Sämtliche Werke 5-6

Part 51

Chapter 513,621 wordsPublic domain

Mit einem Wort, wenn ich es auch vielleicht nicht richtig wiedergebe oder es überhaupt nicht wiederzugeben verstehe, so war doch der Sinn des Geschwätzes gerade von dieser Art. Und dann: was ist das doch für eine schmähliche Sucht in unseren großen Geistern, Witze und Wortspiele im »höheren« und »literarischen« Sinne anzubringen! Der große europäische Philosoph, der große Gelehrte, Erfinder, der mühevoll Schaffende und Märtyrer, -- alle diese sich Mühenden und Beladenen sind für unser großes russisches Genie entschieden nur so eine Art Köche in seiner Küche. Er ist der Herr, sie aber erscheinen vor ihm mit der Zipfelmütze in der Hand und warten auf seine Befehle. Allerdings, er spöttelt hochmütig auch über Rußland, und überhaupt ist ihm nichts so angenehm, wie den Bankrott Rußlands in jeder Hinsicht vor den großen Geistern Europas wieder einmal festzustellen. Doch was ihn selbst betrifft, -- oh, mit Verlaub, er selbst hat sich über diese großen Geister Europas natürlich schon längst emporgeschwungen: für ihn sind sie bloß Material zu seinen Wortspielen. Er nimmt eine Idee, die nicht in seinem Kopfe entstanden ist, verknüpft sie mit ihrer Antithese und das Wortspiel ist fertig. Es gibt Verbrechen, es gibt kein Verbrechen; es gibt keine Wahrheit, also gibt es auch keine Gerechten; Atheismus, Darwinismus, Moskauer Glocken ... Doch wehe, er glaubt schon nicht mehr an Moskauer Glocken. Rom, Lorbeeren ... Doch er glaubt nicht einmal an Lorbeeren ... Hier ein obligatorischer Anfall von Byronschem Weltschmerz, dort eine Heinesche Grimasse, dann wiederum Anklänge an Petschorin[49], -- und so ging das fort und fort, wie eine in Schwung geratene Maschine ... »Übrigens, so lobt mich doch, lobt mich doch, denn das liebe ich über alle Maßen! Und ich sage ja nur so, daß ich die Feder für immer aus der Hand lege; nein, wartet nur und ihr werdet meiner noch dreihundertmal überdrüssig werden, werdet noch müde werden, mich zu lesen ...«

Natürlich konnte das kein gutes Ende nehmen; das Schlimme war aber, daß es damit nun überhaupt anfing. Schon lange hatte im Saale ein Räuspern, Hüsteln, Schnauben begonnen, ein Hin- und Herrücken auf den Stühlen und Husten, kurz, es gab alle die bekannten Lebenszeichen, die stets einzusetzen pflegen, wenn bei einer literarischen Veranstaltung der Vortragende, wer er auch sei -- ja selbst wenn er das größte Genie ist --, das Publikum länger als zwanzig Minuten in Anspruch nimmt. Doch der geniale Schriftsteller merkte nichts davon. Er fuhr fort zu lispeln und zu schnarren, ohne das Publikum überhaupt einer Beachtung zu würdigen, so daß schließlich eine allgemeine Verständnislosigkeit Platz griff. Und da nun geschah es, daß aus einer der hinteren Reihen plötzlich eine einsame, doch laute Stimme sich vernehmen ließ:

»Gott, was für ein Unsinn!«

Das war irgend jemandem wohl ganz unfreiwillig entschlüpft und gewiß -- davon bin ich überzeugt -- ohne jede Absicht einer Demonstration. Ein Mensch war einfach müde geworden. Doch Herr Karmasinoff brach sofort ab, blickte spöttisch aufs Publikum, und plötzlich fragte er mit derselben affektierten Aussprache und der Miene eines verletzten Kammerherrn:

»Mir scheint, meine Herrschaften, Sie sind des Zuhörens bereits gehörig überdrüssig?«

