Sämtliche Werke 5-6

Part 72

Chapter 723,441 wordsPublic domain

Ich beschuldige wie immer niemanden. Ich habe ein grenzenlos ausschweifendes Leben versucht und meine Kraft in ihm erschöpft: aber ich liebe Ausschweifung nicht, noch wollte ich sie. Sie haben mich in der letzten Zeit beobachtet. Wissen Sie auch, daß ich sogar auf unsere Verneiner mit Haß geblickt habe, aus Neid auf ihre Hoffnungen? Aber Sie haben sich umsonst gefürchtet; ich konnte denen nicht Freund sein, denn ich erblickte nichts. Zum Spott aber, aus Bosheit, habe ich es auch nicht gekonnt und nicht, weil ich das Lächerliche fürchte, -- das Lächerliche kann mich nicht schrecken, -- sondern weil ich immerhin die Angewohnheiten eines anständigen Menschen habe und es mich anekelte. Doch wenn ich mehr Bosheit und Neid für sie hätte, so würde ich vielleicht auch mit ihnen gegangen sein. Urteilen Sie nun selbst, wie leicht es mir zumute war und wie ich mich hin und her gewälzt habe!

Du, mein liebster Freund, Du zartes und großmütiges Geschöpf, das ich nun endlich erraten habe! Vielleicht träumen Sie davon, mir so viel Liebe zu geben und mich mit so viel Schönem aus Ihrer wundervollen Seele zu überschütten, daß Sie hoffen, schon damit endlich auch ein Ziel vor mich hinstellen zu können? Nein, Sie sollten lieber vorsichtiger sein; meine Liebe wird ebenso flach sein, wie ich selbst bin, Sie aber werden unglücklich sein. Ihr Bruder hat mir einmal gesagt, daß derjenige, der die Verbindung mit seiner Erde verliert, sofort auch seine Götter verliert, das heißt also alle seine Ziele. Über alles kann man endlos streiten, aber aus mir ist nur Verneinung gekommen, ohne jede Großmut und ohne jede Kraft. Sogar nicht einmal Verneinung! Alles ist immer flach und schlaff. Der hochherzige Kirilloff ertrug die Idee nicht und -- erschoß sich: aber ich weiß doch, daß er deshalb hochherzig war, weil er nicht bei gesunder Vernunft war. Ich werde nie meine Vernunft verlieren können und werde nie in dem Maße an eine Idee glauben können, wie er. Ich kann mich in dem Maße nicht einmal mit einer Idee beschäftigen. Nie, nie werde ich mich erschießen können!

Ich weiß, daß ich mich töten müßte, mich wie ein scheußliches Insekt von der Erde wegfegen; aber ich fürchte den Selbstmord, denn ich fürchte mich, Hochherzigkeit zu zeigen. Ich weiß, daß das noch ein Betrug sein würde, -- der letzte Betrug in der endlosen Reihe der Betrüge. Was hätte es für einen Nutzen, sich selbst zu betrügen, nur um einmal den Hochherzigen zu spielen? Unwille und Scham kann in mir niemals sein; folglich auch keine Verzweiflung.

Verzeihen Sie, daß ich so viel schreibe. Ich bin wieder zur Besinnung gekommen. Ich habe das aus Versehen getan. So sind hundert Seiten zu wenig und zehn Zeilen genug. Zehn Zeilen genügen, wenn man jemand >als Krankenschwester< ruft.

Seit ich fortgefahren bin, lebe ich auf der sechsten Station beim Stationschef. Seine Bekanntschaft habe ich vor fünf Jahren in Petersburg in der wüsten Zeit gemacht. Niemand weiß es, daß ich bei ihm bin. Schreiben Sie unter seinem Namen. Die Adresse füge ich bei.

Nicolai Stawrogin.«

Darja Pawlowna ging sofort zu Warwara Petrowna und gab ihr den Brief. Diese las ihn durch und bat darauf Dascha, sie allein zu lassen, da sie den Brief noch einmal lesen wolle. Aber sie rief sie schon sehr bald zurück.

»Wirst du fahren?« fragte sie fast zaghaft.

»Ja, ich werde fahren,« antwortete Dascha.

»Dann mach dich bereit! Wir fahren zusammen!«

Dascha sah sie fragend an.

