Part 65
Natürlich erzählt man sich jetzt bei uns viele Geschichten und Einzelheiten über diese ganze Zeit, doch wieviel mag davon wahr sein? Das Nähere werden wohl nur die wissen, die sich von Amts wegen mit der ganzen Angelegenheit haben beschäftigen müssen. Ich für mein Teil nehme denn auch nur nach meinen eigenen Erwägungen an, daß Pjotr Stepanowitsch außer in unserer Stadt noch andere Verbindungen hat haben können, und in dem Fall ist es allerdings sehr leicht möglich, daß man ihm jetzt auf der Spur war. Ja, ich bin sogar trotz des zynischen und schrecklichen Zweifels selbst in Liputin fest überzeugt, daß Pjotr Stepanowitsch noch zwei, drei andere »Fünfer«-Gruppen gegründet hatte, und daß er in allen größeren Städten, wenn auch vielleicht nicht durchweg »Fünfer«-Gruppen hatte, so doch geheime Verbindungen und Beziehungen zu allen möglichen Menschen unterhielt. Nicht später als drei Tage nach seiner Abreise erhielt unsere Stadtobrigkeit aus Petersburg denn auch tatsächlich den Befehl, ihn zu verhaften: für welche Vergehen, ob für die bei uns begangenen oder andere -- das weiß ich nicht. Dieser Befehl traf hier gerade noch zur richtigen Zeit ein, um den unheimlichen Eindruck und die Angst verstärken zu helfen, die plötzlich unsere immer noch so leichtsinnige Gesellschaft samt Polizei und Verwaltung ergriffen hatte, als mit einem Male die geheimnisvolle und schwerwiegende Ermordung des Studenten Schatoff, sowie die rätselhaften Umstände, von denen sie begleitet war, bekannt wurden. Aber der Befehl selbst kam zu spät: Pjotr Stepanowitsch war schon unter fremdem Namen in Petersburg, von wo aus er dann schnell über die Grenze entwischte. -- Doch ich greife vor.
Als Werchowenski bei Kirilloff eintrat, sah er böse und zanksüchtig aus: es war, als ob er Kirilloff außer der Hauptsache noch ganz persönlich etwas antun, sich an ihm für irgend etwas noch ganz besonders rächen wollte.
Kirilloff war über sein Erscheinen gleichsam erfreut; man sah, daß er schon furchtbar lange und in krankhafter Ungeduld auf ihn gewartet hatte. Sein Gesicht war bleicher als gewöhnlich, der Blick der dunklen Augen schwer und unbeweglich.
»Ich dachte, Sie kommen nicht,« sagte er schwer von der Sofaecke aus, in der er übrigens sitzen blieb, statt seinem Gast entgegenzugehen.
Pjotr Stepanowitsch blieb vor ihm stehen und musterte zunächst, bevor er ein Wort sprach, prüfend Kirilloffs Gesicht.
»Also alles in Ordnung und wir treten von unserem Vorhaben nicht zurück, das ist brav!« sagte er mit beleidigend gönnerhaftem Lächeln. »Nun, und daß ich etwas spät gekommen bin,« fügte er mit gemeiner Scherzhaftigkeit hinzu, »darüber hätten Sie sich doch nicht zu beklagen: habe Ihnen doch somit drei Stunden geschenkt.«
»Ich will von Ihnen gar keine überflüssigen Stunden geschenkt haben, und du kannst mir überhaupt nichts schenken ... Dummkopf!«
»Was?« Pjotr Stepanowitsch fuhr schon auf, beherrschte sich aber sofort. »Das ist mir mal eine Empfindlichkeit! Ach so, wir sind wohl erzürnt?« fragte er scharf, mit demselben beleidigenden Hochmut. »In so einem Augenblick ist Ruhe mehr am Platz. Am besten wäre es aber, sich für Kolumbus zu halten, und auf mich wie auf eine Maus, die einen überhaupt nicht beleidigen kann, herabzusehen. Das habe ich schon gestern anempfohlen.«
