Part 68
Er goß das Glas bis zum Rande voll, erhob sich und schritt mit einer gewissen Feierlichkeit durch die ganze Stube zu der anderen Ecke, wo seine Reisegefährtin saß, -- das nette Weibchen, das ihm unterwegs mit den vielen Fragen so lästig geworden war. Das Weibchen wurde verlegen und sträubte sich, zu trinken, doch nachdem sie alles gesagt hatte, was der Anstand in solchen Fällen verlangt, erhob sie sich, nahm das Glas und trank ehrerbietig in drei Schlückchen (wie Frauen zu trinken pflegen) den Branntwein aus, worauf sie, das Gesicht zu einem schrecklichen Schmerzensausdruck ob des scharfen Weines verziehend, das Glas mit einer höflichen Verbeugung Stepan Trophimowitsch zurückreichte. Er erwiderte die Verbeugung würdevoll und kehrte mit geradezu stolzer Miene an seinen Tisch zurück.
Es war das alles von ihm aus auf Grund einer plötzlichen Eingebung geschehen: noch eine Sekunde vorher hatte er nicht gewußt, daß er hingehen und dem Weibchen das Glas Branntwein anbieten werde.
»Ich verstehe es tadellos, tadellos, mit dem Volk umzugehen, und das habe ich ihnen immer gesagt,« dachte er selbstzufrieden, als er sich den Rest des Branntweins eingoß, der ihn, wenn auch kein volles Glas übriggeblieben war, doch belebend erwärmte und ihm sogar ein wenig zu Kopf stieg.
»_Je suis malade tout à fait, mais ce n'est pas trop mauvais d'être malade._«{[224]}
»Wünschen Sie nicht eines davon zu kaufen?« ertönte plötzlich eine leise Frauenstimme neben ihm.
Er sah auf und erblickte zu seiner Verwunderung eine Dame vor sich -- _une dame et elle en avait l'air_{[225]} -- eine Dame von mehr als dreißig Jahren, die sehr bescheiden aussah, städtisch gekleidet war und ein großes graues Tuch um die Schultern trug. In ihrem Gesicht lag etwas sehr Angenehmes, das Stepan Trophimowitsch sofort ungemein gefiel. Sie war erst vor ein paar Minuten ins Haus zurückgekehrt. Ihre Sachen lagen noch auf der Bank neben Stepan Trophimowitsch: unter anderem eine Ledertasche, die er -- dessen erinnerte er sich plötzlich -- bei seinem Eintritt neugierig betrachtet hatte, und ein nicht sehr großer Sack aus Wachstuch. Aus eben diesem Sack hatte sie jetzt zwei hübsch gebundene kleine Bücher genommen, die sie Stepan Trophimowitsch hinhielt.
»_Eh ... mais je crois que c'est l'Evangile ..._{[226]} Aber mit dem größten Vergnügen ... Ah, ich verstehe ... _Vous êtes ce qu'on appelle une_{[227]} Bibelverkäuferin? Ich habe, glaub ich, vor nicht allzu langer Zeit so etwas gelesen ... Fünfzig Kopeken?«
»Fünfunddreißig Kopeken,« antwortete die Bibelfrau.
»Mit dem größten Vergnügen. _Je n'ai rien contre l'Evangile, et ..._{[228]} Ich habe es schon lange wieder einmal lesen wollen ...«
Und im selben Augenblick kam es ihm zu Bewußtsein, daß er wohl seit dreißig Jahren keine Bibel mehr in der Hand gehabt hatte und sich überhaupt nur noch einiger Stellen erinnerte, die er vor ungefähr sieben Jahren in Renans »_Vie de Jésus_«{[229]} gelesen. Da er kein Kleingeld hatte, zog er seine vier Zehnrubelscheine hervor -- alles, was er besaß. Die Wirtin erbot sich, ihm einen Schein auszuwechseln, und da erst bemerkte er, daß sich inzwischen ziemlich viel Volk im Zimmer versammelt hatte, das ihn wahrscheinlich schon lange beobachtete, jedenfalls aber über ihn sprach. Doch auch über den Brand wurde gesprochen, von dem der Besitzer des Wagens und der roten Kuh alles mögliche berichtete, da er in der Stadt gewesen war und mehr wußte, als die anderen. Man sprach auch von den Spigulinschen und darüber, daß man »absichtlich angezündet« hätte.
