Part 66
»Endlich hast du es verstanden!« rief Kirilloff begeistert. »Also kann man es doch verstehen, wenn sogar so einer wie du es verstanden hat! Verstehst du jetzt, daß die ganze Errettung für alle ist -- allen diesen Gedanken zu beweisen. Wer aber wird ihn beweisen? Ich! Ich verstehe nicht, wie bis jetzt ein Atheist wissen konnte, daß es Gott nicht gibt, und sich doch nicht sofort selbst tötete? Erkennen, daß es Gott nicht gibt und nicht im selben Augenblick mit eins erkennen, daß man dadurch selbst Gott geworden ist -- ist eine Ungereimtheit, denn anderenfalls würde man sich unbedingt selbst töten. Wenn du erkenntest -- so bist du Zar, und du brauchst dich nicht mehr selbst zu töten, sondern wirst in der allergrößten Herrlichkeit leben. Aber einer, der erste, der das erkennt, der muß sich unbedingt selbst töten, denn wer wird sonst beginnen und beweisen? Also töte ich mich selbst, unfehlbar, um zu beginnen und zu beweisen. Ich bin erst noch gezwungenermaßen Gott und bin unglücklich, denn ich bin _verpflichtet_, Eigenwillen zu bezeugen. Alle sind unglücklich, denn alle fürchten sich, Eigenwillen zu zeigen. Eben deshalb ist der Mensch bis jetzt so unglücklich und arm gewesen, weil er sich fürchtete, den Hauptpunkt, den Kern des Eigenwillens durchzusetzen, und weil er nur so drumherum, am Rande ein wenig Eigenwillen oder Mutwillen trieb wie ein Schuljunge. Ich bin schrecklich unglücklich, denn ich habe schreckliche Angst. Die Angst ist der Fluch des Menschen ... Aber ich werde Eigenwillen offenbaren, ich bin verpflichtet, fest daran zu glauben, daß ich nicht glaube. Ich werde beginnen und werde beenden, und werde das Tor öffnen. Und retten. Nur dieses allein wird alle Menschen retten und schon in der nächsten Generation physisch verändern. Denn in der jetzigen körperlichen Form kann, so viel ich glaube, der Mensch ohne den früheren Gott nicht sein. Ich habe drei Jahre das Attribut meiner Gottheit gesucht und habe es schließlich gefunden: das Attribut meiner Gottheit ist -- Eigenwille! Das ist alles, womit ich im Hauptpunkt meine Nichtunterwürfigkeit beweisen kann und meine neue furchtbare Freiheit. Denn sie ist maßlos furchtbar. Ich töte mich, um meine Nichtunterwürfigkeit zu beweisen und meine neue furchtbare Freiheit.«
Sein Gesicht war unnatürlich bleich, sein Blick unerträglich schwer. Er war wie im Fieber. Pjotr Stepanowitsch fürchtete schon, er werde sogleich hinfallen.
»Gib die Feder!« rief Kirilloff plötzlich ganz unerwartet in entschiedener Verzückung -- »diktiere, ich unterschreibe alles. Auch, daß ich Schatoff getötet, unterschreibe ich. Diktiere, solange es mir lachhaft ist! Ich fürchte die Gedanken der anmaßenden Sklaven nicht! Du wirst selbst sehen, daß alles Geheimnisvolle offenbar werden wird. Du aber wirst zerdrückt werden ... Ich aber glaube! Ich glaube!«
Pjotr Stepanowitsch schnellte empor, gab ihm im Nu das Tintenfaß und ein Blatt Papier und begann sofort zu diktieren, um den günstigen Augenblick nicht zu verpassen, zitternd für das Gelingen.
»Ich, Alexei Kirilloff, erkläre ...«
»Wart! So will ich nicht! Erkläre wem?«
Kirilloff bebte wie im Fieber. Diese Erklärung und irgendein besonderer plötzlicher Gedanke in bezug auf diese Erklärung hatten ihn, wie es schien, ganz und gar verschlungen, als ob sie ein Ausweg wäre, auf den sich, wenn auch nur auf einen Augenblick, sein müdgequälter Geist stürzte.
