Part 67
»Warum nehmen Sie so aufs blaue hin an, daß ich nach Petersburg fahre?« fragte Pjotr Stepanowitsch noch fröhlicher und sah ihm lachend offen ins Gesicht.
Der junge Mensch drohte ihm mit dem Finger der behandschuhten Rechten.
»Na, wenn Sie's erraten haben,« raunte ihm plötzlich Pjotr Stepanowitsch mit gedämpfter Stimme geheimnisvoll zu, »ich reise mit Briefen von Julija Michailowna und muß dort drei, vier Persönlichkeiten aufsuchen, und was für welche noch dazu! -- na, Sie ahnen wohl schon. Übrigens könnte sie meinethalben allesamt der Teufel holen, unter uns gesagt. Eine verflixte Aufgabe!«
»Aber sagen Sie doch bitte, was fürchtet sie denn plötzlich so?« flüsterte nun auch der junge Mensch. »Sie hat sogar mich gestern nicht empfangen wollen. Meiner Meinung nach hat sie doch gar keinen Grund, für ihren Mann etwas Unangenehmes zu erwarten. Im Gegenteil, er ist doch noch so anständig auf dem Brandplatze hingefallen, hat ja förmlich, wie man zu sagen pflegt, sein Leben aufs Spiel gesetzt.«
»Nun, natürlich doch,« lachte Pjotr Stepanowitsch noch lustiger. »Ja, sehen Sie, sie fürchtet aber, daß man von hier aus schon geschrieben haben könnte ... das heißt, daß gewisse Leute ... Mit einem Wort, hier ist vor allem Stawrogin, oder richtiger Graf K... Ach, nun kurz: hier steckt noch eine ganze Geschichte hinter der Geschichte -- ich werde Ihnen vielleicht einiges unterwegs erzählen -- soviel mir die Ritterlichkeit zu erzählen erlaubt ... Mein Verwandter, Fähnrich Erkel, aus der Kreisstadt.«
Der junge Mensch blickte flüchtig auf Erkel und berührte den Hut. Erkel grüßte militärisch.
»Ach, wissen Sie, Werchowenski, acht Stunden im Eisenbahnwagen ist ein furchtbares Los. Mit uns fährt noch in der ersten Klasse Oberst Berestoff, ein urkomischer Kauz, mein Gutsnachbar: verheiratet mit einer Garina -- _née de Garine_.{[203]} Ist auch sonst in jeder Beziehung tadellos. Und wissen Sie, dabei hat er sogar Ideen. Hier hat er sich nur zwei Tage aufgehalten. Ein leidenschaftlicher Kartenspieler, nebenbei; spielt mit Vorliebe Jeralásch[54], sollte man da nicht ein Spielchen machen? Den vierten habe ich auch schon gefunden: Pripuchloff, ein Kaufmann aus dem T.schen, Millionär, aber, wissen Sie, ein richtiger Millionär, versichere Ihnen ... Ich mache Sie bekannt, eine urgemütliche Haut, und lachen werden wir! ...«
»Oh, Jeralásch spiele ich mit dem größten Vergnügen, und besonders noch auf der Reise, aber ich fahre in der zweiten Klasse.«
»Ach was, das ist doch ... auf keinen Fall, Sie setzen sich einfach zu uns. Ich werde sofort dem Zugführer sagen, daß Ihre Sachen in die erste Klasse zu bringen sind. Er gehorcht mir aufs Wort. Was haben Sie, einen _sac de voyage_?{[204]} ein Plaid?«
»Famos, gehen wir!«
Und Pjotr Stepanowitsch nahm selbst seinen Reisesack, Plaid und Buch und siedelte sofort mit der größten Bereitwilligkeit in die erste Klasse über. Erkel half ihm, die Sachen zu tragen. Da ertönte auch schon das dritte Glockenzeichen.
»Nun, Erkel,« sagte Pjotr Stepanowitsch eilig und reichte ihm mit sichtlich anderweitig gefesseltem Interesse zum Abschied noch die Hand aus dem Fenster, »ich werde also mit ihnen Karten spielen.«
»Aber wozu mir das noch erklären, Pjotr Stepanowitsch, ich verstehe ja schon, ich verstehe doch alles, Pjotr Stepanowitsch.«
»Na, also dann auf glückliches ...« und auf den Anruf des jungen Menschen, der ihn mit den Partnern bekannt machen wollte, wandte er sich plötzlich vom Fenster zurück.