»Was soll ich hier jetzt noch? Ist es nicht einerlei, wo ich weiterlebe? Ich werde mich gleichfalls in Uri aufnehmen lassen und in der Schlucht leben ... Sei unbesorgt, werde euch nicht stören.«

Sie begannen schnell einzupacken, um noch mit dem Mittagzuge abfahren zu können. Es war aber noch keine halbe Stunde vergangen, als Alexei Jegorytsch aus Skworeschniki eintraf und meldete, daß Nicolai Wszewolodowitsch plötzlich am Morgen angekommen war, mit dem Frühzuge, und sich in Skworeschniki befinde, aber »in einem Zustande, daß der Herr auf die Fragen nicht zu antworten geruhten, durch alle Zimmer gingen, und sich dann in seiner Hälfte eingeschlossen haben ...«

»Ich bin ohne Befehl des Herrn hergefahren, um zu melden,« fügte Alexei Jegorytsch verhalten, mit sehr aufmerksamem Blick hinzu.

Warwara Petrowna sah ihn durchdringend an und fragte nicht weiter. Im Augenblick war der Wagen bereit. Sie fuhr mit Dascha nach Skworeschniki. Während der Fahrt soll sie sich mehrmals bekreuzt haben.

In »seiner Hälfte« waren alle Türen unverschlossen, doch Nicolai Wszewolodowitsch war nirgendwo zu finden.

»Sollte der Herr nicht vielleicht im oberen Stock sein?« fragte Fomuschka vorsichtig.

Es war sonderbar, daß diesmal mehrere Dienstboten Warwara Petrowna in die »Hälfte des Herrn« folgten, während die anderen im großen Saal warteten. Noch nie hatten sie es gewagt, so die Etikette zu überschreiten. Warwara Petrowna bemerkte es wohl, aber sie schwieg.

Man stieg in den oberen Stock. Dort waren nur drei Zimmer, doch in keinem einzigen fand man ihn.

»Ja, sollte der Herr nicht vielleicht dahin gegangen sein?« fragte jemand und wies auf die Tür zur Dachkammertreppe.

Tatsächlich war diese sonst stets geschlossene kleine Tür zur Dachkammer diesmal offen. Eine schmale, lange und sehr steile Treppe führte hinauf.

»Dorthin gehe ich nicht! Aus welchem Grunde hätte er dorthin gehen sollen?« fragte Warwara Petrowna, unheimlich erbleichend, und sah sich nach den Dienstboten um. Die sahen sie an und schwiegen. Dascha zitterte.

Dann stürzte Warwara Petrowna die Treppe hinauf. Dascha folgte ihr. Doch kaum hatte Warwara Petrowna in die Dachkammer hineingesehen, als sie aufschrie und bewußtlos hinfiel.

Der Bürger des Kantons Uri hing hier gleich hinter der kleinen Tür. Auf dem kleinen Tisch lag ein Stück Papier, auf dem mit Blei gekritzelt die Worte standen:

»Niemanden beschuldigen. Ich selbst.«

Auf demselben Tischchen lag ferner ein Hammer, ein Stück Seife und ein großer Nagel. Die starke seidene Schnur, mit der Nicolai Stawrogin sich erhängt hatte, war dick eingeseift. Alles wies auf volle Absicht hin und auf klares Bewußtsein bis zum letzten Augenblick.

Die Annahme, daß die Tat in geistiger Umnachtung oder im Irrsinn geschehen sei, wurde von unseren Ärzten nach der Obduktion mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen.

Erster Anhang. Material zum Roman »Die Dämonen«. Aus den Notizbüchern F. M. Dostojewskis[55]

1. Januar 1870.

_Stawrogin_ (der Fürst)

Der vollkommen entgegengesetzte Typ jenes Sprosses aus gräflichem Hause, den Graf Tolstoi in »Kindheit und Jugend« dargestellt hat[56]. Ein Typ aus der Urbevölkerung, der unbewußt von seiner eigenen typischen Kraft beunruhigt wird, ganz unmittelbar, und die nicht weiß, worauf sie sich aufbauen [fußfassen] könnte. Solche autochthonen Typen sind häufig entweder Stenka Rasins[57] oder Danila Filippowitschs[58], oder sie gehen bis zum Äußersten des Geißler- oder Skopzentums. Es ist das eine außergewöhnliche, für sie selbst schwere unmittelbare Kraft, die etwas verlangt und sucht, worauf sie Fuß fassen [stehen bleiben] und das sie sich zur Richtschnur nehmen könnte, die bis zur Qual Ruhe, Erlösung von den Stürmen verlangt und die vorläufig doch unmöglich _nicht_ stürmen kann bis zu der Zeit, da sie die Beruhigung findet. Er stellt sich schließlich auf Christus, doch sein ganzes Leben war Sturm und Unordnung. (Die Masse des Volkes lebt unmittelbar, still und harmonisch, urtümlich, doch kaum zeigt sich in ihr Bewegung, d. h. einfache Lebensfunktion, so stellt sie immer diese Typen hervor). Es ist eine unumfaßbare unmittelbare Kraft, die Ruhe sucht, die erregt ist bis zu Schmerzen und die sich während der Zeit des Suchens und des Umherirrens mit Freuden in ungeheuerliche Abweichungen und Experimente stürzt, bis sie auf einer so starken Idee Fuß faßt, die ihrer unmittelbaren tierischen Kraft vollkommen proportional ist, -- auf einer Idee, die dermaßen stark ist, daß sie diese Kraft endlich organisieren und bis zu weihevoller Stille beruhigen kann.