»Erkläre wem? Will wissen wem?«
»Ach, niemandem, allen, dem ersten, der es liest! Wozu das bestimmen? Der ganzen Welt!«
»Der ganzen Welt? Bravo! Und daß keine Reue nötig ist! Ich will nicht bereuen. Und ich will auch nicht an die Obrigkeit!«
»Aber nein doch, das ist ja auch gar nicht nötig, zum Teufel mit der Obrigkeit! Aber so schreiben Sie doch, wenn Sie ernstlich! ...« schrie Pjotr Stepanowitsch in hysterischer Nervosität ihn an.
»Wart! Ich will erst eine Fratze mit herausgestreckter Zunge malen.«
»Ach was, Unsinn! Teufel, das kann man auch ohne Malerei ausdrücken, einfach mit dem Ton.«
»Mit dem Ton? Das ist gut. Ja, mit dem Ton, mit dem Ton! Diktier mir mit dem Ton!«
»Ich, Alexei Kirilloff,« diktierte fest und befehlend Pjotr Stepanowitsch, über die Schulter Kirilloffs gebeugt und jeden Buchstaben, den dieser mit seiner zitternden Hand schrieb, mit den Augen verfolgend, »-- ich, Kirilloff, erkläre, daß ich heute, am ...sten Oktober, am Abend um acht Uhr, den Studenten Schatoff im Park getötet habe und zwar für Verrat und Anzeige der Proklamationen, sowie Fedjkas, der bei uns beiden im Filippoffschen Hause zehn Tage gewohnt und genächtigt hat. Ich erschieße mich aber heute mit einem Revolver nicht deswegen, weil ich bereue und euch fürchte, sondern weil ich schon im Auslande die Absicht hatte, mir das Leben zu nehmen.«
»Und das ist alles?« fragte erstaunt und unwillig Kirilloff.
»Kein Wort mehr!« sagte Pjotr Stepanowitsch, mit der Hand abwinkend, und suchte ihm das Papier zu entreißen.
»Wart!« rief Kirilloff und legte fest seine Hand auf das Blatt. »Wart, Unsinn! Will noch sagen, mit wem ich erschlagen habe. Warum Fedjka? Und die Brandstiftung? Ich will alles und will sie noch ausschimpfen mit dem Ton, mit dem Ton!«
»Genug, Kirilloff, ich versichere Ihnen, das ist vollkommen genug!« flehte Pjotr Stepanowitsch geradezu, denn er zitterte vor Angst, daß Kirilloff das Papier vielleicht wieder zerreißen werde. »Damit die es glauben, muß es so dunkel wie möglich sein, nur mit Andeutungen, gerade so! Man muß nur ein Eckchen der Wahrheit zeigen, nur soviel, um sie irrezuführen. Die werden sich schon selbst weit mehr vorlügen, als wir es könnten, und sich selbst werden sie natürlich mehr glauben als uns -- und das ist doch gerade das Beste, das Allerbeste! Geben Sie her, es ist wundervoll so. Geben Sie! Geben Sie!«
Und er bemühte sich immer noch, ihm das Papier zu entwenden, es ihm unter der Hand wegzuziehen. Kirilloff hatte die Augen weit aufgerissen, hörte wohl auch zu und schien sogar begreifen zu wollen, doch hatte er wahrscheinlich schon aufgehört, zu verstehen.
»Teufel!« entfuhr es plötzlich wütend Pjotr Stepanowitsch. »Er hat ja noch gar nicht unterschrieben! Was starren Sie denn so, unterschreiben Sie doch!«
»Ich will ausschimpfen ...« murmelte Kirilloff, nahm aber doch gehorsam die Feder und schrieb seinen Namen. »Ich will ausschimpfen ...«
»Schreiben Sie meinetwegen: _Vive la république_,{[199]} und damit dann genug.«
»Bravo!« schrie, brüllte fast Kirilloff vor Entzücken auf. »_Vive la république démocratique, sociale et universelle ou la mort!_ ... Nein, nein, nicht so. _Liberté, egalité, fraternité ou la mort._{[200]} Das ist noch besser, noch besser,« und er schrieb es mit sichtlichem Hochgenuß unter seinen Namenszug.
»Genug jetzt, wirklich genug!« wiederholte Pjotr Stepanowitsch.
