Sämtliche Werke 5-6

Part 74

Chapter 743,499 wordsPublic domain

»Man hat in diesem unter Vormundschaft verlebten Leben gar zu Weniges lieb gewonnen, um für dieses Leben einzustehen. Es hat sich viel Unzucht und Leichtsinn aufgehäuft. Wenn man sich um das Leben gemüht, wenn man es sich durch Arbeit erworben hätte, selbständig, mit Leid und Kampf, mit Mühen und Plagen und allen Freuden des Erfolges nach dem Kampf, doch vor allen Dingen durch Arbeit -- die eigene Mühe ist ja die Hauptsache --, nicht aber nur unter administrativer Vormundschaft, so hätte man Tatsachen erworben, viele Erlebnisse aufgespeichert, es würden sich lebendige Erinnerungen an den Kampf und die Arbeit erhalten, und dieses Erlebte und Durchlebte würde allen teuer sein. Teuer wäre dann auch das Andenken an die verstorbenen Tatmenschen und hoch würde man die lebenden Tatmenschen schätzen, die dann einen ganz anderen Einfluß auf die Menschen hätten, und nicht so leichtsinnig wie jetzt würde die Gesellschaft dann auf jeden Schwindel dummer und verderbter, seelenloser Bengel antworten. Wahrlich, sie ist uns eine gute Lehre! -- diese deutsche Vormundschaft! O Gott, was für eine Lehre das ist! Es gibt kein einziges Volk, keine einzige Nation in Europa, die sich nicht aus eigener Kraft hat retten können, -- selbst in der flammendsten Revolution, selbst auf den Barrikaden ist das erste, was geschieht, daß eine neue Ordnung festgesetzt wird und die Diebe, Plünderer und Brandstifter erschossen werden. Sie aber, Sie wollen bei uns ein Achtzigmillionenvolk einzig durch Brandstiftung, Totschlag und Zarenmord anlocken und für sich Sympathie erwecken! So glauben Sie, daß diese Gesellschaft überhaupt nichts aus ihrem durchlebten Leben achte, und daß dieses Leben unter administrativer Vormundschaft so schön gewesen sei! Zu was sind Sie entartet? Und Sie, Sie sehen noch immer nicht, daß das Volk sich schon vollständig, aber vollständig von Ihnen losgesagt hat! Nun wohl! -- versuchen Sie es doch noch einmal, das Volk unter Vormundschaft zu nehmen, versuchen Sie es doch! Wahrlich, Sie haben doch schon gar zu holsteinisch auf das Volk gesehen!«

Und dann sofort der Verfasser der Chronik von sich aus: So sprach Sch. wie außer sich, und vielleicht war in seinen Worten auch wirklich einiges doch ganz Wahres. In der Tat, Vormundschaft und Entfremdung vom Volke haben ja gerade das bewirkt, daß die Gesellschaft erstens nichts mehr hat, was ihr teuer ist und wofür sie einstehen würde, und zweitens, da sie sieht, daß hingegen dem Volk zweifellos das Eigene teuer ist und es dafür einsteht und dabei ein so volles Leben lebt -- so hat das der Gesellschaft den Vorwand gegeben, das Volk nun endgültig zu hassen, also gerade seines vollen Lebens wegen. Ich verstehe jetzt, was Schatoff sagen wollte, als er von diesem Haß der Belinski und unserer sämtlichen Westler gegen das Volk sprach, und wenn sie selbst diesen Haß leugnen wollen, so ist es klar, daß sie selbst ihn nicht erkennen. Ja, so war es doch: sie glaubten, daß sie das Volk »hassend liebten«, und so sagten sie es auch von sich. Aber sie schämten sich nicht einmal ihres Ekels vor dem Volke, wenn sie praktisch mit ihm in Berührung kamen. (In der Theorie allerdings liebten sie es.)

