhnlich freundlichen.
„Guten Tag; setzen Sie sich, Herr Tschernomasoff,“ sagte sie.
„Karamasoff, Mütterchen, Karamasoff – wir sind einfache Leute,“ flüsterte er wieder Aljoscha zu.
„Nun, Karamasoff oder wie sonst, ich sage immer Tschernomasoff ... Setzen Sie sich doch! warum hat er Sie nur belästigt? Eine lahme Dame, sagte er, das ist wohl wahr, denn wenn ich auch meine Füße noch habe, so sind sie doch wie die Eimer geschwollen, ich selbst bin gänzlich verdorrt. Früher war ich so dick, jetzt aber bin ich, als ob ich eine Nadel verschluckt hätte ...“
„Wir sind einfache Leute, einfache Leute,“ sagte noch einmal der Hauptmann.
„Papa, ach Papa!“ sagte plötzlich das bucklige Mädchen, das bis dahin geschwiegen hatte, und bedeckte das Gesicht mit dem Taschentuch.
„Spielt wieder den Bajazzo!“ stieß die andere am Fenster hervor.
„Sehen Sie, was es für Neuigkeiten bei uns gibt,“ sagte die Mama, auf die Töchter weisend, „ganz wie vorüberziehende Wolken; sind die Wolken vorübergezogen, so beginnt von neuem unsere Musik. Früher, als mein Mann noch Militär war, kamen viele Gäste zu uns. Ich will das ja nicht mit dem vergleichen, was jetzt ist. Wenn einmal einer jemanden liebt, so soll er ihn auch lieben. Da kam denn auch die Frau des Diakons zu mir und sagte: Alexander Alexandrowitsch ist in der Seele der beste Mensch, Nastassja Petrowna aber, sagt sie, ist die wahre Höllenbrut. – Nun, antwortete ich, das kommt darauf an, wer wen vergöttert, du aber bist wohl nur ein kleines Häufchen, stinkst jedoch gehörig. – Dich aber, sagte sie, muß man unterm Daumen halten. – Ach du, sage ich, du schwarzer Schleppsäbel, wen bist du hier belehren gekommen? – Ich, sagte sie, ich lasse reine Luft herein, du aber bist unreine Luft. – Frage doch, sage ich ihr, frage doch alle Herren Offiziere, ob in mir schlechte Luft ist, oder was sonst für eine? Und das sitzt mir seit der Zeit so sehr auf dem Herzen, daß ich noch vor einigen Tagen – ich saß ganz so wie jetzt – diesen General hier eintreten sah, denselben, der auch zu Ostern schon hier war: Was, frage ich ihn, Exzellenz, kann man wohl einer vornehmen Dame reine Luft zulassen? – Ja, antwortete er, man müßte hier wirklich ein Klappfenster oder die Tür ein wenig aufmachen, denn auch mir scheint es, daß die Luft hier bei Ihnen nicht sehr frisch ist. Nun, und so sind sie alle. Und was haben sie nur an meiner Luft auszusetzen? Tote riechen doch noch viel schlechter. Ich sagte darauf: Werde eure Luft nicht mehr verderben, werde mir Schuhe bestellen und fortgehen. Meine Lieben, meine Täubchen, macht doch eurer leiblichen Mutter keine Vorwürfe! Nikolai Iljitsch, mein Väterchen, oder mache ich es dir denn nicht recht? Alles, was ich habe, ist doch, daß Iljuschetschka aus der Schule heimkehrt und mich liebt. Gestern hat er mir noch einen Apfel mitgebracht. Verzeiht, verzeiht, meine Lieben, eurer leiblichen Mutter, verzeiht mir Einsamen, aber wodurch ist euch nur meine Luft so zuwider geworden?“
Und die arme Irrsinnige brach in Tränen aus, in Strömen flossen ihre Tränen herab. Der Hauptmann sprang sofort eilig zu ihr hin.
„Mütterchen, Mütterchen, Täubchen, laß gut sein, laß gut sein! Bist doch nicht einsam. Alle lieben dich, alle vergöttern dich!“ Und wieder küßte er ihre Hände und streichelte ihr Gesicht; und plötzlich nahm er die Serviette und begann ihre Tränen abzuwischen. Aljoscha schien es, daß auch seine Augen feucht erglänzten. „Nun, Verehrtester, haben Sie gesehen, gehört?“ fragte er plötzlich, fast jähzornig Aljoscha und wies dabei auf die arme Schwachsinnige.
„Ich sehe und höre,“ sagte Aljoscha leise.
„Papa, Papa! Wie kannst du nur mit ihm ... Laß ihn doch, Papa!“ rief plötzlich der Knabe, der sich auf seinem Lager erhoben hatte und den Vater mit heißem Blick ansah.
„Wann werden Sie endlich aufhören, Ihre dummen Possen zu spielen, die doch nie zu etwas Gescheitem führen! ...“ rief ihm aus derselben Ecke bereits ganz aufgebracht Warwara Nikolajewna zu und stampfte mit dem Fuße auf.