»Wart, noch ein ... Ich, weißt du, ich werde noch einmal auf französisch unterschreiben: >_de Kirilloff, gentil-homme russe et citoyen du monde_.<{[201]} Hahahahaha!« lachte er auf. »Nein, nein, nein, wart, habe es noch besser gefunden, am allerbesten, Heureka! -- >_gentil-homme-séminariste russe et citoyen du monde civilisé_!<{[202]} Das ist am allerbesten ...« -- -- -- und er sprang jäh auf, ergriff plötzlich mit einer schnellen Bewegung seinen Revolver, stürzte in das andere Zimmer und schlug die Tür fest hinter sich zu.
Pjotr Stepanowitsch stand einen Augenblick nachdenklich da und sah gespannt auf die geschlossene Tür.
»Wenn sofort -- dann ist es möglich, daß er abdrückt, fängt er aber an zu denken -- dann wird nichts geschehen.«
Vorläufig nahm er das Blatt in die Hand, setzte sich wieder und sah das Geschriebene noch einmal durch. Die Abfassung gefiel ihm wieder ungemein.
»Was fehlt uns jetzt! Es ist ja weiter nichts nötig, wie sie für eine Zeitlang ganz aus der Fassung zu bringen und abzulenken. Park? In der Stadt gibt es keinen Park. Aber sie werden schon mit ihrem eigenen Verstande auf Skworeschniki verfallen. Bis sie aber darauf verfallen, vergeht Zeit, bis sie suchen -- wieder Zeit, und finden sie die Leiche -- so ist hier nur die Wahrheit geschrieben worden, folglich muß auch alles andere richtig sein, auch das von Fedjka. Was aber bedeutet Fedjka? Fedjka -- das ist der Brand, Fedjka, das sind Lebädkins: folglich ist alles aus dem Filippoffschen Hause gekommen, sie aber haben nichts davon gesehen, haben nichts durchschauen können, -- und gerade das wird sie schon vollends verwirren! Auf die Unsrigen aber werden sie überhaupt nicht verfallen. Es waren also Schatoff und Kirilloff und Fedjka und Lebädkin; warum sie aber einander totgeschlagen haben -- das ist dann für die Leute noch so eine kleine Frage zum Zeitvertreib. Zum Teufel, wo bleibt denn der Schuß! ...«
Pjotr Stepanowitsch hatte die ganze Zeit, wenn er auch las und sich über die Abfassung freute, doch gleichzeitig jeden Augenblick mit quälender Unruhe gehorcht und -- plötzlich wurde er wütend. Erregt zog er die Uhr hervor: es war schon sehr spät; und Kirilloff mochte vor bereits zehn Minuten hinausgegangen sein ... Er ergriff das Licht und ging zur Tür des Nebenzimmers. An der Tür sah er plötzlich und kam es ihm zu Bewußtsein, daß auch das Licht schon heruntergebrannt war und vielleicht nach zwanzig Minuten auslöschen werde, daß ein anderes aber nicht vorhanden war. Vorsichtig umfaßte er mit der Hand die Klinke und horchte. Kein einziger Laut drang aus dem anderen Zimmer. Plötzlich öffnete er die Tür und erhob das Licht: da brüllte etwas auf und stürzte auf ihn zu. Hastig schlug er die Tür zu und stemmte sich mit aller Kraft gegen sie, aber schon war alles verstummt -- und wieder Totenstille.
Lange stand er so in seiner Unentschlossenheit mit dem Licht in der Hand. In dem kurzen Augenblick, nach dem Öffnen der Tür, hatte er nur sehr wenig sehen können, aber er erinnerte sich doch des Gesichts Kirilloffs, der am anderen Ende des Zimmers am Fenster gestanden hatte, und der tierischen Wut, mit der er zur Tür gestürzt war. Plötzlich regte sich etwas im Nebenzimmer.
Pjotr Stepanowitsch stellte schnell das Licht auf den Tisch, ergriff seinen Revolver und sprang auf den Fußspitzen zur Seite in die entgegengesetzte Ecke, so daß er, falls Kirilloff die Tür öffnete und auf den Tisch zuschritt, noch vor Kirilloff zielen und abdrücken konnte.