_Stepan Trophimowitsch_ (Gr.) sagt: »Ja, aber das Volk wurde doch ebenso bevormundet, wie die anderen, und Sie geben doch selbst zu, daß es russisches Volk geblieben und _nicht_ unter der Vormundschaft entartet ist und _nicht_ Rußland haßt.«

_Schatoff_: »Das Volk wurde mit der deutschen Reform verschont und von Anfang an als hoffnungslos aufgegeben. Man erlaubte ihm auch sofort wieder, den Bart zu tragen. Damals hielt man das Volk für etwas Unwichtiges, man sah auf dasselbe wie auf Rohmaterial oder Steuerzahler herab. Zwar bevormundete man es streng, das ist wahr, aber sein inneres, eigenes Leben ließ man ihm unangerührt, und wenn es auch viel zu erdulden und viel zu leiden hatte, so endete es doch damit, daß es auch sein Leiden lieb gewann. Dagegen wurden alle Russen der oberen Gesellschaftsschicht zu Deutschen, und diese vom Erdboden Losgerissenen hatten dann bald nur für Deutschland noch Liebe übrig, für ihr Vaterland aber und für ihr eigenes Volk nur Verachtung und Haß. So war es ja überall. So begannen auch in Litauen die Stammrussen ihre eigene Rasse zu mißachten.«

Fragen und Antworten

»Sie bieten das Glück an. Aber selbst wenn wir annehmen, daß Sie im Endziel des Strebens vollkommen recht haben (was natürlich absurd ist, doch worüber ich vorläufig nicht streiten will), so ersieht man doch schon aus Ihrer Proklamation[72], bis zu welch einem Grade Ihre Köpfe unreif, flach und leichtsinnig sind und somit -- wie wenig sie zum Erreichen Ihres eigenen Zieles taugen. Sollten Sie denn wirklich nicht einsehen, daß eine Umwandlung, wie die, die Sie vorschlagen, eine Umgeburt des einzelnen Menschen wie des ganzen Volkes, sich doch nicht so leicht und schnell vollziehen kann, wie Sie glauben!? Denn Sie sagen doch, daß alles mit dem Beil und durch Raub gemacht werden werde, auf daß sich aber der Mensch von Gott, von der Liebe zu Christus, von der Liebe zu seinen Kindern und von seinen Pflichten ihnen gegenüber lossage, von seiner Persönlichkeit und ihrer Sicherstellung, -- dazu sind Jahrhunderte noch zu wenig. In Jahrtausenden hat sich z. B. die gesellschaftliche, juridische Sicherstellung im Staate herausgearbeitet, und doch -- bis zu welch einem Grade ist sie noch überall unzureichend! So langsam arbeitet sich in der Praxis selbst ein so alltägliches Bedürfnis eines jeden Menschen heraus! Darum aber, wenn auch das, was bereits ist, was sich bereits herausgearbeitet hat, meinetwegen auch unzureichend ist, so wird der Mensch doch nicht so leicht darauf verzichten und Ihnen nachlaufen: denn wenn es auch nicht gut, wenn es auch nur wenig ist, so ist damit doch immerhin schon etwas da, bei Ihnen aber ist nichts, denn Sie sagen ja selbst ganz offen, daß alles auf Grund liebevoller Vereinbarung geschehen und niemandem und für nichts eine Garantie geboten werden soll, wenn's nicht gerade die Genossenschaft betrifft. Um Fragen einfach abzuschneiden, behaupten Sie kurzweg, daß es in der neuen Gesellschaft Verletzungen nicht mehr geben werde und folglich seien Garantien gar nicht nötig. Aber so etwas kann doch nur ein Verrückter behaupten, der noch nichts erprobt hat, und so ohne alle Unterlagen, wie Sie da Ihre Versicherungen abgeben.

