Sämtliche Werke 9-10

Part 25

Chapter 253,616 wordsPublic domain

„Das ist nicht wahr, Sie haben ihn schon bei sich. Ich wußte es ja, daß Sie so antworten würden. Sie haben ihn in der Tasche. Ich habe diesen dummen Scherz die ganze Nacht so furchtbar bereut. Geben Sie ihn mir sofort zurück!! Sofort!“

„Ich ... ich habe ihn im Kloster gelassen.“

„Aber Sie müssen mich ja unbedingt für ein kleines Mädchen halten, für ein ganz kleines Baby, nach einem so dummen Brief! Ich bitte Sie sehr um Verzeihung für den dummen Scherz; aber den Brief müssen Sie mir unbedingt zurückbringen, wenn Sie ihn wirklich nicht bei sich haben – heute noch bringen Sie ihn mir, hören Sie, unbedingt, unbedingt!“

„Heute kann ich unmöglich kommen; ich kehre ins Kloster zurück und werde zwei, drei, vielleicht auch vier Tage nicht herkommen können, denn der Staretz Sossima ...“

„Vier Tage, das fehlte noch! Hören Sie, sagen Sie – Sie haben wohl furchtbar über mich gelacht?“

„Nicht ein bißchen habe ich gelacht.“

„Warum denn nicht?“

„Weil ich an alles sofort geglaubt habe.“

„Sie beleidigen mich!“

„Wieso? Nicht im geringsten. Ich glaubte sofort, als ich ihn durchlas, daß alles auch so geschehen werde, denn ich muß nach dem Tode des Staretz Sossima sofort das Kloster verlassen. Darauf werde ich noch ein Jahr das Gymnasium besuchen und dann mein Abiturium machen, und wenn Sie das gesetzliche Alter erreicht haben, heiraten wir uns einfach. Ich werde Sie lieben. Ich habe zwar noch keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken; aber ich denke doch, daß ich eine bessere Frau als Sie nicht finden kann, und der Staretz hat mir befohlen, zu heiraten ...“

„Aber ich bin doch eine garstige Mißgeburt; man schiebt mich ja seit sechs Monaten im Rollstuhl!“ sagte Lisa mit verlegenem Lachen, und ihr Gesichtchen wurde rot.

„Ich selbst werde Sie im Rollstuhl schieben; übrigens bin ich überzeugt, daß Sie bis dahin schon gesund sein werden.“

„Aber Sie sind ja verrückt!“ fuhr Lisa nervös fort. „Aus einem kleinen Scherz solch einen Unsinn zu machen! ... Ach, da ist ja auch Mamachen ... vielleicht sehr zur rechten Zeit gekommen. Mama, wie Sie sich immer verspäten, wie kann man nur alles so langsam machen! Julija kommt schon aus dem Keller mit dem Eis zurück!“

„Ach, Lise, wenn du doch nicht immer so schreien wolltest, das ist wirklich das Furchtbarste. Von diesem Schreien werde ich ... was kann ich denn dafür, wenn du die Scharpie an einen anderen Ort getan hast ... Ich suchte und suchte ... Ich vermute stark, daß du sie absichtlich vorher versteckt hast ...“

„Aber wie konnte ich’s denn wissen, daß er mit einem gebissenen Finger ankommen würde, sonst, allerdings – hätte ich es vielleicht wirklich mit Absicht getan. Meine liebe Engelsmama, Sie fangen wirklich an, außerordentlich scharfsinnige Sachen zu sagen.“

„Ach, meinetwegen; aber denk doch nur, Lise, welche Erschütterung das für die Nerven ist, dieser gebissene Finger und alles andere noch dazu! Lieber Alexei Fedorowitsch, mich töten nicht die Einzelheiten, nicht irgend so ein Herzenstube, sondern alles zusammen, das Ganze, das ist es, was mich umbringt!“