Erkel sah seinen Pjotr Stepanowitsch nicht wieder.
Traurig kehrte er nach Haus zurück. Nicht, daß es ihn beängstigt hätte, daß Pjotr Stepanowitsch sie so plötzlich verließ, aber ... aber er hatte sich so schnell von ihm fortgewandt, als dieser junge Zierbengel ihn rief und ... er hätte doch etwas anderes sagen können, als diese nicht zu Ende gesprochene Abschiedsredensart: »na, also dann auf glückliches« oder ... oder wenn er doch wenigstens die Hand fester gedrückt hätte!
Gerade dieses letzte tat ihm am meisten weh. Und schon begann noch etwas anderes an seinem armen Herzchen zu nagen, etwas, das er selbst noch gar nicht begriff, das aber mit dem vergangenen Abend in Verbindung stand ...
Zweiundzwanzigstes Kapitel. Stepan Trophimowitschs letzte Reise
I.
Ich bin überzeugt, daß Stepan Trophimowitsch furchtbare Angst hatte, als die für sein wahnsinniges Vorhaben bestimmte Zeit näher und näher rückte. Ich bin überzeugt, daß er unter dieser Angst sehr gelitten hat, besonders in der Nacht vor seinem Aufbruch, in jener furchtbaren Nacht. Nastassja erinnerte sich nachher, daß er sich spät zu Bett gelegt, dann aber fest geschlafen hatte. Doch das letztere will nicht allzuviel besagen, denn auch zum Tode Verurteilte sollen in der letzten Nacht sogar sehr fest schlafen.
Wenn Stepan Trophimowitsch auch erst nach Sonnenaufgang loswanderte, also zu einer Zeit, in der ein nervöser Mensch sich immer ermutigt fühlt (der Major, der Verwandte Wirginskis, hörte ja sogar auf, an Gott zu glauben, sobald die Nacht vorüber war), so bin ich doch überzeugt, daß er sich vorher nie ohne Grauen hat vorstellen können, wie er sich allein und in einer solchen Lage auf der großen Landstraße befinden werde. Es wird aber wahrscheinlich etwas Tollkühnes in seinen Gedanken gewesen sein, das ihm zunächst die ganze Größe der schrecklichen Empfindung des plötzlichen Alleinseins milderte, nachdem er »_Stasie_« und seinen zwanzigjährigen warmen Platz verlassen hatte. Doch gleichviel: auch wenn er alle Schrecken, die ihn erwarteten, klar und deutlich vorausgesehen hätte, -- er wäre dennoch auf die große Landstraße hinausgegangen und hätte den Weg fortgesetzt! Hierin lag etwas Stolzes, etwas, das ihn trotz allem begeisterte. Oh, er hätte ja auf Warwara Petrownas herrliche Bedingungen eingehen und bei ihr bleiben können »_comme un_{[205]} gewöhnlicher Schmarotzer!« Er aber nahm die Gnade nicht an und blieb nicht bei ihr. Und siehe, jetzt geht er selbst von ihr und verläßt sie und erhebt »die Fahne der großen Idee«, um für diese auf der großen Landstraße zu sterben! Gerade so und nicht anders mußte er das empfinden; gerade so mußte seine Handlungsweise ihm selbst erscheinen.