Wenn aber der Mensch nicht einmal darauf leicht verzichten wird, wie wird er sich dann noch von seinen Kindern, von seiner Liebe zu ihnen, von Gott und schließlich von seiner ganzen Freiheit lossagen? Sie antworten auf keine einzige der Fragen, die die ganze Menschheit erregen, Sie schieben alles beiseite. Doch wenn Sie die Fragen nicht beantworten, wie wollen Sie dann die Aufgaben lösen? Und deshalb -- wie könnten denn alle sich Ihnen anschließen und sich sofort zu der neuen Gesellschaft umschaffen [umgebären]? Ihnen wird nur ein Häufchen leichtsinniger Menschen folgen oder Nichtswürdige, die Sie mit der Aussicht auf Plünderung anlocken. Wenn aber so etwas nur in Jahrhunderten entstehen kann, wie können Sie dann versprechen, dasselbe in wenigen Tagen zu schaffen (wie Sie sich ja buchstäblich ausdrücken)? Also sind Sie nun nach alledem nicht leichtsinnig, und welch eine Verantwortung übernehmen Sie für die Ströme von Menschenblut, die Sie vergießen wollen? Aufbauen ist schwer; darum reißen Sie auch nur nieder, weil das am leichtesten ist.«

»Überhaupt keine Verantwortung, wir bringen einfach unsere Köpfe. Die zukünftige Gesellschaft wird vom Volke geschaffen werden nach der allgemeinen Zerstörung, je schneller desto besser.«

»Aber erstens, das Volk wird nicht anfangen dreinzuschlagen, wenn es nicht weiß, wofür; hauen, brennen und plündern wird nur ein Haufe geheimer Bösewichter. Denn das Volk kann doch nicht Ihr Programm annehmen: Vernichtung der Persönlichkeit, des Eigentums, Gottes und der Familie. Ich sage nochmals: selbst wenn Ihr Programm gerecht wäre, könnte es doch nur im Laufe von Jahrhunderten angenommen werden, in Jahrhunderten friedlicher, praktischer Studien und Entwicklung. Und selbst wenn das Volk sich vom Aufruhr und Plündern hinreißen lassen sollte, so wird es sich doch sofort wieder beruhigen und dann etwas anderes aufbauen, jedenfalls aber auf seine Art, und -- nun ja -- vielleicht sogar etwas noch viel Schlechteres.«

»Meinetwegen; aber auch das ist schon gut, daß wenigstens eine Welt untergeht. Dann wird eben eine andere Welt beginnen, meinetwegen eine mit Fehlern, eine vom Volk errichtete, aber sicher wird sie schon ein wenig besser sein. Wenn man dann deren Fehler erkannt hat, werden wir oder unsere Nachfolger auch diese Welt wieder stürzen, und so weiter, bis schließlich unser ganzes Programm durchgesetzt ist. Doch auch beim ersten Experiment werden wir unseren Zweck schon damit erreichen: daß erst einmal das Prinzip des Beiles und der Revolution angenommen wird.«

»Aber auf Grund wessen sind Sie denn so überzeugt, daß Ihr Programm unfehlbar ist? Wie nun, wenn das alles nur Unsinn ist und die absurdeste Unkenntnis der menschlichen Natur im allgemeinen und des russischen Volkes im besonderen? Sie können das Gegenteil doch mit nichts beweisen, höchstens den Einwand vorbringen, daß es Ihnen unfehlbar erscheint. Aber es ist doch möglich, daß Sie alle sehr dumm sind und es Ihnen nur deshalb so erscheint; dann aber können Sie doch nicht verlangen, daß alle übrigen Menschen ausschließlich zu diesem Zweck gleichfalls zu Dummköpfen werden, nur um Ihnen folgen zu können. Aber siehe da, Sie weigern sich ja, darüber auch nur zu reden. Sie sagen: wer nicht für uns ist, der ist wider uns, und weihen alle, die entgegengesetzter Meinung und Überzeugung sind, einfach dem Tode, wobei Sie ganz zu vergessen scheinen, daß Streit unter allen Umständen Entwicklung der Sache ist. Und mit welch einer Wut erkennen Sie diejenigen nicht einmal an, die gegen Sie sogar handeln werden, da sie mit Ihren Überzeugungen nicht übereinstimmen.«