»Mit mir hat er kein Wort über den Brand gesprochen, als er mich herfuhr, sondern nur über anderes,« dachte Stepan Trophimowitsch flüchtig.
»Väterchen, Stepan Trophimowitsch, gnädiger Herr! Sind Sie es denn wirklich, den ich sehe? Ach Gott, das hätte ich aber wirklich schon gar nicht erwartet! ... Haben mich wohl nicht erkannt?« rief plötzlich ein ältlicher Mann, der mit seinem glattrasierten Gesicht wie ein alter, altmodischer Hofsknecht aussah und einen langen Mantel mit hochgeschlagenem Kragen trug. Stepan Trophimowitsch erschrak, als er seinen Namen rufen hörte.
»Verzeihen Sie,« murmelte er, »aber ich kann mich Ihrer nicht mehr ganz deutlich erinnern ...«
»Haben mich vergessen, ach ja! Ich bin doch Anissim, Anissim Iwanoff. Ich diente beim seligen Herrn Gaganoff, und habe Euch, gnädiger Herr, mehr wie hundertmal mit Warwara Petrowna bei der seligen Awdotja Ssergejewna gesehn. Awdotja Ssergejewna aber hat mich mit Bücherchen nach Skworeschniki geschickt, ja, und zweimal habe ich Euch, gnädiger Herr, auch von ihr Petersburger Bonbons, oder wie sie da heißen, die Konfektchen, gebracht ...«
»Ach doch, ich erinnere mich, Anissim,« sagte Stepan Trophimowitsch lächelnd. »Und du lebst jetzt hier?«
»Ich lebe bei Spassoff, im W--schen Kloster, in der Ansiedlung, bei Marfa Ssergejewna, bei der Schwester von unserer seligen Awdotja Ssergejewna, vielleicht erinnert sich der gnädige Herr noch, die sich das Bein brachen, als sie unterwegs aus dem Wagen sprangen -- fuhren zum Ball. Jetzt leben sie allein beim Kloster und ich bin dortselbst bei ihr. Heute aber wollte ich, wie der Herr sehen, ins Gouvernement, um die Meinigen mal zu besuchen ...«
»Nun ja, nun ja.«
»Ach, hab ich mich was gefreut, als ich den gnädigen Herrn sah, waren immer so gnädig zu mir,« sagte Anissim mit gerührtem Lächeln. »Aber wohin fährt denn der gnädige Herr, und noch so ganz allein? ... Sind doch sonstig, glaub ich, nie so allein ausgefahren?«
Stepan Trophimowitsch sah ihn erschrocken an.
»Fährt der gnädige Herr nicht vielleicht gerade zu uns, nach Spassoff?«
»Ja ... ja, ich fahre nach Spassoff. _Il me semble que tout le monde va à Spassoff ..._«{[230]}
»Ach, und vielleicht gar zu Fjodor Matwejewitsch selber? Ach, wird der sich aber freuen! Hat doch immer den gnädigen Herrn so geliebt und spricht auch jetzt oft vom gnädigen Herrn ...«
»Ja, ja, auch zu Fjodor Matwejewitsch.«
»Das muß wohl sein. Das muß wohl sein. Hier die Männer, die wundern sich, sagen, daß man den gnädigen Herrn zu Fuß unterwegs ganz allein getroffen hat. Aber was! Dummes Volk bleibt doch immer dummes Volk!«
»Ich ... Ich ... Weißt du, Anissim, ich habe gewettet, wie die Engländer das zuweilen machen, daß ich zu Fuß so und so viele Werst gehen könne, und da bin ich nun ...«
Schweiß trat ihm an den Schläfen und auf der Stirn hervor.
»Muß wohl sein, muß wohl sein ...« meinte ohrenspitzend Anissim und hörte mit wahrhaft unbarmherziger Neugier zu. Aber Stepan Trophimowitsch hielt dem nicht stand. Er verwirrte sich so, daß er schon aufstehen wollte, um aus dem Hause zu laufen. Da wurde aber der Samowar gebracht, und im selben Augenblick kehrte auch die Bibelfrau zurück. Wie ein Mensch, der sich an seinen Retter wendet, so bat Stepan Trophimowitsch jetzt schnell die Bibelfrau, mit ihm Tee zu trinken. Da trat Anissim zurück und ging bald darauf aus dem Zimmer.