Mehr als einmal habe ich mir die Frage gestellt: warum ging er denn gerade zu Fuß fort, buchstäblich zu Fuß? Warum mietete er denn nicht wenigstens einen Wagen, wenn er schon mit der Eisenbahn nicht fahren wollte? Zuerst habe ich sie mir mit seiner fünfzigjährigen Lebensunerfahrenheit beantwortet, schließlich aber mit einer phantastischen Ideenverirrung unter dem Einfluß eines starken Gefühls erklärt. Es schien mir, daß ihm der Gedanke an Postkutsche und Pferde (selbst wenn sie Schellen und Glöckchen haben sollten) doch viel zu banal und prosaisch vorkommen mußte. Dagegen war Pilgerschaft, wenn auch mit dem Regenschirm in der Hand, viel schöner, viel liebend-rächender. Heute freilich, nachdem alles vorüber ist, nehme ich an, daß es sich im wesentlichen weit einfacher zugetragen hat. Er fürchtete sich wohl einfach, Pferde zu mieten, denn erstens hätte Warwara Petrowna das erfahren und ihn mit Gewalt zurückgehalten, er aber würde sich selbstverständlich ergeben haben, und dann -- fahre wohl auf ewig, große, heilige Idee! Und zweitens: wenn man schon Pferde und einen Wagen nahm, mußte man doch wissen, wohin die Reise eigentlich gehen sollte? Das aber war sein größtes Leid in diesem Augenblick: einen bestimmten Ort wählen und nennen, wäre ihm geradezu unmöglich gewesen. Sobald er sich für irgendeinen bestimmten Ort entschloß, mußte ihm sein ganzes Unternehmen sofort in seinen eigenen Augen dumm und unmöglich erscheinen -- das witterte er nur zu gut. Warum sollte es denn gerade diese Stadt sein? Warum nicht eine andere? Und was soll er denn dort tun? _Ce marchand_{[206]} suchen? Aber welchen _marchand_? Das war die allerschrecklichste Frage! Im Grunde gab es für ihn nichts Furchtbareres als _ce marchand_, den zu suchen er sich so Hals über Kopf vorgenommen hatte, und den zu finden er im Grunde selbstverständlich am allermeisten fürchtete. Nein, da war der weite Weg schon besser. Einfach drauf loswandern, wandern, wandern und an nichts denken, so lange wie nur möglich an nichts denken! Der weite Weg: das war etwas Langes-Langes-Weites, dessen Ende man gar nicht sah -- ganz wie ein Menschenleben, ganz wie ein Menschentraum ... Im weiten Wege lag eine Idee. In der Postkutsche aber -- was war denn da für eine Idee? Da war es zu Ende mit der Idee. Also: _Vive la grande route_{[207]} -- und dann wie Gott will!
Nach dem plötzlichen und unerwarteten Zusammentreffen mit Lisa ging er in tiefem Selbstvergessen weiter.
Der große Landweg führte in einer Entfernung von einer halben Werst an Skworeschniki vorüber, und -- sonderbar -- er bemerkte es zuerst gar nicht, daß er ihn betreten hatte. Klar zu denken oder auch nur die Dinge mit Bewußtsein zu sehen, war für ihn in diesem Augenblick unerträglich. Der feine Regen hörte bald auf, bald fing er wieder an; aber er bemerkte auch den Regen nicht. Und ebensowenig bemerkte er, daß er die Reisetasche sich über die Schulter geworfen hatte und daß ihm dadurch das Gehen bedeutend leichter wurde. Und schließlich hatte er so ungefähr eine ganze Werst oder anderthalb zurückgelegt, als er plötzlich stehen blieb und sich umsah. Der alte, schwarze, von Wagenspuren durchfurchte Weg mit seinen gepflanzten Weiden zog sich wie ein endloses Band vor ihm hin; rechts lag die leere Fläche längst abgeernteter Getreidefelder; links Gestrüpp und weiterhin ein Wäldchen. Und in der Ferne, weit, die kaum wahrnehmbare, schräg weggleitende Linie des Eisenbahndammes und auf ihm das Rauchwölkchen irgendeines Zuges, von dem aber kein Laut zu hören war. Eine gewisse Verzagtheit überkam Stepan Trophimowitsch, aber nur auf einen Augenblick. Er seufzte -- grundlos, stellte dann seine Reisetasche neben eine Weide und setzte sich, um sich auszuruhen. Beim Niedersetzen fühlte er, daß ihn fröstelte, und er wickelte sich in sein Plaid; bei der Gelegenheit bemerkte er auch den Regen, und er spannte den Schirm über sich auf. So saß er ziemlich lange, schob zuweilen die Lippen hin und her und hielt krampfhaft den Schirmstiel umklammert. Verschiedene Bilder zogen in fieberhaftem Reigen an ihm vorüber, eines immer schnell das andere aus seinem Bewußtsein verdrängend. »_Lise, Lise_,« dachte er, »und mit ihr _ce Maurice_ ... Sonderbare Menschen ... Aber was war das eigentlich für ein Brand und worüber sprachen sie doch, u--und ... und wer ist denn ermordet worden? Ich glaube, _Stasie_ hat noch nichts gemerkt und wartet noch mit dem Kaffee auf mich ... Im Kartenspiel? Habe ich denn Menschen im Kartenspiel verspielt? Hm! bei uns in Rußland, zur Zeit der sogenannten Leibeigenschaft ... Ach, Gott, aber Fedjka?«
Er fuhr auf vor Schreck und blickte sich angstvoll um.