Gerade hiermit aber beging er einen unverzeihlichen Fehler: daß er überhaupt ein Gespräch anknüpfte. Denn mit dieser Frage forderte er doch eine Antwort heraus, gab er jedem beliebigen aus dem Gesindel der hinteren Reihen die Möglichkeit, ja das Recht, nun gleichfalls laut im Saale zu reden, während man anderenfalls, wenn diese Frage und Unterbrechung nicht erfolgt wäre, sich zwar noch weiter geschnaubt und geschnaubt, aber schließlich doch alles bis zum Ende angehört hätte ... Oder erwartete er vielleicht als Antwort auf seine Frage stürmischen Beifall? Der blieb jedoch vollständig aus; im Gegenteil: alle waren gleichsam erschrocken, zogen sich in sich selbst zurück und verhielten sich ganz still.

»Sie haben Ancus Marcius überhaupt nie gesehn, das sind lauter stilisierte Phrasen!« ertönte plötzlich eine gereizte, vor Verbissenheit schon überreizte Stimme.

»Natürlich nicht!« stimmte sofort eine andere Stimme bei. »Heutzutage gibt's keine Gespenster, es gibt nur noch Naturwissenschaften. Werden Sie mit diesen fertig!«

»Meine Herrschaften, nichts habe ich weniger erwartet, als solche Einwendungen,« sagte Karmasinoff, in der Tat maßlos verwundert. -- Dem großen Genie war in Karlsruhe das Vaterland völlig fremd geworden.

»In unserem Jahrhundert ist es eine Schande, solchen Schwindel vorzutragen! -- gleich dem von den drei Walfischen, auf denen die Welt ruhen soll!«[50] schmetterte plötzlich eine Jungfrau in den Saal. »Zudem haben Sie, Karmasinoff, überhaupt nicht in das Innere der Erde zu einem Asketen hinabsinken können. Und wer redet denn jetzt noch von Asketen?«

»Meine Herrschaften, am meisten wundert mich, daß das so ernst genommen wird. Übrigens ... übrigens ... Sie haben vollkommen recht. Niemand achtet die reale Wahrheit mehr als ich ...«

Er lächelte zwar ironisch, war aber merklich doch sehr betroffen. Der Ausdruck seines Gesichts sagte indessen geradezu wörtlich: »Ich bin doch nicht so einer, wie ihr glaubt, ich bin doch ganz eurer Meinung, nur lobt mich, lobt mich mehr, lobt mich soviel wie möglich; denn das liebe ich über alles ...«

»Meine Herrschaften,« rief er schließlich, aber nun schon durchaus verletzt, »ich sehe, daß mein armes Poemchen hier deplaziert war. Ja und auch ich selbst bin hier, wie mir scheint, deplaziert.«

»Er zielte auf eine Krähe, traf aber eine Kuh!« schrie nun bereits mit lautester Stimme irgendein Esel in den Saal, wahrscheinlich ein Angeheiterter, doch diesen Ausruf hätte man schon unter keinen Umständen beachten sollen.

»Ein wahres Wort!« Dazu respektloses Lachen.

»Eine Kuh, sagen Sie?« griff dagegen Karmasinoff das Sprichwort sofort auf. Seine Stimme wurde immer kreischender. »Bezüglich des Vergleichs mit Krähen und Kühen erlaube ich mir keine Äußerung, meine Herrschaften. Ich achte sogar _jedes_ Publikum doch allzusehr, um mir Vergleiche, und seien es auch ganz unschuldige, zu erlauben. Aber ich dachte ...«

»Ach, mein Herr, Sie sollten doch lieber nicht gar so ...,« fiel ihm jemand aus den letzten Reihen ins Wort.

»... aber ich dachte, daß ich, da ich nun meine Feder für immer aus der Hand lege und Abschied nehme von meinem Leser, wenigstens bis zum Ende angehört werden würde ...«

»Ja, aber ja, wir wollen Sie doch auch anhören, wir wollen doch ...« ertönten ein paar endlich mutig gewordene Stimmen aus der ersten Reihe.

»Lesen Sie, lesen Sie!« fielen mehrere begeisterte Damenstimmen ein und schließlich ertönte auch ein Applaus, freilich nur ein dünner, spärlicher.

Karmasinoff lächelte schief und erhob sich von seinem Platz.

