Sämtliche Werke 5-6

Part 73

Chapter 733,510 wordsPublic domain

»Wenn die Nahrungsmittel sich verringern und man mit keiner Wissenschaft weder Nahrung noch Holz zum Heizen erlangen kann, die Menschheit sich aber immer noch vermehrt, so wird man die Vermehrung aufhalten müssen. Die Wissenschaft sagt: >Du bist nicht schuld daran, daß die Natur es so eingerichtet hat<, und allem voran geht der Selbsterhaltungstrieb, folglich heißt es, die Neugeborenen verbrennen. Das ist die Moral der Wissenschaft. Malthus hat durchaus nicht so unrecht mit seiner Theorie, nur ist bis jetzt noch zu wenig Zeit vergangen, um sie durch praktische Erfahrung bestätigt zu sehen. Blicken Sie etwas weiter, fragen Sie sich, was dann sein wird; und wird denn Europa eine Bevölkerung ohne Nahrung und Heizmaterial aushalten können? Und wird dann die Wissenschaft zur rechten Zeit helfen, selbst wenn sie helfen könnte? Das Verbrennen der Kinder wird zur Angewohnheit werden, denn alle sittlichen Grundlagen im Menschen, _der einzig seinen eigenen Kräften überlassen ist_, -- sind bedingt. Der Wilde Nordamerikas skalpiert seinen Feind, wir aber finden das vorläufig noch schändlich (wenn wir auch selbst eine Unzahl von vielleicht noch schlimmeren Gemeinheiten begehen, Gemeinheiten, die wir nicht einmal bemerken oder womöglich für Tugenden halten). Jetzt sehen Sie einmal: wenn Sie glauben, daß das Christentum eine Notwendigkeit ist und (ein Geschenk) eine Gnade Gottes für die Menschheit, die der Mensch allein, von sich aus, nie würde erlangt haben, -- wenn Sie glauben, daß der Mensch von seiner Wiege an in _unmittelbarer Verbindung mit Gott steht_, zuerst durch die Offenbarung und dann durch das Wunder der Erscheinung Christi, und schließlich, wenn Sie glauben, daß der Mensch, nur auf seine eigenen Kräfte angewiesen, ganz auf sich allein gestellt, unfehlbar untergegangen wäre, und man folglich glauben _muß_, daß Gott mit dem Menschen in unmittelbarer Verbindung steht, -- dann (d. h. wenn Sie sich dem Christentum ergeben haben) würden Sie sich niemals mit dem Gefühl des Kinder-Verbrennens aussöhnen. Da haben Sie jetzt eine vollkommen andere Sittlichkeit. Folglich enthält nur das Christentum allein das lebendige Wasser, kann nur das Christentum allein den Menschen zu den Quellen der Wasser des Lebens bringen und ihn vor der Zersetzung bewahren. Ohne Christentum wird sich die Menschheit zersetzen und untergehen.

Also kann man sowohl an dieses wie an jenes glauben. Somit besteht denn die Frage bloß darin, was denn eigentlich richtiger ist und wo die Quellen des lebendigen Wassers sind. Meiner Meinung nach wird die Menschheit mit der Wissenschaft allein, wenn diese es bis zu Gleichgültigkeit gegen die Neugeborenen gebracht hat, verwildern und aussterben, und darum ist verbrennen besser als sterben. Doch andererseits glaube ich fest, daß das Christentum die Menschheit retten würde.«

_Schatoff_: »Wie, wie?«

_Der Fürst_: »Es enthält alle Bedingungen zur Rettung wie der Sklaven so auch der Herren. Wenn man sich vorstellt, daß alle Christusse wären, würde dann der Pauperismus überhaupt möglich sein? Im Christentum wäre sogar der Mangel an Nahrung und Heizmaterial erträglich (nicht die Neugeborenen umbringen, sondern selbst für meinen Bruder sterben).«

_Schatoff_: »Wenn das so ist, worin besteht dann das Problem?«

_Der Fürst_: »Immer in dem einen: kann denn ein zivilisierter Mensch überhaupt glauben?