Überhaupt ein ernsterer Charakter, ernst bis zur Seltsamkeit. Ist zurückgekehrt mit Gedanken und Fragen, die ihn um so mehr stutzig machen, als ihm alles neu ist. Manche halten ihn für einen Nihilisten (z. B. die Mutter), ja er gilt sogar allgemein für einen Nihilisten. Nur Gr. sieht, daß das nicht ein Nihilist ist (aber was denn sonst?). Er meint, ein von sich selbst eingenommener Tor, wie es ihrer viele unter ihnen gibt. Der Fürst spottlacht immer, was Gr. mißfällt und verletzt. Gr. denkt schließlich, W. habe den Fürsten in der Hand. Mitunter überraschen Gr. am Fürsten Ausbrüche sowohl von Ernst wie von Zartheit. Ein sehr ernstes Gespräch. Ein tiefer Zug, daß der Fürst sehr viel und aufmerksam zuhört. Aber die Mutter fürchtet ihn doch immer. W. nahm ihn schon in die Hand (d. h. er glaubte, daß es ihm gelungen sei), doch bald wurde es selbst dem sorglosen W. klar, daß das etwas anderes war. Er will übrigens dennoch (auf den Rat und die Warnungen U--ffs hin) den Fürsten in den Mord hineinziehen. Doch W. ist bloß leichtsinnig und sorglos, wenn es aber nötig ist -- sehr klug: er gewahrt plötzlich, daß er den Fürsten nicht in den Mord hineinziehen kann, daß es hier gar nicht das ist, was er vermutet hatte, daß der Fürst nur zuhört, schweigt und aufpaßt, ja sogar selbst auf Sch--ffs Seite steht. Da löst W. mit einem Schlage das Mordproblem auf eine andere Weise und umgeht den Fürsten. Der Verdacht fällt dennoch zum Teil auf den Fürsten; doch nun nimmt plötzlich der Fürst selbst die Sache in die Hand und enthüllt sich.

Er wird mit einem Schlage Herr der Sache und besiegt U--ff; dieser gesteht. Geht geradeswegs zum Zögling, zeigt ihr seine ganze tiefe Liebe, stellt aber Bedingungen -- sie ist mit Begeisterung einverstanden. Neue Menschen, erneutes Leben! Götzen zerstören und Schiffe verbrennen. Ist, falls nötig, bereit, sich von der Erbschaft loszusagen; doch die Mutter zittert schon und fügt sich. Schreckt den Gouverneur und den großen Schriftsteller. Hat großmütig Mitleid mit der jungen Schönheit, die er brutal und schroff verstößt wegen eines leichtfertigen Ausfalls. (Anfangs scherzte er mit ihr; sie hielt ihn für einen Nihilisten und ließ es sich einfallen, mit ihm ein wenig zu spielen; er ließ sie brutal im Stich, war aber im Unrecht: denn es war nicht Verderbtheit, wie ihm schien, sondern leichtfertige und gewissensruhige Überzeugung.) Überhaupt: er überzeugt sich, daß ehrlich und besonders ein _neuer_ Mensch zu sein, nicht so leicht ist, daß dazu nicht Enthusiasmus allein genügt, was er auch ihr, dem Zögling seiner Mutter, erklärt: »Ich werde kein _neuer_ Mensch sein, ich bin viel zu unoriginell dazu,« sagt er, »aber ich habe endlich einige wertvolle Ideen gefunden, an die ich mich jetzt halten will.« Doch vor jeder Wiedergeburt oder Auferstehung -- Selbstüberwindung; und deshalb: »du bist mir nötig, du wirst mich retten mit deiner Stille«. Er sagt: »Früher verurteilte ich den Nihilismus und war sein erbitterter Feind, jetzt aber sehe ich ein, daß die Schuldigsten und Schlechtesten wir, die Herren, sind, wir vom Erdboden Losgerissenen, und darum müssen zuerst wir uns umgestalten. Wir sind die Hauptfäulnis, auf uns ruht der Hauptfluch und aus uns ist alles gekommen.«

7. März 1870.

_Stawrogin_ (Fürst)

Der Fürst war der ausschweifendste Mensch und ein hochmütiger Aristokrat. Er hat sich bereits bekannt gemacht als ein Erzfeind der Aufhebung der Leibeigenschaft und als ein Unterdrücker der Bauern.