„Diesmal sind Sie vollkommen im Recht, wenn Sie außer sich geraten, Warwara Nikolajewna, und ich werde Sie gern zufriedenstellen. Nun, nehmen Sie mal Ihre Mütze, Alexei Fedorowitsch, und auch ich werde meinen Hut nehmen, und gehen wir, Verehrtester. Ich muß noch ein ernstes Wörtchen mit Ihnen reden, nur außerhalb dieser Wände. Sehen Sie dieses sitzende Mädchen – das ist meine Tochter Nina Nikolajewna, ich vergaß es, Sie ihr vorzustellen: ein leibhaftiger Engel Gottes ... der zu uns Sterblichen herniedergeflogen ist ... wenn Sie das nur begreifen können ...“
„Er zittert ja am ganzen Körper, als ob er Krämpfe hätte,“ stieß Warwara Nikolajewna wieder unwillig hervor.
„Und diese dort, die jetzt vor Unwillen über mich mit den Füßchen stampft und mich vor kurzem Bajazzo betitelte – das ist gleichfalls ein leibhaftiger Engel Gottes, und sie hat mich auch ganz richtig benannt. Doch gehen wir jetzt, Verehrtester, dem muß man ein Ende machen ...“
Sie gingen hinaus auf die Straße.
VII. Und in frischer Luft
„Hier ist die Luft frisch und rein: in meinem Hause aber ist es wirklich nicht frisch – sogar in keiner Beziehung. Gehen wir langsam, Verehrtester. Gern würde ich Sie für mich interessieren.“
„Und auch ich habe Wichtiges mit Ihnen zu sprechen ...“ bemerkte Aljoscha, „nur weiß ich nicht, wie ich anfangen soll.“
„Wie sollten Sie denn nichts zu besprechen haben! Wären Sie doch sonst nie zu mir gekommen. Oder sind Sie vielleicht nur gekommen, um sich über den Jungen zu beklagen? Das ist doch unwahrscheinlich. Ach, bei der Gelegenheit: ich konnte Ihnen dort nicht alles so erklären, aber hier werde ich Ihnen alles sagen. Sehen Sie, der Bastwisch war noch vor einer Woche viel dichter – ich rede von meinem Bärtchen; dieses Bärtchen heißt ja der Bastwisch, so haben es die Schuljungen doch benannt. Nun, sehen Sie, wie mich da Ihr Bruder Dmitrij Fedorowitsch Karamasoff am Barte zog, wegen nichts und wieder nichts, er suchte einfach Händel, und ich kam ihm in die Quere – da zog er mich hinaus auf den Großen Platz, und da kamen gerade die Schuljungen aus der Schule und unter ihnen auch Iljuscha. Wie der mich so am Bart gezogen erblickte, stürzte er zu mir: ‚Papa!‘ schreit er, ‚Papa!‘ hält mich, umarmt, umklammert mich, will mich befreien, losreißen, schreit meinem Beleidiger zu: ‚Verzeihen Sie, verzeihen Sie, das ist doch mein Papa, mein Papa, verzeihen Sie ihm!‘ – fleht, wie ich sage ‚Verzeihen Sie!‘ – umklammert ihn mit seinen kleinen Ärmchen und küßt, küßt seine Hand ... Ich weiß, ich weiß noch, was für ein Gesichtchen er in diesem Augenblick hatte, habe es nicht vergessen und werde es auch nie vergessen! ...“
„Ich schwöre Ihnen,“ sagte Aljoscha sofort, „mein Bruder wird Ihnen in der aufrichtigsten Weise sein tiefes Bedauern, seine Reue beweisen, meinetwegen kniend auf demselben Platz; ich werde ihn dazu zwingen, oder er wird nicht mehr mein Bruder sein!“
„Ach so, dann war das also nur ein Projekt. Dann ging das nicht von ihm aus, sondern wurde nur von Ihnen in einer heißen Regung Ihres guten Herzens gesagt. Ja, dann hätten Sie es aber auch so darstellen sollen. Nein, Verehrtester, da lassen Sie mich zuerst einmal alles sagen, zumal ich die ritterliche Offiziershaltung Ihres Bruders nicht verheimlichen will, o nein, denn die hat er damals tatsächlich bewiesen. Als er nämlich endlich meinen Bart losließ und mich freigab, sagte er: ‚Wir sind beide Offiziere, wenn du einen Sekundanten finden kannst, einen anständigen Menschen, so schick ihn zu mir – werde dir Satisfaktion geben, wenn du auch ein Schurke bist!