„Ach, Mama, lassen Sie doch den armen Herzenstube in Ruh,“ sagte Lisa lachend, „geben Sie mir nur schneller die Scharpie und das Wasser. Das ist einfach Bleiwasser, Alexei Fedorowitsch, mir ist jetzt der Name wieder eingefallen; es ist ganz großartig zu Kompressen. Mama, stellen Sie sich nur vor, er hat sich unterwegs auf der Straße mit kleinen Schuljungen geprügelt, und einer von ihnen hat ihn gebissen; nun, sagen Sie doch selbst, ist er nicht nach alledem selbst ein kleiner Knabe, ein ganz – ganz kleiner, und kann man ihm daraufhin wohl erlauben zu heiraten, denn, denken Sie sich doch nur, Mama, er will schon heiraten! Stellen Sie sich ihn nur als Ehemann vor, ist das nicht zum Lachen, ist das nicht ganz entsetzlich!“

Und Lise lachte wieder ihr nervöses, leises Lachen und blickte schelmisch zu Aljoscha auf.

„Wie denn das, Lise, wen soll er denn jetzt heiraten? Solche Scherze sind sehr unpassend für dich ... Und denk doch nur, wenn dieser Junge vielleicht die Tollwut gehabt hat!“

„Ach, Mama! Gibt es denn überhaupt tollwütige Kinder?“

„Warum nicht, du tust wirklich, als ob ich eine Dummheit gesagt hätte. Den Jungen hat vielleicht ein toller Hund gebissen, und nun beißt wiederum der Junge. Sehen Sie doch, wie gut sie Ihren Finger verbunden hat, ich hätte das nie so gut gemacht. Schmerzt er noch sehr?“

„O, nur noch ein wenig.“

„Fürchten Sie vielleicht das Bleiwasser?“ erkundigte sich Lise.

„Nun, genug, Lise, ich habe es vielleicht doch etwas übereilt gesagt: das vom tollwütigen Knaben – du mußt natürlich gleich spotten. – Ach, fast hätte ich’s vergessen: Katerina Iwanowna bat mich sofort, als sie nur hörte, daß Sie gekommen seien, flehentlich, flehentlich, Sie zu ihr zu bringen; sie erwartet Sie sehr!“

„Ach, Mama! Gehen Sie doch allein zu ihr; er kann wirklich nicht sofort hingehen, er leidet viel zu sehr.“

„Aber gar nicht; ich kann sehr gut zu ihr gehen ...,“ sagte Aljoscha.

„Wie! Sie gehen? Also so sind Sie, so sind Sie?“

„Wieso? Ich werde doch, sobald ich dort fertig bin, sogleich wieder herkommen, und dann können wir weitersprechen, so viel Sie wollen. Ich möchte Katerina Iwanowna sobald wie möglich sprechen, da ich frühzeitig ins Kloster zurückkehren will.“

„Mama, nehmen Sie ihn nur und bringen Sie ihn fort. Bemühen Sie sich nicht, Alexei Fedorowitsch, nachher noch zu mir zu kommen, gehen Sie nur sofort ins Kloster, dorthin gehören Sie ja! Ich aber will jetzt schlafen, ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen.“

„Ach, Lise, das ist ja nur Scherz von dir; aber wirklich, wie wäre es, wenn du jetzt etwas schlafen würdest?“ meinte Frau Chochlakoff.

„Ich weiß nicht, wodurch ich ... Ich werde gern noch drei Minuten hierbleiben, wenn Sie wollen, sogar fünf,“ stotterte Aljoscha.

„Sogar fünf! So bringen Sie ihn doch schneller fort, Mama, das ist ja ein Monstrum!“

„Lise, du bist wohl nicht recht gescheit! Gehen wir, Alexei Fedorowitsch, sie ist heute gar zu kapriziös, ich fürchte mich, sie zu reizen. O, welch ein Jammer, mit einem nervösen Kinde zusammenzuleben! Aber sie ist vielleicht wirklich während des Gesprächs mit Ihnen schläfrig geworden. Wie haben Sie sie nur so schnell eingeschläfert, und wie glücklich sich das trifft!“