Unter dem Volk hatte sich tatsächlich schon die Frage erhoben: Was ist das für ein Mensch? War zu Fuß auf der Landstraße, sagt, er sei Lehrer, gekleidet ist er wie ein Ausländer und sprechen tut er wie ein kleines Kind, und mitunter antwortet er ganz so, als ob er fortgelaufen sei, und dabei hat er noch Geld! Kurz, es dauerte nicht lange und man begann zu erwägen, ob man nicht die Polizei benachrichtigen solle: »da es bei alledem in der Stadt auch nicht ganz ruhig ist.« Da kam Anissim gerade zur rechten Zeit in den Flur und beruhigte schnell die Gemüter. Er verkündete dem ganzen Publikum, daß Stepan Trophimowitsch nicht so was, wie ein Lehrer, sondern »selber ein großer Gelehrter« sei, der sich mit allen Wissenschaften beschäftigt, und früher sei er selber hiesiger Gutsbesitzer gewesen, lebe nun aber schon seit zweiundzwanzig Jahren im Hause der Generalin Stawrogina an Stelle des seligen Herrn, und in der ganzen Stadt sei er hoch angesehen und alle Menschen achteten ihn sehr. Im Adelsklub habe er oft an einem einzigen Abend an die tausend Rubel verspielt und dem Titel nach sei er »Rat«, was ebensoviel besagen wolle wie ein Oberstleutnant, also nur etwas weniger als ein voller Oberst. Und was das Geld anbeträfe, so könne man das, weil es doch die Generalin Stawrogin sei, gar nicht abzählen, usw., usw.
»_Mais c'est une dame et très comme il faut_,«{[231]} dachte inzwischen Stepan Trophimowitsch und seufzte wie erlöst nach dem Anissimschen Angriff auf. Mit angenehmer Neugier betrachtete er seine neue Nachbarin, die übrigens den Tee von der Untertasse trank und den Zucker vom Stückchen dazu biß. »_Ce petit morceau de sucre ce n'est rien ..._{[232]} Es ist etwas Edles und Unabhängiges und gleichzeitig -- Stilles in ihr. _Le comme il faut tout pur_,{[233]} nur ein wenig wie von einer anderen Art.«
Bald erfuhr er von ihr, daß sie Ssofja Matwejewna Ulitina hieß und eigentlich in K. wohnte, wo sie eine verwitwete Schwester unter den Bäuerinnen hatte. Auch sie war Witwe, da ihr Mann bei Sebastopol gefallen war.
»Aber Sie sind noch so jung, _vous n'avez pas trente ans_.«{[234]}
»Vierunddreißig,« sagte Ssofja Matwejewna lächelnd.
»Wie, Sie sprechen auch französisch?«
»Ein wenig nur: ich habe nachher in einem adligen Hause vier Jahre gelebt und da habe ich von den Kindern etwas gelernt.«
Sie erzählte ferner, daß sie nach dem Tode ihres Mannes zunächst in Sebastopol als barmherzige Schwester geblieben sei, darauf habe sie verschiedene Stellen gehabt und jetzt gehe sie und verkaufe Bibeln.
»_Mais, mon Dieu_,{[235]} waren Sie es vielleicht, mit der eine sonderbare, sogar sehr sonderbare Geschichte bei uns passierte?«
Sie wurde rot: sie war es tatsächlich gewesen.
»_Ces vauriens, ces malheureux!_«{[236]} ... begann Stepan Trophimowitsch mit einer Stimme, die vor Unwillen bebte: diese widerliche Erinnerung preßte ihm qualvoll das Herz zusammen und er verlor sich darob wieder in Gedanken.