»Wenn dieser Fedjka jetzt hier irgendwo hinter einem Strauch sitzt? Man sagt doch, er habe hier eine ganze Räuberbande an der großen Landstraße? O Gott, ich werde dann ... Ich werde ihm dann die ganze Wahrheit sagen, daß ich schuldig bin ... und daß ich zehn Jahre um ihn gelitten habe, -- viel mehr, als er dort bei den Soldaten, und ... und ich gebe ihm mein Portemonnaie. Hm! _j'ai en tout quarante roubles, il prendra les roubles et il me tuera tout de même_.«{[208]}
Vor Angst klappte er, ich weiß nicht warum, den Schirm wieder zusammen und legte ihn neben sich. Weit auf der Landstraße, zur Stadt hin, bemerkte er plötzlich ein Gefährt: unruhig sah er ihm entgegen und versuchte zu unterscheiden, was es war.
»_Grace à Dieu_,{[209]} es ist ein Wagen und -- er fährt Schritt ... das kann nicht gefährlich sein. Diese hiesigen verhungerten Pferdchen ... Ich habe schon immer gesagt, daß die Rasse ... Übrigens nein, das war Pjotr Iljitsch, der im Klub immer von der Rasse gesprochen hat. Er hat im Spiel mit mir verloren ... oder nein, die Partie blieb _remis ... et puis_,{[210]} -- aber was ist denn da hinten ... es scheint ... ein Weib sitzt auf dem Wagen. Ein Weib und ein Mann -- _cela commence à être rassurant_.{[211]} Das Weib sitzt hinten und der Mann vorn, -- _c'est très rassurant_. Hinten am Wagen ist eine Kuh an den Hörnern angebunden, _c'est rassurant au plus haut degré_{[212]} ...«
Der Wagen kam immer näher: es war ein fester, guter Bauernwagen. Das Weib saß auf einem vollgestopften Sack, der Mann vorn auf dem Wagenrand, so daß seine Beine zu der Wegseite, auf der Stepan Trophimowitsch saß, überm Rade herabbaumelten. Hinter dem Wagen trottete tatsächlich eine rote Kuh, die mit einem Strick um die Hörner an den Wagen gebunden war. Der Mann und das Weib starrten mit aufgerissenen Augen auf Stepan Trophimowitsch, und dieser genau so auf sie. So zogen sie an ihm vorüber. Doch als er sie schon gute zwanzig Schritt hatte weiterfahren lassen, erhob er sich plötzlich eilig und lief ihnen nach, um sie einzuholen. In der Nachbarschaft des Wagens schien es ihm natürlicherweise bedeutend sicherer zu sein. Doch kaum hatte er sie erreicht, da hatte er alles schon wieder vergessen und sich bereits von neuem in seine Gedanken und Vorstellungen versenkt. Er ging einfach nebenher und merkte gar nicht, daß er für den Mann und das Weib mittlerweile das rätselhafteste und interessanteste Objekt abgab, das man je auf der großen Landstraße antreffen konnte.
»Sie, was sind Sie denn, von welchen Leuten denn eigentlich, wenn es nicht verboten is zu fragen?« fragte endlich das Weib, das nicht länger an sich halten konnte, als Stepan Trophimowitsch in der Zerstreutheit plötzlich auch sie ansah.
Sie war vielleicht siebenundzwanzig Jahre alt, rundlich, mit dunklen Augenbrauen, roten Wangen und freundlich lächelnden roten Lippen, zwischen denen gleichmäßige weiße Zähne glänzten.
»Sie ... Sie wenden sich an mich?« stotterte Stepan Trophimowitsch mit bekümmerter Verwunderung.