„Ach, Mama, das haben Sie ganz reizend gesagt, dafür gebe ich Ihnen einen Kuß!“

„Und ich dir gleichfalls, Lise. Hören Sie, Alexei Fedorowitsch,“ sagte darauf Frau Chochlakoff in erregtem, geheimnisvollem Flüsterton, als sie mit Aljoscha zum Salon ging, „ich will Ihnen nichts, nichts sagen, Sie werden es gleich selbst sehen, was dort vor sich geht – das ist ja ganz entsetzlich, entsetzlich, die phantastischste Komödie tragischer Art: sie liebt Ihren Bruder Iwan Fedorowitsch, redet sich aber selbst aus allen Kräften ein, daß sie Ihren Bruder Dmitrij Fedorowitsch liebe. Das ist doch furchtbar! Ich werde zusammen mit Ihnen hineingehen, und wenn man mich nicht fortschickt, bis zum Schluß dort bleiben.“

V. Im Empfangssalon

Doch im Salon schien die Unterredung schon beendet zu sein; Katerina Iwanowna war sehr erregt, sah aber entschlossen aus. Als Aljoscha und Frau Chochlakoff eintraten, hatte sich Iwan Fedorowitsch gerade zum Aufbruch erhoben. Sein Gesicht war ein wenig bleich, und Aljoscha blickte ihn unruhig an. Er fühlte es, daß jetzt wenigstens eines der beängstigenden Rätsel, die ihn schon seit längerer Zeit ununterbrochen gequält hatten, seine Lösung finden mußte. Schon seit einem Monat hatte er von vielen Seiten und zu mehreren Malen gehört, daß sein Bruder Iwan Katerina Iwanowna liebe und vor allen Dingen sie seinem älteren Bruder abspenstig zu machen trachte. Bis zu diesem Tage war das Aljoscha unglaublich und unmöglich erschienen, doch hatte er nicht den Gedanken abschütteln können und hatte darunter nicht wenig gelitten. Er liebte beide Brüder und fürchtete daher um so mehr solch eine Nebenbuhlerschaft. Und nun hatte ihm Dmitrij selbst gesagt, daß er sich über diese Nebenbuhlerschaft Iwans geradezu freue, und daß sie ihm, Dmitrij, in vielem sogar sehr zustatten käme. Was hatte er damit sagen wollen? Doch nicht, daß es ihm auf diese Weise leichter würde, Gruschenka zu heiraten? Das schien Aljoscha der letzte und verzweifelteste Schritt zu sein, den sein Bruder tun könnte. Außerdem war Aljoscha noch bis zum letzten Augenblick in der Szene, die Gruschenka bei Katerina Iwanowna, wie sie sagte „seinetwegen“, d. h. Aljoschas wegen gespielt hatte, immer noch überzeugt gewesen, daß Katerina Iwanowna seinen Bruder Dmitrij leidenschaftlich und unwandelbar liebte.