Aber es blieb wieder alles ruhig.
Daß Kirilloff jetzt noch den Selbstmord begehen werde, daran glaubte Pjotr Stepanowitsch schon gar nicht mehr.
»Er stand offenbar und dachte,« ging es ihm blitzartig durch den Kopf. »Dazu noch ein dunkles, unheimliches Zimmer ... Er brüllte auf und stürzte zur Tür -- hier sind zwei Möglichkeiten: entweder störte ich ihn gerade in dem Augenblick, als er den Hahn abdrücken wollte, oder ... oder er stand und überlegte, wie er mich töten könnte. Ja, das wird's gewesen sein, er überlegte ... Er weiß, daß ich nicht vorher fortgehe, als bis er tot ist, daß ich ihn töten werde, wenn er selbst dazu zu feige ist -- also muß er mich zuerst töten, damit nicht ich ihn töte ... Und wieder, wieder bleibt dort alles still! ... Einfach gruselig: plötzlich macht er die Tür auf ... Die Schweinerei ist ja bloß, daß er an Gott noch mehr glaubt als ein Pope ... Wird sich nicht erschießen, um keinen Preis! Oh ... Solche, wie er, die mit >eigenem Verstande so weit kommen<, vermehren sich ja jetzt ungeheuer. Lumpenpack! Teufel, das Licht, das Licht! In einer Viertelstunde ist es ausgebrannt, spätestens ... Muß Schluß machen, muß unbedingt, was es auch koste, Schluß machen ... Was, -- totschlagen kann man ihn ja jetzt ... Nach diesem Papier kann niemand denken, daß ich ihn erschossen habe. Man kann ihn schon so auf die Diele legen und zurechtbiegen, mit abgeschossenem Revolver in der Hand, daß man unbedingt glauben muß, er selbst ... Teufel, aber wie ihn nur erschießen? Wenn ich aufmache, wird er sich wieder auf mich stürzen und noch vor mir abdrücken. Teufel, nein, er wird natürlich nicht treffen ... Immerhin ...«
So quälte er sich hin und her und ward immer unruhiger infolge der unumgänglichen Notwendigkeit der Tat einerseits und der eigenen Unentschlossenheit andererseits. Schließlich nahm er wieder den Leuchter und trat wieder leise zur Tür, wobei er den Revolver hob und den Hahn spannte, dann mit der linken Hand, in der er das Licht hielt, die Klinke zu öffnen versuchte -- aber es gelang nicht: das Schloß kreischte nur und öffnete sich nicht. »Er wird sofort auf mich schießen!« dachte Pjotr Stepanowitsch, riß die Tür auf und erhob Licht und Revolver ... Doch kein Schuß ertönte ... Auch kein Schrei ... Im Zimmer war kein Mensch.
Er fuhr zusammen. Einen anderen Ausgang hatte das Zimmer nicht, aus ihm zu entfliehen war unmöglich. Er hob das Licht noch höher und blickte noch aufmerksamer hinein: nein, kein Mensch. Halblaut rief er einmal Kirilloff und dann zum zweitenmal lauter, aber niemand antwortete.
»Sollte er aus dem Fenster gesprungen sein?«
Tatsächlich war das Luftfenster offen.
»Unsinn, durchs Luftfenster kann er doch nicht durch.« Pjotr Stepanowitsch ging durch das ganze Zimmer zum Fenster. »Unmöglich konnte er hier durch!« Plötzlich wandte er sich blitzschnell um und etwas Ungewöhnliches erschütterte ihn.
An der Wand, die dem Fenster gegenüber lag, stand links von der Tür ein Schrank. An der linken Seite dieses Schrankes aber, in der Ecke zwischen der anderen Wand und dem Schrank, stand Kirilloff und stand furchtbar sonderbar, -- unbeweglich, stramm, die Hände militärisch an den Nähten, den Kopf erhoben und mit dem Rücken fest an die Wand gepreßt ... Allem Anscheine nach wollte er sich verstecken, aber das war wiederum nicht glaubhaft. Pjotr Stepanowitsch stand ein wenig schräg zu der Ecke und sah nur die hervortretenden Teile der Gestalt. Er konnte sich aber noch nicht entschließen, weiter nach links zu gehen und das Rätsel zu lösen. Sein Herz schlug laut. Und plötzlich erfaßte ihn eine rasende Wut: er riß sich von der Stelle, schrie auf und stürzte trampelnd zu der furchtbaren Stelle.