»Glauben Sie mir, Karmasinoff, wir alle halten es sogar für eine Ehre,« konnte sich selbst die Adelsmarschallin nicht enthalten zu versichern.

»Herr Karmasinoff,« erklang plötzlich eine junge, frische Stimme aus der Tiefe des Saales. Es war die Stimme eines sehr jungen Lehrers aus der Kreisschule, eines stillen, anständigen und prächtigen Menschen, der noch nicht lange Zeit bei uns weilte. Er war jetzt sogar von seinem Platze aufgestanden. »Herr Karmasinoff, wenn ich das Glück gehabt hätte, so zu lieben, wie Sie es uns beschreiben, so hätte ich wirklich nicht davon in einem Aufsatz gesprochen, der zum öffentlichen Vorlesen bestimmt war ...«

Dabei errötete er über und über.

»Meine Herren,« rief Karmasinoff, »ich habe nichts mehr hinzuzufügen! Ich übergehe den Schluß und entferne mich. Erlauben Sie mir nur noch, die letzten Zeilen zum Abschied zu lesen!«

Und ohne sich hinzusetzen, begann er sogleich: »Ja, mein Freund und Zuhörer, lebe wohl! -- lebe wohl, mein Leser, ich bestehe nicht einmal darauf, daß wir als Freunde scheiden: In der Tat, wozu dich beunruhigen? Schilt, wenn du willst, schilt, wenn es dir Vergnügen macht! Aber mich deucht, es wäre besser, wir vergäßen uns für immer. Und wenn ihr alle, meine Zuhörer, plötzlich so gut wäret, mich auf den Knien und mit Tränen in den Augen zu bitten: >Schreibe noch, Karmasinoff, -- für uns, für das Vaterland, für die Nachwelt, für die Lorbeerkränze!< so würde ich euch sogar dann noch antworten, selbstredend mit allem Dank: >Nein, wir haben uns schon genug miteinander abgegeben, liebe Kompatrioten, _merci_! Es ist Zeit, daß wir uns trennen! _Merci, merci, merci!_<«

Karmasinoff verbeugte sich zeremoniell, -- und ganz rot im Gesicht, als hätte man ihn gekocht, begab er sich hinter die »Kulissen«.

»Niemand wird auf die Knie fallen, eitle Phantasie!« rief ihm eine Stimme nach.

»Was für eine Eigenliebe!«

»Aber das ist doch Humor,« glaubte jemand erklären zu müssen.

»Nein, verschonen Sie uns bitte mit solchem Humor.«

»Das war einfach eine Frechheit, meine Herren!«

»Na, wenigstens hat er endlich Schluß gemacht!«

»Das war aber eine Langeweile! -- daß Gott erbarm'!«

Aber alle diese unhöflichen Ausrufe der letzten Reihen wurden übertönt von dem Applaus des anderen Publikums. Man rief Karmasinoff hervor. Einige Damen, an der Spitze Julija Michailowna und die Adelsmarschallin, versammelten sich vor der Tribüne. In den Händen hielt Julija Michailowna ein weißes Samtkissen, auf dem ein Lorbeerkranz in einem zweiten Kranz von Rosen lag.

»Lorbeer!« rief Karmasinoff mit einem feinen und etwas boshaften Lächeln. »Ich bin natürlich gerührt und ich nehme diesen im voraus geflochtenen Kranz, der noch nicht verwelkt ist, mit aufrichtigem Danke an: aber ich versichere Sie, _Mesdames_,{[175]} ich bin plötzlich soweit Realist geworden, daß ich Lorbeeren heutzutage in den Händen eines Kochs besser aufgehoben fände, als in den meinigen ...«

»Ja, ein Koch ist auch nützlicher!« rief der Seminarist, der mit auf der »Sitzung« bei Wirginskis gewesen war.

Die Ordnung wurde gestört. In vielen Reihen stieg man auf die Stühle, um besser die Zeremonie der Überreichung des Lorbeerkranzes sehen zu können.

»Ich würde jetzt für einen Koch noch drei Rubel zuzahlen,« ertönte eine laute Stimme.