Doch nach jenem Auftritt und dem Gespräch mit Dmitrij am Kreuzweg, glaubte er es nicht mehr. Außerdem hatte ihm noch immer aus irgendeinem, ihm selbst unerklärlichen Grunde geschienen, daß sie solch einen Menschen wie Iwan überhaupt nicht lieben könnte, daß sie vielmehr gerade seinen Bruder Dmitrij lieben müsse, gerade diesen, und zwar mit allen seinen Fehlern, gerade so, wie er war, trotz der ganzen Ungeheuerlichkeit solch einer Liebe. Doch nach der Szene mit Gruschenka hatte es ihm plötzlich anders geschienen. Die Bemerkung Frau Chochlakoffs: „sie vergewaltigt sich“, hatte ihn fast zusammenzucken gemacht, denn genau dasselbe hatte auch er sich in der Nacht, als er aufgewacht war – wahrscheinlich auf einen unbewußten Traum hin – gesagt: „Sie vergewaltigt sich, sie vergewaltigt sich ja!“ Geträumt aber hatte ihm die ganze Nacht hindurch von jener Szene bei Katerina Iwanowna. Und die offen und bestimmt ausgesprochene Behauptung Frau Chochlakoffs, Katerina Iwanowna liebe seinen Bruder Iwan, „vergewaltige“ sich aber absichtlich aus Laune oder aus sonst einem unerklärlichen Grunde und betrüge und quäle sich selbst mit ihrer Liebe zu Dmitrij, die sie aus Dankbarkeit für ihn empfinden wolle – diese plötzliche Behauptung hatte Aljoscha stutzig gemacht. „Vielleicht liegt in diesen Worten wirklich die ganze Wahrheit,“ dachte er. Aber in welch einer Lage befand sich dann sein Bruder Iwan? Aljoscha fühlte gewissermaßen instinktiv, daß ein Charakter wie Katerina Iwanowna herrschen wollte, herrschen aber konnte sie nur über einen Menschen wie Dmitrij, niemals aber über einen Menschen wie Iwan. Denn nur Dmitrij konnte sich ihr ergeben (wenn auch erst nach langer Zeit), was Aljoscha ihm sogar „zu seinem eigenen Glücke“ wünschte; bei Iwan dagegen war das ganz ausgeschlossen: der konnte sich nicht ergeben, und dem würde solch eine Unterwerfung auch kein Glück bringen. Diese Auffassung von Iwan hatte sich ganz unfreiwillig in Aljoscha entwickelt. Und nun, als er in den Salon eintrat, flogen ihm in einem Augenblick wieder alle diese Zweifel und Bedenken und Gedanken durch den Sinn. Es tauchte in ihm auch noch ein anderer Gedanke auf: „Wie aber, wenn sie keinen von beiden liebt, weder den einen noch den anderen?“ Doch Aljoscha schämte sich seiner Gedanken und hatte sich ihretwegen jedesmal Vorwürfe gemacht, wenn sie ihm im letzten Monat wieder und wieder gekommen waren. „Was verstehe ich denn von Liebe und von Frauen, und wie kann ich nur solche Schlüsse ziehen,“ sagte er sich vorwurfsvoll, wenn er wieder Ähnliches gedacht hatte. Und doch war es unmöglich, nicht daran zu denken. So erriet er denn gleichfalls instinktiv, daß diese Nebenbuhlerschaft im Schicksal seiner beiden Brüder eine der wichtigsten Fragen war, von der vieles abhing. „Das eine Geschmeiß wird das andere Geschmeiß verschlingen,“ hatte Iwan am Tage vorher in der Gereiztheit vom Vater und vom Bruder Dmitrij gesagt. Also war Dmitrij in seinen Augen ein Geschmeiß, und das vielleicht schon lange? Oder sollte er es nicht erst seit dem Augenblick geworden sein, da Iwan Katerina Iwanowna kennen gelernt hatte? Diese Worte waren ihm natürlich halb aus Versehen entschlüpft, doch um so bedeutungsvoller waren sie dann, wenn er sie vielleicht gegen seinen Willen laut ausgesprochen hatte. Wenn das aber wirklich so war, wie konnte man dann auf eine friedliche Lösung hoffen? Gab es dann nicht noch neue Ursachen zu Haß und Feindschaft in ihrer Familie? Und vor allen Dingen, wen sollte er, Aljoscha, dann bedauern, und was einem jeden von ihnen wünschen? Er hatte sie beide lieb; doch was sollte er ihnen inmitten so furchtbarer Widersprüche raten? In diesem Labyrinth konnte man sich ja noch ganz und gar verlieren! Aljoschas Herz aber konnte die Ungewißheit nicht ertragen, denn seine Liebe wollte immer gleich aktiv eingreifen. Passiv zu lieben, verstand er nicht: hatte er etwas liebgewonnen, so wollte er auch sofort helfen. Um aber hier zu helfen, mußte er zuerst die Wahrheit wissen, mußte er ein festes Ziel vor sich sehen; doch statt dessen sah er nur Unklarheit und Irrwege. „Vergewaltigungen der eigenen Person und ein Vergewaltigenwollen des Schicksals“ – das war es! Doch was konnte er davon verstehen? Verstand er doch nicht einmal das erste Wort in diesem ganzen Durcheinander!