»Alles das ist Unsinn und Finessen!«

»Wenn Sie aber nicht mit aller Sicherheit wissen, daß Ihr Programm richtig ist, wie können Sie dann das Verbrechen der Zerstörung auf Ihr Gewissen nehmen?«

»Wir glauben aber, daß unser Programm richtig ist, und daß ein jeder, der es annimmt, glücklich wird. Deshalb entscheiden wir uns auch fürs Blut, denn nur mit Blut wird Glück erkauft.«

»Wenn es aber nicht damit erkauft wird, was dann?! Geglaubt wird nur an Gott, im Leben aber sind Tatsachen erforderlich.«

»Wir sind überzeugt, daß man es damit kaufen kann, und das genügt uns.«

»Oh Ihr Unseligen! Mich freut nur eines: daß es Ihnen um keinen Preis gelingen wird, denn Sie kennen das Volk nicht. Gesetzt, Ihnen gelingen einige Plünderungen, Brandstiftungen, Morde und Verführungen, nehmen wir selbst an, daß Sie es bis zu einem Aufstande bringen, das ganze Volk aber wird Sie dafür doch sofort aufknüpfen; nicht aber Ihr Programm annehmen, denn dieses Programm ist widernatürlich und außerdem auf der größten Unkenntnis des russischen Volkes aufgebaut. Niemals wird der Mensch Ihnen seinen Glauben, seine Familie ausliefern und in dieses Zuchthaus übersiedeln, das Sie ihm in Ihrem Programm anbieten, und niemals wird er seine persönliche Freiheit für eine solche Knechtschaft verkaufen ... Das Volk aber wird Ihnen niemals seinen Zar-Befreier ausliefern.«

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Sie wollen morden und plündern, weil das am leichtesten ist. Diese Lehre tauchte in Frankreich gerade damals auf, als die Kommunisten überall durchfielen und sich als nichtswürdige Bengel erwiesen.

_Stepan Trophimowitsch_ und _Pjotr Stepanowitsch Werchowenski_

»Ich mache die Sache, weil sie gemacht werden muß. Damit (mit der Zerstörung) muß naturgemäß jede Sache beginnen; das weiß ich, und darum beginne ich eben. Das Ende geht mich nichts an, ich weiß nur, daß man damit beginnen muß, alles übrige ist nur zeitraubendes Geschwätz. Alle diese Reformen und Korrekturen und Verbesserungen -- sind Unsinn. Je mehr man reformiert und verbessert, um so schlimmer ist's, denn auf diese Weise erhält man noch einige Zeit künstlich das Leben eines Dinges, das doch unbedingt sterben und einstürzen muß. Je schneller desto besser, je früher damit begonnen wird, um so besser. (Zuerst natürlich Gott, Verwandtschaft, Familie usw.) Man muß alles zerstören, um das neue Gebäude aufbauen zu können, das alte Gebäude aber mit Stützen noch zu stützen, ist nichts weiter als eine Pfuscherei.«

»Nun, z. B., du weißt, daß du früher oder später doch einmal sterben mußt, warum erschießt du dich denn nicht jetzt gleich -- je schneller desto besser?«

»Einzig weil ich noch nicht will und weil die Sache gemacht werden muß.«

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»Ich bin kein Genie, und ich will auch gar nicht eines sein, aber ich weiß, daß man es jetzt machen muß, und so mache ich es denn. Auch ihr wußtet das, du und deine Generation, doch ihr weintet bloß. Wir aber weinen nicht, sondern tun's einfach.«

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_Stepan Trophimowitsch_ und _Pjotr Werchowenski_

»Der verstorbene Belinski beschimpfte Christus, hätte dabei aber nicht einmal einem Huhn etwas zuleide tun können.«