»Muß wohl einer von den Kaufmännern sein,« meinte der Mann mit Überlegenheit.
Der war ein stämmiger Bauer von ungefähr vierzig Jahren, mit einem breiten, nicht dummen Gesicht und großem blonden Bart.
»Nein, ich bin nicht gerade von den Kaufleuten, ich ... ich ... _moi c'est autre chose_,«{[213]} verteidigte sich, so gut es ging, Stepan Trophimowitsch und blieb auf alle Fälle ein wenig zurück, so daß er jetzt neben der Kuh ging.
»Muß wohl einer von den Herrschaften sein,« schätzte der Mann, als er die nicht russischen Worte vernommen hatte, und zog die Leine, um sein Pferd ein wenig aufzumuntern.
»Ja, ich mein' auch, das sieht man doch, denn es ist doch ganz, als ob der Herr auf 'n Spaziergang gehen!« meinte wieder das muntere Weib.
»Das ... das fragten Sie mich?«
»Die Ausländer, die hier fahren, die gehen meistens da in die Eisenbahn, die dort hinten auf Schienen läuft, und Ihre Stiefel sind auch gar nich so wie hiesige ...«
»Stiefel sind militärisch,« bemerkte selbstzufrieden und bedeutsam der Mann.
»Nein, nicht gerade, daß ich Militär ... ich ...«
»Was das doch für ein neugieriges Weibchen ist,« dachte Stepan Trophimowitsch ärgerlich, »und wie sie mich betrachten ... _mais enfin_{[214]} ... Mit einem Wort, es ist sonderbar, daß ich mir vor ihnen geradezu irgendwie schuldig vorkomme, und ich bin doch durchaus nicht schuldig vor ihnen!«
Das Weibchen neigte sich vor und flüsterte mit dem Mann.
»Wenn der Herr es nich für ungut nehmen will, so können wir Sie ja mitnehmen, wenn es man bloß angenehm ist.«
Stepan Trophimowitsch wachte plötzlich gleichsam auf.
»Ja, ja, meine Freunde, ich bin mit dem größten Vergnügen dabei, denn ich habe mich schon sehr müde gelaufen, nur -- wie komme ich denn dort hinauf?«
»Wie sonderbar,« dachte er bei sich, »daß ich so lange neben dieser Kuh gegangen bin und es mir nicht in den Kopf gekommen ist, sie schon früher zu bitten, mich in den Wagen aufzunehmen ... Dieses >reale Leben< hat doch etwas überaus Charakteristisches!«
Der Mann hielt aber das Pferdchen deshalb noch nicht an.
»Ja, wohin will er denn?« erkundigte er sich mit einigem Mißtrauen.
Stepan Trophimowitsch begriff nicht sofort.
»Wohl nach Hatoff, mein' ich?«
»Zu Hatoff? Nein, nicht gerade, daß ich zu Hatoff ... Und ich bin auch nicht ganz bekannt mit ihm ... aber ich habe schon von ihm gehört ...«
»Nee, das Dorf Hatowo, 'n Dorf, neun gute Werst von hier.«
»Ein Dorf? _C'est charmant_,{[215]} ja, ja, ich glaube auch schon davon gehört zu haben ...«
Stepan Trophimowitsch ging immer noch, denn man machte noch nicht Miene, ihn aufzunehmen. Da kam ihm plötzlich ein genialer Einfall.
»Sie glauben vielleicht, daß ich ... Ich habe einen Paß, ich bin -- Professor, das heißt, wenn Sie wollen, Lehrer ... aber Oberlehrer. Ich bin Oberlehrer. _Oui, c'est comme ça qu'on peut le traduire._{[216]} Ich würde mich sehr gern in den Wagen setzen und ich werde ... ich werde Ihnen dafür einen Liter Branntwein kaufen.«
»Ein halber Rubel von Sie, Herr, der Weg ist schwer.«
»Und sonstig würde es man gar nich für uns angehen,« meinte auch das Weibchen.