Nur aus Leichtsinn stellt der Mensch diese Frage nicht auf den ersten Plan. Übrigens, viele mühen sich darum, schreiben und reden darüber. Wir sorgen uns aus Leichtsinn und aus Ärger nur um das Gegenwärtige und glauben, das sei alles, was nötig ist. Andere wiederum denken sich verschiedene Verdauungsphilosophien aus, in dem Sinne, daß das Christentum sogar mit der unendlichen Entwickelung der Zivilisation, nicht nur mit der gegenwärtigen allein, vereinbar sei. Aber wir beide wissen doch, daß das alles Unsinn ist und daß es nur zwei Initiativen gibt: entweder der Glaube oder Verbrennen. Werchowenski hat sich für das zweite entschieden und ist stark und ruhig. Ich beobachte ihn jetzt, um festzustellen, was in seiner Kraft aus der Überzeugung kommt und was einfach nur aus der Natur.«

_Stawrogin_ (der Fürst) und _Schatoff_

_Schatoff_: »Wenn der Mensch sich verändern wird -- wie wird er dann mit seinem Verstande leben können? Der Besitz des Verstandes entspricht nur dem gegenwärtigen Organismus.«

_Der Fürst_: »Woher wissen Sie, ob der jetzige Verstand überhaupt nötig sein wird?«

_Schatoff_: »Was denn sonst? Wohl etwas Höheres?«

_Der Fürst_: »Zweifellos etwas viel Höheres.«

_Schatoff_: »Ja, kann es denn überhaupt etwas Höheres als den Verstand geben?«

_Der Fürst_: »So fragt die Wissenschaft, aber -- sehen Sie, dort an der Wand kriecht eine Wanze. Die Wissenschaft weiß, daß sie ein Organismus ist, daß sie irgendein Leben lebt und Eindrücke hat, sogar ihre eigene Vorstellung, und Gott weiß was noch alles. Kann aber die Wissenschaft auch das Wesen des Lebens, der Vorstellungen und Empfindungen der Wanze erfahren und sie mir mitteilen? Das kann sie natürlich nicht und das wird sie auch niemals können. Um das erfahren zu können, müßte man wenigstens auf eine Minute selbst zur Wanze werden. Wenn der Wissenschaft das unmöglich ist, so kann ich annehmen, daß sie mir auch das Wesen eines anderen höheren Organismus oder Seins nicht mitzuteilen vermag, und folglich auch nicht den Zustand des Menschen nach seiner Ausartung im Millennium, wenn es dann auch meinetwegen keinen Verstand mehr geben sollte.«

»Sie haben mich ganz wirr gemacht,« sagt Schatoff, »aber ich werde von Ihnen nicht ablassen.«