»Ich will nicht auf dich wie auf eine Maus sehen.«
»Was soll das, ein Kompliment? ... Hm, auch der Tee ist kalt -- also alles drunter und drüber. Nein, das ist mir zu unzuverlässig. Ah! aber was sehe ich denn dort auf dem Fensterbrett?« (er ging hin). »Wahrhaftig -- ein Huhn mit Reis! ... Warum haben Sie mir das bis jetzt noch nicht angeboten? Wir befanden uns also in einer Gemütsverfassung, die sogar ein Huhn ...«
»Ich habe gegessen, und das ist nicht Ihre Sache. Schweigen Sie!«
»Oh, natürlich, und zudem ist das an sich ja auch ganz gleichgültig. Bloß mir ist es jetzt nicht gleichgültig: denken Sie sich, ich habe heute so gut wie gar nicht zu Mittag gespeist und darum, wenn jetzt dieses Huhn, wie ich annehme, nicht mehr nötig ist, -- wie?«
»Essen Sie, wenn Sie können.«
»Ei, danke, und dann nachher noch Tee.«
Er setzte sich im Nu an den Tisch, am anderen Ende des Sofas, und machte sich mit ungewöhnlicher Gier ans Essen; doch gleichzeitig beobachtete er jeden Augenblick sein Opfer. Kirilloff sah ihm mit bösem Widerwillen regungslos zu, wie außerstande, seinen Blick von ihm loszureißen.
»Einstweilen,« -- Pjotr Stepanowitsch sah plötzlich auf, fuhr aber fort zu essen -- »wie wird es denn damit? Also, wir treten nicht zurück, wie? Und der Zettel?«
»Ich habe in dieser Nacht festgestellt, daß es mir einerlei ist. Werde schreiben. Die Proklamationen?«
»Ja, auch die Proklamationen. Übrigens, ich werde Ihnen diktieren. Ihnen ist es doch ganz gleich. Könnte denn der Inhalt Sie in diesen Minuten wirklich noch beunruhigen?«
»Das geht dich nichts an.«
»Natürlich nicht. Übrigens ... im ganzen nur ein paar Zeilen: daß Sie mit Schatoff die Proklamationen verbreitet haben, unter anderem, mit Hilfe Fedjkas, der sich hier in Ihrer Wohnung verborgen hat. Dieser letzte Punkt über Fedjka und die Wohnung ist sehr wichtig, sogar der allerwichtigste. Sehen Sie, ich bin ganz aufrichtig zu Ihnen.«
»Schatoff? Warum mit Schatoff? Auf keinen Fall schreibe ich von Schatoff.«
»Das fehlte noch, was macht Ihnen denn das aus? Schaden können Sie ihm ja doch nicht mehr.«
»Seine Frau ist zu ihm gekommen. Sie wachte auf und schickte zu mir fragen, wo er ist?«
»Sie hat zu Ihnen geschickt, um zu erfahren, wo er ist? Hm ... das ist nicht ... Dann könnte sie ja wieder schicken ... Hören Sie, niemand darf erfahren, daß ich hier bin ...«
Pjotr Stepanowitsch wurde unruhig.
»Sie wird nicht erfahren, schläft wieder. Bei ihr ist eine Frau, Arina Wirginskaja.«
»Schön, schön, und ... wird es auch nicht hören, denke ich? Wissen Sie, wäre es nicht besser, die Flurtür zu verriegeln?«
»Wird nichts hören. Und wenn Schatoff kommt, verstecke ich Sie ins andere Zimmer.«
»Schatoff wird nicht kommen; und Sie werden schreiben, daß Sie sich mit ihm wegen Verrat und Denunziation überworfen haben ... heute Abend ... und die Ursache seines Todes sind.«
»Er ist tot!« stieß Kirilloff aufspringend hervor.