»Ich gleichfalls!«

»Ich auch!«

»Gibt es denn hier wirklich kein Büfett?«

»Meine Herren, das ist einfach ein Betrug ...«

Immerhin bewahrten die Ruhestörer noch einigen Respekt vor unseren Honoratioren und den anwesenden Polizeioffizieren. Ungefähr zehn Minuten nachher hatten sie sich denn auch alle wieder gesetzt. Aber die ursprüngliche Ordnung war doch nicht mehr vorhanden. Und in diesem Anfangsstadium eines drohenden Tumults mußte nun der arme Stepan Trophimowitsch auftreten ...

IV.

Ich hielt es nicht aus und eilte doch noch zu ihm hinter die Kulissen, um ihn anzuflehen, jetzt seinen ganzen Vortrag aufzugeben, ein Unwohlsein vorzuschützen und nach Hause zu fahren. Es sei nun alles schon verspielt und verloren, auch ich würde mein Festordnerband ablegen, meinen Ehrenposten aufgeben und mit ihm davongehen. Er war in diesem Augenblick gerade im Begriff, die Tribüne zu betreten: nun blieb er stehen, maß mich hochmütig vom Kopf bis zu den Füßen und fragte mit geradezu feierlichem Ernst:

»Wie kommen Sie dazu, mein Herr, von mir eine solche Schändlichkeit zu erwarten?«

Ich trat zurück, überzeugt, daß er ohne Katastrophe von dort nicht zurückkehren werde. In vollständiger Mutlosigkeit stand ich da, als plötzlich wieder die Figur des angereisten Professors vor mir auftauchte. Er ging immer noch auf und ab, in sich versunken und vor sich hinmurmelnd, aber ein triumphierendes Lächeln glitt hin und wieder über sein Gesicht, und von Zeit zu Zeit hob er immer noch die Faust, um sie dann wuchtig niedersausen zu lassen. Ich trat ganz unabsichtlich auf ihn zu.

»Wissen Sie,« sagte ich, »erfahrungsgemäß hört kein einziges Publikum länger als zwanzig Minuten jemandem zu. Selbst die größte Berühmtheit wird es keine halbe Stunde ...«

Er blieb stehen. Ein ungeheurer Hochmut lag auf seinem Gesicht.

»Seien Sie unbesorgt,« brummte er verächtlich und ging an mir vorüber.

In dieser Minute ertönte im Saale die Stimme Stepan Trophimowitschs.

»Ach, daß Euch der ...!« fluchte ich und eilte in den Saal.

Stepan Trophimowitsch hatte sich in den Stuhl gesetzt, noch bevor die Ordnung im Saale einigermaßen hergestellt war. Aus den ersten Reihen empfingen ihn nicht gerade wohlwollende Blicke. Im Klub hatte man in der letzten Zeit aufgehört, ihn besonders zu schätzen oder gar zu lieben. Aber immerhin war es schon viel, daß man ihn nicht einfach auszischte. Mich hatte die ganze Zeit die fixe Idee verfolgt, daß etwas Derartiges geschehen werde. Vermutlich bemerkte man ihn bei der allgemeinen Unordnung zunächst gar nicht. Doch was konnte er denn überhaupt erwarten, wenn man sogar mit Karmasinoff so verfahren war? Er war bleich; aus seiner Aufregung ersah ich, der ich ihn doch so gut kannte, daß er sein Erscheinen auf dieser Tribüne selber als eine Art Schicksalsfügung empfand. So stand er denn nach zehn Jahren wieder vor der Öffentlichkeit! Lieb und teuer war mir dieser Mensch. Und was fühlte ich nicht alles für ihn, als ich nun seine ersten Worte vernahm!

»Meine Damen und Herren!« stieß er hervor, wie zu allem entschlossen, und doch mit einer Stimme, die vor innerer Erregung gleichsam keinen Atem hatte. »Meine Damen und Herren! Noch heute morgen lag einer dieser verbotenen und gesetzwidrigen Aufrufe vor mir, und ich stellte mir wohl zum hundertsten Mal die Frage: >Worin besteht das Geheimnis ihrer Macht?<«

Der ganze Saal verstummte im Augenblick; alle Blicke wandten sich ihm zu. Kein Zweifel: wenigstens hatte er es verstanden, gleich mit den ersten Worten zu fesseln. Sogar hinter den Kulissen steckte man die Köpfe hervor: Liputin und Lämschin lauschten geradezu gierig. Julija Michailowna rief mich wieder mit einem Wink zu sich.