Als Katerina Iwanowna Aljoscha erblickte, sagte sie hastig und freudig zu Iwan Fedorowitsch, der sich schon erhoben hatte, um fortzugehen:

„Ach, noch einen Augenblick! Bitte, bleiben Sie noch einen Augenblick. Ich will vorher noch die Meinung desjenigen hören, zu dem ich von ganzem Herzen das größte Zutrauen habe. Und Katerina Ossipowna, auch Sie möchte ich bitten, nicht fortzugehen,“ sagte sie zu Frau Chochlakoff. Sie hieß Aljoscha neben sich Platz nehmen. Frau Chochlakoff setzte sich ihr gegenüber neben Iwan Fedorowitsch.

„Jetzt habe ich alle meine Freunde hier, alle, die ich nur besitze,“ begann sie mit warmer Stimme, in der Tränen zu zittern schienen, und Aljoscha fühlte, wie sich sein Herz sofort wieder ihr zuwandte. „Sie, Alexei Fedorowitsch, Sie waren gestern Zeuge dieser ... furchtbaren Stunde. Sie sahen, wie ich war. Sie haben es nicht gesehen, Iwan Fedorowitsch, er aber hat es mit eigenen Augen gesehen. Was er gestern von mir gedacht hat, das weiß ich nicht; ich weiß nur, daß ich, wenn sich heute dasselbe wiederholen sollte, auch heute dieselben Gefühle, dieselben Worte und dieselben Absichten äußern würde. Sie erinnern sich wohl noch meiner Absichten, Alexei Fedorowitsch, Sie selbst hielten mich ja noch von der Ausführung einer derselben zurück ...“ (Als sie das sagte, errötete sie und ihre Augen blitzten auf.)

„Ich sage es Ihnen ganz offen, Alexei Fedorowitsch, daß ich mich mit nichts von dem, was geschehen ist, aussöhnen kann. Hören Sie, Alexei Fedorowitsch, ich weiß nicht einmal, ob ich _ihn_ jetzt liebe. Er tut mir jetzt _leid_; das aber ist ein schlechtes Zeichen für Liebe. Wenn ich ihn noch liebte, wenn ich noch fortführe, ihn zu lieben, so würde er mir jetzt vielleicht nicht leid tun, sondern ich würde ihn wahrscheinlich hassen ...“

Ihre Stimme bebte, und Tränen blitzten an ihren Wimpern. Aljoscha fuhr innerlich zusammen: „Dieses Mädchen ist offenherzig und kann nicht lügen,“ sagte er sich, „und ... und sie liebt Dmitrij nicht mehr!“

„Das ist richtig, das haben Sie vollkommen richtig bemerkt, Katerina Iwanowna,“ sagte Frau Chochlakoff eifrig.

„Warten Sie noch ein wenig, liebe Katerina Ossipowna, das Wichtigste habe ich noch nicht gesagt; ich habe noch nicht alles ausgesprochen, was ich in dieser Nacht beschlossen habe. Ich fühle es, daß mein Entschluß vielleicht furchtbar ist – furchtbar für mich; aber ich fühle auch schon im voraus, daß ich ihn um keinen Preis, um nichts in der Welt verändern werde, in meinem ganzen Leben nicht! So wird es sein! Mein lieber Freund Iwan Fedorowitsch, mein einziger, hochherziger Ratgeber, den ich in der Welt habe, stimmt mir in allem bei, und auch er hat als tiefer Herzenskenner meinen Entschluß gebilligt ... Er kennt ihn.“

„Ja, ich billige ihn,“ sagte mit leiser, doch fester Stimme Iwan Fedorowitsch.

„Aber ich will, daß auch Aljoscha – ach, verzeihen Sie, Alexei Fedorowitsch, daß ich Sie einfach Aljoscha genannt habe – ich will, daß auch Alexei Fedorowitsch mir jetzt sagt, hier gleich, in Gegenwart meiner beiden Freunde, ob ich recht habe oder nicht. Ich habe das instinktive Vorgefühl, daß Sie, Aljoscha, mein lieber Bruder Sie – denn Sie sind ja doch mein lieber Bruder,“ fuhr sie wieder begeistert fort und erfaßte seine kalte Rechte mit ihrer heißen Hand, „ich fühle es im voraus, daß Ihr Urteilsspruch, Ihre Billigung mir, trotz meiner Qualen, Ruhe geben wird, denn nach Ihrem Urteilsspruch werde ich verstummen und mich ergeben – das fühle ich im voraus!“

„Ich weiß nicht, wonach Sie mich fragen,“ sagte Aljoscha errötend, „ich weiß nur, daß ich Sie liebhabe und Ihnen in diesem Augenblick mehr Glück wünsche als mir selbst ... Aber ich verstehe doch nichts von diesen Dingen ...“ beeilte er sich aus irgendeinem Grunde hinzuzufügen.