»Heute um acht Uhr abends, oder richtiger, gestern um acht Uhr abends, denn jetzt ist es schon ein Uhr.«
»Du hast ihn ermordet! ... Und ich habe das gestern vorausgewußt!«
»Wäre auch was gewesen, das nicht vorauszusehen! Hier, sehen Sie, mit diesem Revolver!« (Er zog seinen Revolver aus der Tasche, anscheinend nur um ihn zu zeigen, doch steckte er ihn nicht wieder zurück, sondern behielt ihn in der rechten Hand, wie in Bereitschaft.) »Sie sind doch ein sonderbarer Mensch, Kirilloff, Sie wußten ja schon längst, daß es mit diesem dummen Menschen gerade ein solches Ende nehmen mußte. Was ist denn hier noch vorauszusehen? Ich habe es Ihnen schon mehrmals förmlich in den Mund gelegt. Schatoff bereitete eine Anzeige vor: ich beobachtete ihn; man konnte ihn auf keine Weise so lassen. Ja, und auch Sie hatten doch den Auftrag, auf ihn aufzupassen: Sie haben mir doch selbst noch vor drei Wochen ...«
»Schweig! Das hast du ihn dafür, daß er dir in Genf ins Gesicht gespuckt hat!«
»Auch dafür, und auch noch für anderes. Für vieles andere; übrigens ohne jede Bosheit meinerseits. Warum da aufspringen? Wozu Posen annehmen? Oho! Also so sind wir! ...«
Er sprang auf und erhob seinen Revolver. Kirilloff hatte nämlich seinen Revolver, der schon seit dem Morgen geladen war, vom Fensterbrett genommen. Pjotr Stepanowitsch stellte sich in Positur und zielte auf Kirilloff. Der lachte böse auf.
»Gesteh nur, Schurke, du hast deinen Revolver bloß darum genommen, daß ich dich erschieße ... Aber ich werde dich nicht erschießen ... obgleich ... obgleich ...«
Und wieder erhob er seinen Revolver und zielte auf Pjotr Stepanowitsch, wie außerstande, auf das Vergnügen zu verzichten: sich vorzustellen, wie das wäre, wenn er Pjotr Stepanowitsch jetzt mit einem Schuß niederstrecken würde. Pjotr Stepanowitsch wartete immer noch in Positur, wartete bis zum letzten Augenblick, wartete mit gespanntem Hahn, wobei er doch riskierte, selbst eine Kugel in die Stirn zu bekommen: von diesem »Maniak«, wie er Kirilloff kurzweg nannte, war das zu erwarten. Aber der »Maniak« ließ schließlich die Hand sinken, atemlos und zitternd und unfähig zu sprechen.
»Sie haben gespielt, nun und genug jetzt.« Pjotr Stepanowitsch senkte gleichfalls seinen Revolver. »Ich wußte es ja, daß Sie spielten. Nur, wissen Sie, Sie wagten doch viel: ich hätte abdrücken können.«
Und er setzte sich ziemlich ruhig wieder auf das Sofa und goß sich -- übrigens doch mit ein wenig zitternder Hand -- Tee ein. Kirilloff legte den Revolver auf den Tisch und begann im Zimmer auf und ab zu gehen.
»Ich werde nicht schreiben, daß ich Schatoff getötet habe, und ... ich werde jetzt überhaupt nichts schreiben. Es wird keinen Zettel geben!«
»Nicht?«
»Nein.«
»Welch eine Gemeinheit und was für eine Dummheit!« Pjotr Stepanowitsch wurde vor Wut ganz fahl im Gesicht. »Aber ich habe ja schon so etwas geahnt. Wissen Sie auch, daß ich mich nicht überrumpeln lasse! Aber, -- wie Sie wollen! Wenn ich Sie mit Gewalt zwingen könnte, so würde ich es tun. Sie sind übrigens ein Schurke,« er verlor immer mehr seine Selbstbeherrschung, »Sie haben sich damals von uns Geld geliehen und uns dafür Langes und Breites versprochen ... Nur werde ich Sie doch nicht ganz ohne Resultat verlassen, werde wenigstens sehen, wie Sie sich jetzt selbst die Kugel durch den Kopf jagen.«
»Ich will, daß du sofort gleich hinausgehst.« Kirilloff blieb entschlossen vor ihm stehen.