_Der Fürst_: »Ich verstehe nicht, warum Sie den Besitz des Verstandes, d. h. der Erkenntnis, für das höchste Sein von allen, die es überhaupt geben kann, halten? Meiner Meinung nach ist das schon nicht die Wissenschaft, sondern der Glaube, und schließlich kann man sagen, daß hier wiederum ein Gaukelspiel der Natur vorliegt, und zwar: sich selbst zu schätzen (im Ganzen, d. h. als einzelner Mensch in der Menschheit), ist zur Erhaltung des Menschen unbedingt nötig. Ein jedes Wesen muß sich für das Allerhöchste halten. Die Wanze hält sich bestimmt für höher als Sie, und sie würde bestimmt nicht zu einem Menschen werden wollen, ganz abgesehen davon, daß sie es nicht kann, sondern würde unbedingt gerade Wanze bleiben wollen. Die Wanze ist ein Geheimnis, und schließlich ist alles ein Geheimnis. Warum leugnen Sie die Geheimnisse anderer? Und merken Sie sich noch, daß der Unglaube dem Menschen vielleicht gerade deswegen angeboren ist, weil der Unglaube den Verstand über alles stellt, da aber der Verstand nur dem menschlichen Organismus eigen ist, so kann und will er auch nicht ein Leben in einer anderen Gestalt verstehen, d. h. ein Leben nach dem Tode, und darum glaubt er nicht, daß es höher sei. Andererseits ist dem Menschen schon von Natur das Gefühl der Verzweiflung und des auf ihm ruhenden Fluches eigen, denn der menschliche Verstand ist so eingerichtet, daß er beständig an sich nicht glaubt, sich selbst nicht befriedigt, und darum ist er geneigt, seine Existenz für ungenügend zu halten. Daraus ergibt sich der Drang zum Glauben an ein Leben jenseits des Grabes. Wir sind offenbar Übergangswesen und unser Dasein auf der Erde ist augenscheinlich der Vorgang oder das unausgesetzte Dasein einer Puppe, die sich in einen Schmetterling verwandelt. Erinnern Sie sich des Ausspruchs: der Engel fällt niemals, der Teufel ist so gefallen, daß er immer liegt, der Mensch fällt und kann auferstehn. Ich glaube, die Menschen werden entweder Teufel oder Engel. Man sagt, ewige Strafe sei ungerecht, und die französische Verdauungsphilosophie hat sich ausgedacht, daß allen verziehen wird. Aber das Erdenleben ist doch ein Prozeß der Umgeburt. Wer ist schuld daran, daß man sich in einen Teufel umwandelt? Alles wird natürlich aufgewogen werden. Aber das ist doch eine Tatsache, ein Resultat -- ganz genau so, wie sich auch auf der Erde bei allem immer eines aus dem anderen ergibt. Und vergessen Sie auch nicht, daß >die Zeit nicht mehr sein wird<, wie der Engel in der Apokalypse schwört. Und vergessen Sie gleichfalls noch das eine nicht, daß die Teufel -- wissen! Folglich haben auch die Naturen des Jenseits Erkenntnis und Gedächtnis, und nicht nur der Mensch allein, allerdings -- vielleicht nicht menschliche Erkenntnis und menschliches Gedächtnis. Sterben kann man gar nicht. Sein ist, aber Nichtsein ist überhaupt nicht.«

_Schatoff_: »Solcher Gespräche, wie das unsrige, gibt es in Rußland unendlich viele. Aber ... wie, wenn Sie sich über mich nur lustig machen?«

»Und was wäre denn dabei so schlimm?« fragte der Fürst lachend.

_Schatoff_: »Ich glaube es nicht. Ein Mensch, der die Rechtgläubigkeit als das Wesen Rußlands begriffen hat, und das noch so begriffen hat wie Sie, kann nicht darüber spotten.«

_Der Fürst_: »Das tue ich ja auch gar nicht.«

_Schatoff_: »Wirklich nicht? Ich bin ein Buchmensch. Ich würde gern kein Buchmensch sein. Was muß ich dazu tun?«

_Der Fürst_: »Glauben Sie.«

_Schatoff_: »An die Rechtgläubigkeit und Rußland?«

_Der Fürst_: »Ja.«

_Schatoff_: »Ja, natürlich, dann ist man erlöst. Ich ... vielleicht glaube ich. Warum schweigen Sie?«

_Der Fürst_: »Sie glauben also nicht.«

_Schatoff_: »Und Sie?«

_Der Fürst_: »Aber was habe ich denn damit zu tun?«

_Schatoff_: »Sollten wir uns beide wirklich auch ohne Worte verstehen?«

_Der Fürst_: »Leben Sie wohl ... Und erlauben Sie, Schatoff, Sie noch auf eines aufmerksam zu machen: Sie sagten vorhin: >ich werde nicht von Ihnen ablassen!< Das wünsche ich durchaus nicht, im Gegenteil, ich wünsche, daß Sie mich vollkommen in Ruhe lassen. Ich sage das im Ernst. Ich habe meine Gründe ...«

_Stepan Trophimowitsch Werchowenski_ und _Schatoff_

_Stepan Trophimowitsch_ zitiert Tschatzki[61]:

»Zur Feder von den Karten, von ihr zurück zum Spiel, Wie Flut und Ebbe wechselnd nach stehendem Gesetz ...«

_Schatoff_ greift sofort auf: »Tschatzki begriff überhaupt nicht, als beschränkter Dummkopf, bis zu welch einem Grade er dumm war, als er dieses, was Sie da soeben zitierten, sagte. Er ruft im stärksten Unwillen: >Den Wagen mir, den Wagen!< weil er nicht einmal fähig ist, von selbst darauf zu verfallen, daß man die Zeit auch anders als >zur Feder von den Karten, von ihr zurück zum Spiel< verbringen kann -- sogar in dem damaligen Moskau! Er war Herr und Gutsbesitzer und für ihn existierte außer seinem Kreise überhaupt nichts, -- das ist der Grund, warum er über das Leben der höheren Moskauer Gesellschaft in solche Verzweiflung gerät, ganz als ob es außer diesem Leben in Rußland ein anderes gar nicht gegeben hätte. Das russische Volk übersah er einfach, wie dies alle unsere >Vorderen<[62] taten, übersah es um so mehr, je mehr er zu den >Vorderen< gehörte. Je mehr Herr er war und je mehr Vorderster, um so mehr empfand er Haß -- nicht gegen die russischen Einrichtungen, sondern gegen das russische Volk. Über das russische Volk, über seinen Glauben, seine Geschichte, seine Sitten, seine Bedeutung und seine große Millionenmasse dachte er sich nichts mehr als über den Pachtzinsparagraphen. Und genau so dachten auch die Dekabristen[63] und Professoren und Dichter und Liberalen, und überhaupt alle Reformatoren bis zum Zar-Befreier.[64]

Tschatzki ließ sich von seinen Bauern Pacht zahlen, um mit diesem Gelde in Paris leben zu können, Cousin zu hören und womöglich mit Tschaadajeffschem[65] oder Fürst Gagarinschem[66] Katholizismus zu enden oder, wenn er Freidenker war, mit einem Haß auf Rußland, wie etwa Belinski und _tutti quanti_[67]. Vor allem aber: er konnte es sich nicht einmal vorstellen, daß es in Rußland noch eine andere Welt als die der Moskauer höheren Gesellschaft geben könnte, weil -- er selbst ein Moskauer Herr und Gutsbesitzer war. Und um wieviel doch diese stumpfsinnigen, kartenspielenden Moskowiter klüger waren als er! Aber wenn er auch dumm war, dafür hatte er ein gutes Herz, wenn er auch nicht von weitem her war, dafür war sein Gedanke doch originell -- denn damals waren doch diese Tiraden gegen Moskau immerhin originell! Aber Sie, Sie, was sind Sie, wenn Sie das jetzt wiederholen? Oh, wenn Sie wüßten, wie weit Sie sogar hinter den damaligen kartenspielenden und ihren Dienst tuenden Moskowitern zurückgeblieben sind, und dabei halten Sie und Ihresgleichen sich immer noch für >Vordere<! Wer auf den alten Formen des Liberalismus reitet, der ist schon zurückgeblieben. Die Form des Liberalismus muß immer originell sein, jede Generation muß eine neue haben. Ich spreche nicht vom Wesen des Liberalismus, sondern von seiner Form. Liberalismus, der mit Antinationalismus und persönlichem Haß gegen Rußland endet, ist Rückstand und Blödsinn, Sie aber sehen das nicht ein und halten es noch für das Vorderste und Höchste, das es überhaupt gibt.