Er ist _Ideenmensch_. Die Idee, die ihn einmal ergreift, beherrscht ihn ganz; herrscht aber dann nicht so sehr in seinen Gedanken, als wie sie sich in ihm _verkörpert_, in seine Natur übergeht (immer mit Leiden und Unruhe), und dann, einmal in seiner Natur inkarniert, verlangt sie ihre sofortige Umsetzung in die Tat.

Während seiner Abwesenheit aus unserer Stadt hat er seine Überzeugungen geändert. Seine Überzeugungen ändern heißt für ihn sofort auch sein ganzes Leben ändern, so daß er schon mit der geheimen Absicht zurückkehrt, sich von der Erbschaft loszusagen und mit allem zu brechen. Er ist plötzlich ein furchtbarer Skeptiker geworden, ist maßlos mißtrauisch und vermutet immer das Schlimmste, -- eine Erscheinung, die bei einem festen Menschen, für den sich entscheiden, die Schiffe verbrennen und handeln heißt, sehr verständlich ist. Dieser Mensch kann noch vor dem Entschluß zweifeln, wenn er noch nicht ganz überzeugt ist; zweifelt er aber, so wird er infolge der Leidenschaftlichkeit seiner Natur zum Skeptiker bis zum Zynismus.

Die Ideen Goluboffs sind: Ergebung und Selbstüberwindung und daß Gott und das Himmelreich in uns liegen, in der Selbstbeherrschung, desgleichen die Freiheit.

11. März 1870.

Der letzte Entwurf zum _Fürsten Stawrogin_

Als der Fürst ankam, hatte er bereits alle Zweifel überwunden. Er ist -- ein _neuer_ Mensch. Er bricht mit zwei Mädchen, beabsichtigt auch mit der Mutter zu brechen. Besessen von wahnsinniger, nach innen geschlagener und verhaltener Energie, spricht er sich wenig aus, schaut spöttisch und skeptisch zu, wie ein Mensch, der schon die endgültige Lösung und die große Idee gefunden hat. Er hört vorläufig alle an, widerspricht selten. Macht sich innerlich hochmütig lustig über Gr., ist krankhaft betroffen durch Sch. und sieht vollkommen deutlich dessen Buchgelehrtheit und Aussichtslosigkeit, beginnt mit Erstaunen und Neugier W. zu beobachten und horcht gespannt -- da er endlich erraten will: worauf diese Menschen so fest stehen können? (_NB._ Mit W. frühere Beziehungen.) Einzig Goluboff erschüttert ihn, doch mit Enthusiasmus gesteht er ihm (aber kurz, in zwei Worten), daß dieses ganz und gar auch sein Gedanke ist, die von ihm gefundene Überzeugung. Er ist zurückgekehrt, um seine Verstöße, Beleidigungen usw. in der Stadt wieder gutzumachen. Versöhnt sich mit den Beleidigten, nimmt eine Ohrfeige hin, tritt für die verübte Religionsspötterei ein, sucht die Mörder auf, und schließlich erklärt er feierlich dem Zögling, daß er sie liebt, erklärt die Bedingungen. Sie bestehen darin, daß er von nun an ein Russischer Mensch ist und daß man sogar an das glauben muß, was von ihm bei Goluboff gesagt wurde, (daß Rußland und der russische Gedanke die Menschheit retten wird). Er betet vor Heiligenbildern usw. Während der ganzen Zeit, die er in der Stadt verlebt, zeichnet er sich durch die wildeste Energie in der neuen Überzeugung aus und setzt seine Mutter in Erstaunen. Dem Zögling sagt er, er habe sie beobachtet und sich überzeugt, daß er sie liebt und mit ihr auferstehen wird, wenn sie dieselben Überzeugungen hat. Und dann plötzlich erschießt er sich.