»Halten Sie ihn auf, was es auch koste, halten Sie ihn auf!« flüsterte sie mir erregt zu.

Ich zuckte nur mit der Achsel. Wie konnte man einen Menschen, der sich schon zu allem entschlossen hatte, noch aufhalten? Und ich verstand Stepan Trophimowitsch nur zu gut.

»Aha, von den Proklamationen!« flüsterte man im Publikum.

»Meine Damen und Herren, ich habe das ganze Geheimnis erraten. Das Geheimnis ihrer Macht und ihres Erfolges liegt in ihrer -- Dummheit!« (Seine Augen erglänzten.) »Ja, wäre das eine erklügelte Dummheit, eine Dummheit aus Berechnung -- oh, dann wäre sie genial! Aber man muß den Verfassern volle Gerechtigkeit widerfahren lassen: sie bringen sie nicht aus Berechnung, nein, sondern es ist einfach die allernaivste, die alleroffenherzigste, die allerbilligste Dummheit -- _c'est la bêtise dans son essence la plus pure, quelque chose comme un simple chimique_.{[176]} Wäre das alles ein wenig klüger ausgedrückt, so würde ein jeder die ganze Armseligkeit dieser billigen Dummheit einsehen. So dagegen bleiben alle in der Ungewißheit, denn keiner will es doch glauben, daß es wirklich so erstklassig dumm sei. >Es kann doch nicht sein, daß _nichts_ dahinter stecke<, sagt sich ein jeder, und man sucht nach dem geheimen Sinn, glaubt an ein Geheimnis und will zwischen den Zeilen lesen. Damit aber ist der Erfolg schon gesichert! Oh, noch nie hat die Dummheit eine so feierliche Belohnung erhalten, ungeachtet dessen, daß sie sie so oft verdient ... Denn, _en parenthèse_,{[177]} die Dummheit, wie das höchste Genie, sind innerhalb des Geschickes der Menschheit beide von gleichem Nutzen.«

»Sentenzen der vierziger Jahre!« hörte man eine übrigens recht bescheidene Stimme sagen.

Doch nun war es mit der Ruhe zu Ende: alles schrie und lärmte los.

»Meine Herren, Hurra! Ich schlage vor, einen Toast auf die Dummheit auszubringen!« rief Stepan Trophimowitsch, den ganzen Saal gleichsam herausfordernd.

Ich lief zu ihm, unter dem Vorwande, Wasser ins Glas zu gießen.

»Stepan Trophimowitsch, lassen Sie davon ab, Julija Michailowna bittet Sie inständig ...« flüsterte ich schnell.

»Nein, lassen _Sie_ von _mir_ ab, Sie müßiger junger Mann!« rief er mir mit lauter Stimme zu.

Ich zog mich zurück.

»_Messieurs!_« fuhr er fort, »wozu die Aufregung, warum dieses Geschrei des Unwillens, das ich höre? Ich bin ja mit dem Olivenzweig gekommen. Ich bringe das letzte Wort, denn in dieser Sache habe ich das letzte Wort -- und wir können uns versöhnen.«

»Fort mit ihm!« riefen die einen.

»Ruhig, laßt doch hören, laßt ihn zu Ende sprechen!« schrien die anderen.

Besonders regte sich der junge Lehrer auf, der, nachdem er einmal zu sprechen gewagt hatte, nun sich nicht mehr halten konnte.