»Oh, in der Wirklichkeit und im Verstehen der wirklichen Dinge war Belinski sehr schwach. Turgenjeff hatte ganz recht, als er von ihm sagte, daß er, Belinski, sogar wissenschaftlich sehr wenig gewußt habe. Aber er begriff doch besser als sie alle. Du lachst, du scheinst sagen zu wollen: viel haben sie wahrlich allesamt begriffen! Mein Freund, ich erhebe keinen Anspruch auf das Begreifen der Einzelheiten des wirklichen Lebens. Doch ich kam ja auf Belinski zu sprechen. Ich erinnere mich des Schriftstellers D., der damals fast noch ein Jüngling war[73]. Belinski wollte ihn zum Atheismus bekehren und nach den Entgegnungen D's, der Christus verteidigte, begann er Christus zu schmähen. >Und immer macht er, wenn ich schimpfe, eine so betrübte, niedergeschlagene Physiognomie,< sagte Belinski plötzlich, indem er mit dem gutmütigsten, unschuldigsten Lachen auf D. wies. Einmal traf dieser D. zufällig Belinski am Bahnhof der erst im Bau befindlichen ersten Eisenbahnstrecke. >Ich kann nicht kaltblütig warten<, sagte Belinski zu ihm, >ich habe mir den Weg hierher zum Spaziergang erwählt und jeden Tag sehe ich mir den Bahnbau an.< Oh, wenn er, der Arme, gewußt hätte, mit welchen Augen damals viele auf diese Eisenbahn sahen, besonders die Erbauer der Bahn! Belinski sagte: >Ich bin nicht so wie die anderen, ich bin schon, wie Sie sehen, gerade davon krank. Wenn ich verscharrt sein werde, -- wird man erfahren, wen man begraben hat.<[74] D. schloß sich ihm an und begann über die Eisenbahn zu sprechen, dann über die zukünftigen Eisenbahnen überhaupt, über die Beheizung der Wagen und schließlich über die Beheizungsfrage in Moskau, wo das Brennholz immer teurer wurde und in Zukunft, wenn Moskau der Knotenpunkt aller Eisenbahnen sein wird, noch sehr viel teurer werden müsse. Wahrscheinlich werde man das Holz dann mit der Bahn aus den waldreichen Gegenden herbeischaffen. Da begann Belinski zu lachen über diese, wie ihm schien, geringe Kenntnis der Wirklichkeit: >Brennholz will er mit der Eisenbahn befördern!< Das erschien ihm ungeheuerlich. Stellen Sie sich vor, er glaubte wirklich, daß man mit der Eisenbahn nur Passagiere, von Waren aber höchstens die feinsten und wertvollsten _articles de Paris_{[280]} befördern werde. Das war seine Kenntnis der Wirklichkeit ... Aber er begriff doch mehr als alle.«

»Dann haben alle wohl viel begriffen!«

»Mein Freund, ich habe mich vom tätigen Leben zurückgezogen ... Jetzt unter den Tätigen sein, das will und kann ich nicht ...«

»Ja, zu was könntest du jetzt auch noch taugen!«

Charakteristik Pjotr Werchowenskis

»Eigentlich geht mich ja weder das Volk noch die Kenntnis desselben etwas an. Ich weiß nur, daß man das Volk jetzt zu einem Aufstand bringen kann, und das ist alles, worauf es ankommt.«

Wenn er vom Volk spricht, bekundet er plötzlich in einem Punkt eine himmelschreiende und ganz sonderbare Unwissenheit und Ahnungslosigkeit (eine unbedingt so sonderbare, daß die Ungeheuerlichkeit sofort in die Augen springt.) Unter Gelächter wird er überführt, werden seine Behauptungen widerlegt; aber _bemerkenswert_ ist, daß ihn das nicht im geringsten verwirrt, weder wankt er, noch ist er pikiert, ja er fühlt sich nicht einmal in seiner Eigenliebe verletzt. Unglaublich kaltblütig und nachlässig nimmt er es hin:

»Vielleicht ist es auch so,« sagt er, »aber das ist doch ganz einerlei, nicht darauf kommt es an, sondern darauf, daß man jetzt einen Aufstand machen kann, und so will ich ihn denn jetzt machen.«

Man antwortet ihm, daß auch ein Aufruhr ihm bestimmt nicht gelingen wird, wenn er nicht das Volk kennt, und daß die Proklamation eine Absurdität ist.