»Nein, das tue ich auf keinen Fall,« lehnte Pjotr Stepanowitsch ab und ergriff wieder seinen Revolver. »Jetzt kann Ihnen ja aus Wut und Bosheit einfallen, alles aufzuschieben und morgen noch hinzugehen und zu denunzieren, um wieder Geld zu erhalten: dafür wird doch gut gezahlt. Hol' Sie der Teufel, solche Leutchen wie Sie sind zu allem fähig! Nur beunruhigen Sie sich nicht, ich habe alles vorgesehen: ich werde nicht vorher fortgehen, als bis ich Ihnen mit diesem Revolver gleichfalls den Schädel geöffnet habe, wie dem Schufte Schatoff. Wenn Sie selbst zu feige werden und es aufschieben wollen! Hol' Sie der Teufel!«
»Du willst wohl unbedingt auch mein Blut sehen?«
»Nicht aus Bosheit will ich es. Begreifen Sie doch, daß es mir persönlich ganz gleichgültig ist. Ich will es nur, um für unsere Sache ruhig sein zu können. Daß man sich auf einen Menschen nicht verlassen kann, sehen Sie doch selbst. Ich verstehe nichts davon, was Sie da ... -- ich meine, warum Sie sich umbringen wollen. Nicht ich habe diese Phantasie für Sie ausgedacht, sondern Sie selbst, und mitgeteilt haben Sie Ihre Ideen zuerst nicht mir, sondern den anderen ausländischen Gliedern. Und vergessen Sie nicht, daß niemand es aus Ihnen herausgezogen hat, es kannte Sie ja auch niemand, sondern Sie selbst sind gekommen und haben Ihre Gedanken mitgeteilt -- aus Sentimentalität wahrscheinlich. Wer ist aber jetzt daran schuld, wenn damals daraufhin ein Plan für gewisse Taten hier in der Stadt entworfen wurde, und die Hauptsache: mit Ihrer Einwilligung und auf Ihren Vorschlag hin (vergessen Sie das nicht: auf Ihren Vorschlag hin!). Schon deshalb denke ich, daß Sie die Sache jetzt nicht mehr im Stiche lassen dürfen. Sie haben sich so benommen, daß Sie schon zu viel wissen. Wenn Sie nun Furcht bekommen haben und morgen hingehen, um zu denunzieren, wird das für uns dann vorteilhaft sein, oder nicht, was meinen Sie? Nein, Sie haben sich verpflichtet, Sie haben Ihr Wort gegeben, haben Geld genommen. Das können Sie alles unmöglich leugnen ...«
Pjotr Stepanowitsch ereiferte sich mächtig, aber Kirilloff hörte ihm schon längst nicht mehr zu, sondern schritt wieder in Gedanken versunken auf und ab.
»Schatoff tut mir leid,« sagte er endlich und blieb wieder vor Pjotr Stepanowitsch stehen.
»Aber mir tut er ja auch lei... --«
»Schweig, Schurke!« brüllte Kirilloff wild auf und machte eine furchtbare und unzweideutige Bewegung. »Ich schlage dich tot!«
»Nun, nun, nun, schon gut, ich habe gelogen, ich gebe selber zu, es tut mir um ihn nicht ein bißchen leid; nun, schon gut!« Pjotr Stepanowitsch war ängstlich aufgesprungen und hielt den Arm wie zum Schutz erhoben.
Kirilloff wandte sich plötzlich still von ihm ab und begann von neuem durch das Zimmer zu schreiten.
»Ich werde es nicht aufschieben, gerade jetzt will ich mich umbringen: alle sind solche Schurken!«
»Nun, das ist doch ein Gedanke! Selbstverständlich sind alle Schurken, und da es einen anständigen Menschen auf der Welt anekelt, so ...«
»Dummkopf, ich bin ganz eben so ein Schurke wie du, wie alle, aber kein anständiger. Ein anständiger ist noch niemals nirgends gewesen.«
»Na, endlich also erraten! Haben Sie denn wirklich bis jetzt noch nicht begriffen, Kirilloff, Sie mit Ihrem Verstande, daß alle ein und dieselben sind, daß es weder bessere noch schlechtere Menschen gibt, sondern nur klügere und dümmere, und daß, wenn alle Schurken sind (was nebenbei bemerkt Unsinn ist), es folglich einen Nichtschurken auch gar nicht geben kann?«
»Ah! Und du lachst wirklich nicht?« fragte ihn Kirilloff mit einer gewissen Verwunderung. »Du sprichst mit Eifer und einfach ... Haben denn auch solche wie du Überzeugungen?«
»Kirilloff, ich habe nie verstehen können, warum Sie sich töten wollen. Ich weiß nur, daß Sie es aus Überzeugung ... aus fester Überzeugung wollen. Aber wenn Sie das Bedürfnis fühlen, sich, wie man sagt, mitzuteilen, so stehe ich zu Ihrer Verfügung ... Nur muß man die Zeit im Auge behalten ...«
»Wieviel ist die Uhr?«
»Oho, punkt zwei,« sagte Pjotr Stepanowitsch mit einem Blick auf seine Uhr, und er zündete sich eine Zigarette an.