»Ach, sie ist schon fortgegangen,« dachte er erstaunt, als er plötzlich bemerkte, daß sie nicht mehr neben ihm saß. »Sie geht ziemlich oft fort und scheint ja mit irgend etwas sehr beschäftigt zu sein; ich glaube, sie ist sogar aufgeregt ... _Bah, je deviens égoïste!_«{[237]}
Als er nach einiger Zeit aufsah, erblickte er wieder Anissim, diesmal aber mit einer geradezu bedrohlichen Gefolgschaft: das halbe Zimmer war von Bauern eingenommen, die alle Stepan Trophimowitsch nach Spassoff fahren wollten. Außer Anissim standen noch da: der Besitzer des Hauses, ferner der Mann, der ihn hergefahren hatte, sodann mehrere andere Männer -- wie es sich herausstellte, lauter Fuhrleute -- und ein kleiner halbbetrunkener Mensch, der am allermeisten sprach, wie ein Tagelöhner gekleidet war, doch mit seinem rasierten Gesicht wie ein heruntergekommener Kleinbürger aussah. Und alle die zankten sich seinetwegen, zankten sich um den armen Stepan Trophimowitsch! Der Besitzer der Kuh versicherte in einem fort, daß im Wagen längs dem Ufer mindestens »vierzig Werst Umweg« zu machen seien, und daß man unbedingt mit dem Dampfer fahren müsse. Der halbbetrunkene Kleinbürger dagegen und der Hauswirt widersprachen eifrig:
»Darum daß wenn du, mein Bruderherz, Seiner Hochwohlgeboren auch sagst, daß es über'n See wohl näher is, so is das wie's is, aber der Dampfer kommt doch nich!«
»Wird kommen, er wird sicher kommen, noch 'ne ganze Woche wird er kommen!« beteuerte Anissim aufgeregt.
»Schön, er kommt, das is wie's is, aber er kommt doch nie nich akkurat, und jetzt is doch die Zeit schon spät, und da kommt's vor, daß man ihn in Ustjewo runde drei Tage nich sieht!« schimpfte der Halbbetrunkene.
»Morgen wird er sicher kommen, morgen um zwei Uhr, und in Spassoff kommt dann der gnädige Herr gerade noch zum Abend an!« rief Anissim.
»_Mais qu'est-ce qu'il a cet homme?_«{[238]} fragte Stepan Trophimowitsch, der nicht wußte, um was es sich handelte, sich schon das Schlimmste dachte und zitternd sein Schicksal erwartete.
Da drängten sich schließlich die Fuhrleute immer näher und boten sich an: bis Ustjewo verlangte jeder von ihnen drei Rubel. Die anderen schrien, drei Rubel seien wirklich nicht zu viel, da man den ganzen Sommer hindurch von hier bis Ustjewo für diesen Preis gefahren habe.
»Aber ... hier ist es ja auch gut ... Ich will gar nicht fort,« stammelte Stepan Trophimowitsch abwehrend.
»Hier ist's gut, gnädiger Herr, das ist schon wahr, aber bei uns in Spassoff ist es noch weit besser, und was wird Fjodor Matwejewitsch über den Besuch sich freuen!« ...
»_Mon Dieu, mes amis_,{[239]} das kommt mir alles so unerwartet ...«
Endlich kehrte zum Glück auch Ssofja Matwejewna zurück. Sie setzte sich aber traurig und wie zerschlagen auf die Bank.
»So komme ich denn schon nicht mehr nach Spassoff!« sagte sie niedergeschlagen zur Wirtin.
»Wie, auch Sie wollen nach Spassoff?« fragte Stepan Trophimowitsch plötzlich belebt.
Es stellte sich heraus, daß eine Gutsbesitzerin, Nadeschda Jegorowna Swetlizyna, der Bibelfrau gestern gesagt hatte, sie solle sie in Hatoff erwarten, da sie dort durchfahren und sie dann nach Spassoff mitnehmen werde. Nun aber traf diese Nadeschda Jegorowna noch immer nicht ein.
»Was soll ich jetzt tun?« fragte Ssofja Matwejewna ängstlich.
»_Mais, ma chère et nouvelle amie_,{[240]} ich kann Sie doch gleichfalls, ganz wie diese Gutsbesitzerin, mitnehmen! ... in dieses, wie heißt es doch, in dieses Dorf, wohin ich fahre und den Fuhrmann schon angenommen habe! -- nun, und morgen sind wir dann beide in Spassoff ...«
»Ja, fahren Sie denn auch nach Spassoff?«
»_Mais que faire, et je suis enchanté!_{[241]} Und ich würde Sie mit dem größten Vergnügen hinbringen. Sehen Sie, die wollen es doch alle, daß ich hinfahre, und ich habe ja auch bereits einen ... Wen von euch habe ich denn nun engagiert?« fragte Stepan Trophimowitsch lebhaft die Bauern, plötzlich sehr damit einverstanden, nach Spassoff zu fahren.