»Das ist Unsinn,« antwortet er, »laßt mich nur eine Viertelstunde ohne Zensur mit dem Volke sprechen, und es wird mir sofort folgen.«

Man versichert ihm, daß das Volk weit fester sitze, er aber sagt: »Na, das ist erst recht Unsinn!« und weist auf die Tatsachen hin -- Räuberhorden, Brandstiftungen, von Sohn[75] --. »Und ihr seht es ja selbst ein, daß das eine unentschiedene Sache ist, da ihr jetzt selbst verstummt und nichts mehr zu sagen wißt. (Auf die goldene Urkunde[76] hin ging doch das Volk, warum soll es auf die Proklamationen hin nicht gehen?«)

Ist mitunter ganz entsetzlich unwissend. Den ernsten Einwendungen seines Vaters (z. B., daß nicht die ganze Natur des Menschen bekannt ist und der Verstand nur 1/20 des ganzen Menschen ausmacht) schenkt er überhaupt keine Beachtung und will und versucht auch nicht einmal, ihm zu entgegnen, gibt sogar offen zu, daß er das nicht weiß, aber: »nicht darauf kommt es an«.

Ist in seiner Unwissenheit vollkommen ruhig.

Die Rede seines Vaters bei der Fürstin hat er nicht einmal gehört.

Und dabei schlägt er den Vater doch vollkommen. (»Mit ihm kann man nicht streiten,« sagt der Vater.)

Die Streitfragen der Slawophilen und Westler sind ihm nicht einmal annähernd bekannt, er hat nur gehört, daß es so etwas wie Slawophile und Westler gibt, aber: »_alles das ist Unsinn_« und »nicht darum handelt es sich.«

Schreibt sogar unorthographisch.

Charakteristik Stepan Trophimowitschs

Porträt eines reinen und idealen Westlers mit allen Schönheiten.

Lebt vielleicht (in Moskau) in einer Gouvernementshauptstadt.

_Die charakteristischen Züge._ -- Eine lebenslängliche Ziellosigkeit und Unfestigkeit in den Ansichten und in den Gefühlen, unter der er früher gelitten hat, die aber jetzt zu seiner _zweiten Natur geworden_ ist. (Der Sohn macht sich darüber lustig.)

Ist zum drittenmal verheiratet. (Ein höchst charakteristischer Zug.)

Wünscht sehnsüchtig, verfolgt zu werden, und liebt es, von den früheren Verfolgungen, denen er ausgesetzt gewesen, zu sprechen.

Ein Mensch der vierziger Jahre. Denkt gern an dieses Jahrzehnt und die Überlebenden zurück (»ich und Timofei Granowski«).

Er ist -- ein berühmt gewesener Name (zwei oder drei Artikel, eine kritische Untersuchung, Reise durch Spanien, handschriftliche Aufzeichnungen über den Krimkrieg, die unter seinen Bekannten von Hand zu Hand gingen und ihm die Verfolgung eingetragen haben). Stellt sich unbewußt auf ein Piedestal, wie etwa eine Reliquie, die man anbeten kommt -- liebt das. Spricht häufig ohne Fürwörter.

Ist wirklich ehrlich, rein und hält sich für die tiefste Allwissenheit. Widerstandsunfähigkeit in Ansichtssachen.

Großer Poet, jedoch nicht ohne Phrase.

Hat das russische Leben ganz übersehen.

»Tschurrt sich«[77] vor dem Nihilismus und begreift ihn nicht.

55 Jahre alt. Literarische Erinnerungen: Belinski, Granowski, Herzen, Turgenjeff u. a.

Liebt Champagner.