‘ Sehen Sie, das sagte er! Das war wahrhaft ritterlicher Geist! Wir entfernten uns damals, Iljuscha und ich, doch dieses Bild ist auf ewig in Iljuschenkas Seele geblieben. Wie soll ich mich denn mit ihm duellieren! Sagen Sie sich doch selbst, Sie sind doch soeben in meiner Wohnung gewesen – was haben Sie gesehen? Drei Damen sitzen dort, von denen ist die eine ohne Füße und schwachsinnig, die andere ohne Füße und verwachsen, die dritte aber hat Füße und ist beinahe gar zu klug, ist Studentin und will unbedingt wieder nach Petersburg, um dort an den Ufern der Newa die Rechte der russischen Frau zu suchen. Von Iljuscha rede ich schon gar nicht, der ist erst neun Jahre alt, mutterseelenallein. Wenn ich aber nun sterbe – was soll dann mit meinem ganzen Nest werden, nur das allein frage ich Sie? Wenn ich ihn nun fordere und er mich erschießt, was dann? Was soll dann aus ihnen werden? Oder, was noch schlimmer wäre, wenn er mich zum Krüppel schießt? Arbeiten und verdienen ist dann ausgeschlossen, der Mund aber bleibt, und wer wird ihn dann füttern, diesen Mund, und wer wird sie dann alle ernähren? Oder sollte ich Iljuscha anstatt in die Schule täglich betteln schicken? Da sehen Sie, was das für mich bedeuten würde: ihn zum Duell herauszufordern. Ein dummes Wort ist das und weiter nichts.“
„Er wird Sie um Verzeihung bitten, er wird sich dort mitten auf dem Platz vor Ihnen bis zur Erde verneigen!“ rief Aljoscha mit aufflammendem Blick aus.
„Ich wollte die Sache vor Gericht bringen,“ fuhr der Hauptmann fort, „aber blättern Sie doch den Kodex durch und fragen Sie sich dann, wieviel ‚Schadenersatz‘ ich für persönliche Beleidigung von dem Beleidiger bekommen würde? Und da läßt mich noch plötzlich Agrafena Alexandrowna zu sich rufen und sagt: ‚Wage nicht, daran auch nur zu denken! Wenn du ihn vors Gericht bringst, so werde ich dafür sorgen, daß es alle Welt erfährt, warum er dich am Bart gezogen hat: wegen deiner Schurkereien, und dann wird man _dich_ verklagen.‘ Sieht doch nur Gott allein, durch wen besagte Schurkerei entstanden ist, auf wessen Befehl ich damals wie ein kleiner Kaufmann gehandelt habe, ob nicht etwa auf ihre eigene und Fedor Pawlowitschs Anordnung? ‚Und zudem,‘ sagte sie, ‚werde ich dich fortjagen und dir hinfort nichts mehr von mir zu verdienen geben. Meinem Kaufmann werde ich es gleichfalls sagen‘ – so nennt sie ihn, den Alten –, ‚dann wird auch er dich nicht mehr beschäftigen.‘ Und so denke ich denn, wenn auch der Kaufmann mich fortjagt, was soll dann aus mir werden, wo kann ich dann noch verdienen? Sind mir doch jetzt nur noch diese beiden geblieben, da Ihr Vater Fedor Pawlowitsch Karamasoff mir nicht nur sein Vertrauen entzogen hat, sondern mich aus einem nebensächlichen Grunde, nachdem er sich meine Quittungen gesichert hat, obendrein noch verklagen will. Infolgedessen bin ich denn still geworden, und mein ‚Inneres‘ – haben Sie gesehen. Doch jetzt erlauben Sie zu fragen: Hat er Ihnen wirklich schmerzhaft in den Finger gebissen, Iljuscha meine ich? In seiner Gegenwart konnte ich mich nicht entschließen, auf dieses Gespräch einzugehen.“
„Ja, sehr schmerzhaft, er war aber sehr gereizt. Er hat sich für Sie an mir, als an einem Karamasoff, gerächt, das ist mir jetzt vollkommen klar. Aber wenn Sie gesehen hätten, wie er seine Schulkameraden mit Steinen bewarf, und wie die ihm darauf antworteten! So etwas ist sehr gefährlich; sie können ihn totschlagen, es sind doch dumme Kinder; der Stein fliegt und kann den Kopf treffen.“
„Und hat auch schon getroffen, nur nicht den Kopf, wohl aber die Brust: etwas über dem Herzen hat er einen blauen Fleck. Er kam weinend nach Haus, stöhnte, und jetzt ist er davon krank geworden.“
„Aber er greift sie ja zuerst an, fällt als erster über sie her! Er will sich für Sie rächen. Die Jungen sagten, er habe einen Mitschüler, Krassotkin, mit dem Federmesser in die Seite gestochen ...“
„Ich weiß, die Sache kann gefährlich werden. Krassotkin ist der Sohn eines hiesigen Beamten, da kann man noch Unannehmlichkeiten haben ...“
„Ich würde Ihnen raten,“ fuhr Aljoscha fort, „ihn eine Zeitlang überhaupt nicht in die Schule zu schicken, bis er sich beruhigt ... dieser Zorn wird ja vergehen ...“