Und bitte auch nicht zu vergessen, daß der Zar das Volk befreit hat, nicht Sie und Ihre Zeitgenossen. Herrgott, Sie haben ja noch nicht einmal begriffen, daß die Zaren unvergleichlich liberaler und fortgeschrittener waren, als Sie, denn die Zaren sind immer Hand in Hand mit dem Volke gegangen, sogar zu Birons[68] Zeiten. Der Gedanke, das Volk zu befreien, war den Zaren schon längst vertraut, dem Dekabristen Tschatzki aber kam er überhaupt nicht in den Sinn. Ja, diese Tschatzkis wurden manchmal sogar wegen grausamer Behandlung ihrer Bauern unter Kuratel gestellt, -- und warum nur? Waren sie denn so schlechte Menschen? Taten sie es etwa aus Bosheit? Keineswegs. Sie taten es, weil sie einfach nicht origineller auf Rußland zu sehen verstanden, weil sie ihre Moskauer höhere Gesellschaft für ganz Rußland hielten. Ich könnte wetten, daß die Dekabristen das Volk sofort befreit hätten, bestimmt aber ohne ihm Land zu geben -- wofür das Volk ihnen unbedingt sofort die Köpfe abgedreht und ihnen damit zu ihrer größten Verwunderung bewiesen hätte, daß nicht die Moskauer Gesellschaft allein ganz Rußland ausmacht. Aber, schließlich -- auch ohne Köpfe hätten sie nichts verstanden, obgleich es gerade ihre Köpfe waren, die sie am meisten am Verstehen hinderten. Nein, mit Verlaub, das war Raskol, seit Peter dem Großen hat es bei uns zwei Raskole gegeben, einen oberen und einen unteren«.[69]

_Stepan Trophimowitsch_ und _Schatoff_

»Sie, meine Herren, Sie Verneiner Gottes und Christi, haben nicht einmal daran gedacht, wie ohne Christus alles in der Welt sofort schmutzig und sündhaft wird. Sie verurteilen Christus und lachen über Gott, aber was für Beispiele geben Sie denn der Menschheit? Wie kleinlich sind Sie, wie verderbt, wie neidisch, wie ruhmsüchtig! Indem Sie Christus beseitigen --, entfernen Sie das unerreichbare Ideal der Schönheit und Güte aus der Menschheit. Und was schlagen Sie zum Ersatz Gleichwertiges vor?«

_Stepan Trophimowitsch_: »Ich glaube, hierüber ließe sich noch ein wenig streiten -- aber wer hindert einen denn, wenn man an Christus nicht als an Gott glauben will, ihn als Ideal der Vollkommenheit und sittlichen Schönheit zu verehren?«

_Schatoff_: »Und zu gleicher Zeit doch nicht an >das Wort ward Fleisch< zu glauben, d. h. daß das Ideal leibhaftig gegenwärtig war, folglich auf Erden nicht unmöglich und der ganzen Menschheit wirklich erreichbar ist? Ja, kann denn die Menschheit ohne diesen Trost auskommen? Aber Christus ist ja doch nur deswegen gekommen, damit die Menschheit es erfahre, daß auch ihre irdische Natur, der menschliche Geist wirklich in einem so himmlischen Glanze tatsächlich und leibhaftig erscheinen kann, und nicht nur geistig, als Ideal -- daß das sowohl möglich wie natürlich ist. Die Anhänger Christi, die dieses durchleuchtete Fleisch vergötterten, bewiesen unter den grausamsten Martern, welch ein Glück es ist, diese Leibhaftigkeit in sich zu tragen, der Vollkommenheit dieser Gestalt nachzuahmen und an ihre Leibhaftigkeit zu glauben. Die anderen aber, die da sahen, welch ein Glück diese Leibhaftigkeit gab, kaum daß der Mensch anfing, ihrer teilhaftig zu werden und sich in Wirklichkeit ihrer Schönheit zu nähern, -- wunderten sich, staunten, und wollten schließlich selbst diese Seligkeit genießen: sie wurden Christen und freuten sich schon im voraus der Qualen. Das Ganze liegt hier eben darin, daß >das Wort< wirklich >Fleisch ward<. Darin liegt der ganze Glaube und der ganze Trost der Menschheit, der Trost, auf den sie niemals verzichten wird. Das aber ist es ja gerade, was Sie und Ihresgleichen der Menschheit nehmen wollen. Übrigens, Sie würden es ihr nehmen können, wenn Sie ihr etwas Besseres als Christus zeigen könnten. So zeigen Sie es doch!«