_Stawrogin_ (der Fürst) und _Schatoff_

Der Hauptgedanke, an dem der Fürst krankt und den er in sich trägt, ist folgender: wir haben die Rechtgläubigkeit, unser Volk ist groß und schön, weil es glaubt und weil es die _Rechtgläubigkeit_ hat; wir Russen sind stark und stärker als alle, weil wir eine unermeßliche rechtgläubige Volksmasse haben. Würde im Volk der Glaube an die Rechtgläubigkeit wankend werden, so würde es sofort anfangen sich zu zersetzen, ein Vorgang, der bei den Völkern des Westens bereits begonnen hat, denn im Westen hat man den Glauben (Katholizismus, Protestantismus, Sekten, Entstellungen des Christentums) schon eingebüßt, und hat ihn dort einbüßen _müssen_. (Bei uns ist natürlich die obere Volksschicht, die sogenannte höhere Gesellschaft, eine angeschwemmte Schicht, aus dem Westen übernommen -- folglich hier nur »Gras im Feuer« und hat nichts zu bedeuten.)

Jetzt aber fragt es sich: wer kann denn glauben? Glaubt denn auch nur jemand (von den Panslawen und selbst Slawophilen)? und schließlich sogar die Frage: _kann_ man überhaupt glauben? Wenn man es aber nicht kann, wozu dann so viel von der Kraft des russischen Volkes, die in der Rechtgläubigkeit liegen soll, reden? Folglich ist diese Kraft nur eine Frage der Zeit. Dort hat die Zersetzung, der Atheismus, früher begonnen, bei uns -- wird sie eben später beginnen, beginnen aber wird sie unbedingt mit der Ausbreitung des Atheismus. Wenn das aber sogar unvermeidlich ist, so muß man sogar wünschen, daß es noch schneller geschehe -- je schneller desto besser.

(Der Fürst bemerkt plötzlich, daß er mit den Anschauungen W--s übereinstimmt: daß alles verbrennen das Beste ist.)

Es ergibt sich also folgendes:

1. daß die geschäftigen Leute, die diese Frage für leer und überflüssig halten und glauben, daß man auch ohne sie auskommen könne, Pöbel und Insekten sind, Gras im Feuer;

2. daß es sich um die dringende Frage handelt: kann man, wenn man zivilisiert, d. h. Europäer ist, überhaupt glauben? Ich meine: einwandlos an die Göttlichkeit des Gottessohnes Jesus Christus glauben? (Denn nur darin besteht doch der ganze Glaube, daß man an Christi _Göttlichkeit_ glaubt.)

_NB._ Auf diese Frage antwortet die Zivilisation durch Tatsachen mit einem Nein (Renan) und mit dem Beweis, daß die Gesellschaft das reine Verständnis Christi nicht hat rein erhalten können (der Katholizismus ist Antichrist, Hure, der lutherische Protestantismus aber ist Molokanentum)[59].

3. Wenn es aber so ist (d. h. wenn man also nicht daran glauben kann), vermag dann die Menschheit überhaupt ohne Glauben zu leben (mit der Wissenschaft z. B., Alexander Herzen)?[60] Die sittlichen Grundlagen werden den Menschen durch Offenbarung gegeben. Vernichtet man im Glauben bloß irgend etwas, so stürzt die _ganze_ sittliche Grundlage des Christentums ein, denn (alles ist untereinander verbunden) das eine zieht das andere nach sich.

Ist nun also eine andere, eine wissenschaftliche Sittlichkeit (ein wissenschaftliches Ethos) überhaupt möglich?

Wenn nicht, so wird folglich die Sittlichkeit nur vom russischen Volke aufbewahrt, denn das russische Volk ist rechtgläubig.

Wenn aber die Rechtgläubigkeit für den Zivilisierten unmöglich ist (und in hundert Jahren wird halb Rußland zivilisiert sein), so ist folglich alles nur ein Naturspiel, und die ganze Kraft Rußlands nur eine zeitweilige. Auf daß sie jedoch ewig sei, ist voller Glaube an alles unbedingt erforderlich ... Aber kann man denn glauben?

Zuerst, vor allen anderen Dingen, gilt es, diese Frage zu lösen: Kann man überhaupt ernstlich und wahrhaft glauben?

Hierin liegt _alles_, der ganze Lebensknoten des russischen Volkes, seine ganze Bestimmung in der Zukunft und sein ganzes zukünftiges Sein.