»Ich glaube, ich werde doch noch mit ihm fertig,« dachte er bei sich.
»Ich habe dir nichts zu sagen,« brummte Kirilloff.
»Ich erinnere mich noch, daß da irgend etwas von Gott dabei war ... Sie haben es mir doch einmal erklärt, oder sogar zweimal ... Wenn Sie sich erschießen, so werden Sie Gott, so war es doch, wenn ich mich nicht täusche?«
»Ja, ich werde Gott.«
Pjotr Stepanowitsch lächelte nicht einmal, er wartete; Kirilloff blickte ihn fein an.
»Sie sind ein politischer Betrüger und Intrigant, Sie wollen mich auf die Philosophie hinüberleiten und in Begeisterung bringen, und eine Versöhnung mit mir machen, um den Ärger zu vertreiben, und wenn ich mich versöhne, dann den Brief erbitten, daß ich Schatoff getötet habe.«
Pjotr Stepanowitsch antwortete fast mit natürlicher Offenherzigkeit.
»Nun, mag ich das auch gedacht haben. Nur -- ist Ihnen denn das in diesen letzten Augenblicken nicht ganz gleichgültig, Kirilloff? Worüber zanken wir uns überhaupt, sagen Sie doch bitte selbst: Sie sind solch ein Mensch, und ich bin wieder solch ein Mensch, nun, und was liegt denn daran? Und beide noch dazu ...«
»Schurken.«
»Gut, meinetwegen auch Schurken. Sie wissen doch, daß das nur Worte sind.«
»Ich habe mein ganzes Leben nicht gewollt, daß es nur Worte sind. Ich habe auch nur deswegen gelebt, weil ich das immer nicht wollte. Ich will auch jetzt jeden Tag, daß es nicht nur Worte sind.«
»Nun ja, ein jeder sucht, wo er es besser hätte. Ein Fisch ... das heißt, jeder sucht seinen Komfort ... in seiner Art; und das ist alles. Außerordentlich lange schon bekannt.«
»Komfort, sagst du?«
»Nun, lohnt es sich denn, sich um Worte zu streiten?«
»Nein, du hast das gut gesagt: meinetwegen -- Komfort. Gott ist unentbehrlich und darum muß er sein.«
»Nun, und wunderbar.«
»Aber ich weiß, daß es ihn nicht gibt und nicht geben kann.«
»Das ist schon richtiger.«
»Begreifst du denn wirklich nicht, daß ein Mensch mit zwei solchen Gedanken nicht leben bleiben darf?«
»Sich also erschießen muß?«
»Begreifst du denn wirklich nicht, daß man sich nur allein deswegen erschießen kann? Du kannst es nicht begreifen, daß solch ein Mensch sein kann, ein einziger Mensch von allen euren tausend Millionen, einer, der nicht will und nicht erträgt.«
»Ich verstehe nur, daß Sie, wie's scheint, schwanken ... Das aber ist höchst gemein.«
»Auch Stawrogin ist von der Idee verschlungen,« sagte Kirilloff, die Bemerkung überhörend, und schritt finster durch das Zimmer.