Eine Viertelstunde später saßen sie bereits in dem verdeckten Wagen: er ungemein angeregt und vollkommen zufrieden, sie mit ihrem Wachstuchsack und einem dankbaren Lächeln neben ihm. Anissim lief rund um den Wagen und bemühte sich wie für Geld.
»Glückliche Reise, gnädiger Herr, habe mich so gefreut über das Wiedersehen!«
»Adieu, adieu, leb wohl, mein Freund, leb wohl, adieu.«
»Der gnädige Herr wird nun auch Fjodor Matwejewitsch wiedersehen ...«
»Ja, mein Freund, ja ... auch Fjodor Pawlowitsch ... nur Adieu.«
II.
»Sehen Sie, mein Freund -- Sie erlauben mir doch, mich Ihren Freund zu nennen, _n'est-ce pas_?«{[242]} begann Stepan Trophimowitsch eilig, gleich nachdem sich der Wagen in Bewegung gesetzt hatte. »Sehen Sie, ich ... _J'aime le peuple, c'est indispensable, mais il me semble que je ne l'avais jamais vu de près. Stasie ... cela va sans dire qu'elle est aussi du peuple ... mais le vrai peuple_,{[243]} das heißt, das wirkliche, das auf der weiten Landstraße ist, das, glaube ich, bekümmert sich um weiter nichts in der Welt, als um dieses eine: wohin ich eigentlich fahre ... Doch übergehen wir die Kränkungen. Ich glaube, ich spreche heute etwas durcheinander, aber das kommt wohl nur, denke ich, von der Eile ...«
»Ich fürchte, Sie sind nicht ganz wohl,« bemerkte Ssofja Matwejewna, die ihn prüfend, wenn auch ehrerbietig ansah.
»Nein, nein, man muß sich nur ein wenig fester einwickeln, und überhaupt ... der Wind ist etwas frisch, etwas zu frisch, aber ... vergessen wir das. Ja, die Hauptsache ... ich wollte eigentlich gar nicht das sagen. _Chère et incomparable amie_,{[244]} ich glaube, daß ich fast glücklich bin, und schuld daran -- sind Sie! Mir tut das Glück nicht gut, denn dann vergebe ich gewöhnlich sofort allen meinen Feinden ...«
»Das ist aber doch sehr gut.«
»Nicht immer, _chère innocente. L'Evangile ... Voyez-vous, désormais nous le prêcherons ensemble_{[245]} und ich werde mit Freuden Ihre netten Büchlein da verkaufen. Ja, ich fühle, daß das sogar eine Idee ist, _quelque chose de très nouveau dans ce genre_.{[246]} Das Volk ist religiös, _c'est admis_,{[247]} aber es kennt noch nicht das Evangelium. Ich werde es ihm erklären ... In mündlicher Auslegung kann man leichter die Fehler dieses bemerkenswerten Buches korrigieren ... Dieses Buch ... -- ich bin bereit, mich mit außerordentlicher Hochachtung zu diesem Buche zu verhalten. Ich werde auch auf der großen Landstraße nützlich sein können. Ich bin immer nützlich gewesen, ich habe _ihnen_ das immer gesagt _et à cette chère ingrate aussi_{[248]} ... Oh, vergeben wir, vergeben wir, lassen Sie uns vor allem vergeben, und allen allen vergeben und immer vergeben. Und hoffen wir, daß man auch uns vergeben wird. Ja, denn alle, jeder einzelne ist vor dem anderen schuldig. Alle sind schuldig! ...«
»Das haben Sie, glaub ich, sehr schön gesagt.«