Doch wie er unmittelbar vor ihm stand, blieb er wie angewurzelt stehen, noch mehr von Entsetzen betäubt. Vor allem frappierte es ihn, daß die Gestalt sich trotz seines Schreies und wütenden Anlaufs nicht einmal bewegte, nicht einmal zuckte, auch nicht mit einem einzigen Gliede -- ganz, als ob sie versteint oder aus Wachs gewesen wäre. Die Blässe des Gesichts war unnatürlich, die schwarzen Augen waren unbeweglich und sahen auf irgendeinen Punkt im leeren Raum. Pjotr Stepanowitsch führte das Licht von oben nach unten und wieder nach oben und sah aufmerksam dieses Gesicht an. Und plötzlich gewahrte er, daß Kirilloff, wenn er auch geradeaus in die Luft blickte, ihn doch seitlich sah und womöglich noch beobachtete. Da kam ihm der Gedanke, das Licht »diesem Schurken« an das Gesicht zu legen, es anzubrennen, um zu sehen, was er dann tun werde. Plötzlich aber schien es ihm, daß Kirilloffs Kinn sich bewege und über die Lippen ein Spottlächeln flimmere -- ganz als ob jener seinen Gedanken erraten hätte. Er erbebte und außer sich vor Wut packte er Kirilloff an der Schulter.
Da geschah aber etwas dermaßen Unglaubliches, und geschah so schnell, daß Pjotr Stepanowitsch sich später in seiner Erinnerung selbst nicht mehr zurechtfand. Kaum hatte er Kirilloff berührt, als dieser plötzlich seinen Kopf fallen ließ und ihm mit dem Kopf das Licht aus der Hand schlug. Der Leuchter fiel mit lautem Gepolter zu Boden, und das Licht erlosch. Im selben Augenblick noch fühlte er einen furchtbaren Schmerz im kleinen Finger seiner linken Hand. Er schrie auf, und später wußte er nur noch, daß er, außer sich, Kirilloff, der seinen Finger nicht aus den Zähnen ließ, dreimal mit dem Revolver auf den Kopf geschlagen hatte. Doch es gelang ihm endlich, den Finger herauszureißen. Und er stürzte fort, hinaus, so schnell er in der Dunkelheit nur konnte, aus dem Zimmer, aus der Wohnung. Ihm nach aber drangen die furchtbaren Schreie:
»Sofort, sofort, sofort, sofort!«
Wohl mehr als zehnmal. Aber Werchowenski lief immer noch weiter, weiter, durch die Dunkelheit, suchte schon im Flur die Ausgangstür, als plötzlich ein lauter Schuß erschallte. Da erst blieb er stehen, im Flur, in der Dunkelheit, und überlegte wohl fünf Minuten lang. Endlich kehrte er wieder um und ging in die Wohnung zurück. Zuerst mußte Licht geschafft werden. Dazu brauchte er nur den aus der Hand geschlagenen Leuchter auf dem Boden aufzusuchen, rechts vom Schrank; aber womit dann den Lichtstumpf anzünden? Er selbst hatte nichts bei sich. Eine dunkle Erinnerung zog ihm durch den Kopf: es war ihm, als hätte er am Abend vorher, als er in die Küche zu Fedjka gestürzt war, in der Ecke auf dem Küchenbrett flüchtig eine große rote Streichholzschachtel bemerkt. Tastend ging er also zuerst nach links, zur Küchentür, fand sie schließlich und stieg dann die drei Stufen hinunter. Richtig: auf dem Brett, gerade an der Stelle, an die er sich erinnert hatte, fand er in der Dunkelheit eine große, noch nicht geöffnete Streichholzschachtel. Ohne anzuzünden, kehrte er eilig zurück