„In diesen Dingen, Alexei Fedorowitsch, in diesen Dingen ist jetzt die Hauptsache – Ehre und Pflicht, und ich weiß nicht, was noch; ja es ist etwas Höheres, etwas, das vielleicht sogar höher ist als selbst die Pflicht. Das Herz sagt mir von diesem unbezwingbaren Gefühl, das mich übermächtig mit sich fortzieht. Es läßt sich übrigens alles in zwei Worten ausdrücken; ich habe mich schon entschlossen: Selbst wenn er jenes ... Geschöpf heiraten sollte,“ fuhr sie feierlich fort, „dem ich niemals, niemals verzeihen kann, so werde _ich ihn doch nicht verlassen_! Von nun an werde ich ihn niemals, niemals mehr verlassen!“ sagte sie gleichsam mit einer gesprungenen Note in gezwungener, fast müder Begeisterung. „Ich will damit nicht sagen, daß ich mich ihm überallhin nachschleppen, mich beständig in seinen Weg, vor seine Augen drängen, ihn quälen werde – o nein, ich werde in eine andere Stadt ziehen, einerlei wohin, aber ich werde ihn mein ganzes Leben, mein ganzes Leben lang nicht aus dem Auge lassen. Wenn er aber mit jener unglücklich wird, und das wird ja bestimmt sofort geschehen, so kann er zu mir kommen und in mir einen Freund und eine Schwester finden ... natürlich nur eine Schwester ... Und das dann auf ewig, und er wird sich endlich überzeugen, daß diese Schwester in der Tat seine Schwester ist, die ihn wirklich liebt und ihm ihr ganzes Leben geopfert hat. Ich werde es erreichen, werde es durchsetzen, daß er mich endlich kennen lernt und mir alles, ohne sich zu schämen, gesteht!“ stieß sie erregt, fast außer sich hervor. „Ich werde sein Gott sein, zu dem er betet – wenigstens das ist er mir für seinen Verrat und für alles, was ich gestern durch ihn erlitten habe, schuldig. Und so mag er denn sein Lebelang sehen, daß ich ihm mein ganzes Leben lang treu bleibe und mein Wort, das ich ihm einmal gegeben habe, halte, halte, obgleich er mir untreu ist und mich verraten hat. Ich werde ... ich werde mich in ein Mittel zu seinem Glück verwandeln, und das fürs ganze Leben ... oder – wie soll ich das sagen – in ein Instrument, in eine Maschine, die sein Glück schafft, fürs ganze Leben, für mein ganzes Leben, und damit er es hinfort sein ganzes Leben lang erfährt! Das ist mein Entschluß! Iwan Fedorowitsch billigt ihn und stimmt mir in allem vollkommen bei.“

Atemlos endete sie. Vielleicht hatte sie ihren Gedanken viel würdiger, geschickter und natürlicher ausdrücken wollen, nun aber hatte sie ihn gar zu eilig, gar zu nackt ausgedrückt. Viel war dabei jugendliche Ungeduld, vieles verriet auch noch die ertragene Kränkung und das Bedürfnis, sich stolz zu zeigen; das alles fühlte sie selbst: ihr Gesicht verfinsterte sich, und der Ausdruck ihrer Augen ward nicht gut. Aljoscha bemerkte es sofort, – Mitleid erhob sich in seinem Herzen. Und da tat gerade noch Iwan Fedorowitsch das seinige hinzu.