Rolle eines Ssacks[78].

Liebt es, Klagebriefe zu schreiben. Hat hier und da Tränen vergossen.

»Laßt mir Gott und die Kunst. Trete auch Christus ab.«

George Sand und seine Götzen blicken fortwährend durch den Ernst hervor.

Echter Dichter. _Dies irae_, Goldenes Zeitalter, Griechische Götter! Ein inspiriertes Kapitel. Hat das Pekuniäre gut geordnet. Bildchen, Memoirchen (usw. in dieser Art).

Sein Sohn wird im Auslande erzogen.

Noch eine Gestalt: junge Frau (seit vier Monaten schwanger).

_NB._ Beweint alle seine Frauen und heiratet immer wieder.

»Kann mich nicht zufrieden geben, sehne mich ewig.«

Ist klug und geistreich.[79]

Zweiter Anhang. Bruchstück aus einem bisher unveröffentlichten Kapitel des Romans »Die Dämonen«[80]

I.

... Ungefähr um halb elf erreichte Stawrogin die hohe Pforte unseres Spasso-Jefimjeffschen Bogorodskischen Klosters, das außerhalb der Stadt am Fluß lag. Erst hier schien er wieder zu sich zu kommen und sich plötzlich einer Sache zu erinnern: er blieb stehen, befühlte hastig und erregt seine Seitentasche, und -- ein Lächeln glitt über sein Gesicht. Nachdem er eingetreten war, erkundigte er sich bei einem kleinen Klosterdiener, den er hier erblickte, wie er zu dem im Kloster lebenden Bischof Tichon gelangen könnte. Der Kleine verneigte sich mehrmals untertänigst vor ihm und bat ihn höflich, ihm zu folgen; doch an der Treppe, die an dem einen Ende des langen zweistöckigen Klostergebäudes lag, machte ihm ein dicker, grauhaariger Mönch den Gast geschickt und wie mit vollstem Recht einfach abspenstig. Dieser führte nun Stawrogin durch einen langen, schmalen Korridor, verneigte sich gleichfalls fortwährend vor ihm oder eigentlich nickte er nur immer wieder mit dem Kopf, da ihm das Verbeugen bei seiner Korpulenz augenscheinlich schwer fiel, und forderte ihn ununterbrochen auf, ihm zu folgen, obgleich Stawrogin das ohnehin schon tat. Der Mönch stellte auch noch verschiedene Fragen an ihn und sprach vom Archimandriten, da er aber keine Antwort erhielt, verstummte er ehrerbietig. Stawrogin fiel es auf, daß man ihn im Kloster zu kennen schien, obgleich er doch, soweit er sich erinnern konnte, nur in der Kindheit hier gewesen war. Als sie bei der letzten Tür des Korridors angelangt waren, blieb der Mönch stehen und öffnete sie mit einer Miene, als ob er der Bischof selber wäre, erkundigte sich familiär bei dem flink herbeigelaufenen Zellendiener, ob man eintreten könne, stieß aber dann, ohne die Antwort abzuwarten, die Tür weit auf und ließ mit einer Verbeugung den »teuren« Gast an sich vorüber. Nachdem er aber den klingenden »Dank« empfangen hatte, verschwand er mit einer Geschwindigkeit, die man ihm gar nicht zugetraut hätte.

Stawrogin trat in das kleine Zimmer, und fast im selben Augenblick erschien in der Tür des Nebenzimmers eine hohe, hagere Gestalt: es war ein Mann von ungefähr fünfundfünfzig Jahren, in einem einfachen Leibrock, wie er unter dem Meßgewand getragen wird, ein Mensch, der dem Aussehen nach leidend war, ein sonderbar unbestimmtes Lächeln hatte und einen sonderbaren, gleichsam scheuen Blick. Das war jener Tichon, dessen Namen Stawrogin zum erstenmal von Schatoff gehört hatte.