* * * * *

_Stepan Trophimowitsch_ sagt: »Immerhin muß man sich doch über das übermäßige Quantum Dummheit wundern, das in Rußland steckt.«

_Der Fürst_: »Aber das sind doch alles nur unreife Knaben, die weder von der Gesellschaft noch vom Volk etwas verstehen.«

_Stepan Trophimowitsch_: »Die aber bei uns doch so viel Stützkraft gefunden haben und finden, und zu denen alles hinströmt, -- wenn auch die Hinströmenden meinetwegen nur Knaben und Mädchen sind, so sind es doch nicht zehnjährige, sondern immerhin zwanzig- und über zwanzigjährige. In diesem Alter aber ist es nicht mehr statthaft, so dumm zu sein.«

_Schatoff_: »Ich bitte Sie! Sind denn bei uns nicht alle so dumm, selbst die Sechzigjährigen der gebildeten Gesellschaft nicht ausgenommen? Treten doch ganze Zeitungen und Zeitschriften, ernste Menschen, sogar Professoren und Direktoren und alle möglichen Autoritäten für die Idee der Aufteilung Rußlands und die Lostrennung unserer Grenzprovinzen ein! Ist das denn nicht ebenso dumm?

Waren Sie es nicht selbst, Stepan Trophimowitsch, der uns noch vor kurzem erzählte, wie die Herren Literaten oder die literarischen Herren mit Belinski darüber diskutiert haben, wie dieses oder jenes in der Zukunftsgesellschaft sein werde? Alles ist doch aus Ihrer Generation gekommen, stammt aus Ihrer Zeit. Waren Sie denn klüger? Ist denn die Idee, daß alle Völker des Westens national sein und wir sie deswegen achten und die Sonderheit der ganzen nationalen Entwicklung eines jeden Volkes andächtig anerkennen müssen, die Russen aber unter keinen Umständen sie selbst sein dürfen, und ihnen nicht einmal in Gedanken etwas Besonderes, Eigenes zugestanden werden darf[70], -- ist diese Idee etwa nicht dümmer, als was diese Knaben in ihren Proklamationen von den Genossenschaften reden? Ja, genau genommen stützen sich diese Knaben gerade auf die Anschauungen Ihrer Generation, denn Ihre Generation hat durch die Unkenntnis Rußlands und die Verleugnung seiner Selbständigkeit die ganze Sache eingebrockt. Was aber diese Knaben anbetrifft, so stellen sie sich ja durch ihr Programm selbst in ein Kriegsverhältnis zu jeder Gesellschaft, also dürfen sie sich auch nicht wundern oder sich beklagen, wenn die Gesellschaft sie vernichtet. Sie sagen, daß sie vor moralischen Pedanterien nicht zurückschrecken, sondern morden und brennen werden, folglich kann man auch mit ihnen so verfahren. Wenn sie die Regierung geschlachtet haben werden, wollen sie nur ein paar Tage Zeit lassen, damit alle ihr Hab und Gut ihnen übergeben, sich von allem Besitz auf ewig lossagen und sich in die Genossenschaften als Schuster einschreiben können. Folglich können alle, die das nicht wollen, auch mit ihnen ebenso zeremonielos verfahren.«

_Schatoff_

_Schatoff_ spricht während der Sitzung:

»Ich schäme mich, ein solches Programm mit meinem Namen zu unterschreiben. (In wenigen Tagen sind dann alle Schuster.) Zehnjährige Knaben sind klüger als Sie. Nach dem Ton des Programms zu urteilen, sind Sie, meine Herren, vollkommen überzeugt, daß alle, hingerissen von Ihrer Kühnheit, Weib, Kind, Besitz und Kirchen verlassen werden, um mit Ihnen zu stehlen, zu morden und zu brennen. Aus Ihren Worten ersieht man, wie fest Sie glauben, daß das Volk den Zaren hasse und nur darauf warte, endlich alles von sich werfen und sich Ihnen anschließen zu können. Sie sind ja sogar dermaßen davon überzeugt, daß Sie mit ruhigem Gewissen bereits angefangen haben, sowohl zu rauben, wie zu brennen und zu morden. Sie sind so unreife Knaben, daß Sie nicht einmal die gewöhnliche Eigenliebe der Menschen in Betracht ziehen -- ganz abgesehen von alldem anderen --, wenn Sie glauben, die Menschen werden zu Ihnen gelaufen kommen, zu Ihnen, den grünen Jungen! Sie sind dermaßen flach und dumm, daß Sie überzeugt sind, Sie hätten eine große Entdeckung gemacht, ohne auch nur ein einziges Mal auf den Gedanken zu kommen, daß die Menschheit das alles wohl schon längst getan hätte, wenn das die Wahrheit wäre, und nicht tausend Jahre lang gelitten hätte, einzig um auf Sie zu warten. Sie schämen sich nicht, so zu lügen, wie Sie es in Ihren Proklamationen tun, wenn Sie die Tatsachen entstellen und dazu übernaiv bemerken, dies sei eben jesuitisch und die Jesuiten seien gewandte Leute, und daß Sie genau so wie die Jesuiten handeln werden; und dabei lassen Sie es sich nicht einmal träumen, daß jede Lüge und jede Entstellung der Tatsachen in ungewöhnlich kurzer Zeit an den Tag kommt, und daß dann die Menschen sehen werden, daß Sie absichtliche Lügner sind, und daß Ihnen dann niemand folgen wird. Sie sind, im Gegenteil, wie dumme Jungen fest überzeugt, daß die Lügen weiter nichts auf sich hätten, daß sie vielmehr allen gefallen und die Menschen sich über Ihre geschickten Lügen nur freuen und alles, was sie bis dahin heilig gehalten, was sie geliebt, im Stich lassen werden -- Gott, Weib und Kinder, Ordnung, Anstand --, um zu Ihnen überzulaufen, einzig weil Sie morden und brennen -- ohne dabei selbst zu wissen, warum und wozu eigentlich. Sie schämen sich nicht, zu schreiben, daß Sie dem Achtzigmillionenvolke eine Frist von nur ein paar Tagen geben werden, innerhalb welcher Zeit es sein Hab und Gut Ihnen auszuliefern, die Kinder zu verlassen, die Kirchen zu beschimpfen und sich in die Genossenschaften als Schuster einzuschreiben habe. Sie sind überzeugt, daß alle die Kirchen hassen und die Ehe als Last empfinden und sich nur nach den Aluminiumpalästen sehnen, in denen man nach Herzenslust tanzen und die gemeinsamen Frauen und Männer in besondere Zimmer führen kann[71]. Sie verfallen gar nicht darauf, daß eine so kindische Auffassung der Sache, als handle es sich hierbei um ein Spielzeug, nur verrät, daß Sie noch Bengel sind, denen man schmerzhaft die Rute geben müßte; und die Gesellschaft achten Sie so gering, daß Sie sich nicht einmal bemüht haben, die Proklamation sorgfältiger zu redigieren. Wenn das Publikum lesen wird, wie kindisch Rußland Ihrer Meinung nach verfahren könnte, wie es in ein paar Tagen alles hinwerfen und sich verwandeln soll, wird es sich nur über Ihre Dummheit wundern; doch wenn es sehen wird, daß Sie außerdem noch Bösewichter sind, wird es Sie als schädliche Irrsinnige beseitigen, und zwar mit aller Strenge beseitigen. Doch leider sind ja auch _Alle_ nicht klüger als Sie und das kommt alles nur daher, ist nur deshalb so, weil sie sich vom Boden losgelöst und nicht ein eigenes, sondern ein fremdes Leben geführt und beständig unter Vormundschaft gelebt haben.«