»_Messieurs_, das letzte Wort in dieser Sache ist -- die gegenseitige Vergebung. Ich, ein alter Mann, ich erkläre feierlich, daß der Geist des Lebens noch ebenso stürmt wie früher und die lebendige Kraft auch in der jungen Generation nicht versiegt ist. Der Enthusiasmus unserer jetzigen Jugend ist noch ebenso rein und licht, wie er es zu meiner Zeit war. Es ist nur eines geschehen: man hat die Ziele geändert, die eine Schönheit ward durch die andere ersetzt! Das ganze Mißverständnis liegt nur darin, was ist schöner: Shakespeare oder ein Paar Stiefel, Rafael oder ein Petroleur?«

»Das ist eine Anklage!« brüllte man irgendwoher.

»Das sind kompromittierende Fragen!«

»_Agent-provocateur!_«{[178]}

»Ich aber erkläre,« rief Stepan Trophimowitsch wie rasend, »ich aber erkläre, daß Shakespeare und Rafael -- höher als die Aufhebung der Leibeigenschaft, höher als das Volk, höher als der Sozialismus, höher als die gesamte junge Generation, höher als die Chemie, höher fast als die ganze Menschheit stehen, und vielleicht die höchste Frucht sind, die es überhaupt geben kann! Die Form der Schönheit ist damit schon erreicht, die Prägung, ohne die ich vielleicht gar nicht einwilligen würde, zu leben ... O Gott!« er erhob die Arme, »vor zehn Jahren habe ich das in Petersburg genau so von einer Tribüne den Menschen zugerufen, mit denselben Worten, und ebensowenig haben sie mich damals verstanden, haben gelacht und gepfiffen wie jetzt ... O ihr kleinen, kleinen Menschen, was fehlt euch, daß ihr das nicht verstehen könnt? Ja, wißt ihr denn nicht, wißt ihr denn nicht, daß ohne den Engländer die Menschheit noch leben kann, auch ohne den Deutschen, ohne den russischen Menschen schon ohne weiteres, auch ohne die Wissenschaft, auch ohne Brot, nur ohne die Schönheit, nur ohne Schönheit kann sie nicht leben, denn da gäbe es überhaupt nichts mehr zu tun auf der Welt! Hier liegt das ganze Geheimnis, liegt die ganze Weltgeschichte! Selbst die Wissenschaft würde ohne die Schönheit nicht einen Augenblick bestehen -- wißt ihr das auch, ihr Lacher --, alles würde sich in Hamitentum verwandeln, nichts mehr würdet ihr erfinden, nicht einmal einen Nagel! ... Dabei bleibe ich!« und er schlug aus aller Kraft mit der Faust auf den Tisch.

Viele sprangen von ihren Plätzen, andere drängten sich näher zu der Tribüne. Alles das geschah schneller, als sich's beschreiben läßt, und erst recht schneller, als daß man Vorsichtsmaßregeln hätte treffen können -- wenn man überhaupt welche hätte treffen wollen!

»Ihr habt es gut, ihr Verwöhnten an euren vollen Tischen!« brüllte schon unmittelbar vor der Tribüne der Seminarist und fletschte Stepan Trophimowitsch höhnisch an.

Der bemerkte es und trat sofort bis an den äußersten Rand:

»Habe nicht ich, nicht ich soeben noch gesagt, daß der Enthusiasmus unserer jungen Generation ebenso rein und licht ist wie früher, und daß sie nur deshalb ins Verderben geht, weil sie sich in den Formen des Schönen täuscht? Ist euch das zu wenig? Und wenn ihr bedenkt, daß ein gebeugter und beleidigter Vater zu euch spricht, ist es dann, -- o ihr kleinen Menschen! ... Kann man denn überhaupt noch leidenschaftsloser und klarer schauend über den Ansichten stehen? Undankbare, ungerechte Menschen ... warum wollt ihr nicht Frieden schließen ...«

Und plötzlich brach er in hysterisches Schluchzen aus. Er wischte sich mit den Fingern die Tränen ab. Die Brust und die Schultern zitterten vor Schluchzen -- er vergaß alles um sich her.

Eine wirkliche Panik ergriff das Publikum, fast alle erhoben sich von ihren Plätzen. Auch Julija Michailowna erhob sich schnell und zog ihren Mann von seinem Stuhle in die Höhe.