und erst beim Schrank, auf derselben Stelle, wo er vorhin gestanden hatte, als er den ihn beißenden Kirilloff mit dem Revolver auf den Kopf schlug, fiel ihm plötzlich sein gebissener Finger ein, und in derselben Sekunde fühlte er auch einen fast unerträglichen Schmerz in ihm. Er biß die Zähne zusammen, zündete mit genauer Not noch den kleinen Lichtstumpf an und dann erst sah er sich um: nicht weit von dem Fenster, dessen Luftfenster offen war, lag, mit den Füßen zu jener Ecke des Zimmers, die Leiche Kirilloffs. Er hatte sich in die rechte Schläfe geschossen und oben an der linken Seite des Kopfes hatte die Kugel wieder den Schädel durchschlagen. Blut und Hirnspritzer sah man auf der Diele. Der Revolver war in der Hand des Selbstmörders geblieben. Der Tod mußte sofort eingetreten sein. Nachdem Pjotr Stepanowitsch alles genau betrachtet hatte, erhob er sich wieder und ging auf den Fußspitzen aus dem Zimmer, schloß hinter sich die Tür, stellte das Licht auf den Tisch vor dem Sofa, dachte ein wenig nach und beschloß dann, es nicht auszulöschen, da durch dieses Licht im Leuchter doch kein Brand entstehen konnte. Er blickte noch einmal auf das Dokument und lächelte mechanisch. Darauf verließ er, ich weiß nicht warum, immer noch leise auf den Fußspitzen gehend, endgültig langsam das Haus. Wieder kroch er durch Fedjkas geheimen Gang und schloß ihn hinter sich sorgfältig mit dem Brett.
III.
Zehn Minuten vor sechs gingen Pjotr Stepanowitsch und Erkel auf dem Bahnhof längs des diesmal ziemlich langen Zuges auf und ab. Pjotr Stepanowitsch fuhr fort und Erkel begleitete ihn. Das Gepäck war schon aufgegeben, der Reisesack lag auf dem ausgesuchten Platz in einem Waggon der zweiten Klasse. Das erste Glockenzeichen war schon ertönt und man wartete auf das zweite. Pjotr Stepanowitsch sah sich wie gewöhnlich neugierig nach allen Seiten um, und betrachtete die Einsteigenden. Nähere Bekannte aber waren nicht zu sehen. Allem Anschein nach wollte Erkel in diesen letzten Minuten noch von etwas Wichtigerem sprechen -- wenn er auch vielleicht selbst nicht wußte, wovon eigentlich; aber er wagte nicht anzufangen. Es schien ihm sogar, daß er Pjotr Stepanowitsch lästig fiel und daß dieser mit Ungeduld auf das zweite Glockenzeichen wartete.
»Sie sehen so offen alle Menschen an,« bemerkte er etwas schüchtern, als wollte er warnen.
»Warum soll ich denn nicht? Noch darf ich mich nicht verstecken. Ist noch zu früh. Beunruhigen Sie sich nicht. Nur eines fürchte ich, daß der Teufel mir den Liputin an den Hals schickt, der könnte es riechen und herlaufen!«
»Pjotr Stepanowitsch, die sind nicht zuverlässig,« sagte Erkel endlich schüchtern.
»Liputin?«
»Alle, Pjotr Stepanowitsch.«
»Unsinn, jetzt sind sie durch das Gestrige gebunden. Kein einziger wird verraten. Wer wird sich denn selbst ins Unglück stürzen, wenn er nicht den Verstand verloren hat?«
»Aber die haben doch den Verstand verloren!«
Dieser Gedanke war wohl auch Pjotr Stepanowitsch schon durch den Kopf gegangen. Darum ärgerte ihn diese Bemerkung Erkels noch mehr.