„Ich habe vorhin nur meine Meinung geäußert,“ sagte er. „Bei jeder anderen wäre das alles verstellt, gezwungen, bei Ihnen aber ist es das nicht. Eine andere wäre dabei unaufrichtig, Sie aber sind aufrichtig, und somit haben Sie recht. Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll; ich sehe nur, daß Sie aufrichtig sind, im höchsten Grade aufrichtig, und darum sind Sie auch im Recht ...“

„Aber doch nur in diesem Augenblick! – Und dieser Augenblick ist ja doch nichts anderes als die Folge der gestrigen Beleidigung!“ unterbrach plötzlich Frau Chochlakoff, deren Absicht augenscheinlich gewesen war, sich nicht einzumischen, die es aber nun doch nicht mehr ausgehalten und sich mit einer sehr richtigen Bemerkung in das Gespräch hineinmischte.

„Ganz recht,“ sagte Iwan in einem fast verwegenen Tone und doch, als ob er sich plötzlich darüber geärgert hätte, daß er unterbrochen worden war, „Sie haben vollkommen recht, gnädige Frau: bei einer anderen wäre das nur der Einfluß der gestrigen Erregung und würde nur eine Minute andauern, bei Katerina Iwanowna aber wird dieser Augenblick eben ihr ganzes Leben lang andauern. Was für andere nur Versprechen ist, das ist für sie lebenslängliche, vielleicht schwere, doch unermüdliche Erfüllung ihrer Pflicht. Und das Gefühl dieser Pflichterfüllung wird ihr genügen. Ihr Leben, Katerina Iwanowna, wird von nun an in marternder Beobachtung und Zergliederung der eigenen Gefühle, der eigenen Heldentat und des eigenen Leides bestehen, doch späterhin wird sich dieses Leid mildern, und Ihr Leben wird sich dann in ein angenehmes Betrachten verwandeln, in ein unaufhörliches Betrachten des ein für allemal gefaßten und erfüllten stolzen Vorsatzes, der in seiner Art tatsächlich stolz, jedenfalls aber verzweifelt ist, doch den Sie auf sich genommen haben. Und dieses Denken daran wird Sie schließlich vollkommen befriedigen und Sie mit allem übrigen aussöhnen ...“

Er sprach dies mit einer gewissen Bosheit, sagte es mit Absicht gerade so, und vielleicht wollte er seine Absicht auch nicht einmal verbergen, d. h., daß er dies so absichtlich spöttisch sagte.

„O Gott, das ist ja wieder nicht das!“ seufzte Frau Chochlakoff.

„Alexei Fedorowitsch, aber so sagen Sie doch! Es quält mich, ich will wissen, was Sie dazu sagen!“ rief Katerina Iwanowna erregt und brach plötzlich in Tränen aus. Aljoscha erhob sich von seinem Platz.

„Das ist nichts, nichts!“ fuhr sie weinend fort, „das kommt nur von der Erregung, von der schlaflosen Nacht; aber bei zwei so treuen Freunden, wie Sie und Ihr Bruder, fühle ich mich noch stark ... denn ich weiß ... Sie beide werden mich nie verlassen.“

„Leider muß ich vielleicht morgen schon nach Moskau fahren und Sie auf lange verlassen ... Und leider läßt sich das nicht mehr ändern ...“ sagte plötzlich Iwan Fedorowitsch.

„Morgen, nach Moskau!“ Das ganze Gesicht Katerina Iwanownas verzerrte sich plötzlich. „Aber ... ach Gott, wie glücklich sich das trifft!“ rief sie auch schon im selben Augenblick mit vollkommen veränderter Stimme, und im selben Augenblick hatte sie auch schon ihre Tränen verscheucht, so daß von ihnen nicht einmal eine Spur blieb ... In einem einzigen Augenblick ging mit ihr diese erstaunliche Veränderung vor sich, eine Veränderung, die Aljoscha nicht wenig in Verwunderung setzte: an Stelle des armen, beleidigten Mädchens erschien plötzlich ein Weib vor ihm, das vollkommen seiner mächtig war und mit irgend etwas sogar ungemein zufrieden schien – ganz, als ob sie sich über irgend etwas plötzlich sehr gefreut hätte.