»Stepan Trophimowitsch!« brüllte triumphierend der Seminarist. »Hier in der Stadt und in der Umgegend treibt sich jetzt ein entsprungener Zuchthäusler herum, Fedjka mit Namen. Er stiehlt überall und vor nicht langer Zeit hat er einen neuen Mord verübt. Gestatten Sie die Frage: wenn Sie ihn vor fünfzehn Jahren nicht zur Begleichung einer Kartenschuld als Rekruten verkauft hätten, wäre er dann auch nach Sibirien gekommen? Hätte er dann auch Menschen ermordet im Kampfe ums Dasein? Was sagen Sie dazu, Herr Ästhetiker?«

Ich verzichte darauf, die nun folgende Szene zu beschreiben. Zunächst ertönte ein rasender Applaus. Es applaudierten natürlich nicht alle, vielleicht nur der fünfte Teil des Saales, aber der applaudierte dafür auch wie wahnsinnig. Der Rest des Publikums strömte zum Ausgang, der applaudierende Teil dagegen zur Tribüne hin, und so entstand ein allgemeines Gewühl. Damen schrien auf. Junge Mädchen weinten und wollten nach Hause. Lembke stand noch immer an seinem Platz und sah drohend um sich. Julija Michailowna verlor zum erstenmal in ihrem Leben völlig den Kopf. Stepan Trophimowitsch schien von den Worten des Seminaristen zuerst völlig zerschmettert zu sein, doch plötzlich erhob er beide Hände und rief:

»Ich schüttle den Staub von meinen Füßen und verfluche ... Das ist das Ende ... das Ende ...«

Und sich umkehrend lief er, gestikulierend und noch mit den Händen drohend, hinter die Kulissen.

»Er hat die Gesellschaft beleidigt! ... Er schmäht uns! Werchowenski!« schrie man.

Und schon wollte man hinter ihm her stürzen, was in diesem Augenblick schwer zu verhindern gewesen wäre, -- aber siehe da! nun sollte noch die letzte Katastrophe wie eine Bombe in die Versammlung einschlagen! Der dritte Redner, jener Maniak, der hinter den Kulissen hin und her geschritten war und in einem fort die Faust hochgehoben hatte, erschien plötzlich auf der Tribüne.

Er hatte entschieden das Aussehen eines Verrückten. Mit breitem, triumphierendem Lächeln, voll unermeßlichen Selbstvertrauens übersah er die aufgeregte Menge, und es schien ihn nicht im geringsten zu verwirren, daß er vor solchem Publikum reden sollte, vielmehr schien er an der Unordnung sogar seine Freude zu haben, und zwar so augenscheinlich, daß gerade das die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn lenkte.

»Wer ist denn das?« hörte man fragen. »Was will denn der noch? Still! Pst! Was?«

»Meine Herren!« begann dieser Mensch, ganz am äußersten Rande der Tribüne stehend, schreiend laut und fast mit einer ebenso kreischend-weibischen Stimme, wie Karmasinoff sie hatte, nur lauter und ohne das aristokratische Lispeln.

»Meine Herren! Vor zwanzig Jahren, am Vorabend unseres Krieges mit dem halben Europa, war Rußland das Ideal aller Staats- und Geheimräte! Die Literatur stand im Dienst der Zensur! An den Universitäten lehrte man exerzieren! Das Heer wurde zum Ballett! Das Volk aber bezahlte stier und stumm Abgaben, schwieg und schmachtete unter der Knute der Leibeigenschaft! Patriotismus wurde zum Geschäft: man erpreßte von Lebenden und von Toten! Die nicht Schmiergelder nahmen, galten für revolutionär, denn sie störten die Harmonie! Die Birkenwälder wurden rasiert als Hilfe zur Aufrechterhaltung dieser Ordnung. Europa zitterte. Doch in Rußland hatte es in dem ganzen sinnlosen Jahrtausend seiner Existenz noch niemals elender ausgesehen! Rußland war nur noch eine einzige Schmach und weiter nichts!« Und mit einer wüsten Bewegung erhob er die Faust, schüttelte sie drohend über seinem Haupte und ließ sie dann ingrimmig niedersausen, als wollte er mit einem einzigen Schlage einen unsichtbaren Gegner zerschmettern.