»Wie?« Pjotr Stepanowitsch spitzte die Ohren, »von was für einer Idee? Hat er Ihnen selbst irgend etwas gesagt?«
»Nein, ich habe selbst erraten: Stawrogin, wenn er glaubt, so glaubt er nicht, daß er glaubt. Wenn er aber nicht glaubt, so glaubt er nicht, daß er nicht glaubt.«
»Nun, Stawrogin hat noch etwas anderes, etwas Gescheiteres als das ...« brummte Pjotr Stepanowitsch ärgerlich, während er unruhig die neue Wendung des Gespräches verfolgte und den bleichen Kirilloff beobachtete.
»Zum Teufel, er wird sich nicht erschießen,« dachte Pjotr Stepanowitsch. »Habe es ja immer vorausgefühlt, das war bei ihm nur eine Gehirnspirale, die ganze Idee, und weiter nichts. Solch ein Lumpenpack, diese Kerls, wahrhaftig!«
»Du bist der letzte, der bei mir ist: ich würde nicht böse mit dir auseinandergehen wollen,« sagte plötzlich Kirilloff.
Pjotr Stepanowitsch antwortete nicht sofort. »Weiß der Teufel, was das nun wieder bedeutet!« dachte er.
»Glauben Sie mir, Kirilloff, daß ich nie etwas gegen Sie persönlich gehabt habe und immer ...«
»Du bist ein Schurke und bist ein falscher Verstand. Aber ich bin ganz dasselbe wie du und erschieße mich, du aber bleibst lebendig.«
»Sie wollen wohl sagen, daß ich so niedrig sei, daß ich am Leben bleiben will.«
Er war noch nicht ganz sicher, ob es vorteilhaft oder unvorteilhaft war, ein solches Gespräch jetzt weiterzuführen, und entschloß sich daher, sich »den Umständen anzupassen«. Doch der Ton der Überlegenheit und die unverhohlene Verachtung, die Kirilloff immer für ihn hatte, reizten und ärgerten ihn aus irgendeinem Grunde diesmal noch viel mehr, als sonst, -- vielleicht deshalb, weil Kirilloff, der schon in ungefähr einer Stunde sterben mußte (das behielt Pjotr Stepanowitsch trotz allem fest im Auge) für ihn bereits nur noch ein halber Mensch war, also jemand, dem man auf keine Weise mehr erlauben durfte, auch noch stolz und hochmütig zu sein.
»Sie wollen, wie's scheint, damit vor mir großtun, daß Sie sich erschießen werden?«
»Ich habe mich immer gewundert, daß alle leben bleiben,« sagte Kirilloff, der auch diese Bemerkung wieder überhörte.
»Hm! nehmen wir an, daß das eine Idee ist, aber ...«
»Du Affe, du stimmst zu, um mich zu besiegen. Schweig, du kannst nichts verstehen. Wenn es Gott nicht gibt, so bin ich Gott.«
»Sehen Sie, diesen Punkt habe ich bei Ihnen nie begreifen können: warum sind Sie dann Gott?«
»Wenn es Gott gibt, so ist aller Wille sein, und aus Seinem Willen kann ich nicht. Wenn nicht, so ist aller Wille mein und ich bin verpflichtet, Eigenwillen zu bezeugen.«
»Eigenwillen? Und warum verpflichtet?«
»Darum, weil aller Wille mein geworden ist. Wird denn wirklich kein einziger auf dem ganzen Planeten, nachdem er mit Gott ein Ende gemacht hat und nur an seinen Eigenwillen glaubt, es wagen, Eigenwillen zu beweisen, Eigenwillen gerade im Hauptpunkte? Das ist so, wie wenn ein Armer eine Erbschaft bekommt und erschrickt und nicht wagt, zum Geldsack zu gehen, weil er sich für nicht stark genug hält, zu besitzen. Ich will Eigenwillen beweisen. Und wenn auch nur ich, ein einzelner, aber ich tue es.«
»Tun Sie's nur!«
»Ich bin verpflichtet, mich zu erschießen, weil der vollste, höchste Punkt meines Eigenwillens ist -- mich selbst zu töten.«
»Aber Sie sind doch nicht der einzige, der sich selbst tötet; es gibt viele Selbstmörder.«
»Mit einer Ursache -- ja. Aber ganz ohne alle Ursache und nur für Eigenwillen -- ich allein.«
»Wird sich nicht erschießen,« zuckte es wieder durch Pjotr Stepanowitschs Gedanken.