»Ein halber Rubel? Nun gut, ein halber Rubel. _C'est encore mieux, j'ai en tout quarante roubles, mais ..._«{[217]}
Der Mann hielt endlich das Pferdchen an und Stepan Trophimowitsch wurde mit vereinten Kräften in den Wagen gezogen und neben das Weib auf den Sack gesetzt. Der Wirbelsturm von Gedanken verließ ihn auch jetzt nicht. Zuweilen fühlte er selbst, daß er irgendwie ganz besonders zerstreut war und gar nicht an das dachte, woran er eigentlich denken sollte, und wunderte sich darüber. Diese Erkenntnis bedrückte ihn schwer in manchen Augenblicken und kränkte ihn sogar.
»Das ... was ist denn das da hinten eigentlich -- eine Kuh?« fragte er plötzlich das Weib.
»Ach du mein! hat denn der Herr noch keine Kuh gesehn?« fragte das Weib lachend zurück.
»In der Stadt gekauft,« bemerkte der Mann. »All unser Vieh ist im vergangenen Frühjahr krepiert. Pest. In unserer Gegend sind rundherum alle um die Ecke gegangen, kaum die Hälfte frißt noch weiter. Nichts zu machen. Schrei, wieviel du willst, es krepiert dir doch.«
»Ja, das kommt bei uns vor in Rußland ... und überhaupt wir Russen ... nun, ja, es kommt vor,« meinte Stepan Trophimowitsch.
»Wenn Sie nu Lehrer sind, was suchen Sie dann in Hatoff? Oder geht's noch weiter?«
»Ich ... das heißt, nicht gerade, daß ich irgendwohin weiter wollte ... _C'est à dire_,{[218]} ich will zu einem Kaufmann.«
»Ah, so! Dann wird's wohl nach Spassowo sein?«
»Ja, ja, nach Spassowo, nach Spassowo. Übrigens ist das einerlei.«
»Wenn Sie nu nach Spassowo zu Fuß gehen wollten, ach du mein! -- in Ihren Stiefelchen brauchten Sie dazu eine ganze Woche!« Das Weibchen lachte.
»Ja, ja, aber das ist ganz gleichgültig, _mes amis_,{[219]} ganz gleichgültig,« brach Stepan Trophimowitsch ungeduldig ab.
»Schrecklich neugieriges Volk. Das Weib spricht übrigens besser als er, und überhaupt habe ich bemerkt, daß seit der Aufhebung der Leibeigenschaft der Stil sich ein wenig verändert hat ... Was geht es sie übrigens an, ob ich nach Spassowo fahre oder nicht nach Spassowo? Ich bezahle ihnen doch die Reise, was drängen sie sich da so auf?«
»Wenn man nach Spassoff will, so muß man noch mit'n Dampfschiff fahren,« bemerkte der Mann.
»Ja, das muß er,« griff das Weib sofort auf, »denn mit Pferden längs dem Ufer hat er dreißig Werst Umweg zu machen.«
»Vierzig,« verbesserte der Mann.
»Und morgen grad um zwei Uhr kriegen Sie den Dampfer in Ustjewo fest!« triumphierte das Weibchen.
Stepan Trophimowitsch schwieg aber hartnäckig. Da verstummten denn allmählich auch der Mann und das Weibchen. Der Mann zog hin und wieder mit aufmunterndem Zuruf die Leine an und das Weibchen machte von Zeit zu Zeit kurze Bemerkungen, auf die der Mann irgend etwas antwortete. Stepan Trophimowitsch schlummerte allmählich ein. Er war furchtbar erstaunt, als ihn plötzlich das Weibchen aufweckte und lachend sagte, daß sie schon angekommen seien, und er sich auf einmal in einem Dorf vor der Treppe eines dreifenstrigen Bauernhauses sah.
»Eingeschlafen, Herr?«
»Was ist das? Was?! Wo--o bin ich denn? Ach! Nun ... Nun, einerlei ...« Stepan Trophimowitsch seufzte tief auf und kletterte dann aus dem Wagen.
Er sah sich traurig um; sonderbar und ganz furchtbar fremdartig erschien ihm plötzlich das Aussehen eines Dorfes.
»Ach, den halben Rubel, den habe ich ganz vergessen!« wandte er sich mit einer völlig unbegründeten Hast zu dem Manne.
Augenscheinlich bangte ihm schon vor der Trennung von den beiden.