»Ja, ja ... Ich fühle, daß ich sehr gut spreche. Ich werde sehr schön zu ihnen reden, aber ... aber ... was wollte ich denn eigentlich sagen? Ich komme immer ab und vergesse ... Ja -- würden Sie mir erlauben, mich nicht mehr von Ihnen zu trennen? Ich fühle, daß Ihr Blick und ... ich wundere mich sogar über Ihre Art und Weise. Sie sind gütig, Sie sprechen nur nicht ganz _comme il faut_{[113]} und gießen den Tee in die Untertasse ... und dazu dieses schreckliche Zuckerstückchen ... aber sonst ... -- in Ihnen ist etwas Wunderbares, und ich sehe in Ihren Zügen ... Oh, erröten Sie nicht und fürchten Sie mich nicht als Mann! _Chère et incomparable, pour moi une femme c'est tout!_{[249]} Ich kann nicht, kann überhaupt nicht anders leben, als neben einer Frau, aber eben nur neben ihr ... Das heißt, ich meine, ich wollte sagen ... Oh, ich glaube, ich habe mich da entsetzlich versprochen ... Nur kann ich mich nicht mehr darauf besinnen, was ich eigentlich sagen wollte. Oh, selig ist der, dem Gott immer eine Frau schickt und ... ich, ich glaube sogar, daß ich in einer gewissen Begeisterung bin. Auch in der großen Landstraße liegt eine höhere Idee! Ja, das -- das war es ja, was ich von dem Gedanken sagen wollte! -- jetzt ist es mir wieder eingefallen, vorhin hatte ich es ganz vergessen. Aber warum hat man uns fortgeschickt, in diesen Wagen gedrängt? Dort war es doch sehr schön, hier aber -- _cela devient trop froid. A propos, j'ai en tout quarante roubles et voilà cet argent_,{[250]} nehmen Sie es, nehmen Sie es, ich verstehe nichts davon ... ich verliere es, man wird es mir stehlen, und ... Ich glaube, ich würde ganz gern ein wenig schlafen ... es dreht sich da irgend etwas in meinem Kopf. Ja, so, es dreht sich, dreht sich, dreht sich. Oh, wie Sie gut sind, womit decken Sie mich denn zu?«
»Sie haben bestimmt eine gehörige Erkältung weg! Ich habe Sie mit meiner Decke zugedeckt, aber das Geld würde ich ...«
»Oh, um Gottes willen, _n'en parlons plus, parce que cela me fait mal_,{[251]} oh, wie gut Sie sind!«
Er hörte seltsam plötzlich auf zu sprechen und verfiel ungewöhnlich schnell in fieberhaften Schlaf.
Der Landweg, auf dem sie siebzehn Werst bis Ustjewo zurückzulegen hatten, war recht uneben und der Wagen auch nicht gerade sehr elastisch. Stepan Trophimowitsch wachte von den Stößen oft auf, erhob sich dann schnell von dem kleinen Kissen, das Ssofja Matwejewna ihm unter den Kopf geschoben hatte, erfaßte erschrocken ihre Hand und fragte ängstlich: »Sind Sie da?« ganz, als ob er gefürchtet hatte, sie könnte weggehen und ihn allein lassen. Einmal sagte er, daß er im Traum einen offenen Rachen mit scharfen Zähnen gesehen habe, und daß ihm das sehr unangenehm gewesen sei. Ssofja Matwejewna machte sich schon nicht wenig Sorgen um ihn.
Der Fuhrmann brachte sie zu einem großen Bauernhause, das vier Fenster zur Straße und auf dem Hof noch verschiedene Wohngebäude hatte. Stepan Trophimowitsch, der gerade in dem Augenblick der Ankunft aufwachte, stieg schnell aus und ging sofort ins zweite, das größte und beste Zimmer. Sein verschlafenes Gesicht nahm einen ungemein geschäftigen Ausdruck an. Er erklärte der Wirtin, einem großen, vierzigjährigen, sehr brünetten Weibe, das auf der Oberlippe fast einen Schnurrbart hatte, er wünsche das ganze Zimmer für sich allein und »daß Sie mir keinen Menschen hier herein lassen, schließen Sie die Türen zu, _parce que nous avons à parler. Oui, j'ai beaucoup à vous dire, chère amie._{[252]} -- Ich bezahle Ihnen alles, ich bezahle, bezahle!« rief er, der Wirtin erregt abwinkend.
Er sprach rasch, aber doch wie mit schwerer Zunge.