»Wissen Sie was,« bemerkte er geärgert, »ich würde an Ihrer Stelle, um Eigenwillen zu offenbaren, erst irgendeinen anderen, aber nicht mich selbst, umbringen. Könnten sich damit noch nützlich machen. Ich werde Ihnen sagen wen, wenn Sie nicht erschrecken. Dann brauchen Sie sich meinetwegen heute auch noch nicht zu erschießen. Man könnte sich besprechen.«
»Einen anderen töten würde gleich der allerniedrigste Punkt meines Eigenwillens sein, und hierin bist du ganz enthalten. Ich bin nicht du: ich will den höchsten Punkt und töte mich.«
»Glücklich mit eigenem Verstande darauf verfallen,« brummte Pjotr Stepanowitsch boshaft.
»Ich bin verpflichtet, den Unglauben zu verkünden,« sprach Kirilloff weiter, durch das Zimmer schreitend. »Für mich ist nichts höher, als die Idee -- daß es Gott nicht gibt. Die ganze Geschichte der Menschheit spricht für mich. Der Mensch hat nichts anderes getan, als Gott sich ausdenken, um leben zu können, ohne sich totzuschlagen. Darin besteht die ganze Weltgeschichte bis auf den heutigen Tag. Ich allein in der ganzen Weltgeschichte habe zum erstenmal Gott mir nicht ausdenken wollen. Mag man das für immer erfahren.«
»Wird sich nicht erschießen,« dachte Pjotr Stepanowitsch wieder beunruhigt.
»Wer soll es denn erfahren?« versuchte er ihn zu hetzen. »Hier sind nur Sie und ich! Liputin etwa?«
»Alle sollen es erfahren; alle werden es erfahren ... Es gibt nichts in der Welt, was nicht einmal offenbar wird. Das hat _Er_ gesagt.«
Und er wies in fieberhaftem Entzücken auf das Bild des Heilandes, vor dem das Lämpchen brannte. Pjotr Stepanowitsch wurde endgültig wütend.
»An den also glauben Sie immer noch? Haben auch das Lämpchen angezündet! Tun Sie das vielleicht auch >auf alle Fälle<?«
Der andere schwieg.
»Wissen Sie, meiner Meinung nach glauben Sie womöglich noch mehr als ein Pope.«
»An wen? An _Ihn_? Höre,« Kirilloff blieb stehen und sah mit starrem, wie verzücktem Blick vor sich hin. »Höre eine große Idee: es war auf der Erde ein Tag und in der Mitte der Erde standen drei Kreuze. Einer am Kreuz glaubte so, daß er dem anderen sagte: >Wahrlich, ich sage dir, heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.< Der Tag verging, beide starben, gingen hin und fanden weder Paradies noch Auferstehung. Die Worte bewahrheiteten sich nicht. Höre: dieser Mensch war der höchste auf der ganzen Welt, war das, wozu sie lebt. Der ganze Planet, mit allem, was auf ihm ist, ist ohne diesen Menschen -- nur ein Wahnsinn. Es war weder vor Ihm, noch nach Ihm einer seinesgleichen, niemals, sogar bis zum Wunder. Das ist eben das Wunder, daß keiner vor ihm war noch nach ihm sein wird, niemals. Aber wenn dem so ist, wenn die Gesetze der Natur auch _Diesen_ nicht verschont haben, sogar ihr eigenes Wunder nicht verschont haben und auch _Ihn_ zwangen, mitten in Lüge zu leben und für Lüge zu sterben, so ist folglich der ganze Planet Lüge und beruht nur auf Lüge und dummem Spott. Folglich sind die Gesetze selbst des Planeten -- Lüge und des Teufels Bühnenstück. Wozu dann leben, antworte, wenn du ein Mensch bist?«
»Das ist die Kehrseite. Mir scheint, Sie haben hier zwei verschiedene Ursachen vermischt; das ist aber sehr unzuverlässig. Doch erlauben Sie, wenn Sie nun Gott sind? Wenn die Lüge zu Ende ist und Sie erraten haben, daß die ganze Lüge nur daher kam, daß es den früheren Gott gab?«