»Kann man in der Stube abmachen, wenn man erst eingetreten ist,« forderte ihn der Mann auf.
»Hier ist es gut!« versuchte das Weibchen ihn zu ermutigen.
Stepan Trophimowitsch trat auf die wackelige Holztreppe.
»Ja, wie ist denn das nur möglich,« flüsterte er in tiefer und erschrockener Verständnislosigkeit vor sich hin und trat in das Bauernhaus. »_Elle l'a voulu_,«{[220]} stach es ihm plötzlich ins Herz.
Und wieder vergaß er alles, vergaß selbst das, daß er ins Haus getreten war.
Es war ein helles und ziemlich sauberes Bauernhaus mit drei Fenstern und zwei Zimmern, doch nicht eine Herberge, sondern nur so ein Haus, in dem vorüberfahrende Bekannte abstiegen. Stepan Trophimowitsch ging ohne die geringste Verwirrung in die Gastecke des ersten Zimmers, vergaß zu grüßen, setzte sich und verfiel in Gedanken. Das angenehme Gefühl der Wärme nach dreistündiger feuchter Kälte ergoß sich ungemein wohlig über seinen Körper. Sogar die Frostschauer, die ihm kurz und plötzlich über den Rücken liefen, -- wie das bei allen sehr nervösen Menschen vor einer Influenza zu sein pflegt, wenn sie plötzlich aus der Kälte in die Wärme kommen, waren ihm mit einem Male ganz eigentümlich angenehm. Er erhob den Kopf, und siehe da -- der leckere Duft von heißen Pfannkuchen, die die Bäuerin im Ofen briet, reizte seinen Geruchssinn. Mit einem kindlichen Lächeln auf den Lippen erhob er sich und trat vorsichtig zum Weibe.
»Was ist denn das? Das sind doch Pfannkuchen, nicht wahr?« fragte er sie. »_Mais c'est charmant!_«{[221]}
»Wollen der Herr vielleicht welche?« bot ihm das Weib sogleich höflich an.
»Natürlich will ich, selbstverständlich will ich, und ... ich würde Sie auch noch um etwas Tee bitten.«
»Ach, das Samowarchen aufsetzen? Ach, aber gern, gnädiger Herr!«
Und auf einem großen Teller mit dickem blauen Muster erschienen sogleich die Pfannkuchen, wie nur die Bauern allein sie zu bereiten verstehen, halb aus Weizenmehl, ganz dünn und mit heißer, frischer Butter übergossen -- die herrlichsten Pfannkuchen der Welt. Stepan Trophimowitsch kostete mit Hochgenuß.
»Wie schön sie sind, die Pfannkuchen, und wieviel Butter! Und wenn man jetzt noch _un doigt d'eau de vie_{[222]} ...«
»Will der Herr nicht vielleicht ein Schnäpschen dazu?«
»Das ist's, das ist's ja gerade, ein wenig nur, _un tout petit rien_{[223]} ...«
»Für fünf Kopeken?«
»Für fünf -- für fünf -- für fünf, _un tout petit rien_,« bestätigte Stepan Trophimowitsch kopfnickend mit seligem Lächeln.
Bittet man einen einfachen Russen, etwas für einen zu tun, so wird er gern zu allem bereit sein, was in seinen Kräften steht; bittet man ihn aber, ein Schnäpschen für einen zu besorgen, so verwandelt sich die freundliche Bereitwilligkeit sofort in einen geschäftigen, freudigen Diensteifer, ja fast in verwandtschaftliche Fürsorge. Und wenn auch derjenige, der das Schnäpschen besorgt, genau weiß, daß man den Schnaps ganz allein trinken wird und er nicht einen Tropfen davon erhält, so scheint er doch gleichsam einen Teil des Genusses, den man beim Trinken haben wird, im voraus mitzuempfinden ... In kaum drei Minuten (die Schenke war nur ein paar Schritte vom Hause entfernt) stand vor Stepan Trophimowitsch eine Flasche und ein großes grünliches Schnapsglas.
»Und das alles ist für mich?« fragte er höchst verwundert. »Ich habe immer Schnaps in meinem Weinschrank gehabt, aber ich habe nie gewußt, daß man soviel für nur fünf Kopeken bekommt.«