»Sind Sie nicht auch schon feige geworden, Erkel? Ich verließ mich auf Sie eigentlich mehr, als auf die anderen zusammen. Jetzt weiß ich, was jeder von ihnen wert ist. Teilen Sie ihnen alles heute noch mündlich mit. Ich vertraue sie Ihnen an. Gehen Sie schon am Morgen zu allen. Meine schriftliche Instruktion können Sie ihnen morgen oder übermorgen vorlesen, wenn sie versammelt sind und fähig, sie zu verstehen ... Glauben Sie mir, die haben furchtbare Angst und werden jetzt weich wie Wachs sein ... Aber die Hauptsache, werden Sie nur nicht melancholisch ...«
»Ach, Pjotr Stepanowitsch, es wäre wirklich besser, wenn Sie nicht verreisten!«
»Aber ich verreise doch nur auf ein paar Tage: ich bin ja im Augenblick wieder zurück.«
»Pjotr Stepanowitsch,« sagte Erkel schüchtern, »und selbst wenn Sie auch nach Petersburg reisen sollten ... Ich verstehe doch, ich weiß doch, daß Sie nur das für die allgemeine Sache Notwendige tun.«
»Von Ihnen habe ich auch nicht weniger als volles Verständnis erwartet, Erkel. Wenn Sie erraten haben, daß ich nach Petersburg fahre, so werden Sie auch verstehen, daß ich ihnen gestern, in jenem Augenblick, nicht gleich sagen konnte, daß ich in der Tat so weit reise. Ich hätte sie nur unnütz erschreckt. Sie haben ja selbst gesehen, wie sie da alle waren. Aber Sie verstehen doch, daß ich es für die große und wichtige Sache tun muß, für unsere allgemeine Sache, und nicht etwa, um mich persönlich in Sicherheit zu bringen, wie vielleicht irgendein Liputin annimmt.«
»Ich verstehe es ohne weiteres, Pjotr Stepanowitsch, und selbst wenn Sie ins Ausland fahren sollten, ich verstehe es doch, ich weiß, daß Sie Ihre Person nicht so aufs Spiel setzen dürfen, denn Sie sind alles, wir aber sind nichts. Oh, ich verstehe schon, Pjotr Stepanowitsch.«
Die Stimme des armen Knaben bebte sogar.
»Ich danke Ihnen, Erkel ... Au, Sie haben meinen kranken Finger berührt.« (Erkel hatte ihm recht fest die Hand drücken wollen und dabei nicht an die Verletzung gedacht; der kranke Finger war kunstvoll mit schwarzem Taffett verbunden.) »Aber ich kann Ihnen nur wiederholen, daß ich in Petersburg bloß ein wenig schnuppern will, bleibe dort im ganzen vielleicht vierundzwanzig Stunden -- und dann sofort wieder hierher. Zuerst werde ich mich hier auf dem Lande bei Gaganoff niederlassen, Sie verstehen doch -- der Leute wegen. Wenn aber die Unsrigen irgendeine Gefahr wittern sollten, so werde ich als erster diese Gefahr mit ihnen teilen. Sollte ich aber etwas länger in Petersburg bleiben müssen, so teile ich es Ihnen sofort mit ... auf dem bekannten Wege, und Sie sagen es dann den anderen.«
Das zweite Glockenzeichen ertönte.
»Ah, also noch fünf Minuten bis zur Abfahrt. Wissen Sie, ich würde es nicht wünschen, daß diese Gruppe hier auseinanderfällt. Das heißt nicht, daß mir so sehr viel daran läge; nein; brauchen sich um mich weiter keine Sorgen zu machen: solcher Knötchen des großen Netzes habe ich ja genug und brauche nicht um eine einzige so sehr zu bangen. Aber eine Gruppe mehr ist immerhin eine Gruppe mehr und als solche nicht zu verachten. Übrigens, um Sie mache ich mir keine Sorgen, wenn ich Sie auch fast allein mit diesen Mißgeburten hier zurücklasse: beunruhigen Sie sich nicht, die werden nicht denunzieren, werden es gar nicht wagen ... -- A--ah, und auch Sie heute?« rief er plötzlich mit ganz anderer, heiterer Stimme einem sehr jungen Menschen zu, der freundlich auf ihn zutrat, um ihn zu begrüßen. »Sie fahren also auch mit dem Schnellzug? Wohin denn? Zur Mama?«
Die Mutter des jungen Menschen war eine schwerreiche Gutsbesitzerin des Nachbargouvernements, und der junge Mann, der weitläufig mit Julija Michailowna verwandt war, hatte als Gast zwei Wochen in unserer Stadt verbracht.
»Nein, ich fahre weiter, nach K... Acht Stunden Eisenbahnfahrt stehen mir bevor. Und Sie nach Petersburg?« fragte der junge Mann frohgemut.