Ist es aber unmöglich, so zu glauben, dann ist es doch durchaus nicht so unverzeihlich, wenn jemand verlangt, daß man alles verbrennen soll. Beide Forderungen sind vollkommen gleich menschenfreundlich. (Langes Leiden und dann Tod oder kurzes Leiden und Tod. Das Letztere ist selbstverständlich menschenfreundlicher.)

Das also wäre das Rätsel?

_NB._ Sie können natürlich gegen die Richtigkeit der logischen Folgerung obiger Thesen vieles einwenden, können streiten, nicht zustimmen, z. B. von der gelehrten rechten Seite behaupten, daß das Christentum nicht in der Form des lutherischen Protestantismus fallen werde, d. h. indem man Christus nur als gewöhnlichen Menschen, als segensreichen Philosophen auffaßt (denn das ist doch der Ausgang des lutherischen Protestantismus), oder von der linken Seite behaupten, das Christentum sei keineswegs eine Notwendigkeit für die Menschheit und durchaus nicht die _Quelle des lebendigen Lebens_ (die hitzigen Kleinen schreien ja schon, daß es sogar schädlich sei), daß z. B. die Wissenschaft der Menschheit das lebendige Leben sowie das vollendetste sittliche Ideal geben könne. Diese Widersprüche sind natürlich zu erwarten, ist doch die Welt voll von ihnen und das wird sie ja noch lange sein. Aber Sie, Schatoff, und ich, wir beide wissen doch, daß das alles Unsinn ist, daß Christus-Mensch im Gegensatz zu Christus-Gottessohn weder Erlöser noch Quelle des Lebens sein kann, daß die Wissenschaft allein niemals das ganze menschliche Ideal erfüllen wird, und daß die Lebensquelle, die Beruhigung des Menschen und die Rettung aller Menschen vor der Verzweiflung und die Bedingung _sine qua non_ für das Sein der ganzen Welt in diesen Worten enthalten ist: _Und das Wort ward Fleisch_, und im Glauben an diese Worte. Früher oder später werden doch alle darin übereinstimmen, und somit ist denn wieder die ganze Frage nur: Kann man an all das glauben, woran zu glauben die Rechtgläubigkeit befiehlt? Wenn nicht, so ist es viel besser und humaner -- alles zu verbrennen und sich Werchowenski anzuschließen.

_Stawrogin_ (der Fürst) und _Schatoff_

_Der Fürst_: »Ich mache Sie darauf aufmerksam, und ich hebe es noch ganz besonders hervor, daß diese Fragen unvergleichlich wichtiger sind, als sie zu sein scheinen, wenn auch das sehr alte Neue an ihnen nur dies ist, daß wir beide ihre unermeßliche Bedeutung und die unbedingte Notwendigkeit ihrer Lösung erkannt haben.«

»_Ach!_ Wozu auf ganze tausend Jahre vorauslösen!« rief Schatoff (d. h. also die langsame Zersetzung). »Besser ist, wir leben in der Gegenwart und erfüllen das Gegenwärtige, ohne daran zu zweifeln, daß weiterhin Gott helfen wird.«

»Versuchen Sie es, so zu leben!« sagte der Fürst lachend und ging.

_Stawrogin_ (der Fürst) und _Schatoff_

»Darum ist Werchowenski auch so ruhig,« sagt der Fürst, »weil er überzeugt ist, daß das Christentum für das lebendige Leben der Menschheit nicht nur nicht unbedingt nötig, sondern sogar positiv schädlich sei, und daß die Menschheit, wenn man das Christentum vollkommen ausrottete, sofort zu neuem, _wirklichem_ Leben aufleben würde. Darin besteht seine furchtbare Kraft. Sie werden sehen: der Westen wird mit diesen Leuten nicht fertig werden, alles wird dort durch sie untergehen.«

»Und was wird dann sein?«

»Eine tote Maschine, die natürlich nicht zu verwirklichen ist, aber ... vielleicht ist sie doch zu verwirklichen, denn in ein paar Jahrhunderten wird man die Welt schon so weit ertöten können, daß sie vor Verzweiflung wirklich lieber wird tot sein wollen. >Berge fallt über uns und deckt uns zu.< Und so wird es auch sein. (Wenn z. B. die Mittel der Wissenschaft sich für die Ernährung als unzureichend erweisen und es eng sein wird, auf der Welt zu leben, so wird man die Neugeborenen in ... werfen oder aufessen. Mich soll es nicht wundern, wenn das eine wie das andere geschieht. Es wird so sein müssen, besonders wenn die Wissenschaft es so für richtig hält).«

»Erklären Sie das näher,« sagt Schatoff.