Die Bäuerin hörte ihn unfreundlich an, und zum Zeichen des Einverständnisses schwieg sie nur; darin lag aber schon gleichsam etwas Drohendes. Stepan Trophimowitsch bemerkte davon natürlich nichts und verlangte eilig -- er beeilte sich entsetzlich --, sie solle nur schnell aus dem Zimmer gehen und ihm sofort das Essen bringen -- »und keine Zeit vertrödeln!« fügte er hinzu.
Da aber hielt die Bäuerin mit dem Schnurrbart nicht mehr an sich:
»Herr, das ist hier kein Gasthaus, wir haben kein Essen für die Reisenden. Krebse kann ich Ihnen noch kochen oder einen Samowar aufstellen, aber weiter auch nichts. Frischen Fisch wird's erst morgen geben.«
Doch Stepan Trophimowitsch ertrug keinen Einwand und rief fuchtelnd in zorniger Ungeduld: »Bezahle, bezahle alles, nur schneller, schneller!« Endlich kamen sie dahin überein, daß eine Fischsuppe gekocht und ein Huhn gebraten werden sollte. Die Bäuerin sagte zwar, daß ein Huhn im ganzen Dorf nicht zu haben sei, einstweilen aber wollte sie doch versuchen, eines aufzutreiben, wenn sie es auch mit einer Miene versprach, als ob sie damit eine ungeheure Gefälligkeit erweise.
Kaum war sie aus dem Zimmer, als Stepan Trophimowitsch sich schnell auf den Diwan setzte und Ssofja Matwejewna zwang, sich neben ihn zu setzen. Es war, für eine Bauernstube, ein recht eigentümlich möbliertes großes Zimmer. Außer einem gepolsterten Sofa standen noch zwei alte Lehnstühle darin, und an den Wänden, die mit alten gelben, zerrissenen Tapeten beklebt waren, hingen schauderhafte mythologische Öldruckbilder. Nur eine Ecke war noch Bauernstube: mit einer langen Reihe von Heiligenbildern, teils auf Holz, teils in dreiteiligen Metallschränkchen. In einer anderen Ecke stand hinter einer niedrigen Scheidewand ein Bett. Kurz, das Zimmer machte mit seiner halb städtischen, halb bäurischen Einrichtung einen unschönen Eindruck. Doch Stepan Trophimowitsch sah das alles überhaupt nicht, ja er warf überhaupt nicht einmal einen Blick durch das Fenster auf den großen See, der kaum dreißig Schritte vom Hause begann.
»Endlich sind wir allein! Wir werden niemanden hereinlassen! Ich will Ihnen alles, alles, von Anfang an erzählen.«
Doch Ssofja Matwejewna fiel ihm in nicht geringer Unruhe ins Wort:
»Wissen Sie auch, Stepan Trophimowitsch ...«
»_Comment, vous savez déjà mon nom?_«{[253]} fragte er, freudig lächelnd ...
»Ich hörte vorhin, wie Anissim Iwanowitsch Sie anredete, als Sie mit ihm sprachen. Aber ich möchte es wagen, Sie meinerseits auf etwas aufmerksam zu machen ...«
Und sie flüsterte ihm, ängstlich nach der geschlossenen Tür blickend, zu, daß es hier im Dorf ein wahrer Jammer sei: die Bauern seien zwar von Hause aus Fischer, lebten aber mehr davon, daß sie im Sommer von den Reisenden, die hier auf das Dampfschiff warteten, so viel Geld verlangten, wie ihnen gerade einfiel. Das Dorf liege nicht an der großen Landstraße, sondern abseits, und man komme nur deswegen hierher, weil der Dampfer hier anlege, wenn aber nur etwas schlechteres Wetter sei, so komme er überhaupt nicht, und dann sammelten sich hier sehr viele Reisende an: jetzt zum Beispiel sei schon das ganze Dorf besetzt, und darauf warteten die Hauswirte nur, denn dann könnten sie für alles das Dreifache verlangen, der Mann aber dieser Bäuerin mit dem Schnurrbart sei sehr stolz und hochmütig, denn er sei der reichste Mann im Dorf, ein einziges seiner Netze koste allein schon an die tausend Rubel usw. usw.